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Maria, Martin und die "Pension zur guten Laune"

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft / P12 / Gen
Dr. Maria Weber Dr. Martin Stein
19.08.2018
20.08.2018
2
7.025
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19.08.2018 3.791
 
1. KAPITEL - NACH DEM RUMMEL IST VOR DEM RUMMEL


„So, da sind wir“, sagte Martin, als er seinen grünen Mercedes-Oldtimer in die Einfahrt des großen Grundstückes seines Vaters lenkte. Im Dunkeln von der Straße aus war das weiße Haus, aufgrund der Bäume und Sträucher im Vorgarten, welche in den letzten Jahren immer größer geworden waren, nicht gleich zu erkennen. Als der Wagen aber das Einfahrtstor passiert hatte, ging eine Lampe an der Haustür an und tauchte den Hof in ein schummriges Licht und sie konnte zum ersten Mal einen Blick auf das Haus werfen, in dem Martin ein paar Monate ganz alleine gewohnt hatte und in welches sie vorübergehend mit einziehen sollte.  

Es war ein komisches Gefühl. Sie kannte dieses Haus nicht und dennoch war ihr so als würde sie an einen vertrauten Ort kommen, einen Ort voller Wärme und Geborgenheit, fast wie ein Zuhause. Das war albern, denn eigentlich kannte sie nicht einmal den Hausherrn, der soeben den Motor seines Wagens abstellte, richtig.

Dr. Martin Stein, leitender Oberarzt der Chirurgie an der Sachsenklinik, hatte in den letzten Tagen etwas geschafft, was seit langer Zeit keiner mehr geschafft hatte. Er hatte ihren Schutzwall durchbrochen und sich ohne groß darüber nachzudenken ihrer angenommen. Hätte man ihr vor einem Jahr gesagt, dass sie einmal vorübergehend in einer WG mit diesem arroganten, intriganten Spießer wohnen würde, hätte sie lachend abgewunken. Und genau das tat sie jetzt. Sie lachte. Das Ganze war einfach zu komisch.

Martin drehte seinen Kopf zu ihr und wie so häufig, wenn sie lachte, spielte auch um seine Lippen ein sanftes Lächeln, auch wenn er sie in diesem Moment zusätzlich noch mit einem verdutzten Blick bedachte.

„Was?“, fragte er und sein Lächeln wurde breiter.

„Das ist alles so surreal“, antwortete sie ihm und strahlte ihn an. „Wer hätte je gedacht, dass ich einmal bei dir einziehe.“

„Stimmt“, erwiderte er und lachte ebenfalls, „vor einem Jahr hättest du mich noch am liebsten auf den Mond geschossen.“

„Ja und das völlig zurecht“, sagte sie und boxte ihm leicht in den rechten Arm.

„Aua“, sagte er mit schmerzverzerrtem Gesicht und hielt sich die Stelle mit seiner linken Hand, um im nächsten Moment, wie sie, laut loszulachen.

„Ich schätze mal, das habe ich verdient“, sagte er anschließend und schaute sie an. In seinem Blick lag etwas Entschuldigendes, aber sie wollte es gar nicht sehen.

„Hey, das ist Schnee von vorvorgestern“, sagte sie und legte ihm lächelnd die Hand auf die Schulter.

Und schon kehrte auch sein Lächeln zurück. Er hatte ein sehr schönes Lächeln, welches sein ganzes Gesicht zum Strahlen brachte, man aber im Klinikalltag nicht ansatzweise so häufig zu sehen bekam wie zum Beispiel heute. Sie hatte das Gefühl, dass dieser Abend nicht nur für sie eine besondere Angelegenheit gewesen war.

„Wollen wir dann?“, fragte Martin und löste seinen Sicherheitsgurt. Sie nickte und während sie ihrerseits ihren Sicherheitsgurt löste, stieg er aus und öffnete ihr die Beifahrertür.

„Oh, vielen Dank, Dr. Stein. Sie sind ja ein richtiger Gentleman“, sagte sie als sie ausstieg und die Kordel eines mit Helium gefüllten Ballons in Gestalt eines witzigen Affenkopfes um ihr Handgelenk wickelte, damit er nicht davonflog.

Martin grinste und deutete auf seine Brust. Er trug noch immer das Lebkuchen-Herz mit der Aufschrift „Mutti‘s Bester“ um den Hals.

„Ich bin schließlich nicht umsonst Muttis Bester“, sagte er und warf sich stolz in die Brust um im nächsten Moment loszulachen. Sein Lachen war so ansteckend, dass auch sie nicht anders konnte als mit einzustimmen. So viel hatte sie lange nicht gelacht und es war erstaunlich wie einfach es war mit Martin zu lachen.

„So, hier geht’s lang“, sagte er und ging voran in Richtung Haustür.

„Warte mal“, sagte sie und blieb stehen.

„Was ist?“, fragte er, drehte sich zu ihr um und blieb ebenfalls stehen. Er sah plötzlich besorgt aus, als fürchtete er sie würde einen Rückzieher machen. Sie ging auf ihn zu und nahm ihn bei der Hand.

„Zeigst du mir erst einmal den Garten?“, fragte sie und schaute ihn an. Martin wirkte augenblicklich entspannter.

„Den Garten? Aber es ist mitten in der Nacht…“

Ihre Augen bettelten ihn förmlich und er schien zu merken, dass jeder Widerstand zwecklos war.

„Okay, aber du musst kurz hier warten“, sagte er nach kurzem Überlegen.

„Du musst wohl erst noch deine Gartenzwerge verstecken“, antwortete sie und begann wieder zu lachen.

Martin zwinkerte sie grinsend an und sagte: „Sowas ähnliches. Warte kurz, ich bin gleich wieder da!“

Und er eilte Richtung Garten. Sie sah ihm lächelnd nach. Er meinte es wirklich gut mir ihr. Sie war wirklich froh, dass sie sich im anvertraut hatte, dabei hatte sie sich anfangs noch so dagegen gewehrt. Immerhin musste sie erst einmal selber mit der Diagnose klarkommen. Man bekam schließlich nicht alle Tage mitgeteilt, dass man einen Tumor im Kopf hat, der dafür sorgt, dass man Dinge tat und sagte, die man unter normalen Umständen wahrscheinlich nie getan oder gesagt hätte. Das schlimmste daran war, dass sie gegenwärtig nicht einmal mehr wusste, ob ihre Gedanken und Gefühle wirklich ihre eigenen waren oder ob sie durch den Tumor in ihrem Kopf verursacht wurden.

Dank Martin hatte sie diesen Umstand heute Abend fast komplett ausblenden können. Es war seiner Geduld und Hartnäckigkeit zu verdanken, dass sie heute Abend überhaupt etwas zusammen unternommen hatten und sie war ihm sehr dankbar für all die Mühe, die er sich mit ihr gab.

Sein Vorschlag ihn hier her zu begleiten, hatte sie sehr überrascht. Sie hatten zwar vor kurzem über diese Möglichkeit gescherzt, aber sie hätte nie gedacht, dass es ihm ernst sein könnte. Sie wusste nicht, ob ihre Entscheidung mit ihm hier her zu kommen wirklich ihre war oder ob ihr kleiner Mitbewohner sie dazu animiert hatte, aber es war egal. Jetzt war sie hier und nachdem was zwischen Kai und ihr gelaufen war, konnte es eigentlich auch nicht mehr schlimmer kommen. Was passierte würde passieren. Sie hatte ohnehin kaum noch Kontrolle darüber. Allerdings, und sie war sich nicht einmal sicher woran sie es festmachte, war sie sich sicher, dass Martin die Situation nicht ausnutzen würde. Dafür hatte er sich ihr gegenüber die ganze letzte Zeit über einfach viel zu selbstlos und uneigennützig verhalten.

Sie lief den Zufahrtsbereich vor der Haustür im schummrigen Licht langsam auf und ab. An ihrem Handgelenk hatte sie immer noch den mit Helium gefühlten Ballon hängen, den Martin ihr zum Abschluss ihres Rummel-Abenteuers gekauft hatte. Und sie lächelte wieder als sie in das lachende Affengesicht blickte. Irgendwie fühlte sich gerade alles, was bisher heute Abend geschehen war, richtig an. Vielleicht war es Schicksal, dass sie gerade hier war und vielleicht für die nächsten Tage bleiben würde, ebenso wie es Schicksal war, dass ausgerechnet Martin ihr in einer Vision geraten hatte sich untersuchen zu lassen. Ja, dachte sie. Das Schicksal dafür verantwortlich zu machen war besser als ihren kleinen Mitbewohner zu beschuldigen.

„Maria?“

Martin war zurück und sein Ruf nach ihr klang besorgt, als er sie nicht an der Stelle an der Haustür wiederfand, an der er sie ein paar Minuten zuvor verlassen hatte.

„Hier bin ich“, antwortete sie und trat ihm lächelnd entgegen.

„Ich dachte schon... ach, egal“ Erleichtert nahm er sie bei der Hand.

„Dachtest du ich bin vor dir weggelaufen?“, fragte sie und suchte seinen Blick.

„Ach, quatsch“, sagte er, konnte den Blickkontakt jedoch nicht halten und schaute stattdessen auf seine Schuhe.

„Keine Angst, ich laufe nicht weg. Ich bin schließlich freiwillig hier.“ sagte sie und drückte seine Hand. „Außerdem hast du es so schön hier, dass ich gar nicht weg möchte.“

Martin strahlte sie an und gemeinsam gingen sie hinter das Haus. Und zum ersten Mal sah Maria den See. Selbst im Dunkeln sah er wirklich beeindruckend aus. Als nächstes fiel ihr Blick zu einer Bank am Uferabstieg, die von zwei Fackeln umgeben war. Dieser Anblick hätte durchaus romantisch wirken können, wäre da nicht die schreiend bunte Lichterkette gewesen, die einen Kreis um Bank und Fackeln bildete und dem Ganzen eine besondere Atmosphäre verlieh. Eine Atmosphäre so besonders wie die, die sie gemeinsam auf dem Rummel erlebt hatten und doch irgendwie anders... vertrauter und ruhiger.

„Wow“, sagte sie staunend.

„Gefällts dir?“, fragte Martin und lächelte unsicher. „Ich dachte... damit uns das Rummel-Feeling erhalten bleibt.“

„Denk nicht so viel“, sagte sie und jetzt war sie es, die die Führung übernahm indem sie Martin bei der Hand nahm und mit ihm zur Bank ging.

„Das ist richtig schön“, sagte sie und setzte sich. „Du sitzt bestimmt öfter mal hier draußen, oder?“

Martin setzte sich neben sie und antwortete: „Nein, eigentlich nicht. Alleine ist es nicht halb so schön. Und im Dunkeln saß ich auch schon lange nicht mehr hier“, sagte er schmunzelnd.

„Stimmt, alleine macht es sicher keinen Spaß. Aber dafür hast du mich ja jetzt hier. Irgendwie muss der ‚Pension zur guten Laune‘ schließlich Leben eingehaucht werden“, sagte sie, als sie sich an ihn lehnte.

Beide lachten.

Danach saßen sie eine ganze Weile still da und ließen die Gedanken kreisen. Es war eine angenehme Stille, keiner von diesen unangenehmen Momenten in denen man krampfhaft überlegte was man sagen könnte um das Schweigen zu brechen. So viel Spaß wie es machte mit Martin zu lachen, einfach mal ruhig mit ihm an der Seite dazusitzen und die Umgebung auf sich wirken zu lassen, war mindestens genauso bereichernd.

Sie fühlte sich auf Anhieb richtig wohl hier. Die idyllische Stille des Sees, das sanfte Rauschen der Blätter im Wind und Martins leises atmen neben ihr als er sich entspannt zurücklehnte, den Arm um sie legte und seine langen Beine ausstreckte, hatte eine beruhigende Wirkung auf sie. Das einzige woran man merkte, dass es eigentlich nicht die richtige Zeit war um gemütlich draußen zu sitzen, war die Kälte, die mit zunehmender Stunde immer mehr vom Boden her zu ihnen hochkroch.

Aber auch daran hatte Martin gedacht. Ohne, dass sie ihm gesagt hatte, dass ihr langsam kalt wurde, lehnte er sich kurz zur Seite und nahm etwas von der Armlehne der Bank.

„Hier!“, sagte er und breitete eine Decke über ihr aus.

„Sag mal, Martin, kannst du neben Multitasking jetzt auch noch Gedanken lesen?“, fragte sie und sie grinsten sich an.

„Tja, ich habe eben viele Talente“, sagte er und reckte dabei scherzhaft die Nase in die Luft um seiner Anmerkung einen arroganten und hochnäsigen Ausdruck zu verleihen.

„Ja, nur am Schießstand bist du eine Niete“, sagte sie und strahlte ihn herausfordernd an, „Du schuldest mir noch einen Plüsch-Löwen“.

Und wieder lachten beide. Es war wirklich schon viel zu lange her, dass sie das letzte Mal so viel gelacht hatte. Ihr taten schon richtig die Rippen weh davon.

„Aber dafür bin ich Muttis Bester“, gab Martin zum Besten und hielt sein Lebkuchenherz, welches er immer noch um den Hals trug, stolz in die Höhe.

„Ja, ein Titel wie für dich gemacht“, sagte sie und knuffte ihn in die Seite.

„Hey, das ist Körperverletzung“, alles was er sonst noch hatte sagen wollen, ging in ihrem Gelächter unter.

Nach und nach beruhigten sie sich wieder und genossen wieder die Stimmung der kühlen, ruhigen Nacht. Sie war überrascht, dass Martin, der in der Klinik tatsächlich richtig spießig und bieder wirken konnte, einen fast kindgleichen Humor besaß und über fast alles lachen konnte. Diese Seite von ihm hielt er zumindest im Arbeitsalltag sehr gut unter Verschluss und sie fragte sich ob es der Rummel oder ihre Wenigkeit war, die Martin derart loslassen ließen.

Sie hatte mittlerweile wieder den Kopf wieder an seine Schulter gelegt und ertappte sich dabei wie ihr langsam aber sicher die Augen zu fielen. Dann aber merkte sie, wie Martin vergeblich versuchte ein Zittern zu verbergen und sie setzte sich auf.

„Ist dir kalt?“

„Nein, nein, alles bestens.“

Sie griff nach seiner Hand, die sich tatsächlich kalt anfühlte.

„Du frierst. Wir sollten rein gehen.“

„Wir müssen nicht rein gehen, wenn du nicht möchtest.“

„Ich möchte aber rein gehen, wenn du frierst.“

„Aber...“

Sie legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen, um zu verhindern, dass er sich rausredete.

„Komm“, sagte sie und stand auf.

Martin seufzte und stand ebenfalls auf.

„Na gut“, sagte er und klang beinahe enttäuscht. Ihm schien die nächtliche Idylle genauso gefallen zu haben wie ihr.

Er faltete die Decke zusammen, legte sie über seine Schulter und schaltete die Lichterkette aus. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie zum Haus. Die Fackeln, die er nicht löschte sondern runterbrennen ließ, erleuchteten ihnen schummrig den Weg.

„Das war wirklich eine sehr schöne Idee von dir, Martin.“

„Aber nur fast so schön wie deine Idee mit dem Rummelbesuch“, erwiderte er und schenkte ihr wieder eins dieser strahlenden Lächeln, die sie heute Abend schon so häufig hatte bestaunen können.

An der Haustür ließ er ihre Hand los, um nach dem Haustür-Schlüssel zu suchen. Er zog ihn aus einer seiner Jackentaschen, schloss auf, betätigte den Lichtschalter und trat zur Seite um sie als erstes eintreten zu lassen.

„Hereinspaziert“, sagte er und verbeugte sich dabei theatralisch.

Sie lächelte und trat ein. Das innere des Hauses wirkte ebenso einladend und gemütlich wie der Garten, auch wenn sie es sich ganz anders vorgestellt hatte. Es war zwar alles sehr stilvoll eingerichtet, aber nichts davon trug Martins Handschrift. Als sie ihn dabei beobachtete wie er seine Jacke auszog und an die Garderobe hing, sah er tatsächlich eher wie ein Gast in diesem Haus aus, auch wenn er schon seit ein paar Monaten hier wohnte.

„Du hast es sehr schön und gemütlich hier“, sagte sie, als sie die Kordel des Ballons von ihrem Handgelenk löste, damit sie die Jacke ausziehen konnte. Sofort schnellte der Ballon Richtung Decke. Martin half ihr dabei ihre Jacke auszuziehen.

„Ja, es lässt sich ganz gut leben hier“, sagte er als er auch ihre Jacke an einen Hacken an der Garderobe hängte. „Es ist halt das Haus meines Vaters und von Charlotte. Ich bin nur hier um darauf aufzupassen. Bevor ich hier wieder eingezogen bin, haben Roland und seine Familie gemeinsam mit meinem Vater und Charlotte in diesem Haus gewohnt.“

Das erklärte so einiges, dachte sie während sie Martin dabei beobachtete wie er seine Schuhe auszog. Sie bückte sich um es ihm gleich zu tun.

„Möchtest du was trinken?“, fragte Martin als er sich auf den Weg in die offene Wohnküche machte.

„Ja, gerne“, antwortete sie und trat ebenfalls in den großen offenen Wohnbereich.

Martin verschwand kurz hinter einem der unteren Küchenschränke und tauchte einen Moment später mit zwei Flaschen Wein in der Hand wieder auf.

„Was darf ich dir anbieten? Ein Glas Rotwein? Ich habe auch Weißwein da oder Sekt…“

„Keinen Alkohol für mich. Das verträgt sich nicht mit den Schmerzmitteln. Ein Glas Wasser wäre gut.“

„Oh, entschuldige. Das habe ich ganz vergessen. Tut mir leid.“, sagte Martin und ließ den Kopf hängen. Er sah so aus als würde er sich für seinen Fehltritt innerlich selber ohrfeigen.

„Merkst du was? Wir entschuldigen uns immer noch ständig beieinander“, sagte sie und lächelte ihn an, um ihm zu zeigen, dass er eigentlich nichts falsch gemacht hatte.

Martin musste unweigerlich schmunzeln als er zwei Gläser aus dem Schrank nahm und eine Flasche Wasser öffnete.

„Du brauchst meinetwegen aber nicht auf ein Glas Wein oder Bier verzichten“, sagte Maria als sie sah, dass Martin zwei Gläser mit Wasser füllte.

„Das ist schon in Ordnung“, sagte er, „Alkohol ist ohnehin ungesund.“

Es war wirklich rührend zu sehen, wie sehr er sich um sie bemühte und wie viel Rücksicht er nahm.

„Setz dich ruhig und fühl dich wie Zuhause“, sagte er als er sich mit den beiden Gläsern zur Couch begab.

Sie setzte sich und ließ den Blick noch einmal durch den Raum schweifen, während er die beiden Gläser auf dem Couchtisch abstellte und sich in einen Sessel setzte.

„Hast du den selber gefangen?“, fragte sie ihn, als ihr Blick an einem Bild an der Wand hängen blieb auf dem Martin zu sehen war und stolz einen riesigen Fisch in beiden Händen hielt.

„Ja, das war auf einem Angelausflug zusammen mit meinem Vater.“

Marias Blick blieb auf dem Bild daneben hängen. Darauf war Martin Arm in Arm mit seinem Vater zu sehen. Sie sahen beide sehr glücklich aus.

„Ihr versteht euch wohl sehr gut.“

„Oh ja, sehr gut. Wir waren über viele Jahre ein eingespieltes Team“, sagte Martin lächelnd.

„Vermisst du ihn?“

Martin überlegte einen Moment und rutschte im Sessel unruhig hin und her. Offensichtlich überlegte er wie er das was er fühlte ausdrücken konnte, ohne zu dramatisch oder zu weinerlich zu klingen.

„Ja, ich vermisse ihn. Sehr sogar. Aber ich bin auch froh, dass es ihm und Charlotte auf Teneriffa so gut geht. Und wir telefonieren ja auch häufig. Die Insel liegt zwar nicht gerade um die Ecke, aber sie ist auch nicht aus der Welt. In meinem nächsten Urlaub werde ich sie mal besuchen.“

Sie war froh zu sehen, dass das Lächeln auch bei diesem Thema nicht ganz aus seinem Gesicht gewichen war. Angesichts seiner Situation als alleiniger Hausherr dieses viel zu großen Hauses konnte sie aber verstehen, warum er sein Leben hier als einsam beschrieb. Es sah ganz so aus, als würde nicht nur sie von einer Wohngemeinschaft profitieren. Er war über die Gesellschaft genauso froh wie sie.

„Auf jeden Fall hast du recht gehabt“, sagte sie um das Thema zu wechseln.

„Womit?“, fragte Martin verdutzt.

„Hier ist es tatsächlich gemütlicher als im Hotel“, sagte sie als sie sich in der Couch zurücklehnte und die Arme nach links und rechts ausstreckte.

Martins Lächeln wurde noch ein bisschen breiter.

„Freut mich das zu hören.“

Dass es ein langer Tag gewesen war, merkte sie, als sie sich plötzlich ein Gähnen nicht mehr unterdrücken konnte. Martin war sofort wieder auf den Beinen.

„Ich sollte schnell das Gästezimmer fertig machen gehen.“

„Soll ich dir helfen?“, fragte sie und setzte sich auf.

„Nein, das ist nicht nötig. Bleib ruhig hier sitzen“, sagte Martin und ging zur Treppe, die ins obere Stockwerk und zu den Schlafzimmern führte.

Am Treppenansatz drehte er sich noch einmal um.

„Wenn du willst, kannst du ja mal gucken ob du unter der Couch ein paar Socken von mir findest. Bei der letzten Wäsche haben ein paar gefehlt.“

Lachend stieg er die Treppe nach oben.

Sie lachte still vor sich hin. Es schien so als hätte Martin ihre Unterredung von vor über einer Woche genauso wenig vergessen wie sie. Dass sie ihm unrecht getan hatte, war offensichtlich. Alles war sehr ordentlich und aufgeräumt hier. Muttis Bester eben, dacht sie sich schmunzelnd.

Nach etwa fünfzehn Minuten war Martin wieder da.

„Alles fertig. Du kannst schon einmal nach oben gehen. Dein Zimmer ist gleich das erste rechts, neben der Treppe. Ich komme gleich nach.“

Sie stand auf und stieg die Treppe nach oben um ihr Zimmer zu betreten. Hier würde sie also nächtigen. Auch dieses Zimmer war sehr gemütlich und ordentlich. Martin hatte das Bett frisch bezogen und ihr sogar schon Handtücher hingelegt.

„Und, hast du meine Socken gefunden?“, fragte Martin als er das Zimmer hinter ihr betrat. Er hatte ihren Ballon mitgebracht und hielt einen seiner Pullis und eine dünne Jogginghose in den Händen.

„Das wirst du mir jetzt ewig vorhalten, dass ich dich für einen unordentlichen und mit dem Haushalt überforderten Macho-Kerl gehalten habe, oder?“

„Ja, das hat mich sehr getroffen“, sagte Martin, setzte eine gespielt traurige Miene auf und griff sich mit einer Hand ans Herz.

„Spinner“, sagte sie und legte ihm lachend die Hand auf die Schulter, während er sie angrinste.

„Hier habe ich ein paar Klamotten von mir, in denen du schlafen kannst. Sie werden dir sicher zu groß sein, aber für eine Nacht sollte es gehen“, sagte er und reichte ihr die Sachen, „Das Bad ist im Zimmer gegenüber. Dort habe ich dir schon eine Zahnbürste hingelegt. Ich habe leider kein Duschgel oder Shampoo für dich hier, aber vielleicht…“

Sie legte ihm zum zweiten Mal an diesem Abend den Finger auf den Mund um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Das ist alles sehr lieb von dir, Martin. Du brauchst dir aber nicht so viele Umstände machen. Mir fehlt es an nichts. Bis morgen ist das alles ganz wunderbar und dann hole ich meine Sachen aus dem Hotel.“

„Also bleibst du hier?“

Seine Stimme und sein Blick steckten voller Hoffnung und selbst wenn sie gewollt hätte, hätte sie sein Angebot angesichts dieses Anblicks nicht ablehnen können. Aber sie hatte schon vorhin als sie draußen auf der Bank saßen, beschlossen hier zu bleiben. Martins Gesellschaft tat ihr gut und sie war froh, dass er so hartnäckig gewesen war. Er hat sich um sie bemüht und schien in dieser schweren Zeit tatsächlich so etwas wie ihr Fels in der Brandung zu sein. Er war der Einzige, von dem sie sich verstanden fühlte und sie vertraute ihm.

„Ja, ich bleibe sehr gern.“

Martins Gesicht hellte sich auf. Er schien sehr erleichtert zu sein.

„Na, dann sollte dieses Zimmer schon einmal eine persönliche Note bekommen“, sagte Martin strahlend, ging hinüber Richtung Fenster zu einer Stehlampe. An dieser Lampe befestigte er ihren mit Helium gefüllten Ballon, sodass das fröhliche Affengesicht mitten in das Zimmer lächelte.

„Damit du diesen Abend schönen Abend nicht vergisst“, sagte er als er wieder zurück zu Tür kam. Am Türrahmen blieb er noch einmal stehen. „Na, dann… Gute Nacht! Und wenn was ist… mein Zimmer ist zwei Türen weiter. Weck mich einfach.“

Und er wandte sich zum Gehen. Sie griff nach seiner Hand und hielt ihn auf. Er drehte sich noch einmal zu ihr um und sie umarmte ihn. Martin war für einen kurzen Moment überrascht, legte dann aber ebenfalls beide Arme um sie.

„Danke für den schönen Abend und für alles, was du für mich getan hast.“ Und sie drückte ihn noch fester.

„Hey, mein Herz“, sagte er und deutete nicht etwa auf sein eigenes Herz, sondern auf sein großes Lebkuchenherz, dass er den ganzen Abend nicht für eine Sekunde abgenommen hatte. Wieder mussten sie lachen. Die „Pension zur guten Laune“ schien gut zu funktionieren.

Aber bei all seinen Scherzen bemerkte Martin, dass sie es in diesem Moment eigentlich ernst gemeint hatte und so legte er das Lebkuchenherz ab und nahm sie noch einmal richtig in den Arm.

„Du brauchst dich nicht zu bedanken. Ich habe es gern gemacht“, sagte er und schaute ihr genau in die Augen. Dann ließ er sie los und verschwand mit einem letzten Lächeln und einem „Schlaf gut“ aus dem Zimmer.

Sie wusste nicht genau ob es ihr eigener Impuls war, dass sie ihn gerade so stürmisch umarmt hatte oder ob es ihr kleiner Mitbewohner im Kopf war, der sie dazu gebracht hatte, aber es war auch egal. Es hatte sich richtig angefühlt. Sie setzte sich auf das Bett und ließ sich mit ausgestreckten Armen nach hinten fallen. Bei allem Pech der letzten Wochen und Monate hatte sie heute endlich wieder etwas gefunden, dass sie glücklich gemacht hatte.
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