D:BH Oneshot-Sammlung

OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P16
Carl Manfred Leo Manfred
21.08.2018
19.09.2019
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Kannte jemand die Bezeichnung 'resting bitch face'? jemand könnte meinen, dass North so eines besaß, dabei blickte sie nicht oft ganz entspannt in die Welt, sondern war tatsächlich skeptisch und zeigte das sehr deutlich für die Welt.

So wie heute, als sie dieses Haus betrat. Es war klein, hochmodern und stand mitten im Nirgendwo. Naja, nicht unbedingt im Nirgendwo. Nördlich der Hauptstadt von West Virginia. Detroit hatten sie hinter sich gelassen, weil ihre Gesichter dort überall bekannt waren. Hier in der Provinz waren sie nichts weiter, für die Menschen, als ein Aussteigerpaar, welches sich ein Haus nahe einem plätschernden Fluss gekauft hatte.

"Wozu brauchen wir eine Küche?"

North war der Kühlschrank schon ein Dorn im Auge. "Thirium muss nicht kalt gestellt werden und wie oft brauchen wir das bitte?" Von dem Herd wollte sie gar nicht erst anfangen. sie hatten alles gemeinsam eingerichtet, aber mit der Küche hatte Markus sie überrascht. "Falls wir mal besuch bekommen.", erklärte er, worauf sie eine Braue anhob: "Simon, Connor und Josh essen auch nicht." "Menschen aber. Denk an Hank. Connor kommt nie ohne ihn zu besuch." "Ach so..., wir brauchen also eine Küche, weil uns einmal im Jahr jemand besucht, der Nahrung zu sich nehmen muss." Und das nur noch etwa 20 Jahre, wenn der alte Mann gesund blieb.

"Oder, wenn wir hier Freunde finden.", erinnerte Markus sie. Er erledigte nur noch den Feinschliff, indem er Bilder aufhing. Die meisten Bilder hatte er selbst gemalt, andere waren Fotos, die in den letzten Jahren entstanden waren. Mit ihren Freunden. Von Einweihungen. Zentren für Biokomponenten und Blauem Blut. Kliniken für Androiden sozusagen. Gewerkschaften. Informationszentren.
Markus lächelte schief, als North ihn entgeistert ansah: "Ich will mich hier nicht unters Volk mischen. Wir leben doch sehr gut unter Unseresgleichen." "North..." "Was? Ich will eben nicht, wenn ich nicht muss. Dann denken die Menschen hier eben, dass ich eine gemeine Hexe bin. Na und?"
Die Zeiten hatten sich zwar geändert und vielerorts wurden Androiden nicht mal mehr als solche erkannt, aber das Misstrauen blieb. "Du magst viele Dinge von den Menschen." "Stimmt doch gar nicht." "Du trägst eine Pullover von Burberry. Der war so feuer wie der Sessel in Wohnzimmer. Noch teurer sogar." "Weil ich verdammt gut damit aussehe! Und er ist sehr bequem." "Du härst Musik von Menschen." "Nur wenn nichts anderes im Radio läuft.", verteidigte sie sich und wäre bei Markus' nächsten Worten wohl rot angelaufen, wenn sie könnte: "Radio? Du hast die gesammelten Werke von Hillary Duff und Celine Dior und von..." "Ja, ich mag die Musik. Still jetzt!" Wieder lachte er. Es war niedlich, dass sie all die kitschigen Popsongs liebte, die so oft von naiver Liebe, Selbstverwirklichung und Lebensträumen handelten. Das durfte sie gerne wissen. "Du sollst sie ja auch mögen. Ich fand es richtig schön, als du bei dem Dornröschen-Spielfilm mitgesungen hast."

Sie beendete die Diskussion mit ihrem Blick. Darüber wollte sie nicht reden. Es reichte, wenn sie es Markus in ihren Erinnerungen sehen ließ und er sich still darüber amüsierte. Dadurch wurde sie in ihren neu entdeckten Hobbies bestärkt. Das hieß aber nicht, dass sie mit Markus darüber reden wollte. Selbst wenn es nur neckend war. Manchmal dachte sie sich gerne in die Filmrollen hinein. Stellte sich vor wie sie sich entwickelt hätte, wenn ihr Leben ein Märchen gewesen wäre. Ohne Schmerz, ohne Leid. Wie diese North wohl wäre? Herzlich, immer lächelnd..., aber das war sie nicht. North war eine der Frauen, die wussten was zu vermeiden war, damit andere ohne zu viel Leid aufwachsen konnten. Sie war stark, damit andere es nicht sein mussten. Es war ein gutes Opfer, fand sie.

"Wir können die Küche raus schaffen, wenn du willst."
"Nein, nein, ist schon ok.", entschied sie, denn selbst sie merkte, wie sie in den Meckermodus abrutschte und Markus das leben unnötig schwer machte: "Vielleicht will ich ja irgendwann eine Katze. Dann kann ich ihr Essen zubereiten."

Das brachte Markus zum lachen: "Das wird die verwöhnteste Katze dieses Bundesstaates. Sie hat ihre persönliche Küche, in der du für sie kochen wirst." Er kam zu ihr. Lehnte sich gegen die Küchenzeile. "Wir brauchen nicht einmal ein Haus. Wir wollen einfach eines. Nennen wir es doch Extravagant. Mich wundert es eher, dass dich die Küche stört, aber nicht das Badezimmer." "Hey, ein Badezimmer hat eine Badewanne und Spiegel mit Waschbecken. Auch wir müssen uns Sauber halten.", entgegnete North, denn sie mochte keinen Schmutz auf ihrer Haut. Oder Staub in ihrem Haar. Wenigstens fehlten ihnen Schweißdrüsen und alle anderen Zusätze, die der menschliche Körper bot. Dadurch stanken sie, bei weitem, nicht so schnell, wie Menschen. Trotzdem wollte auch sie ab und an nach Erdbeer-Kokos-Traum riechen. Ja, solche Dinge genoss sie dank der Menschen.

"Wollen."
"Was?"
"Wir wollen Dinge. Auch wenn wir sie nicht müssen. Das ist menschlich, North."

Er nutzte den Moment, indem sie die Augen rollte, ohne daran zu denken, dass sie ständig Eigenarten der Menschen nutzte, wie es ihr gerade passte. Sie alle mussten sich daran gewöhnen, dass sie sehr menschlich waren. Wie Vorbilder für ihre fleischlichen Schöpfer. North drehte sich leicht beleidigt von ihm fort.

Auch deshalb holte Markus etwas aus seiner Tasche. Ein schwarzes Kästchen. "North?"
"Es gibt hier bestimmt viele Wildtiere. Für die können wir Futterstellen aufbauen. Dann ist die Küche auch von nutzen." "North?" "Aber wenn wir dann eine Katze haben, dann wird sie hoffentlich nicht von Wildtieren angefallen. Lieber einen Hund? Nein, der würde Wildtiere verscheuchen... und so richtig mag ich Hunde nicht. Sumo war in Ordnung. Aber das reicht. Lieber ein Weggefährte, der unabhängig ist." "North!" "Was denn?"

Die drehte sich wieder zu ihm und unterbrach ihre Überlegungen um ihre gemeinsame Zukunft.

Doch sie sah ihn nicht. Nicht sofort. North musste den Blick senken, um ihn zu entdecken.

Auf einem Knie heruntergebeugt, Arme erhoben und ihr eine Schachtel mit einem Ring präsentierend. North verlor ihren strengen Ausdruck. Mit großen Augen sah sie Markus an, der anfing zu sprechen: "Bei all den Dingen, die wir wollen, aber nicht unbedingt brauchen, ist mir etwas aufgefallen, was ich immer mehr will. Bis mir klar wurde, dass ich es gleichzeitig brauche. Wie die Luft zum Atmen kann ich nicht sagen, auch wenn es schöne Worte sind. Dafür habe ich andere Worte für dich. Was ich brauche und was ich will bist du, North. Du bist auch mein Süden, mein Westen und Osten. Ich will nicht nur mit dir hier sein, ich muss es Sonst weiß ich, dass mein Glück mich verlässt, zusammen mit jeder Melodie und allen Farben. Meine Welt wäre leer. Wir haben das große Privileg uns nur das Schönste der Lebensweisen der Menschen aussuchen zu können. Was gibt es Schöneres, als einander die Liebe zu versprechen. Darum will ich dich heiraten, wenn du mich ebenfalls willst."

Markus hatte geschafft, dass North drein blickte wie ein verschrecktes Reh im Scheinwerferlicht. Sie sah aus, als müsste sie einige Programme neu starten, die sich spontan verabschiedet hatten. Fehlfunktionen, die sich als oranges LED zeigen könnten, wenn sie es behalten hätte. "Das... also... es gibt noch keine Androiden-Ehe." Danach verstummte sie jedoch, denn ihre Hand fand beinahe von selbst ihren Weg nach Vorne zu seiner, die Markus gerne ergriff. Ihre Gedanken, die sie nicht in Worte fassen konnte gelangten zu ihm und mischten sich mit seinen Antworten. Sie brauchten kein Amt, welches es ihnen per Gesetz erlaubte. Keine wohlwollenden Pfarrer oder Rabbi, der sich nicht um Gesetze des Staates schärte. Eine Ehe war zu aller Erst ein Versprechen. Keine Institution konnte eine Ehe retten, wenn sie von vorn herein ein Versprechen nicht ehren wollten. Irgendwann, wenn die Menschen soweit waren, dann würde Markus North in jedem Bundesstaat, jeder Kirche, und jedem Land einmal heiraten, wenn sie davon nicht müde wurde. Auch in Las Vegas zu Musik von Celine Dion, wenn sie wollte. Egal wie Geschmacklos das sein konnte. Da durfte auch ein dicker Elvis die Trauung vollziehen. Als die Daten sie erreichten lachte North sogar. Spätestens jetzt glaubte sie ihm wirklich, dass er es ernst meinte.

Dadurch fand sie sogar ihre Worte endlich wieder. Von einer bösen Miene war nichts mehr zu sehen. North schenkte ihm ein wirkliches Lächeln: "Ich möchte dich sehr gerne heiraten."
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