Family Shards

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
21.08.2018
06.12.2018
11
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Dieses Kapitel
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Kommentar: Hallo Ihr Lieben!
Lang, lang hat’s gedauert. Aber hier kommt nun endlich das neue Kapitel.
Viel Spaß beim Lesen! :)





Sturz ins Chaos

Kapitel 8


Einen Moment war er wie gelähmt und ein kurzer Anflug von Panik schoss durch seinen ganzen Körper. Glücklicherweise überwog schnell seine Wut, die ihm genügend Kraft verlieh, um Marcus von sich zu stoßen. Heftiger, als es nötig gewesen wäre, aber was sollte er sonst tun? Anscheinend wusste sein Teamkollege ja nicht mehr, was er tat und das hier... Das wollte er ganz sicher nicht! Er war mit Carlos zusammen und das sehr glücklich, wenn man von den Umständen seines letztjährigen Outings absah. Wie kam Marcus nur dazu? Er musste erst einmal damit klarkommen, dass der Schwede auch so fühlte und gleichzeitig fürchtete er, dass er über Carlos und ihn Bescheid wissen könnte. Wenn das der Fall war...
Daran durfte er gar nicht denken. War denn nicht schon genug geschehen? Ihm war erst alles entglitten und nun musste Marcus ihm das nächste Problem auf die Schultern laden. Carlos war der einzige Grund, weshalb er nicht längst zusammengebrochen war und nun kam Marcus ihm mit sowas. Kein Wunder, dass er wütend wurde und der Wunsch, ihm eine zu verpassen immer größer wurde, aber er konnte sich gerade noch davon abhalten, auf Marcus loszugehen. Stattdessen fuhr er ihn aufgebracht an.
„Hast du völlig den Verstand verloren?! Wie kommst du dazu, sowas zu tun?!“, rief er aus und bemerke bereits, wie sein Körper unter dieser ganzen Aufregung zu beben begann. Es musste schon sehr lange her sein, dass er so dermaßen außer sich gewesen war.
Marcus konnte nur mit reichlicher Verzögerung auf ihn reagieren. Er stand einfach nur da, starrte ihn seinerseits an. Es wäre gut möglich, dass ihm die Tragweite seines eigenen Verhaltens jetzt erst so richtig bewusst wurde, aber darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Wenn er etwas für ihn empfand, und danach sah es durch diesen Kuss ja aus, dann sollte er ihm das sagen und ihn nicht einfach ungefragt küssen! Es dauerte ein wenig, bis der Schwede seine Sprache wiederfand und meinte: „Na, was glaubst du denn, was das wird? Erzähl mir nicht, dass du sowas nicht willst. Ich weiß mehr über dich, als dir klar ist, also überleg dir gut, was du hier abstreiten willst.“ Und die Drohung, die in diesen Worten lag, blieb ihm nicht verborgen. Er konnte nur nicht glauben, dass Marcus so war.

Einen Moment wurde ihm schlecht. Es hörte sich ganz danach an, dass Marcus tatsächlich mehr wusste, als ihm lieb war, doch das war nicht bewiesen und er durfte in so einem Augenblick nicht die Nerven verlieren. Er durfte seinem Gegenüber nicht mehr von sich offenbaren, als er bereit war, von sich preiszugeben. Also bemühte er sich um Ruhe, ehe er ihm entgegnete: „Da muss ich mir nichts überlegen. Die Sache ist klar, denn ich will ganz sicher nicht, dass du sowas tust, also halt dich bloß fern von mir!“ Er glaubte zwar nicht, dass Marcus so weit ging, ihn zu irgendwas zu zwingen, doch er blieb lieber vorsichtig. Er wusste nicht, was dem Älteren gerade durch den Kopf ging und er bezweifelte stark, dass es ihm gefallen würde.
„Ach, aber auf diesen kleinen Spanier stehst du oder was?!“, spuckte Marcus ihm regelrecht vor die Füße und damit war die Sache klar. Ihm blieb für einen Wimpernschlag das Herz stehen. Wenigstens fühlte es sich so an. Das bedeutete, dass Marcus es wusste, dass er irgendwie rausgefunden hatte, dass er mit Carlos zusammen war und das verhieß ganz sicher nichts Gutes. So viel Eifersucht, wie er aus den Worten seines Teamkollegen heraushören konnte, würde er sich mit einem einfachen Nein auch nicht abspeisen lassen. Was sollte er also machen? Er konnte davon schließlich niemandem erzählen. Keinem anderen Fahrern und erstrecht nicht seinem eigenen Team. Die würden ihn doch glatt rausschmeißen, wenn sie erfuhren, was da eigentlich mit Carlos und ihm am Laufen war.
„Ich wüsste nicht, was dich das angehen sollte“, gab er sich also alle Mühe, ruhig zu bleiben. Innerlich war er das jedoch nicht. Er kochte und bebte und er konnte die Angst auch nicht vollständig verdrängen. Mit diesem Wissen alleine, würde Marcus ihm das Leben zur Hölle machen können. Natürlich hatte er keine Beweise dafür, oder etwa doch? Ein Gedanke, bei dem ihm heiß und kalt wurde. Wenn Marcus ihre Beziehung sogar beweisen konnte, hatten sie ein richtiges Problem. Was sollte er machen? Seinem Teamkollegen drohen? Das würde ihm gewiss kaum helfen. Er konnte nur versuchen, ruhig zu bleiben und Marcus zu zeigen, dass diese Worte ihm nichts anhaben konnten, doch das war nicht ganz wahr, denn es machte ihm durchaus Sorgen, dass dieses Geheimnis in die falschen Hände geraten war.

„Tu nicht so, Felipe. Ich weiß, dass du was mit ihm hast und ich kapiere nicht wieso. Ich hätte echt viel darum gegeben, dass wir sowas haben könnten, aber du hast mich nie richtig beachtet und dann finde ich heraus, dass du was mit diesem verdammten kleinen Idioten angefangen hast!“, stieß Marcus erbost aus und schürte damit auch die Wut in ihm, denn er konnte es nicht ertragen, wenn irgendjemand Carlos schlecht redete. Immerhin gehörte er zu jenen, die seinen wahren Wert kannten, doch ihm war klar, dass jeder emotionale Ausbruch, Marcus noch mehr Dinge verraten würde. Es fiel ihm unglaublich schwer, nicht doch noch zuzuschlagen, aber er würde Marcus sicher nicht noch mehr in die Karten spielen. Er durfte sich nicht einbilden, in irgendeiner Art und Weise Macht über ihn zu haben.
„Tja, es muss hart für dich sein, aber da scheinst du auf dich selbst reingefallen zu sein. Ich weiß nicht, woher du das hast und es ist natürlich blöd, dich wegen sowas vor mir zu outen, aber ich schätze, wenn du mich in Zukunft damit in Frieden lässt, dann muss das hier auch niemand erfahren.“ Er wusste nicht, wo er dieses Selbstvertrauen in diesem Moment hernahm, aber er hatte kaum eine andere Wahl. Er musste Carlos und sich selbst schützen, so gut das eben ging. Also spekulierte er darauf, dass sein Teamkollege hier mehr einen Verdacht, als tatsächliches Wissen über sie besaß. Wenn er das aber hatte, dann konnte er sich jetzt schon eine Menge schlafloser Nächte prophezeien.
Marcus Augen fixierten ihn, bevor der Schwede schnaubte und den Kopf schüttelte. So leicht gab sein Gegenüber wohl auch nicht auf, aber das wäre wohl zu leicht gewesen. Stattdessen wurde ihm entgegnet: „Alles was ich über euch wissen muss, weiß ich. Du kannst dir deine lächerlichen Ausflüchte also sparen. Sag mir nur, was ich tun muss, damit du dir das noch mal überlegst, denn ich garantiere dir, dass du mit Carlos niemals glücklich werden kannst.“ Und bei diesen absurden Worten, wollte er selbst am liebsten Schnauben und ihn fragen, ob er sich nach dieser hirnverbrannten Aktion wirklich für einen besseren Kandidaten hielt, doch auch diese Bemerkung schluckte er lieber runter, um sich nicht selbst zu verraten. Es war schwer, aber er musste sich in Zurückhaltung üben.

„Okay, Marcus. Von mir aus, denk, was immer du willst, aber verschone mich damit, ja? Ich werde mir das nicht länger anhören.“ Er hob abwehrend die Hände, machte ein paar Schritte rückwärts und wollte den Raum verlassen, doch Marcus setzte ihm nach, packte ihn am Arm und hielt ihn zurück.
„Glaubst du, du kannst mich hier einfach so stehen lassen? Ist das deine Art?“, verlangte der Ältere von ihm zu wissen und er hatte große Mühe, sich seinem Griff wieder zu entreißen, doch gelang es ihm. Er glaubte, in den blauen Augen ein gar schon irres Funkeln zu erkennen.
„Bist du völlig verrückt geworden? Was bildest du dir ein? Willst du mich dazu zwingen, mit dir zusammen zu sein?“ Er ließ ein fast abfälliges Schnauben hören. „Wenn du das ernsthaft für klug hältst, dann solltest du dringend was gegen deine Wahrnehmungsstörungen unternehmen.“
Und mit diesen Worten riss er sich dann auch endgültig los. Er ließ dem Schweden keine Zeit, ihn noch einmal zu fassen zu bekommen. Er musste hier schnellstens weg und so viel Abstand wie möglich zwischen sich und seinen Teamkollegen bringen. Er konnte sein eigenes Blut in seinen Ohren rauschen hören. War das eben wirklich passiert? Er konnte es nicht fassen! Das kam ihm vor, wie in einem ganz schlechten Film und er wusste nicht, was er machen sollte? Er versuchte zu ignorieren, dass seine Hände zitterten und sein Herz wie wild in seinem Brustkorb schlug, als wolle es ihn sprengen.
Er lauschte darauf, ob ihm Schritte folgen würden, doch scheinbar blieb Marcus tatsächlich an Ort und Stelle. Das war ihm nur recht, denn noch länger würde er sich in dessen Gegenwart nicht beherrschen können und wenn er ihn niederschlug, würde er das irgendwie erklären müssen.

Er fühlte sich erst ein bisschen sicherer, als er das Gelände der Rennstrecke verließ. Die ganze Zeit wurde er das Gefühl nicht los, dass Marcus ihm immer noch im Nacken saß, dass er irgendwo auf ihn lauerte und ihn wieder in die Ecke treiben wollte. Das würde er sich auch kein zweites Mal gefallen lassen, trotzdem wollte dieser Schock erst einmal überwunden werden. So etwas war ihm zuvor noch nie passiert und er bekam die Worte seines Teamkollegen auch nicht mehr aus dem Kopf. Was, wenn er ihr Geheimnis nun aus Rache aufdeckte? Was, wenn er ihnen nun wirklich schaden wollte? Vielleicht hatte er dafür tatsächlich die richtigen Mittel. Nicht auszudenken, was er damit für einen Schaden anrichten könnte.
Das wollte er jetzt am liebsten alles vergessen. Er wollte raus aus diesen Sachen, er wollte unter die Dusche und am aller meisten wollte er Carlos. Er konnte nichts dagegen tun, dass sich sein Herz schmerzhaft zusammenzog, als er an ihn dachte und daran, dass er womöglich mitleiden musste, weil Marcus eifersüchtig auf ihn war. Das hatte er nicht gewollt. Das hatte er auf gar keinen Fall gewollt. Er konnte es in diesem Moment nicht verhindern, dass seine Augen zu brennen begannen, dass er sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnte und an ihr hinabglitt. Er konnte nicht noch mehr verlieren. Er hatte den bedingungslosen Rückhalt seiner Familie bereits verloren. Noch mehr Verluste würde er nicht verkraften.
Er stützte die Arme auf die Knie und vergrub das Gesicht darin. Wieso geschahen diese Dinge? Wieso musste es nur so kompliziert und verdreht sein? Diese Fragen schossen ihm durch den Kopf, ohne, dass er sie sich beantworten konnte. Er fühlte sich in diesem Moment so schrecklich alleine und verloren und er hörte nicht, wie das Handy in auf seinem Nachtschrank stumm vor sich hin vibrierte. Er achtete nicht darauf, sondern versuchte mit aller Macht einen Weg zu finden, wie er diese Wand von Problemen nur bezwingen sollte. So lange, bis er irgendwann resigniert aufgab.

~ * ~   ~ * ~   ~ * ~


„Das hast du nicht wirklich getan.“
Er lachte, allerdings nicht, weil er das wirklich lustig fand. Es war bescheuert! Wie konnte Marcus nur so dumm sein? Er hatte ihm gesagt, dass er genau solche Aktionen lassen sollte und was machte dieser unterbelichtete Schwachkopf? Er tat genau das Gegenteil. Wie sehr musste er sich jetzt zusammenreißen, um ihm nicht noch ein paar sehr gemeine Dinge an den Kopf zu werden.
„Tut mir leid, Jo. Ich... Ich weiß auch nicht...“, gab Marcus geknickt zurück, aber das wollte er jetzt gewiss nicht hören. Er hatte einen Vorteil für sich sehen wollen, dass er durch den Schweden ein paar Dinge über Felipe erfahren würde und das hatte er auch. Aber es gab sicher noch mehr Geheimnisse und die könnte er gut gebrauchen. Wofür, das teilte er gewiss niemandem mit, allerdings war in diesem Plan nicht vorgesehen, dass er sich Marcus Liebeskummer und seine Dummheit geben musste.

Er machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, ehe er Marcus sagte: „Sprich nicht weiter. Das macht es gerade irgendwie nicht besser und wenn ich ehrlich sein soll, dann habe ich die ganze Zeit damit gerechnet, dass du irgendwann so unklug und unvorsichtig werden würdest.“
Wie konnte man von so einem liebeskranken Spinner auch was anderes erwarten? Er stellte es immer wieder fest, wie sehr Zuneigung und Sympathie einen vom Erfolgskurs abbringen konnten und sein früherer Rivale, Felipe, war auf dem besten Weg, sich ins Aus zu befördern, nur, weil er irgendwelchen blödsinnigen Gefühlen nachgegeben hatte. Da konnte man fast schon Mitleid mit dem Brasilianer bekommen, aber eben nur fast.
Vorerst musste er sich darauf konzentrieren, dass Marcus ihm nicht ständig in die Parade fuhr. Er könnte mit seinem Vorhaben deutlich schneller voranschreiten, wenn dieser Schussel sich besser im Griff hätte. Zu seinem eigenen Glück war er ein Meister in der Improvisation und er ahnte, dass er das in diesem Fall ganz besonders dringend gebrauchen konnte. Manchmal musste man sich eben den Umständen beugen, die einem so erbarmungslos entgegenschlugen.

Einen Moment herrschte Schweigen, ehe Marcus seine Sprache doch noch wiederfand.
„Es war unbedacht von mir, das gebe ich ja zu. Aber ich halte das nicht mehr aus, verdammt! Ich will mir einfach alles nehmen, dagegen kann ich nichts tun“, versuchte der Sauber-Pilot also zu erklären, doch musste er den starken Drang bekämpfen, bei dieser Aussage die Augen zu verdrehen. Wie kam er nur auf diese Texte und wie konnte er glauben, dass sie ihm tatsächlich weiterhalfen?
„Wenn du dich nur hören könntest. Das ist so erbärmlich. Willst du dich denn wirklich so erniedrigen? Ich meine, ich kann nicht verstehen, was dir an so einem liegt, aber das ist deine Sache. Dennoch rate ich dir dringend, die Scherben deiner Würde wieder aufzusammeln. Vielleicht würdest du dann nachdenken, bevor du dich selbst ans Messer lieferst.“
Worte, die sein Gegenüber zum Stocken brachten. Ja, das musste bei ihm unglaublich hart ankommen, aber so war diese Branche. Dafür musste er sich gewiss nicht vor ihm rechtfertigen. Er versuchte nur, ihm zu helfen.
Gut, es stellte sich gewiss die Frage, weshalb er dem Schweden noch helfen sollte. Vielleicht war ihm langweilig, vielleicht war er auch nicht ganz so kalt und abgestumpft, wie er es den Leuten gerne zeigte, doch das spielte gegenwärtig ohnehin keine Rolle für ihn.

Er sah, wie Marcus sich auf die Lippe biss, wie er versuchte, gegen alles anzukämpfen, was seinen Kopf und sein Herz bestimmte. Er konnte das nicht begreifen. Als hätten sie momentan alle nicht andere Dinge zu tun. Vielleicht wäre Marcus ein bedeutend besserer Rennfahrer, wenn er nicht die ganze Zeit darauf verwenden würde, für einen Kerl zu schwärmen, der es nicht einmal wert war. Allerdings hatte er in dem Schweden noch nie einen sonderlich guten Rennfahrer gesehen, also spielte das keine Rolle.
„Ja... Ich schätze, damit hast du irgendwie recht“, räumte Marcus schließlich ein. Was hätte er seinen Argumenten auch noch entgegen zu setzen? Er wusste, dass jeder besser daran tat, ihn nicht zu sinnlosen Diskussionen herauszufordern. Am Ende gewann er sowieso. Genauso, wie diesmal.
Gewiss, es ärgerte ihn nach wie vor, dass Marcus ständig gegen ihn zu arbeiten schien, dass er durch ihn nicht so schnell vorwärtskam, wie er das gerne wollte, aber noch gab es keinen Grund, ungeduldig zu werden und... Sollte der Ältere wirklich auf die dumme Idee kommen, ihn bis an den Rand seiner spärlichen Geduld zu treiben, würde er das bitter bereuen, so viel war sicher.

Vorerst entschloss er sich aber dazu, sich aus dieser Situation zurückzuziehen und sein Hotelzimmer aufzusuchen.

~ * ~   ~ * ~   ~ * ~


Langsam wurde er nervös. Felipe hatte sich immer noch nicht bei ihm gemeldet und er wusste nicht, weshalb. Er hatte ihm bestimmt schon ein Dutzend Nachrichten geschrieben, ihn immer wieder angerufen, aber nichts. Er meldete sich einfach nicht bei ihm und er konnte nicht verstehen, weshalb. Er hatte schließlich gesagt, dass sie sich vor dem Abflug noch sehen würden, dass dieser Abend ihnen gehören würde und nun...
Er seufzte innerlich. Er wusste, dass er dringend gelassener werden musste. Er durfte sich von Ungereimtheiten nicht sofort aus der Ruhe bringen lassen. Wie sollte er sonst seine Rennen fahren? Aber die Wahrheit war, dass Felipe ihm zu wichtig war, um nicht ständig mit dem Kopf bei ihm zu sein. Er sah ihn so selten und nach allem, was sie bislang hatten durchstehen müssen...
Manchmal fragte er sich wirklich, ob die Formel 1 der richtige Ort für ihn war. Hier gab es so viele Lügen, so viel Verrat und man musste immer auf alles gefasst sein. Das war so anstrengend und es hielt ihn davon ab, sich den wirklich wichtigen Dingen in seinem Leben zu widmen. Wäre da nicht diese Leidenschaft, dieses Herzblut, was untrennbar mit diesem Sport verbunden war und der innige und brennende Wunsch, sich hier zu beweisen.

Interessenskonflikte, die ihm alles andere als fremd waren. Ehrlicherweise hatte er nach dem Streit, den Felipe mit seiner Familie hatte, oft darüber nachgedacht, worauf er sich im Leben wirklich besinnen sollte. Motorsport war nicht alles. Als Felipe über die Winterpause so am Boden zerstört gewesen war, da war ihm in den Sinn gekommen, dass er alles aufgeben würde, wenn es seinem Freund nur gutginge.
Das war nicht nur so eine Idee gewesen. Er hatte das von vorne bis hinten durchdacht und war sich dieser Entscheidung noch immer vollkommen sicher. Felipe bedeutete ihm alles und darum machte es ihn auch so verrückt, wenn er trotz anderer Vereinbarung nichts von ihm hörte. Es war wohl zu viel los in der Vergangenheit, als dass er einfach darauf vertrauen konnte, dass das nichts zu bedeuten hatte.
Er überlegte bereits, ob er sich auf die Suche nach ihm machen sollte.
Ob er Marcus wohl fragen konnte? Er war immerhin Felipes Teamkollege, jedoch benahm dieser sich derzeit auch extrem merkwürdig. Er war aufbrausend und launisch, also alles andere, als jemand, den man gerne um Hilfe fragen wollte. Es musste wohl doch einen anderen Weg geben, aber welchen? Er wollte nicht länger hier sitzen und darauf warten, dass sein Freund an seine Tür klopfte.

Ständig kam ihm sein ungutes Gefühl in den Sinn. Er hatte geschworen, sich davon nicht in den Wahnsinn treiben zu lassen, doch so langsam schienen auch gute Vorsätze nicht mehr allzu viel zu helfen und Fernando wollte er damit gewiss nicht noch einmal behelligen. In den vergangenen Monaten, hatte sein Mentor und Freund ihm oft genug zugehört. Langsam musste auch mal Schluss sein.
Er war gerade im Begriff, vom Bett zu springen und einfach sein Glück zu versuchen, indem er die Sache selbst in die Hand nahm, als sein Handy vibrierte. Vielleicht war das nun doch endlich Felipe! Bei dem Gedanken breitete sich endlich wieder ein Lächeln auf seinen Lippen aus. Erleichterung machte sich breit, jedoch nur so lange, bis er es in den Händen hielt und feststellte, dass es nicht Felipe war.
Die Nachricht, die auf seinem Display zu sehen war, hatte einen anderen Absender. Eine Nummer, die er nicht kannte. Er spielte mit dem Gedanken, diese Mitteilung einfach zu löschen, denn es könnte ein Virus sein oder schlicht Spam, doch... Er gab dem inneren Impuls nach, trotzdem erst einen Blick darauf zu werfen und bereute es fast umgehend.

Worte, die sein Herz zum Stillstand brachten und was er dort sah, war so eindeutig, dass es ihn in Stücke zu reißen drohte.
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