Where's the bloody Air Force?

OneshotAngst, Schmerz/Trost / P16
Collins Farrier
20.08.2018
20.08.2018
1
1966
5
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Disclaimer: Ich kenne keinen der vorkommenden Prominenten persönlich, habe keinerlei Rechte an ihnen oder an sonst irgendwas, das mit ihnen zusammenhängt, und selbstverständlich verdiene ich mit dieser Geschichte kein Geld. Was es hier zu lesen gibt, ist Fiktion und basiert demzufolge auch nicht auf irgendwelchen realen Ereignissen.
Beim Titel handelt es sich diesmal um ein Zitat aus dem Film.

English Version: I do not own anyone, this is purely fictional. If you got here by googling yourself please I urge you go back now!

A/N: Hier kommt nun der elfte Oneshot in meiner kleinen Kurzgeschichten-und-Drabble-Reihe zu Christopher Nolans Film Dunkirk. Diesmal jedoch, weil jemand so freundlich war, mir ein Plotbunny inklusive vollständigem Lattenzaun um die Ohren zu hauen.
Die zehnte Kurzgeschichte – den Auslöser des Plotbunnys by the way – findet ihr bei Interesse übrigens hier: Facing waves


Ihr wisst ja, Reviews und Sternchen sind das Brot des Fanfictionautors – lasst mich bitte nicht hungern!


Gewidmet
Moosmutzel10









Where’s the bloody Air Force?


Der Rolls-Royce-Merlin-Motor geriet ins Stottern.

„Best of luck, Collins.“*

Farrier über Funk.

Ohne Funkdisziplin.

Und er hatte ausgerechnet in diesem Moment anderes zu tun, als ihn damit aufzuziehen! Er hatte Mühe genug, das mehr und mehr bockende Jagdflugzeug auf Kurs zu halten.

„Collins, do you hear me?“*

Ja, tat er, doch er reagierte nicht, hatte das allermeiste seiner Konzentration und Kraft darauf ausgerichtet, die Spitfire auf Kurs zu halten, ganz so, wie man es ihnen in all den theoretischen Unterweisungen vermittelt hatte. In der Praxis hatte er noch nie ein Flugzeug mitten im Meer landen müssen! Die Air Force opferte schließlich keine Maschinen für derlei Übungen. Entweder es gelang im Ernstfall auf Anhieb oder… oder eben nicht. Er hatte allerdings keine Wahl mehr, hatte sie nicht mehr seit dem Augenblick, in dem er sich entschieden hatte, nicht mit dem Fallschirm auszusteigen, weil seine Befürchtung, sich in Stoff und Schnüren zu verfangen und nicht mehr an die Oberfläche zu kommen, weitaus größer war als die, nicht sicher auf dem Wasser aufsetzen zu können. Er biss die Zähne zusammen. Die dunkelblaugraue Wasseroberfläche kam rasend schnell näher, verschluckte das Wolkengrau des Himmels und… Collins zog den Steuerknüppel mit einem Ruck zu sich heran, die Nase der Spitfire hob sich, das Heck kam mit dem Wasser in Kontakt, wurde gebremst und er selbst gleichzeitig in den Gurten nach vorne geworfen. Stabiler Stoff schnitt ihm durch den dünneren der Uniform schmerzhaft ins Fleisch. Als der Druck auf der Brust nachließ, hatte das Flugzeug die ersten holprigen Yards über die Wellen hinter sich, dümpelte nun, während zu seinen Füßen schon das Wasser eindrang. Viel Zeit hatte er nicht. Dass das so war, hatten sie ihnen in jeder Unterweisung nachdrücklich mitgeteilt. Ein paar wenige Minuten blieben ihm im allerbesten Fall, doch der…

Er zog sich die Fliegerhaube vom Kopf, bemerkte im beinahe selben Augenblick, dass ihm statt der Minuten wohl nur Sekunden bleiben würden, bis… Eilig löste er die Gurte und mit ihnen den Fallschirm, denn den würde er nun mit Sicherheit nicht länger brauchen. Ganz im Gegensatz zur Schwimmweste! Vom Steuerknüppel konnte er schon nichts mehr sehen, als er die Hand hob, um die Kanzel aufzuschieben und… Nichts. Irritiert zog und zerrte er am Griff die Kanzel vor und zurück, in der Hoffnung, das Geruckel würde… es würde… es… es… musste doch! Es hatte gerade eben in der Luft doch noch einwandfrei funktioniert, als er nachgesehen hatte, wie der Wellengang sich darstellte! Das… das… jetzt… Die Hand konnte er ins Freie strecken, aber es half nichts. Das Herz begann ihm in der Brust zu rasen, schmerzhaft gegen die Rippen zu hämmern, als wolle es… und das Wasser stieg! Es stieg immer höher und schneller scheinbar auch noch! Und die Kanzel ließ sich nicht öffnen! Das konnte doch nicht… Er zog die Hand wieder ins Cockpit, ballte sie instinktiv zur Faust, begann gegen die Kanzel zu schlagen in der vagen Hoffnung, schlichte Gewalt würde vielleicht dazu führen, dass sie sich… Es musste doch… Es musste einfach! Den Schmerz, der mit jedem Schlag stärker durch Hand und Unterarm pochte, versuchte er zu ignorieren, und das Wasser stieg immer weiter. Es stieg und stieg und er brauchte etwas stärkeres, etwas, das… Fahrig tastete er im Wasser nach der Signalpistole. Vielleicht… vielleicht… Er konnte sie kaum halten, das Metall rutschte am durchnässten Leder Handschuhe entlang, als hätte es jemand großzügig mit Schmierseife eingerieben und mit jedem verzweifelten Schlag gegen die Kanzel glitt sie ihm mehr und mehr durch die Finger, bis er sie nicht mehr halten konnte und sie ins Wasser zurückfiel. Panisch begann er nach ihr zu tasten. Sie musste ja irgendwo sein! Sie konnte nicht… konnte nicht… das… Oh Gott im Himmel! Er würde hier drin ertrinken, schoss es ihm durch den Kopf. Das Wasser stand schon so hoch, das die Schwimmweste ihn nach oben trug, ihm immer weniger Abstand zur Kanzel verschaffte, das letzte verbliebene Bisschen Atemluft noch weniger werden ließ und… und… Er würde ertrinken, während er den Himmel und das Tageslicht über sich noch sehen konnte! Er würde… das… es… Da war sie wieder! Irgendwie gelang es ihm, die Signalpistole so fest zu fassen, dass er sie nach oben holen und wieder gegen das Glas schlagen konnte. Es waren nur noch ein paar Inch, die sich das Meer noch nicht einverleibt hatte! Er… es musste… es musste einfach…!

Er wollte nicht sterben!

Nicht hier!

Nicht so!

Nicht jetzt!

Und plötzlich war das Wasser überall.

Die Signalpistole entglitt ihm wieder.

Wie schwerelos trieb er mitten im Cockpit, hatte nicht die Luft angehalten, schluckte schmerzhaft Wasser, wand sich, versuchte mit beiden Fäusten gegen die Kanzel zu schlagen, denn vielleicht… vielleicht… Doch das Meer dämpfte jede seiner Bewegungen. Genauso gut hätte er… hätte… Luft!

Luft!

Er brauchte Luft!

Nur einen Atemzug!

Nur…

„Nein!“

Rasselnd füllten seine Lungen sich mit Luft und sein Brustkorb sich mit Schmerz. Vom Lichtschimmer über seinem Kopf fehlte jedoch jede Spur. Schwer atmend sah er sich um. Im schwachen Schein einer Petroleumlampe neben der Tür konnte er weitere Bettgestelle ausmachen. Sieben an der Zahl. Und am anderen Ende des Raumes schwere, schwarze Vorhänge, die…

Er war nicht mehr im Cockpit seiner Spitfire.

Die Erkenntnis schlich sich in seinen Verstand, vermischte sich mit der, dass er das schon seit Tagen nicht mehr war. Das hier war ein Zimmer in einem Gebäude des Princess Mary’s Royal Air Force Nursing Services. Deswegen gab es hier auch keine Stockbetten, deswegen war das Zimmer so klein, mit so vergleichsweise wenigen Betten bestückt und… Mit einem leisen Ächzen ließ er sich auf die Matratze zurücksinken, hoffte gleichzeitig, keine der Krankenschwestern auf Nachtwache aufgescheucht zu haben. Bisher hatten sie seine Alpträume auf das hohe Fieber geschoben, bisher… Doch das würde nicht so bleiben, das wusste er, und wenn sie bemerkten, dass ihn das Geschehen über dem Kanal immer noch und scheinbar unaufhörlich heimsuchte, dann… dann… Die Air Force konnte sich keine schwächelnden Piloten leisten, weder jetzt noch irgendwann später und sie würde das auch nicht tun. Bisher hatte er auch großes Glück gehabt, dass außer ihm niemand in diesem Zimmer untergebracht war, doch das konnte sich von einem Augenblick zum nächsten ändern – und das würde es früher oder später auch. Es war nur eine Frage der Zeit, nichts weiter.

Leise seufzend fasste er einen Zipfel der Bettdecke, wischte sich damit den Schweiß vom Gesicht und lauschte. Vielleicht waren doch Schritte auf dem Flur zu hören, verräterische Schritte, die plötzlich vor der Zimmertür abrupt verstummten und… Unwillkürlich biss er sich auf die Lippe, wartete, konzentrierte sich und…

Nichts.

Zum Glück!

Erleichtert schloss er die Augen.

Wenn er ruhig lag, hatte er eigentlich keine nennenswerten Schmerzen beim Atmen mehr, konstatierte er stumm. Lungenentzündung, hatte eine der jüngeren Schwestern ihm in einer unbeobachteten Minute zugeraunt, als sie sein Kissen aufgeschüttelt hatte. Im Nachhinein hatte er sich lange stumm gewundert, wie das sein konnte. So lange war er im Grunde genommen ja nicht im Wasser gewesen und auf der Moonstone hatte er zumindest eine Decke und etwas heißen Tee gehabt, sodass… Am nächsten Tag hatte er dieselbe Schwester danach gefragt. Sie hatte es ihm auch nicht sagen können und was den Arzt betraf… Der schien größeres Interesse an anderen Patienten zu haben als daran, ihm eine Antwort zu geben. Es war frustrierend. Und doch…
Genau diese Frustration war es, die ihn anspornte, die ihn ermutigte, sich noch einmal zusammenzunehmen. Er würde hier nicht versauern, während draußen die Welt im Bombenhagel unterging und seine Kameraden starben. Er würde nicht hier herumliegen, solange Farrier…

Farrier…

Er wusste nichts über seinen Verbleib.

Doch was hieß das schon?!

Hier drinnen bekam man kaum mehr mit als das, was die Zeitung titelte, die man ihm für eine Stunde am Tag überließ, ehe sie an andere Patienten weitergereicht wurde. Einmal ganz davon abgesehen, dass er für wer weiß wie lange gar nicht in der Lage gewesen war, überhaupt Zeitung zu lesen! Wahrscheinlich hatte er eine ganze Reihe wesentlicher Entwicklungen verpasst! Und wenn er zurück auf den Flugplatz kam, auf dem er stationiert war, würde er sich eine ganze Menge neuer Geschichten anhören dürfen und das… Es würde alles von ganz allein besser werden, sobald er hier raus und zurück auf dem Flugplatz war, sobald er wieder etwas Sinnvolles zu tun hatte und nicht länger nutzlos herumliegen und darauf warten musste, dass der Arzt ihn für diensttauglich erklärte.

Es würde sich alles von selbst wieder richten, wiederholte er in Gedanken, und er würde diesen Zwischenfall im Kanal schneller vergessen haben, als er es sich jetzt vorstellen konnte. Was Farrier von diesem Einsatz zu berichten haben würde, würde schließlich um Längen aufregender sein als das, was ihm widerfahren war. Einmal ganz davon abgesehen, dass es in Farriers Fall ja nicht bei diesem einen Einsatz geblieben sein würde. In der Zwischenzeit war er bestimmt zig weitere geflogen, die…

Ja, es würde von allein wieder gut und normal werden.

Er musste sich nur noch einige wenige Tage zusammenreißen. Nur solange, bis er entlassen wurde und seinen Dienst wieder antreten konnte – und das würde er schaffen.

Daran hatte er überhaupt keine Zweifel.




***

* Zitat aus dem Film
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