Einzelne Brüder, einzelne Geschichten

von Livy93
GeschichteRomanze, Familie / P16
Hinata Ema
16.08.2018
19.08.2018
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Iori

Es war der zweite Jahrestag. Vor genau zwei Jahren hatte sie ihn allein gelassen. Und nun stand er vor ihrem Grab. Seine geliebte Fuyuki. Ironischerweise war es das perfekte Wetter für einen Besuch am Friedhof. Es war grau und es regnete sehr stark. Der Himmel war verdeckt von dunklen Wolken, die jeglichen Sonnenstrahl verschluckten. Er war immer noch sauer auf Kaname, dass er ihn davon abgehalten hatte ihr zu folgen damals. Andererseits, verstand er ihn. Das, was er gerade durchmachte… Er wollte nicht, dass seine Familie wegen ihm dasselbe durchstehen müsste. Diese Trauer. Diese Verzweiflung. Und nun, nach diesen zwei Jahren, konnte er wahrlich von sich behaupten, dass er von sich aus leben wollte.

Nicht um Kaname zu beruhigen. Nicht um seiner Familie etwas Schreckliches zu ersparen. Sondern wegen IHR. Sie ist zu seinem neuen Lichtblick geworden. Sofort, als er sie das erste Mal sah, wusste er, dass sie besonders war. Zuerst dachte er sie würde Fuyuki ähneln. Doch je mehr er über sie erfuhr, desto mehr verstand er, dass sie einzigartig war. Sie war die Selbstlosigkeit in Person. Wollte es jedem Recht machen. Würde jederzeit auf ihr eigenes Glück für jemand anderes verzichten. Und sie verstand ihn. Sie akzeptierte ihn so wie er war. Sie fand es in Ordnung, dass er eher still war und für sich allein blieb. Dafür versuchte er immer etwas für sie zu tun. Er bedankte sich bei ihr und munterte sie auf wenn sie traurig war oder Probleme hatte, auf die beste Art die er kannte. In der Blumensprache. Irgendwann bemerkte er, dass seine Gefühle für sie immer mehr heranwuchsen. Erst war sie für ihn eine Fremde. Dann eine Bekannte. Eine Freundin. Und dann eine Schwester. Bis sich sein Herz wie eine Knospe öffnete und daraus Liebe für eine Frau wurde. Heute war er aus einem bestimmten Grund an Fuyukis Grab. Er wollte…

„Iori?“
Ruckartig drehte er sich um. Da stand sie. Etwa sieben Meter von ihm entfernt mit einem blauen Regenschirm in der Hand.
„Ema? Was machst du hier?“, fragte er verdattert.
„Ich habe dich vorhin an der Straße gesehen. Du… Du sahst irgendwie so… Traurig aus. Was ist los? Ist etwas passiert?“
Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
„Es ist nichts passiert. Nur… Würdest du kurz zu mir kommen? Ich würde dich gerne jemanden vorstellen.“
Sie kam zu ihm. Immer noch zierte ein besorgter Blick ihr Gesicht. Doch sie sagte nichts, sondern trat neben ihn und nahm einfach nur seine Hand. Er dagegen drehte sich wieder zu dem Grabstein.
„Das ist das Grab von Fuyuki. Vor ihrem Tod waren wir zusammen. Ich liebte sie und sie liebte mich auch. Wir waren glücklich. Ich dachte wirklich, dass es ewig halten würde. Doch dann starb sie. Es war ein Autounfall. Ein betrunkener Lastwagenfahrer ist von der Straße abgekommen und ist auf den Gehweg in sie hineingerast.“

Ema stand einfach weiter neben ihm. Sie sagte kein Wort, hörte nur zu.
„Ich wollte damals nicht ohne sie sein. Hab versucht mir die Pulsadern aufzuschneiden. Kaname hat mich damals gefunden. Ich war so lange wütend auf ihn. Ich glaube ich werde ihm nie ganz verzeihen können. Aber den Tod von Fuyuki habe ich inzwischen akzeptiert. Und das habe ich dir zu verdanken, Ema.“
Kurz blickte er zu seiner Schwester. Doch sofort blickte er wieder auf den kalten grauen Stein.
„Fuyuki. Ich habe dich damals geliebt und ich liebe dich noch heute. Das wird sich auch niemals ändern. Aber ich habe gelernt weiter zu leben und habe so noch jemanden in mein Herz gelassen. Ema bedeutet mir sehr viel. Ich habe mich in sie verliebt. Du sollst wissen, dass ich dich niemals vergessen werde. Und, dass ich weiß, dass du gewollt hättest, dass ich glücklich werde.“

Nun schaute er wieder zu seiner kleinen Schwester und nahm auch ihre andere Hand in seine. Dabei fiel der Regenschirm zu Boden und sie wurden von den Regentropfen umhüllt.
„Ema, ich weiß, dass ich nicht der Einzige von uns Brüdern bin, der Gefühle für dich entwickelt hat. Und ich weiß, dass du nicht unbedingt das Gleiche für mich empfindest. Oder viel mehr weiß ich nicht was du für mich empfindest.“
Während er redete und nur auf ihre beider Hände starrte, merkte er gar nicht, dass ihr Tränen die Wangen runterliefen. Kein Ton kam über ihre Lippen. Sie hörte weiterhin nur zu…

„Aber ich will dir etwas versprechen. So lange wir beide leben, werde ich für dich da sein. Ich werde dich lieben und alles für dich tun. Ich habe dir damals eine rote Tulpe gegeben. Ich weiß, du dachtest da sei keine Bedeutung dahinter gewesen, doch dem war nicht so. Und heute will ich dir das hier geben.“
Er ließ eine ihrer Hände los und griff in eine große Tüte, die neben ihm lag. Aus der Tüte hole er einen Blumenstrauß hervor. Um genau zu sein war es ein Strauß aus 50 roten Rosen.
„Weißt du, was dieser Strauß bedeutet?“, fragte er flüsternd und trat nun so nah an sie heran, dass außer dem Strauß, nichts mehr zwischen ihnen war.
Schnell zählte sie die Rosen.
„Bedingungslose Liebe und Hingabe.“, flüsterte sie zurück. Sie blickten sich gegenseitig in die Augen.
Während sie den Strauß an sich nahm, nahm er ihr Gesicht in seine Hände. Mit den Daumen wischte er ihre Tränen fort und kam mit seinem Gesicht dem Ihren immer näher.
„Beantwortest du mir eine Frage? Liebst du mich?“

Zur Antwort lächelte sie und hob den Strauß an ihre Lippen, bis sich diese berührten.
Mit einem glücklichen Gesichtsausdruck fing er diese Lippen mit den seinen auf und küsste sie vorsichtig und dennoch leidenschaftlich.
Es war egal, dass sie auf dem Friedhof waren. Es war egal, dass sie es noch ihrer Familie irgendwie erklären mussten. Und es war egal, dass sie von dem dauernden Regen triefendnass waren.
Alles was in diesem Moment zählte war, dass sie sich gegenseitig bedingungslos liebten.



-> zur Erklärung: Will man dem Gegenüber ein "Ja" signalisieren, berührt man die Blüten der geschenkten Blumen mit den Lippen. Das heißt natürlich, dass Ema Ioris Frage mit "Ja" beantwortet hat.
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