Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Horror / Horror / Stille

Stille

GeschichteKrimi, Schmerz/Trost / P16
30.08.2018
08.04.2019
16
27298
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Familie?



Das Auto wurde langsamer und blieb schließlich stehen. Die vordere Tür des Autos fiel knallend zu, als der Juwelier ausstieg. Ich tat es ihm nach. Immerhin hatte ich keine Lust, im Wagen zu bleiben. Vor allem, weil ich nun meine Familie wiedersehen würde. Also, wahrscheinlich. Sofern der Fremde es sich nicht anders überlegt hatte standen die Chancen ziemlich hoch.

Damit ich nicht abgehängt wurde, huschte ich so schnell ich konnte um das Gefährt herum. Der Mann war nämlich direkt über die Straße gegangen. Nicht einmal umgeschaut hatte er sich.

Um nicht vom nächstbesten Auto umgenietet zu werden, schaute ich jedoch lieber nach links und rechts. Dann rannte ich über die Straße und kam dem Juwelier hinterher.

Also ich schließlich aufgeholte hatte liefen wir schweigend nebeneinander. Ich wusste nicht, worüber ich reden sollte und der Andere wollte dies vermutlich nicht einmal.

Daher schluckte ich die Frage, die mir auf der Zunge lag, herunter und sagte nichts. Auch wenn ich unbedingt wissen wollte, wohin der Weg führte.

Die Minuten zogen sich. Nur eine einzige Sache hielt mich davon ab, den Mann mit tausenden von Fragen zu bestürmen. Nämlich die Stadt.

In der Einkaufsstraße waren bei weitem mehr Menschen gewesen. Aber trotzdem musterte ich die Leute verblüfft.

Die Autos sahen auch alle unterschiedlich aus. Einige hatten nur eine Farbe. Andere waren knallbunt. Zu meiner Enttäuschung waren die bunten Wägen eher selten. Wenn dann aber doch mal einer auftauchte freute ich mich umso mehr.

Abgesehen von den Menschen und Autos waren da noch ab und an einige kleine Läden am Straßenrand. Nach wenigen Minuten des Laufens wurden diese allerdings immer weniger.

Vielleicht liefen wir ja langsam aus der Stadt raus? Im Stadtkern befanden sich ja oftmals dichter gedrängte Geschäfte.

Als wir noch weitere fünfzehn Minuten gelaufen waren, hielt ich es letztendlich nicht mehr länger aus.

„Wohin gehen wir?“, fragte ich. Meine Stimme klang quengeliger als beabsichtigt. Hoffentlich war der Mann jetzt nicht genervt.

„Erfährst du schon noch früh genug!“, schnauzte er. Etwas Hilfreicheres hatte ich jedoch gar nicht erwartet. Daher erwiderte ich einfach nichts und wir verfielen wieder in dieses unangenehme Schweigen.

Jedenfalls, bis der Fremde plötzlich abrupt stehenblieb.

Leider war ich gerade noch mit ziemlich großen Schritten den Weg entlanggestiefelt – um mit dem Erwachsenen Schritt halten zu können. Dadurch knallte ich gegen ihn und erntete einen wütenden Blick.

„Pass auf, wo du hin trampelst!“, mahnte der Mann gereizt und verzog das Gesicht zu einer angesäuerten Grimasse. Dann fasste er sich jedoch wieder.

Verwundert sah ich zu, wie er einen Schritt nach rechts trat. Dann erblickte ich das metallene Tor. Dieses öffnete der Juwelier und trat hindurch. Ich folgte ihm einfach. Möglicherweise wohnte meine Familie ja hier irgendwo? Ich wollte fragen, ob es noch lange dauern würde. Doch der Mann packte mich an der Schulter und schob mich vorwärts. Ich wehrte mich nicht. Solange er mich zu meiner Familie brachte, würde ich überall hingehen.

Nach einiger Zeit musste ich etwas feststellen. Dies hier war kein Weg zum Haus meiner Familie. Es war auch kein Garten oder so etwas in der Art.

Es war ein Friedhof.

Das erkannte ich an den Grabsteinen. Diese ragten zuerst nur vereinzelt aus der Erde. Dann wurden es aber immer mehr, bis wir schließlich auf einen Weg kamen, an dessen Rand Dutzende davon standen.

Aber trotz dieser Erkenntnis lief ich weiter. Immer weiter, hinter dem Fremden her. Bis wir schließlich an eine Art kleines Haus kamen. Das Haus war aus grauen Steinen erbaut und wurde nach hinten hin immer schräger. Fast, wie eine Treppe.

Es machte allgemein jedoch keinen bösen Eindruck. Also folgte ich dem Mann weiterhin. Eine Frage konnte ich mir jedoch nicht verkneifen: „Was ist das für ein Haus?“

„Nichts worüber du dir Gedanken machen musst. Wir werden nur einen kleinen Zwischenstopp machen und dann weiter gehen“, meinte der Juwelier mit ausdrucksloser Stimme, während er einen Schlüssel ins Schloss steckte und umdrehte.

Ich runzelte die Stirn. Musste das sein? Ich wollte endlich nachhause kommen und meine Familie wiedersehen! Aber trotz meines Widerwillens blieb ich still und folgte dem Mann in des „Haus“ hinein. Ich hoffte, dass es nicht so lange dauern würde.

Aber meine Hoffnungen wurden enttäuscht.

Kaum, dass ich einen Fuß auf die nachunten führende Treppe gesetzt hatte, bekam ich schon einen Stoß. Um mein Gleichgewicht bemüht, versuchte ich irgendwo Halt zu finden. Aber auch damit hatte ich kein Glück. Die Fingerspitzen streiften nutzlos an den Wänden entlang. Dann verlor ich das Gleichgewicht und purzelte unsanft die Treppe hinab.

Größtenteils gelang es mir, den Sturz abzufangen. Meine Hände mussten dadurch allerdings leiden. Ich fiel nämlich nach vorne und versuchte mich mit den Armen abzubremsen. Das funktionierte auch. Was ich nicht bedacht hatte, war, dass ich dann noch weiterrutschen könnte. Der Schwung ließ mich die restliche Treppe hinabrutschen – immer mit den Handflächen voran.

Irgendwo hinter mir fiel die Tür ins Schloss und wurde verriegelt. Der schmale Lichtschein, den ich vorher von gesehen hatte, verschwand. Vollkommene Dunkelheit umfasste mich.

Ich wusste nicht, was zu tun war. Fliehen? Unmöglich. Da ich noch nicht einmal meine Hand vor den Augen sehen konnte fiel diese Möglichkeit weg.

Einfach hier sitzen bleiben und warten, bis mich jemand herausholte? Ebenfalls ausgeschlossen. Woher wollte ich wissen, dass ich hier jemals wieder herauskam?

Andere Optionen gab es – soweit ich wusste – nicht. Keine guten Möglichkeiten. Aber weil ich etwas gegen die Tatsache hatte, dass ich sonst langsam hier drinnen verrotten würde, entschied ich mich für die erste. Flucht.

Wie genau ich das ganze anstellen wollte, war mir nicht klar. Aber das würde schon noch werden. Also robbte ich langsam dorthin, wo ich die Treppe vermutete. Dabei vermied ich es, mit meinen Handflächen den dreckigen Boden zu berühren. Immerhin wollte ich nicht, dass Dreck in die nun erneut geöffneten „Wunden“ kam.

Mein rechter Arm berührte die unterste Stufe. Dann die darüber.

Das war definitiv die Treppe. Ohne weiter nachzudenken richtete ich mich auf. Ein Stöhnen entwich mir. Morgen würde ich wegen dem Sturz wahrscheinlich voller blauer Flecken sein.

Schnell verbannte ich diese Gedanken jedoch aus meinem Kopf. Jammern brachte mich in dieser Situation auch nicht weiter. Ich musste mich voll und ganz auf die Flucht konzentrieren. Ansonsten würde ich es niemals hier herausschaffen.

Meine Hand – oder besser gesagt die Außenseite meiner Hand – fuhr an der Wand entlang, während ich der Treppe nach oben folgte.

An der Eingangstür angekommen blieb ich stehen. Was nun? Die Tür rührte sich keinen Millimeter vom Fleck. Dazu kam noch, dass ich bei dieser Finsternis schlecht einen anderen Ausgang finden konnte.

Doch was hatte ich eigentlich erwartet? Das die Tür sofort beim ersten Versuch sie zu öffnen aufschwingen und mich freigeben würde? Nein, hatte ich nicht. Aber frei kommen wollte ich dennoch. Also weiter. Wo konnte ich sonst noch suchen? Am besten war es wohl, wenn ich mich zuerst an der Wand entlang tastete.

Vorsichtig, als konnte ich jederzeit in etwas Gefährliches fassen arbeitete ich mir meinen Weg voran. Für einige Zeit war rein Garnichts da.

Bis meine Hände eine Spalte ertasteten. Eine große. Schon nach wenigen Sekunden war ich mir sicher, dass sie so riesig war, dass ich bestimmt komplett hineingepasst hatte. Na ja, wenn sich nicht etwas darin befunden hätte.

Es fühlte sich hölzern an. Glatt.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Ich sprang hektisch zurück. Weg von diesem Ding. Weg von dem, was darinnen lag.

Ich würde nicht einen weiteren Schritt durch diesen Raum machen. Wer weiß wie viele andere Dinger hier noch waren!

Das Letzte, was ich vorhatte, war einen verdammten Sarg zu untersuchen! Nun fiel mir auch der leicht vermoderte Geruch in dem Haus – einer Gruft, wie ich nun erkannte – auf. Angewidert rümpfte ich die Nase. Ich wollte raus aus diesem Horrorhaus.

Gezwungen zu werden, jemanden umzubringen, war das Eine. Mit Toten eingesperrt zu sein, das Andere. Und auch wenn mir beide nicht sonderlich gefielen zog ich die erste der zweiten vor.

War es das, warum der Fremde mich hier eingesperrt hatte? Damit ich hier jämmerlich starb und anfing zu vermodern? Allein der Gedanke jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken.

Was, wenn der Mann dies bereits mit anderen Opfern gemacht hatte? Wie viele Leichen mochten noch hier unten liegen und langsam zu verfallen? Ich wollte lieber nicht genauer darüber nachdenken. Aber dennoch…

Unbehaglich zog ich die Knie unters Kinn.

Ich wollte nicht so schutzlos mitten im Raum sitzen. Eine schützende Wand im Rücken wäre genau das Richtige. Aber ich hatte zu große Angst. Wollte nicht, dass an der Wand oder im Raum Sachen waren, die ich nicht sehen oder fühlen wollte. Also blieb ich einfach sitzen, unwissend, ob ich jemals wieder aus diesem Loch herauskommen würde.
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