Roter Sand

von Hiiri
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
Alphonse Elric Edward Elric Riza Hawkeye Roy Mustang
01.09.2018
24.02.2020
49
65090
13
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Hallo ihr Lieben!
Ich begrüße euch zu meiner neuen Fanfiktion. Ein bisschen steht der Grundplan schon, aber einige Sachen werden sich sicherlich noch in den nächsten Wochen entwickeln. Die Serie folgt zwar auf „Punkt ohne Wiederkehr“, sollte aber auch ohne dieses Wissen verständlich sein. Und keine Angst, Edward wird noch auftauchen ;)

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Der Himmel über der Stadt spiegelte grellrote Flammen wider. Schwarze Rauchschwaden wallten über den Häusern. Die Leute schrien, Mütter rissen ihre Kinder durch die engen Gassen, versuchten zu fliehen, ohne eine Chance. Flammen schossen nach oben.
Es roch nach Rauch und nach verbranntem Fleisch.
Er schritt durch die Straßenschluchten, verzog keine Miene und schnippte.
Immer und immer wieder entfachte er neue Feuer.
Er hatte längst aufgehört zu zählen, wie viele Menschen durch seine Hand gestorben waren. Er hatte vergessen, ob es richtig oder falsch war, was er tat. Er funktionierte nur noch, setzte einen Fuß vor den anderen und schnippte.
Schnippte und tötete. Schnippte und tötete.
Eine Frau fiel vor ihm auf die Knie. Ihre angsterfüllten, roten Augen blickten ihn an.
„Bitte … ich-ich habe Kinder. Bitte …“, wimmerte sie leise und versuchte sich zu erheben, sackte dann jedoch wieder zusammen. Ihr Fuß war gebrochen, vielleicht aber auch nur verstaucht. So oder so, es würde ihr Todesurteil sein.
Er sah sie an, sah in ihre roten Augen und dann schnippte er erneut.

Roy erwachte mit einem lautlosen Schrei und fuhr in seinem Bett hoch.
Röchelnd atmete er ein und hustete. „Verdammte Scheiße!“
Er fuhr sich durchs Gesicht. Seine Hand zitterte. „Es war nur … n-nur ein verfluchter Albtraum“, versuchte er, sich zu beruhigen. „Du bist in Central. Es ist Jahre her.“
Seine Hand löste sich von seinem Gesicht und er ließ sich wieder in das Kissen fallen. Sein Blick war starr an die Zimmerdecke gerichtet.
Die Albträume nahmen wieder zu, umso näher die Abreise nach Ishval rückte.
Nach dem Krieg waren sie immer da, nie ganz verschwunden, doch die Intensität war schon lange nicht mehr so groß gewesen. Es gab kaum noch eine Nacht, in der er durchschlief.
Im Grunde hatte er es verdient. Er hatte kein Recht darauf, dass ihn das losließ.
Er war ein Mörder.
Er konnte es nicht nur auf die Regierung schieben, dass all diese Menschen durch seine Hand gestorben waren.
Gott, wie er sich für sein jugendliches Ich schämte. Wäre er nur etwas reifer gewesen, scharfsinniger, vielleicht hätte er dann das ganze Falsche hinter Ishval begriffen. Vielleicht hätte er gemerkt, dass das alles vom großen Führer so gewollt gewesen war. Dass dieser Krieg eine Inszenierung gewesen war und er nur eine Puppe der oberen Ränge.
Jetzt gab es für ihn nur noch eines, was er für Ishval tun konnte: Dafür sorgen, dass das Land wieder hergerichtet wurde und Frieden herrschte. Nie wieder durfte sich so etwas wiederholen.
Es war nur noch eine Woche, dann würden die Friedensverhandlungen mit Ishval beginnen. Ein historisches Event, welches er nicht missen wollte und doch … er würde gezwungen sein, mit Ishvalern an einem Tisch zu sitzen, ihnen in die Augen zu blicken. Jenen, dessen Leben er mit zerstört hatte.
Es war wichtig, auch für ihn, aber es würde sicherlich kein gutes Gefühl sein.

Roy schaltete das Licht auf seinem Nachtisch an und griff nach seiner Taschenuhr. Lange starrte er die Gravur einfach nur an, fuhr mit den Fingern darüber. Er dachte an Heathcliff und er dachte an Hughes. Hughes, der noch immer schrecklich fehlte.
Mit einer schnellen Bewegung, als könnte er dadurch, die dunklen Gedanken ebenso schnell vertreiben, öffnete er den Deckel der Uhr. Es war erst fünf Uhr am Morgen. Noch würde er ein paar Stunden Zeit haben, ehe er aufstehen musste.
Er legte die Uhr wieder hin und schaltete das Licht aus. Doch so sehr er sich bemühte, er fand keinen Schlaf mehr. Er lag einfach nur da und dachte an den Krieg.
Wie viele waren es, die er auf dem Gewissen hatte? Hunderte oder Tausende? Wie viele Städte hatte er in Schutt und Asche gelegt?
Der Held von Ishval.
Roy lachte auf. Er war wohl eher der Teufel von Ishval!


Als die ersten Sonnenstrahlen den Weg in sein Schlafzimmer fanden, erhob er sich schwerfällig und ging ins Bad. Er war müde und fühlte sich vollkommen ausgelaugt. Man sah ihm die wenigen Stunden Schlaf sicherlich an. Kurz blickte er in den Spiegel.
Er sah schmal aus.
Überhaupt nicht wie der Held von Ishval.
Roy pellte sich aus seinen Klamotten und stieg dann unter die Dusche. Danach zog er die Uniform über und nahm einige Schlucke Kaffee, in der Hoffnung wach zu werden, ehe er das Haus verließ und in seinen Wagen stieg.
Sein Weg führte heute nicht direkt zur Arbeit, sondern ins Krankenhaus. Er hatte einen lästigen Termin, der sich nicht vermeiden ließ. Er räusperte sich und kurz darauf spürte er ein Ziehen in seinem Brustkorb. Da wusste er, die Untersuchung würde sicher nicht so ausfallen, wie er wollte.

Roy seufzte, als er den Wagen vor dem Krankenhaus parkte und ausstieg. Diese lästige Lungenentzündung hatte ihn nun schon Monate im Griff, reicht es nicht langsam?
Sicher war er auch daran selbst schuld. Er hatte sich nicht die Ruhe gegönnt, die er benötigt hätte, sich in Arbeit gestürzt. Aber was hätte er tun sollen? Der Führer hatte ihm den Wiederaufbau Ishvals anvertraut und er musste jetzt funktionieren. Das war eine wichtige Stufe auf dem Weg nach oben.

Zu seinem Glück hatte er nicht lange warten müssen, ehe ihn die durchaus gut aussehende und junge Krankenschwester zum Arzt durchwinkte.
„Oberst Mustang“, begrüßte ihn der Arzt mit kräftigen Händedruck, den er so gut es ging erwiderte. „Sollen wir beginnen?“
Er lächelte aufgesetzt. „Umso weniger Zeit ich hier verschwende, desto mehr bleibt für anderes.“
Roy setzte sich auf den Hocker und knöpfte sein Hemd auf. Nur kurz darauf spürte er das kalte Stethoskop auf seiner Haut.
„Haben Sie noch Beschwerden?“, fragte der Arzt.
„Manchmal“, antwortete er wahrheitsgemäß. „Dann tut es beim Einatmen weh. Meist früh morgens.“
„Husten Sie bitte, Oberst.“
Roy kam der Aufforderung nach und hustete einige Male.
Das Stethoskop bewegte sich auf die andere Seite seines Rückens. „Noch einmal.“
Er hustete wieder. „Werde ich nach Ishval fahren können?“, fragte Roy, als der Arzt vom Rücken auf seine Brust wechselte. „Was sagen Sie, Doktor?“
„Ishval, hm?“
„Ja. Stellt das ein Problem dar? Letztes Mal sagten Sie, dass es keine Schwierigkeiten gäbe, also …“
Der Arzt ließ ihn nicht ausreden: „Sie haben in den letzten zwei Wochen wieder abgenommen.“
Roy lächelte. „Ich war noch nicht einmal auf der Waage, Doktor.“
„Man sieht es Ihnen an, Sir.“
„Der Stress. Viele Termine, man kommt kaum zum Essen“, antwortete er flapsig.
„Haben Sie täglich ihre Temperatur kontrolliert?“
„Natürlich“, erklärte Roy. Ein paar Mal hatte er es nach der Arbeit verschwitzt, aber das musste man dem Arzt ja nicht auf die Nase binden. Es machte keinen Unterschied. „Kein Fieber.“
„Es könnte sein, dass ihre Lungenbeschwerden chronisch werden, Oberst. Sie müssen auf sich achten.“
„Sie sind also der Meinung, ich sollte nicht nach Ishval reisen?“ Roy sah dem Arzt in die Augen. „Aus welchem Grund. Denken Sie, es könnte sich verschlimmern?“
„Es könnte sein, ja. Ihre Lunge hört sich schlechter an als bei ihrem letzten Besuch. Sicher durch den Stress, immerhin hatten Sie in den letzten Monaten häufiger leichte Rückfälle. Nichts, was man durch ein paar Tage Ruhe nicht wieder hinbekäme, aber ich nehme an, die werden sie in Ishval nicht bekommen.“
„Wie lange sollte ich warten?“
„Ich würde ein bis zwei Monate anpeilen, Oberst. Bis dahin wird die Entzündung vollständig abgeheilt sein.“
„Sie sagten Tage. Das ist zu lang, Doktor. Wie stellen Sie sich das vor, soll ich die Friedensverhandlungen verschieben, jetzt noch einen Ersatz finden?“
Der Arzt verzog das Gesicht. „Ich kann Ihnen keine Befehle geben, Oberst. Ich sage nur, dass Sie auf sich achten sollten.“
„Wie sicher ist es, dass es sich durch Ishval verschlechtern wird?“, fragte Roy.
„Natürlich überhaupt nicht“, erklärte der Arzt. „Ich kann nur beurteilen, dass sich die Symptome wieder verschlechtert haben. Sie arbeiten zu viel. Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Ich kann Sie zu nichts zwingen, das wissen Sie.“
Mustang knöpfte sein Hemd wieder zu und nickte. „Ich werde über ihre Einschätzung nachdenken.“
Der Arzt nickte und löste sich von ihm. Roy beobachtete, wie er sich hinter seinen Schreibtisch setzte und etwas in die Akte schrieb. „Schreiben Sie das so auf? Das Sie meinen, ich wäre nicht fit genug für die Reise? Wird der Führer das sehen?“
Der Mann blickte auf und lächelte. „Ja und nein. Nein, der Führer wird es nicht sehen.“
„Gut“, murmelte Roy und zog seine blaue Uniformjacke über. Er hatte sich schon für Ishval entschieden, er wollte nicht, dass er womöglich gezwungen wurde, in Central zu bleiben. Er musste das machen. Er würde sonst nie Ruhe finden.
„Entschuldigen Sie meine unangebrachte Nachfrage, aber wieso?“
Roy zog die Stirn in Falten. „Wieso was?“
„Ishval. Wieso diese Verhandlungen? War nicht alles gut so, wie es war? Brauchen wir diesen Frieden?“ Der Arzt lehnte sich vor und faltete die Hände auf der Tischplatte. „Sollten sich die Ishvaler nicht viel mehr uns endlich anpassen? Wir sind Ihnen überlegen, sollten sie das nicht begreifen?“
„Sie sind der Meinung der Friedensgegner“, stellte Roy fest. Er hatte ähnliche Meinungen in den letzten Monaten schon häufig gehört. Nicht jeder war mit den Plänen einverstanden den Ishvalern ihr Land und ihre Freiheit wiederzugeben. Nicht selten gab es große Protestmärsche in Central. Nicht selten wurde er in den letzten Wochen auf der Straße beschimpft. Ausgerechnet er, der Held von Ishval, stellte sich auf die Seite des „Feindes.“
„Ich sehe nur den Sinn nicht. Was verspricht man sich davon?“, fuhr der Arzt fort.
„Frieden“, antwortete Roy ruhig. „Wiedergutmachung für unsere Taten. Wir haben ein Volk fast ausgerottet, reicht das nicht?“
„Ein Volk, welches sich gegen unser Land stellen wird“, erwiderte der Arzt mit einem schiefen Grinsen. „Sie sind zu nett zu Ihnen, ich sage, Sie werden uns ein Messer in den Rücken rammen, wenn wir nicht hinsehen.“
„Mit Verlaub, das ist eine Behauptung, für die Ihnen jeglicher Beweis fehlt.“ Inzwischen tat sich Roy schwer die Wut in seiner Stimme zu verstecken. „Waren Sie im Krieg, Doktor?“
„Nein, aber das heißt nicht, dass ich die Lage nicht einsch…“
„Sehr wohl heißt es das. Glauben Sie mir, ich war dort! Ich kenne dieses Volk! Ich weiß, wie es gelitten hat und ich weiß, dass es unsere Pflicht ist ihnen Sicherheit zu geben!“
Er stand auf und salutierte. „Sie Entschuldigen mich. Ich habe noch zu tun!“


*


„Wie ist es gelaufen, Sir?“
Roy drehte sich überrascht um und sah in das Gesicht seines treuen Leutnants.
Er hätte sich denken können, dass sie auf ihn lauern würde. „Ich habe nicht darum gebeten, abgeholt zu werden, Hawkeye“, antwortete er.
Sie schien sofort zu merken, dass etwas nicht stimmte. Er konnte es in ihren Gesichtszügen sehen. „Gibt es Probleme, Sir? Hat der Arzt nicht sein Okay geben können?“
Roy winkte ab. „Meine Lunge macht keine Probleme.“
Aber er konnte nicht in Central bleiben. Wenn er in der Hauptstadt blieb, würde er seine Vergangenheit nicht hinter sich lassen können. Er musste nach Ishval, auch um seine Schuld wieder ein bisschen gutzumachen.
Außerdem war er sich nicht mehr sicher, ob er diesem Arzt trauen konnte. Vielleicht war das nur Vorgeschoben, um die Verhandlungen zu verzögern? Wer wusste das schon?
„Aber?“
Roy seufzte. „Such mir einen neuen Arzt, Leutnant.“
„Sie denken, dass seine Einschätzungen falsch sind, Sir? Hat er sich doch gegen die Reise nach Ishval ausgesprochen?“
Roy fuhr sich durch die schwarzen Haare. „Darum geht es nicht. Er ist einer dieser Ishval-Gegner.“
Riza nickte. „Ich verstehe, Sir. Ich werde mich darum kümmern. Wollen Sie noch vor der Abreise einen Termin?“
Er schüttelte den Kopf, dann jedoch nickte er. „Gut, wenn es sich machen lässt, ja.“
„Ich werde mich darum kümmern, Sir.“
„Bist du mit dem Auto, Leutnant?“
„Nein. Ich bin gelaufen. Ich habe mir gedacht, dass Sie sicher mit dem Auto sind, Sir. Soll ich Sie zur Arbeit fahren?“
Er lächelte. „Danke, Hawkeye.“
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