A wie Affe, B wie Bär, C wie…

GeschichteRomanze, Familie / P16
26.08.2018
02.12.2019
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Ihr Lieben!
Es ist schon wieder viel zu lange her, aber das Semester ist in Dänemark jetzt fast rum und ich habe das Gefühl, endlich wieder etwas Luft zum Atmen zu haben – und zum Schreiben. Long story short: Ich habe mich vor einer Stunde hingesetzt und das nächste Kapitel vollendet. Nicht lang, aber ich verspreche, es hat es in sich ;)
Viel Spaß beim Lesen!
mini-hanuta








Manche Dinge im Leben kündigen sich an und dann sagen die Leute: „Ich hab’s dir ja gesagt.“ Manche Dinge geschehen vollkommen unerwartet und lassen einen staunend zurück. Und manche Dinge schleichen sich an dich heran, warten dass du dich umdrehst und drücken auf den Abzug.
Es war Dienstagnachmittag, der 12. März. Vor drei Stunden hatte ich meine letzte schriftliche Abiturprüfung abgegeben und jetzt saß ich in meinem Zimmer auf meinem Bett mit meinem Laptop. Der Großteil meiner Klassenkameraden feierte bereits im Hexenkeller, aber ich hatte mich bewusst dagegen entschieden. Am Freitag war nämlich Party bei Phil. Der war dann ja auch mit seinen Prüfungen fürs erste durch und ich war mir sicher, dass Phils Party um Längen spaßiger werden würde, als irgendetwas hier in der Schule.
Deshalb scrollte ich jetzt durch Facebook, nachdem ich schon einige andere Plattformen durchhatte. Gerade machte ich mir einen Spaß daraus, Profile wegzuklicken, die Facebook mir als Freunde vorschlug, weil wir irgendwelche gemeinsamen Freunde hatten. Manche davon kannte ich sogar vom Sehen, aber ich gehörte nicht zu den Menschen, die mit jedem auf Facebook befreundet waren, den sie einmal im Leben gesehen hatten. Ich war wählerisch.
Seufzend stellte ich den Laptop zur Seite, nachdem ich eine gewisse Marie Lambert weggeklickt hatte, und stand auf, weil es an der Tür geklopft hatte. Es war Liam.
„Hey“, begrüßte ich ihn grinsend, zog ihn ins Zimmer und küsste ihn kurz.
„Hey.“ Er lächelte. „Warum bist du nicht bei der Party?“
„Ich spare mich für Freitag auf.“ Liam lachte.
„Warum wundert mich das nicht.“ Er schlang seine Arme um mich und so taumelten wir zu meinem Bett.
„Was machst du gerade?“, fragte er, während er sich neben mir niederließ. „Facebook?“
„Ich wehre mich gegen die Algorithmen von Facebook, die mir neue Freunde vorschlagen möchten. Unter anderem werden mir Verwandte von dir angezeigt.“ Liam hob die Augenbrauen.
„Wer denn?“
„Ein gewisser Harry Clarke war dabei.“
„Das ist mein Onkel. Aber ich glaube, mit dem würdest du dich gut verstehen.“
„Ist das so?“, fragte ich grinsend und scrollte weiter. „Mira Grandpierre, Alex Schroht, Mar Delgado Grande-“ Ich erstarrte.
„Was ist?“, fragte Liam. Aber ich konnte ihm nicht antworten. Für einen kurzen Moment blieb mein Herz stehen und ich war nicht in der Lage zu atmen. Als hätte mir jemand vollkommen unerwartet einen Tritt in die Magengrube verpasst.
„Carla?“ Liam klang besorgt. Er nahm mir den Laptop vom Schoß und betrachtete den Bildschirm, auf der Suche nach der Ursache für mein Verhalten.
„Sarah Scholz“, las er mit gerunzelter Stirn. „Heißt so nicht deine-“ Er stockte, schien plötzlich zu verstehen. Langsam drehte er den Kopf zu mir und sah er mich an.
„Carla…“
„Wieso wird sie mir vorgeschlagen?“ Meine Stimme war plötzlich so laut und schrill, dass Liam zusammenzuckte. Einen Moment war er überrumpelt, dann sah er eilig nach.
„Ihr habt einen gemeinsamen Freund“, sagte er. In meinem Hals bildete sich ein Klos.
„Wen?“, presste ich dennoch hervor. Liam zögerte. „WEN?“
„Phil“, gab er nach. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Ich riss ihm dem Laptop aus der Hand, um mich selbst zu vergewissern.
„Phil“, murmelte ich. „Phil, Phil, Phil… Glaubst du, er ist mein Bruder?“ Mit weit aufgerissenen Augen sah ich Liam an. Der runzelte die Stirn.
„Carla, er ist vier Monate jünger als du, das kann gar nicht sein.“ Aber auch dafür fand mein Gehirn eine plausible Erklärung.
„Er könnte mein Zwilling sein, den sie mitgenommen hat und dann hat sie sein Geburtsdatum gefälscht.“ Gut, plausibel sollte ich wohl zurücknehmen. Liam hob die Augenbrauen.
„Meinst du nicht, dein Vater hätte dir gesagt, wenn du einen Zwilling hättest?“ Es war gut, dass er für uns beide das rationale Denken übernahm.
„Keine Ahnung!“ Ich raufte mir die Haare.
„Aber er müsste doch auf irgendeinem Foto drauf sein“, entgegnete Liam. „Und aus welchem Grund sollte sie sein Geburtsdatum fälschen?“ Darauf wusste ich keine Antwort. Ich wusste das er Recht hatte. Aber es änderte nichts an dem flauen Gefühl in meinem Magen und an dem Zittern meiner Hände.
„Woher kennen sie sich dann?“, fragte ich leise.
„Keine Ahnung.“ Liam hob die Schultern. „Vielleicht ist sie seine Tante, eine Cousine, eine Freundin seiner Mutter, seine Nachbarin…“
„Nachbarin?“ Ich sprang auf und Liam hielt in letzter Sekunde meinen Laptop fest, ehe der zu Boden fiel. „Aber das würde ja heißen, dass sie nur eine halbe Stunde von hier entfernt wohnt! Ich glaube, ich hab‘ eine Panikattacke.“ Hilflos sah ich ihn an. Liam stellte den Laptop zur Seite, erhob sich ebenfalls und trat vor mich. Er umfasste meine Hände und konnte damit zumindest dem Zittern ein Ende setzen.
„Atme mal tief durch, Carla.“ Ich nickte, aber das war gar nicht so einfach. Liam fuhr fort: „Wir haben keine Ahnung, woher die beiden sich kennen, aber wir können es rausfinden, wenn du möchtest. Und wenn du es nicht möchtest, dann lassen wir es, okay?“ Wieder nickte ich. Liam zog mich in eine Umarmung und meine Finger krallten sich in sein Sweatshirt. Er strich mir über den Rücken und nach einer Weile beruhigt sich mein Atem etwas. Ich schloss die Augen und versuchte, mich auf diese Umarmung zu konzentrieren, auf Liam, weil ich das Gefühl hatte, sonst durchzudrehen.
Es wäre eine Lüge zu behaupten, ich hätte mir ein Wiedersehen mit Sarah nie ausgemalt. Natürlich hatte ich das. Ich hatte alle möglichen Varianten durchgespielt, kitschige und zufällige, manche mit Happy End und manche ohne. In allen hatte ich anders reagiert, gefasst und rational. Aber jetzt, wo ich gerade anfing, mit meinem Leben und meiner verkorksten, familiären Situation, klarzukommen, schubste mich ein blöder Algorithmus ohne Vorwarnung ins Gleisbett. Wie konnte ich da anders reagieren als mit Panik?
„Sollen wir nachgucken?“, fragte Liam irgendwann leise, ohne die Umarmung zu lösen. Ich schluckte schwer.
„Ich hab‘ Angst“, sagte ich dann und presste mich fester an ihn.
„Wovor?“
„Ich…“ Ich hielt inne, hob den Kopf und sah ihn an. „Was, wenn sie mich nicht liebt?“
„Das wird nicht in ihrem Facebook-Profil stehen.“ Er hob die Hand und strich mir über die Wange.
„Ich weiß nicht, ob ich wissen will, warum sie gegangen ist“, platzte es aus mir heraus und ich spürte, dass meine Augen sich mit Tränen füllten. „Also eigentlich will ich es wissen, aber was ist, wenn ich mit der Antwort nicht klarkomme? Wenn ich ihr schon immer egal war?“ Es war mir unverständlich, wie er so ruhig bleiben konnte. Aber ich war unendlich dankbar dafür. Dafür, dass er mein Fels in der Brandung war. Und dafür, dass er hier war. Ich war wirklich froh, dass er es war, dass nicht Paula oder Mia oder Dominik bei mir gewesen waren, sondern er.
„Dann hast du immer noch deinen Vater und deine Großmutter, Carla“, antwortete Liam. „Und Paula, Mia, Dominik, Vince und Eike. Und mich. Daran wird sich nichts ändern.“ Ich nickte und löste mich von ihm. Mit drei Schritten ging ich zum Fenster, drehte mich zu Liam und ging wieder zurück.
„Sieh du nach“, sagte ich. „Schau dir ihr Profil an und sag mir, wie schlimm es ist.“
„Bist du sicher?“, hakte er nach und ich nickte. Dennoch zögerte er einen weiteren Moment, in dem er mich eindringlich musterte. „Okay“, sagte er schließlich. Er nahm meinen Laptop vom Bett, stellte ihn auf seinen Unterarm und bediente das Trackpad. Einen Moment sah ich ihn an, dann begann ich, im Zimmer auf- und abzutigern. Es waren qualvolle zwei Minuten, in denen meine Organe verrückt spielten. Mein Magen fühlte sich immer noch an wie eine Plastiktüte im Tornado und meine Lunge schien sich auch noch nicht vollständig daran zu erinnern, wie das mit der Sauerstoffaufnahme funktionierte. Gleichzeitig versuchte ich, die Tränen zu unterdrücken und den Klos in meinem Hals loszuwerden.
„Wirklich viel kann man nicht sehen, wenn man nicht mit ihr befreundet ist“, sagte Liam schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit und klappte den Laptop zu. Ich blieb wie angewurzelt stehen und sah ihn gespannt an.
„Es sieht so aus, als würde sie in einer Band singen“, fuhr er fort. „Ihr Arbeitsplatz ist eine Grundschule in…“ Er zögerte. Ich fragte mich wirklich, ob er glaubte, mir jetzt noch verheimlichen zu können, wo sich diese beschissene Schule befand. Dann hätte er das kleine Wörtchen „in“ einfach weglassen sollen!
„Wo?“, fragte ich und diesmal klang meine Stimme ziemlich scharf. Liam seufzte nachgiebig.
„In Gotha.“ Sein Blick war beinahe entschuldigend. Er stellte den Laptop zur Seite. Gotha.
„Aber das sind keine hundert Kilometer von hier“, flüsterte ich und hielt mich an der Fensterbank fest, neben der ich stand.
„Nein“, bestätigte Liam. Für einen Moment war mein Kopf leer. Ich konnte einfach nur nach draußen starren, wo ironischer Weise die Sonne schien. Schließlich sah ich wieder Liam an.
„Meinst du, Mario wusste das und hat mich deshalb genau hier her geschickt?“
„Ich weiß es nicht, Carla.“ Er hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und die Ratlosigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Genauso gut hätte an seiner Stelle ein großes Fragezeichen stehen können.
„Oder gibt es solche Zufälle?“ Ich sah wieder aus dem Fenster und versuchte fieberhaft, irgendeinen klaren Gedanken zufassen. Liam trat schließlich hinter mich und legte die Arme um mich, drückte mich wieder an sich. Das mit dem Fragezeichen musste ich wohl zurücknehmen, das hier war viel hilfreicher.
„Sollen wir vielleicht kurz an die frische Luft?“, fragte Liam mich. Ich drehte mich zu ihm um und fühlte mich immer noch wie betäubt.
„Nein“, sagte ich dann. „Also ja… ich… ich sollte an die frische Luft. Ich muss nachdenken.“ Ich löste mich von ihm, ging zur Garderobe und stieg in meine Schuhe.
„Soll ich nicht lieber mitkommen?“ Liam folgte mir.
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen. „Tut mir leid, ich… ich möchte allein sein.“ Er nickte.
„Okay.“ Er trat an mich heran, umfasste mein Gesicht und küsste mich sanft. Ich presste die Lippen aufeinander, während er mir mit den Daumen über die Wangen strich. „Wir sehen uns dann spätestens beim Abendessen?“ Ich nickte und er drückte mir noch einen Kuss auf die Stirn, ehe er von mir zurücktrat.

Ich saß lange in unserem Refugium. Gute drei Stunden. Es war schon fast dunkel, als ich wieder runterkletterte, um zum Abendessen zu gehen. Anfangs hatte ich Musik gehört, den Kopf an den Stamm gelehnt und geweint. Fast zwei Stunden hatte ich damit zugebracht, mich zu beruhigen und dann doch wieder loszuheulen. Irgendwann war sogar der Himmel zugezogen und es hatte angefangen zu regnen, aber unter dem wieder leicht ergrünten Blätterdach war ich kaum nass geworden. Jetzt beeilte ich mich dennoch, denn der Regen nahm zu und mir war kalt.
Die Mensa war bereits voll, als ich sie betrat. Meine Jacke tropfte und ich hinterließ nasse Spuren, als ich mich meinem Tisch näherte. Ich spürte ein paar irritierte Blicke auf mir, aber das war mir egal.
„Was ist denn mit dir passiert?“, entfuhr es Mia entsetzt, als ich meinen Stuhl zurückzog. Ich hängte meine Jacke über die Lehne und setzte mich. „Du bist ja klatschnass!“
„Nur die Hose und die Haare“, murmelte ich. Ich sah ihr an, dass sie gerne weiter nachgebohrt hätte, aber sie ließ mich zum Glück in Ruhe. Ich spürte Liams Blick auf mir und als ich ihn endlich erwiderte, sah ich darin soviel Sorge, dass ich fast schon wieder losgeheult hätte. Aber ich riss mich zusammen und bemühte mich um ein Lächeln, wohlwissend, dass er es mir genauso wenig abkaufte wie ich selbst. Aber darum ging es auch nicht.
Er fing mich ab nach dem Essen und ich folgte ihm nach draußen. Unter einem der Bäume auf dem Schulhof suchten wir Schutz vor dem immer noch anhaltenden Regen. Ich ließ mich von Liam in eine Umarmung ziehen. Er sagte nichts und das war gut so. Vermutlich wusste er genauso gut wie ich, dass er nichts sagen konnte, dass mir irgendwie weiterhalf. Eine Umarmung dagegen half sehr. Zumindest kurzfristig.
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