Facing waves

OneshotDrama, Angst / P16
zitternder Soldat
11.08.2018
11.08.2018
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Disclaimer: Ich kenne keinen der vorkommenden Prominenten persönlich, habe keinerlei Rechte an ihnen oder an sonst irgendwas, das mit ihnen zusammenhängt, und selbstverständlich verdiene ich mit dieser Geschichte kein Geld. Was es hier zu lesen gibt, ist Fiktion und basiert demzufolge auch nicht auf irgendwelchen realen Ereignissen.

English Version: I do not own anyone, this is purely fictional. If you got here by googling yourself please I urge you go back now!

A/N: Hier kommt schon der zehnte Oneshot in meiner kleinen Kurzgeschichten-und-Drabble-Reihe zu Christopher Nolans Film Dunkirk.
Die neunte Kurzgeschichte findet ihr bei Interesse hier: You should be at home
Hier haben wir es, wie schon im achten Onehot, The tide is turning now, mit einem der namenlosen Charaktere des Filmes zu tun. Der im Englischen als Shivering Soldier bezeichnete Charakter wird von Cillian Murphy verkörpert.

Ihr wisst ja, Reviews und Sternchen sind das Brot des Fanfictionautors – lasst mich bitte nicht hungern!






Facing waves


Feucht.

Nass.

Kalt.

Windig.

Wellen und Böen zerrten an ihm, drückten ihn unter Wasser, tiefer ins graue Nichts unter der Oberfläche. Er wollte sich wehren, wollte nicht ertrinken, nicht… Das Gewicht der vollgesogenen Uniform und die Wolldecke, die er mit dem Gürtel daran befestigt hatte, um sie nicht zu verlieren, zogen ihn nach unten und er hatte nicht mehr genug Kraft, um… Die nächste Woge trieb ihn gegen etwas Hartes, der Aufprall war schmerzhaft, ließ ihn nach Luft schnappen und Salzwasser schlucken, ehe er erneut gegen den Widerstand gedrückt wurde und daran nach oben.

Einmal.

Ein zweites.

Auch noch ein drittes.

Instinktiv warf er beide Arme nach vorne, wusste nicht, woher er so plötzlich noch die Kraft dafür nahm und auch nicht, wie er sie aufrecht erhalten konnte, um sich an dem kalten, nassen Ding im Meer nach oben zu ziehen, und dort blieb er liegen, bäuchlings, nach Luft ringend und mit einem Klingeln in den Ohren, das ihn taub für alles andere machte und doch… Er hatte keine Kraft, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, nicht jetzt, wo es überhaupt nicht wichtig war, ob er etwas hörte. Wichtig war nur, dass… Das graue Wasser leckte mit jeder Woge noch an seinen Stiefeln, aber er bot ihm nicht mehr genug Angriffsfläche, damit es ihn hinab in die Tiefe und bis auf den Grund ziehen konnte, wie es das mit all den anderen getan hatte, die… Husten krümmte seinen Körper, riss schmerzhaft in seiner Brust, bis er Wasser spuckte, sich vielleicht auch erbrach. Er wusste es nicht. Es rann sauer aus seinem Mund, wieder und wieder, würgen, spucken, husten; und trotzdem… trotzdem gelang es ihm irgendwie, höher hinauf zu kriechen, jedes Mal, wenn der Husten und das Würgen seinen Körper krümmten, als sei er eine Raupe, die…

Er wusste nicht, wie lange es so ging, nur, dass er irgendwann so weit oben angekommen war, dass das Wasser nicht mehr an ihn heranreichte. Was blieb, war der Wind, der sich unbarmherzig durch die nasse Uniform in seine Haut biss. Unbarmherzig. Unablässig. Zeitlos.

Zeitlos.

Bis es ihm irgendwann gelang, sich auf den Rücken zu drehen. Salzverkrustet waren seine Wimpern, ließen kaum zu, dass er die Augen öffnete. Es gelang erst, nachdem er mit dem immer noch feuchten Ärmel darüber gerieben hatte, nichtsdestotrotz musste er gegen das Brennen des Salzes in seinen Augen ankämpfen, kam soweit, dass in seinen Verstand die Erkenntnis tröpfelte, dass die Nacht sich über den Kanal gesenkt hatte; und mit der Erkenntnis kam der Hustenreiz zurück, zwang ihn unvermittelt und instinktiv nach oben. Ganz so, als wüsste sein Körper, was zu tun sei, dass er hier nicht länger herumliegen konnte, wenn er nicht… Wenn er nicht was? Doch diesmal erbrach er nichts, nur der abstoßende Geschmack in seinem Mund blieb, gepaart mit unsäglichem Durst, der selbst das nagende Hungergefühl in den Schatten stellte.

Er war verloren.

Und er wusste es.

Nein, ein Teil von ihm wusste es.

Ein anderer Teil zwang ihn schließlich, die Decke vom Gürtel zu lösen, sich ganz in den feuchten Wollstoff einzuhüllen, um sich etwas besser vor dem Wind zu schützen und…

Die Vernunft in ihm spottete, dass es ohnehin zwecklos sei, dass er hier draußen erfrieren würde, früher oder später, ganz gleich, wie begrenzt der Kanal im Vergleich zu anderen Teilen der Nordsee und des Atlantiks war. Das war keine Garantie dafür, dass man ihn fand.
Es gab keine Garantie auf Rettung und selbst wenn… Seine Chancen standen Fünfzig zu Fünfzig, dass es wirklich eine Rettung sein würde. Die Deutschen waren hier. Es war eines ihrer U-Boote gewesen, dass…

Vielleicht war es gnädiger, gar nicht gerettet zu werden anstatt dem Feind in die Hände zu fallen. Verloren wäre er so oder so. Es würde keinen nennenswerten Unterschied machen. Frau und Kinder würde er in beiden Fällen nicht wiedersehen. Niemals… Seine Finger krallten sich in den Wollstoff, zogen ihn fester, während er die Augen schloss. Frau und Kinder…

Frau und Kinder…

Frau und Kinder…

Er hätte nicht gehen dürfen. Niemals.

Er hätte nicht gehen sollen. Niemals.

Er hatte gehen müssen.

Sie brauchten das Geld und die Army zahlte besser, zahlte genug, damit sie etwas zurücklegen konnten, nicht nur für schlechte Zeiten, sondern auch für die Kinder und für den Gemischtwarenladen, den sie daheim eröffnen wollten, in dem Dorf, aus dem seine Frau kam. Weil es dort keinen mehr gab, seit…

Seit…

Es spielte keine Rolle mehr, dämmerte ihm. Nichts spielte mehr eine Rolle. Er würde hier draußen umkommen. Um ihn herum tobte der Krieg und die Navy würde kein Schiff suchen, das als versenkt galt. Sie würden auch keines schicken, um nach Überlebenden zu suchen, nicht unter den gegebenen Umständen, nicht wenn sie dabei waren, tausende Männer vom Festland zu evakuieren.

Wenn er doch nur sein Gewehr noch hätte…

Sein Gewehr…

Er könnte allem so schnell ein Ende setzen…

Der Hoffnungslosigkeit.

Dem Wind.

Der Kälte.

Der Angst.

Es wäre so einfach.

Es würde schnell gehen.

Er hatte es selbst gesehen.

Ein Schuss. Eine Kugel. So viele seiner Kameraden waren gefallen. Einfach so. Von einer Sekunde zur nächsten war es vorbei, war ein weiteres Leben ausgelöscht worden – und ihm war ausgerechnet das verwehrt!

Er war dazu verdammt, hier zu kauern, bis das Schicksal meinte, es sei an der Zeit für Erlösung – und er wusste, dass das Schicksal grausam war. Wäre es anders, hätte es ihn doch nicht verschont, nur um ihn hier noch länger auf das Unausweichliche warten zu lassen!

Er sah nicht, dass es hinter den grauen Wolkendecke wieder heller wurde, dass dahinter die Sonne aufging und ein neuer Tag anbrach, denn er hatte den Kopf auf die Knie gelegt, das Gesicht in die Decke gepresst. Er wollte nichts sehen und auch nichts mehr hören, obwohl das Klingeln in seinen Ohren mittlerweile nachgelassen hatte. Doch das Schlagen der Wellen, ihr Plätschern und Lecken am Schiffsrumpf schien ihn in den Wahnsinn treiben zu wollen, ließ ihn sich nur noch mehr nach seinem Gewehr sehnen und nach…

Stimmen.

Da waren Stimmen.

Und ein anderes Motorengeräusch.

Beides übertönte Wind und Wellen und…

Ungläubig hob er den Kopf.

Konnte es wirklich sein, dass…

Das erste, was er sah, war die Blue Ensign – ein Stück der Heimat.



***

Bei Interesse findet ihr den elften Oneshot hier: Where's the bloody Air Force?
Inspired by: Review zu diesem Oneshot hier
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