Nähe und Schweigen

von -Rhea-
GeschichteSchmerz/Trost / P12 Slash
Hugh Culber Paul Stamets
13.08.2018
13.08.2018
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Hugh Culber lag mit weit geöffneten Augen in seinem Bett.
Im Quartier war es dunkel, bis auf einen schmalen Streifen Licht, der unter der Badezimmertür durchschien. Er war aufgewacht, als sein Partner das Bett überstürzt verlassen hatte. Er wollte warten, bis er zurückkam, doch Paul kam nicht.
Stamets schlief nicht mehr gut seit dem Unglück auf der Glenn und wer konnte es ihm verübeln?
Er hatte seinen einzigen, langjährigen Freund verloren und Lorca?
Lorca hatte ihn gezwungen, Straals Sachen zu durchwühlen und herauszufinden, wozu sie gut waren, ohne ihm Zeit zu geben, das zu verarbeiten. Und Paul war selbstverständlich einverstanden. Er würde jede Gelegenheit nutzen, sich nicht mit seinen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen. Die Arbeit stand inzwischen vor allem, selbst ärztliche Anweisungen waren herabgestuft worden.

Diese Situation lief allmählich aus dem Ruder und Hugh stellte entsetzt fest, dass sich langsam ein Art Hassgefühl in seinem sonst so friedlichen Geist ausbreitete. Eine unglaubliche Wut auf die Situation, in der sie sich befanden. Es sollte nicht so sein, dass Tag für Tag Freunde und Feinde starben und jeder so weitermachte, als wäre nichts geschehen. Es war unmenschlich, die Besatzung nicht trauern zu lassen. Doch so war er, der Krieg. Und wenn er an Lorca dachte, machte sich ein ungutes Gefühl in Hughs Magen breit. Wie viele würden noch gehen, bevor der Soldat seinen Blutrausch beendete?

Die Trauer hatte seinen Partner eingeholt und er sah, wie es ihm Tag für Tag schlechter ging. Vermischt mit den körperlichen Strapazen, die die Sprünge mit sich brachten fragte sich der Mediziner immer häufiger, ob es den Captain überhaupt kümmern würde, wenn Paul eines Tages einfach zusammenbrach, oder ob er sich ein neues Verschleißobjekt aussuchen würde. Sicher würde er eines finden, in seiner Besessenheit für den Krieg stand er nicht alleine auf diesem Schiff.

Hugh spähte hinüber zur Tür.
Paul war seit über zwanzig Minuten fort. Laut seinem Wecker war es vier Uhr morgens. Seufzend stand er auf und ging hinüber zur Tür.
„Paul?“, fragte er leise, doch er erhielt keine Antwort.
Er öffnete vorsichtig die Tür und sah seinen Partner am Waschbecken stehen, die Hände darauf abgestützt und den Kopf gesenkt. Die weißblonden Haare klebten ihm am Kopf und er zitterte leicht. Hugh betrat den Raum, es stach ihm ins Herz ihn so dastehen zu sehen, kaum noch die Kraft aufbringend, gerade zu stehen.

„Paul…Baby. Bitte. Sieh mich an.“
Stamets hob den Kopf und blickte in den Spiegel. Seine Haut war gerötet, doch darunter wirkte sie kränklich weiß. Die stechend blauen Augen waren geschwollen und hatten einen verzweifelten Ausdruck angenommen, der in den letzten Tagen einfach nicht mehr verschwinden wollte.
Hugh wusste, Paul würde nichts sagen.Er sprach nie in solchen Situationen.
Er konnte nicht.
Doch er musste auch nicht.

Hugh näherte sich ihm, fuhr mit der Handfläche sanft über Pauls Rücken bis hoch in die weißblonden Haare. Er war kalt, doch die Haut schweißnass. Der blonde Mann wandte sich ihm zu, sah ihm kurz in die Augen. Es genügte um seine Trauer zu offenbaren, seine Verzweiflung. Gefühle, die sonst hinter einer dicken Mauer aus Eis und Zynismus verborgen lagen, was vielleicht auch der Grund war, weshalb Lorca den Mykologen so sehr in Anspruch nahm.
Niemand, der Paul so sehen würde, wie er jetzt hier stand, beinahe unter seiner Last zusammenbrechend, würde ihn weiter arbeiten lassen.

Stamets schloss die Augen, beugte sich dann dem Druck der dunklen Finger in seinem Nacken und legte seine kalte, schweißnasse Stirn auf Hughs warmer Schulter ab.
Eine Geste, die niemand außer dem Latino je zu Gesicht bekam. Etwas, dass man dem misanthropisch anmutenden Mann nicht zutrauen würde.

Hugh griff nach seiner klammen Hand.
„Komm mit ins Bett, bitte. Du bist eiskalt.“
Keine Antwort, natürlich nicht.
Doch Paul folgte ihm zurück in ihr dunkles Schlafzimmer und legte sich hin, den Blick zur Decke gerichtet. Hugh setzte sich neben ihn, zog die Decke über sie beide und strich mit seinen Fingern durch Pauls zerwühlte Haare. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sein geliebter, zynischer, verbohrter und so unglaublich wundervoller Paul zurückkommen würde, um das verletzte Bündel aus Trauer und Schmerz zu vertreiben, dem dieser Mensch zum Opfer gefallen war.

Er legte sich vorsichtig neben seinen bleichen Partner, schlang einen Arm um ihn und zog ihn nah zu sich. Er wusste, die Wärme würde ihn beruhigen, das war immer so. Und dennoch. Wie lange würde sie noch helfen?

Er lag da, hellwach, doch so vergraben in seine verbitterten Gedanken, dass er nicht bemerkte, wie Paul sich in seinen Armen umdrehte. Die hellen Augen sahen ihn forschend an. Hier in der Dunkelheit wirkten sie weniger kränklich.
„Du machst dir Sorgen“, stellte er mit rauer Stimme fest, die Hugh aus seinen Gedanken holte.„Natürlich mache ich mir Sorgen. Wie könnte ich nicht?“
Hughs Blick wanderte über die abgespannt wirkende Erscheinung seines Partners und landete schließlich wieder in den weit geöffneten Augen.
„Das musst du nicht.“
„Ach nein? Warum nicht?“, fragte Hugh und seufzte innerlich. Paul hatte in den letzten Wochen dutzende medizinische Gutachten ignoriert und irgendwelche wissenschaftlichen Tatsachen verdreht, um nicht mit seiner Arbeit aufzuhören. Das Wort „ungefährlich“ war öfter als einmal Gefallen und aus den verschiedenen Varianten von „mir fehlt nichts“ könnte der Mediziner einen Roman verfassen.
Was würde es diesmal sein?

„Ich habe dich“, antwortete Paul und schloss die Augen.
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