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日本の夢 (Nihon no yume) - Okumuras Reisen zu den Grenzen des Vorstellbaren | Teil 6 - Zwischen den Welten

von Odras
GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P12 / Gen
OC (Own Character)
13.08.2018
18.07.2019
31
32.746
 
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13.08.2018 797
 
Mittwoch, 9. Februar 1921

Diffuse Restfragmente einer nächtlichen Traumreise wirbeln verirrt in meinem Bewusstsein umher. Ein Wesen von der Gestalt einer Frau mit dem Kopf einer Katze erschien mir in einem ansonsten immateriellen Raum. Ein unterschwelliger Ton, den ich mehr mit meinem Leib denn mit meinen Ohren wahrnehme, durchdringt mich und alles um mich herum: Phauz. Phauz. Phauz. Aus irgendeinem Grund glaube ich zu wissen, dass das ihr Name ist.

“Die Hyperboreaner dienten mir, Äonen bevor Bastet in diese Welt trat”, sprach sie, an mehr kann ich mich nicht erinnern.

Es ist halb zwölf, als ich die erste Mahlzeit meines Tages zu mir nehme. Babette ist bereits geschäftig mit der Vorbereitung des Mittagessens befasst und wundert sich ein wenig, dass es mir erst jetzt nach einem Frühstück beliebt. Ich tausche mit ihr ein paar Worte auf Französisch, belangloser Smalltalk, zu mehr reichen meine Sprachkenntnisse nicht aus.

Mycroft hat den Vormittag genutzt, um dem Hügelgrab in der Nähe des Chat Noir einen Besuch abgestattet. In der Zeitung hatten wir gelesen, dass die Kuppel auf bisher unbekannte Weise entfernt wurde. Bis auf ein paar Gebeine wurde aber nichts aus dem Grab mitgenommen. Wirklich erkenntnisbringend war dieser Ausflug allerdings nicht. Gemeinsam statten wir dem Hügelgrab nach dem Mittagessen einen weiteren Besuch ab. Ich will mir das Ganze auch noch einmal selbst ansehen. Die Spuren, die wir vorfinden, deuten darauf hin, dass ein großes Tier oder Wesen hier am Werke war, das auf vier Beinen läuft. Tiefe Wesen können es nicht gewesen sein, dafür sind die Abdrücke zu mächtig. Ebenso können wir ausschließen, dass hier Hunde am Werk waren. Dagegen spricht auch, dass zu der Grabstelle keine Spuren hin oder wieder fort führen, als sei das Geschöpf geflogen. Es wirkt insgesamt sehr seltsam.

Am Nachmittag begleite ich Mycroft bei seinem Besuch bei Fremont. Der Welpe ist inzwischen zu einem stattlichen Jungtier herangewachsen und gut erzogen. Fremont empfiehlt Mycroft, etwas Zeit mit dem Hund zu verbringen, bevor er ihn mit nach England nimmt und gibt ihm ein paar hilfreiche Ratschläge zur Hundeerziehung. Mein Freund hört ihm aufmerksam zu.

Der junge Dobermann und Mycroft sind einander sehr zugetan. Spielerisch machen sie sich miteinander vertraut. “Ich werde dich Cassilda nennen”, sagt Mycroft. Fremont guckt skeptisch. “Das ist aber ein Rüde”, wirft er ein.
“Tamino wäre doch ein guter Name”, schlage ich in Anlehnung an den Prinzen mit der gelben Flöte aus der Geschichte der Königin der Nacht vor. Mycroft gefällt diese Idee.

Wir machen einen ausgiebigen Spaziergang mit Tamino. Als wir zurück sind, lädt Mycroft Fremont ein, mit nach England zu reisen – selbstverständlich auf seine Kosten – um ihn dort noch für eine gewisse Zeit bei der Ausbildung des Hundes zu unterstützen. Fremont stellt Bedingungen: Kost, Logis sowie einen anständigen Tagessatz. Mycroft lässt sich ohne zu verhandeln auf diese Ansprüche ein. Am zwölften, in drei Tagen also, soll es zurück auf die Insel gehen.

Als ich mich nach dem Abendessen meinem Training widme, bekundet Mycroft sein Interesse an einer gemeinsamen Übung. Nachdem wir uns mit der zigfachen Wiederholung der Grundschläge und -positionen aufgewärmt haben, lassen wir das Los entscheiden, wer von uns den ersten Angriff führt. Das Schicksal wählt mich. Ich kenne Mycrofts Geschick, meinen Attacken auszuweichen, daher will ich heute etwas Neues versuchen. Das Manöver wäre auch gelungen, hätte mir nicht eine tückisch verschneite Eispfütze einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als ich gerade einen geführten Scheinangriff in eine tatsächliche Offensive verwandeln will, verliere ich den Halt unter meinen Füßen. Noch während des Fallens schütze ich mit meinen Armen intuitiv meinen Kopf. Die größte Wucht des Aufpralls fängt mein linker Ellenbogen ab, mit unangenehmen Folgen.
“Ist alles in Ordnung?”, fragt Mycroft besorgt.
“Das weiß ich selbst noch nicht”, antworte ich wahrheitsgemäß. Ein heftiger, stechender Schmerz durchfährt mich bis ins Mark, als ich vorsichtig versuche, meinen linken Arm zu belasten.
“Verdammt”, fluche ich, während ich nun meinen rechten Arm benutze, um mich aufzurappeln, “das fühlt sich nicht gut an…”

Mycroft untersucht meinen Arm. Es scheint nichts gebrochen zu sein, aber ich werde ihn eine Weile nicht benutzen können. Mycroft sammelt die Waffen ein und gemeinsam begeben wir uns ins Haus.

Ich bin etwas frustriert ob der misslichen Umstände, daher kommt der Gin, den mein Freund mir anbietet gerade recht. Wir verbringen den Abend nun anders als geplant, trinkend und rauchend bei langen Gesprächen. Ich erzähle von meinem Traum, in dem mir die katzenhafte Entität Phauz erschien. Ich bin ratlos, was die Bedeutung dieses Traums betrifft. Warum sucht sie den Kontakt zu mir? Steht sie in Verbindung zu meiner Königin und wenn ja, wie? Ich kann es noch nicht sagen.

Als Mycroft zu Bett gegangen ist, ziehe ich mich mit einem Französisch-Wörterbuch und einem Gedichtband zurück, um mir die Poesie französischer Lyrik zu erschliessen, was mir aber ob der fremdartigen Metaphorik nur bedingt gelingt.
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