Knights and Servants

von MiraiShu
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
29.08.2018
26.04.2019
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… Habt ihr uns vermisst?

Hallo, ihr Lieben!
Wer uns kennt wird merken, wir haben es nicht lange ohne das Schreiben ausgehalten. Wer uns nicht kennt ist herzlich eingeladen, mal bei „Loads of Trouble“ reinzugucken und ansonsten natürlich diese Geschichte zu genießen.
Im Herbst letzten Jahres haben wir, das sind Mirai und Emma (aka MadamedePompadour), Jonah und Stanley ins Leben gerufen und jetzt ist es an der Zeit, dass auch ihr etwas davon habt. Wer Nick und Phil kennt, wird vermutlich schnell herausfinden, wer von uns beiden welchen Charakter konzipiert hat, aber ihr dürft euch dennoch von den beiden überraschen lassen.

Liebste Grüße und viel Spaß!
Emma & Mirai


Kapitel 1: First Steps are always Hard.

Jonah atmete tief aus, klopfte dann an die dunkle Holztür, hinter der sein Vorstellungsgespräch stattfinden sollte. Er war genau drei Minuten zu früh. Pünktlich also, aber nicht so früh, dass es überenthusiastisch wirkte. Er strich den dunkelblauen Anzug glatt und schloss kurz seine Augen, bevor er auf das Herein reagierte und die Tür öffnete.
Das Büro war kleiner, als er es sich vorgestellt hatte, doch nicht weniger edel eingerichtet. Immerhin war er hier bei der führenden Agentur der Westküste. Hollywood bot viele Chancen und Risiken und ein nicht geringer Teil der Glücklichen, die es tatsächlich geschafft hatten, standen hier unter Vertrag. Der Personalchef, Mr. Coulson, saß hinter seinem Schreibtisch, der verhältnismäßig aufgeräumt war und erhob sich nun lächelnd um Jonah die Hand zu reichen.
„Mr. Benning, schön, dass Sie da sind. Setzen Sie sich.“
Jonah bedankte sich artig, reichte auch der Frau, die neben dem Schreibtisch stand, die Hand, bevor er sich in den bequemen, schwarzen Ledersessel sinken ließ. Nicht zu weit. Der Rücken musste gerade bleiben und der Anzug sollte nicht zu viele Falten werfen, immerhin hatte er ihn eine ganz schöne Stange Geld gekostet. Aber wenn plötzlich die berühmteste Agentur anrief und fragte, ob man Interesse an einem Job hatte, dann putzte man sich heraus und hinterließ gefälligst einen guten Eindruck. Mr. Coulson lächelte, nur die Frau daneben sah ihn etwas kritisch an. Sie mochte etwa vierzig sein, trug ein Kostüm, das ihre schlanke Figur betonte und hervorragend zu ihren leicht welligen, dunkelbraunen Haaren passte. Jonah war diesen Blick gewöhnt. Meist hieß er so viel wie „der ist noch ziemlich jung“. Es gab jüngere Agenten und PAs als ihn, aber mit seinen 27 Jahren und einer Körpergröße von einem Meter siebzig war er trotz Training wahrlich kein Schrank. Aber er war PA, kein Bodyguard, da reichte die Menge an Muskeln, die er hatte. Gepflegt sah er immer aus. Blonde Haare mit leichtem Rotstich, braune Augen.
„Wie viel wurde Ihnen am Telefon über das Angebot gesagt?“, fragte Mr. Coulson, während er ein Papier aus seiner Schreibtischschublade zog.
„Nicht viel. Es geht um einen Schauspieler, aber es könnte kompliziert werden. Mehr erfahre ich, wenn ich die Verschwiegenheitserklärung unterschrieben habe“
„Gut.“ Er reichte Jonah das Papier. „Danach reden wir weiter.“
Jonah überflog das Formular nur kurz, bevor er den angereichten Füllfederhalter nahm und unterschrieb. Er kannte diese Dinge. Es war ja nicht sein erster Job als PA, nur weil es vermutlich der größte wurde. Nichts durfte nach Außen getragen werden. Keine beruflichen und ebenso wenig private Details seiner Klienten.
„Sehr schön.“ Nun war es die Frau, die sprach. „Ich bin seine Agentin, Hannah Miller. Er ist erfolgreich, verdient gut und arbeitet dafür auch viel. Dementsprechend dürfen Sie sich Ihr Gehalt ausmalen. Das Problem ist, dass wir uns um einen öffentlichen Skandal sorgen. Er... lebt ausschweifend, was Alkohol und vor allem Frauen angeht. Und Männer. Er kennt keine Grenzen und es ist eine Frage der Zeit, wann die Öffentlichkeit da mehr draus macht als die gelegentliche kleine Meldung und Tratscherein und seine... Bettgeschichten sich an die Presse wenden.“
Jonah nickte. „Verstehe.“
In seinem Kopf arbeitete es bereits. Ein offen bisexueller Schauspieler... Wer?
„Sie werden in seine Villa ziehen, jedenfalls während Ihrer Diensttage und ihn außerhalb nicht aus den Augen lassen.“
Er nickte wieder. „Nur während meiner Diensttage?“
„Wie Sie wünschen, aber ich denke, nach zwei Wochen sind Sie froh, wenn Sie noch Ihre eigenen vier Wände haben.“
Vor seinem ersten Gehalt, würde er sich das zwei Mal überlegen.
Hannah Miller trat wieder einen Schritt zurück, während Mr. Coulson ihm eine aufgeschlagene Mappe reichte. Ein Vertrag. Auf der ersten Seite waren die Fixdaten eingetragen. Ein außergewöhnlich hohes Gehalt sprang ihm ins Auge und dann ein Name. Jonah brachte seine ganze Beherrschung auf, um sein Pokerface zu bewahren. Stanley Clarke. Oscar-Gewinner des letzten Jahres, 26 Jahre jung, mittlerweile hauptsächlich durch eine Serie berühmt und von seinen Fans meist liebevoll Stan genannt.
Jonah schluckte, ging den Vertrag durch. Es war ein Standardexemplar, wenn man von dem Punkt absah, dass er tatsächlich in Stanleys Haus wohnen würde und dementsprechend sicher keine 40-Stunden-Woche bekam.
„Eine Frage noch.“ Er sah von dem Vertrag auf. „Wie steht es mit Haustieren in der Villa?“
Hannah Miller sah ihn an. „Bisher gab es nie welche, aber es sollte kein Problem sein, solange es Sie nicht von der Arbeit abhält und sich in einem angemessenen Rahmen bewegt.“
„Ich habe einen Hund, aber der ist gut erzogen.“ Jonah unterschrieb den Vertrag und zum ersten Mal hatte er tatsächlich ein kleines, fast heroisches Gefühl dabei, was er sich zu Beginn immer nur ausgemalt, aber nie wirklich bekommen hatte. Träumte nicht jeder PA davon, mal so einen Fall zu bekommen? Für Stanley Clarke arbeiten zu dürfen? Jonah würde lügen, wenn er leugnete, seine Wikipedia- und Facebook-Seite noch nie studiert zu haben. Er hatte auch einige Interviews gesehen und neben dem guten Aussehen war Stanley auch immer äußerst charmant. Freundlich, kokett und mit einem verdammten Lächeln, das Frauen und Männer gleichermaßen zum Quietschen bringen konnte.
Jonah steckte die Kopie des Vertrages ein, während Miss Miller wieder das Wort ergriff: „Es könnte sein, dass Stanleys Begeisterung nicht groß ist, aber das geht schon in Ordnung. Sie kommen morgen wieder her, bekommen einen neuen Dienstwagen und ich bringe Sie zur Villa. Am besten bringen Sie schon Ihren ersten Koffer mit.“



Jonah bedauerte, dass die Wohnung abgesehen von seinem Mischlingshund Johnny leer war, als er nach Hause kam. Seine Mitbewohnerin und beste Freundin Clara war noch bis morgen bei ihren Eltern zu Besuch und er musste unbedingt persönlich mit ihr über den neuen Job reden. Clara war die verschwiegenste, treuste Person auf dieser Erde. Er durfte ihr nichts direkt sagen, aber sie hatten ihre Mittel und Wege gefunden um über die Arbeit zu sprechen. Außerdem war alles bei ihr sicher. Sie redete nicht mit ihren anderen Freundinnen über Jonahs Job, die wenigsten wussten überhaupt was er tat. Und Jonah selbst hatte neben Clara nicht viele enge Freunde. Keinen, dem er erzählen musste, dass er nun einen echten Hollywood-Schauspieler betreuen würde.


~.~



Die Villa lag am Stadtrand, versteckt hinter einer grünen Hecke und einem weißen Gartentor, über das man nur mit Mühe spähen konnte. Sie war hell, hatte offensichtlich nach hinten raus einen großen Garten und war im Stil der 50er Jahre gebaut, inklusive kleiner Veranda vor dem Haus.
Hannah schloss die Haustür auf, reichte Jonah dann den Schlüssel.
„Nicht verlieren. - Stanley?!“
Jonah nahm den Schlüsselbund aus seiner Umhängetasche, ließ den neuen Schlüssel hinein klicken. Von innen war das Haus ebenso weiß und hell, wie von außen, aber doch sehr viel moderner. Eine breite Marmortreppe erstreckte sich an seiner rechten Seite und er konnte nackte Fußsohlen über den Stein laufen hören. Einen Moment später trat langsam Stanley Clarke in sein Sichtfeld. Und er sah genauso aus, wie in den Talkshows und Zeitungen. Dunkelblondes, fast braunes Haar, das gerade so lang war, dass er seine Hand darin vergraben konnte, wenn er nachdenklich war oder peinlich berührt lachte. Seine Augenfarbe schien blau zu sein, schimmerte aber ab und an in einem grünlichen Ton. Er war mindestens zehn Zentimeter größer als Jonah und jetzt, da er auf der Treppe stehen blieb, sah er ohnehin auf ihn herab. Stanley war in der Tat barfuß, trug Shorts und ein weites T-Shirt, außerdem einen Kaffeebecher in der Hand. Er sah nicht aus, wie aus dem Ei gepellt, eher wie aus dem Bett gefallen, aber... verdammt, er war heiß.
Als er Jonah sah, stöhnte er genervt. „Wirklich? Das war euer Ernst? Ihr schickt mir einen Anstandswauwau?“
Jonah hob leicht lächelnd die Hand. „Hallo.“
Stanley jedoch würdigte ihn keines Blickes, sondern sah mit hochgezogener Augenbraue Hannah an.
„Allerdings. Es reicht so langsam, Stan. Einer muss deine Spuren ja wegwischen. Jetzt zieh dir was an und komm in de Küche, wir haben was zu besprechen.“ Hannahs Ton war fest und streng, aber irgendwie klang sie auch wie eine liebevolle Mutter. Und Stanley verhielt sich auch wie ihr Sohn. Er schnaubte zwar, drehte sich aber um und verschwand nach oben. Jonahs Grinsen tat es keinen Abbruch. Er kannte schwierige Kunden – alle davon waren weit weniger attraktiv gewesen – und er konnte gute Miene zum bösen Spiel machen. Erst recht jetzt, da er seinem Celebrity-Crush gegenüber stand. Stanley mochte in Wirklichkeit weniger charmant sein, als im Fernsehen, aber er konnte ihn auch ein wenig verstehen. Immerhin war Jonah der Eindringling. Der Anstandswauwau.
Hannah lächelte, machte eine auffordernde Handbewegung, damit er ihr folgte. „Ich zeige Ihnen die Küche.“
Die Wohnküche war in etwa so groß, wie Jonahs ganze Wohnung. Sie war offen gehalten mit einer Kochinsel und in ebenso hellen Farben gestaltet, wie der Rest des Hauses. An sie grenzte ein großer Wohnbereich, in der locker eine Party steigen konnte. Zwei Sofas standen an der gegenüberliegenden Ecke und ein großer Fernseher davor. Direkt vor ihnen, rechts neben der Küche, erstreckte sich eine große Terrassentür aus Glas, die den Blick in einen gepflegten, aber auch sehr bunten Garten frei gab.
Hannah ging zur Kaffeemaschine, zog eine Kanne und Pulver aus dem Schrank. Offensichtlich gab es zumindest keine Kaffeemühle, sondern normalen Filterkaffee. Bio, allerdings.
„Links ist noch das Bad“, erklärte Hannah, während sie sich mit dem Gerät beschäftigte. „Rechts das Gäste-WC. Oben ist sein Schlafzimmer, Ihr Zimmer, Ihr Bad und Stans Bad. Im Keller befinden sich die Fitnessräume und dergleichen.“
„Darf ich die auch benutzen?“
„Natürlich. Ihnen steht alles zur freien Verfügung. Zwei Mal die Woche kommt eine Reinigungskraft, die sich um alles kümmert. Ein Mal die Woche eine Haushälterin, die den Kühlschrank füllt und meist auch etwas kocht.“
Jonah sah sie zweifelnd an. „Den Rest der Woche... äh... koche ich?“ Davon hatte definitiv nichts im Vertrag gestanden. Denn den hatte er gestern Abend zumindest grob noch einmal gelesen. Er musste zugeben, die Vorfreude hatte die Lesefreude etwas gebremst.
„Nein, nein. Das kann Stan selbst. Außerdem werdet ihr viel unterwegs sein.“
„Okay, gut. Aber ansonsten bin ich Selbstversorger? Ich nehme nicht an, dass er für mich mit kocht.“
Hannah holte ein paar Tassen aus einem der Hängeschränke. „Wenn er einen guten Tag hat schon. Und Sie können sich natürlich ebenfalls am Kühlschrank bedienen. Die Haushälterin weiß Bescheid.“
Jonah nickte, nahm dankbar eine Tasse entgegen, die Hannah mit Kaffee füllte. Er sah sich noch etwas um, während er hinein pustete. Ob er sich hier wohl verlaufen konnte? Eigentlich war die Villa sehr offen strukturiert, aber definitiv riesig. Zu groß um hier alleine zu wohnen. Oder zu zweit.
„Zwei Tage, dann kennen Sie sich aus und sind eingezogen“, lächelte Hannah aufmunternd.
„Eingezogen?!“ Stanley stand in der Tür zum Flur, trug immer noch das weite T-Shirt, aber immerhin noch eine Jogginghose. Um Socken oder Schuhe hatte er sich auch nicht bemüht. „Der bleibt?!“
Jonah sah zu ihm, lächelte höflich. „Ich bin Jonah Benning, Ihr neuer Personal Assistant.“
Stan zog wieder eine Augenbraue hoch. Eine perfekt geschwungene Augenbraue. (Ob er wirklich dem vollen Klischee entsprechen konnte? Den vier As? Attraktiv. Angesehen. Abgehoben. Arsch?) „Ein PA?“
Hannah nickte. „Gewöhnt euch aneinander. Ich melde mich wegen der Convention.“
„Bekomme ich ein Diensthandy?“, fragte Jonah, während Hannah ihre Tasse abstellte.
„Oh, entschuldigen Sie.“ Sie reichte ihm ein Gerät aus ihrer Handtasche, dann noch einen Autoschlüssel. „Der Wagen steht in der Garage.“
„Danke.“ Jonah inspizierte das Smartphone – Samsung – und den Autoschlüssel. Ein Audi. Ein Audi! Er musste sich schon wieder bemühen, nicht zu grinsen. Stanley, der die Veränderung in seinem Gesicht wohl dennoch bemerkt hatte, verdrehte die Augen, bevor er Hannahs Kaffeetasse nahm und sie erneut füllte. Er leerte die Tasse auf Ex, verließ die Küche schweigend, während auch Hannah aus der Haustür verschwand. Jonah blieb allein in der großen Küche zurück und atmete tief aus. Es war wunderbar! Ein Traum! Aber irgendwie auch... Würde sich das geben oder würde Stanley ihn aus Prinzip für immer hassen?


~.~



Jonah kam am Nachmittag wieder in seine WG. Stanley war im Keller verschwunden und streng genommen fing seine Arbeit sowieso erst morgen an. Also konnte er auch noch ein paar Sachen packen und endlich mit Clara reden. Johnny war allerdings der erste, der schwanzwedelnd auf ihn zu kam und ausgiebig begrüßte.
„Hallo Johnny-Boy! Hey Clara!“
„Jonah!“ Sie umarmte ihn fest. „Wie war dein erster, halber Tag?“
„Na ja, ich bin nicht eben mit offenen Armen empfangen worden, aber ich glaube, das wird ein ganz guter Job.“ Er folgte ihr in die kleine Küche, die ihm plötzlich noch etwas enger vorkam, und setzte sich. Johnny bettete seinen Kopf auf seinen Beinen, ließ sich kraulen, während Clara Kaffee kochte. Immerhin der schmeckte bei Stanley gar nicht so viel anders.
„Erzähl endlich!“, forderte sie, als sie die Tasse vor ihm abstellte und sich ebenfalls setzte, ein Bein unter sich geklemmt, sodass sie halb auf dem Tisch lehnte.
„Was willst du wissen? Du weißt doch, dass ich nix erzählen darf.“
Clara biss sich auf die Unterlippe. Sie kannte das Spiel. Nix erzählen, aber Ja oder Nein war in Ordnung. So machten sie es jedes Mal. Für Jonahs gutes Gewissen. Sie öffnete die Blechdose, die auf dem Tisch stand, zog einen Keks heraus.
„Hm... Mann oder Frau?“
„Mann.“
„Sehr berühmt?“
„Du kennst ihn. Nicht George Clooney berühmt, aber schon in die Richtung.“
„Wow... Jung oder eher Clooney?“
„Jung. So unser Alter.“
Sie sah ihn nachdenklich an und Jonah grinste. Seine Augen blitzten.
„Ich will es wissen, man! Du verbringst jetzt immerhin ziemlich viel Zeit da.“
„Fünf Tage die Woche, rund um die Uhr.“
Clara biss in ihren Keks. „Film oder Serie?“ Dass es sich um einen Schauspieler handeln musste, wusste sie schon seit dem Anruf, denn um welche Agentur es ging, damit hatte Jonah nicht hinter den Berg halten können. Auch wenn sie selbst nichts mit der Branche zu tun hatte, die enge Freundschaft zu Jonah hatte ihr ein gewisses Know-How verliehen.
„Du kennst ihn aus einer Serie.“
„Dann muss es eine große sein, wenn er so berühmt ist... CSI oder so was. Oder er muss noch mindestens einen erfolgreichen Spielfilm haben“, mutmaßte Clara.
„Knights and Servants“, gestand Jonah nach einer kurzen Pause. Die Serie lief in der Prime Time, schon seit sieben Jahren äußerst erfolgreich. Eine Mittelalterserie mit epischen Kämpfen, aber auch einer schönen Geschichte, ausgeschriebenen Charakteren. Jonah und Clara nutzten gerne ihren WG-Abend dafür.
„Oh. Okay... Keath Nileman?“
„Nein.“
„John North?“
„Nein, etwas jünger als ich.“
„Ehm... Stanley Clarke?“
Jonah grinste nur und Clara fiel die Kinnlade runter. „Was?! Wirklich?!“
„Ja.“
„Oh. Mein. Gott. Du wohnst bei Stanley fucking Clarke?!“
„Jaa!“
„Krass!“ Claras Wangen färbten sich in einen aufgeregten Rotton und sie rutschte noch etwas näher an den Tisch. „Ist er so süß, wie im Fernsehen?“
„Ja, aber nicht besonders begeistert von mir.“ Seinen Ruf vor ihr ruinieren sollte er nicht. Jetzt erst recht noch nicht, wo er ihn kaum kannte. Stanley war Claras mehr oder weniger heimliche Favorit. Sie mochte noch andere Rollen gerne, aber Jonah wusste ziemlich genau, wie oft seine Oben-Ohne-Szenen auf YouTube in ihrem Browser-Verlauf zu finden waren.
„Wieso nicht?“
„Sagen wir, er sieht mich als Anstandswauwau und findet das ätzend.“
„Na gut, das kann ich verstehen.“ Clara steckte sich noch einen Keks in den Mund, überspielte damit auch – wenig erfolgreich – das Zittern ihrer Finger. „Ich wusste nicht, dass er einen braucht.“
„Ich glaube, das darf ich dir jetzt nicht näher erläutern.“
„Ja ja, schon gut. Bringst du mir mal ein Autogramm mit?“, grinste sie.
„Ich versuche es!“


~.~



Als Jonah am nächsten Morgen um acht in die Villa kam, saß Stanley zu seiner Überraschung bereits im Wohnzimmer. Er trug wieder nur Shorts und ein T-Shirt, hatte einen Teller mit Toast auf dem Schoß und sah sich die Nachrichten an.
„Guten Morgen!“, rief Jonah von der Küche aus. „Ich hab Kaffee und Brötchen mitgebracht!“
Er erhielt keine Antwort. Stanley sah auch nicht auf, als er zu ihm kam und den Kaffeebecher auf dem Couchtisch vor ihm platzierte. Seinen eigenen Kaffee und die Brötchen ließ er in der Küche. Er nahm seinen Koffer, trug ihn die Treppe rauf. Glücklicherweise stand nur eine Zimmertür offen und das war die zu seinem Zimmer. Das Zimmer war in einem hellen Creme-Ton gestrichen, mit hellen Holzmöbeln eingerichtet. Es war nicht gigantisch, aber größer als sein WG-Zimmer. Eine Tür führte in ein Bad. Er ließ den Koffer einfach erst mal stehen, ging wieder nach unten und machte sich ein Frühstück. Mit Teller und Kaffee bewaffnet ging er wieder ins Wohnzimmer, setzte sich auf den freien Sessel neben dem Sofa. Sich direkt neben Stanley zu setzen kam ihm dann doch zu nah vor.
„Nicht gut geschlafen oder pauschal schlecht drauf?“
Stanley warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. „Ich warte darauf, dass ich meine vier Wände auch wieder für mich habe.“
„Das dauert noch und es wird nicht angenehmer, wenn wir uns nicht vertragen.“
Mr. Coulson und Miss Miller hatten ihn nicht umsonst eingestellt. Er hatte Geduld. Und ein hohes Maß an Freundlichkeit. Selbst wenn er ungeduldig wurde, wurde er nie ungehalten. Doch Stanley gab ihm auch nur noch ein Brummen zur Antwort. Zu mehr wären sie vermutlich auch nicht gekommen, denn ein Mann kam herein. Er sah gut aus, seine langen, dunklen Haare waren etwas derangiert und unter seinen Augen lagen leichte Ringe, aber er war unter dem schwarzen Tanktop definitiv sehr gut gebaut.
„Sorry, Stan. Voll verpennt. Ich hau ab.“ Er beachtete Jonah gar nicht, als er zum Sofa ging, sich zu Stanley beugte und ihn innig (eindeutig mit Zunge) küsste. Jonah musste schmunzeln, sagte aber nichts. Wer war er, über Stan zu urteilen? Er war nur dafür zuständig, dass jeder die Klappe hielt, aber so wie der Fremde aussah, war das nicht seine erste Nacht in der Villa.
„Bis dann, Tiger“, raunte er, küsste Stanley erneut kurz, bevor er sich löste. Stanley sah ihm mit einem einigermaßen zufriedenen Gesichtsausdruck nach, kurz darauf fiel die Haustür zu.
Jonahs Grinsen blieb bestehen. Er konnte nicht leugnen, dass es ihm gefiel, dass Stan zumindest zum Teil auch auf Männer stand. Er durfte natürlich nichts mit ihm anfangen, auch wenn er selbst schwul war („Bis in den letzten Tropfen Blut“ pflegte Clara zu sagen) und das würde er auch nicht. Dennoch... Der Schauspieler machte kein Geheimnis aus seinen sexuellen Präferenzen, aber er hatte sich auch nie mit einer festen Beziehung gezeigt. Jonah hatte ihn gestern Abend gegooglet. Es gab Bilder von Frauen in seinem Arm. Und auch von seiner Hand unterhalb der Gürtellinie, aber keine Küsse mit Männern oder Frauen, die nicht bei einem Filmdreh entstanden waren. Hannah schien einigermaßen gut auf ihn aufgepasst zu haben. Oder seine Anwälte waren furchteinflößend genug.
Stanley leerte seufzend seinen Kaffee, bevor er zu Jonah sah. „Was? Kein Kommentar?“
„Wollen Sie einen?“
Abschätzig musterte der Jüngere ihn. „Schieß los. Und hör mit diesem blöden Gesieze auf.“
„Wenn du ihn heiß findest, hast du einen guten Geschmack. - Willst du jetzt noch ein Brötchen?“
Jonah sah ihn möglichst neutral an, versuchte nicht zu breit zu lächeln. Stans Gesichtsausdruck nach zu urteilen war es ihm tatsächlich gelungen, den jungen Mann zu überraschen. Das war in der Branche nie verkehrt. Vor allem, wenn er Stanley davon überzeugen wollte, dass er nicht sein Feind war.
„Habe ich“, stimmte er zu, ließ seinen Blick einmal über Jonah gleiten. „Und zur Ausnahme weiß Hannah das wohl zu würdigen.“
Jonahs Wangen nahmen eine leichte Rotfärbung an. Er hatte bei weitem nicht so viele Muskeln wie Stan und wahrscheinlich sah er auch nur halb so gut aus, wie der Fremde von eben. „Danke.“
„Das ist ja fast niedlich“, murmelte Stanley leicht spöttisch, ob der roten Gesichtsfarbe. „Aber Jungfrau bist du nicht mehr, ja?“
Jonah lachte leicht, versuchte den Schauer auf seinem Rücken zu ignorieren. Niedlich. „Weil dich das ja so viel angeht, hm?“
„Wolltest du nicht, dass wir uns verstehen?“
„Und dafür muss ich mein Sexleben vor dir ausbreiten?“
„War doch ne simple Frage.“ Stanley setzte sich wieder in den Schneidersitz, drehte sich leicht zu Jonah. „Treibst du's nur mit Männern oder auch mit Frauen? Rein hypothetisch.“
„Nur mit Männern“, antwortete er, wenngleich er sich fragte, woher Stanley das wusste. Ausgeprägtes Radar? Neckend wiederholte er dann: „Rein hypothetisch.“
„Na, dann hoffe ich, dass du auch ein paar praktische Erfahrungen hast. Die Wände sind nicht die dicksten.“
„Soll das ein Angebot sein?“
Stanley lachte. Es war ein schöner Ton, ein voller Klang, doch irgendwie klang es auch falsch. „Ein Angebot? Eine Warnung. Meine Gäste sind selten besonders lange zurückhaltend.“ Er erhob sich, verschwand ohne ein weiteres Wort aus dem Raum. Jonah stellte den Fernseher aus. Damit kam er schon klar. Die Wände in ihrem Haus waren auch nicht die dicksten, aber viel hörte man von den meisten Nachbarn zum Glück trotzdem nicht. Er räumte das Wohnzimmer auf, ging dann ebenfalls nach oben um seinen Koffer auszupacken. Hinter einer anderen Tür konnte er das Rauschen einer Dusche hören. So weit Jonah informiert war, gab es heute noch keine großen Pläne. Er hatte noch einmal mit Hannah telefoniert, die ihm zu erst das Du angeboten hatte und dann versprochen hatte, heute vorbei zu kommen um ihm die Terminpläne für die nächste Zeit zu präsentieren. Und irgendwie hatte er auch das Gefühl, sie wolle sicher gehen, dass er noch keinen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Aber so schlimm war die Lage nicht. Stanley war vielleicht ignorant, aber das würde sich geben. Nach dem kurzen Dialog auf dem Sofa, war sich Jonah da fast sicher.

Fast.
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