Vom Glück geküsst

von BAB
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
21.08.2018
27.05.2019
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Ganz egal wen er fragte und welche Theorien er aufstellte, niemand kannte eine Jessica Bronckhorst oder Romy Ehrlinger. Abgehetzt, außer Atem und ein wenig frustriert stand Paul vor dem Krankenhaus in Bad Tölz und verschnaufte. Hatte er sich im Krankenhaus geirrt? Er lief auf und ab und schaltete dabei sein Handy wieder ein. Vielleicht hatte auch Romy sich im Krankenhaus geirrt und Jessica war woanders eingeliefert worden. Er würde es hoffentlich gleich und noch rechtzeitig erfahren.

Seiner Freundin fiel im selben Moment ein, dass ihr Freund immer noch unterwegs sein musste und das in einer völlig falschen Richtung.
„Oh Gott, Paul!“, sagte Romy und sprang vom Boden auf. Jessica hob alarmiert ihren Kopf. „Er ist immer noch auf dem Weg nach Bad Tölz!“, fügte Romy erklärend hinzu und ging schnellen Schrittes in die Küche. Die Notärztin war bei Jessica, sodass sie sich diesen Luxus nun gönnte. Noch bevor sie Paul selbst anrufen konnte, hörte sie schon im Flur, dass ihr Handy Sturm schellte.

Für Jessica waren diese Probleme in weite Ferne gerückt. Die Abstände zwischen den Wehen wurden immer kürzer, die Schmerzen waren kaum auszuhalten. Ihre Muskeln im Becken- und Lendenbereich arbeiteten ununterbrochen. Entgegen ihrer Erwartung war auf der Couch zu liegen die reinste Folter.
„Sie machen das ganz toll“, versuchte Frau Dr. Petersen ihr ein gutes Gefühl zu geben.
Jessica hatte ein Déjà-Vu. Das waren doch wieder nur die berühmten Bla Bla-Floskeln, wie sie sie schon zu genüge gehört hatte.
„Ich will nicht mehr liegen!“, verlieh sie ihrem Unwohlsein Ausdruck.
„Sie können die Wehen auch stehend weg atmen, wenn Sie wollen.“
Das ließ sich Jessica nicht zweimal sagen, sofort erhob sie sich von der Couch mit Hilfe von Frau Dr. Petersen. Mit ihrer rechten Hand und mit dem Rücken zur Tür und  Frau Petersen stütze sich Jessica an der Wand ab. Als ob es etwas bringen würde nutzte sie ihre freie Hand um sich ihren Bauch festzuhalten. Diese Position gefiel ihr deutlich besser, liegend hatte sie sich ihren Schmerzen ausgeliefert gefühlt, stehend fühlte sie sich diesen besser gewachsen. Vielleicht war das ein kleiner psychologischer Trick oder einfach nur für sie der beste Weg.
„Geht es… geht … also ich meine…“
Jessica blickte einmal verwundert hinter sich, die Ärztin wirkte plötzlich ein wenig blass auf sie und hatte wie gerade eben gehört den Satz mehrfach versucht anzufangen. War die Ärztin schon die ganze Zeit so blass gewesen? Jessica wusste es nicht, war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und auch jetzt hatte sie keine Zeit um sich um andere zu kümmern. Außerdem war die Ärztin doch da um ihr zu helfen.
„Was meinen  Sie?“, erkundigte sie sich verunsichert. Eine Antwort bekam sie nicht, stattdessen sah sie, wie die Ärztin versuchte sich rückwärts taumelnd am Türrahmen festzuhalten, es aber nicht mehr schaffte und in den Flur kippte. In Jessica stieg Panik auf, die nur von einer Wehe, und der Schmerzen die sie mit sich brachte, übertrumpft werden konnte. Romy war nun die Einzige, die ihr helfen konnte. Die Panik und der Schmerz bündelten sich nun in einem Hilfeschrei nach Romy.

Jessicas Schrei ging Romy durch Mark und Bein. Für ein paar Sekunden stand sie wie versteinert in der Küche. Erst Paul konnte sie wieder aus ihren Gedanken reißen „Romy?“, erklang es vorsichtig aus dem Hörer. „Ähm Paul, ich muss Schlussmachen….“, wie hypnotisiert legte Romy auf und ließ das Handy in ihrer Hand sinken. Ein erneuter Hilfeschrei von Jessica ließ Romy aus ihrer Starre erwachen und endlich in den Flur eilen. Dort fand sie eine ohnmächtige Frau Doktor Petersen vor. Nun wusste sie nicht, um wen sie sich als erstes kümmern sollte. Romy entschied sich schnell erst nach Jessica zu sehen und stieg somit vorsichtig über Frau Petersen drüber.
„Was ist denn?“, fragte Romy und erblickte Jessica stehend neben der Tür, wie sie sich mit beiden Händen an der Wand abstützte und ihren Kopf gesenkt hatte. Jessica hatte gerade keine Luft um ihr zu antworten, sie atmete immer noch die Wehe weg, was Romy sofort erkannte und Jessicas rechten Arm um ihren Nacken legte um sie zu stützen und wieder zur Couch zu bringen. Romy war davon ausgegangen, dass Jessica Frau Petersen zur Hilfe eilen wollte. „Nein…“, sagte Jessica, als sie Romys Vorhaben bemerkte. „Möchtest du dich nicht lieber hinlegen?“ Jessicas Kopfschütteln reichte ihr nun als Antwort. Romy wusste nicht, ob sie bei Jessica bleiben oder sich um Frau Petersen kümmern sollte. Sie hatte mal gelesen, dass bei Geburten Frau und Kind immer an erster Stelle standen, ganz egal wie es zum Beispiel dem werdenden und ohnmächtig gewordenen Vater ging. Die Entscheidung war also gefallen. Erst wenn Jessica auf sie den Eindruck machte, dass sie kurz alleine klar kam, würde sie sich um die Ärztin kümmern. Also blieb Romy bei Jessica solange bis die Wehe abgeklungen war, unterstütze sie, indem sie bei ihr blieb. Die Angst alleine zu sein nahm Romy ernst.
„Geht es wieder?“ Romy kam die Frage unheimlich blöd vor, in Anbetracht der Tatsache dass die Wehe abzuklingen schien, Jessica aber immer noch Probleme damit hatte ihren Atem zu regulieren. Doch Jessica nickte zaghaft, weshalb sie sich langsam von ihr löste, aber nicht, ohne die nächsten Schritte zu erklären und Jessica die Angst zu nehmen. „Ich sehe mal kurz nach Frau Petersen, wenn etwas ist, dann schreist du. Okay?“ Erst als Jessica ihr mit einem erneuten zaghaften Nicken bestätigte sie verstanden zu haben, sah sie nach der Ärztin. Sie hatte Puls, doch Romy brachte sie zur Sicherheit noch in die stabile Seitenlage. Das lief ja großartig! Nun war Romy wieder ganz auf sich alleine gestellt und hatte gleich zwei Problemfälle.

Paul war froh gewesen Romys und ganz besonders Jessicas aktuellen Standort erfahren zu haben bevor Romy das Gespräch abrupt beendet hatte. Er meinte im Hintergrund Jessica  gehört zu haben, die alles andere als ruhig geklungen hatte, was ihn beunruhigte. Er hatte sich so schnell wie möglich auf den Rückweg gemacht, merkte aber sehr schnell, dass er sich die Kraft besser hätte einteilen sollen. Das war in seiner Sportart wichtig und das wusste er. In seiner Euphorie und Vorfreude hatte er dies vergessen gehabt und aufgrund der Beunruhigung ebenso, was ihn nun ärgerte. Auf halbem Weg musste er eine Verschnaufpause einlegen um neue Kraft zu tanken. Er nutze die Gelegenheit um noch einmal bei Romy anzurufen und in Erfahrung zu bringen, wie viel Zeit er noch hatte und was überhaupt los war. Mitten auf der Landstraße hielt er an und wählte die Nummer seiner Freundin. Eine Minute hatte er klingeln lassen, dann gab er auf. Frustriert fuhr er sich durch seine Haare. Was war denn da los? Er beschloss, dass die kurze Pause genügen musste und trat wieder kräftig in die Pedale.

„Romy!?“, vernahm sie Jessica schrille Stimme von unten aus dem Wohnzimmer. „Bin sofort wieder bei dir!“, antwortete sie schnell. Die Gunst der Stunde hatte sie nutzen wollen um noch mehr Decken und vor allem Handtücher im Haus zu suchen. Der Krankenwagen war immer noch nicht da, Romy nahm an, dass die Notärztin ihnen Entwarnung gegeben hatte und noch kein Ersatz geschickt werden sollte. Was auch immer der Grund dafür war, dass immer noch kein Krankenwagen da war, es sah alles nach einer Hausgeburt aus und die bereitete sie nun vor. Im Badezimmer hatte sie die erstbesten Handtücher mitgenommen und war wieder nach unten zu Jessica geeilt.
„Oh, Gott sei Dank, Sie sind wieder wach!“, sagte sie als sie Frau Doktor Petersen im Flur sitzen sah. Benommen hielt diese sich mit beiden Händen ihren Kopf fest.
„Was ist passiert?“, erkundigte sie sich mit dünner Stimme.
„Sie sind ohnmächtig geworden.“
Alle weiteren Erklärungen mussten nun warten, denn Jessica rief wieder nach ihr.
„Ich bin wieder bei dir!“, schnell verteilte Romy die Decken und Handtücher auf der Couch. „Wir schaffen das!“, sprach sie Jessica, aber auch sich selbst Mut zu. Es sah nicht danach aus, als würde die Ärztin wieder helfen können.
„Ich hab so’n Durst!“, sagte Jessica und stand immer noch mit den Händen abgestützt an der Wand. Romy beschloss Jessica die Geburt so absolvieren zu lassen, wie sie sich am besten fühlte, weshalb sie dazu nichts mehr sagte. „Ich hol‘ dir ein Glas Wasser.“ Bei der Gelegenheit könnte sie auch die Ärztin damit versorgen, dachte sich Romy nur, um Jessica nicht zu beunruhigen, auch wenn die Ärztin wieder bei sich war.
Sie reichte also der Ärztin ein Glas Wasser, die an der Wand im Flur angelehnt saß und wieder versuchte zu Kräften zu kommen, dann ging es wieder zurück zu Jessica.
„Hier“, Romy überreichte das Glas Wasser und warf wieder einen prüfenden Blick in den Flur. Sie spürte, dass sie heute über sich hinaus wachsen musste.
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