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In my last life

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Chief Jim Hopper Demogorgon Elf "Elfie" Jonathan Byers OC (Own Charakter)
22.08.2018
13.07.2020
12
15.763
4
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Dieses Kapitel
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24.08.2018 1.310
 
Die Tankstelle war hell erleuchtet, als Aspen den Wagen vorfuhr. Auf dem Beifahrersitz lag ein Kuvert mit hundert Dollar darin, die sie eigentlich gespart hatte. Wehleidig sah sie auf das weiße Papier hinab, bevor sie danach griff und ausstieg. Hinter dem Kassentresen stand ein Junge etwas älter als sie selbst. Sein Gesicht war rundlich und voller Akne-Narben. Als er Aspen anlächelte wurden seine Backen beinahe schlagartig feuerrot. Seine Augen schienen an ihrem Ausschnitt festzukleben, während sie sich langsam auf ihn zu bewegte. „Hey. Habt ihr zufällig Auflade-Karten für den Strom da?“, Aspen lächelte gequält und zog die dünne Jacke, die sie vor Verlassen des Hauses übergeworfen hatte, enger um sich. Sie fühlte sich beobachtet, wartete auf ein drohendes Unheil. Eddy, so stand es zumindest auf dem kleinen Plastikschild an seiner Brust, kratzte sich unwissend am Hinterkopf: „Muss ich mal nachschauen. Solche Dinger kauft schon ewig keiner mehr.“. Er wandte sich zu einer schweren Stahltür um, auf der in großen roten Lettern Privat/Lager stand. „Lauf nicht weg.“, er wackelte ziemlich unsexy mit den buschigen Augenbrauen, bevor er dahinter verschwand. Seufzend verdrehte das Mädchen die Augen, bevor sie sich dem Tankstellensortiment zuwandte. Aspen lief an Poprocks, Chilli Cheese Natchos und Schokoriegeln vorbei, bis sie etwas fand, dass ihr Interesse erweckte. In einem der hinteren Regale standen zwei verwaiste Flaschen „Club-Mate“, auf die sie wie hypnotisiert zusteuerte. Die goldene Flüssigkeit erinnerte sie an Karamell, als sie eine der Flaschen in die Hand nahm und gegen das grelle Neonlicht hielt. Wie viele Liter sie davon früher vernichtet hatte war bis heute ein umstrittenes Mysterium. Unbemerkt schlich sich ein kleines Lächeln auf ihre spröden Lippen, die diese Geste in letzter Zeit beinahe verlernt zu haben schienen. „Du magst dieses widerliche Zeug doch nicht immer noch?“. Diese Stimme hätte sie unter tausenden erkannt. Für einen Augenblick, der sich anfühlte wie eine Ewigkeit verlor Aspen den Boden unter den Füßen. Nicht wirklich, aber in ihrem Kopf schien sie zu fallen. Sie fiel und fiel, ohne dass der Boden überhaupt in Sicht kam: „Keine Ahnung ich hab lange keins mehr getrunken.“. Genauso lange wie sie fort gewesen war. Denn jedes Mal, wenn sie eine der Flaschen irgendwo gesehen hatte, hätte es sich falsch angefühlt eine zu kaufen. Es war ihr gemeinsames Ding, als sie drei noch wie Pech und Schwefel zusammen gestanden hatten. Aspen schüttelte den Kopf, als wolle sie damit die Gedanken loswerden wie lästige Fliegen. Etwas zu hart knallte sie die Flasche wieder an ihre angestammte Position. Den Jungen hinter sich ignorierend stapfte die Sechzehnjährige anschließend zurück zur Kasse, von der aus Eddy ihr mit einer der Auflade-Karten zuwinkte, als wäre es der Pompon eines Cheerleaders. „Ist die letzte. Sind 90 Dollar okay?“, „Wunderbar.“.


Fluchtartig die Tankstelle zu verlassen erwies sich nicht als die einfachste Idee. Denn er folgte ihr. Sie konnte seine gleichmäßigen Schritte zwischen ihren hektischen hören, während Aspen wie eine gejagte auf den Mustang zulief. Sie verfluchte sich dafür, ihn etwas abseits geparkt zu haben. „Warum läufst du weg?“, er wurde schneller und sie konnte bereits den vertrauten Geruch seines herben Aftershaves schmecken, das er benutzte seit ihm das erste Barthaar gewachsen war. Frustriert kniff Asp die Augen zusammen, der bittere Geschmack auf ihrer Zunge formte sich zu einem festen Kloß in ihrem Rachen: „Weglaufen war doch schon immer eine meiner Stärke.“. Endlich erreichte sie den Wagen, an dessen Rahmen sie sich klammerte wie an eine rettende Insel. Und da erst sah sie ihn an. Es war bereits dunkel, die nächste Straßenlaterne stand gut Zehn Meter entfernt, aber sie konnte ihn klar und deutlich sehen. Er war gewachsen und überragte sie nun um einen halben Kopf. Seine Gesichtszüge waren markanter geworden, seine Miene ausdrucksstärker. Nur seine Augen waren immer noch so hinreißend braun wie beim letzten Mal, als ihre Blicke sich im Seitenspiegel des davon rasenden Autos getroffen hatten. Jonathan fixierte sie: „Und wirst du wieder abhauen?“. „Ja. Und dann komm ich nie wieder hier her zurück.“, während sie sprach öffnete Aspen die Fahrertür des Mustangs, die sie mit Beenden des Satzes hinter sich zuzog. Das aufheulen des Motors verdrängte ihre wirren Gedanken, als sie Jonathan Byers mutterseelenallein auf der Hauptstraße stehen ließ.


Nachdem Aspen den Strom wieder zum Laufen gebracht hatte, wäre sie am liebsten in ihr Bett gefallen. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass es inzwischen auf Mitternacht zuging. Allerdings erwartete ihr Vater sie, der gerade versuchte das Schloss zu treffen, als die Schülerin hinter dem Haus hervorkam, wo der Sicherungskasten angebracht war. „Oh. Aspen-Schatz“, verlegen fuhr er sich durch die dichten braunen Haare, die bereits von grauen Strähnen durchzogen waren, während er weiter mit dem Schlüssel herum stocherte „Solltest du nicht schon längst im Bett sein?“. Die Angesprochene zuckte mit den Schultern, bevor sie ihren Vater zur Seite schob um die Tür zu öffnen. Die nackte Glühbirne sprang flackernd an und tauchte die Olivgrünen Wände in schummriges Licht. Peter, Aspens Vater, starrte einen Augenblick verwirrt die Deckenbeleuchtung an, dann lief er taumelnden Schrittes in Richtung Küche: „Möchtest du etwas essen? Ich könnte dir Bolognese machen.“. Aspen schnaubte, unterließ es aber ihn darauf hinzuweisen, dass sie seit drei Jahren kein Fleisch mehr aß und wimmelte ihn stattdessen damit ab keinen Hunger zu haben. Erschöpft schlurfte sie anschließend die schmale Treppe hinauf, die in das Obergeschoss führte. Auch hier brannte Licht, obwohl Aspen es nicht eingeschaltet hatte. Aus unerklärlichen Gründen waren alle Lampen eingeschaltet, selbst die hinter dem Spiegel im Bad. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen schaltete sie das Mädchen der Reihe nach aus, bevor sie in ihr eigenes Zimmer ging.  Dort war alles so wie sie es verlassen hatte. Zumindest fast. Die Blutspuren am Fenster, für die sie noch keine Zeit gefunden hatte sie zu entfernen, waren verschwunden.


Flammen. Hitze. Rauch. Diese drei Dinge schienen den Moment zu beherrschen, ihn zu verschlingen. Überall tanzte das Rot bizarre Gestalten formend über die Wände, während sie sich gegen den Ruß wehrte, der versuchte in ihre Lunge zu kriechen. Aspen hustete, während ihr die Hitze ins Gesicht schlug und sie die Augen zusammenkneifen ließ. Die Flammen, groß und wild, züngelten an ihr empor wie wütende Schlagen. Alle Wege waren versperrt. Es gab kein Entkommen vor der beißenden Hitze, die über ihre Haut leckte, als wolle sie sie auffressen. Ihre Stimme war zu schwach um zu schreien, Rauch drang in ihre Lunge. Sie wusste, dass sie sterben würde. Inzwischen war alles schwarz und rot und gelb. Das Holz knarzte unter der bald nicht mehr tragbaren Last, es schrie genauso um Hilfe wie Aspen es tat. Mit Tränen in den Augen fiel sie auf die Knie, während sie sich die Hand auf den Mund presste. Sie wurde von einem Hustenanfall geschüttelt. Dann verlor ihr Körper jegliche Spannung und sie sackte nach vorne. Hart kollidierte ihr Kopf mit dem Parkettboden, das dumpfe Pochen in ihrem Schädel schwoll an und wurde zu einem Dröhnen und Klingeln in ihren Ohren. Schemenhaft sah sie die verkohlten Umrisse ihres Zimmers. Neben dem Bett auf dem Boden lag ihr Lieblingsstofftier. Ein flauschiges Nussbraunes Kaninchen namens Klopfer. Verzweifelt streckte Aspen ihre Hand danach aus, ihre Fingerspitzen streiften gerade so eins der Ohren, als jemand sie hoch riss.


Schweißgebadet öffnete Aspen die Augen, beinahe glaubte sie noch den roten Schimmer von Flammen zu sehen. Doch ihr Zimmer war leer. Nur Kartons und leere Bücherregale. Auf dem Nachttisch rückte der Zeiger des Weckers auf zehn vor vier. Das ganze Haus war still, nur vor dem Fenster hörte man das leise Rufen eines einsamen Uhus. Ihr Mund war trocken, als hätte sie seit Wochen keinen Schluck Wasser mehr getrunken. Keuchend setzte Aspen sich auf, ihre Augen wanderten fieberhaft durch die Dunkelheit ihres Zimmers. Es war alles gut, versuchte sie sich einzureden, dieses Mal würde es nicht passieren. Gedankenverloren strichen ihre Fingerkuppen über die verheilte Brandnarbe auf ihrem Torso. Hier würde sie das Feuer nicht kriegen.
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