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A Tale of Violets and Roses

von Asia Rose
GeschichteLiebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Julia Mercutio Romeo Tybalt
22.08.2018
22.08.2018
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22.08.2018 4.074
 
Guten Abend, ihr Lieben!
Seit Neuestem bin ich ja fleißig dabei, die englischen Auswüchse unseres kleinen Fandoms hier zu verfolgen, und dabei bin ich über einen Charakter gestolpert, den ich ständig vergesse. Die arme Rosalind, Romeos Augenstern zu Beginn von Shakespeares Stück.
In diesem kleinen Geschichtchen findet ihr meine eigene Interpretation dieser Figur, aber sie ist nicht zu verwechseln mit der "Rosa", die ihr aus den Geschichten von Shira und mir bereits kennt, auch wenn sie dieselbe Inspiration haben. Deswegen habe ich auch durchgängig den Namen Rosalind beibehalten.
Außerdem ist das hier mal was völlig anderes, fokussiert auf ganz andere Figuren und ausnahmsweise spielen Tybalt und Mercutio mal nicht die Hauptrollen.

Diese Story hier ist gestern Abend entstanden, irgendwas musste ich ja machen, während ich darauf gewartet habe, dass meine Lampen wieder anspringen - nix da, der Strom wollte bis nachts um drei nicht so, wie ich es gern gehabt hätte. Also ab an den PC, der glücklicherweise voll aufgeladen war.
Mischt man also jetzt einen kleinen, nur nebenher gefallenen Satz über Rosalind mit einem Post, den ich auf Pinterest gefunden habe, dann kommt dabei diese Idee heraus, und ihr dürft sie jetzt lesen.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und hoffe sehr auf Reviews, wie immer gern mit Lobpreisungen, aber auch gerne mit Kritik, weil ich keine Ahnung habe, wie ich selber das hier bewerten soll. Mal so davon abgesehen, dass ich es für gut genug befinde, es dem Internet zum Fraß vorzuwerfen.

Liebe Grüße,
eure Asia


~*~*~*~*~*~*~*~*


Rosalind hatte lange mit sich gekämpft – und mit ihrem überbehütenden Vater – bis sie endlich dazu bereit war, Romeo Montagues Avancen nachzugeben. Eigentlich wollte sie sich auf niemanden einlassen, bis sie die Schule beendet hatte, und auch ihr Vater war dieser Meinung. Keine Männergeschichten vor dem Schulabschluss, zum Abschlussball eine nette Begleitung, aber sonst keine weiteren Kapriolen.
Die meiste Zeit war Rosalind damit absolut einverstanden. Sie kannte es nicht anders, also fehlte es ihr auch nicht. Und wenn sie beobachtete, welche Probleme die Mädchen in ihrer Schule hatten, dann konnte sie darauf verzichten. Sie litt nicht unter Herzschmerz, weil ein Kerl sie behandelt hatte wie den letzten Dreck oder weil sie sich nach jemandem verzehrte, der sich nicht für sie interessierte (Ed Sheeran vielleicht mal ausgenommen, aber verliebt zu sein in einen Promi, das zählte eh nicht), sie musste sich nicht noch einen weiteren Geburtstag merken, sie hatte wesentlich mehr Zeit für sich und ihre eigenen Freunde, und vor allem war sie unabhängig von der Meinung einer einzelnen Person.
Die meisten Mädchen in ihrem Umkreis schüttelten bei dieser Einstellung den Kopf, aber mittlerweile hatten sie es aufgegeben, Rosalind von den Vorteilen einer Beziehung überzeugen zu wollen. Hin und wieder war ihr unterstellt worden, sie würde sich nicht auf Jungs einlassen, weil sie eher an Mädchen interessiert war – was auch nicht völlig richtig war. Seit fast drei Jahren war Rosalind klar, dass sie bisexuell war, und sie machte daraus kein Geheimnis. Fragte jemand, bekam er auch eine ehrliche Antwort, aber bisher hatte sich nur Mercutio die Mühe gemacht. Sie musste es nicht vor sich hertragen wie eine Reklametafel, und wenn sich niemand genug für sie interessierte, um sie näher kennen zu lernen, dann war das auch nicht ihr Problem.

Obwohl sie ziemlich streng erzogen worden war und ihr Vater bis heute darauf bestand, dass sie vor acht Uhr abends daheim war, war Rosalind nicht unbeliebt in der Schule. Anders als andere Mädchen musste sie nicht Hof halten, aber sie hatte ihre Gruppe von Freunden, Mädchen und Jungs gleichermaßen, mit denen sie sich gut verstand. Die meisten von ihnen kannte sie noch aus Grundschulzeiten, insbesondere mit Benvolio Montague war sie damals eng befreundet gewesen. Als sie in die Oberstufe kamen und eine gewisse Rothaarige auf den Plan getreten war, hatte er zwar signifikant weniger Zeit mit Rosalind verbracht, aber auch das hakte sie als „selber schuld“ ab.
Sie war es gewöhnt, in der Schule Pärchen zu sehen, manche hielten sich hartnäckig seit Jahren, andere schafften es gerade mal eine Woche lang, und es machte ihr nie etwas aus.
Auch Romeo war für sie kein ungewohnter Anblick – der junge Mann, der mittlerweile aus ihm geworden war, war zugegebenermaßen eine Augenweide, und wirklich gut mit Worten. Jede Woche schien man ein anderes Mädchen an seiner Seite zu sehen, und erstaunlicherweise hinterließ er keine Spur an gebrochenen Herzen – wie er das anstellte, das war allen ein Rätsel, nicht nur Rosalind. Die Mädchen selbst sagten immer nur, er wäre viel zu süß, als dass sie auf ihn wütend sein könnten. Rosalind hatte das immer für ziemlich kurzsichtig gehalten und war deswegen auch alles andere als begeistert, als der erste gefaltete Zettel auf ihrem Pult landete. Normalerweise war sie nur diejenige, die solche Botschaften weiterreichte, weil sie immer günstig gelegen in der Mitte des Klassenzimmers saß. Aber auf den kunstvoll gefalteten Blatt Papier stand eindeutig ihr Name. Nicht, dass sie die Kurzform Rosa besonders schätzte, aber zumindest konnte sie damit leben.
Anders als erwartet enthielt der Zettel keinen Tratsch über den Lehrer oder ein Hast du gesehen, was Vanni schon wieder trägt? Stattdessen erwartete sie ein Gedicht, dem Versmaß nach war es ein Sonett. Shakespeare, vermutete sie – mit dem war sie noch nie wirklich warm gewesen, und bis auf die wenigen Werke, die sie im Unterricht lesen mussten (Richard III. war besonders furchtbar gewesen), hatte sie sich von dessen Werken so weit wie möglich ferngehalten.
Das Gedicht war eindeutig an sie gerichtet, und darunter stand ein Satz, gewissenhaft in Romeos mädchenhafter Handschrift gepinselt, der sie die Nase rümpfen ließ.
So wie Shakespeare über seine unbekannte Muse schwärmt, musste ich auf der Stelle an dich denken, schöne Rosa. Dich Königin der Blumen zu nennen, wäre eine Vermessenheit, wo du doch zu Recht den Titel einer Kaiserin tragen müsstest.
Übertrieben wie immer – und Rosalind verstand die Welt nicht mehr. Romeo war bekannt für seine Sprunghaftigkeit und seine wechselnden Begleiterinnen, und es war für sie keine Neuheit, dass er in der einen Woche Mariella seine ewige Treue schwur und in der nächsten bereits Chiara den Hof machte. Nur hatte sie sich immer irgendwie als außerhalb des Territoriums betrachtet. In all den Jahren war er nie auf die Idee gekommen, Rosalind so zu umwerben, und irgendwann war das für sie zum Status Quo geworden. Und jetzt, aus dem Nichts, tauchte dieses kitschige Gedicht auf, noch dazu mit dieser Botschaft darunter.
Rosalind schüttelte nur den Kopf und ignorierte den Zettel.
Genauso schenkte sie den anderen Botschaften keine Beachtung, die sie danach noch erhielt, in der Hoffnung, dass Romeo sie schon irgendwann in Ruhe lassen würde, wenn sie ihm nur die kalte Schulter zeigte. Als nach zwei Wochen irgendwann kein Gedicht auf ihrem Platz mehr lag, hoffte Rosalind beinahe, dass jetzt endlich Ruhe einkehren würde – die anderen Mädchen gingen ihr nämlich mit ihren Ratschlägen gehörig auf den Geist.
Aber diese Ruhe stellte sich als trügerisch heraus. Als sie nachmittags nach Hause kam, fand sie in der Küche ihren Vater vor (was nichts Ungewöhnliches war, weil Ruggero Leone als freischaffender Architekt immer von daheim aus arbeitete), und vor ihm ein großer Strauß Rosen in einer der hässlichen Vasen, die ihre Großmutter immer zu jeder Gelegenheit verschenkte.
„Willst du mir erklären, wer dieser Romeo ist, junge Dame?“, fragte ihr Vater zur Begrüßung, und hielt ihr eine kleine Grußkarte hin, die ihm Rosalind förmlich aus der Hand riss. Erneut ein Gedicht, dieses Mal aber keines von Shakespeares Sonetten (nach dem dritten Zettel hatte sie sich in der Bücherei eine Sammlung ausgeliehen und konnte mittlerweile einige davon auswendig, denn für einen toten Engländer waren die Gedichte eigentlich gar nicht schlecht), sondern etwas, das nach Eigenkreation aussah.
„Ein Schulkamerad, Papa. Er macht dauernd solche Sachen, bei vielen Mädchen. Ich schenke ihm keine Beachtung, versprochen.“ Die Skepsis in seinem Blick war nicht zu übersehen, doch da er auf der anderen Seite auch keinen Grund hatte, seiner Tochter zu misstrauen, nickte Ruggero nur und ließ sie wieder gehen. Die Karte wanderte trotzdem in den Papiermüll und die Rosen stellte er ins Wohnzimmer.

Eigentlich meinte Rosalind das auch ehrlich. Sie hatte keine Lust, eine von vielen auf einer Liste zu sein, abgesehen von dem Stress mit ihrem Vater. Aber Romeo wollte einfach nicht aufgeben, und auch wenn nie eine Reaktion von ihr kam, die er wahrnehmen konnte, machte er wochenlang so weiter. Jeden Tag gab es ein Gedicht, und bald bemerkte Rosa, dass er abwechselnd von großen Dichtern abschrieb und selbst dichtete. Soweit sie wusste, hatte er sich bisher noch nie solche Mühe bei einem Mädchen gegeben – andererseits hatten die meisten schon nach dem zweiten oder dritten Zettel eingewilligt, sich auf ihn einzulassen. Wie es schien, fachte ihre scheinbare Ablehnung Romeo nur noch weiter an, als wäre er entschlossen, sie doch noch von sich zu überzeugen, komme, was da wolle.
Jede Woche schickte er außerdem einen Blumenstrauß, mal waren es Rosen, mal rote Tulpen, einmal sogar ein richtig großes Bouquet. Das zählte Rosalind aber sicherheitshalber als ihr Geburtstagsgeschenk, und versuchte, in der Schule das breite Grinsen nicht zu sehr zur Schau zu stellen.
Bis auf die Briefchen und die Blumen gab es keine weitere Annäherung, auch wenn die anderen Mädchen sagten, dass Romeo sie quasi mit Blicken verzehren würde (Rosalind übersetzte das als „er glotzt dich an und stellt sich dich nackt vor“), er deutete ihr gegenüber mit keinem direkten Wort an, dass er sie umwarb. Für jemanden, der mit Stift und Papier wesentlich besser war als in der Kommunikation Mensch zu Mensch, war das ja auch nichts Ungewöhnliches. Vielleicht, überlegte sie, war er ja auch nur zu schüchtern, um sie anzusprechen, schließlich reagierte sie nicht sichtbar auf die Zettel und Blumen. Oder auf den Kasten Pralinen, der am Morgen des 14. Februar auf ihrem Pult lag, mit einem neuen Gedicht und einer einzelnen roten Rose dazu. Bis auf Tybalt, der eigentlich eher der Raufbold der Klasse war, bekam sonst niemand ein Geschenk. Seines war anonym versendet worden, aber jeder, der Augen im Kopf hatte, wusste, von wem es kam. Der Capulet allerdings schien es nicht zu bemerken.
Für ihre fehlende Reaktion gab es einen simplen Grund. Rosalind hatte schlicht und ergreifend Angst davor, was ihr Vater sagen würde. Oder vielmehr davor, was er tun würde. Er würde einfach nur einen seiner Sermons halten, darüber, wie unsinnig und gefährlich es wäre, bereits in der Schule sexuelle Kontakte zu haben, wie unverantwortlich ihr Umgang wäre und dergleichen mehr. Schlimmer wäre die Enttäuschung, die das für ihn bedeuten würde – und obwohl er sehr streng zu ihr war, liebte Rosalind ihren Vater und wollte ihn nicht enttäuschen. Er würde so tun, als würde er sie bestrafen (und auch wenn eine Woche ohne Handy oder Internet unbequem wären, es wäre auch irgendwann vorbei), doch die eigentliche Strafe wäre, zu sehen, wie er sich selbst immer wieder Vorwürfe darüber machen würde, ob er ein schlechter Vater wäre und dergleichen mehr.
Und darauf konnte Rosalind wirklich verzichten. Ihr Vater hatte wirklich alle Hände voll zu tun mit seiner Arbeit und damit, ein Kind großzuziehen, und nebenher noch einige Ehrenämter zu bekleiden, denn wenn Ruggero Leone etwas tat, dann tat er es richtig und aus vollem Herzen.

Und trotzdem fühlte es sich furchtbar an, Romeo nicht zu antworten – und ebenso katastrophal, ihrem Vater gegenüber zu behaupten, sie fühle nichts für diesen Jungen, der ihr ständig Blumen schickte. Sie konnte sehen, wie ihr Vater von Tag zu Tag nachdenklicher wurde – vermutlich überlegte er, ob er nicht doch eine Ausnahme machen sollte von seiner strengen Regel, schließlich schien dieser junge Mann lautere Absichten zu haben.
An einem Nachmittag im März schließlich wiederholte sich das erste Mal, als Rosalind ihrem Vater von Romeo erzählt hatte. Die Blumen waren schwer zu verbergen, also konnte sie ihn nicht anlügen, dass sie die Avancen längst zu den Akten gelegt hatte, aber das wollte sie auch gar nicht. Die Beziehung der beiden hatte schon immer auf Ehrlichkeit gefußt, und Rosalind wollte gar nicht erst damit anfangen, ihren Vater anzulügen. Notlügen und kleinere Flunkereien, wenn Not am Mann war, zählten in ihren Augen eigentlich nicht als Lügen, aber eine solche Sache, die an einer grundlegenden Regel rüttelte, durfte nicht verschwiegen werden.
„Rosalind? Setz dich, Blümchen, ich will dir etwas sagen“, begann ihr Vater, als sie nach der Schule in die Küche trat, eigentlich nur auf der Suche nach etwas zu trinken.
„Okay? Hat es was mit Romeo zu tun?“, wollte sie wissen, denn schon seit Tagen hatte sie ein seltsames Gefühl dabei.
„Genau genommen…ja, das hat es. Ich habe natürlich bemerkt, dass er dir seit Monaten Avancen macht, und wer sich solche Mühe macht, der hat sicherlich ehrliche Absichten. Du weißt, wie ich zu Beziehungen in der Schule stehe, aber Romeo scheint es gut zu meinen. Dir ist natürlich die Entscheidung überlassen, was du tust. Aber wenn ihr beiden verantwortungsvoll seid, und du weißt, wie ich das meine, dann erlaube ich es dir.“
„Papa…meinst du das ernst? Ich meine…ich weiß nicht, was ich von Romeo halten soll. Wir haben noch nie ein Wort miteinander gesprochen, das nicht die Schule betraf“, erklärte Rosalind, und auch wenn sie in den letzten Wochen immer neugieriger auf Romeo geworden war, jetzt, wo eine Annäherung in greifbare Nähe rückte, wurde sie unsicher. Es stimmte schließlich, bisher hatten sie kein einziges Wort gewechselt, nur Begrüßungen, die meistens eine ganze Gruppe mit einschlossen. Sie hatte sich nicht mal für den Blumenstrauß zu ihrem Geburtstag richtig bedankt. Nur ein kleiner gelber Klebezettel mit der Aufschrift „Danke“ hatte seinen Weg auf Romeos Tisch gefunden.
„Ich meine das ernst, Blümchen. Es ist deine Entscheidung, und wenn du dir unsicher bist, dann solltest du besser auch nichts unternehmen, aber wenn du meinst, dass du es gern versuchen willst, dann unterstütze ich dich.“
Es war deutlich zu sehen, wie schwierig es für ihren Vater war, von seiner eisernen Regel abzuweichen, aber er blieb bei seinem Angebot.
Und Rosalind musste den Rest des Wochenendes über darauf achten, nicht die ganze Zeit über zu grinsen. Noch immer traute sie sich nicht wirklich, Romeo zu kontaktieren, dabei hätte sie nur Ben oder Mercutio nach seiner Handynummer fragen müssen. Doch irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er den ersten Schritt machen müsste.

Dass an diesem Wochenende eine große Feier bei Tybalt zu Hause stattfand, ging völlig an ihr vorbei. Es hatte wohl etwas mit den hohen Tieren der Stadt zu tun, denn der Polizeichef war eingeladen (Mercutios Onkel), eine der einflussreichsten Anwältinnen Veronas (Benvolios Tante/Romeos Mutter) und wie sie später realisierte, war auch ihr Vater dort. Offenbar ging es, erzählte er hinterher, um ein großes Projekt, an dem er mitgearbeitet hatte, ein neues Gerichtsgebäude, weil das alte, das noch aus den Fünfzigerjahren stammte, mittlerweile abrissreif war und nur noch darauf wartete, geräumt zu werden. Was das alles mit den Capulets zu tun hatte, blieb ihr schleierhaft, aber so genau wollte sie es eigentlich nicht wissen. Dass auch sie eingeladen gewesen war, war ihr entgangen, möglicherweise war sie auch einfach nur zu beschäftigt damit, in Shakespeares Sonetten noch einmal alle Stellen zu suchen, die Romeo ihr geschickt hatte, und sie mit einem Lächeln auf den Lippen laut zu deklamieren.

Am Montag nach diesem Wochenende, das gleichermaßen vorfreudig und quälend langsam gewesen war, kam Rosalind mit einem Lächeln zur Schule, ihre Blicke suchten fast auf der Stelle ihren Tisch. Doch die hässliche Holzoberfläche war leer, nur die ausradierten Bleistiftzeichnungen von Generationen von Schülern vor ihr waren zu erahnen. Kein Zettel, kein Umschlag, nichts. Sie tat es als ungewöhnlich ab, aber selbst der sonst so pünktliche Romeo konnte ja mal verschlafen. Möglicherweise lag es auch daran, dass sie heute extra früh aufgestanden war, um so viel Zeit wie möglich zu haben, sich mental darauf vorzubereiten, ihm einen Zettel zu schreiben. (Rational gesehen ärgerte sie sich furchtbar über ihre Schüchternheit, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie reagieren, wie sie Romeo mitteilen sollte, dass ihr Vater endlich einer möglichen Beziehung zugestimmt hatte.)
Romeo tauchte in einer lachenden Gruppe Jungen auf, nicht mit seiner normalen Eskorte aus Ben und Mercutio. Die beiden waren vorher da, schauten grimmig in die Gegen und gaben ihr Bestes, auszusehen wie billige Film-Gangster. Vielleicht war ihnen ja irgendetwas passiert, aber Rosalind entschied, dass ihre Laune zu gut war, um sie davon trüben zu lassen. Ihre Freunde würden sie schon um Rat bitten, wenn sie behilflich sein könnte, das wusste sie genau.
Ihre Blicke folgten Romeo, bis er auf seinen Platz glitt und sie ihn nicht mehr sehen konnte, ohne sich den Hals dabei zu verrenken, aber er blickte nicht mal auf.
In der ersten Pause war er verschwunden, vermutlich auf die Toilette, und auch in der Mittagspause war er unauffindbar. Ungewöhnlich, aber vielleicht hatte er sich ja den Magen verdorben? Sie versuchte, sich mit Mercutio zu unterhalten, aber der knurrte nur abfällig, wann immer sie nur an Romeo dachte, ganz als ob er ihre Gedanken lesen würde. Wahrscheinlicher war natürlich, dass sie ein besonders dümmliches Gesicht machte, wenn sie an den Montague dachte, aber solche Ideen kamen ihr in diesem Augenblick nicht.
Zu Hause erwarteten sie keine Blumen – sie hatte darauf spekuliert, dass er es wegen der Feier bei den Capulets vielleicht nicht geschafft hatte, etwas zu schreiben, und deswegen auf diese Alternative auswich. Aber vielleicht hatte er auch dafür keine Zeit gehabt.

Am Dienstag und Mittwoch war es exakt dasselbe Schema, keine Gedichte, keine Blumen, nicht mal mehr ein Blick. Sogar den anderen Mädchen fiel das auf, die eine Hälfte kicherte hämisch und nannte sie eine Eisprinzessin, die es verdient hatte, fallen gelassen zu werden, die andere Hälfte enthielt sich oder versuchte, sie abzulenken. Aber keine schien sich die Mühe zu machen, ihr auszureden, was sie deutlich spürte.
Sie war abgeschrieben.

Donnerstag war glücklicherweise unterrichtsfrei, offenbar hatten sich alle Lehrer mit einem fiesen Virus angesteckt. Das bedeutete zwar, sie musste nicht zur Schule, aber auf der anderen Seite auch, dass sie viel Zeit mit sich selbst hatte, um darüber nachzudenken, was passiert war. War es ihre Schuld? Sicherlich, schließlich musste selbst dem geduldigsten Mann irgendwann die Hutschnur platzen, wenn er nie eine Reaktion bekam, weder Dank noch Schmähung, und auch keine Bitte, die Geschenke zu unterlassen. Sie hätte einfach eher den Mut aufbringen müssen, mit Romeo zu sprechen. Vorher hatten sie doch auch einen normalen, wenn auch nur seltenen Umgang gehabt, eben zwei Klassenkameraden, die trotz gemeinsamer Freunde nicht viel miteinander zu tun hatten.

Am Freitag brachte Rosalind den Mut auf, noch einmal mit Mercutio zu sprechen.
„Okay…was ist hier los? Keine Blumen mehr? Keine geklauten Sonette?“, fragte sie und legte absichtlich einen harschen Ton in ihre Stimme. Als ob es ihr egal wäre, dass Romeo sie so unzeremoniell fallen gelassen hatte wie eine heiße Kartoffel. Mercutio konnte sie damit nicht täuschen, das wusste sie in dem Moment, in dem sie fertig gesprochen hatte, aber er hielt sich mit dem Spott ein wenig zurück.
„Ich würde sagen, es ist kein was, sondern ein wer. Am Wochenende auf dieser unsäglich langweiligen Party, dieser Selbstbeweihräucherung unserer Eltern? Du warst ja nicht da, aber wir wurden von unseren zuständigen Erwachsenen mitgeschleppt. Natürlich war Tybalt da, und wo der ist, ist seine Cousine nicht weit. Du kennst sie nicht, sie geht auf eine andere Schule. Giulia heißt sie, ist letzte Woche sechzehn geworden und sie gleicht einer Elfe oder einem Engel, sie ist überirdisch schön, ihre Augen strahlen und ihre Lippen sind weich wie Samt und sprechen nichts als die Wahrheit. Alles Romeos Worte, nicht meine.“
Sie schaffte es, nicht zu weinen. Aber es tat ziemlich weh, die Wahrheit so vor den Latz geknallt zu bekommen.
„Nach vier Monaten hat er sich also dazu entschieden, dass er keine Lust mehr auf mich hat und sich einem anderen Mädchen zugewandt?“, fragte Rosalind, nur um sicher zu gehen.
„Vollkommen erfasst. Die Lehrer haben Recht, du bist ein kluges Mädchen. Eigentlich bist du doch klug genug, um zu wissen, wie Romeo ist, oder? Bitte sag mir nicht, dass du wirklich in ihn verliebt bist!“, erwiderte Mercutio, aber irgendwie klang es nicht wirklich mitfühlend.
„Na, du wärest der Letzte, dem ich es erzähle. Du weißt doch, wie sehr ich deinen Spott liebe“, gab Rosalind zurück, der ätzende Sarkasmus, den sie sich sonst meistens verbiss, lag dieses Mal offen in ihrer Stimme. Mercutio konnte nichts für ihre Laune oder dafür, dass ihr Herz irgendwie wehtat, aber er war der Überbringer der schlechten Nachricht, und obendrein nicht besonders einfühlsam.

Bis sie zu Hause angekommen war, behielt sie ihre Maske aufrecht. Sobald sie in ihrem Zimmer war schloss sie ab, drehte Green Day auf und begann, überdeckt von American Idiot, in ihr Kissen zu weinen. Bis zum Abend dauerte dieser Weinkrampf, und als sie feststellte, dass ausgerechnet jetzt ihr Vater für drei Tage geschäftlich nach Mantua musste, heulte sie noch mehr.
Am Samstag saß sie in ihrem Zimmer und starrte die Wand an, doch irgendwann entschied ihr Körper, genug vom Herumsitzen zu haben. Unbewusst zog sie sich um, band die Haare zusammen, die ihr in langen, kastanienbraunen Wellen bis zu den Ellenbogen reichte, und verließ das Haus. Ein einfacher Spaziergang hatte sie schon immer beruhigt, und in der Nähe ihres Hauses lag ein kleines Waldstück, eine Art Naturschutzgebiet um einen uralten Baum herum gezogen, ein Mini-Urwald mitten in der Stadt. Rosalind folgte keinem erkennbaren Pfad, sie ließ sich einfach von ihren Füßen leiten. Irgendwann kam sie zu der Stelle, an der sie als kleines Mädchen unbedingt hatte heiraten wollen. Hier bildeten die Bäume über einer Lichtung eine Art natürlichen Baldachin, die Äste waren mit der Zeit so ineinander gewachsen, dass selbst Regen das Blätterdach schwer durchdringen konnte. Sie war seit Jahren nicht mehr hier gewesen, und seitdem war es nur noch dichter geworden, und rund um die Bäume blühten jetzt die ersten Blumen. Noch waren die Blätter der Bäume nur zartgrün und kaum vorhanden, aber Krokusse, sehr verspätete Schneeglöckchen und sogar ein paar Veilchen glichen das eindeutig aus.
Rosalind pflückte einen kleinen Strauß Veilchen, die hatte sie schon als Kind immer geliebt, und verlor sich für eine Weile in dem süßlichen Duft der kleinen, blaublühenden Pflanzen.
Am Sonntag fasste sie einen Entschluss. Romeo hatte es nicht für nötig gehalten, ihr wenigstens einen Zettel zu schreiben, er hatte sie einfach so in den Wind geschossen. Es war ihre eigene Schuld, dass sie sich erlaubt hatte, sich Illusionen zu machen, aber es wäre umso dümmer, sich davon noch weiter runterziehen zu lassen. Jetzt hatte sie am eigenen Leib erlebt, was ihre Freundinnen und all die Mädchen in den ungezählten Teenie-Komödien immer durchmachen mussten, und sie war fest entschlossen, es Romeo heimzuzahlen.

Auf welche Schule geht denn Giulia?

>Warum willst du das denn wissen? Du willst dich aber nicht an ihr rächen, oder? <, antwortete Mercutio, wie zu erwarten nur wenig später. Der Junge war praktisch mit seinem Handy verwachsen, wenn er nicht am PC oder in einem seiner Bücher festhing.

Nein, du Idiot. Ich bin doch nicht du! Ich kann wirklich darauf verzichten, mich mit Tybalt anzulegen, anders als du stehe ich nicht drauf, wenn er mich gegen die nächste Wand presst.

>Haha, sehr komisch. Nicht. Aber bitte, damit du siehst, was für ein toller Freund ich bin. Ich grolle dir nicht, Rosalind. Sie geht auf diese private katholische Schule am anderen Ende der Stadt, Sankt irgendwas. <

Eine schnelle Suche im Internet ergab nur einen möglichen Treffer, und Rosalind beschloss, sich die Gegebenheiten anzusehen. Für das, was sie vorhatte, brauchte sie zwar an sich keine profunde Ortskenntnis, aber sie war lieber zu gut als zu schlecht vorbereitet.
Es war nur ein ausgedehnter Spaziergang bis zu dieser Schule. Glücklicherweise war es keine von Nonnen geführte Schule, wie sie befürchtet hatte, denn dann hätte sie wohl gar keine Chance gehabt. Ein altes Gebäude, wie viele Schulen in der Stadt, und vermutlich wurde es schon seit hunderten von Jahren als Schule genutzt. Heller Sandstein, viele Fenster, aber ein hoher Zaun rund um das Gelände, und die überall präsenten Kreuze hatten, wie Rosalind fand, eine beinahe erschlagende Präsenz.
Morgen würde sie wiederkommen, beschloss sie, wenn hier auch Schülerinnen unterwegs waren. Und dann würde sie einen ersten Blick auf Giulia Capulet werfen.

~*~*~*~*~*~*~*~*


So viel zum ersten Kapitel, das zweite folgt dann sogleich. Dieses Mal aus Giulias Sicht, mit hoffentlich dem richtigen Maß an Teenager - ich muss mich da echt auf Wikipedia und mein Wissen aus Filmen verlassen.
Ich bin ja mal neugierig, wie ihr den Ansatz findet, ich hoffe, ihr mögt Rosalind genauso sehr wie ich!
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