Das Romeo-Syndrom

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
29.08.2018
14.12.2018
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AN: Ich gebe es zu ... dieses Kapitel gehört den Nebenfiguren *-*
#teamviktor #teamlucius


XXVII – Die Konsequenzen



Die ganze Woche über ließ Draco nichts von sich hören und da sie davon ausging, dass er über ihren Besuch in Malfoy Manor unterrichtet worden war, ging sie auch nicht mehr auf ihn zu. Wenn er Abstand brauchte, dann sollte er Abstand bekommen. Dank Ginny hatte sie sowieso genug damit zu tun sich zu überlegen wie sie sich in der Gegenwart von Viktor Krum verhalten sollte.

Da der Freitag auch der Tag war, an dem sie Astoria Greengrass und ihrer gesamten Abteilung begegnete, gab sie sich ohnehin besonders viel Mühe mit ihrem Äußeren. Aber an einem Freitag, an dem sie Astoria Greengrass und Viktor Krum begegnen würde, da brauchte es eigentlich mehr als besonders viel Mühe. Da brauchte es ein verdammtes Wunder.

Ginny hatte sie in ein sündhaft teures Café bestellt und sie ermahnt, pünktlich zu sein. Also war Hermine pünktlich. Viktor Krum war auch pünktlich. Und von Ginny war rein gar nichts zu sehen. Typisch. Ein klassischer Ginny-Weasley-Schachzug. Womöglich würde sie gar nicht auftauchen – und wenn doch, dann frühestens  in einer halben Stunde, mit wehenden Haaren und einer schlechten Entschuldigung.

„Hermine!“ Sie erstarrte angesichts dieser absolut perfekten Aussprache ihres Vornamens zu Salzsäure. Viktor Krum, dessen Schultern noch breiter als in ihrer Erinnerung waren, schloss sie vorsichtig in eine Umarmung. Das war in seiner Welt schon ein halber Gefühlsausbruch. Er war vielleicht der höflichste Mensch, den sie je kennengelernt hatte und in einigen Dingen sehr leicht zu verunsichern, deshalb lächelte sie ihn an, als er sie losließ und abzuschätzen versuchte, ob das in Ordnung gewesen war. „Du siehst sehr schön aus.“

„Danke.“ Es machte sie verlegen, dass er das einfach so sagte, obwohl sie es darauf angelegt hatte, gut auszusehen. Sie hatte ihre Haare mit dem Zauberstab frisiert, ein wenig mehr Schminke aufgetragen als sonst und ihren Rock und die Bluse gebügelt. Die Strumpfhose war noch fast neu und ihre Stiefel waren gesäubert worden.

„Sollen wir reingehen?“ Er nickte in Richtung des Cafés und fuhr sich durch die kurz geschorenen Haare.

„Wollen wir nicht auf Ginny warten? Sie müsste jede Minute hier sein.“ Auch wenn sie ihre eigenen Worte nicht glaubte, kam es ihr wichtig vor Ginny zu erwähnen.

Ginny Weasley existierte.

Ginny Weasley war Bestandteil dieses Nachmittags.

„Ginny hat mir einen Brief geschrieben. Sie kann leider nicht kommen, weil sie auf ihre Victoire aufpassen muss.“

Ginny Weasley war ein schamloses Biest und eine penetrante Kupplerin.

„Ach. Ja … dann müssen wir ja nicht warten.“ Mit dem schauerlichen Gefühl, dass sie auch an diesem Abend die Geschichte von Draco Malfoy und ihr würde erzählen müssen, ging sie in Richtung des schummrig ausgeleuchteten Cafés. Viktor Krum hielt ihr die Tür auf.


* * * * *



Nachdem erst Pansy und dann auch seine Mutter ihn mit Fragen verschont hatten und er seinen Kater nach zwei Tagen vollkommen überwunden hatte, überlegte er, wie er am besten vorging.

Die Erkenntnis, dass es auf Dauer nichts als Stress und zunehmende Selbstverblendung mit sich bringen würde, eine Beziehung mit Hermine Granger führen zu wollen, war nicht in einem schwarzen Loch verschwunden. Es war ganz eigenartig. Anstatt einen Filmriss zu haben, konnte er sich glasklar an den Moment erinnern, in dem er es endlich begriffen hatte.

Nur leider hatte er keine Ahnung wie er Hermine von diesem Moment der Erleuchtung erzählen sollte. Von Anfang an war sie immer die Vernünftigere gewesen. Sie hatte immer wieder gesagt, dass es nicht funktionieren würde. Sie hatte ihm schonungslos ins Gesicht gesagt, dass er eigentlich nur ihre zweite Wahl war. Sie hatte Vernunft gepredigt – aber das war im Sommer gewesen. Wer konnte ihm garantieren, dass sie ihm nicht den Kopf abreißen würde, wenn er ihr jetzt im Nachhinein Recht geben würde?

Zum zweiten Mal innerhalb sehr kurzer Zeit war er drauf und dran das Gespräch mit seiner Mutter zu suchen. Nach einem hektischen und trotzdem irgendwie stumpfsinnigen Tag im Ministerium durchkämmte er das ganze Haus nach ihr. Nicht einmal im Wintergarten, ihrem persönlichen Rückzugsort, war sie aufzufinden.

Unwillig nahm er die Information seines Vaters an, der ihm dabei zugesehen hatte wie er insgesamt viermal durch das Wohnzimmer gelaufen war: „Deine Mutter ist ausgegangen.“ Mit einem leisen Rascheln legte er die Zeitung zur Seite. „Kann ich dir irgendwie weiterhelfen?“ In genau demselben Tonfall hatte die Sekretärin seiner Chefin ihn heute aufgehalten, als er Amanda Bones mit einer vermeintlich dämlichen Frage belästigen wollte. Anders als Amanda Bones kaute sein Vater aber nicht auf einem Federkiel herum und faltete zweihändig sehr wichtig aussehende Memos, während sie ihn abfertigte. Es war also vielleicht doch kein so guter Vergleich.

„Eher nicht.“

„Auf einen Versuch willst du es wohl nicht ankommen lassen?“ Das einzig Gute war, dass er seinen Vater nicht mehr enttäuschen konnte. Und umgekehrt auch nicht. Wenn man so wenige Erwartungen aneinander hatte, dann musste man doch eigentlich positiv überrascht werden?

„Doch.“ Ehe er es sich anders überlegen konnte, setzte er sich neben seinen Vater auf das Sofa. Die Zeitung lag zwischen ihnen und das war gut so. Man konnte nicht mit allen Regeln des guten Geschmacks brechen und eine väterliche Umarmung riskieren. „Ich bin nicht in der Lage mit einem Mädchen Schluss zu machen, aber ich schätze, ich sollte es allmählich mal lernen.“

„Du möchtest dich von Hermine trennen?“

„Ich möchte es nicht wirklich, aber … doch, ich möchte es wirklich. Aber ich weiß nicht wie ich das ihr oder mir selbst begreiflich machen kann. So was kann man doch nicht sagen?“ Das war mit Abstand das emotionalste Gespräch, das er je mit seinem Vater angestrebt hatte und er erhoffte sich eigentlich keine brauchbare Antwort. Es konnte nicht mehr lange dauern bis er einen unverzeihlichen Kommentar abbekam.

„Es gibt sehr viele Worte mit denen man so etwas sagen kann. Aber das es kein schönes Gespräch wird, das musst du in Kauf nehmen.“ So viele Binsenweisheiten konnte man sich woanders für sieben Sickel kaufen. „Das hat dir jetzt nicht weitergeholfen.“

„Kein bisschen, aber was willst du mir auch sagen? Du warst ja noch nie in der Situation.“ Es irritierte ihn maßlos, dass sein Vater hart auflachte.

„Du meinst also, ich hätte noch nie in meinem ganzen Leben eine unangenehme Unterhaltung hinter mich bringen müssen?“ Sein Vater sah ihn kopfschüttelnd an. „Jede unangenehme Unterhaltung ist auf ihre ganz eigene Weise nicht angenehm. Man kann nicht lernen solche Momente zu meistern, aber man kann lernen sie nicht ständig zu verschieben. Hermine wird es zu schätzen wissen, dass du ihre Zeit nicht verschwenden möchtest. Und wenn ich sie nicht vollkommen verkehrt einschätze, dann wird sie sich nicht schreiend auf den Boden werfen, sondern dir zuhören.“

„Deshalb weiß ich immer noch nicht, was genau ich eigentlich sagen will.“ Es war eigenartig beruhigend, dass sein Vater so sinnlose Ratschläge gab. Wenn ein erwachsener (zugegebenermaßen emotional gestörter) Mann nicht wusste, wie man richtig Schluss machte, dann lag es nicht alleine an ihm. Dann lag es an der Natur der Sache, dass es nicht so simpel war.

„Tja, das weiß ich auch nicht, da du mir nicht verraten hast, was gegen die bezaubernde Miss Granger spricht.“ Die bezaubernde Miss Granger. Ohne einen Hauch von Ironie sagte er das. Es war Wahnsinn. (Und genau diese wahnsinnigen Einzelheiten konnte er nicht ertragen. Genau das war das Problem. Sogar sein Vater war Teil des Problems.)

„Sie ist bezaubernd, aber wir passen kein Stück zusammen. Ich wünschte, es wäre so und ich würde gerne glauben, dass es sich irgendwann normal anfühlt, aber das tut es nicht. Ich bin da … wir beide sind da einfach so reingestolpert, aber das ist jetzt drei Monate her. Und es fühlt sich immer noch so an, als würden wir stolpern. Das kann sich doch nicht für immer so anfühlen.“

„So kann man es sagen.“ Sein Vater sah ihn mit einem halbwegs reglosen Gesicht an. „Es spricht nichts dagegen so etwas zu einer Frau zu sagen. Es ist ehrlich und es ergibt Sinn.“

„Findest du wirklich?“ Warum nur freute ihn das so? Warum brachte ihn ein schlichtes Lob seines Vaters immer noch ein bisschen aus dem Konzept? Mit seinem Stolz war es wirklich nicht weit her.

„Absolut.“ Das Nicken seines Vaters gefiel ihm gar nicht. Nicken bedeutete, dass ein Kopf bewegt wurde. Ein bewegter Kopf bedeutete, dass da noch mehr kam. „Wenn es dir allerdings auch um Astoria geht, dann solltest du das auch so sagen. Sonst ist das Bild nicht vollständig.“

„Hermine weiß, dass es um Astoria geht.“ Er schluckte, weil es so wahr war. „Irgendwie ging es die ganze Zeit um Astoria.“ Um Astoria und das Phantom des Betruges in ihrer Badewanne. Um Astoria, die einen Schritt zurückmachte, ehe er seine Schuhe anziehen konnte. Um Astoria, die ihm seine Sachen zurückgebracht hatte, ehe er sie zwingen konnte alles zu behalten. Um Astoria, die immer noch in seinem Leben herumspukte, obwohl sie sich offiziell verabschiedet hatte.

Um Astoria, die er liebte, auch wenn er sich nie Hals über Kopf in sie verliebt hatte.

„Na dann. Worauf wartest du?“ Sein Vater sah ihn mit einer fremden Neugierde an. Draco wurde bewusst, dass er sich gerade zum ersten Mal seit Jahren wirklich mit ihm unterhalten hatte. Und es war eigentlich ganz in Ordnung gewesen. Eigentlich gar nicht furchtbar.  „Auf schöner Wetter?“

„Willst du mich jetzt hetzen?“

„Je länger du wartest, umso länger dauert es bis du dich besser fühlst.“

Draco war wirklich kurz davor sieben Sickel auf seinen Vater zu werfen.

* * * * *


Viktor Krum war ein guter Mensch und er hatte es nicht verdient, dass sie nach einem Kaffee, einem überzuckerten Stück Kuchen und zwei Fingerbreit Whiskey ihr Schamgefühl verlor und ihm das ganze Drama in voller Länge und Breite schilderte. Sie war völlig außer Atem und kam sich peinlich vor. Jetzt hatte sie auch dem letzten Menschen, dessen Meinung ihr etwas bedeutete, offen dargelegt wie armselig und dämlich sie war. Und wie wenig sie ihr Leben im Griff hatte.

„Ein Chaos. Ein großartiges Chaos.“

„Ein großes Chaos, meinst du. Großartig ist das wirklich nicht.“

„Doch. Es ist großartig. So ein kleines Missverständnis und so viele Konsequenzen.“ Unwillkürlich erinnerte sie sich daran, dass Viktor ihr einmal gestanden hatte, dass er gerne russische Telenovelas guckte, deren Zielgruppe 50-100-jährige Hexen waren. Vielleicht fand er es wirklich großartig. „Stell dir nur mal vor, was passiert wäre, wenn Draco einfach abgewartet hätte? Als er Astoria in dieser zweideutigen Situation getroffen hat.“

„Wahrscheinlich wäre überhaupt nichts passiert.“

„Genau.“

„Und jetzt musst du dir das alles anhören. Das tut mir wirklich leid. Wir haben uns so lange gesehen und jetzt rede ich nur über mich und über dieses bescheuerte Drama. Ich benehme mich grässlich.“ Hatte sie selbst es nicht immer gehasst sich die endlosen Ginny&Dean-Episoden anzuhören, die ihr sechstes Schuljahr wie einen roten Faden durchzogen hatten? Sie wollte keines von diesen Mädchen sein, die ihre eigenen, temporären Probleme ausbreiteten und damit die Welt keinen Zentimeter bewegten.

„Ich bin froh, dass du mir erzählen kannst, was du auf dem Herzen hast. Ich war nicht sicher, ob das noch geht.“ Seine Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln, das ihn irgendwie grimmig aussehen ließ. Wie einen bekümmerten, alten Mann. „Mir fehlen deine Briefe. Wenn ich Post bekomme, dann sind es immer nur Interviewanfragen und Briefe von Leute, die mich gar nicht kennen. Ich habe immer gerne gehört wie es dir geht und was du machst und was dich beschäftigt.“

„Ich habe mich auch immer über deine Briefe gefreut … ich dachte nur, es wäre vielleicht nicht so klug, wenn wir uns weiter schreiben. Ich wollte Ron nicht kränken.“

„Aber was habe ich denn mit Ron zu tun?“ Wenn er das nun so fragte, dann war es nicht so leicht zu erläutern, ohne Rons blanke Eifersucht auf Viktor Krum zu entblößen. Und Ron hatte es nicht verdient, dass dieser Minderwertigkeitskomplex, der auf dem Weihnachtsball geboren worden war, so einfach offenbart wurde. Bei aller Bescheidenheit dürfte Viktor nicht entgangen sein, dass er weltberühmt und extrem muskulös war. „Wärst du nicht gekommen, wenn du noch mit Ron zusammen wärst?“

„Wahrscheinlich nicht.“

„Dann ist er nicht gut genug für dich.“ Erstaunt sah sie ihn an. „Nicht stark genug. Dein Freund sollte alles an dir mögen. Auch dein Chaos. Auch deinen bulgarischen Brieffreund.“

„Wann hast du dich in Albus Dumbledore verwandelt?“

„Albus Dumbledore?!“

„Na ja, ich dachte immer viel weiser als Albus Dumbledore könnte man gar nicht werden, aber du machst ihm echte Konkurrenz.“ Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob die beiden Hexen am Nachbartisch vielleicht Leserinnen der „Hexenwoche“ waren und ihren Namen kannten oder nicht, griff sie über den Tisch, nahm seine Hand und drückte sie. „Danke.“  Viktor drückte zurück und für einen Augenblick konnte kein Blut bis in ihre Fingerspitzen fließen. Ihre Hand fühlte sich ein bisschen taub ab, aber das war genau richtig. Ein bisschen taub, ein bisschen blind und ein bisschen beschwipst.
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