Und wir war'n unendlich

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
Abbey Bartlet Jed Bartlet
20.08.2018
20.08.2018
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20.08.2018 2.378
 
Soooo ich bin wieder aus meinem Urlaub zurück und hab euch was schönes mitgebracht ;) Ich hoffe es gefällt euch ... ich freue mich wie immer über das ein oder andere Review :)
glg Mina


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Der Tag war lang gewesen. Entsetzlich lang.

Nach dem turbulenten und zäh dahin fließenden Vormittag, Mittag und Nachmittag war alles langsam abgeflaut. Der Abend war nun genauso wie man es sich auf dem Land vorstellte: ruhig und menschenleer. Bis auf einige vereinzelten Secret Service Agenten, die um das große Farmhaus patrouillierten, war weit und breit niemand mehr zu sehen. Ein kaum wahrnehmbarer Windhauch ließ die sattgrünen Blätter der Büsche und Bäume tanzen und hier und da erklang das leise Muhen einer Kuh. Doch beim genaueren Betrachten sah man eine einsame Gestalt auf der Terrasse des Hauses stehen. Gegen das niedrige Geländer gelehnt und mit einer Zigarette in der Hand. Ein seltenes aber nicht untypisches Bild des Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Jed Bartlet nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette ehe er sie geübt in den kleinen Eimer voller Wasser neben sich schnipste. Auch wenn seine Frau ihm ständig über diese ungesunde Angewohnheit lag und jede der versteckten Packungen weg warf, die sie fand, so drückte sie doch hier und da ein Auge für ihn zu.

Allein dieser Gedanke an seine Frau ließ seine Stimmung noch weiter in den Keller sinken. Dabei hatte er gedacht, dass das nicht möglich wäre. Er drehte sich um, öffnete die nur angelehnte Haustür und betrat das Haus seiner Familie. Er war gerne hier. Eigentlich war das noch untertrieben – er liebte es hier. Schon als Kind hatte er gerne seine Zeit hier verbracht und es hatte sich in all den Jahren nicht geändert. Abbey hatte es nach ihren Einzug in ein Zuhause verwandelt, in das er immer wieder mit Freuden zurückkehrte. Sie hatten hier so viel zusammen erlebt. Gute und schlechte Zeiten. Hatten die Kinder hier zusammen großgezogen. Sich geliebt und zusammen gelacht. Zusammen geweint und gelitten.

Langsam, fast schon widerstrebend, durchquerte er die Zimmer und blieb in der offenen Küchentür stehen. Die Hände tief in seinen Hosentaschen vergraben. Er wusste, dass er sich endlich mit Abbey aussprechen musste. Er wusste es. Er hatte es in dem Moment gewusst und vorgehabt als er vor aller Welt verkündet hatte, dass er ein weiteres Mal antreten würde. Natürlich hatte er es gewusst. Und doch hatte er die erstbeste Gelegenheit genutzt um es nicht zu tun. Denn er hatte Angst. So einfach war das. Er hatte Angst davor, was seine Frau ihm zu sagen hatte. Er hatte Angst, dass sie das aussprechen würde, was er insgeheim, und sicherlich viele andere auch, dachte – das er es nicht ein weiteres Mal schaffen würde. Dass er das Vertrauen der Wähler verloren hatte. Dass er keine Unterstützer mehr hätte. Dass er die Wiederwahl verlieren würde.

In ausgewaschenen Jeans und einem einfachen, weißen Top stand Abbey vor der Spüle. Das Radio lief leise im Hintergrund. Vor sich hin summend wusch sie ein Weinglas ab und tippte dabei mit ihren Füße im Takt der Musik. Sie war barfuss und ihre Nägel waren golden lackiert. Das lange Haar hatte sie zu einem schlampigen Zopf zusammen gebunden und doch viel ihr immer wieder eine widerspenstige Strähne in die Augen.

Seine Finger zuckten. Wie gerne wäre er jetzt hinter sie getreten, hätte sich an sie geschmiegt und ihr die Strähne sanft hinters Ohr gestrichen. Er wollte ihren kleinen Körper gegen seinen spüren. Sie einfach nur in seinen Armen halten. Doch er tat es nicht. Er tat es nicht.

„Wir hatten einen Deal.“

Abigail zuckte überrascht zusammen. Sie war so sehr in ihrer eigenen Welt versunken gewesen, dass sie nicht einmal bemerkt hatte, dass Jed in die Küche gekommen war. Aber noch mehr erstaunten sie seine Worte. Sie antwortete ihm nicht. Sorgsam trocknete sie die Hände am Geschirrhandtuch ab. Erst dann wandte sie sich ihrem Mann zu. Dabei schlug ihr Herz so heftig, dass sie fast glaubte es würde aus ihrer Brust springen. Sie hatte sich schon gefragt, wann sie endlich über das Thema sprechen würden, das wie ein Damoklesschwert über ihren Köpfen hing. Sie hatte sich standhaft geweigert, darüber zu sprechen. Sie beiden hatten viel zu tun. Die letzten Wochen und Monate waren nicht leicht gewesen. Überall lagen riesige Steine auf ihrem Weg und manchmal schien es so abwegig diese überhaupt überwinden zu können.

„Und ich halte mich daran“, fügte Jed noch leise hinzu und riss sie so aus ihren Gedanken.

Abbey konnte nicht anders. Sie starrte ihren Mann mit offenem Mund an. „Wie bitte?“, fragte sie ungläubig nach. Sie begriff nicht, was sie da eben gehört hatte. Das konnte nicht stimmen. Ihr Verstand musste ihr einen Streich spielen. Sie lag sicherlich allein in dem großen, kalten Ehebett und wartete darauf, dass Jed nach oben kam. Dabei musste sie eingeschlafen sein. Etwas anderes ergab einfach keinen Sinn.

Jed räusperte sich und vergrub, wenn dies überhaupt möglich war, seine Hände noch tiefer in die Taschen seiner Hosen. Er starrte dabei unentwegt stur auf seine Schuhspitzen. „Ich habe gesagt, dass ich mich an unseren Deal halte. Eine Amtszeit. 4 Jahre. Dann ist Schluss.“ Seine Stimme zitterte kaum merklich. Er hatte sich ausgemalt wie schlimm es werden würde diese Worte auszusprechen. Jedoch hätte er nicht gedacht, dass es sich so anfühlen würde. Ihm war leicht übel. Er hatte es getan. Er hatte aufgegeben.

Abbey konnte es noch immer nicht fassen. Jed wollte sich an das Versprechen halten. Ein Versprechen, das nach stundenlangen Diskussionen und Gefühlsausbrüchen zwischen ihnen gemacht wurde. Ein Versprechen, dass Jed vor einigen Wochen live im Fernsehen, ohne ihr Wissen, mit Füßen getreten hatte. Ohne dass sie es verhindern konnte, sammelten sich Tränen in ihren Augen und trat langsam auf Jed zu. „Du willst dich an unseren Deal halten? Aber Jed … Toby und Sam schreiben gerade deine Rede und die Tribüne wurde aufgebaut … übermorgen hat C.J. die Presse eingeladen … ich …“ Verwirrt brach sie ab und stellte irritiert fest, dass ihr Mann ihr noch immer nicht in die Augen sah obwohl sie nun direkt vor ihm stand.

Jed zuckte nur halbherzig mit den Schultern. „Ich kümmere mich morgen früh darum“, erwiderte er leise und wandte sich ab. Auch wenn er nichts mehr wollte als Abbey in die Arme zu nehmen so konnte er jetzt nicht in ihrer Nähe sein.

Doch Abbey ließ ihn nicht vor dem Gespräch davonlaufen. Nicht schon wieder. Sie beide waren Schuld, dass solche angespannte Stimmung zwischen ihnen herrschte. Niemand hatte den ersten Schritt gewagt und die wenigen Male, die Jed einen Versuch unternommen hatte, hatte sie ihn in die Schranken gewiesen. Sie umfasste sein Handgelenk und zog ihn sanft aber bestimmt wieder zu sich. „Jed, du kannst nicht einfach so eine Bombe platzen lassen und dann gehen. Es ist alles vorbereitet. Deine Leute arbeiten rund um die Uhr. Sie tun es seit Wochen. Sie denken, wir treten wieder an. Und jetzt sagst du mir, du willst es doch nicht mehr. Du willst dich an den Deal halten. Was … was ist nur los mit dir?!“

Jed zog den Arm aus ihrem Griff und machte einen Schritt nach hinten. „Du wolltest, dass ich mich an den Deal halte und das tue ich … ich weiß nicht was du noch von mir hören willst, Abbey.“ Blut kochte regelrecht in seinen Adern doch er versuchte ruhig zu bleiben. „Du hast jetzt genau das, was du von Anfang an haben wolltest.“ Er wandte sich um und verließ die Küche.

„Was hast du gerade gesagt?!“ Abbey konnte nicht glauben, was sie da hörte. Es war also ihre Schuld? Ihre Schuld?! Oh, das würde sie sicher nicht einfach so hinnehmen. Wütend stapfte sie ihrem Mann hinterher. Die Hände in die Hüften gestemmt versperrte sie ihm den Weg. „Oh nein, du wirst mich nicht so stehen lassen. Du lässt einfach diese Bombe platzen und ich soll nichts dazu sagen dürfen! Nicht mit mir, Mister.“

Jed warf die Hände in die Luft. „Ich verstehe dich nicht. DU wolltest, dass ich nur eine Amtszeit regiere. Ich habe dem zugestimmt. Und jetzt halte ich  mich daran. Was willst du noch von mir?!“ Mit jedem Wort war er lauter geworden und seine himmelblauen Augen schienen sich zu verdunkeln.

„Ich will, dass du mir das erklärst! Ich verstehe es ganz einfach nicht, Jed.“ Abbey atmete tief durch. Sie wollte nicht, dass es in einem Streit ausartete. Nach all den Wochen der angespannten Stille und passiven Sticheleien wollte sie jetzt endlich ihre Wut, Enttäuschung und auch ihre Angst endlich beiseite schieben und … und Jed zuhören. Ihn sich erklären lassen. Er würde seine Gründe haben. Er war Josiah Bartlet. Er war der facettenreichste, interessanteste Mann den sie je getroffen hatte. Auch wenn es immer Dinge gab die sie an ihn irritierend fand, wollte sie ihn nicht ändern. Nein, sie wollte ihn nicht ändern auch wenn sie es könnte.

Ihr Mann biss die Zähne fest aufeinander und die kleine Brünette konnte sehen wie sein Kiefer arbeitete.

„Jed“, wisperte Abbey leise drängend wobei sie mit beiden Händen sein Gesicht umfasste.

„Das ist es mir einfach nicht wert“, antwortete Jed schließlich nach einer schier endlos anhaltenden Stille. Er sah ihr dabei fest in die Augen. „Du bedeutest mir mehr als ich jemals in Worte fassen könnte und ich kann dich nicht verlieren. Nicht für so etwas Triviales. Nur mit dir an meiner Seite kann ich das alles schaffen. Nur mit deiner Unterstützung, deiner Liebe, deiner Zuversicht und deinem Kampfgeist. Ich liebe dich, Abigail, vom ganzen Herzen und es gibt nichts Wichtigeres als dich und unsere Familie … mir ist es egal was ich tue oder wo … solange du an meiner Seite bist. Alles andere ist nebensächlich.“

Je mehr Worte ihr Mann aussprach, desto mehr Tränen sammelten sich in ihren Augen und liefen schlussendlich über ihre Wangen. Abbey wusste, dass es Jed schwer fiel sich anderen gegenüber zu öffnen. Selbst nach all den Jahren brauchte er ab und an mehrere Anläufe um auch ihr zu sagen wie er empfand. Er hatte nie Probleme gehabt positive Gefühle auszudrücken aber die negativen … das war eine ganz andere Sache. Jed war stur wie ein Esel und das trieb sie oftmals in den Wahnsinn aber sie war nicht wirklich immer das Musterbeispiel von Geduld. Aber das war jetzt alles vollkommen bedeutungslos.

Ohne zu zögern schmiegte sie sich an ihn und schlang die Arme fest um ihn. „Jed, ich liebe dich auch, viel zu sehr als das ich dir diesen Traum kaputtmachen will“, wisperte Abbey ganz leise und löste sich von ihm. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und sah ihm fest in die Augen. „Ich werde nicht lügen … mir wäre es lieber wenn du dich an unseren Deal hältst.“

Jed öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch Abbey schüttelte sofort den Kopf und legte ihren Zeigefinger gegen seine Lippen. „Jetzt bin ich dran, Josiah.“

Das erstickte jeden weiteren versuch von ihm etwas zu sagen. Sie benutzte nur sehr selten seinen richtigen Namen aber wenn dann wusste er, dass es ihr ernst war.

„Aber wenn du dich an den Deal hältst, könnte ich dir nie wieder in die Augen sehen. Wir haben einander immer unterstützt. Sei es die Zeit in London oder meine Facharztausbildung. Und ich war, dass du diese Wahl wieder gewinnen kannst. Das macht es nur umso schlimmer. Ich will dich nicht daran hindern, etwas Großartiges zu erreichen“, erklärte Abbey mit emotionsgeladener Stimme. Tränen hatten sich in ihren Augen gesammelt und rannen stumm ihre Wangen hinab.

Währenddessen starte Jed seine Frau völlig fassungslos an. Hatte er sie gerade richtig verstanden? „Du glaubst, dass ich es noch mal schaffe?“, platzte es aus ihm heraus bevor er noch weiter darüber nachdenken konnte.

Abbey blinzelte und wischte sich einige Tränen von den Wangen. „Natürlich glaube ich das. Was hast du denn gedacht?“, fragte sie verwirrt.

Jed fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Ihm entfuhr ein ersticktes Lachen und er schüttelte den Kopf. „Weißt du wie sauer und verletzt ich war als du mich meine Entscheidung nicht hast erklären lassen? Ich habe mir Tag für Tag den Kopf darüber zerbrochen und letzten Endes dachte ich einfach dass du nicht an mich glaubst. Das ich die Wiederwahl verlieren würde. Ich dachte, du stehst nicht mehr neben mir“, murmelte er leise und atmete tief durch um das Zittern aus seiner Stimme zu verbannen. „Und ohne dich hat das alles keinen Sinn.“

Abbey bemühte sich nicht mehr, sich die Tränen von den Wangen zu wischen. Sie liefen in Sturzbächen und ihr entfuhr in unregelmäßigen Abständen ein leises Schluchzen. „Du Esel“, brachte sie schließlich hervor und schüttelte den Kopf. „Du bist ein Esel, Josiah Bartlet. Ich liebe dich und das, was du in deinem Leben erreicht hast. Und egal was du noch tun willst, ich bin an deiner Seite … sei es nun das du Präsident werden willst oder, oder ach ich weiß auch nicht … Hundetrainer vielleicht. Ich bin da. Ich werde immer da sein und ich bin so stolz auf dich Jed.“

„Wirklich?“

Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen als sie das geradezu kindliche Verlangen nach Bestätigung und Anerkennung aus seiner Stimme heraus hörte. Gott, sie verfluchte seinen Vater in diesem Moment nicht das erste Mal. Abbey nickte und streichelte liebevoll über seine Wange. „Wirklich, Ich weiß, dass ich ebenso Schuld an der ganzen Misere habe. Ich hätte dir zuhören sollen. Manchmal kann ich auch ein sturer Esel sein.“

Erstickt lachte Jed bei ihren letzten Worten auf und legte seine Hand auf ihre, die noch immer auf seiner Wange ruhte. „Hundetrainer, hm?“

Abbey verdrehte nur die Augen.

Jeds Miene wurde wieder ernst und er atmete tief durch. „Ich kann jetzt noch nicht aufhören, Abbey. Es gibt noch so viele Dinge, die ich ändern, verbessern, will. Es gibt noch immer zu viele Waffen auf den Straßen. So viele Eltern, die es sich nicht leisten können mit ihren Kindern zum Arzt zu gehen. Zu viele Angestellte, die rund um die Uhr arbeiten und nur einen Hungerlohn dafür erhalten. Und das ist nur die Spitze vom Eisberg. Ich will die weiteren 4 Jahre und das mit dir an meiner Seite, Abigail.“

„Ok“, wisperte Abbey ganz leise und verschränkte ihre Hände miteinander. „Ich liebe dich.“

Jed strich mit den Daumen über ihre Handrücken ehe er sich vorbeugte und ihr einen Kuss auf die Stirn hauchte. Seine blauen Augen funkelten verräterisch und sein Herz hämmerte in seiner Brust. „Ich liebe dich auch Abbey.“
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