Obsession

von Mschlz
GeschichteRomanze / P18
Rory Tristan
31.08.2018
31.08.2018
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Regen tropfte gegen die Fensterscheibe wie ungeduldige Finger, während Rory missmutig die vorbeiziehende Landschaft betrachtete. Warum war sie nochmal hier? Ach ja, weil es "eine wichtige Erfahrung war, die eine junge Frau nicht verpassen sollte". Sie verdrehte die Augen, als sie sich an das verhängnisvolle Gespräch mit ihrer Mutter erinnerte.

"Wieso höre ich erst jetzt davon?" hatte Lorelai empört gerufen, als Rory den Fehler beging zu erwähnen, dass ihre Schulfreundinnen das letzte Wochenende ihrer Sommerferien in einem Ferienhaus auf dem Land verbringen würden. Wobei Ferienhaus wohl das falsche Wort für das war, was sie jetzt in der Ferne erblickte. Villa war eine durchaus passendere Beschreibung für die - zugegebenermaßen - architektonische Schönheit die zwischen überreifen Apfelbäumen auf der Spitze eines einsamen Hügels emporragte. Natürlich. Denn ihre Schulfreundinnen waren nicht die einzigen, die ihr Wochenende hier verbringen würden. Die gesamte, wenn auch kleine, Elite des Jahrgangs hatte sich hier versammelt, um in der Dugray Ferienresidenz (und nur die Dugrays kämen auf die Idee einen solchen Landsitz nur zu Ferienzwecken zu erwerben) die Sommerferien gebührend zu verabschieden.
Rorys Gedanken schweiften wieder ab zu dem verhängnisvollen Gespräch, das sie gegen ihren Willen in diese Situation manövriert hatte.

"Weil ich es nicht weiter wichtig fand. Schließlich habe ich nicht vor hinzugehen", antwortete sie ihrer Mutter schlicht. Sie konnte die Empörung in Lorelais Tonfall nicht nachvollziehen, aber so war ihre Mutter nun mal - einzigartig, untypisch und ab und an eine überraschende Laune der Natur. "Aber warum nicht?", begann Lorelai sofort zu quengeln.
Untypisch, ja das war das passende Wort für sie, denn jede andere Mutter hätte sich gefreut, dass ihre 17-jährige Tochter Abstand von den Chilton-Eskapaden nahm. Nicht jedoch Lorelai.
"Rory, das ist eine einmalige Gelegenheit. Bald beginnt dein letztes Schuljahr. Und damit die Vorbereitungen auf deinen Abschluss. Und ehe ich mich versehe werde ich dich nur noch über Bücher gebeugt vorfinden und hilflos dabei zusehen, wie du dir jede Pause und jeden Spaß verweigerst! Ich kenne doch mein Kind", warf sie ein, als Rory protestierend den Mund geöffnet hatte.
Ja sie musste zugeben, das Bild passte. Sie spürte, wie sich bei dem Gedanken ihre Mundwinkel von alleine hoben. Sie freute sich schon jetzt darauf sich wieder vollumfänglich in ihre Schularbeit zu stürzen. Was für andere eine Qual war, war Rorys Vorstellung von einem gelungenen Wochenende. Vergraben zwischen ihren Büchern, den Geruch von Papier und Textmarker in der Nase, das Geräusch, wenn Stift über Papier kratzte, wie Musik in ihren Ohren... Ihre Mutter hatte Recht, Rory würde sicherstellen, dass sie Chilton mit besten Noten abschloss, um dann ihrem Traum zu folgen. Harvard. Denn das war es, wofür sie so hart arbeitete. Harvard war der Grund, warum sie ihre Schularbeiten schon immer zu ihrer obersten Priorität erklärt hatte. Nur für Harvard ging sie überhaupt auf diese schnöselige Privatschule für Ferrari-fahrende Kinder, die die Möglichkeiten, die Chilton ihnen bot noch nicht einmal zu schätzen wussten.

"Selbst, wenn du Recht hast, was ist denn so schlimm daran, Mum?"
"Stimmt. Was sollte schon schlimm daran sein, dabei zuzusehen, wie die jugendliche Frucht meines Leibes sich jeden Spaß im Leben verweigert?", ächzte Lorelai dramatisch.
"Igitt, werd nicht wieder so grafisch", kicherte Rory, doch sie konnte schon den schalkhaften Trotz in den Augen ihrer Mutter aufblitzen sehen. Jetzt war Lorelai nicht mehr aufzuhalten, sie war in ihrem Element.
"Und da lag ich nun als ich in deinem zarten Alter war-" "Du warst sogar noch ein Jahr jünger" erinnerte Rory sie. "Pscht, unterbrich mich nicht! Da lag ich nun also, mein Bauch riesig wie ein Ballon und voller Dynamit. Stundenlang beschimpfte ich die Krankenschwestern und gebar in meinem schmerzhaftesten Moment meinen größten Schatz" "Oh je" seufzte Rory und verdrehte amüsiert die Augen. "Meinen größten Schatz“, fuhr Lorelai unbeirrt vor, als sie grinsend ihre Hand in einer theatralischen Geste zur Stirn führte „und ich schwor mir, dass sie das schönste Leben haben sollte, das ein Mensch sich nur ausmalen kann. Das war mein einziger Wunsch, während ich da vor Schmerzen geplagt auf dem Krankenbett lag! Und ich habe mein Bestes gegeben, um dir dieses Leben zu ermöglichen und jetzt willst du deiner armen Mutter ihren einzigen Wunsch verweigern?"
"Mum, jetzt übertreib doch nicht so", kicherte Rory. "Dein einziger Wunsch ist es, dass ich mich in ein abgeschiedenes Landhaus begebe, mit einem Haufen verwöhnter, reicher Jugendlicher - die mich nebenbei bemerkt nicht ausstehen können - um ihnen dort dabei zuzuschauen, was für Eskapaden sie sich einfallen lassen, wenn sie fernab von jeglichen Aufsichtspersonen sind?"
"Genau. Naja ganz so drastisch würde ich es aber nicht ausdrücken. Ehrlich Rory, ich will nur, dass du ein bisschen locker lässt, ein bisschen Spaß hast, vielleicht sogar noch ein paar neue Freundschaften - lass mich ausreden bitte" unterbrach sie Rorys Protest, noch bevor diese überhaupt den Mund öffnen konnte. Ja Lorelai kannte ihre Tochter in- und auswendig. "Ich weiß, dass du dir jetzt nicht vorstellen kannst, dass dieses Wochenende auch nur einen Funken Spaß für dich bereithalten könnte und ich weiß auch, dass dir nie im Traum einfallen würde zu denken, dass du dich mit der Chilton-Elite anfreunden könntest. Aber ich habe schon ein bisschen länger gelebt als du und dabei die ein oder andere Weisheit erlangt und ich glaube, dass du tatsächlich ein schönes Wochenende haben könntest. Und wenn es so schrecklich wird, wie du befürchtest, lasse ich dich danach in Ruhe deiner Schularbeit nachgehen und mische mich nicht mehr ein. Ehrenwort" beendete sie ihre Argumentation zufrieden.
"Na das wäre ja mal eine willkommene Abwechslung" murmelte Rory in ihren Kaffee.
"Siehst du" schmunzelte Lorelai. "Aber, wenn du nicht hingehst", drohte sie, "dann werde ich jedes Mal wenn du dein Buch aufschlägst quengeln, dass wir lieber etwas unternehmen sollten und vielleicht lege ich mir dafür sogar einen französischen Akzent zu. Zur Abwechslung", erklärte sie auf Rorys fragenden Blick.
"Na schön, ich denke zumindest darüber nach", lenkte Rory ein, doch als Lorelai einen Triumph witterte war sie nicht mehr aufzuhalten. "Das werte ich als 'ja' und somit bleibt keine Zeit mehr nachzudenken. Wir müssen shoppen".

Und so fand sich Rory einige Tage später in Madelines kanariengelbem Cabrio wieder, auf dem Weg in die Hölle, daran hatte Rory keinen Zweifel. Es war ihr immer noch ein Rätsel, warum sie überhaupt eingeladen wurde.
"Verdammter Regen, ich hab mich so gefreut mit offenem Verdeck zu fahren. Frank ist doch noch so neu, da kam ich noch nicht dazu ihn einzufahren und außerdem profitieren meine Haare von Wind! Das gibt diesen sexy zerzausten Look" Seit sie losgefahren waren quengelte Madeline alle zehn Minuten über das Wetter. Und darüber, dass "Frank" ohne Verdeck einfach schicker aussah. Ja, sie hatte ihr neues Cabrio Frank getauft. Über solche Kleinigkeiten wunderte sich niemand mehr, wenn es um Madeline ging. Sie war eben etwas exzentrisch. Und unfassbar oberflächlich, musste Rory grinsend zugeben, als sie beobachtete, sie Madeline ihren Rückspiegel so einstellte, dass sie während der Fahrt nur sich selbst im Blick hatte. Sie kam sich schrecklich underdressed vor im Vergleich zu den anderen Mädels, die sich in Schale geworfen hatten, als hätten sie nachher ein Fotoshooting mit einem Model-Agenten. "Wer weiß", dachte Rory. "Vielleicht gibt es ja tatsächlich ein Fotoshooting. Oder Fallschirmspringen, oder vielleicht wartet oben auf dem Hügel tatsächlich ein Zirkus auf mich". Sie war auf alles gefasst. Sie würde das Wochenende mit der Sorte Menschen verbringen, denen sie alles zutrauen würde.

Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und zwang sich, nicht zu genau darüber nachzudenken was sie noch alles erwarten würde. Stattdessen versuchte sie dem Radio zu lauschen. Die Musik, die Madeline ausgesucht hatte entsprach zwar nicht unbedingt Rorys Geschmack, aber es war immer noch besser als den Gesprächen der anderen zu lauschen. Trotzdem kam Rory nicht ganz umhin einige Schnipsel der Unterhaltung aufzuschnappen. "Ich hab definitiv zu wenig Haarspray dabei" quengelte Louise. "Meine Haare werden schon ganz störrisch, wenn ich das Wetter nur ansehe! Wenn das so bleibt werde ich das ganze Wochenende keinen Schritt vor die Tür setzen können." "Ich bin sicher du findest auch drinnen etwas womit du dich amüsieren kannst" neckte Madeline. "Oder jemanden“, setzte sie zwinkernd hinzu. "Das hoffe ich doch!", seufzte Louise. "Ich weiß nicht recht ob das Buffet meinen Ansprüchen genügt. Die Hälfte der Jungs, die mitkommen hatte ich schon und ich steh nicht wirklich auf Wiederholungen. Gähn. Und die andere Hälfte ist nicht unbedingt mein Typ.… außer Tristan vielleicht", kicherte sie.

"Tristan DuGray - natürlich", dachte Rory augenverdrehend. Jeder war hingerissen von dem jungen, blonden und unverschämt gut aussehenden Dugray Erben. Alle Mädchen wollten bei ihm sein und alle Jungs wollten sein wie er. Ein Phänomen, das Rory partout nicht nachvollziehen konnte. Sicher, er war attraktiv. Das musste sogar Rory zugeben, selbst wenn sie ihn nicht leiden konnte. Aber ihrer Meinung nach zählten die inneren Werte mindestens genauso viel. Eine Einstellung, die von ihren Klassenkameradinnen scheinbar überhaupt nicht geteilt wurde.

"Tristan? Den hatte ich mir für das Wochenende vorgenommen", tadelte Madeline. "Du weißt doch, dass ich seit neuestem auf Blond stehe", sie drehte sich zu Louise um. "Na dann werden wir ihn wohl teilen müssen", sinnierte Louise mit einem verführerischen Lächeln um die Lippen. "Mal sehen", Madeline zuckte mit den Schultern und fuhr sich durch die kunstvoll gelockten blondgefärbten Haare. "Eigentlich teile ich nicht so gerne, aber vielleicht kann ich eine Ausnahme für meine beste Freundin machen", sie zwinkerte in den Rückspiegel. "Wäre schließlich nicht das erste Mal", prustete Louise hervor.
Oh Gott, worauf hatte Rory sich da nur eingelassen. Das war nicht ihre Welt. Ihre Welt war die der Bücher und ausgewählter Film-Klassiker. Dies war eine ganz andere Realität, musste Rory erschrocken feststellen. Eine, in der ein Dreier genauso leger verabredet wurde, wie eine Tasse Kaffee. Sie passte nicht hierher und sie konnte es kaum erwarten diesen Alptraum hinter sich zu bringen. "Ruhe, ihr zwei! Von dem Geplapper bekommt man ja Kopfschmerzen. Und außerdem dreht sich mir der Magen um", meldete sich Paris zu Wort, zum ersten Mal seit sie losgefahren waren. Sie hatte den Beifahrersitz beansprucht, mit den Worten, dass ihr sonst schlecht werde und seitdem hatte sie konzentriert aus dem Fenster gestarrt und sich in Schweigen gehüllt. Der Grund dafür wurde jetzt offenkundig, da sie sich wütend umdrehte und ihre schweißglänzende Stirn, gepaart mit ihrem leicht grünlichen Teint präsentierte.
"Wenn ihr weiterhin vorhabt so vulgär vor euch hinzuplappern müssen wir kurz rechts ranfahren, damit ich dir nicht deinen geliebten Frank vollkotze". "Schon gut, schon gut", rief Madeline, offenbar panisch bei dem Gedanken, dass der Neuwagengeruch von Erbrochenem überschwemmt werden könnte. Rory musste grinsen und war insgeheim dankbar, dass Paris auch dabei war. Sicher selbst von ihren Eltern dazu genötigt, denn sie passte ebenso wenig in diese Welt wie Rory. Doch zumindest wurde Paris im Gegensatz zu ihr akzeptiert...
Sie legten die letzten fünf Minuten schweigend zurück, während der Asphalt am Ende der Straße nahtlos in eine elegante Einfahrt überging und Rory den Kies unter den Reifen knirschen hörte. Sie waren in der Hölle angekommen, dachte Rory, obwohl sie zugeben musste, dass diese spezielle Hölle sehr hübsch war. Der Ausblick war fantastisch. Das Anwesen war gesäumt von Säulen in antikem griechischem Stil, deren Schönheit Rorys Herz einen kleinen Stich versetzten. Hoch oben auf dem Dugray-Hügel konnte sie die ganze Landschaft bewundern, die sich unter ihr erstreckte und einen trügerische Friedlichkeit verbreitete. Kein Straßenlärm war weit und breit zu hören, nun, da sie buchstäblich mitten im Nirgendwo angekommen waren. Die einzigen Geräusche, die Rory ausmachen konnte, waren das Rauschen des Windes, das ungeduldige Trommeln der Regentropfen und das Ächzen der Apfelbäume, die sich unter der Last ihrer schweren, reifen Früchten beugten. Nicht einmal Vogelgezwitscher war zu hören, ein sicheres Anzeichen für einen aufziehenden Sturm.


---Anmerkung: Ich hoffe dieses kurze erste kapitel hat euch gefallen. Dies ist meine erste Fanfiktion und ich habe sie geschrieben, weil ich kürzlich erst selbst auf diese wundervolle Art des Geschichtenerzählens gestoßen bin. Jedoch war ich nie voll umfänglich zufrieden mit den Enden, die meine Neugier nicht vollends stillen konnten. Ich werde daher versuchen die Geschichte so detailliert wir möglich zu schreiben.

Bitte bedenkt, dass dies das erste Mal ist, dass ich etwas schreibe, das kein wissenschaftlicher Text ist. Für konstruktive Kritik und das ein oder andere freundliche Review bin ich daher unbedingt dankbar. Wenn mein Schreibstil euch gefällt, werde ich definitiv weiterschreiben und versuchen diese Geschichte zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Zwei weitere Kapitel habe ich bereits fertig und werde sie wohl veröffentlichen, unabhängig davon, wie dieses erste Kapitel bei euch ankommt. Ich bitte daher diejenigen unter euch, in deren Augen diese Geschichte noch Potenzial hat, dran zubleiben und der Entwicklung eine Chance zu geben ---