Roter Sand

von Hiiri
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
Alphonse Elric Edward Elric Riza Hawkeye Roy Mustang
01.09.2018
06.12.2019
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Ein kleiner Junge mit leuchtend roten Augen trat in den Raum und ging auf sein Bett zu.
„Wer bist du?“, murmelte Roy leise.
„Du hast sie getötet.“
„Ich …“
„Du hast meine Familie getötet.“
Der Junge machte einen weiteren Schritt auf ihn zu und stand jetzt direkt an seinem Bett.
„Sie haben meine Familie getötet“, wiederholte er. Seine Hand legte sich auf Roys Brust, genau an die Stelle, an der sein Herz lag. „Du hast sie getötet und dann hast du mich getötet.“
Ein stechender Schmerz breitete sich in seinem Brustkorb aus und er stöhnte leise auf. „We-r b-bist du?“, presste Roy mühevoll heraus.
„Erinnerst du dich nicht? Hast du mein Gesicht schon vergessen?“
Hinter dem Jungen tauchte ein älterer Mann wie aus dem Nichts aus. „Hast du uns schon vergessen?“
„Nein … ich …“
„Hast du uns schon vergessen?“
Dieses Mal war es eine Frauenstimme, die von seiner rechten Seite ertönte. Roy wandte seinen Blick zu ihr, blickte geradewegs in ihre roten Augen.
„Nein … ich …“, wiederholte er.
Die Stimmen wurden immer mehr, sein Zimmer füllte sich mit Ishvalern, mit Gesichtern, die er versucht hatte, all die Jahre zu vergessen.
„Hast du uns schon vergessen?“
„Wieso hast du uns getötet?“
„Bitte … nein!“, flehte er. „Ich-ich werde es wieder gut machen. Bitte.“
„Hast du uns schon vergessen?“
„Bitte …“


Mustang zitternder Körper wälzte sich hin und her, er strampelte die Decken von sich. Seine rechte Hand krallte sich in das Laken. Er jammerte, dann folgte ein tiefer bebender Atemzug.
Hawkeye schob die Decke geduldig wieder hoch, wie schon die Male zuvor. Edward rieb sich durch die Augen, während er versuchte, Major Miles zu lauschen. Er hatte das Gespräch mit Corvette bereits wieder vergessen, doch nun, wo es ausgerechnet um den Kerl ging, kam es ihm wieder in den Sinn.
„Der Große Anführer hat mitgeteilt, er wird selbst nach Ishval kommen, um sich einen Überblick zu verschaffen“, schloss Miles ab. „Er wird morgen Mittag anreisen.“
„Was ist mit den Friedensgegnern?“, fragte Hawkeye.
„Wir haben das im Griff, Leutnant. Der Zugverkehr wurde vorerst eingestellt und diejenigen, die bereits hier sind, werden derzeit streng überwacht und abgeschirmt.“
„Ich danke Ihnen, Major.“ Hawkeye lächelte. „Sie sind dem Herrn Oberst eine große Hilfe.“
Major Miles sah auf das Krankenbett. Einige Sekunden lauschten sie nur den hektischen Atemzügen. „Wie sieht es aus?“
„Nicht gut. Doktor Marcoh fürchtet, sein Immunsystem ist zu schwach gegen die Infektion anzukämpfen. Sie breitet sich aus.“
„Hätte ich schneller reagiert, vielleicht hätte der Unfall vermieden werden können.“
Hawkeye lächelte. „Ohne ihre schnelle Reaktion wäre es sicher schlimmer ausgegangen.“
„Und außerdem, der Oberst ist nicht so ein Schwächling“, mischte sich Edward ein. „Es geht ihm vielleicht gerade schlechter. Aber er hat schon Schlimmeres überstanden.“
Der Major nickte. „Ich werde mich wieder an die Arbeit begeben. Ich habe heute noch ein Gespräch mit einem der hohen Priester.“
„Erstatten Sie mir heute Abend Bericht“, sagte Hawkeye. „Lassen Sie uns auch die bisherigen Ergebnisse durchgehen. Wir sollten vorbereitet sein, für den Besuch des großen Anführers.“
„Natürlich, Leutnant.“ Miles salutierte und verließ dann mit einem letzten Blick auf den Oberst den Raum.

Sie verfielen wieder in Schweigen.
„Vielleicht solltest du dich wie dein Bruder auch etwas ausruhen.“
Edward sah in Hawkeyes müdes Gesicht. Vor zwei Stunden war Alphonse gegangen, um für ein paar Stunden zu schlafen, doch Edward hatte es nicht geschafft, den Oberst alleine zu lassen. Zu groß war die Angst, dass er nicht mehr hier lag, wenn er zurückkam. Er könnte über sich selbst lachen. Nach außen mimte er den Starken, wo er in sich drin so große Angst verspürte.
„Trifft das nicht auch auf dich zu?“
„Ja, vielleicht.“
„Du bist außerdem verletzt.“

„Bitte … nein!“
Sie sahen beide in Richtung von Mustang, der leise hustete und sich einmal mehr versuchte, von den Decken zu befreien.
„Sir, es ist alles gut. Sie sind im Krankenhaus“, redete Hawkeye ihm gut zu und zog die Decken wieder hoch.
Edward entging nicht, wie ihre Finger an seinem Hals rast machten. Sie maß seinen Puls und ihr Gesicht sprach Bände.
„Sie hätten der Operationen zustimmen sollen“, flüsterte sie leise und griff dann nach einem feuchten Tuch, um den Schweiß abzuwischen.
Edward schluckte schwer und er sah zu Boden. Er fühlte sich, als wäre ein Störfaktor. Vielleicht sollte er doch gehen und versuchen, etwas zu schlafen?
Der Husten aus dem Bett wurde lauter und Edwards Kopf preschte wieder hoch. Mustangs Augen warten weit aufgerissen, er schien sie aber nicht wahrzunehmen. Riza beugte sich über ihn und redete ihn gut zu, doch seine Atmung wurde hektischer.
„Sir, bitte, Sie müssen sich beruhigen.“
Doch Mustang beruhigte sich nicht. Ganz im Gegenteil. Etwas schien ihm alle Luft zu rauben und das, obwohl er zusätzlichen Sauerstoff bekam.
Edward sprang auf. „Ich hole einen Arzt!“, schrie er und stürzte bereits aus dem Zimmer.

Edward wusste nicht, wie viele Minuten vergangen waren. Er wusste nur, dass er sich erschöpft und müde fühlte, als Jaakov mit ruhiger Stimme zu ihnen sprach.
„Ich konnte den Kreislauf stabilisieren und habe die Sauerstoffversorgung erhöht. Sollte noch etwas sein, rufen Sie mich sofort.“
„Wie stehen die Chancen von Oberst Mustang?“, fragte Hawkeye.
„Sein Körper kämpft. Die nächsten Tage werden es zeigen.“ Jaakov lächelte. „Geben Sie die Hoffnung nicht auf, ich habe in meinem Beruf schon viel gesehen, was ich für fast unmöglich hielt.“


„Bitte … nein!“, flehte Roy leise und blickte mit angsterfüllten Augen auf die Frau über sich, die ihm die Kehle zudrückte.
„Roy!“
Roys Kopf preschte in Richtung Kopfende. Hughes stand dort und lächelte traurig. „Roy, in was für Schwierigkeiten hast du dich wieder gebracht?“
„Maes …“
„Ein toter Mann kann nicht für seine Sünden büßen, Roy.“ Hughes schritt an seine rechte Seite und legte seine Hand auf die Schulter der Frau. „Würdet ihr gehen, er braucht Ruhe. Ich verspreche euch, er wird dieses Land wieder mit Leben füllen. Am Leben zu sein, ist das nicht Strafe genug?“
„Er hat so viele Menschen getötet.“
„Und diese Taten werden ihn ein Leben lang verfolgen. Aber er möchte es gut machen, euren Kindern eine Zukunft schenken. Bitte, habt noch etwas Geduld. Ihr könnt ihn immer noch zu euch holen, sollte euch sein Handeln nicht gefallen.“
Die Frau ließ von ihm.
Hughes lächelte. „Habt vielen Dank“, sagte er.
Roy sah zu, wie die Geister seiner Vergangenheit verblassten. Dann wandte er den Kopf zu Hughes, der sich auf den Stuhl an seinem Bett gesetzt hatte. „Du-du bist nicht echt“, flüsterte Roy.
„Ja. Ich fürchte, da hast du recht, Kumpel.“ Hughes schob seine Brille ein Stück nach oben. „Aber wäre es nicht genau das, was ich in dieser Situation tun würde? Du hast auch mir Gegenüber ein Versprechen. Ich bin mir sicher, Aufgeben gehört nicht dazu.“
„Ich bin erschöpft.“
„Ich weiß, Roy. Aber es gibt viele Leute, die dich brauchen. Hawkeye, Ed und Al. Du hast ihnen versprochen nicht aufzugeben.“
Hughes stand auf.
„Wirst du jetzt wieder gehen, Hughes?“
Ein Lächeln schmückte das Gesicht seines besten Freundes. „Ich fürchte, ja. Ich kann nicht bei dir bleiben.“ Hughes Hand legte sich auf seine Wange. „Halte durch, Roy. Gib noch nicht auf.“
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