Namarie

OneshotFamilie / P12
OC (Own Character)
29.08.2018
29.08.2018
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„Nun, welches deiner vortrefflichen Pferde hast du mir zugedacht?“, zog die Stimme von Großmutter meine Aufmerksamkeit auf sich und von den Riemen der Sättel weg. Alle Pferde, deren Vertrauen ich gewonnen hatte standen am Rande der Lichtung, angebunden an den niedrigsten Ästen der mächtigen Mallornbäume und warteten auf ihre Reiter, die sie durch halb Mittelerde tragen sollten. Zuerst verstand ich nicht, wofür Eilianeth auch ein Pferd brauchen sollte, doch als ich mich zu ihr umwandte wurde mir der Grund schmerzlich bewusst. Mit Reitkleidung und Mantel, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte und mit einer dicken Rolle, aus der verschiedenfarbige Stoffe lugten unter dem Arm stand sie da und sah mich abwartend an.

„Du kannst nicht mitkommen!“, bestimmte ich. „Du hast diesen Platz zu einem Zuhause gemacht, ohne dich wäre ich schon längst nicht mehr hier!“

„Wo wölltest du denn hin?“, fragte Eilianeth interessiert.

„Was weiß ich,“, entgegnete ich verwirrt, hatte ich doch damit gerechnet, dass sie sofort versuchen würde, mich umzustimmen und diese Reise doch anzutreten. „Minas Tirith, Edoras, Beutelsend, meinetwegen sogar in die glitzernden Grotten.“

„Du hättest jederzeit gehen können und doch bist du noch hier.“, stellte Eilianeth fest.

„Nein, weil ich nicht auch die letzten meiner Familie verlieren kann!“, rief ich verzweifelt. Konnte oder wollte Großmutter mich nicht verstehen?

„Du bist nicht ganz aufrichtig, Eruan!“, tadelte sie. „Du weißt um deine Pflichten, die du zu erfüllen hast, deshalb bist du noch hier.“

„Und der Sinn der Erfüllung dieser Pflichten erlischt mit deinem Fortgang! Wofür soll ich das Land schützen, wenn nicht für meine Familie?“, steigerte ich mich weiter in meine Verzweiflung hinein.

„Und wenn du Lothlorien verlässt, sobald ich nach Valinor aufbreche, was wird dann aus deinen Freunden? Machen sie nicht auch Lothlorien zu deinem Zuhause? Was wird aus deinem Erbe?“ Eilianeth sprach so ruhig wie eh und je, fast so, als säßen wir im hellen Mondlicht und sie erzählte mir eine Geschichte und doch hörte ich die Anklage in ihrer Stimme.

Ich schnaubte nur unwillig: „Meine Freunde leben in weit entfernten Ländern oder sind tot! Einzig mit Gondil und Tergon verbindet mich noch mehr, als den selben Herr, dem wir dienen. Vermutlich würden sie sogar mit mir kommen, wenn ich sie darum bitten würde, aber ich will sie nicht von ihrer Heimat losreißen, genau so wenig, wie ich dieses Erbe will. Ich schere mich nicht um Grenzen und ich bezweifle, dass ich auf einem Thron bestehen könnte. Nein, ich würde ihn hergeben, um wenigstens den Namen meiner Mutter zu erfahren!“

Ein trauriger Zug legte sich um Eilianeth Stirn und mitfühlend strich sie mir über die Haare. „Du weißt, doch, dass die Namen der Toten bei den Nandor nicht mehr genannt werden.“, erinnerte sie mich sanft. „Aber dein Erbe, die Krone des Waldlandreiches musst du nicht für dich zurückgewinnen und erst recht nicht für mich, sondern für das Elbenvolk, welches rechtmäßig das Deine ist und welches nicht länger in Furcht und Misstrauen voreinander leben soll.“

„Ich weiß, dass meine Worte selbstsüchtig klingen.“, nahm ich vorweg. „Und doch sage ich sie, denn handelst nicht auch du, die begabteste Heilerin östlich des Nebelgebirges, selbstsüchtig, indem du jene, die deiner Hilfe bedürfen könnten zurücklässt und nach Valinor gehst? Warum sollte ich also einen Thron erlangen, den ich nicht begehre und von dem ich nicht weiß, wie ich ihn gewinnen soll, außer mit Gewalt, die ich gegen mein Volk, wie du es nennst, nicht anzuwenden wage.“

„Selbstsüchtig mag es erscheinen. Doch wie auch dich, habe ich viele junge Elblinge in der Kunst des Heilens unterwiesen, sodass ich mit Gewissheit sagen kann, dass ich niemanden hilflos zurücklasse.“, verteidigte sich Eilianeth.

„Kannst du nicht!“, erwiderte ich. „Mich lässt du hilflos zurück mit einer Aufgabe, die du als wichtig erachtest, zu der du mich überredet hast und doch willst du mich diesen Weg allein gehen lassen.“

Mit einem tiefen Atemzug schloss Großmutter die Augen und stieß zischend die Luft aus, ehe sie antwortete: „Warum fragst du nicht deine Onkel? Rúmil und Orophin sind weitaus jünger als ich und dir mit Sicherheit auch nützlicher, als eine alte Frau mit klugen Ratschlägen, die sowieso keiner befolgt.“

„Ich würde versuchen sie zum Hierbleiben zu bewegen, wüsste ich nicht, dass sie sich an Starrköpfigkeit mit einem Zwerg messen könnten. Sie würden vielleicht auf mich hören, wenn ich ihnen als ihr Heerführer befehlen würde in Lothlorien zu bleiben, nur kann ich ihnen in diesen Belangen nichts befehlen.“

Eilianeth kicherte zuerst leise: „Nun und woher meinst du haben meine Söhne wohl ihre Starrköpfigkeit? Auch mich wirst du, meine letzte Reise betreffend, nicht umstimmen können.“ Und dann lachte sie schallend los.

Verletzt und Enttäuscht starrte ich Großmutter an. Weidete sie sich an meinem Schmerz und meiner Verzweiflung, oder waren meine Versuche, sie zum Verbleib in Lothlorien zu bewegen derart lächerlich? Ringsum hatten sich immer mehr Elben versammelt und bestiegen mit gegenseitiger Hilfe die Pferde, die ich sämtlich in der vorangegangenen Nacht gesattelt hatte. Einige lenkten ihre Reittiere ungeduldig in einem Kreis um die Wiese am Springquell, während andere nervös die Verschnürung ihres Gepäcks überprüften und wieder andere hatten unverhohlen unserem Gespräch gelauscht und warfen mir nun mitleidige Blicke zu.

„Was?“, fauchte ich Großmutter an, verärgert darüber, dass ich ihr meine Gefühle offenbarte, meine Schwäche zugab und sie trampelte es mit Füßen. „Was ist so lustig an den Herzensqualen, die ich deinetwegen Leide? Muss ich erst in Tränen ausbrechen und dich auf Knien anflehen, ehe du mir glaubst, dass es mir ernst ist?“

Schlagartig verstummte Eilianeth, Tränen traten ihr nun in die Augen und ein sanftes Lächeln schmückte ihre Lippen. Sie nahm mein Gesicht zwischen ihre Hände und strich fortwährend mit den Daumen über meine Wangen, als wischte sie Tränen trocken. „Oh, meine Kleine, wie sehr zeigt sich doch deine Liebe in deinem ungestümen Bestreben mich hier zu behalten. Ich habe niemals an deiner Liebe zu mir gezweifelt, denn ich konnte sie deinen Taten entnehmen, wenn auch nicht deinen Worten und manchmal gibt es nichts schöneres, als die Bestätigung seiner Vermutungen aus dem Mund des betreffenden Wesens zu hören. Dafür sind wir die Quendi, die Sprechenden.“

„Ich liebe dich!“, sagte ich und meinte es auch so. „Wenn es das ist, was du hören willst und wenn du nur hierbleibst, kann ich es dir jeden Tag von früh bis spät so oft sagen, wie du es nur hören möchtest.“

„Spar sie dir auf, deine Liebe.“, wies mich Eilianeth zurück und küsste mich auf die Stirn. „Spar sie dir auf für deinen Mann und eure Kinder. Ich bin müde, so unsagbar müde und Daeron wartet auf mich.“

Endlich glaubte ich die Gründe von Großmutters Aufbruch zu verstehen, denn die Einsamkeit, die sie ohne ihren Geliebten fühlen musste war mir nicht fremd und Eilianeth hatte sie schon so viel länger, so viele Jahrhunderte erduldet. Zähneknirschend gab ich mich geschlagen, lehnte meine Stirn an die meiner Großmutter und hob sie auf Silivren, bevor ich mich selbst auf Tinnus Rücken schwang und an der Spitze des Zuges durch das Stadttor von Caras Galadhon ritt, mit einem Gefolge, welches ich nie wieder zurückführen sollte.