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Weißt du noch wie's früher war

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
02.09.2018
17.09.2018
5
12.037
3
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02.09.2018 2.149
 
Ich drehte mich erneut im Bett um, ich konnte nicht schlafen. Es war bereits 3 Uhr und offensichtlich hatten die neuen Bewohner der Wohnung über mir keine Absicht demnächst schlafen zu gehen. Auch wenn es Sonntagmorgen war, konnte man erwarten, dass sich die Lautstärke auf eine humanere mildern würde. Doch das tat sie nicht. Und zwar schon seit mehreren Stunden nicht. Die Party begann um 19 Uhr, zumindest kamen da die ersten Leute. Ab ca. 21 Uhr wurde es dann lauter, der Balkon wurde entdeckt und etwa eine halbe Stunde später weiter bevölkert. Ab 22 Uhr gab es dann gar kein halten mehr. Es wurde offensichtlich getanzt, Möbel wurden verschoben, auf dem Balkon wurde ebenso laut gefeiert wie in der Wohnung, die Musik wurde weit über die Kapazitäten der Anlage aufgedreht.
Um es kurz zu fassen: Ich war genervt und wollte einfach nur schlafen.


Also zog ich mir eine Trainingshose an, warf meine Sweatshirtjacke über, nahm meine Schlüssel und stiefelte die Treppen hoch. Ich klingelte. Mehrmals. Ich musste insgesamt fünf Mal klingeln, bevor mir die Tür geöffnet wurde. Ein junger Mann öffnete sie mir.

„Guten Abend, mein Name ist Jan Böhmermann, ich wohne in der Wohnung unter Ihnen.“, grüßte ich den blonden Lockenkopf.

Dieser blinzelte nur betrunken und sah mich eine Weile an, dann begann er zu verstehen:
„Ah, hi, das ja schön. Ich bin Matthias. Aber ich wohn gar nich hier. Komm doch erstmal rein.“

„Danke, ich würde es bevorzugen jetzt zu schlafen. Deswegen wollte---“


Ich wurde unterbrochen von einem anderen, schlaksigeren Mann mit Brille. Er patschte seine Hand auf die Schulter von Matthias und grinste ihn an.

„Matthi, wen haste denn da herangefischt? Haben wir jetzt doch Pizza bestellt?“
Er sah mich mit großen Augen an, doch bevor ich antworten konnte, sprach Matthias:


„Das is der Jan und der wohnt untendran.“, lachte der blonde Schönling und zeigte kurz mit der Bierflasche in seiner Hand auf mich.

Der bebrillte Mann lachte mit ihm und beide verblieben für einige (lange) Sekunden in ihrem Lachanfall. Sie krümmten sich und steigerten sich offensichtlich künstlich betrunken in eben diesen. Dies verbesserte meine müde, genervte Laune nicht unbedingt und langsam schlug diese in milde Aggression um.

„Macht ihr jetzt bitte die Musik leiser, so gut ist die nicht.“, fuhr ich sie an.

Beide stoppten plötzlich und sahen mich groß an, wie zwei Welpen, denen man den Ball weggenommen hatte.

Nach einem Räuspern meldete sich der größere von den beiden zu Wort:
„Äh, ja. Hallo erstmal, Jan, ich bin Joko und ich wohne jetzt hier.“


Er hielt mir seine Hand hin, ich schüttelte sie kurz und widerwillig.


„Also, wir machen gerade Einzugsparty und eigentlich hatten wir ja auch nen Aushang gemacht.“

„Ach so, na dann. Wenn’s n Zettel ist ja alles gut.“, antwortete ich sarkastisch.

„Ja...“, meinte Joko und war offensichtlich verlegen. Er kratzte sich kurz am Kopf und strich sich seine Haarsträhne hinters Ohr. Seine Stimmung übertrug sich schnell auf Matthias, denn dieser klammerte sich auf einmal an seiner halbleeren Flasche fest und sah zu Boden.

Ich beobachtete die beiden für einen Moment. Zum einen, weil ich sehen wollte, ob sich bald etwas an dem Zustand ändern würde oder ob sie sich zumindest wieder bewegen würden.

Stattdessen verharrten die beiden allerdings und schwankten auf ihren Plätzen wie Schilfe im Wind. Es war, als würde man Kinder getadelt haben und diese schmollten nun leise in sich hinein. Auf dieses Spiel wollte ich mich allerdings nicht einlassen, denn mit Betrunkenen zu kommunizieren oder sich gar zu streiten war das letzte was ich in dieser Nacht. Ich wollte einfach nur, dass der Tag endlich vorbei war und ich ihn vergessen konnte.

Somit beschloss ich, sie noch einmal anzusprechen:
„Könntet ihr bitte die Musik etwas leiser stellen und vom Schreien vom Balkon absehen? Das würde mir sehr gelegen kommen.“


Matthias regte sich, allerdings nur um seinen Kopf weiter nach unten zu bewegen und zu grinsen. Offensichtlich versuchte er sich ein Lachen zu verkneifen, denn plötzlich bebte sein gesamter Oberkörper und er verkrampfte innerlich.

Ich rollte die Augen und erhoffte mir zumindest von Joko eine Antwort. Doch als ich hinüber sah, war exakt das gleiche Bild zu sehen. Beide teilten offensichtlich den gleichen schlechten Humor und schaukelten sich gegenseitig in diesem unsinnigen Gemütszustand erneut hoch.

„Gut, dann werde ich das wohl selbst tun müssen.“, meinte ich einen Augenblick nach meiner Beobachtung und drängte mich vorsichtig an den beiden vorbei.

Hinter mir hörte ich plötzlich nur schallendes Gelächter – unnötiges schallendes Gelächter, wohl gemerkt. Ich schüttelte den Kopf und blickte mich um. Es waren weniger Leute, als ich gedacht hätte. Erstaunlich also, dass diese so einen Lärm verursachen könnten. Aber das war wohl die „Magie“ des Alkohols, die alle so feierten. Ich habe nie getrunken und werde dies auch nie tun. Mein Alltag ist so schon stressig genug, da brauche ich nicht auch noch gesundheitliche Schäden, die alles noch stressiger und schwieriger machen.

Ich versuchte den Ursprung der Musik zu folgen und landete zuletzt im Wohnzimmer. Dort hielten sich die meisten Leute auf - wohl, weil das Wohnzimmer der größte Raum war und natürlich dort der Zugang zum Balkon war. Es roch trotz der offenen Tür nach Rauch. Hinzu kam eine Spur von verschüttetem Bier, Schweiß und Paprikachips. Letzteres könnte allerdings auch daran gelegen haben, dass ich ebendiese Chips auf dem Tisch liegen sah und Hunger bekam. Ich hatte heute nicht viel Zeit zur Nahrungsaufnahme gehabt und merkte erst jetzt, dass Essen doch wichtiger war als gedacht.

Als Entschädigung für den Schlafraub machte ich mich auf zum Tisch und nahm mir einige Chips und während ich diese in meinen Mund stopfte, sah ich mich wieder um.
Es waren alles Leute in meinem Alter oder jünger, wie es aussah.

Gott, hoffentlich sind diese Partys dann keine Regel.

Bei dem Gedanken hielt ich mit dem Kauen kurz inne und schluckte schwer.

Wenn allerdings unter der Woche ebenso gefeiert werden sollte, kann ich die Polizei rufen.

Ich aß langsam weiter.

Und wenn dann immer noch keine Besserung eintritt, kann ich rechtliche Schritte einleiten.

Dies beruhigte mich und ich machte mich mit einer Hand voll Chips auf die Musikanlage zu finden.

Es brauchte nicht lang und ich fand sie. Auch den Volume-Regler fand ich schnell und schaute mich kurz um, um sicher zu stellen, dass mich niemand wirklich wahrnahm.
Kurz und schmerzlos drehte ich den Regler ein großes Stück nach links und entfernte mich schnell vom Objekt.

Zufrieden wollte ich mir meinen Weg nach draußen bahnen, doch offensichtlich war meine Aktion auffälliger gewesen als ich dachte. Plötzlich schauten alle in meine Richtung und eine Welle von „Ey!“s überrollte mich.

Ich sah mich eingeschüchtert um, ich hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Zumindest in privaten Situationen, wo es nicht um meine berufliche Zukunft ging.

„Was soll’n das? Ich warte ewig auf den Song hier und dann dreht irgendso’n Schwanz das einfach leise, oder was?“, hörte ich jemanden vom Balkon rufen.

Matthias und Joko hatten anscheinend auch ihren Weg zurück zur Party gefunden, denn das Lachen aus der Ecke kam mir bekannt vor. Ich allerdings wollte keinen Blickkontakt zu irgendjemandem aufbauen, ich wollte hier einfach nur weg. Ich wollte nur in mein Bett und mich verkriechen. Nicht, weil mir diese soziale Situation unangenehm war. Auch. Aber nicht vorrangig. Der Tag heute und auch die gesamte Woche waren einfach zu viel und ich brauchte nicht noch mehr Aufregung. Also beschloss ich das Zimmer so schnell wie möglich zu verlassen.

„Macht das mal wieder lauter jetzt! Das ist doch voll Assi! Ey, man, wir hören den gleich 10 Mal nochmal, einfach weil der so geil is und ihr Bifipimmel mir den kaputt gemacht habt!“

Mit lauten, großen, aber unbeholfenen Schritten näherte sich ein älterer Mann. Im Gegensatz zu den anderen Anwesenden waren seine Haare schon grau und soweit ich seine Mundart identifizieren konnte, kam er aus dem Norden. Ich schaute ihn flüchtig an, um abschätzen zu können wie schnell ich hier wegkommen sollte – und meine Antwort war: sehr schnell.

Also drehte ich mich schnell nach rechts, von wo ich kam und wollte fluchtartig den Raum verlassen.

Jedoch übersah ich dabei einige Kabel und so stolperte ich. Erst nur einige kurze Schritte, dann über die Füße einer jungen Dame, deren Drink halb auf meinem Ärmel verschüttete und letztlich landete ich vor dem Sofa auf meinen Knien.

Ich fluchte innerlich, zum einen wegen dem Schmerz, zum anderen wegen der allgemein unangenehmen Situation.

Ich hörte zum dritten Mal an diesem Abend das schallende Gelächter der zwei jungen Männer, die mich an der Tür begrüßt haben. Dazu kam ein weiteres Lachen, welches mir noch unbekannt war. Da es aber direkt von hinter mir kam, musste es wohl der norddeutsche Grauhaarige gewesen sein, dessen Lieblingssong ich ruiniert hatte. Gefolgt wurde sein Lachen von einem etwas ernsteren Ausbruch: „Oah nee! Der tanzende Lachs hat das Kabel aus der Anlage gerissen! Ey, wenn das jetzt verbogen is! Und dann auch noch bei dem Lied!“

Höchstwahrscheinlich lachten noch weitere Personen und tuschelten, doch ich hörte es nicht. Ich hörte gar nichts mehr, weil ich es nicht wollte. Ich blieb am Boden, für eine gefühlte Ewigkeit. Weder wollte ich aufstehen, noch konnte ich. Mein Körper war müde und mein Kopf war so voll von verschiedenen Emotionen, dass beide sich nicht aufraffen konnten wieder in diese Situation zu treten. Ich wollte dort liegen blieben. Für immer. Denn gleichzeitig wollte ich allein in meiner Peinlichkeit bleiben, den Moment des Schmerzes aushalten können – aber auch die unmittelbare Gesellschaft von Menschen haben. Wenn auch nur unterbewusst, aber ich wusste, dass sie mir gut tut. Die letzte Zeit war ich viel allein. Ich war schon immer viel allein. Aber seit dem Tod meiner Mutter fühle ich mich nun auch so.


Ich war kurz davor mich erneut in der Melancholie des Tages zu verlieren, als mir jemand sanft seine Hand auf den Rücken legte.

„Hey, alles gut?“

Eigentlich wollte ich nicht antworten, doch ich wusste, dass das nichts bringen würde.

Es sollte sich niemand Fremdes um mich kümmern. Dennoch setzte ich mich auf, nickte und schließlich stand ich wieder. Etwas wackliger als zuvor, aber das würde sich wieder legen.

„Sicher? Du hast dich ziemlich hingepackt. Setz dich doch kurz.“

„Nein, es geht schon, danke.“, sagte ich halbherzig lächelnd zu der Frau. Es war die gleiche, deren Getränk ich nun auf meiner Jacke hatte. „Ich hoffe deinen Füßen geht’s gut?“, fügte ich hinzu, als ich bemerkte, dass sie im Gegensatz zu mir keine Schuhe trug.

„Ach, alles gut. Nach dem Tanzkurs mit meinem Freund letztens, kann das nicht schlimmer werden.“, schmunzelte sie und nippte an dem kläglichen Rest in ihrem Glas.

Ich lächelte kurz und nickte, bedankte mich erneut und ging an ihr vorbei um die Wohnung wieder zu verlassen.

Doch bevor ich auch nur den Flur erreichen konnte, hielt mich jemand am Arm fest. Ich drehte mich halb um und sah ihn an. Es war der Grauhaarige. Offensichtlich konnte er immer noch mit den Jungen mithalten und hatte mindestens genau so ein Trunkenheitslevel wie Matthias und Joko. Nur schien es bei ihm eher Aggressionen, anstatt Lachanfälle zu verursachen.


Er schwankte leicht und blinzelte, versuchte mir direkt in die Augen zu sehen, anstatt an mir vorbei zu schielen. Auf einmal war er deutlich stiller. Denn anstatt mich erneut anzupöbeln, sah er mich nur an und atmete langsam. Sein dunkelblaues Hemd war bis zur Brust geöffnet und sein Haar war zerzaust. Er roch nach kaltem Rauch und einer Mischung aus Bier und Höherprozentigem.

Nachdem er mich einige Momente lang nur anschaute, ergriff ich das Wort:
„Tut mir leid, das mit dem Lied. Aber es ist einfach sehr laut.“
Ich schüttelte seine Hand sanft von meinem Arm und nickte kurz zum Abschied.

Er wollte mich erneut am Arm greifen, doch ich wich zurück.


„Das war scheiße.“, brachte er gerade so heraus.

Für einen Moment dachte ich, er müsste sich übergeben, da ich seinen Blick und seine Stille nicht deuten konnte. Im nächsten Moment verstand ich seine Absicht und wich weiter von ihm weg, als er versuchte mir mit dem ganzen Körper nahe zu kommen.

„Entschuldigung. Ich werde nun gehen.“


Bevor er etwas entgegnen konnte, drehte ich mich schnell um und eilte aus der Wohnung. Ich rannte fast die Treppen runter und schloss kurz meine Augen als ich wieder in meiner eigenen Wohnung stand.

Die Musik blieb relativ leise, ich hörte nur noch wenig.

Dafür war mein Kopf nun aktiver als vorher. Gedanken rasten und ließen sich nicht einfangen. Ich wollte einfach nur schlafen.

Da alles nichts half, schluckte ich wieder einmal eine Schlaftablette – ein Mittel, welches mir nun seit einer Woche den Schlaf ermöglichte, auch wenn es am nächsten Tag nicht zur glücklichsten Stimmung beitrug.

Ich legte mich wieder ins Bett, versuchte meine Gedanken so gut wie es ging zu ordnen und für wann anders wegzulegen. Dies gelang nur weniger gut.

Irgendwann aber war ich im Halbschlaf und hörte nur in der Ferne, wie es an der Tür klingelte.
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