Sag mir, dass es für immer ist

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
02.09.2018
09.10.2019
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Kapitel 1

Stinknormal und gewöhnlich.
So kannte mich jeder. Ich war weder interessant, noch hob ich mich auffällig von der Masse ab. Ich war eben, gewöhnlich. Das einzige an mir, was mir immer wieder ungewollte Aufmerksamkeit eingebracht hatte, war mein seltener Name.
Levente Fuchs.
Ich hatte bis jetzt noch nie erlebt, dass ihn jemand richtig aussprechen konnte ohne, dass diesem jemand gleich danach Gesundheit gewünscht wurde. Den Grund meines Namens kannte ich, was aber nicht gleich bedeutete, dass ich meinen Eltern das so leicht verzeiht hätte. Ich wurde leider schon viel zu oft Lavendel oder Laterne gerufen. Inwiefern sich Laterne für manche besser anhörte, als mein richtiger Name, ist mir aber immer noch schleierhaft. Ich bevorzugte es mit meinem Spitznamen Levi angesprochen zu werden. Er war kurz und einfacher zu merken. Perfekt, für manche Hohlköpfe.
Während ich so vor mich her träumte, reflektierte sich mein Spiegelbild durch das beschlagene Glas, des fahrenden Schulbusses, indem ich gerade saß. An mir war nichts interessantes. Meine dunkelblonden Haare waren an den Seiten etwas kürzer rasiert, als die Haare auf meinem Scheitel. Meine braunen Augen, die mich manchmal an das erschrockene Starren eines Rehs erinnerten, hinterließen bis jetzt noch bei niemandem Eindruck. Eine gerade Nase und kleine Lippen, ließen mich “normal“ aussehen und um das ganze Image abzurunden, trug ich meist ein einfaches Shirt, mit einer Weste und dunklen Jeans dazu.
Der Bus fuhr mich und die anderen Schüler, des Kaffs aus dem ich kam, für volle 50 Minuten in die nächste Kleinstadt, um dann von dort aus mit der Bahn zur Schule gelangen zu können, die ich selbst erst seit 2 Monaten besuchte. Eine kleine Privatschule, in der ich meine Fachhochschulreife absolvieren konnte und vielleicht auch neue Freunde fand.
Tatsächlich lief bis jetzt auch alles gut für mich, zu gut. Es war seltsam wie schnell ich mich mit meinen Mitschülern angefreundet hatte. Keiner machte sich über mich oder meinen Namen lustig und dort war niemand, den ich von damals kannte..., außer einer Person.
Jacoby Harsen. Der schwarzhaarige Junge, der mit seinen 17 Jahren ein Jahr älter war als ich, musste mir auch unbedingt aus unserer alten Schule, in diese folgen. Das schlimmste an der Geschichte war, dass er auch noch aus dem gleichen Kaff kam wie ich.
Und dieser verdammte Kuss.
Eigentlich sind wir uns damals immer aus dem Weg gegangen, da wir in unterschiedlichen Klassen waren, doch wir lernten uns auf einer Abschlussfeier, in den Sommerferien für unseren Jahrgang, unter starkem Alkoholeinfluss erst richtig kennen. Doch dieser Ausrutscher. Wenn ich nur gewusst hätte, dass ich unter einem starken Alkoholpegel ein Kussenthusiast werden würde, hätte ich die Finger davon gelassen. Doch wer konnte so etwas ahnen?
Mein Herz fing an schneller zu schlagen, als der Bus an der Haltestelle anhielt, an der er immer stand und das Öffnen der Bustür brachte es zum sofortigen Stillstand. Und da war er.
Wie immer ging er stillschweigend auf den Sitz hinter dem Busfahrer und steckte sich seine Kopfhörer in die Ohren. Ich machte mir wahrscheinlich zu viele Gedanken. Er hatte es bestimmt vergessen, sonst hätte er mich darauf schon längst angesprochen. Ich starrte weiter Gedankenverloren durch die Scheibe und beobachtete die vorbei ziehenden Bäume und Autos. Es war noch relativ dunkel an diesem Herbstmorgen und die Luft im Bus kühlte sehr schnell ab. Bei der nächsten Station musste ich auch schon aussteigen, weswegen ich nach meinem Rucksack griff, den ich auf den freien Platz neben mir abgelegt hatte und auf den roten Halteknopf des Busses drückte.
Plötzlich lief es mir eiskalt den Rücken hinunter, als ich bemerkte, dass Jacoby mich von seinem Platz aus beobachtete. Der Bus war so gut wie leer, weswegen es ziemlich gruselig war. Sein Kinn ruhte auf seiner Faust, die er durch seinen Ellenbogen an der Lehne seines Sitzes abstützte. Seine grauen Augen, die mich immer an einen nicht durchschaubaren Nebel erinnerten, starrten mich direkt an. Unsicher formte ich meine Augen zu Schlitzen und stierte ihm direkt entgegen. Doch er tat es mir genau gleich.
Für einen Moment dachte ich, dass mich der Schlag traf, als er von seinem Sitz aufstand und in meine Richtung lief. Verdammt, hatte er sich doch an mich erinnert und an diesen Ausrutscher auf der Party? Ich war aufgeflogen. Er würde es jedem in der Schule erzählen und ich hätte die schlimmsten zwei Jahre meines Lebens vor mir. Es lief ja auch zu gut, für meine Verhältnisse. Grinsend setzte er sich auf den freien Platz neben mir und musterte mich dabei. „Levi, richtig?“, Fuck.
Ohne mir etwas anmerken zu lassen, nickte ich ihm zögernd zu. „Wir gehen doch in die gleiche Klasse?“, er starte mich immer noch mit seinen hübschen grauen Augen an und erneut nickte ich einfach nur auf seine Antwort. „Ich weiß eigentlich geht es mich ja nichts an, aber ich glaub...“, Jacoby zögerte und versteckte sein aufkommendes Lachen hinter seiner Hand.
Lachte er mich gerade aus? Was war so lustig an mir? Hab ich irgendwas verpasst? Verwirrt auf seine Reaktion, sah ich ihm ernst entgegen. „Sorry Levi, aber ich glaub du hast noch deine Schlafhose an.“
Was...?!
Peinlich berührt blickte ich an mir herab. Tatsächlich, ich trage noch meine hellblaue Pyjama Hose. Während der schwarzhaarige mich immer noch kichernd angrinste, vergrub ich meinen Kopf in die Hände und sackte dabei in mich zusammen. „Ohh Gott, ist mir das peinlich“, flüsterte ich während ich aus Scham leicht rot um die Nase wurde. Eigentlich wollte ich auf der Stelle aussteigen, doch dafür war es schon um 10 Haltestellen zu spät. „Ich würde sagen, ist doch ein gutes Gesprächsthema sich endlich mal kennenzulernen“, lachend legte er seine Hand auf meine Schulter und ich hätte unter seiner Berührung sterben können. Dazu, was meinte er mit kennenlernen? Bedeutete das, dass er sich gar nicht mehr an mich erinnern konnte? Hieß das etwa, dass er diesen peinlichen Kuss zwischen uns vergessen hatte? Eigentlich sollte es mich ja freuen, aber es schmerzte eher, dass er diesen lustigen Abend anscheinend vergessen hatte. Warum nur löste dieser Junge in mir das größte Gefühlschaos aus? Ich konnte noch nicht einmal entscheiden, ob es sich gut oder schlecht anfühlte.
Hoffnungsvoll beobachte er mich immer noch und mir wurde wieder ganz unwohl. Mein Gott Levente sag doch irgendwas: „Ja ... ha ha..“
Ha ha? Was gab es da zu Lachen Levi, das war der Grund weshalb ich es grundsätzlich vermied, mich mit Leuten zu unterhalten. Ich bin so peinlich.
Doch Jacoby schien meine Unsicherheit gar nicht aufzufallen, oder er tat zumindest so als ob er davon nichts mitbekäme. Er lächelte mir immer noch sehr freundlich entgegen und ich hätte mich direkt darin verloren, wenn ich meinen Kopf nicht komplett bedeppert zum Fenster gedreht hätte. Was war den auf einmal los mit mir?
„Ich meine, wir wohnen ja in der gleichen Stadt und waren sogar auf der gleichen Schule. Haben aber nie miteinander geredet“, seine großen, grauen Augen fixierten meine und brachten mein Herz fast zum durchdrehen.
Mir fiel erst auf wie nah er mir eigentlich war, als ich den süßen Geruch seines Shampoos in der Nase hatte und das, obwohl er seine wuscheligen Schwarzen Haare, mit den gefärbten blauen Spitzen, unter einer schwarzen Beaniemütze versteckt hatte. Er trug einen Piercing an der rechten Seite seiner Unterlippe und hatte dazu noch unzählige an seinen Ohren. Eine kleine Narbe über seiner linken Augenbraue, ließ ihn bestimmt interessant für das andere Geschlecht wirken. Ein paar Barthaare über seinen vollen Lippen, die unregelmäßig wuchsen und die Stupsnase machten ihn, in meinen Augen, perfekt. Dazu kannte ich kein schöneres Lächeln.
Ich schüttelte erschrocken meinen Kopf. Was dachte ich da eigentlich?
„Nicht so gesprächig was?“, Jacoby drehte seinen Kopf enttäuscht nach vorne, er musste wohl gedacht haben, dass ich mit dem Kopfschütteln ihn gemeint hatte. „Entschuldigung, wenn ich ganz ehrlich sein darf, war ich die letzten Jahre immer ziemlich froh, dass du eigentlich nichts mit mir zu tun haben wolltest...“, hatte ich ihm gerade wirklich gestanden, dass ich ihn damals nicht leiden konnte?
Es wurde unangenehm still zwischen uns. Er strich sich beschämt über den Nacken und sah mich wieder mit seinen großen Welpenaugen an: „Ja ich weiß, dass ich damals nicht der Beliebteste war, aber neue Schule neuer Anfang.“
Nicht der Beliebteste? Er hatte sich damals fast mit jedem geprügelt und Außenseiter gemobbt. Nur mich hatte er immer in Ruhe gelassen. Tatsächlich war er im Moment selbst der Außenseiter in unserer Klasse. „Ehm... ich wollte dich jetzt nicht beleidigen... ich wollte dir nur sagen, wie merkwürdig sich das gerade anfühlt, also mit dir zu reden“, versuchte ich ihm verständlich zu erklären, während ich dabei schüchtern auf meine Hände schaute. Es schien sogar zu funktionieren, er lächelte mich zumindest wieder an.
Keine Minute später stand er überraschend auf und sah mich dabei auffordernd an. Hatte ich was verpasst? Verwirrt beobachtete ich ihn, wie er sich zu mir drehte und auf eine Reaktion wartete. „Wir müssen hier raus, Levi. Oder willst du wieder zurück fahren?“
Auf einmal erhellte die kleine Glühbirne in meinem Kopf den kompletten Bus. Wir waren ja auf dem Weg zur Schule. Ich musste ihm doch so verwirrt vorkommen. Nickend stand ich auf, nur um dann wieder schockiert feststellen zu müssen, dass ich meine Jeans ja vergessen hatte. Entgeistert knallte ich mit meiner Stirn gegen die Haltestange im Bus und musste dabei so einen genervten Laut von mir gegeben haben, dass Jacoby deswegen wieder anfing erneut über mich zu Lachen.

Die Fahrt in der Straßenbahn verlief weniger sozialpeinlich und wir hatten uns tatsächlich etwas unterhalten können. Naja, er hatte die meiste Zeit geredet, während ich ihm nur zugehört und zugenickt hatte. Ich hätte schwören können, dass seine Augen funkelten während er sich so mit mir unterhielt. Ich wusste nicht was mit mir los war. Auf eine Art und weiße wusste ich ganz genau, dass ich nicht auf Jungen stehe, oder? Eins stand fest, ich fand ihn doch sehr interessant. Im Gegenteil zu mir. Ich war wahrscheinlich der langweiligste Mensch mit dem er sich jemals unterhalten hatte, ich meine eigentlich sagte ich ja gar nichts.
„Wie findest du unsere Klassenkameraden eigentlich, bin schlecht im einschätzen“, Jacobys Frage holte mich wieder zurück aus meinen Gedanken und zwang mich doch noch etwas zu antworten. „Ich finde sie eigentlich ziemlich nett, bis jetzt verstehe ich mich gut mit ihnen. Wieso stellst du dich in der Pause nicht mal zu uns?“, zu meiner Verwunderung hatte Jacoby sich bis jetzt immer selbst ausgegrenzt und zu wissen wie er früher war, wirbelte einige Fragen auf. Er verbrachte seine Pausen immer damit entweder alleine zu Rauchen, zu Lesen oder auf den Bänken zu Schlafen. Bis jetzt hatte sich auch niemand getraut, ihn mal anzusprechen oder kennenzulernen.
„Hmm, mal schauen. Das Alleinsein macht mir im Moment nichts aus. Awkward ich weiß“, Jacobys Strahlen wurde zu einem betrübten Starren auf seine Hände. Leider wusste ich gerade ganz genau was er fühlte, aber trotzdem war es seltsam diesen Gesichtsausdruck bei dem ehemaligen “Schulschläger“ zu sehen.
Die nächste Haltestelle wurde durch die Lautsprecher der Bahn bekannt gegeben und bedeutete für uns Endstation. Da wir beide nur die eine Busmöglichkeit in unserer Stadt hatten, um pünktlich in der Schule anzukommen, waren wir immer schon sehr früh da. Er fuhr nämlich schon ziemlich früh los. Für mich war das auch der Grund, dass ich an diesem Freitagmorgen mit meiner Pyjamahose aus dem Haus gegangen bin. Ich hatte verschlafen und konnte nicht riskieren den Bus zu verpassen, der jede Stunde nur einmal fuhr. Oh Mann, war mir das immer noch peinlich.
Zu meinem Glück war so früh noch niemand da, außer ein paar Lehrern, die aber selbst noch im Lehrerzimmer saßen. „Okay das bedeutet für mich dann wohl, dass ich die Pausen im Klassenzimmer verbringen werde. So wird es wohl niemandem auffallen“, mit einem Witz versuchte ich mich selbst etwas abzulenken. Vielleicht würden meine Mitschülern noch nicht einmal etwas bemerken und ich machte mir zu viele Sorgen.
Jacoby und ich standen zusammen an den Spinden, da unser Klassenzimmer noch abgeschlossen war. Er selbst wühlte in seinem herum, während ich versuchte so zu tun, als hätte ich wichtige Sachen auf meinem Handy zu lesen. Unerwartet wurde ich dabei jedoch unterbrochen, als er mir eine zusammengefaltete Jeans in die Arme warf. Etwas irritiert darüber hob ich meinen Kopf ein Stück an, um sein breites grinsen zu begutachten und sah wieder auf die Hose in meiner Hand. „Warum... ich mein wieso... was?“, leider bekam ich nur ein Stottern zu Stande, da ich nicht wirklich wusste, was ich sagen sollte. „Du möchtest wahrscheinlich wissen warum ich eine Jeans in meinem Schulspind habe?“, Jacoby strich sich verlegen seine Haare von der Stirn und versuchte dabei meinen vorurteilsvollen Blicken auszuweichen. Eigentlich wollte ich der Frage “warum“ entgehen und gleich zu “what the fuck“ kommen: „Möchte ich es denn wirklich wissen?“
Lachend klopfte mir Jacoby auf die Schulter und nahm sich wieder die Jeans aus meinen Händen. Er entfaltete sie und hielt sie vor mich hin. Konzentriert verglich er gerade seine Hose und meine Taille, ich wusste nicht wie mir danach war, aber ich hielt lieber die Klappe. „Mir sind früher durch die Schlägereien oft die Jeans gerissen und irgendwie habe ich mir angewöhnt immer Ersatz in der Schule zu haben“, seine Erklärung klang doch logischer als ich Anfangs vermutet hatte und er bot sie mir ein zweites mal an. „Keine Sorge, sind sauber und sollten dir passen“, hatte ich ihn die ganzen Jahre doch immer falsch eingeschätzt, oder hatte er sich einfach verändert? Egal was es war, ich war ihm dafür gerade ziemlich dankbar: „Danke, jetzt muss ich doch nicht so aussehen, als ob ich jede zweite Minute versuchen würde, mich wieder gleich Schlafen zu legen.“ Sein kurzes flüchtiges Lachen gab mir eine Gänsehaut und ließ mich wegen meinem schlechten Witz nicht so doof aussehen.
Ich verschwand kurz danach auf der Jungentoilette und zog mich sofort um. Zu meiner Überraschung passte sie mir fast wie angegossen, nur der Stil war gewöhnungsbedürftig. Jacoby war, was seinen Modestil anging, immer sehr bunt und ungezwungen angezogen. Wenn etwas nicht passte, wurde es passend gemacht. Bandshirts oder lässige Pullovers unter einer Jeans - oder Bomberjacke, seine Handgelenke waren voller verschiedener Armbänder, gar nicht mehr zu erkennen und er trug immer zerrissene Jeans mit durchlöchernden schwarzen Chucks.
Ich sah mit den zerrissenen Jeans, die er mir gegeben hatte, echt gewöhnungsbedürftig aus. So sehr, dass selbst Jacoby Augen machte, als er mich wieder sah. „Ja ich weiß nicht ganz dein Stil, aber ich dachte, besser wie Schlafanzughosen in der Schule zu tragen. Ach ja, du kannst sie mir zurück geben wann du willst. Wohnen ja nur 10 Minuten voneinander entfernt, mach dir keinen Stress“, so oft wie heute hatte ich ihn noch nie lächeln sehen. Lag es an mir? Nein bestimmt nicht, er war wahrscheinlich einfach nur gut gelaunt. Wie falsch ich dabei lag erkannte ich dann erst, als unsere Mitschüler und zum Schluss, der Lehrer den Raum betraten. Sein hübsches Lächeln verschwand leider wieder unter dem alten Jacoby, der gelangweilt in seinen Block kritzelte. Er saß alleine in der hintersten Ecke des Raumes und vermied es, wie jeden Tag, sich mit den anderen zu unterhalten. Selbst in den Pausen war er nirgends zu sehen und isolierte sich wieder komplett von unseren Klassenkameraden und mir.
So war ich früher. Ich habe halt lieber jede Pause für mich alleine verbracht und gezeichnet. Ich vermied jeden, der auf mich zukommen wollte. Ich war ein Außenseiter in der Schule, was aber nicht bedeutete, dass ich keine Freunde hatte. Die gingen nur einfach nicht mehr auf meine Schule. Hier wollte ich es von Anfang an vermeiden, als Außenseiter abgestempelt zu werden, weswegen ich mich schon fast dazu zwang mit meinen Mitschülern zu reden.
Benjamin und Annika waren die zwei glücklichen, die mich ertrugen mussten. Es machte ihnen zu meiner Überraschung aber nichts aus, ganz im Gegenteil sogar, ich verstand mich sehr gut mit ihnen. „Habt ihr die Mathehausaufgaben gemacht? Ich raff nichts von dem Scheiß“, Augen verdrehend stupste Annika uns an und versank augenblicklich in sich zusammen, als sie in der Pause zu uns stieß. „Meine Fresse Annika wie hast du bitte deinen Realschulabschluss bekommen, wenn du noch nicht einmal einfache Bruchaufgaben ausrechnen kannst?“, Benjamin sah sie erstaunt an und verschränkte dabei seine Arme ineinander. „Beni könntest du's bitte lassen, so zu tun als wärste der hellste. Ich wette mit dir, unser Levi hier hat's auch nicht gerallt“, sie zeigte dabei siegessicher auf mich und wusste dabei noch nicht, dass sie sich damit ins eigene Fleisch geschnitten hatte. „Eigentlich Annika, kann ich Bruchrechnen“, ich hoffte gerade, sie nicht zu sehr im Stich gelassen zu haben. Doch sie starrte nur mit großen Augen erschrocken an mir vorbei und wurde plötzlich komplett stumm. Auch Benjamin sah so verwirrt hinter mich, dass ich neugierig ihren Blicken folgte.
Jacoby stand schüchtern hinter mir, mit seinen Händen in den Jackentaschen und gab mir dabei ein flüchtiges Winken. Wow er hatte tatsächlich auf meinen Rat gehört. Ich winkte ihn zu uns und machte ihm in unserem kleinen Kreis Platz. Annika und Benjamin gaben mir dabei einen ziemlichen irritierten Gesichtsausdruck. Zu meinem Glück musste ich den beiden nichts erklären, da Jacoby das Reden gleich übernahm: „Wollte euch nicht nerven, dachte mir nur ich nehm' die Einladung von Levi an und stell mich zu euch.“ Meine beiden Mitschüler sahen sich erstaunt an und musterten den Schwarzhaarigen. „Ehm.. ne du nervst uns nich', es is' nur seltsam, dass du mit uns redest“, Annika zu zusehen, wie sie versuchte sich nervös bei ihm zu erklären, sah ziemlich lustig aus. Sie blickte mich hilfesuchend an, doch was sollte ich den sagen? „Du kannst in den Pausen gerne bei uns stehen bleiben, ist was Annika dir damit sagen wollte“, Benjamin nahm die kleine brünette verstärkend in den Arm und grinste Jacoby dabei zuversichtlich an. Es war schön zu sehen, dass Jacoby doch noch auf mich gehört hatte und sich gut mit den beiden verstand. Sein Lächeln von heute morgen war wieder zurück und erwärmte mein Herz, das bei jedem Wort, das er sagte, Freudensprünge machte.
„Levi hat uns erzählt, dass du auf seiner alten Schule der Schulschläger warst. Hast dich oft geprügelt was?“ Oh mein Gott, lass das hier bitte gerade nicht passiert sein. Benjamin konnte einfach nichts für sich behalten, musste er ihm wirklich stecken, dass ich das gesagt hatte. Verlegen versuchte ich mein Gesicht hinter meiner Hand verschwinden zu lassen, während ich Beni einen ordentlichen Tritt gegen das Schienbein verpasste. „Das hat Levi erzählt?“, Jacoby klang überrascht und gleichzeitig ziemlich enttäuscht über mich. Scheiße.
Benjamin hob sich schmerzerfüllt das Bein fest, während Annika ihn laut auslachte. Das hatte er jetzt verdient. „Ja ich war nicht der Netteste damals, hab mich aber nie mit Absicht mit den anderen geschlagen, es war eher so was wie, Notwehr.“ Wie bitte? Hatte er Notwehr gesagt? Klar deswegen haben wir uns auch immer alle von ihm fern gehalten. Also wenn er sich verändern wollte, sollte er das Lügen in den Griff bekommen.
Nachdem wir bemerkten, dass die Pause zu Ende war, entschieden wir uns den letzten beiden Stunden entgegen zu treten. Nachdem sich jeder auf seinen Platz gesessen hatte, fiel uns auf dass neben mir ja eigentlich noch ein Stuhl frei war. Jacoby saß wieder alleine in den letzten Reihen und wir wollten in eigentlich fragen ob er sich zu mir setzen wollte, doch er verneinte mit einem einfachen Kopfschütteln.
Seltsam. Wollte er lieber alleine Sitzen oder war er doch sauer auf mich? Ich konnte es schwer beurteilen, weil er mir trotzdem noch einen sanftes Lächeln gab, bevor er sich seinem Block zuwandte.
Der Unterricht war eher unauffällig und verlief relativ normal. Da wir in einer medienorientierten Schule waren, hatten wir natürlich auch fachspezifische Fächer, wie Mediengestaltung. Eines meiner Lieblingsfächer, da wir die meiste Zeit Gruppenarbeiten am Computer bearbeiteten. Da wir es heute jedoch nur für eine Stunde hatten, gab uns unser Lehrer lieber eine Gruppenaufgabe auf, die wir dann zusammen über das Wochenende bearbeiten sollten. Na klasse für mich würde das bedeuten, dass ich am Wochenende zu meinen Gruppenmitgliedern fahren durfte, um dort dann ein Projekt zu bearbeiten für das wir eigentlich nur eine halbe Stunde gebraucht hätten. Da ich aber alleine schon zwei Stunden für den Hin – und Heimweg brauchte, war es das nicht wert. Eigentlich hatte ich den langen Weg zur Schule nie als Problem angesehen, doch wenn es um Gruppenarbeiten ginge, war ich Derjenige der die Arschkarte gezogen hatte. Da natürlich keiner meiner Mitschüler den weiten Weg in das Kaff, in dem ich wohnte, angetreten hätte.
Natürlich hatte ich die Möglichkeit komplett übersehen, mit dem Mitschüler eine Gruppe zu bilden der nach jedem Schultag den selben Weg antritt wie ich. Unsere Lehrer war uns bei der Sache jedoch schon voraus, er teilte dieses Mal die Gruppen auf. Dabei berücksichtigte er tatsächlich unsere verschiedenen Wohnlagen und steckte mich mit Jacoby in eine Gruppe. Die einzige Zweiergruppe. Mir war das natürlich nur recht, ich hatte keine Lust den weiten Weg für eine Gruppenarbeit zu unternehmen. Selbst Jacoby schien nichts dagegen gehabt zu haben.
Jede Gruppe bekam ihr persönliches Thema durch ein Handout des Lehrers zugeteilt und setzte sich zusammen, um die letzten Minuten noch planen zu können. Ob er jetzt wollte oder nicht, Jacoby musste sich zu seinem Gruppenpartner setzten und der, war nun mal ich. Ich beobachtete ihn, während er aus der hintersten Ecke des Klassenzimmers auf mich zugelaufen kam und sich auf den freien Platz neben mich setzte.
Unser Thema war mehr als seltsam, wir sollten ein Plakat entwerfen mit dem großen Thema “Die freien Gedanken“. Herr Schranke, unser Lehrer, hatte einen leichten Knacks in der Schüssel, was es uns als Schüler schwer machte seinen Gedankengängen folgen zu können. Nicht falsch verstehen, er war einer der nettesten Lehrer die ich kannte und entließ uns immer früher aus dem Unterricht, aber er kam von einer Sekunde auf die andere, von Arschbacken auf Kuchen backen. Ich meinte was sollten wir denn bitte mit dem Thema anfangen? Wo sollten wir anfangen?
Voller Verzweiflung ließ ich meinen Kopf auf den Schultisch fallen und hörte sofort ein lautes Kichern neben mir. Langsam drehte ich meinen Kopf, um den lachenden Jacoby zu beobachten, der mich dabei amüsiert ansah. „Es ist erstaunlich du redest nicht viel, doch kann man dir jedes Empfinden gleich ansehen“, nachdem er mit dem Lachen fertig war, tat er es mir gleich und legte seinen Kopf so auf den Schultisch, dass er mich dabei noch ansehen konnte. Was meinte er damit?
Unsere Nasenspitzen waren nicht weit voneinander entfernt und ich bekam wieder dieses Magenstechen von seinen durchdringenden Augen, die mir direkt in meine starrten. Er strich sich die Strähnen von der Stirn die ihm über den Augen lagen und lächelte mich wieder an: „Was flüstert der Tisch dir tolles zu?“ Eigentlich hätte ich nach so einem Satz denken müssen, dass er echt durchgeknallt wäre, aber tatsächlich wünschte ich mir in diesem Moment, dass der Tisch mir helfen konnte zu verstehen wieso ich mich jedes Mal wieder in seinem Blick verlor. „Mach dir keinen Kopf ich hab schon eine Idee, am besten treffen wir uns heute noch nach der Schule, ja?“ Na das klang doch schon mal sehr gut, wenigstens hatte einer von uns eine Idee. Ich nickte ihm beruhigt zu und setzte mich dabei wieder aufrecht hin. Er blieb noch so die restliche Stunde liegen und schloss seine Augen.

Die Klingel beendete die Stunde und leitete die nächste ein. Ethik, nicht gerade mein Lieblingsfach, aber das würde ich jetzt auch noch durchstehen. Jacoby entschied sich doch auf dem Platz neben mir sitzen zu bleiben und nahm seine Schulsachen zu sich. Die Stunde hatte eigentlich sehr gut angefangen, wir hatten einen Text gelesen, über das moralische Verhalten eines Mannes, der seiner Frau teure Medikamente gestohlen hatte, um ihr damit helfen zu können. Richtig eskaliert ist es erst dann, als wir irgendwie auf das Thema Partner und gleichgeschlechtliche Ehe kamen. Jason, einer unserer Klassenkameraden, wurde von unserem Lehrer nach langem Melden und Gezappel endlich dran genommen: „Also ich finde ja, dass alle Homos und so, nicht normal sind und somit auch nicht das Recht haben zu heiraten.“ Oh man, das war wirklich einer von diesen Schülern bei dem man wirklich nicht wusste, wie er die Realschule bestanden hatte.
Hatte er das wirklich gesagt? Natürlich ließ unser Ethik Lehrer so eine bescheuerte Antwort nicht einfach stehen und erwartete eine gute Begründung, ich erwartete natürlich nur Müll. „Ja also, ist doch ganz logisch“, er machte eine kurze Pause, um wahrscheinlich zuerst die Reaktion des Lehrers sehen zu können. Eigentlich interessierte mich der Unterricht nicht so wirklich, aber auf die “logische“ Begründung war ich ja mal gespannt. „Da wir Menschen uns ja fortpflanzen müssen, geht das ja als Homo nicht so wirklich. Wenn es nur solche geben würde, dann würde die Erde aussterben“, siegessicher lachte er mit den Schülern, die nacheifernd um ihn herum saßen.
Ich glaubte, mich jede Sekunde übergeben zu müssen. Zu meinem Erstaunen war ich nicht der einzige, der das ziemlich geschmacklos fand, denn nachdem unser Lehrer nach Einwänden gefragt hatte, meldete sich der Schwarzhaarige neben mir. „Also ich glaube ja deine Mama hat dich als Baby zu oft auf den Kopf fallen gelassen“, Jacoby gab ihm genervt kontra, was zwar nicht produktiv war, aber jeden anderen in der Klasse, einschließlich mich, zum Lachen brachte. Natürlich gefiel das Jason kein bisschen und konnte so etwas auch nicht auf sich sitzen lassen: „Das ist kein guter Einwand, hast'e nichts besseres zu tun als andere dumm anzumachen?“ Jacobys Blick änderte sich schlagartig und er sah auf einmal ziemlich überrascht aus: „Ach so, ich dachte wir dürfen jetzt alle mit dummen Argumenten um uns schmeißen? In dem Fall, nehme ich das zurück und würde gerne wissen, ob du als Kind zu heiß gebadet wurdest?“ Scheiße ich wusste nicht warum, aber ich musste so laut lachen, dass ich mir automatisch die Hand vor den Mund halten musste.
Zum Glück war ich nicht der einzige, der sich darüber amüsierte. „Was ist dein scheiß Problem? Der Außenseiter, der bis jetzt mit niemandem geredet hat, muss sich jetzt das Maul zerreißen?“, ich glaubte, dass Jason jede Minute der Hutkragen platze, so wie er aussah, doch Jacoby war immer noch unbeeindruckt. „Mich nervt es nur, dass Menschen wie du die dümmsten Argumente zu ihren Theorien geben. Ich mein “wenn es nur solche geben würde stirbt die Erde aus“, wie alt bist du neun?“, also in diesem Punkt musste ich Jacoby zustimmen, so etwas zu sagen ist das Idiotischste was ich seit langen gehört hatte. Ich fand nur seine Wortwahl eher lustig, als richtig auf den Punkt gebracht.
Die Diskussion ging so lange weiter, bis sie sich gegenseitig fast an die Gurgel gesprungen wären und der Lehrer endlich mal dazwischen ging. Ich wusste nicht wieso aber Jacoby so wütend zu sehen, machte mich genauso wütend und ich hätte am liebsten die ganze Klasse zusammen geschrien. Doch im Gegensatz zu ihm, wusste ich wann es am besten war einfach den Mund zu halten.
Das Leuten der Klingel, entließ uns endlich unserer restlichen Freizeit. Da Annika immer abgeholt wurde, standen wir für eine gewisse Zeit mit ihr vor der Schule. Das war okay, da wir zu dritt immer auf die besten Gesprächsthemen kamen.
Irgendwann fiel mir auf, dass nicht weit vor uns auch Jacoby auf jemanden wartete. Er rauchte gemütlich seine Zigarette, während er Musik hörte, seine eine Hand in der Jackentasche und gegen eine Wand gelehnt. Ich bekam meinen Blick nur schwer von dem Schwarzhaarigen wieder los. Bewunderte ich ihn auch einfach nur? Ich konnte seit zwei Monaten an nichts anderes mehr denken, als an diesen verdammten Kuss. Alles drehte sich nur noch darum. Auf der einen Seite war ich ziemlich froh, dass er mich nie darauf angesprochen hatte, aber innerlich schmerzte es doch ganz schön, dass er ihn vergessen hatte. Das er diesen Abend mit mir vergessen hatte.
Ich wurde schnell wieder aus meinen Gedanken gerissen, als ich sah wie Jason und zwei andere Klassenkameraden auf Jacoby zu liefen. Scheiße, wahrscheinlich wollte sie ihm, für das was er im Unterricht gesagt hatte, einheizen. Plötzlich bemerkte ich eine Hand auf meiner Schulter: „Oh Mann Leute ich glaube, dass wir ihm helfen sollten“, Annika fiel es auch auf und wollte uns darauf aufmerksam machen. Mir war nicht ganz wohl bei der Sache, weswegen ich mich eigentlich raus halten wollte, doch Benjamin hatte mich schon an der Schulter geschnappt und zog mich hinter sich her: „Jetzt hat er sich endlich mal getraut in der Pause mit uns zu reden, dann müssen wir ihm jetzt auch helfen.“ Die Logik dahinter konnte ich nicht ganz verstehen, aber jetzt gab es sowieso kein Zurück mehr.
Wir stellten uns verstärkend auf Jacobys Seite, der nach seinem Gesichtsausdruck zu beurteilen, nicht damit gerechnet hatte. „Ohhh, hast du Wachhunde? Das wird dich aber nicht für immer beschützen“, Jason klang so selbstsicher, dass mir davon übel wurde. Auf einmal tauchte ein großer, braunhaariger Mann hinter ihm auf und legte seine Hand bedrohlich auf seine Schulter: „Aber ich werde ihn für immer beschützen und jetzt macht einen Abgang.“ Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, verzogen sie sich.
Moment mal, ich kannte den Mann vom Sehen, das war Jacobys großer Bruder Dylan. Der war damals ein größeres Arschloch als Jacoby, doch er hatte sich seit letztem Jahr ziemlich verändert, was sehr merkwürdig war. „Was war das den Dylan? Der Arme hat sich ja fast in die Hosen gemacht“, Jacoby lächelte uns unsicher an und legte seine Hand beschämt gegen seine Stirn. „Danke das ihr mir helfen wolltet“, Annika legte ihren rechten Arm, um den viel zu großen Benjamin und ihren linken Arm um mich und lächelte Jacoby dabei stolz an: „Kein Ding.“ Um Annikas Aussage zu bestärken, nickten ich und Beni ihr noch einstimmig zu.
Im gleichen Moment wurde sie jedoch schon von ihrer Mutter gerufen, die im Auto auf sie wartete. Sie verabschiedete sich von uns und machte sich auf den Weg. Ich bemerkte wie Dylan mich beobachtete und versuchte locker zu wirken. „Sag mal, wohnst du nicht bei uns in der Stadt?“, er hatte mich erkannt, natürlich hatte er das, in dieser Stadt kannte jeder jeden. Nickend beantwortete ich seine Frage, mit einem knappen 'Ja'. Er sah danach zu seinem Bruder, der gerade seine Zigarette auf dem Boden austritt und dann wieder zu mir: „Ich wollte gerade Jacoby mit dem Auto abholen, sollen wir dich vielleicht mitnehmen?“
Er bot mir gerade eine kostenlose Autofahrt an, das bedeutete nicht auf den Bus warten zu müssen, um danach für eine ganze Stunde zwischen den schwitzenden Schülern fahren zu müssen. Say no more, natürlich sagte ich sofort zu, so etwas ließ ich mir doch nicht entgehen. Wir verabschiedeten uns noch von Benjamin und machten uns dann auch auf den Weg.
Die Autofahrt verlief eher ruhig, ich saß auf den hinteren Sitzen und starrte gelangweilt aus dem Fenster. Es dauerte auch nicht lange da unterbrach Dylan das Schweigen: „Sag mal Jacoby, wieso wollten sich deine Mitschüler mit dir anlegen? Hast du wieder irgendwas angestellt?“ Er klang sehr besorgt um seinen Bruder, doch Jacoby schüttelte nur unbeeindruckt seinen Kopf. „Wann wirst du auch endlich zu Gott finden, wie der Rest von uns?“
Oh Mann, was hatte er da gesagt? Wann wurde Dylan denn zum Christ? Das erklärte gerade so einiges. Ich beobachtete wie Jacoby sich genervt an die Stirn fasste und dabei laut aufstöhnte: „Niemals, ihr habt alle einfach nur einen an der Waffel.“ Sein Bruder schaute ihn darauf schockiert an und versuchte sich danach wieder auf die Straße zu konzentrieren: „Jacoby du weißt wie sehr ich es hasse wenn du dich über unsere Familie lustig machst!“ Dylan klang dabei ziemlich enttäuscht, doch Jacoby war immer noch unbeeindruckt.
Da Dylan bemerkte, dass er bei seinem Bruder nicht weit kam, hatte er sich gleich sein neues Opfer gesucht. Er drehte sich kurz danach zu mir um und wandte sich dann wieder der Straße zu: „Hast du den Glauben zu Gott gefunden Levente?“ Mich schüttelte es am ganzen Körper, als ich meinen Namen hörte. Kopfschüttelnd wisch ich seiner Frage aus und fuhr mir beschämt über den Nacken: „Nein und Levi reicht vollkommen.“ Ein kurzes 'Hmmm' von seiner Seite aus, ließ mich wissen, dass er meine Antwort nicht verstanden hatte, oder wollte.
„Er heißt Levi und nein er ist kein Zombie, der jeden Sonntag in die Kirche geht“, Jacoby verdeutlichte meine Antwort für ihn nochmal und klang dabei ziemlich genervt. Entgeistert starrte Dylan seinem kleinen Bruder entgegen und rollte daraufhin mit seinen Augen, danach herrschte für die letzten fünf Minuten der Autofahrt bedrückende Stille.
Sie setzten mich vor meinem Haus ab und Jacoby fuhr die Fensterscheibe der Beifahrertür runter: „Am besten bringen wir das schnell hinter uns, wenn du kannst komm in einer halben Stunde zu mir, dann zeige ich dir meine Idee.“ Sein süßes Lächeln zog mir den Boden unter den Füßen weg und ich war ziemlich froh noch ein 'okay' von mir geben zu haben, bevor sie wieder wegfuhren.
Ich drehte langsam den Schlüssel in der Haustür um und öffnete sie. Natürlich wurde ich auch gleich von meinem Vater begrüßt, der mich verwundert dabei ansah: „So früh schon zu Hause?“ Schulterzuckend betrat ich das Wohnzimmer, in dem er gerade auf der Couch saß und Fernsah: „Ja, der Bruder eines Klassenkameraden hat mich mitgenommen.“ Ziemlich erstaunt auf meine Antwort, nahm er die Fernbedienung in die Hand und schaltete sein Programm auf stumm: „Oh, meinst du einen der Harsens – Kinder?“
Was? Woher wusste mein Vater das? „Schau mich nicht so an, Levente. Das hier war mal ein Dorf, die Menschen erzählen immer noch.“ Ja das stimmte leider.
Die Kleinstadt Noam, in der der wir lebten, war vor ungefähr einem Jahr noch ein Dorf und die Einwohner verhielten sich auch leider noch so. Es war hier ziemlich schwer seine Geheimnisse für sich behalten zu können. Überall waren Augen und Ohren. Jeder kannte jeden.
Ein gutes Beispiel hierfür, waren tatsächlich die Harsens, Jacobys Familie. Amerikanische Einwanderer, die sich vor 15 Jahren mit ihren zwei Söhnen in unserem damaligen Dörfchen niedergelassen hatten. Nach zwei weiteren Söhnen, mutierten sie urplötzlich zu vorzeige Christen. Ihre beiden älteren Söhne passten nie so richtig in dieses Bild, der eine kriminell, der andere ein Rebell. Sie wehrten sich immer gegen den Glauben, den ihre Eltern ihnen aufzwingen wollten und doch schien es so, als hätte Dylan aufgegeben. Das merkwürdigste daran war, dass es vor ungefähr fünf Monaten so ausgesehen hatte als wäre er einfach verschwunden.
Eigentlich interessierte mich dieser Klatsch ja nicht, ich bekam so etwas nur mit, weil mein Vater sich darüber immer mit den Nachbarn unterhielt. Ich hatte ja auch noch nie einen Grund gehabt mich für diese Familie zu interessieren, ich meine Jacoby und ich sind uns in der Schule, so wie in dieser Stadt, immer aus dem Weg gegangen.
Ohne ein weiteres Wort mit meinem Vater zu wechseln lief ich die Treppen des Hauses hinauf und ging in mein Zimmer. Dort angekommen warf ich mein Rucksack in die Ecke und ließ mich auf mein Bett fallen. Der Tag hatte so merkwürdig angefangen da konnte er nicht normal enden. Ich machte mich ohne weiter darüber nach zudenken fertig und lief dann langsam los, um noch pünktlich bei Jacoby ankommen zu können.
Es wurde über den Tag kälter und so langsam bemerkte ich, dass meine Weste, die ich trug, nicht mehr ausreichte, um mich warm halten zu können. Die grauen Wolken verdichteten sich und bedeckten den Himmel. Es sah nach Regen aus.
Nach einer gewissen Zeit und etwas Fußweg erreichte ich das Haus der Familie Harsen. Ein hübsches, weißes, umzäuntes Häuschen, mit einem sehr schön gepflegten Garten. Die roten Dachziegel schmeichelten den roten Fensterrahmen und der gleichfarbigen Tür. Dazu durfte die, an einem der Dachpfosten montierte, Flagge der U.S.A nicht fehlen. Das ganze Haus schrie nur so nach 'seht nur wir haben viel Geld'. Doch als ich den Vorgarten betrat und immer näher zur Tür lief, zerstörte die laute Musik, die aus einem der Fenster kam, meinen ersten Eindruck gleich wieder. Jetzt schrie mir dieses Haus förmlich entgegen 'wir versuchen alles um für andere perfekt zu wirken'. Leider konnte ich nichts für meine Gedanken und irgendwie hasste ich mich dafür auch ein wenig, aber so war ich nun mal.
Es war so merkwürdig vor seiner Tür zu stehen, dass ich in diesem Moment nicht wusste was ich denken sollte. Klingeln wäre ein guter Anfang gewesen, doch ich konnte nicht. Mir schossen plötzlich Gedanken über ihn in den Kopf, mit denen ich nichts anfangen konnte. Leider verstand ich mich selbst schon ziemlich lange nicht mehr.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, habe ich es dann doch endlich geschafft die Klingel zu betätigen. Es dauerte auch nicht lange da öffnete mir einer seiner kleineren Brüder die Tür. Er war mindestens sieben Jahre alt und lutschte an seinen Lutscher herum. Leider konnte ich mich an seinen Namen nicht mehr erinnern, weswegen ich wie eingefroren da stand und ihn nur anstarrte. Der kleine schwarzhaarige Jacoby Verschnitt dachte bestimmt, dass ich einen Knall hatte, so wie ich ihn anschaute.
Plötzlich hallte eine rettende Stimme durch das Haus: „Jerry! Wer steht vor der Tür?“ Jacoby, der neugierig die Treppe runter lief, stellte sich hinter seinen Bruder und lächelte mir dabei entgegen: „Levi du bist's. Warte kurz ich schnapp mir schnell mein Zeug, dann komme ich raus.“ Bevor er dann die Tür wieder schloss, winkte mir sein kleiner Bruder zum Abschied noch zu. Redete anscheinend auch nicht gerne.
Kaum nachdem die Tür in den Riegel fiel, kam lautes Geschrei von dahinter hervor. Jacoby gab seinem kleinen Bruder eine Standpauke, da er nicht immer die Tür öffnen solle und nachdem er seinen Satz beendet hatte, schrie er ihm im Nachhinein noch ein herzliches 'Fuck-off' hinterher.
Es dauerte tatsächlich nicht lange, da stand er schon wieder vor mir. Er erzählte mir von seiner Idee, die ich ziemlich gut fand. Tiere, seine Idee beinhaltete das fotografieren von Tieren. Da Tiere immer ein gutes Motiv abgaben und zu unserm Thema passten, war ich damit sofort einverstanden. Das einzige Problem war nur, dass wir dafür in den angrenzenden Wald laufen durften, da es in der Stadt ja nicht wirklich freilaufende Tiere gab und die normalen Haustiere, wie Hunde und Katzen fanden wir beide zu langweilig. Zum Glück hatte Jacoby schon immer ein Händchen für das Fotografieren und brachte seine Kamera mit.
Während wir unterwegs waren, bemerkte ich gar nicht wie sehr ich ihn anstarrte. Ich musste damit aufhören, sonst hätte er vielleicht noch gedacht, dass ich was von ihm wollte. Aber warum klang das gar nicht so abwegig, wenn ich darüber nachdachte? Wieso bekam ich ihn nicht mehr aus meinen Gedanken? Ich schüttelte kurz meinen Kopf, um wieder klarer denken zu können. Es funktionierte, wenn auch nur für eine gewisse Zeit.
Ich war ziemlich glücklich, als ich von weitem schon die ersten Baumkronen sehen konnte. Doch bevor wir den Wald erreichen konnten, mussten wir noch ein großes Feld überqueren. Die große, grüne Wisse war voller Pusteblumen, was ein sehr seltener Anblick für den Herbst war. Das waren bestimmt die Spätzünder für dieses Jahr.
Die Samen flogen durch die Luft, während wir das Feld durchstreiften und boten einen herrlichen Anblick. Ich konnte nicht anders und dreht mich wieder in Richtung der Stadt, um den Anblick etwas genießen zu können. Der stürmische Wind zog über das Feld und wirbelte die restlichen Samen in die Luft. Es war einfach wunderschön zu beobachten und einer der selten Momente die mich zum strahlen brachte.
Ohne das ich es mitbekam, machte Jacoby Fotos von der schönen Landschaft und mir. Erschrocken stand ich da, als ich mich gerade herum gedreht hatte und eine Kamera auf mich gerichtete war. Sofort versuchte ich mein Gesicht zu verdecken und bekam danach nur ein lautes seufzten zu hören. Ich war nicht fotogen und hasste es wenn man von mir Fotos schoss. „Ich hab sie wieder ausgeschaltet, wir können weiter“, nachdem er mir versicherte, dass sie weg war, linste ich zuerst hinter meiner Hand hervor um sicher zu gehen. Er stand einfach nur grinsend da und wartete auf mich. Wie konnte man an einem Tag nur so oft lächeln? Und dabei so niedlich aussehen?
Verdammt, genau diese Gedanken versuchte ich schon den ganzen Tag zu verdrängen. Wieso konnte er mir nur so den Kopf verdrehen? Dieser Verdammte Kuss, warum dachte ich nur immer an diesen Kuss? Wie konnte es sein, dass er mich, bei allem was er machte, nur so faszinierte?
Ohne, dass ich es bemerkt hatte, waren wir schon längst in dem kleinen Wäldchen angekommen. Wir suchten uns ein ruhiges Fleckchen und setzten uns geduldig auf den kalten Waldboden. Der Wind brachte die restlichen Blätter der Bäume zum rascheln und hin und wieder fielen sie auch neben uns auf den Boden.
Ich liebte den Herbst, ich fand dass er einer der angenehmsten Jahreszeiten war. Die Straßen von Noam waren zu dieser Zeit, dann schon immer wie ausgestorben. Anscheinend konnten die Leute mit der Kälte nichts anfangen. Ich starrte gelangweilt gegen die Bäume und wartete bis endlich mal ein Tier auftauchte. Selbst Jacoby gähnte schon und zog sich dabei seine Mütze vom Kopf. Seine Haare waren ziemlich unordentlich, was wahrscheinlich der Grund für seine Mützenobsession war. „Was ist?“, sein Blick traf meinen und schon wieder habe ich es nicht mitbekommen, dass ich ihn angestarrt hatte. Ich drehte meinen Kopf schnell zur Seite und schüttelte ihn. „Du redest nicht viel, was?“, Jacoby machte es sich bequemer, indem er sich mit seinen Armen vom Boden abstützte und mir dabei wieder entgegen lächelte: „Ich hoffe doch, dass ich dich diesen Morgen nicht überfallen habe?“
Lächelnd schüttelte ich meinen Kopf und starrte weiter verlegen auf den Boden. „Weißt du, es war schon scheiße zu hören, was du unseren Klassenkameraden über mich gesagt hattest“, sein Kopf sank enttäuschend nach hinten. Ich wusste, dass er mich darauf noch ansprechen würde, aber musste das jetzt sein? „Hör mal, ich hab das ja gar nicht böse gemeint, aber damals bist du halt auf die Schwächeren gegangen“, oh Mann, nach seinem Blick zu urteilen, hab ich gerade schon wieder was falsches gesagt. „Was redest du da? Ich wurde früher immer selbst verschlagen, bis ich halt angefangen hatte mich zu wehren, wie kommst du nur auf so was?“, ungläubig lachte er mir entgegen und schüttelte dabei seinen Kopf.
Scheiße, also hatte ich ihn die ganzen Jahre falsch eingeschätzt gehabt? Ich bin schon ein Idiot. Das war vollkommen neu für mich. „Das wusste ich nicht Jacoby, es tut mir leid“, meine Entschuldigung brachte nicht fiel, er weigerte sich immer noch mich anzusehen. „Vergesse es einfach Levi, shit happens“, er zuckte mit seinen Schultern und lächelte in seine Hand, die er sich vor den Mund hielt. „Ich dachte nur, dass du nach dieser Nacht anders über mich denken würdest, aber der Alkohol hat dir anscheinend nicht gut getan.“
Moment was ist los? Hatte er gerade den Abend auf der Party erwähnt, erinnerte er sich etwa? Verblüfft versuchte ich zu verstehen, was er mir gerade gesagt hatte: „Moment du hast den Abend doch nicht vergessen?“ Er schüttelte den Kopf und machte plötzlich große Augen: „Du anscheinend auch nicht?“ Es wurde plötzlich still zwischen uns beiden, ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich wusste nicht was ich gerade fühlte, ich wusste noch nicht einmal was ich denken sollte. „Weißt du, ich habe nach zwei Monaten endlich meinen Mut zusammen genommen und mich bei dir bemerkbar gemacht. Ich habe dich einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommen und zu wissen wie du über mich denkst, war schon ganz schön schmerzhaft“, oh Mann, dass schien ihm nicht gerade leicht über die Lippen gegangen zu sein. Und wieder einmal war ich sprachlos, was sollte ich ihm den sagen, dass ich auch jede freie Minute an ihn dachte. Er legte seinen Kopf auf seine Knie die er betrübt, umschlungen festhielt. Ich ertrug es nicht ihn so zu sehen, ich musste irgendwas sagen. Aber was?
„Ehm... Ich dachte die ganze Zeit, dass es dir bestimmt peinlich ist, dass ich dich geküsst habe. Und da du mich auch nie darauf angesprochen hattest, bestätigte dass einfach nur meinen Verdacht, dass du es vergessen hattest, oder wolltest“, ich sank meinen Kopf zu Boden und wollte auf der Stelle darin versinken: „Ich bin doch wahrscheinlich, der langweiligste Mensch denn du kennst, da hat es mich nicht gewundert.“
Kaum hatte ich ihm meine Gefühle offenbart, sprang er plötzlich auf und drehte sich direkt in meine Richtung. Er rückte ein Stück näher an mich heran und hob meinen Kopf an. Seine Hände waren so weich und durch sein sanftes Lächeln, schoss mir sofort die Röte ins Gesicht. „Was redest du da Levente, du warst schon seit der Realschule der interessanteste Mensch für mich. Du bist einfach perfekt.“
Ich wusste nicht was ich mir dabei gedacht hatte, aber ich konnte in diesem Moment meine Gefühle nicht mehr unterdrücken. Ich legte beiden Hände an seine Wangen und zog ihn an mich heran. Seine Lippen wieder auf meinen zu spüren, war das schönste Gefühl seit langem und ich verlor mich wieder in diesem verdammten Kuss.
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