Ein weiterer Brief für Tristan

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
26.08.2018
26.08.2018
1
4854
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
 
Mein schöner Engel Tristan,

auch wenn ich mir selbst auferlegt habe, Dir nicht mehr zu schreiben und das Kapitel damit zu beenden, sitze ich nun ein weiteres Mal hier und verfasse einen weiteren Brief an Dich, den Du niemals zu Gesicht bekommen wirst.
Warum ich das tue, kann ich Dir nicht erklären – und auch sonst niemandem, der diese tiefe Empfindung, diese innige Zuneigung nicht selbst erlebt hat und kennt. Ich kann nicht erklären, warum es mir nicht gelingt, Dich zu überwinden, warum ich es ums Verrecken nicht schaffe, Dich auszublenden und einen Haken darunter zu setzen.
Ich weiß, dass Du vergeben bist, dass meine sämtlichen Gefühle ins Leere laufen und die Zuneigung, die ich Dir entgegenbringe, allenfalls auf Akzeptanz stößt, Du sie aber nie erwidern oder Dich gar damit auseinandersetzen wirst. Ich weiß, dass ich völlig umsonst hoffe, dass Du die glückliche Beziehung mit Deiner Freundin nicht einfach aufgibst – und dass die Tatsache, dass Du jetzt über meine Gefühle Bescheid weißt, daran nicht das Geringste ändern wird.
Mir ist klar, dass ich aufhören sollte, an der Hoffnung festzuhalten, dass aus uns irgendwann was wird, dass meine sämtlichen Freunde und Bekannten Recht haben, wenn sie mir raten, Dich aus meinem Kopf zu verbannen. Mir ist auch klar, dass ich ein Stück weit meschugge bin, dass alle schon die Augen verdrehen, wenn ich bloß Deinen Namen sage und ich den Menschen, die um mich herum sind, bereits seit Monaten damit auf die Nerven gehe. Und ebenso, dass es vielleicht ein Stück weit an Besessenheit grenzt, mich immer wieder mit Dir zu beschäftigen, mir Illusionen zu machen, die immer nur Illusionen bleiben werden.
Ebenso ist es wahrscheinlich falsch, mich so auf Dich zu fokussieren, niemanden sonst an mich heranzulassen und die Ratschläge meiner besten Freundin, mich abzulenken und mir selbst etwas Gutes zu tun, in den Wind zu schlagen. Es kann eigentlich nur falsch sein – zumindest dann, wenn man mit gesundem Menschenverstand an die Sache herangeht.
Denn was bringt es mir, Dich ständig herbeizuträumen, wenn Du in Wahrheit doch kilometerweit weg bist? Was bringt es, auf eine Chance zu warten, die vielleicht niemals kommen wird? Was nutzt es mir, Dich zu idealisieren und in eine „Traumtyp“-Rolle zu zwängen, der Du vielleicht gar nicht entsprichst?
Denn seien wir ehrlich: Was weiß ich schon über Dich? Was weiß ich über den Menschen, der in Dir steckt, der Du bist und der Dich letztendlich ausmacht? Was weiß ich über Dein Leben, Deinen Alltag, Deine Art von Beziehungsgestaltung und Deine Art, Liebe auszudrücken? Was weiß ich über Deine Ziele und Ambitionen, über Deine Wünsche, Sehnsüchte und Träume?
Vielleicht bist Du in Wahrheit gar nicht das, was ich in Dir sehe, vielleicht würden Dein Charakter und Deine Persönlichkeit überhaupt nicht mit meiner harmonieren. Vielleicht würden wir uns ständig zanken, weil wir so verschieden sind – weil ich die ruhigen, zurückgezogenen Momente im Leben brauche und Du vielleicht lieber auf Partys gehst, Dich ins Leben stürzt und jeden Tag eine neue Herausforderung suchst. Vielleicht würden uns am laufenden Band gegenseitig aufziehen. Wenn ich zum Beispiel meiner Gesangsleidenschaft nachgehe und Du Dich im Scherz darüber auslässt, dass ich mal wieder alle Mäuse verscheuche – woraufhin ich Dir als Retourkutsche eine Ansage bezüglich Deines auffälligen Kleidungsstils mache.
Vielleicht würde ich mit zu hohen Erwartungen in eine Beziehung mit Dir gehen – etwa deshalb, weil Du gar nicht der Typ bist, der seine Freundin morgens mit einem Frühstück überrascht oder der eine Aversion gegen zu viel körperliche Nähe hat.
Vielleicht würde Dich mein leicht übersteigerter Sinn für Ordnung in den Wahnsinn treiben und Du würdest meckern, dass ich keine solche Perfektionistin sein soll – woraufhin ich Dir im Gegenzug vorhalte, dass Du überall Deine Sachen herumliegen lässt und Dir das Chaos folgt, wohin immer Du gehst.
Vielleicht würdest Du mich immer mal wieder damit necken, dass ich eine hoffnungslose Romantikerin bin und eine zu lebhafte Fantasie habe, dass ich die Dinge oft zu naiv und gutherzig sehe – während Du eher der realistische, rational denkende Typ bist, der mit neutralem Blickwinkel an alles herangeht und mit schwärmerischen Tagträumen nicht viel anzufangen weiß.
Vielleicht würden wir uns auch immer wieder rangeln, weil wir beide unnachgiebige Sturschädel und erst nach einem hitzigen Wortgefecht dazu bereit sind, uns Fehler einzugestehen und auch mal einen Kompromiss zu akzeptieren.
Vielleicht würden wir uns auch gegenseitig langweilen, weil unsere Interessens- und Wissensgebiete vollkommen unterschiedlich sind und wir für die des jeweils anderen keine wirkliche Begeisterung, sondern allenfalls Akzeptanz empfinden können.
Vielleicht würde es uns auch Schwierigkeiten bereiten, dass ich manchmal zu hohe Erwartungen habe, vor allem, was Empathie und Einfühlungsvermögen angeht. Denn vielleicht bist Du nur wenig empathisch – und ich dafür umso mehr. Das wiederum könnte dazu führen, dass Du auf manches, was mir wichtig ist mit Unverständnis reagierst, es nicht nachvollziehen kannst oder belächelst. Und ich wiederum würde mich vielleicht zu sehr in Dich hineinversetzen, vielleicht auch Neugier in Punkten zeigen, in denen sie unangebracht ist und mich auch in Dinge einmischen, die Du nicht mit mir teilen möchtest oder die mich gar nichts angehen.
Ebenso wäre möglich, dass Du mit gewissen Eigenarten, Ansichten und auch Vorlieben von mir Schwierigkeiten hast, dass sie auf Dich uninteressant, befremdlich oder verwirrend wirken würden. Und selbiges gilt vielleicht von meiner Seite aus auch für Dich. Vielleicht hast auch Du Angewohnheiten, Vorlieben oder Meinungen, die ich nicht teile, die mich irritieren oder verwirren würden.
Weiterhin könnte es sein, dass Dich mein hohes Zuneigungsbedürfnis überlasten würde, dass Du gar nicht drauf stehst, öffentlich Nähe zu zeigen oder Hand in Hand zu gehen. Vielleicht magst Du es gar nicht, zu viel Körperkontakt zu haben und würdest abends, wenn ich zu Dir ins Bett komme, auf Abstand gehen, sobald ich Deine Nähe suche. Vielleicht stehst du überhaupt nicht drauf, berührt zu werden und würdest die Streichler durch das Haar oder über die Haut, die ich Dir geben will, zurückweisen oder ablehnen. Vielleicht würde Deine Zuneigung mehr auf mentaler Ebene erfolgen und die körperliche Dich zu sehr einengen.
Vielleicht wäre es Dir auch zu kitschig, wenn ich erwarte, dass Du mich in einer romantischen Situation in den Arm nimmst, mir ein bisschen näherkommst und mich hältst. Vielleicht bist Du nicht der Typ, der gern schmust und kuschelt, sondern lieber die direkte, intime Form der Nähe bevorzugt und auslebt.
Vielleicht würdest Du mich auch eine Spaßbremse und einen Spielverderber nennen, wenn ich ablehne, mit in die Disco zu kommen, weil die Atmosphäre mir zu aufgedreht und schrill ist, Du aber hingegen genau das brauchst, um runterzukommen und aus dem Alltag auszubrechen. Vielleicht brauchst Du die Gesellschaft anderer Menschen und den Trubel, um Dich wohlzufühlen – während ich mich hingegen eher zurückziehe und auch gerne für mich bin, damit ich abschalten kann.
Vielleicht stehst du gerne in der Öffentlichkeit und bist lieber unter Leuten, gehst abends feiern und ziehst durch die Stadt, anstatt Dich zu Hause aufzuhalten, fernzusehen oder bei einem guten Buch auf der Terrasse zu entspannen.
Vielleicht würdest Du immer wieder mit mir nörgeln, weil ich morgens ewig lange das Bad blockiere, weil ich gerne ausschlafe und Du Dich stattdessen schon putzmunter sportlich betätigen willst. Und vielleicht würde ich mit Dir nörgeln, wenn Du mich zu irgendwelchen Aktivitäten antreiben oder überreden willst, auf die ich überhaupt keine Lust habe.
Vielleicht bist Du gerne frei und unabhängig, machst am liebsten Dein ganz eigenes Ding, während ich gerne auf den Rat von Freunden und Familie zurückgreife, ehe ich eine größere Entscheidung treffe.
Vielleicht, Tristan – vielleicht sind unsere beiden Charaktere grundverschieden und würden nie im Leben miteinander harmonieren können. Vielleicht würden wir uns immer wieder gegenseitig triezen, uns verkrachen und wären von der Persönlichkeit des jeweils anderen erstaunt, irritiert und manchmal auch genervt.
Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist der Mensch, der ganz tief in Dir steckt, ähnlich veranlagt wie ich. Vielleicht hast Du auch einen Hang zur Fantasie und Romantik, magst die stillen, ruhigen Momente und genießt es, Zuneigung sowohl zu geben als auch zu erhalten. Vielleicht bist Du menschlich ein Spiegelbild von mir und wärst der ideale Weggefährte, der mich nicht nur verstehen und halten kann, sondern mir auch die Freiheit gibt, so zu sein wie ich bin.
Um aus diesem Vielleicht ein sicheres Ja oder Nein werden zu lassen, gäbe es nur einen einzigen, effektiven Weg. Nämlich einen Versuch. Einen Versuch, unsere Wege zusammen zu gehen und das Leben, das wir haben, miteinander zu teilen. Ob dieser Versuch gelingen würde oder nicht, das kann ich nicht sagen – aber darauf ankommen lassen würde ich es in jedem Fall.
Weil ich Dich einfach liebe, Tristan. Von ganzem Herzen und so tief, wie ich noch nie einen Menschen zuvor geliebt habe. Und auch wenn es nur die naive, hoffnungslos romantische Vorstellung ist, die da aus mir spricht, aber: Wenn ich Dich als Freund hätte – ich würde bedingungslos alles dafür tun, damit dieses starke Band zwischen uns für alle Zeiten hält. Ich würde alles tun, um Dich lächeln zu sehen, um Dir jeden Tag wieder zu zeigen, dass Du mir die ganze Welt bedeutest.
Auch wenn ich, wie ich schon schrieb, gar nicht weiß, ob es klappen würde oder nicht – allein der Gedanke daran, an Deiner Seite gehen zu dürfen, ist ein beflügelndes Gefühl für mich. Denn dieser Gedanke sagt mir, dass es der Himmel sein muss. Dich als Freund zu haben, als den Menschen bezeichnen zu können, mit dem man sein Leben verbringt und teilt, muss der einzig wahre Himmel sein.
Auch wenn mir bewusst ist, dass ich diesen Himmel vielleicht niemals erreichen, geschweige denn, betreten werde – schon die Vorstellung allein überschwemmt mich mit einem Glücksgefühl, das sich nicht einmal ansatzweise in Worte fassen lässt.
Und ja, Tristan, ich weiß, wie kindisch und kitschig sich das jetzt anhört. Ich weiß, dass ich hoffnungslos meschugge bin, weil ich mit solchen Überlegungen spiele und immer noch hoffe, anstatt die Tatsache zu akzeptieren, dass es nichts wird und nach vorn zu schauen. Ich weiß, dass mancher es vielleicht krankhaft nennen und mir raten würde, das Kapitel endlich abzuschließen. Und mir ist ebenfalls klar, dass eine Spur von Wahnsinn darin liegt, Dich dauernd zu idealisieren, mich an Träume zu klammern und mich immer wieder zwischen höchster Euphorie und tiefster Depression zu bewegen.
Es sei nicht gut für mich, sagen die Leute, wenn ich anfange, von Dir zu sprechen. Ich müsste Dich vergessen und damit aufhören. Ich täte mir nur selbst damit weh. Du wärst einfach nicht für mich bestimmt und das müsste ich akzeptieren.
Und ich habe es auch versucht. Ich habe versucht, Dich zu vergessen und damit abzuschließen. Ich habe Dein Bild in den Müll geschmissen, sämtliche Gedankengänge über Dich unterdrückt und mich mit unzähligen anderen Dingen abgelenkt. Und trotzdem kamen die heimlichen Sehnsüchte nach Dir immer wieder zurück und überfielen mich – oftmals sogar in Situationen, die überhaupt keinen Bezug zu dem Thema hatten. Ein winzig kleiner Auslöser reichte aus – und schon waren meine Spekulationen rundum Dich wieder da, fast so wie ähnlich wie lästige Popup-Werbung, die man einfach nicht loswird.
Ein dämlicher Vergleich, ich weiß. Aber nichtsdestotrotz absolut passend. Egal, in welcher noch so harmlosen und daher angeblich „sicheren“ Situation ich war – irgendwie gab es immer etwas, das ich mit Dir und damit auch meinen Gefühlen in Verbindung brachte.
Wenn ich zum Beispiel einen Mann mit blonden Haaren sah, wenn ich Worte hörte wie „Freund“ und „Beziehung“, wenn ich Werbungen für Datingportale verfolgte oder ein Paar sah, das sich küsste – irgendwie kamst Du mir stetig in den Sinn und es gelang mir nicht, den beginnenden Gedanken zu unterdrücken.
Selbst als ich eine Kabarettnummer im TV anschaute, in der von einer Frau mit dem zufälligen Namen Isolde die Rede war – selbst da musste ich wieder an Dich denken, weil mir natürlich die berühmte, tragische Geschichte der zwei Liebenden in den Sinn kam, denen auch kein Glück mit Happy End vergönnt war.
Nun heiße ich freilich nicht Isolde und bin somit nicht das literarische Gegenstück zu Deinem wunderschönen Namen – und auch unsere Geschichte ist eine vollkommen andere, zumal sie einzig und allein von meiner Fantasie geschrieben wird.
Trotzdem war und ist das einer der unzählig vielen Auslöser, die mich an Dich denken lassen und mir vor Augen führen, was für ein besonderer Junge Du für mich bist. Und es vermutlich auch immer sein wirst, wenn ich dem Gefühl, das sich bei jedem Gedanken an Dich in mir regt, vertrauen kann.
Mir ist bewusst, wie schwachsinnig das alles klingt und dass sich Liebe auch nicht erzwingen lässt, egal, mit wie viel grenzenloser Naivität und Gutgläubigkeit man auch daran festhält. Mir ist bewusst, dass meine Zuneigung für Dich vielleicht niemals erwidert wird, egal, wie lange ich auch darauf warte.
Trotzdem, Tristan – trotzdem ist und bleibt es nur ein Vielleicht. Und ein Vielleicht ist kein klares Nein, auch wenn die Chancen für uns beide bei einem so geringen Prozentsatz liegen, dass er für jede Wahrscheinlichkeitsrechnung irrelevant ist.
Und ich glaube auch, dass Du mich für völlig gestört halten und Angst kriegen würdest, würdest Du jemals einen der Texte lesen, die ich für und über Dich geschrieben habe. Rechne ich diesen Brief dazu, sind es insgesamt schon sieben an der Zahl, die sich einzig und allein mit Dir auseinandersetzen und immer wieder dieselbe Sache durchkauen, die jeder in meinem Umfeld bereits zur Genüge kennt und die dementsprechend bei manchen auch schon ein Reizthema darstellt.
Ehrlich gesagt kann ich es auch verstehen, zumal ich in dieser Sache wirklich nicht zurückhaltend bin und gerne mal zu sehr ausschweife und auch ausschmücke. Und manchmal wundere ich mich auch selbst darüber, warum ausgerechnet Du mich so sehr beschäftigst, ab und zu sogar schlaflos machst.
Letztendlich bist Du ja auch nichts anderes als ein Mensch, so wie jeder andere auch. Und trotzdem sehe ich so viel mehr in Dir, verleihe Dir eine Krone und damit auch einen Status, der Dich von allen anderen Menschen, die ich kenne, eindeutig unterscheidet.
Nicht jeder trägt eine Krone. Und es hat auch nicht jeder Flügel so wie Du. Weil eben nicht jeder ein Engel ist. Ein blonder Engel. Das bist Du noch immer für mich, Tristan. Und meinem Gefühl nach wirst Du es auch immer bleiben. Einen Engel stößt man eben nicht so leicht vom Thron.
Du denkst jetzt ganz sicher, ich spinne, nicht wahr? Ganz ehrlich: Manchmal denke ich das von mir selbst auch. Dass man einen Menschen so lieben kann wie ich Dich, dass man sich so nach ihm sehnen und ihn begehren kann – das passiert mir mit Dir zum allerersten Mal.
Sicher, ich war in meinem Leben schon einige Male verliebt. Und es gab und gibt auch Menschen, zu denen ich eine tiefe, innige Bindung hatte und habe. Es haben mich auch schon viele berührt und mein Herz erreicht.
Aber bei Dir, Tristan – bei Dir ist das alles anders. Bitte frag nicht warum, denn ich kann es Dir nicht beschreiben. Ich weiß nur, dass es der Wahrheit entspricht.
Weißt Du, bevor ich das erste Mal zum Stammtisch kam, war mein Blick auf mich selbst relativ klar und ich habe ihn auch nie hinterfragt, weil es in der Vergangenheit einfach keinen Grund dazu gab. Ich wusste, wen ich interessant finde und begehre und habe daher gar nicht in Erwägung gezogen, dass es auch am sprichwörtlichen gegensätzlichen Ufer jemanden geben könnte, der mein Interesse oder gar mein Begehren wecken kann.
Erst seit dem letzten Jahr und vor allem, seit ich Dich kennengelernt habe, hat sich meine Sicht auf diese Sache vollkommen verändert. Du hast sie verändert. Und genau dafür bin ich Dir dankbar. Weil ich auch und vor allem durch Dich gelernt habe, viele Dinge in einem ganz neuen Licht zu betrachten und aus festgefahrenen Schienen auszubrechen.
Du bist kein „typischer“ Mann, ohne dass es jetzt negativ klingen soll – und ganz genau das macht Dich zu einem ganz außergewöhnlichen, besonderen Menschen. Wenn ich Dir jetzt erklären würde, wie ich das meine, würdest Du mich vermutlich für pervers halten, deshalb verzichte ich auf nähere Ausführungen. Es sei nur so viel gesagt: Du – oder besser gesagt: Dein Körper – hat etwas zu bieten, was nicht jeder Mann zu bieten hat. Und genau das ist es, was Dich noch eine Spur interessanter und aufregender macht.
Bitte entschuldige, Tristan, dass ich so direkt bin, aber wenn ich Dir schon noch einen Brief schreibe, dann möchte ich dieses Mal einfach alles einbringen, was mir im Bezug auf Dich durch den Sinn geht.
So zum Beispiel auch Dein Bild, das inzwischen seit langem in meinem Zimmer hängt, welches ich in mancher, schlafloser Nacht ganz verträumt angelächelt und sogar gestreichelt habe. Und wenn ich nun sage, ich habe es auch geküsst – würde Dich das sehr überraschen, Tristan? Vermutlich nicht, oder?
Vermutlich ahnst Du, dass Dein Foto die ganzen Zärtlichkeiten abbekommt, die ich ich Dir persönlich nicht geben kann und darf. Auch wenn es schon ein paar Jahre alt ist und Du Deinen Stil inzwischen sehr verändert hast – das tiefe Blau in Deinen Augen verrät Dich ohne Zweifel und lässt mich immer wieder ganz tief darin eintauchen.
Du bist schön, Tristan. Du bist einzigartig und zeitlos schön. So oberflächlich diese Aussage jetzt auch klingen mag, aber ich kann es nicht anders beschreiben. Du hast auf dem Foto von damals schon diese besondere Ausstrahlung – und genau die ist Dir bis heute erhalten geblieben. Genau wie Deine tiefen Augen, die manchmal ganz schüchtern dem Blickkontakt ausweichen, doch niemals etwas von der Intensität verlieren, die in ihnen ruht.
Das habe ich nun schon einige Male selbst erlebt. Jedes Mal, wenn Dein Blick mir begegnet – und sei es nur für einen noch so kurzen Moment – wird mir warm und mein Herz fängt an, schneller zu schlagen. Und sag jetzt bitte nicht, dass das kitschig ist, denn dessen bin ich mir selbst bewusst. Trotzdem ist und bleibt es nichts als die Wahrheit.
Wenn ich Dich sehe, Tristan, dann blühe ich auf und möchte am liebsten vor Freude zerspringen. Weil jede Sekunde, die ich mit Dir verbringen darf, ein Geschenk für mich ist. Eines, das sich mit nichts auf der Welt vergleichen lässt.
Und selbst an all den Tagen, an denen ich nur Dein Bild zur Verfügung habe, um Dich sehen zu können, geht nicht ein Hauch dieser Wärme verloren, weil ich weiß (oder mir zumindest einbilde), dass Du trotzdem irgendwie da bist – wenn auch nur in meinen Gedanken.
Darüber hinaus ist das Bild an der Wand nicht das einzige, was mich im Alltag mit Dir in Verbindung hält. Es existiert auch noch ein Medaillon mit demselben Foto, das ich zu fast allen Gelegenheiten bei mir trage, weil ich so das Gefühl habe, immer mit Dir zusammen zu sein.
Total bescheuert, ich weiß – ein Medaillon ersetzt schließlich keine menschliche Nähe. Aber es vermittelt mir das Gefühl, dass etwas von Dir da ist, etwas Greifbares, Erreichbares, das sich mir nicht entziehen kann.
Einziges Manko daran ist die Tatsache, dass es sich um ein mehrere Jahre altes Bild handelt, welches lange vor unserem Kennenlernen entstanden ist und somit längst nicht mehr der Person entspricht, die Du heute verkörperst.
Du bist wunderschön darauf, keine Frage – trotzdem stimmt es nicht mehr ganz mit dem Menschen überein, den ich kennengelernt habe und der, so jedenfalls meine verliebte Meinung, mit der Zeit noch viel attraktiver geworden ist.
Genau aus diesem Grund wünsche ich mir schon lange eine aktuelle Aufnahme von Dir, ein Bild, das Dich so zeigt wie Du heute und hier bist, mit Deinen schönen blonden Haaren, den tiefblauen Augen und dem Zauberlächeln, das mich immer wieder aufs Neue berühren kann. Ich wünschte, dass ich wenigstens ein neues Foto von Dir hätte, welches ich bei mir tragen und bewundern kann.
Vielleicht sind meine Ansprüche auch zu hoch – immerhin habe ich wenigstens eines und somit zumindest eine kleine Möglichkeit, Dich zu jedem erdenklichen Zeitpunkt zu betrachten.
Aber nichtsdestotrotz würde ich gerne den Tristan sehen, der Du heute bist und den ich kennengelernt habe – nicht denjenigen, der Du vor einigen Jahren warst.
Und ich habe mir angesichts unseres offenen Gesprächs beim letzten Stammtisch auch überlegt, Dich einfach danach zu fragen. Allerdings habe ich trotz allem Bedenken, ob Du mich eventuell belächeln oder komisch anschauen würdest, wenn ich Dich darum bitte, ein Foto machen oder bekommen zu dürfen.
Schließlich sind wir trotz der Offenheit meinerseits noch immer nur Bekannte, die sich einmal im Monat sehen und ein wenig austauschen – keine langjährigen oder gar engen Freunde, bei denen der Austausch von Bildern gang und gäbe ist. Und da irritiert es Dich sicher, wenn ich Dich um so etwas bitte – noch dazu, nachdem Du ja jetzt mein Geheimnis kennst und Dir daher vermutlich denken kannst, dass dieses Bild nicht einfach irgendwo verstauben würde.
Vielleicht frage ich Dich aber trotzdem danach, denn mehr als ablehnen kannst Du schließlich nicht. Und wer weiß – vielleicht bist Du ja in der Hinsicht genauso offen wie bei unserem Gespräch. Und selbst wenn nicht, habe ich immer noch meine beste Freundin, die mir schon einmal angeboten hat, heimlich zu knipsen. Vielleicht hilft sie mir auch in dieser Sache weiter.
Sei mir bitte nicht böse, Tristan. Ich verfolge keinerlei schlechte Absichten damit. Ich möchte einfach eine unvergängliche Erinnerung an den Jungen haben, der mir seit dem ersten Blickkontakt den Atem raubt. Ich möchte Dich auch dann ansehen können, wenn Du nicht da bist – wobei ich Dir ja schon gesagt habe, dass Du tief in mir immer da bist, egal, wie viele Kilometer uns trennen. Aber Du weißt ja sicher, was ich meine.
Weißt Du, seit diesem offenen Gespräch mit Dir sehe ich alles noch viel intensiver und auch verliebter. Durch Deine offene, positive Reaktion hast Du mich erst recht dazu gebracht, auf Dich zu stehen und mich immer wieder zu Dir hinzuträumen. Und mich auch gemeinsam mit Dir fortzuträumen, an irgendeinen Ort, an dem ich ganz allein mit Dir sein kann.
Du hattest so viel Verständnis für mich, als ich Dir sagte, dass ich Dich einfach mag und Du ein besonderer Junge für mich bist. Und das Schönste daran: Du hast mich in den Arm genommen. Du hast mich zweimal in den Arm genommen und mich mit dieser Geste total überrascht.
Und wenn ich eine Sache mit Sicherheit sagen kann, dann, dass ich noch nie einem Mann so nah war wie Dir in diesem Moment. Noch nie hat mein Herz so geflimmert wie in dem Augenblick, als Du mich umarmt hast und mir ganz nahe gekommen bist.
Du ahnst es sicher, aber in dem Augenblick habe ich mir gewünscht, dass ich die Zeit anhalten könnte und Dich niemals mehr loslassen müsste. Und ja, ich weiß natürlich, dass diese Umarmung Dir nicht im Ansatz so viel bedeutet hat wie mir. Du wolltest einfach höflich sein, das ist alles. Vielleicht hab ich Dir auch Leid getan – oder es war einfach ein Reflex, den Du gar nicht beabsichtigt hattest.
Und ich weiß natürlich auch, dass es für Dich wahrscheinlich eine einmalige Aktion war, der ich in meiner Verliebtheit wieder viel mehr Bedeutung beimesse als sie eigentlich verdient hat. Aber ich kann einfach nicht anders, Tristan.
Dieser Moment, dieser wunderschöne, nahe Moment mit Dir geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Es war einer der intensivsten Augenblicke meines ganzen Lebens. Und ich kann nicht anders als glücklich darüber zu sein. Denn selbst wenn das alles war, was je zwischen uns passieren wird, selbst wenn ich nie mehr einem Menschen so nahe kommen darf – es hat sich auf jeden Fall gelohnt.
Deshalb verzeih mir bitte meine Naivität und meine Schwärmereien. Aber nach dieser offenen Geste von Dir ist ein Vergessen absolut unmöglich. Ich kann Dich nicht vergessen, Tristan. Und ich will es auch nicht. Weil Du der Mensch bist, der zu mir gehört. Wenn auch nur in Gedanken.
Doch die Gedanken sind ja bekanntlich frei, nicht wahr? Deshalb sieh es mir bitte nach, dass ich in meiner Fantasie schon wesentlich weiter gegangen bin und Grenzen überschritten habe. Ich liebe Dich einfach. Und zur Liebe gehört für mich nun einmal auch das Begehren.
Und ich begehre Dich, Tristan. So tief wie noch nie einen anderen Menschen zuvor. Ich weiß, dass es sehr komisch für Dich klingen mag, aber ich habe gesagt, dass ich Dir nichts verschweigen und absolut ehrlich sein will.
Genau deshalb gebe ich auch offen zu, dass ich Dich begehre. Du reizt mich, Tristan. Und ja, damit meine ich auch in sexueller Hinsicht. Es gibt viele Fantasien mit Dir und über Dich, die ich mir immer wieder vorstelle und in denen wir zusammen die Grenze zwischen Zuneigung und Intimität überschreiten.
Es gibt Fantasien, in denen wir uns ganz nah sind, in denen wir ungeschminkten Hautkontakt haben und zusammen intensive Hochgefühle erleben. In denen ich Deinen Körper erkunde, genau wie Du meinen und wir uns den Reizen, die uns überfluten, einfach hingeben.
Dabei kenne ich deinen Körper gar nicht, habe keine Ahnung von den Konstitutionen, über die Du verfügst und auch nicht davon, wie Dein Verhältnis dazu ist oder wie Du es erlebst. Ich weiß nicht, welches Verhältnis Du zu Deiner Sexualität hast, wie Du sie empfindest und betrachtest, was sich gut oder schlecht für Dich anfühlt. Und ich weiß auch, dass es mich nicht das Geringste angeht.
Was ich aber weiß ist, dass es für mich absolut keine Rolle spielt. Ich weiß, dass ich Dich begehre, den Menschen, der Du bist – und nicht Deine körperlichen Attribute und Konstitutionen. Schlicht und ergreifend gesagt ist es mir egal, was Du hast oder nicht, da es mir auf solche Äußerlichkeiten nicht ankommt. Und ich bin sicher, dass wir einen Weg finden würden, der sich für uns beide gut anfühlt, wenn wir es nur wollen.
In einer Sache allerdings bin ich mir sicher: Mit Dir zu schlafen wäre etwas Außergewöhnliches. Es wäre nichts Alltägliches, nichts, das man bei jedem Mann finden kann. Deshalb sei nicht böse, wenn ich behaupte, dass der Sex mit Dir kein „durchschnittlicher“ Sex wäre. Allein schon deshalb nicht, weil es mir nicht um Lustgewinn ginge, sondern darum, Dir nah zu sein, Dir gutzutun und ein schönes Gefühl zu schenken. Und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich alles tun würde, damit Du Dich vom ersten bis zum letzten Moment wohlfühlst.
Verzeih bitte, dass ich das so direkt schreibe, aber ich finde Dich einfach attraktiv. Dazu gehört für mich nun einmal auch die sexuelle Anziehung. Und die ist in jedem Fall vorhanden.
Ich weiß, dass es seltsam klingt, aber wie ich oben bereits schrieb: Mit Dir zusammen zu sein wäre wie der Himmel für mich. Und eine Nacht mit Dir zu verbringen, egal wie sie verläuft, das schönste Geschenk, das es gibt.
Auch wenn es nur bei dieser Nacht bliebe, auch wenn mir nicht mehr Zeit mit Dir vergönnt wäre als ein paar heimliche Stunden – bereuen würde ich keinen einzigen Augenblick davon. Das Gefühl, Dir ganz nahe zu kommen würde jegliche Dimensionen meiner Vorstellungskraft sprengen. Weil es das schönste Gefühl wäre, das es geben kann.
In dem Zusammenhang gibt es noch etwas, das ich mich manchmal heimlich frage: Nämlich wie es ist, Dich zu küssen. Auch das wäre viel, viel intensiver als ich es mir erträumen kann, da bin ich mir ganz sicher.
Und auch wenn Du mir für vollkommen meschugge hältst – aber für nur einen Kuss von Dir, für dieses Gefühl, einen solchen Moment mit Dir teilen zu dürfen, würde ich sogar sterben. Selbst wenn ich danach für immer gehen müsste, wenn mir nicht mehr vergönnt wäre als ein kurzer, zarter Kuss – ich würde es ohne jegliche Reue auf mich nehmen. Denn diese Nähe zu Dir – und mag sie noch so kurz andauern – wäre alles, was ich mir in diesem Leben ersehnen kann.
Wenn ich Dich nur einmal ganz nah berühren könnte, wenn es mir vergönnt wäre, nur einmal Deine Hand zu halten oder Dich zu streicheln, Dir auf diese Art und Weise zu zeigen, was Du für mich bist – es wäre der allerschönste Moment in meinem ganzen Leben. Und egal, welche Konsequenzen es für mich hätte, für ein solches Erlebnis mit Dir wäre ich bereit dazu, absolut alles in Kauf zu nehmen.
Bitte lach nicht, Tristan. Ich weiß, wie bescheuert das klingen muss. Ich weiß, dass jeder mit halbwegs gesundem Menschenverstand mich dafür lediglich belächeln und wahrscheinlich auch bedauern würde. Ich weiß, dass manche es als krank ansehen würden, was ich hier schreibe, denke und mir wünsche. Und wahrscheinlich würde es Dir nicht anders gehen, würdest Du das hier lesen und Dir bewusst machen, dass ich es wirklich so meine wie es hier steht.
Wahrscheinlich würdest Du denken, dass ich sie nicht alle habe und dass meine Sehnsucht nach Dir die Grenze zur Besessenheit längst überschritten hat. Es wäre auch Dein gutes Recht, mich für bescheuert zu halten, denn wahrscheinlich bin ich es tatsächlich.
Aber weißt Du, Tristan – Liebe und Wahnsinn liegen oft sehr dicht beieinander. Deshalb stehe ich auch fest zu allem, was ich hier niedergeschrieben habe, egal, wie abstrus und naiv es auch klingen mag. Denn auch wenn eine Spur von Wahnsinn dabei ist – die Liebe überwiegt eindeutig. Und sie wird immer überwiegen, ganz gleich, was auch kommt.
Meine Gefühle für Dich sind stark. Und genau deshalb möchte ich diesen Brief auch mit einem Zitat beenden, das diese Formulierung aufgreift und von der Liedermacherin Juliane Werding stammt, die im Jahre 1988 schon ganz klar feststellte: >Herzen, die brennen, erschreckt kein Verbot. Starke Gefühle besiegt nur der Tod<. Bitte halte Dir das immer vor Augen.
Tristan, Du hast mich vom ersten Moment an berührt. Und Du wirst mich mit jeder Begegnung noch tiefer berühren, da bin ich mich ganz sicher. Weil mein Herz zu Dir gehört. Weil mein Leben erst durch Dich seinen Sinn bekommen hat. Weil Du meine ganze Welt bist. Jetzt – und jeden Tag aufs Neue.

Tausend Küsse, mein blonder Engel. Ich liebe Dich.

Deine R.
Review schreiben