Vom Glück geküsst

von BAB
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
21.08.2018
27.05.2019
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Die Tankstelle war nicht gut besucht, der Spritpreis war gerade auf einem Rekordhoch und als ob das noch nicht genug wäre, musste Ursula „Uschi“ Krieger einige Beschwerden von Kunden über sich ergehen lassen, die murrten, dass das schon seit Wochen so ging und keine Besserung in Sicht war. Die Sommerferien hatten begonnen. Dabei konnte die Kassiererin am allerwenigsten für die hohen Preise. Der letzte und einzige Kunde war gerade zur Schiebetür hinaus, da wurde sie durch die Hintertür begrüßt.
„Hallo Uschi.“, grinste Jessica Bronckhorst ihr breitestes Grinsen und zauberte wie fast immer auch der älteren Kassiererin mit dem leicht ergrauten Haar ein Lächeln ins Gesicht. So kannte sie ihre junge Kollegin, die fast immer gute Laune mitbrachte.
„Hallo Jessica.“, begrüßte nun auch Ursula ihre Kollegin, die gleich ihre Mittagsschicht antreten und sie in den Feierabend entlassen würde.
„Heute ist ja wieder nicht viel zu tun.“, stellte Jessica ernüchternd fest, während sie sich das eng anliegende rote T-Shirt zurechtzuppelte und endgültig hinter die Kasse trat. Immer diese Arbeitskluft! Aber immerhin war das T-Shirt einigermaßen vorzeigbar und betonte ihre Figur, dann war es erträglicher das Ding für ein paar Stunden zu tragen.
„Nein, das wird wohl heute wieder ein ruhiger Tag werden.“
„Umso besser, Nadine und ich wollen nach der Arbeit noch shoppen gehen, da brauche ich Energie.“
„Das machst du doch mit Links.“
„Vom nichts tun werde ich immer so müde und die Zeit geht auch nicht rum.“, seufzte Jessica. Nein, der Tankstellenjob war nicht ihr Traumberuf, der war so langweilig und irgendwie kam es ihr vor, als würde der von Tag zu Tag langweiliger werden. Shoppen, das konnte sie hingegen den ganzen Tag tun, wenn denn nur das Geld immer ausreichen würde…
„Hast du endlich genug Geld angespart?“, fragte Ursula nach, die um die finanzielle Situation Jessicas wusste.
„Oh ja! Die Schuhe, die ich schon seit Wochen will, sind sogar um 10% heruntergesetzt und wenn ich die habe, dann gönne ich mir endlich mal noch mehr.“, strahlte Jessica.
Ursula lächelte nur leicht und schüttelte mit dem Kopf. Jessica hatte wirklich nur Schuhe, Schminke und Shoppen im Kopf. Das „magische S-Dreieck“, wie es Uschi häufiger mal bezeichnete. Aber wenn es das liebe Mädchen glücklich machte, dann solle sie sich doch damit beschäftigten, dachte sie immer.
„Kann ich dir noch helfen?“, fragte Jessica.
„Die Regale müssen noch neu aufgefüllt werden.“
„Okay.“, antwortete Jessica und verschwand wieder im Hinterzimmer. Wenigstens etwas, freute sie sich. Uschi konnte nicht mehr so schwer heben und hatte Probleme damit sich zu bücken, deshalb übernahm Jessica das gerne für sie und räumte die Regale ein.
Während Jessica hinten im kleinen Lager nachsah, was alles neu eingetroffen war und eingeräumt werden wollte, hörte sie plötzlich eine männliche Stimme von vorne. Leicht aggressiv erschien ihr der Ton, den der Mann anschlug.
„Machen Sie schon!“, drängte der Mann.
Nun hörte Jessica deutlicher die Stimme des Mannes. Sie zuckte nur mit den Schultern, wahrscheinlich bekam jemandem die viele Sonne wieder nicht und wurde ungeduldig. Nur wenige Sekunden später hörte sie „Na wird’s bald!“, eine erneute energische Aufforderung des Mannes. Wofür eigentlich? Jessicas Neugierde siegte, irgendetwas stimmte nicht. So ungeduldig war noch nie ein Kunde gewesen und in einem solch energischen  Ton wurde sie noch nie aufgefordert das Wechselgeld oder anderes herauszurücken, geschweige denn ihre Kollegin. Jessica begab sich aus dem Lagerraum in einen kleinen Flur und folgte diesem bis nach vorne zum Tresen. Alles was sie hörte, war rascheln. Noch konnte sie nichts sehen und die Geräusche zuordnen, weshalb sie sich dazu entschloss schnell den Raum zu betreten. Als sie endlich hinter dem Tresen stand, entdeckte sie links von sich Ursula, die so schnell sie konnte die Kasse ausräumte und Geldscheine in einen Beutel umpackte. Vor ihr stand ein Mann mit schwarzer Sturmhaube, nur die Augen waren zu sehen und zielte mit einer Waffe auf Ursula. Das hier war kein Kunde, dem es nicht schnell genug beim Wechselgeld ging, sondern ein Überfall!
Jessicas Herz fing augenblicklich an schneller zu schlagen, Adrenalin schoss in ihre Blutlaufbahn als der Mann sie blitzschnell entdeckte und die Waffe nun hektisch auf sie schwank. Jessica hob reflexartig ihre Hände in die Luft, um zu signalisieren, dass von ihr keine Gefahr ausging.
„Wieso ist noch jemand hier?!“, fragte der Angreifer nervös. Ursula hatte aufgehört gehabt das Geld einzupacken und entdeckte nun erschrocken Jessica neben sich stehen. Das blieb nicht unbemerkt.
„Du packst schön das Geld weiter ein!“, befahl der Angreifer erneut und richtete nun wieder die Waffe auf Ursula, die stumm den Anweisungen Folge leistete. Jessica wollte den kurzen Moment der Unaufmerksamkeit nutzen und machte einen kleinen Schritt zurück, der allerdings wieder nicht unbemerkt blieb.
„Hier geblieben Blondchen, du wartest schön hier bis deine Kollegin fertig ist. Komm bloß nicht auf dumme Gedanken!“, drohte er, hielt die Waffe weiter auf Ursula gerichtet und beobachtete sie dabei wie sie das Geld immer noch einpackte. Verdammt! Wie hatte er das nur gesehen, fragte sich Jessica und suchte fieberhaft nach einer Lösung. Zum Telefon im Hinterzimmer kam sie leider nicht, der Angreifer hatte wohl Adleraugen und wegrennen war ebenso nahezu unmöglich.
Noch etliche Sekunden verweilten sie, bis Ursula endlich das gesamte Geld aus der Kasse in den Beutel umgepackt hatte. Jessica war nichts besseres eingefallen und startete einen kläglichen Ablenkungsversuch, der eigentlich nicht mehr nötig war, denn der Angreifer würde nun mit der Beute fliehen.
„Da hinten ruft jemand die Polizei!“, sagte Jessica schnell, in der Hoffnung wertvolle Sekunden zu gewinnen und endlich nach hinten zu einem Telefon rennen zu können. Jessica hatte es nur noch geschafft sich umzudrehen, denn der Angreifer hatte ihr klägliches Spiel durchschaut gehabt. Ein Knall. Ein Schuss.
„Um Gottes Willen, Jessica!“, rief Ursula entsetzt aus. Jessica hielt sich den Rücken, dann sackte sie zusammen. Irgendwann wurde sie ohnmächtig. Das letzte was sie noch gehört hatte, war der entsetzte Ausruf ihrer Kollegin und quietschende, durchdrehende Autoreifen. Dann war es ganz still um Jessica geworden.
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