Geschichte: Fanfiction / Bücher / Karl May / Winnetou / Spuren

 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Spuren

von KarlaS
KurzgeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P16 Slash
Old Shatterhand Winnetou
28.08.2018
28.08.2020
4
10.425
15
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
 
28.08.2018 2.231
 
Rating: P16, slash

POV Old Shatterhand

Nur ein Indianer


Ein ungemütlicher Nieselregen wurde von einem beständig wehenden Wind über die Ebene getrieben. Er nässte mein Gesicht, kroch durch meine Kleidung, sammelte sich auf dem dunkelbraunen Fell meines Pferdes und verwandelte die Prärie, welche ich durchritt, in einen ungastlichen, kühlen Ort, an dem man nicht zu verweilen wünschte. Dennoch trieb die Sehnsucht mich Stunde um Stunde vorwärts – Sehnsucht nach dem Rio Pecos, Sehsucht nach den Apachen und vor allem Sehnsucht nach meinem Blutsbruder.

Schon senkte sich die kurze Dämmerung des amerikanischen Südwestens über das Land, da erblickte ich schräg vor mir am Rande meines Gesichtsfeldes einige dunkle Häuschen und Hütten, aus deren Schornsteinen feine Rauchsäulen aufstiegen und in deren Fenster die ersten Lampen aufleuchteten. Gewöhnlich versuchte ich derartige meist kleine und schmutzige Ansiedlungen zu meiden, heute aber versetzte der Anblick fester Häuser mich in ein Entzücken, das ich unter anderen Umständen wohl kaum empfunden hätte. Immer öfter wuchsen im Westen ganze Ortschaften in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit aus dem Boden, um entweder ebenso schnell zu vergehen, wie sie gekommen waren, oder aber um sich nach und nach zu durchaus ansehnlichen Gemeinden zu entwickeln, in denen man Geschäfte, Schulen, Gasthäuser, Kirchen, aber auch Saloons, Sheriffsoffices und Gefängnisse fand.

Da ich den Flecken, der vor mir lag, nicht kannte, wusste ich nicht mit welcher Art Siedlung ich es zu tun hatte, hoffte aber doch sehr auf das Vorhandensein eines Gasthauses, in dem es möglich sein würde eine trockene Nacht zu verbringen, ohne mich wie ein Bittsteller von Haus zu Haus durchfragen zu müssen, ob jemand einen Schlafplatz für mich zu erübrigen bereit war.

Die Behausungen, die ich bisher erblicken konnte, ließen wenig Hoffnung auf eine solche Einrichtung zu, je weiter ich mich jedoch näherte, desto deutlicher erkannte ich, dass ich bisher wohl nur die äußersten Bauwerke einer durchaus ansehnlichen Siedlung wahrgenommen hatte. Der eigentliche Ort blieb dem Reisenden zunächst verborgen, erstreckte er sich doch in einer breiten und langgezogenen Talsenke, in welche man über gebahnte Fahrwege von der Prärie aus hinabsteigen musste.

Ich tat eben dies und fand mich schließlich auf einer breiten Hauptstraße wieder, zu deren beiden Seiten sich neben Wohnhäusern auch andere Annehmlichkeiten der Zivilisation sehen ließen, wie mir die Schilder "Barbershop", "Matthews – Finest Tayloring", "Bakery" und ähnliche mehr bewiesen. Am Ende dieser Mainstreet erblickte ich zudem zu meiner großen Freude wahrhaftig ein Hotel! Dass es gleichzeitig einen Saloon beherbergte war mich nicht allzu lieb, konnte man doch davon ausgehen, dass es mit der Nachtruhe in den Zimmern dadurch nicht allzu weit her sein würde. Das unbehagliche Wetter jedoch ließ mich trotz allem nicht lange zögern, das Gebäude zu betreten.

Ich band meinen Braunen, den ich in St. Louis erworben hatte, um mich nach neunmonatiger Abwesenheit von ihm nach dem Gebiet meiner Mescaleros tragen zu lassen, an einem der dafür unter einem Vordach angebrachten Ringe fest und schritt durch eine schwere Schwingtür in den Gastraum, der zu dieser bereits fortgeschrittenen Stunde des Tages gut gefüllt war.

Zu meiner großen Freude jedoch erblickte ich nicht die in solchen Schankstuben durchaus üblichen rohen Gesellen, die halb trunken spielten und dabei nur auf eine Gelegenheit warteten, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, sondern es handelte sich vielmehr um ein gemischtes Publikum. Wohl saßen an manchen Tischen auch Männer, die Karten in den Händen hielten, doch sie verhielten sich weder laut noch auffällig. Zudem gab es ebenso Familien, die hier wohl ein Abendbrot einnahmen, einige Burschen, die irgendein Handwerk zu betreiben schienen, mehrere Arbeiter, wie sie auf Farmen angestellt waren, und in einer dunklen Ecke auch ein junges Paar, das sich allem Anschein nach Mühe gab im Schutz dieser Nische ungestört seine Liebeserklärungen hin und her zu flüstern.

Der Raum wirkte gepflegt und sauber, sodass ich mich frohen Muts an die Theke begab, um dort nach einem Zimmer zu fragen. Ein dicker Mann mit einem freundlichen Gesicht, der sich eine Schürze vorgebunden hatte, musterte mich kurz und erklärte dann: „Haben Glück, Sir. Gestern war Gerichtstag, da sind wir immer ausgebucht. Aber wenn die Verhandlungen vorbei sind, dann ziehen die Leute ihrer Wege und die Zimmer werden wieder frei. Auf wie lang wollt Ihr mieten?“

„Nur für diese eine Nacht. Ich bin auf der Durchreise“, antwortete ich. Dann erkundigte ich mich nach dem Preis, trug mich ins Gästebuch ein und stand schon im Begriff mir mein Quartier anweisen zu lassen, als mich eine unbestimmte Neugier dazu trieb nach den Verhandlungen zu fragen, die der Wirt kurz erwähnt hatte. „Ihr spracht von Gerichtstagen? Gibt es denn in diesem Ort einen Richter?“

„Ja und nein“, erklärte er. „Richter Evans kommt einmal im Monat vorbei, um hier im Saal alles abzuurteilen, was in den Wochen zuvor angefallen ist. Meist sind das nur unbedeutende Streitigkeiten. Dieses Mal aber ging es um Leben und Tod und es gab sogar eine Hinrichtung!“

Erschrocken fuhr ich zurück. Die Begeisterung, mit der der Dicke mir berichtete, dass ein Mensch heute sein Leben gelassen hatte, stieß mich ab. Ich wusste natürlich, dass im Westen ein Menschenleben wenig galt, dass die Rechtsprechung im besten Falle mangelhaft zu nennen war und dass allzu oft Selbstjustiz an die Stelle eines ordentlichen Verfahrens trat oder sogar treten musste. So konnte ich eigentlich froh sein, dass in diesem Ort wahrhaftig ein Richter seines Amtes waltete. Dennoch gefiel mir die Art, wie hier über den Tod gesprochen wurde, ganz und gar nicht.

Der Mann mochte mir diese Gemütsregung ansehen, denn schnell erklärte er mit einem verlegenen Lächeln: „Nichts für ungut, Sir. Man sieht Euch ja an, dass Ihr fremd seid in diesem Teil des Landes und wohl noch nie zuvor einen Fuß über die Grenzen der Zivilisation hinaus gesetzt habt. Hier stehen die Dinge etwas anders und wenn Ihr erfahrt, dass es sich bei dem Verurteilten ohnehin nur um einen Indianer gehandelt hat, dann werdet auch Ihr einsehen, dass Ihr nicht zu erschrecken braucht.“

Mir lag eine Erwiderung auf der Zunge, ich beherrschte mich jedoch, da es mir wenig Nutzen bringen konnte, mit diesem Gasthausbesitzer eine Auseinandersetzung darüber zu führen, wer ich war und ob die Tatsache, dass man „nur“ einen Indianer gerichtet hatte, geeignet war sein Benehmen zu entschuldigen. Ich würde nur diese eine Nacht hier verbringen, musste es den Menschen wahrscheinlich sogar hoch anrechnen, dass sie einen Roten nicht einfach gelyncht, sondern vor einen Richter gestellt hatten, und kam darüber hinaus zu der Erkenntnis, dass ich es den einfachen Dorfbewohnern, die hier am Rande der Wildnis lebten, wohl nicht verdenken durfte, wenn sie sich an derart grausigen Ereignissen erfreuten – schließlich waren noch hundert Jahre zuvor die Leute auch im ach so schöngeistigen und fortschrittlichen Europa mit Kind und Kegel auf die Galgenberge und zu den Marktplätzen geströmt, um Hinrichtungen beizuwohnen, als ob es sich um Volksfeste handelte.

Ich unterließ es daher weitere Bemerkungen zu machen und bat den Wirt nun doch mir mein Zimmer anzuweisen, da ich mich trocknen und ein wenig ausruhen wollte, ehe ich an ein Abendessen denken konnte. Er kam diesem Wunsch sehr dienstfertig nach, indem er nach einem Boy pfiff, der wohl sein Sohn sein mochte und welcher sich zusätzlich erbot auch mein Pferd hinten im zum Hotel gehörigen Stall unterzubringen.

Als ich dann eine gute Stunde später erneut den Gastraum betrat, waren die Familien verschwunden. Im Gegenzug hatten die Lautstärke und der Zigarettenqualm merklich zugenommen und es fand sich kaum noch ein freier Tisch. Hinten in der Ecke jedoch, wo vorhin noch das verliebte Paar gesessen hatte, war ein Bänkchen frei, sodass ich mich dorthin begab und mir etwas zu Essen kommen ließ.

Wie es der Zufall wollte, saß ich dadurch in der Nähe einer großen Tafel, an der sich scheinbar die Respektspersonen des Ortes zusammengefunden hatten, wie ich aus ihren Gesprächen entnehmen konnte. Es handelte sich um den Bürgermeister, den Sheriff und seinen Gehilfen, den Besitzer eines Gemischtwarenladens und den Pfarrer des Ortes, die bei je einem Glas Bier zusammen saßen und sich offenbar über die Gerichtsverhandlungen austauschten. Ich hatte nicht vor mich um ihre Unterhaltung zu bekümmern, dennoch drang das ein oder andere Wort an mein Ohr. Ich zollte ihnen jedoch keine große Aufmerksamkeit, bis mich eine Bemerkung des Sheriffs aufhorchen ließ.

„Aber Reverend, es kann doch nicht Euer Ernst sein, dass ihr diese stinkende Rothaut hinter dem Friedhof begraben wollt, so nah an geweihter Erde und in unmittelbarer Nachbarschaft zu den ehrenwerten Toten unserer kleinen Gemeinde!“

„Warum denn nicht, Jacky? Begraben müssen wir ihn und warum sollen wir ihn weit davon schleppen, wenn hinter dem Kirchhof doch wüstes Land anschließt, das niemandem gehört. Das macht dem Bestatter die Sache leichter.“

„Wozu sich überhaupt die Mühe machen ihn einzuscharren?“, fragte der Deputy. „Bringt ihn oben auf die Prärie und werft ihn in einiger Entfernung ins Gras. Die Coyoten und Geier werden die Arbeit für uns tun.“

„Er war ein Mensch und Menschen trägt man zu Grabe“, antwortete der Priester. „Er hat nach einer ordentlichen Verhandlung den Strick bekommen. Wir haben uns also bisher nicht an ihm versündigt und ich werde nicht zulassen, dass wir dies nun an seiner Leiche tun. Und nun lasst uns von diesem unseligen Vorfall schweigen. Jeremiah, was macht dein Enkelkind...?“

Schon wollte ich mich wieder von dem Gespräch ab und meinem Essen zuwenden, da mischte sich der Sheriff noch einmal in die Unterhaltung ein, die sich ansonsten wohl zwischen dem Bürgermeister und dem Pfarrer entsponnen hätte, indem er fragte: „Eins noch. Was wird mit dem Eigentum des Toten?“

„Eigentum?“, wunderte sich der Bürgermeister. „Er hatte ja nichts bei sich als die Sachen, die er am Leib trug, und seine Waffen.“

„Und eben von denen spreche ich. Messer, Revolver und dieses indianische Schlachtbeil mögen vielleicht nicht viel wert sein, aber was ist mit dem Gewehr?“, wollte der Sheriff wissen.

„Wir könnten es verkaufen und den Erlös der Kirche zukommen lassen“, schlug der Reverend vor.

„Oder wir geben es den Angehörigen des alten Pete, die ja die Geschädigten sind“, warf der Bürgermeister ein. „Die mögen dann damit in die nächste Stadt reiten und es dort verkaufen, denn keiner hier im Ort wird ihnen dafür zahlen können, was es wohl wert ist. Ich meine, hast du es dir einmal genau betrachtet? Die Nägel, mit denen es beschlagen ist, scheinen aus echtem Silber zu sein. Es ist in einem hervorragenden Zustand, ein echtes Kunstwerk der Waffenschmiederei und sicherlich ein kleines Vermögen wert!“

Hatte ich bisher mehr aus Neugier und aus Anteilnahme für den Indianer zugehört, so ließen diese letzten Worte mich wie vom Blitz gerührt so schnell vom Stuhl auffahren, dass dieser mit lautem Poltern nach hinten umkippte.

Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit der Männer am Nachbartisch auf mich und der Sheriff, der wohl erwartete, dass ich das Möbelstück absichtlich umgestoßen hatte, um irgendeinen Aufruhr anzufangen, rief drohend zu mir herüber: „Hey, Fremder, immer ruhig bleiben. Was veranstaltet Ihr für einen Lärm hier?“

Am liebsten hätte ich ihn beim Kragen gepackt, ihn geschüttelt und ihn aufgefordert mir sofort dieses Gewehr zu zeigen, bei dessen Beschreibung ein Gedanke in meinem Geist gereift war, der mir schier den Verstand rauben wollte, ich beherrschte mich jedoch und erklärte seine Frage übergehend in möglichst freundlichem Ton: „Entschuldigt meine Aufregung, aber ich habe ganz zufällig gehört, dass Ihr ein wertvolles Gewehr zu verkaufen habt. Nun, ich bin Gunsmith und an außergewöhnlichen Objekten wie dem, das ihr soeben beschrieben habt, sehr interessiert. Würdet Ihr wohl in Erwägung ziehen es mir zu zeigen? Womöglich erspare ich den neuen Besitzern dann den Weg in die nächste Stadt.“

Einen Moment lang musterten mich die fünf Männer, dann zuckte der Bürgermeister mit den Achseln und erklärte: „Warum nicht, Jacky, was meinst du? Das wäre ja doch das Einfachste, wenn wir jemanden hätten, der uns das Schießeisen gleich hier abkauft, oder?“

„Hmm“, brummte der Angesprochene. „Schaden kann es ja nicht. Kommt morgen früh also in mein Office, dann werden wir sehen, ob...“

„Nein!“, unterbrach ich ihn, denn es schien mir unerträglich die Ahnung, die mich beschlichen hatte, bis zum nächsten Morgen auszuhalten, ohne Gewissheit zu erlangen. „Ich muss bereits sehr früh wieder aufbrechen. Kann ich die Büchse nicht gleich jetzt besichtigen?“

„Na, wenn es sein muss“, gab der Ordnungshüter nach. „Paul, geh du mit dem Gentleman hinüber und zeig ihm die Waffe. Wenn sie Euch tatsächlich so zusagt, dann kommt hierher zurück, damit wir über den Preis reden können.“

„Herzlichen Dank“, antwortete ich und ließ mich vom Deputy hinaus, ein Stück die dunkle Straße hinunter und schließlich in das Sheriffsoffice führen, das direkt neben der Bank ebenfalls an der Hauptstraße lag. Umständlich und für mein Empfinden unendlich langsam schloss der Gehilfe die Tür auf und bat mich dann herein.

Im Raum war es so dunkel, dass ich nichts Genaues erkennen konnte, wohl aber in einer Ecke die schemenhaften Umrisse eines Gewehres gewahrte, das aufrecht an der Wand lehnte.

„Da hinten ist die Büchse“, sagte der Deputy. „Ich werde ein Licht anzünden, damit Ihr sie betrachten könnt.“ Wieder kramte er langsam und umständlich herum, brachte endlich ein Zündhölzchen hervor, in dessen aufflackerndem Schein ich bereits ein metallisches Funkeln an der Waffe zu beobachten glaubte, das den Takt meines Atems aus dem Rhythmus bringen wollte. Als dann endlich das Öllämpchen den Raum in spärliches Licht tauchte, schien mir gar das Herz, das zuvor nur schmerzhaft hart in meiner Brust gepocht hatte, vollends stehen zu bleiben und ich konnte nicht verhindern, dass meinem Mund ein gequältes Stöhnen entfuhr.

Dort, in der Ecke des Office, an die Wand gelehnt, stand Winnetous Silberbüchse!
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast