Family Shards

von Huelk
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Carlos Sainz jr. Felipe Nasr Fernando Alonso Jolyon Palmer Kevin Magnussen Marcus Ericsson
21.08.2018
21.10.2020
23
73.503
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17.10.2020 4.852
 
Kommentar: Hallo Ihr Lieben!
Da es das letzte Kapitel vor dem Epilog ist, fällt es heute auch mal etwas länger als sonst aus, denn Felipes Heimrennen hatte es schon ein bisschen in sich. Ich hoffe, Ihr könnt es beim Lesen nun etwas genießen, so, wie ich, als ich es geschrieben habe.
Viel Spaß mit dem letzten Kapitel! :)





Von Vater zu Vater

Kapitel 19


São Paulo, Brasilien
Sonntag, 13. November 2016


Eigentlich waren sie schon eine ganze Weile wach und sollten so langsam mal aufstehen, aber irgendwie wollte da keiner von ihnen den Anfang machen. Obwohl sie kaum ein Wort miteinander gewechselt hatten, schien zwischen ihnen nichts unausgesprochen zu sein. Es reichte vollkommen, dass er sich an Felipes Seite schmiegte, dass er nur ihrem Atem und seinem Herzschlag lauschte, während der Brasilianer träge seine Finger über seinen Rücken wandern ließ, während sie ihren Gedanken nachhingen. Er würde wetten, dass ihnen dieselben Dinge durch den Kopf gingen.
Für Felipe war das hier nicht irgendein Rennen. Brasilien war seine Heimat und der Motorsport bedeutete in diesem Land eine Menge. Jeder Nachwuchsfahrer musste sich an der Legende Ayrton Senna messen lassen. Hier lastete von klein auf ein ganz anderer Druck auf den Nachwuchsfahrern, vor allem, da die Rennerfolge mit den Jahren immer weniger geworden waren. Hatte zu Schumachers Hochzeiten, wenigstens Barrichello noch die Kohlen aus dem Feuer holen dürfen, wenn es bei dem siebenfachen Weltmeister nicht rund lief, war es danach an Massa gewesen, das Gesicht des brasilianischen Motorsports zu sein.
Nachdem er 2008 allerdings gegen Hamilton unterlag, war er nie wieder derselbe gewesen und nicht einmal in die Nähe eines Achtungserfolgs gekommen. Von jedem Nachfolger wurde Großes erwartet und Felipe überlegte gerade garantiert, wie er ein letztes, würdiges Rennen in seiner Heimat fahren könnte. Nur, weil er beschlossen hatte, nach dieser Saison aus persönlichen Gründen aufzuhören, bedeutete das schließlich nicht, dass er einfach aufgeben wollte. Das würde Felipe auch nicht ähnlichsehen.

Er wusste, was für ein Kämpfer sein Freund war. Das hatte er ihm immer wieder und wieder unter Beweis gestellt, ohne es zu müssen. Wie auch immer das Rennen heute ausgehen würde, er war stolz auf Felipe, auf das, was er geleistet und erreicht hatte. Und selbst, wenn der Ältere davon im Moment noch nicht ganz überzeugt war, bewunderte er dessen Stärke. Nicht jedem gelang es, sich einzugestehen, wann die eigenen Grenzen erreicht waren. Die meisten glaubten, sich beweisen zu müssen und machten weiter, bis der große Fall kam.
Es beruhigte ihn mehr als er sagen konnte, dass er solche Ängste um Felipe nicht haben musste und es tat gut zu wissen, dass seine Liebe für ihn einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte. Zu wissen, dass ihre Gefühle füreinander gleichstark waren und es nichts in der Welt gab, was ihnen wichtiger sein könnte, war ein unbeschreiblich schönes Gefühl, welches ihn lächeln ließ, auch wenn ihm ein bisschen zum Weinen zumute war. So sehr er all das auch verstand, so sehr würde ihm hier eben auch ein ganz besonderer Mensch fehlen. Dennoch würde er immer nur glücklich auf ihre zwei gemeinsamen Jahre in der höchsten Rennserie der Welt denken.
Was sie miteinander teilten, konnte ihnen niemand mehr nehmen. All die schönen Momente und alles, was noch vor ihnen liegen würde. Er dachte gerne an das was war, aber inzwischen auch gerne an das, was noch kommen würde. Trotzdem wünschte er sich gerade ein bisschen mehr Zeit mit Felipe zu haben. Von ihm aus hätten sie das Rennen auch absagen oder verschieben können. Er würde gerade viel lieber mit ihm hier liegen bleiben und es genießen, dass er ihm so nahe sein durfte. Das würde ihm noch früh genug wieder sehr fehlen.

Allerdings entging ihm auch nicht eine gewisse Anspannung in dem Körper, an den er sich so eng ran gekuschelt hatte. Er wusste, was Felipe so sehr frustrierte, was seine Gedanken im Moment rotieren ließ. Das schlechte Qualifying gestern. Es war Felipe nicht gelungen, Marcus hinter sich zu lassen und schlimmer noch... Er würde vom letzten Platz aus ins Rennen gehen. Das war bitter und zerschlug seine Hoffnungen, auf ein einigermaßen gutes Ergebnis fast sofort. Das wäre auf jeder anderen Strecke besser gewesen, als ausgerechnet hier.
Er überlegte, wie er Felipe ein paar dieser Bedenken nehmen könnte, wie er dafür sorgen könnte, dass er das nicht so nah an sich heranließ, während er mit den Fingern immer wieder kleinere und größere Kreise über die Brust seines Freundes zog. Er wollte nicht, dass er mit einem Haufen Zweifeln im Gepäck in dieses wichtige Rennen ging. Felipe hatte ihm anvertraut, dass seine Konzentration sowieso schon oft litt und ihnen war wohl beiden klar, wie gefährlich das in so einem Sport werden konnte. Manchmal hatte er wirklich Angst, dass in den letzten Rennen noch etwas Schreckliches passieren könnte.
Das würde er nicht ertragen. Andererseits wusste er, dass es völlig irrational war, sich nun ernsthaft deswegen den Kopf zu zerbrechen. Eigentlich hatte er ja erst für heute Abend an so etwas gedacht, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass es Felipe helfen könnte, wenn er es ausnahmsweise etwas vorzog. Er löste sich etwas von dem Brasilianer, damit er ihm einen sanften Kuss auf die Lippen drücken konnte. Wie nicht anders zu erwarten, ließ sich sein Freund auch ganz bereitwillig darauf ein, also ließ er sich auch nicht davon abbringen, kurzerhand auf Felipes Schoß zu klettern, damit er ihrem Kuss noch etwas mehr Tiefe verleihen konnte.

Als sie sich kurz voneinander lösten, wurde ein wenig verwirrt angesehen.
„Ich dachte, wir wollten uns vor den Rennen nicht mit sowas ablenken?“, hakte Felipe nach. Tatsächlich hatten sie so etwas mal beschlossen, weil er selbst Bedenken hatte, dass sowas Auswirkungen auf die eigenen Leistungen haben könnte, doch inzwischen erschien ihm das fast unnötig. Er hatte ja auch nicht vor, einen wilden und hemmungslosen Morgen vom Zaun zu brechen, sondern...
„Aber ich hab den Eindruck, dass du ein wenig Ablenkung gerade brauchen könntest“, teilte er Felipe also mit, verlor sich beinahe in dessen dunklen Augen und verhinderte eine Antwort darauf, indem er seinen Freund in den nächsten Kuss verwickelte.
Felipe legte eine Hand in seinen Nacken, signalisierte ihm deutlich, dass er sich darauf einlassen würde, was ihn dazu brachte, in ihren Kuss zu lächeln. Es hatte ein bisschen gebraucht, bis er sich getraut hatte, aus sich herauszukommen. Am Anfang hatte Felipe sie gelenkt, wenn sie sich nähergekommen waren, aber inzwischen war es so selbstverständlich für ihn geworden, dem Älteren zu sagen, wann und wie er ihn wollte.

Langsam begann er, sich eine kleine Spur über Felipes Hals und über seine Brust zu küssen. Er bemerkte, wie der Brasilianer eine Hand in seinem Haar vergrub, ihn allerdings nicht zu lenken versuchte, sondern ihm einfach nur folgte. Er hoffte nur, dass er Felipe damit wirklich davon abhalten konnte, sich weiterhin zu viele Gedanken um den heutigen Tag zu machen.
Als er sich ein bisschen tiefer wagte, riskierte er einen kurzen Blick auf seinen Freund und stellte sehr zufrieden fest, dass dieser bereits die Augen geschlossen und sich vollkommen auf ihn eingelassen hatte. Nichts anderes hatte er damit bezwecken wollen. Er hatte nämlich starke Zweifel daran, dass er Felipes Gedanken-Karussell mit bloßen Worten zum Stehen bringen konnte. Das gelang ihm auf etwas subtilere Art und Weise vermutlich eher.
Und es war ja schließlich nicht so, dass er selbst nichts davon hatte. Irgendwie war es bei ihnen fast selbstverständlich, dass Felipe ihn ein wenig verwöhnte. Nicht, weil er selbst das nicht auch gerne tat, doch dem Brasilianer schien es immer zu gefallen, wenn er sich um das Vorspiel bemühen durfte, hielt ihn manchmal sogar sehr gekonnt davon ab, ein wenig aktiver zu werden. Umso mehr freute er sich dann aber, wenn er sich bei Felipe mal revanchieren durfte. Es machte solche Momente irgendwie noch besonderer, als sie es ohnehin waren.
Zufrieden stellte er fest, dass Felipe keine Einwände hatte, dass er sich bei ihm gerade tatsächlich vollkommen fallen lassen konnte und es auch zu genießen schien. Das bestärkte ihn nur darin, fortzufahren und sich noch weiter abwärts zu wagen. Wenn ihn nicht alles täuschte, war es schon ein bisschen länger her, dass er so etwas für seinen Freund getan hatte...

Er umging die Körpermitte seines Freundes so lange, bis er die ersten Laute von Ungeduld über seine Lippen kommen hörte. Das ließ ihn gegen die warme Haut lächeln, der er sich so eindringlich gewidmet hatte. Dennoch würde er ihn jetzt nicht länger hinhalten. Sein primäres Ziel war es schließlich, den Älteren für eine Weile vom Denken abzubringen und das schien ihm auch zu gelingen.
Felipes Finger gruben sich etwas tiefer in sein Haar, jedoch keineswegs schmerzhaft. Nur so, dass er ein wenig Halt bei ihm finden konnte, als er die Lippen nun um seinen Brasilianer schloss. Er ließ sich Zeit. So viel Zeit, wie er eben konnte. Was ihnen an Zweisamkeit bis zum Rennen noch zur Verfügung stand, wollte er nun auch komplett ausnutzen. Er intensivierte seine Bewegungen nur sehr langsam, achtete genau auf das, was seinem Freund zwischen Stöhnen und Seufzen so entwich.
Und obwohl es mit jeder Sekunde schwieriger für Felipe wurde, seinen Bemühungen standzuhalten oder die Kontrolle an sich zu reißen, ließ er ihn weiterhin selbst bestimmen, wie schnell oder wie langsam er sie vorantreiben wollte. Er wünschte manchmal, er wäre zu so viel Selbstbeherrschung fähig, denn wenn Felipe das tat, erreichte er irgendwann immer den Punkt, an dem er ihn mit der Hand dazu drängte, ihn zum Höhepunkt zu bringen.

Nach einigen Minuten konnte er spüren, wie Felipe ihn vorsichtig hochziehen wollte, doch er gab ihm zu verstehen, dass er das nicht musste. Er würde es so zu Ende bringen, auch, wenn er sich das bislang noch nie getraut hatte. Was er dafür zu hören bekam, war eine Mischung aus Lust und Anerkennung. Nur einen Wimpernschlag später war es dann soweit.
Im ersten Moment war es schon ein ungewohntes Gefühl, doch fühlte es sich genau richtig und irgendwie auch ganz natürlich an, dass er das zugelassen hatte. Er konnte sich nicht erinnern, Felipe jemals so heftig kommen gespürt zu haben. Vielleicht lag es an der neuen Situation, vielleicht auch daran, dass es ihm so sogar noch etwas mehr gefiel. Die Nachwehen hielten jedenfalls etwas länger an, ebbten erst ab, als er sich langsam wieder an seiner Seite niederließ.
Felipes Augen wirkten noch immer etwas verschleiert, als er ihn anblickte und er spürte, wie sein Freund ihm eine Hand an die Wange legte, während er noch um Atem rang. Er hätte nicht gedacht, dass er dazu fähig wäre, Felipe in so einen Zustand zu versetzen, doch es fühlte sich ziemlich gut an, das vollbracht zu haben.
„War das okay für dich?“, wollte der Brasilianer dennoch wissen und wieder musste er lächeln, denn wenn Felipe eins wohl ganz klar auszeichnete, dann, dass er sich immer zuerst Gedanken um ihn machte, dass er nie etwas verlangen würde, was er selbst nicht wollte.
„Das war mehr als okay. Das sollten wir öfter tun“, schlug er Felipe also voller Begeisterung vor und alleine bei diesem Lächeln konnte er immer noch dasselbe Kribbeln in sich aufkommen spüren, wie bei ihrem aller ersten Kuss. Er liebte ihn und nichts und niemand würde daran jemals irgendwas ändern können.


~ * ~   ~ * ~   ~ * ~


Was für ein Rennen.
Als er seinen Boliden abstellte, brauchte er einen Moment, um zu realisieren, was gerade passiert war. Er hätte heute mit so vielen Dingen gerechnet, aber nicht damit, dass er nach dieser langen Durststrecke ausgerechnet vor seiner Heimatkulisse zwei entscheidende Pünktchen für das Team holen würde, mit denen sie es schafften, an Manor-Mercedes vorbei auf den vorletzten Rang zu rücken. Es mochte irrsinnig klingen, aber für das Team ging es dabei eben auch um Geld, welches sie dringend brauchten, um in die Entwicklung eines besseren Autos zu investieren. Nicht, dass ihn diese Zukunft noch sonderlich interessierte, aber...
Es tat gut. Es tat einfach nur gut, das ausgerechnet hier zu erreichen. Hier, vor all diesen begeisterten Fans, bei seinem Heimrennen, vor den Augen seiner Familie, auch wenn er wieder einmal schmerzlich daran erinnert wurde, dass ein ganz besonderer Mensch dabei fehlte. Ob es seinen Vater wohl stolz gemacht hätte, ihn heute so zu sehen? Was hätte er ihm wohl gesagt, wenn sie sich nicht zerstritten hätten?
Eigentlich wollte er daran überhaupt nicht mehr denken, aber was sollte er machen? Er wäre ohne seinen Vater niemals so weit gekommen und er war der einzige Mensch, der ihm heute so entsetzlich fehlte. Mit ihm wäre das ein absolut vollkommenes Gefühl. Ohne ihn war es... Irgendwie nicht mehr so bedeutend, wie es eigentlich sein sollte. Es war schwer, mit dieser Mischung aus verschiedenen Emotionen zurecht zu kommen. Er wusste nicht, wo ihm der Kopf stand, freute sich einerseits so sehr mit seiner Familie und den Fans gemeinsam und vermisste auf der anderen Seite doch etwas ganz Entscheidendes.

Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, vorher seine Familie zu sehen, ehe er sich noch dem Gespräch mit Monisha stellen musste. Das konnte noch ein bisschen warten. Zuerst genehmigte er sich wenigstens einen Moment der Freude mit seiner Mutter, seiner Schwester und natürlich mit Giulia, denn irgendwie gehörte sie immer mit dazu.
Ohne sie wäre alles noch viel schwieriger. Auch, wenn sie nicht die war, für die die Öffentlichkeit sie hielt, war sie trotzdem ein ganz besonderer Mensch in seinem Leben und wären seine Gefühle nicht andere, sie wäre definitiv die Frau gewesen, die er hätte heiraten wollen. Zu seinem Glück fehlte im Grunde nur noch Carlos, aber er wusste, dass er ihn erst später sehen konnte. Das war auch in Ordnung, aber er musste schon schmunzeln, wenn er sich das Rennergebnis ansah und daran dachte, wie dieser Tag begonnen hatte.
Vielleicht hätten sie das mal früher ausprobieren sollen. Es schien ihm geholfen zu haben. Gewiss hatten auch ein paar Ausfälle dazu beigetragen, dass er es am Ende auf den neunten Platz geschafft hatte, aber das war im Moment alles vollkommen egal und unwichtig.
Auch das Team schien mehr als zufrieden mit seiner Leistung zu sein. Seine Crew zumindest schien das zu feiern, als wäre er auf dem Podium gelandet und ein bisschen fühlte es sich ja auch danach an. Er hätte nicht mehr damit gerechnet, dass das in diesem Jahr noch passieren würde. Er war in diesem Jahr schon von deutlich besseren Plätzen gestartet und nie hatte es für Punkte gereicht und heute war einfach alles anders. Er beschloss, dass er das einen Moment genießen sollte.


Erst zwei Stunden nach dem Rennen, hatte er die Gelegenheit, sich zum Gespräch mit seiner Teamchefin zurück zu ziehen. Auch sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass dieser Tag eine solche Wende nehmen würde. Als sie dieses Treffen ausgemacht hatten, waren sie nicht davon ausgegangen, dass es heute etwas zu feiern geben würde und sie machte auch einen ziemlich gelösten Eindruck auf ihn. Umso schwerer fiel es ihm, ausgerechnet jetzt mit ihr darüber zu sprechen.
„Du hast gesagt, du wolltest mit mir sprechen“, erinnerte Monisha ihn schließlich, nachdem sie sich gesetzt hatten und er schon eine Weile darüber nachdachte, wie er anfangen sollte. Er sah, dass sie eine Mappe auf den Tisch gelegt hatte und fragte sich schon die ganze Zeit, was es damit wohl auf sich hatte, schob das aber zunächst beiseite, denn er wollte erst einmal etwas ganz anderes los werden.
„Die Sache mit Marcus... Ich dachte, ich sollte da etwas klarstellen“, eröffnete er also. Er sah, wie sich ihre Miene ein wenig änderte, dass sie nach wie vor nicht ganz sicher war, was sie von der ganzen Sache halten sollte. Sie hatte sich nie für Marcus oder für ihn ausgesprochen, aber auch nicht gegen einen von ihnen. Tatsächlich behandelte sie die Angelegenheit so neutral, wie sie eben konnte, solange sie sich nicht sicher war, was wirklich zwischen ihnen vorgefallen war.
Eigentlich konnte er sich wirklich glücklich schätzen, so eine Teamchefin zu haben. Vielleicht wäre es dank ihrer Neutralität sogar möglich gewesen, die Sache zu klären und aus der Welt zu räumen, aber er hatte auf das alles keine Lust. Er wollte alles nur noch zu Ende bringen und dann hoffentlich den Kopf wieder freibekommen und seine alte Freude und Begeisterungsfähigkeit wiederfinden. Das war sein Ziel. Für sich und vor allem für Carlos.

„Das sind schwere Vorwürfe und sowas darf ich in meinem Team unter keinen Umständen dulden, das ist dir hoffentlich klar?“, setzte Monisha an und er nickte auch sofort. Das war ihm alles bewusst. Im Zweifel für den Angeklagten, aber darum ging es ja schon längst nicht mehr.
„Auch, wenn es kaum mehr etwas ändert, möchte ich doch, dass mein Team die Wahrheit kennt. Marcus hat die Wahrheit ganz schön verdreht, als er behauptet hat, dass ich mich an ihn ranmachen würde. Es ist genau umgekehrt gewesen“, setzte er also an, doch er konnte auch die Skepsis auf den Zügen seiner Teamchefin erkennen.
„Wie gesagt sind die Vorwürfe schwerwiegend. Ohne irgendwelche Beweise dafür, werde ich gar nichts tun können“, legte sie offen dar, wie das Team die Angelegenheit momentan betrachtete.
„Ich wäre nicht hier, wenn ich dafür keinen Beweis erbringen könnte“, ließ er sie also wissen und zückte sein Handy. Auch, wenn er die Sache damit bereinigen konnte, zitterten ihm ein wenig die Finger, während er die entsprechenden Bilder suchte. Er war wütend über alles, was Marcus während dieser Saison getan hatte.

Monisha wartete, bis er gefunden hatte, wonach er suchte. Es fiel ihm wirklich schwer, seiner eigenen Chefin solche Bilder zu zeigen, aber etwas anderes blieb ihm ja nicht übrig. Das erste Bild war das, auf dem man den Kuss sehen konnte und bevor sie etwas dazu sagte, sprang er zum nächsten Bild, auf dem man eindeutig erkennen konnte, dass er Marcus von sich stieß.
Er beobachtete, wie Monisha sich nun eine Hand vor den Mund schlug, wie sich ihre Augen weiteten und wie sie ihm schließlich einen betroffenen Blick zuwarf. „Ich fasse es nicht... Wieso bist du denn nicht zu uns gekommen und hast etwas gesagt?“, wollte sie direkt von ihm wissen und ihm wurde das Herz doch ein bisschen schwer. Es hätte alles nicht so kommen müssen, doch nun war es eben so...
„Damit Marcus mich vor dem Team outet? Natürlich, das hat er bereits getan, aber zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass er das ohnehin machen würde“, antwortete er also. „Ich wollte das nur geheim halten, Carlos und mich schützen und das ist mir nicht gelungen. In der bekanntesten Rennserie der Welt zu fahren ist verdammt gefährlich, wenn man solche Geheimnisse hat. Die Lektion hab ich jetzt gelernt und das wird mir nicht wieder passieren.“
Bei diesen Worten wurde er von Monisha eindringlich und fragend gemustert. Auch, wenn der Gedanke immer noch verdammt hart war, aber an seinem Entschluss konnte auch Monishas Verständnis nichts mehr ändern. Nicht einmal, wenn sich das ganze Team nun geschlossen hinter ihn stellte, würde er von seiner Entscheidung abrücken, denn er wusste nach wie vor, dass es das einzig Richtige war.

„Was auch immer das Team entschieden hat, ich möchte keinen Vertrag für die neue Saison“, sprach er also das aus, was er nun schon seit ein paar Wochen mit sich herumtrug. Endlich war es raus. Obwohl Monisha noch nichts dazu gesagt hatte, fühlte er sich bereits deutlich befreiter, als zuvor. Allerdings ließ ihr Gesichtsausdruck darauf schließen, dass es sie betroffen machte. Er ahnte, was das hieß...
„Oh... Nun... Eigentlich waren der Vorstand und ich uns einig, dass wir dir nächste Saison das Cockpit geben wollen, nach deiner starken Leistung von heute und nun, da die Anschuldigungen sich als unbegründet erwiesen haben, bedürfte das keiner weiteren Erklärung, weshalb wir so entschieden haben. Willst du dir das wirklich nicht noch einmal überlegen?“
Vielleicht sollte er das tatsächlich machen. Noch eine Nacht darüber schlafen, aber... Sofort musste er wieder an den Moment denken, an dem er wie in seinem Alptraum auf dem Dach gestanden und in diesen Abgrund vor sich geblickt hatte. Ein Schritt vor und er wäre überhaupt nicht mehr hier und hätte so viele Menschen, die ihm etwas bedeuteten, unglücklich gemacht. Das konnte er mit sich nicht vereinbaren.

Langsam schüttelte er den Kopf, während er auf die Mappe blickte, die zwischen ihnen auf dem Tisch lag, in der augenscheinlich sein Vertrag war. Er nahm sich einen kurzen Moment, um in sich hineinzuhören und musste dann lächeln, schob die Akte ein Stück von sich weg und sagte: „Nein. Es gibt nichts, was mir der Motorsport im Moment geben kann. Das Cockpit sollte jemand bekommen, der das hier wirklich will und der dafür geschaffen ist. Das bin ich einfach nicht.“
Das waren abgesehen von seinem Liebesgeständnis für Carlos die ehrlichsten Worte, die er jemals gesagt hatte. Er wollte sich nichts vormachen, wollte nicht Jahre lang um letzte Plätze fahren, mittelmäßige Leistungen in möglicherweise schlechten Autos zeigen, um dann irgendwann den richtigen Moment für das Karriereende zu verpassen. So sollte sein Leben nicht aussehen. Er wünschte Carlos hier alles Glück und von Herzen, dass er all seine Träume hier erreichte. Aber für ihn war es an der Zeit, sich neue Träume zu suchen.
Seine Teamchefin schien die Entscheidung nach wie vor zu bedauern, akzeptierte sie aber schließlich und das reichte ihm. Es reichte ihm vollkommen, dass das Team nun wusste, dass er nichts verbrochen hatte, dass Marcus derjenige war, der hier die Lügen gesponnen hatte. Zu wissen, dass man ihn für talentiert genug hielt, um weiter zu machen, genügte ihm ebenso. Obwohl er seinen Weg nach ganz oben hier abbrach, fühlte es sich dennoch nicht an, als wäre er gescheitert und genau deswegen war die Entscheidung auch richtig.



Zwei Stunden später konnte er dann endlich auch Carlos in die Arme schließen. Der Jüngere verdrückte sogar ein paar Freudentränen für seinen Achtungserfolg. Sie hatten sich in die etwas privateren Bereiche zurückgezogen, wo er auch gleich seine Mutter, Flavia und Giulia noch einmal in die Arme schließen würde. Carlos‘ Familie war ebenfalls hier, doch erst einmal hatte er nur Augen für seinen Spanier, zog ihn fest in seine Arme und verwickelte ihn in einen tiefen Kuss.
Er konnte das Raunen und Kichern ihrer Schwestern hören, nur störte ihn das gerade überhaupt nicht. Doch mit einem Mal wurde ihm eiskalt, als er urplötzlich eine nur allzu bekannte Stimme vernahm, die ihn von Carlos zurückzucken ließ, als habe er sich an dem Spanier verbrannt.
„Das ist nicht richtig...“, war es seinem Vater über die Lippen gekommen, der hier irgendwie plötzlich in der Szenerie aufgetaucht war und wohl von allen Anwesenden mindestens so überrascht und erschrocken angesehen wurde, wie von ihm.
Wo war er nur plötzlich hergekommen? Was machte er hier? Wieso wusste keiner davon? In seinem Kopf überschlug sich mit einem Mal alles. Er hatte gedacht, dass er daheim geblieben wäre, weil er ja die Schande nicht ertragen konnte, die er ihm machte und nun tauchte er hier auf und er konnte es auch nicht mehr ertragen, diesen Blick bei seinem Vater zu sehen. Diesen Blick, der ihm das Gefühl gab, ein furchtbares Verbrechen begangen zu haben, aber wie konnte Liebe ein Verbrechen sein?

„Was tust du denn hier?“, kam es ihm fast schon erstickt über die Lippen, doch intuitiv stellte er sich schützend einen halben Schritt vor Carlos. Er wollte jetzt auf gar keinen Fall, dass der Zorn seines Vaters seinen Freund traf. Er sollte ihn da nur rauslassen.
Sein Vater brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, doch dann bekam er zumindest eine Antwort auf seine Frage. „Ich hab nachgedacht. Die ganze Zeit hab ich nachgedacht, über das was deine Schwester sagt, über das, was deine Mutter sagt. Ich wollte herkommen und sehen, ob ich es dir nicht doch vergeben könnte, aber das... Das ist nicht richtig.“
Er bemerkte, dass seine Mutter darauf etwas sagen wollte, doch er wollte auch nicht, dass es sie traf. Es sollte niemanden treffen. Keiner hier konnte etwas dafür, dass sein Vater und er so zerstritten waren, also ließ er sie gar nicht erst zu Wort kommen.
„Und dafür kommst du hier her? Um mir wieder zu sagen, was für eine Enttäuschung ich doch für dich bin?“ Das konnte er einfach nicht glauben. Das war so ungerecht. Das tat so weh, nachdem er heute so gekämpft hatte. Dieses Rennen, diese schwere Entscheidung...

„Das ist nicht meine Absicht gewesen. Ich dachte, ich könnte der Sache eine Chance geben, aber ich kann das nicht. Das... Es ist einfach nicht richtig, Felipe“, wiederholte sein Vater und es machte ihn wütend. Er wusste nicht, was er ihm noch sagen sollte. Wieso konnte er es denn nicht einfach verstehen? Er liebte Carlos nun einmal. Er war der Mensch, mit dem er sein Leben verbringen wollte, mit dem er am liebsten alt werden würde, wenn ihnen das vergönnt war.
Er überlegte, was er ihm sagen sollte, aber es tat so weh, dass es ihm einmal mehr die Brust zuschnürte. Langsam glaubte er nicht mehr daran, dass sein Vater es jemals einsehen würde. Das hier schien sowas wie seine letzte Chance gewesen zu sein und er vermutete, dass er seinen Vater ab heute überhaupt nicht mehr sehen würde.
Er griff nach Carlos‘ Hand, sah es nicht ein, sich von ihm fernzuhalten. Sein Vater wollte es nicht begreifen? Gut, aber deswegen würde er sich nicht davon abbringen lassen, seinen Freund zu berühren, zu küssen und ihn zu lieben, denn das war seine Sache, egal wem das passte oder nicht. Doch mit dem, was darauffolgte, hatte er beim besten Willen nicht gerechnet.

„Ist es etwa richtig, den eigenen Sohn zu verstoßen?“, meldete sich auf einmal Carlos Senior zu Wort. Erst jetzt blickte er zu Carlos‘ Vater, bemerkte, dass er offenbar ziemlich wütend geworden war und seinen Vater nun verärgert ansah, der sich nun dem älteren Spanier zuwandte.
„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht“, versuchte sein Vater es abzutun, doch so einfach ließ Carlos Senior das nicht auf sich beruhen.
„Das geht mich eine Menge an!“ So laut kannte er ihn nicht. Alle Anwesenden fuhren in diesem Moment zusammen. „Wie kann man so blind sein? Unsere Söhne leiden, weil Sie sie verstoßen, weil Sie sie fallen lassen, obwohl Sie sie auffangen sollten. Dass Sie sich nicht schämen, Ihre eigene Familie so zu behandeln. Sie haben für Sie da zu sein, ihnen zu helfen, sie zu unterstützen und zu beschützen und was machen Sie? Zerstören alles, was Sie haben und zerstören Ihre wundervolle Familie. Ist Ihnen eigentlich klar, wie stolz ein Vater sein muss, der Felipe zum Sohn hat?“
Er war überrascht und schockiert gleichermaßen über das, was hier passierte. Er hatte gar nicht gewusst, dass Carlos‘ Vater eine so hohe Meinung von ihm hatte und es rührte ihn zutiefst. Er wusste, dass er das niemals sagen würde, wenn er es nicht auch so meinte.

Zwar wollte sein Vater gerade etwas dazu sagen, doch Carlos Senior war noch nicht fertig.
„Wir hatten das große Glück, ihn kennen zu lernen. Mein Sohn hat das große Glück, seine Liebe zu bekommen. Er ist ein Teil von uns geworden. Wir lieben ihn, als wäre er unser Sohn. Weshalb können Sie das nicht tun? Aber seien Sie sich sicher, wenn Sie ihn nicht lieben können, werden wir das umso mehr tun. Wir werden für ihn da sein, ihm helfen, wo wir nur können.“
Und damit hatte der ältere Spanier auch alles gesagt. Keiner wagte es etwas hinzu zu fügen. So berührend diese Worte auch gewesen waren... Er glaubte irgendwie nicht, dass sie seinen Vater auch erreichen konnten. Zumindest nicht, bis er auf einmal selbst Tränen in den Augen hatte. Ein Bild, welches so ungewohnt, wie beängstigend war.

Es dauerte ein bisschen, aber irgendwann sanken die Schultern seines Vaters ein wenig und... „Es ist wahr“, hörte er seinen Vater nun mit gebrochener Stimme sagen. „Das alles. Ich hab es so nicht gewollt, doch was sollte ich tun? Felipe, du weißt doch, was damals geschehen ist, du weißt, wie gefährlich das ist. Wir leben in Ländern, in denen dir furchtbare Dinge angetan werden, wenn das jemand herausfindet. Glaubst du, dass ich das möchte? Dass sie dich quälen, dir irgendwas Schlimmes antun oder dich umbringen... Das ist alles schon passiert, auch schon für Geringeres. Und... Ich dachte auch an die Worte deines Großvaters. Ich wollte nicht, dass er jemals davon erfährt, in der Hoffnung, dass er eines Tages wieder mit uns reden würde. Aber wie es aussieht, hab ich dir genau dasselbe angetan. Und das war falsch. Es ist wahr, dass es nichts daran ändert, dass du mein Sohn bist und ich hätte mich wohl mehr, wie ein Vater verhalten müssen. Es tut mir schrecklich leid.“

Und endlich...
Endlich kam sein Vater auf ihn zu, schloss ihn endlich wieder in seine Arme...
Das war so unwirklich... Das war so... Er könnte es niemals glauben, wenn er es gerade nicht erleben würde. Plötzlich fiel die letzte Last von seinen Schultern. Plötzlich fühlte er sich wie befreit, schien wieder atmen zu können.
Sein Vater nahm ihn endlich wieder in die Arme, seine Familie war hier, Carlos war hier.
Und nachdem er sich von seinem Vater gelöst hatte, musste er auch Carlos Senior noch einmal in die Arme nehmen, denn ohne ihn, hätte sein Vater ganz gewiss nicht eingelenkt.
Vielleicht konnten sie nun endlich so etwas, wie eine richtige, gemeinsame Familie zu werden...
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