Elmsfeuer

von Deschayne
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
Elena Reno
25.08.2018
12.07.2019
4
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02. Elenas Jacke


Irgendwann hast du herausgefunden, dass das Gefühl, das du so geliebt hast, etwas mit Elektrizität und Strom zu tun hatte. Beides, das wusstest du bereits, kam irgendwie von ShinRa, und es schien dir nur logisch, weil ShinRa sowieso immer im Fernsehen war. In den Abendnachrichten, die dich so gelangweilt haben und deren Ende du jedes Mal herbeigesehnt hast. Es war ein rührender Fehlschluss, der in deinem kleinen, kindlichen Kosmos so viel Sinn ergeben hat: ShinRa bedeutete Elektrizität, bewegte sich auf ihr in die Nachrichten und hinterließ dabei die statische Ladung auf dem Glas.
An dieser Stelle habe ich gelacht. Du hast es mir nicht übelgenommen. Du hast gelächelt. Mit beiden Mundwinkeln. Dein aufrichtiges, herzliches Lächeln.
Als du weitergesprochen hast, ist dein linker Mundwinkel herabgesunken. Viel wichtiger als diese Erkenntnis sei jedoch eine ganz andere gewesen:

Du wusstest nun, wer dir die geheimen Botschaften zukommen ließ.





Die umherschwappenden Schaumfetzen bildeten ewig neue, fragile Piktogramme. Waren es geheime Botschaften, so blieben sie ungedeutet. Einmal mehr schob sie den Ärmel der viel zu großen Jacke zurück, um auf ihre Uhr zu schauen.
    „Vielleicht war er schon hier und ist nur kurz weg, um noch irgendwas zu holen", spekulierte sie und studierte den Aussenborder erneut. „Würdest du so ein Liebhaberstück über Nacht am Boot lassen?"
    „Vergiss nicht, dass das hier noch ehrliche Leute sind", wandte er mit hörbarem Sarkasmus ein.
    Sie grinste. „Im Gegensatz zu uns?" Ihr Blick sprang nach unten und verfolgte, wie ihre Schuhspitze begann, Muster in den grünen Belag, der die Holzbohlen überzog, zu kratzen. Darunter führte das Meer seinen plätschernden Monolog behäbig weiter. Ihr Partner antwortete nicht, aber sie stellte sich vor, dass er gerade lächelte. Mit beiden Mundwinkeln. Wider besseren Wissens war es hin und wieder tröstlich, sich der Illusion hinzugeben. Und solange ihre Augen an ihrem Schuh hafteten, konnten sie den kleinen Selbstbetrug nicht als solchen entlarven.
    „Ich hab irgendwas vergessen", brach er nach einer Weile das wieder eingetretene Schweigen. Sein Kapuzencape raschelte leise, als er sich streckte und die Arme vor der Brust verschränkte. Der Regenschutz war aus billigem knittrigen Plastik gefertigt und keinesfalls die 5 Gil wert, die sie beide jeweils dafür bezahlt hatten. Die Verkäuferin in dem kleinen Gemischtwarenladen an der Uferpromenade hatte jedoch mit Nachdruck darauf bestanden, dass Capes unabdingbar für die Überfahrt waren wegen des salzigen Spritzwassers. Eine Substanz, die in ihren malerischen Schilderungen einer Mischung aus Batteriesäure und Morbolauswurf gleichgekommen war und vor der nur ihre Knitterplastikumhänge Schutz boten. Elena hatte sich freiwillig geopfert, ihren Ausführungen zu lauschen, damit Reno währenddessen unbehelligt die Regale durchstöbern konnte auf der Suche nach den Dingen, die sie tatsächlich noch gebraucht hatten. Als sie aus dem Laden getreten und prompt auf zwei Passanten gestoßen waren, die ebensolche Capes trugen, schien es klug, es ihnen gleichzutun. Lokale Eigenheiten zu übernehmen, war stets eine effektive Methode, wenn es darum ging, Brücken zu Einheimischen zu bauen. Es konnte insbesondere dann nicht schaden, wenn jene so skeptisch gegenüber Fremden waren wie die Ostküstler.
    Die Tatsache, dass eine beliebige Verkäuferin Kenntnis von der geplanten Überfahrt hatte, konnte sich als fatal erweisen und war doch wenig überraschend. Man redete. Vielleicht nicht mit Fremden, doch untereinander. Dies galt erst Recht, wenn es um Eltrou ging.
    „War es wichtig?"
    „Ja. ...Ziemlich." Das unwillkürliche Ächzen, das ihm entwich, startete frustriert und endete in einem resignierten Laut. Was immer es war, es war zu spät.
    „Hast du an die Ersatzakkus gedacht?"
    „Unser Equipment ist vollständig; das ist es nicht." Er deutete ein Kopfschütteln an.
    „Wenn's nicht zur Ausrüstung gehört, kann's nicht wichtig gewesen sein", beschwichtigte sie schulterzuckend und strich zum neunten Mal eine Strähne aus dem Gesicht. Er sagte nichts, aber das geringschätzige, kleine Fletschen seiner Oberlippe gab preis, dass er nicht zu der gleichen Schlussfolgerung kam.
    Sie zuckte plötzlich zusammen und riss die Augen auf. „Die Kaffeemaschi-"
    „- ist aus. Genau wie der Herd. Die Fenster sind zu und der Zulauf an der Waschmaschine ist abgedreht", nahm er vorweg. Ihr war einmal ein Schlauch geplatzt.
    „Mir ist einmal ein Schlauch geplatzt."
    „Ich weiss."
    Das Geräusch von schweren Stiefeln, die in einiger Entfernung das Holz des Stegs betraten, ertönte.
     „Da kommt er", verkündete sie und noch in ihrer beider Herumdrehen wechselte sie mit einem einzelnen, tänzelnden Schritt die Position, um wieder an seiner linken Seite stehen zu können. Ein eingespieltes, fließendes Manöver, dem längst keine bewusste Überlegung mehr zugrunde lag. Der Ostwind ergriff die Gelegenheit und gleichermaßen die roten, dünnen Strähnen in Renos Gesicht, um die Wunden freizulegen.
    „Hant ihrs lann wart'?", rollte die Begrüßung schwerer noch als die begleitenden Schritte heran. Hanntiirs lannwaat. Der Ostküstendialekt schien in seinem Rhythmus an den Wellengang der Brandung angelehnt. Heranpreschende, gedehnte Silben verschluckten durstig ihre zurückweichenden Geschwister, wenn nicht vollständig, so zumindest Fragmente von ihnen. Und je mehr der Erzähler sich ereiferte, desto häufiger überschlugen sie sich und übersprangen gierig die Wellentäler zum Vorgängerwort. Eine Okalpar Eigenart, die ihren Weg ins Vidi der Region gefunden hatte.
    Der Mann, der zielstrebig auf die beiden zuschritt, war Anfang dreissig mit einem glatten,  ewig-jugendlichen Gesicht. Das Doppelkinn und die runden Wangen verstärkten den Eindruck. Der Schirm seiner schwarzen Kappe war tief in die Stirn gezogen. Schütteres, eigentümlich beige wirkendes Haar quoll an den Seiten hervor. Die ebenfalls schwarze, gefütterte Jacke war nicht geschlossen und gab die Sicht auf ein blaues Kapuzensweatshirt darunter frei. ,ally's Boots- & Ange'. Mehr war von dem weissen Aufdruck nicht zu erkennen. Mehr brauchte es auch nicht, um zu erahnen, dass er Eigenwerbung darstellte.
    Walbert Rerrdutyn. Sohn des Rerr. Seit langem schon war es ein Name, dessen Ursprung ebenso bedeutungslos geworden war wie das Ostmeer. Selbst Walberts Großvater war bereits dem Namen nach ein Sohn des Rerr gewesen, ohne selbigen je gekannt zu haben.
    „Wa' nok Levvot koff', fa's ihrs kee hant. Gint niks bess' bi Gidscher wie Levvot. Dak' mi', ihrs sei' nik wohn' üdds Was' zu fah'...", er stockte in seiner Rede, als seine Augen auf das entblößte Geflecht aus fingernagelbreiten Kratzern fielen, das die rechte Gesichtshälfte des schlaksigen Rothaarigen auf Wangen- und Schläfenhöhe entstellte. Als er offenbar selbst bemerkte, dass er starrte, rutschte sein Blick nach unten und stolperte über den zusammengeschobenen EMR, der einsatzbereit in einem Hüftholster steckte. Nicht weniger einsatzbereit als die 9mm, die jedoch vollständig von einer viel zu großen Jacke verdeckt wurde. „...un' ik ma's nik we' mi' Gästs inni arm' Drellar gidsch'." Bei den Worten zog er etwas aus seiner Jackentasche hervor, das sich als Ingwer entpuppte.
    „Danke, aber ich werde nicht seekrank", lehnte Elena höflich die entgegengestreckte, ungeschälte Knolle ab.
    „Un' de'?", nickte der Gastgeber flüchtig zu Reno herüber.
    „Er schon, aber... Er hat Reisetabletten genommen. ...Auf Ingwerbasis", schob sie hinterher, als Rerrdutyn sich unbeeindruckt zeigte.
    „Ik neh' Sie bi Ihr' Wor', ...Misses?"
    „Elena. Einfach nur Elena", stellte sie sich vor und streckte ihm die linke Hand entgegen, da seine rechte noch immer den Ingwer hielt. Aus der Nähe bemerkte sie, dass er nicht mal einen halben Kopf größer war als sie selbst. „Mein Partner Reno", erklärte sie, mit dem Daumen zu ihrem besagten Partner, der seine eigenen Daumen betont in die Taschen gehakt hatte, deutend.
    „Walbert Rerrdutyn. Ihrs kött Wally sa'n."
    „Wally, es wäre reizend, wenn Sie den Dialekt etwas runterschrauben könnten. Ik sprekk ih', adde mee Pa'ne' tu' sik mi' schwe'." Das entschuldigende Lächeln, das langsam auf ihren Lippen erblühte, war vielleicht nicht mehr mädchenhaft, aber dafür in diesem Augenblick charmant wie erhaben und wurde mit einem Lachen quittiert.
    „Ik kann mik bemüh'." Das Lachen schwoll unangemessen an. „Mich bemühen, mein ik."
    „Danke." Eine peinliche Pause trat ein. Ihr Lächeln wurde gepresster. „Also... Können wir?"
    „Ah, kee Grun' sik zu hetze'", winkte der Angesprochene ab. „Ist nik weit un' die See's ruhi' heue." Mit einem einzigen Satz, der Drellar dazu brachte, unruhig an ihrem Tau zu zerren wie ein scheuender Chocobo, landete er aber keine Sekunde später im Boot. „Gent mir euers Zeug scho'."
    Zwei Rucksäcke und eine zweckentfremdete Sporttasche. Mehr brauchte es nicht, um all ihr verbliebenes Equipment zu transportieren. Ohne Kleidung hätte es nicht einmal die Sporttasche gebraucht.
    „Sein Atem...", nutzte sie das kurze Zeitfenster, in dem Wally damit beschäftigt war, die entgegengenommene Ausrüstung unter der vorderen Bank zu verstauen.  
    „Alk?"
    „Viiiiiel besser...", gluckste sie flüsternd und deutete Reno, sich etwas herabzubeugen. Die restliche Höhendistanz zwischen ihren Lippen und seinem Ohr überwand sie, indem sie sich auf Zehenspitzen stellte. „Ingwer!" Als sie wieder zurücksank stellte sie fest, dass ihr diebisches Vergnügen ungeteilt blieb. Seine blasse Haut war inzwischen kalkweiss und von einem kränklichen, matten Schleier überzogen. Ihre Hand fand seine und drückte sie kurz. Die Innenfläche war feucht. „Wir -"
    „- Nein."
    „Wart ihrs zufälli' bi Wara? Fra' nur we'e euers Capes. Die verkoff' jede arm' Seel' die Plastikdingers un' für heue steht kee Rege' an."
    „Wir dachten, es könnte nicht schaden. Für die Überfahrt. Wegen dem Spritzwasser." Aus dem eigenen Mund klang die Begründung so unsinnig, wie sie es von Anfang an gewesen war.
    „Ihrs werd' nik nass!", winkte er zum zweiten Mal ab. Die Geste hatte etwas beinah Verächtliches, als würde bereits die bloße Erwägung nass zu werden Zweifel an seinen Fähigkeiten darstellen.
    „Elena?"
    Sie ergriff die dargebotene, feiste Hand, mit der er ihr beim Einstieg helfen wollte, nicht. Im Augenwinkel entdeckte sie ein leichtes Kopfschütteln. Der Hinweis war nicht nötig. Sie hatte es nicht vergessen.  
    „Wenn's geht, würd' ich ihm den Vortritt lassen. Ich muss immer links sein; das ist so eine Macke von mir", erklärte sie mit einem weiteren entschuldigenden Lächeln, das ungesehen blieb, weil Reno sich auch schon an ihr vorbeischob und mit einem geschmeidigen, langen Satz ins Boot sprang. Drellar hieß ihn auf ihre Weise willkommen, indem sie sich das zusätzliche Gewicht nicht durch erneutes Scheuen anmerken ließ. Ihre Zufriedenheit mit diesem Passagier war ironisch vor dem Hintergrund der gänzlich fehlenden Gegenliebe.
    „Wie ihrs woll'." Jetzt, da es tatsächlich an Elena war, einzusteigen, verzichtete er darauf, ihr die Hand zu reichen. Es erwies sich auch als überflüssig. Ohne hinzusehen streckte ihr Partner seine Hand in exakt jenem Augenblick in ihre Richtung aus, in dem sie danach fasste.
    Während die Gäste Platz nahmen, löste Walbert das Tau mit einer Routine, die seine schwielenlosen Finger nicht vermuten ließen, und warf das Ende zurück auf den leeren Steg. Einer toten Schlange gleichend blieb es auf dem feuchten Holz liegen.
    Aus ihrer neuen Perspektive betrachtet, wirkte der weisse Himmel noch eintöniger. Eine hohe, gleichmäßige Kuppel, an der keine einzige Wolkenkontur auszumachen war und nicht ein Vogel seine Bahn zog. Eine Täuschung, die der Nebeldecke geschuldet war. Elena musterte Renos reglose Gestalt und stellte fest, dass die Sporttasche zwischen seinen Füßen ein ganzes Stück unter der Bank hervorragte. Er ließ es zu, als sie sich herüberbeugte und das Gepäckstück mit einem beherzten Griff weiter nach hinten schob.
    Der Zweitakter sprang beim dritten Zug mit ohrenbetäubendem Lärm an. Der beissende Gestank von Abgasen breitete sich aus. Ohne Vorwarnung begann Drellar mit einem ruckartigen Satz voranzustürmen.
    „Macht euchs kee Sorg'; wi' han Ostwin', de' pust' dat schon all' weg!", versuchte ihr Kapitän sich an einer gebrüllten Beruhigung. Seine betonte Lässigkeit wurde untermalt von der obszön breitbeinigen Sitzposition und der Art wie sein rechter Unterarm locker auf der Pinne ruhte, als wäre sie kein Steuerinstrument, sondern einzig zu seinem Komfort angebracht. Elena ertappte sich dabei, Hände und Kopf instinktiv weiter in den geräumigen Schutz der Jacke zurückzuziehen. Man musste nichts von Seefahrt verstehen, um nach wenigen Sekunden zu erkennen, dass es keine angenehme Reise werden würde. Nach der ersten, scharfen Kurve um den Steg herum, hüpfte das gepeitschte Boot wie ein flacher Stein über die Wasseroberfläche und schaukelte wüst bei jedem Aufsetzen.
    Walbert hatte Recht: Der Gestank wurde von Ost- und Fahrtwind weggerissen. Was blieb und wogegen kein Wind ankam, war der Krach.
    „Casperio hat euchs ein'weiht in all', nehm ik an?", fing er nach einigen Minuten an, lautstarken Smalltalk zu führen. Auch wenn die Frage der Höflichkeit halber in ihrer Formulierung an beide gerichtet war, war es inzwischen nur noch die blonde Frau, die er dabei anschaute. Ihr sonderbarer, wortkarger Partner hatte bislang wenig Interesse an einer Konversation signalisiert und sich obendrauf vor wenigen Sekunden Kopfhörer in die Ohren gesteckt. Eine Geste, die kaum mehr von Desinteresse zeugen konnte oder auch nur dem Versuch, sich abzulenken. Dass er an Übelkeit litt, war nicht zu übersehen. Sein vormals stumpfer Teint glänzte wächsern und hatte einen alarmierenden Grünstich bekommen.
    „Ja", schrie sie und nickte vehement für den Fall, dass Wally sie nicht verstanden hatte. Die Strähnen flatterten ihr so wild vor Augen, dass sie erst gar keinen zehnten Versuch unternahm, sie zu bändigen. Es erschwerte das Gespräch mit ihrem Gegenüber zusätzlich, da es sie der Möglichkeit beraubte, von seinen Lippen zu lesen.
    „Un' wat globbt ihrs?"
    „Bitte?"
    „Wat ihrs globbt!"
    „Wir glauben zumindest nicht an Geister." Sie fröstelte ein wenig und kauerte sich weiter zusammen. Der Wind hatte ihren Kragen als Schwachstelle identifiziert und angefangen, sich darunterzustehlen. Wenn auch nicht direkt kalt, war er doch kühl und ausdauernd genug, dass sich die Härchen in ihrem Nacken aufrichteten. Ein feiner Sprühnebel aus Meerwasser bildete langsam eine feuchte Schicht auf ihrem Haar und dem Cape und lief in ihrem Rücken zu ersten, noch winzigen Tropfen zusammen. Er verströmte den intensiven Geruch von Salz und Seetang. Links hinter Wally war der Steg als allmählich schrumpfender Punkt auszumachen. Rückwärts zur Fahrtrichtung zu sitzen war etwas, das den meisten Menschen widerstrebte. In Elenas und Renos Fall ging es zusätzlich direkt gegen einen über Jahre entwickelten Instinkt. „Was ist mit Ihnen?", erkundigte sie sich. Wissend um die Skepsis gegenüber Aussenseitern, konnte es dennoch nicht schaden, einen weiteren Einblick in die Mentalität der Ansässigen zu erhalten, war die Stichprobe auch noch so klein.
    „Ik globb an Geists, adde nik da off Eltrou. Wat für Geists übe'hop'; ist ja nie ee Mensch droff storbe'. Ik globb ok nik an die Erklärun' mit de' gelannweil'n Jugendlichs. Die soffe' ab, bevor die da an'kett sin' un' de' Platz ist für Parties un'eignet. Ik kenn ok kee gelannweil'n Jugendlik, de' ee Leuch'turm bedien' kann un' dafü' üdds Meer paddel'." Die Antwort fiel fast so nüchtern und bodenständig aus wie erwartet. Der prinzipielle Glaube an Geister und damit an das Paranormale war in Walberts Fall eine individuelle Abweichung von der regionalen Regel. Irrelevant in Bezug auf Eltrou und damit für die Untersuchung. „Wu'd ok niwwe wat fun', wat off ir'nweche Ju'n'liks deut'. Kee Gummis, kee Schmauks, nik ma' lee'e Bleks."
    „Der Dialekt, Wally", wies sie ihn geduldig darauf hin, dass er wieder weiter darin abglitt.
    „Wat?"
    „Der Dialekt!", wiederholte sie lauter.
    Das ausgeprägte Runzeln auf Wallys Stirn und der verwunderte Blick in Richtung ihres kopfhörertragenden Gefährten stellten nonverbal die Frage, die ihm eigentlich auf der Zunge lag.
    „Verzeihun'. Ist je'nfalls Fischdölt, die Erklärung", sprach er einfach weiter, als sie ihm die Antwort schuldig blieb.
    „Irgendeine Idee, was dann dahinterstecken könnte?", hakte sie nach und setzte den Wind schachmatt, indem sie die dünne, knittrige Kapuze über ihren Schopf zog, sodass jeder Versuch, an ihre Haut zu gelangen, für ihn damit endete, dass er das Plastik des Capes nur fester gegen sie drückte.
    „Nur wenn die nik ins Protokoll geht."
    Sie nickte. Eine Zusicherung, für die kein Lügen vonnöten war. Es gab keine Protokolle mehr.
    „Ik denk', ShinRa steckt dahinte'. Kött nik sage' warum, adde all' finn nak de' Tod vom alte' Präsiden' an. Ik globb nik, dass dat Zufa' ist. Un' Casperio hätt' nik aus'rechnet euchs engagiert, wenn er nik ok sowat denke' wüdd'."
    Der alte Präsident. Unbedarfte Worte, messerscharf und spitz in ihrer wahren Natur wie die unsichtbaren Riffe, die unter der Wasseroberfläche lauerten. Dies war das Minenfeld oberhalb, das sich nicht mit einem Meeresabschnitt begnügte und mittlerweile die gesamte Welt umspannte. Was Elena betraf, so war es noch immer ihr erster Reflex, bei der Erwähnung des alten Präsidenten an Rufus' Vater zu denken. Die bittere Erkenntnis, dass mittlerweile der Sohn selbst gemeint war, brauchte jedes Mal aufs Neue einige Sekunden, um sich einzustellen. Dann, wenn es soweit war, wanderten ihre Augen stets nach rechts. So auch jetzt. Renos starrer Blick ruhte wieder auf den grauen Wellen. Alghanpar tan fa elthro hroug dirlytt. Aber in genau diesem Meer. Nicht anders als der Leiter der Abteilung für allgemeine Angelegenheiten, über den nie jemand sprach. ,Ein enger Vertrauter des Präsidenten' hatte es anfangs noch in den Meldungen geheissen. Über den alten Präsidenten sprach man bis heute. Genau wie über James und Carolyn Venners. Allein der enge Vertraute war aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Was blieb, waren die Erinnerungen einzelner. Und in Elenas Fall, eine viel zu große Jacke.




Derartiges Übertöten findet sich
gehäuft bei Beziehungstaten.
Dabei muss es sich nicht um
klassische Eifersuchtsdelikte handeln.
Man ist besser damit beraten, sich vorzustellen,
dass Opfer und Täter generell in einem
engen Verhältnis zueinander standen.

- Also stammt der Täter vermutlich
aus dem nahen Umfeld?

Nicht zwangsläufig. Sowohl beim Akt des Übertötens
als auch der Beziehungstat finden wir als Merkmal
die hohe Emotionalität des Täters, aber wir können nicht
sagen, das eine bedingt das andere.

- Und diese Beziehung, wäre es denkbar, dass
diese Beziehung einseitig ist, also, in dem Fall rein in
der Vorstellung des Delinquenten existiert hat?

Solche Fälle gibt es natürlich immer wieder,
aber wir nennen das dann nicht Beziehungstat.

- Sondern? Wie nennen Sie sowas?

Wir sprechen dann von Wahn.
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