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Benjis Fall

OneshotDrama, Freundschaft / P12
Benjamin "Benji" Dunn Ethan Hunt Ilsa Faust Julia Meade-Hunt Luther Stickell Solomon Lane
11.08.2018
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Benjis Fall

Das ratschende Geräusch der zerbrochenen Flasche über das Seil ertönt ungeheuer laut in Benjis Ohren. Verzweifelt versucht er es zu durchschneiden, doch mit jeder Sekunde, die vergeht, wird dies schwerer. Kein Wunder, wenn keine neue Luft in seine Lungen dringt und sich das Blut im Kopf staut. Jener fühlt sich an, als würde er gleich platzen. Immer häufiger verfehlt er das Seil und, obwohl ihn dies beunruhigen sollte, registriert sein unterversorgtes Gehirn diesen Umstand nicht wirklich. Das Ratschen verschwindet, genau wie das Rauschen seines Blutes in seinem Ohr. Es ertönt ein leises Klirren. Doch Benji bemerkt es nicht mehr. Er spürt überhaupt nichts mehr. Stolpernd kommt sein Herz zum Stehen.

Verzweifelt wirft Ilsa einen Blick zu Benji, der leblos an dem Seil hängt. Sie wirft erneut einen Blick hinunter auf Lane, dessen Lider langsam zufallen. Allerdings nicht schnell genug. Schwach zieht er noch an ihren Hände, doch viel richtet er damit nicht aus. Die Zeit rennt davon. Einerseits für Benji, andererseits für die Bombe. Und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, erschlafft Solomon Lane.
Sofort springt Ilsa auf, schnappt sich eine Scherbe der zerbrochenen Flasche und zertrennt das Seil, welches Benjis Füße vom Boden trennt. Hart kommt jener neben Lane auf den hölzernen Dielen auf. Für einen kurzen Moment glaubt Ilsa, dass er sogleich aufspringen und „Das war aber knapp!“ rufen würde, doch dies geschieht nicht. Eilig kniet sie sich neben ihn, entfernt das Seil und dreht in auf den Rücken. Sie hält ihren Kopf dicht über sein Gesicht, doch, wie erwartet, spürt sie weder seinen Atem, noch sieht sie das Heben oder Senken seines Brustkorbes. Benji ist tot.
„Oh Benji.“
Ilsa tut es in der Seele weh, wenn sie daran denkt, was sie gleich tun muss. Ihr Blick wandert von Benjis reglosem Gesicht, zu Lanes bewusstlosen Körper, hin zu der Bombe, die ein Drittel der Welt vernichten könnte.
„Verzeih mir.“
Sie springt auf und schnappt sich den Rest des Seils, welches Lane an einem der Stützträger angebunden hatte. Sie fesselt eben jenen mit dem Seil, bevor sie sich neben die Bombe kniet. Sie wirft einen letzten Blick auf Benji, bevor sie ihm vollends den Rücken zudreht.
„Luther, was muss ich tun?“
Gewissenhaft folgt sie den Anweisungen mit sicheren Händen. Beim gleichzeitigen Zerschneiden der beiden Drähte hat sie zwar etwas ihre Probleme, doch ansonsten schafft sie es fehlerfrei. Zum Glück, sonst wäre sie tot.
„Ich sehe den grünen Draht“, sagt sie erleichtert.
„Das bringt uns nichts, solange Ethan den Zünder nicht hat.“
„Und woher wissen wir, dass er ihn hat?“
Von der anderen Seite der Leitung ertönt Stille.
„Wir sollten die Drähte kurz vor dem Ablaufen der Zeit durchtrennen. Entweder hat Ethan den Zünder oder …“
„Wir sind sowieso tot“, vervollständigt Ilsa. „Auf eins?“
„Auf eins“, bestätigt Luther.
Dem Atem anhaltend verfolgt Ilsa, wie die Uhr der Bombe langsam abläuft. Leise zählt sie in ihrem Inneren mit. Als die Uhr zwei zeigt, bewegen sich ihre Finger und punktgenau auf eins zertrennt die Zange den giftgrünen Draht.
Langsam öffnet sie ihre Augen, von welchen sie nicht einmal wusste, dass sie jene geschlossen hatte. Sie lässt die Zange fallen und fängt mit zitternden Händen den Plutoniumkern auf, der nun aus seiner Fassung fällt.
„Er hat es geschafft“, flüstert sie leise.
Neben ihr schreit Lane, der inzwischen sein Bewusstsein wiedererlangt hatte, laut auf. Ilsa ignoriert es. Jetzt, wo die Welt wieder einmal gerettet ist, kann sie beginnen Benji zu retten.
„Luther! Ich brauche hier sofort medizinische Unterstützung.“ Kaum, dass sie in Reichweite zu Benji ist, beginnt sie die Herzdruckmassage. „Ich bin in einem Haus im Dorf. Es ist das links außen.“
Sie hört zwar keine Antwort mehr, doch sie ist sich sicher, dass sich der Amerikaner in Bewegung versetzt hat.
„Du kannst ihn nicht mehr retten. Nichts kann das mehr.“ Hysterisch lacht Lane hinter ihr auf. „Die Bombe ist vielleicht gestoppt, doch sein Herz ebenso.“
Ilsa ignoriert ihn. Zumindest so gut es geht. Denn ein nagendes Gefühl in ihrem Herzen sagt ihr, dass er womöglich recht hat.
„Komm schon Benji. Nicht sterben.“ Sie lehnt sich runter, um zweimal für ihn zu atmen. „Wie soll ich das nur Ethan erklären?“
Doch Benji erhört ihr Flehen nicht. Wie lange war er ohne Sauerstoff? Drei Minuten? Unbeirrt setzt Ilsa ihre Wiederbelebungsversuche fort, doch sie schafft es nicht, Benjis Körper Leben einzuhauchen.
Das Getrappel mehrerer Fußpaare lässt sie aufschauen. Die schäbige Tür springt auf und hindurch kommt Luther, die Waffe im Anschlag. Als sein Blick auf Ilsa trifft, tritt er einen Schritt beiseite. Sofort kommt Julia auf sie zu, dicht gefolgt von Patrick.
„Was ist geschehen?“
„Er hat ihn aufgehängt.“
Jetzt fällt Julias Blick auf das Seil, welches neben Benjis Kopf liegt.
„Wie lange atmet er nicht mehr?“, fragt sie, während sie ihre Tasche abstellt und einige Gerätschaften daraus entnimmt.
„Seit etwa drei Minuten.“
Patrick setzt sich hinter Benjis Kopf und nimmt Julia das Laryngoskop und den Tubus ab, welche diese ihm reicht. Geschickt legt er jenen in die Luftröhre. Während er prüft, ob der Tubus in der richtigen Lage ist, startet Julia den Defibrillator und klebt die beiden Elektroden an die dafür vorgesehenen Orte. Patrick nickt zufrieden und befestigt den Beatmungsbeutel. Julia nimmt ihm diesen ab, während Patrick auf die Anzeige des Gerätes sieht.
„Asystolie“, verkündet er.
„Luther.“ Sofort folgt der große Mann, der bis dahin das Geschehen still verfolgt hatte, dem Ruf von Julia. „Nimm mir den Beutel ab. Nicht zu schnell drücken. Etwa aller drei Sekunden. Achte auf deine eigene Atmung.“
Sie übergibt Luther den Beatmungsbeutel, bevor sie zu ihrem Mann rutscht, welcher dabei ist einen Zugang zu legen.
„Zieh eine Ampulle Adrenalin auf.“
Doch Julia ist längst dabei und kaum, dass die Flexüle liegt, spritzt Patrick das Medikament. Er wirft einen Blick auf Ilsa. Sanft, aber bestimmt, schiebt er ihre Hände beiseite und übernimmt die Herzdruckmassage. Der Frau ist kein Vorwurf zu machen. Nach fünf Minuten Herzdruckmassage lässt die Ausdauer irgendwann nach.
Geschafft lässt sich Ilsa auf ihre Fersen sinken. Benji ist unter den ganzen Händen und Drähten überhaupt nicht mehr zu erkennen. Vielleicht ist das auch besser so. Dann kann sie sich vorstellen, dass es irgendjemand anderes ist und nicht der lustige Brite. Luther scheint es ähnlich zu gehen, denn er sieht überall hin, nur nicht auf das Benjis Gesicht. Plötzlich ertönt Julias Stimme.
„Kammerflimmern!“
„Alle weg.“
Patrick versichert sich, dass keiner seinen Patienten berührt, bevor er den Defibrillator auslöst. Der Körper des Mannes zuckt kurz, bevor er wieder zu Boden sackt.
„Nichts“, sagt er, bevor er wieder mit der Reanimation beginnt.
Geduldig wartet er ab, bis der Defibrillator geladen ist, bevor er ihn erneut auslöst. Dieses Ritual führen sie noch dreimal aus, bevor das Herz, dass sich so lange geweigert hatte, anfängt zu schlagen. Schwach und unregelmäßig, doch es schlägt.
„Ich brauche die Trage.“
Augenblicklich verschwindet Julia aus dem Haus, nur um wenige Sekunden später mit dem geforderten Stück zurückzukehren. Sie legt sie neben Benji auf den Boden und mit vereinten Kräften heben sie jenen vorsichtig auf die Trage. Sie nimmt Luther den Beatmungsbeutel wieder ab, damit jener mit Patrick die Trage zu den Zelten tragen kann. Ilsa zerrt Lane auf die Füße und folgt dem kleinen Trupp.

„Du hättest mir nicht folgen sollen.“
„Aber du hattest meine Hilfe gebraucht.“
„Du weißt nicht, in welche Gefahr du dich begeben hast. Ich will dich nicht mit hineinziehen.“
„Aber wenn du in Gefahr bist, ist das in Ordnung?“ Ein genervtes Stöhnen. „Hey! Ich verstehe, dass es einen Teil deiner Vergangenheit gibt, den du mir nicht erzählen willst. Und das akzeptiere ich. Doch jetzt teilen wir unser Leben. Und ich lasse dich definitiv nicht allein.“
„Das weiß ich.“
Es folgt eine lange Pause.
„Verrätst du mir jetzt, wer diese Leute sind.“
Ein dumpfer Schlag ertönt.
„Aua!“
„Ich habe dir gesagt, dass du nicht nachfragen sollst.“
„Okay, okay. Ich lasse es.“
„Er hat sich gerade bewegt.“
Sofort ertönten Schritte, die sich ihm nähern. Eine warme Hand legt sich auf die seine.
„Ethan. Kannst du mich hören? Ethan!“
Ein Stöhnen entweicht ihm. Die Stimme soll verschwinden. Er ist viel zu müde, um die Augen zu öffnen. Doch die Stimme lässt nicht nach.
„Ethan.“
Ihm wird bewusst, wessen Stimme zu ihm spricht. Es ist Julia. Angestrengt versucht er die Lider zu öffnen. Schlagartig weicht die Dunkelheit einem gellenden Weiß.
„Gott sei Dank!“
„Julia?“
Langsam stellt sich das verschwommene Bild der Frau, die er einmal Ehefrau nannte, scharf. In ihren Augen sieht er nichts, außer der puren Erleichterung. Ethan versucht sich aufzusetzen, doch jenes Vorhaben wird sobald durch einen stechenden Schmerz im Brustkorb unterbrochen.
„Vorsichtig.“
„Sie können froh sein, dass Ihre Freundin Sie so schnell gefunden hatte“, meldet sich jetzt Patrick. „Sonst wären Sie erfroren.“
„Freundin?“
Ethan folgt Julias Blick, welche sich umgedreht hat und zur Tür sieht. An dieser steht Sloane, welche ihm kurz zunickt. Neben ihr sieht er Ilsa und Luther. Nachdenklich runzelt sich Ethans Stirn, doch als er keine Erklärung findet, fragt er nach.
„Wo ist Benji?“
Die Stille, welche sich im Zelt breitmacht, ist mehr als unangenehm, sodass sich Ethan animiert sieht, seine Frage zu wiederholen. Ilsa tritt nun vor und Julia macht ihr Platz.
„Ethan“, setzt sie an, während sie seine Hand nimmt. Dies beunruhigt ihn noch mehr, als die Stille. Zwei Frauen, die in so kurzer Zeit seine Hand halten, kann nichts Gutes bedeuten. „Nachdem du weggeflogen bist, haben Benji und ich die zweite Bombe gesucht. Kurz darauf haben wir uns getrennt und schlussendlich lieferten Lane und ich uns einen Kampf. Er fesselte mich und als mich Benji fand, hatte er sich auf ihn gestürzt. Er legt einen Strick um seinen Hals und hängte ihm am Querbalken auf.“ Ilsa stockt. Ob die Nachricht sacken zu lassen, oder um ihre Gedanken zu ordnen vermag Ethan nicht zu sagen. Er weiß momentan nicht, woraufhin die Erzählung hinausläuft, doch soweit er es überblicken kann, ist sein Freund schwer verletzt. Oder Schlimmeres. Zum Glück fährt Ilsa in diesem Moment fort. „Irgendwann konnte ich Lane überwältigen, doch Benji atmete nicht mehr. Ich musste erst die Bombe entschärfen und danach konnte ich mich erst um ihn kümmern. Ich habe es nicht geschafft ihn wiederzubeleben, aber Julia und Patrick haben es schließlich geschafft.“
Ilsas Bericht endet. Verwirrt blickt sich Ethan erneut um.
„Und wo ist er?“
„Im Nachbarzelt.“
Erneut beginnt Ethan sich aufzusetzen.
„Was wird das?“, fragt Julia mit zusammengekniffenen Augenbrauen, während sie sich vor ihm aufbaut.
„Ich muss zu ihm.“
„Du kannst nicht einmal atmen, ohne Schmerzen zu empfinden. Wie willst du bis dahin laufen?“
„Ich werde es schaffen.“
„Daran zweifle ich nicht. Bei deinen Rippen mache ich mir allerdings Sorgen.“
„Ich trage ihn.“
Sofort kommt Luther näher, um sein Angebot zu unterstreichen.
„Oh nein, das tust du nicht.“
„So oder gar nicht“, schaltet sich jetzt auch Ilsa ein.
Ethan lässt seinen Blick über die Drei schweifen, bevor er leise grummelt und sich ergebend die Hände in die Luft wirft. Allerdings nicht sehr hoch, um die Rippen zu schonen. Luther fährt mit seinen Armen unter seine Knie und hinter seinen Rücken. Behutsam hebt er ihn hoch, während Ethan seine Arme um dessen Hals legt. Wie eine Dame in Nöten lässt er sich fünfzig Meter ins Nachbarzelt tragen, um im Stuhl, der neben dem einzigen Bett steht, abgesetzt zu werden.
Für einen kurzen Moment ist die Maschine, welche Benji beatmet, der einzige Verursacher eines Geräusches. Benji sieht bleich aus. Nur der wütende rote Strich, der sich um seinen Hals zieht, hebt sich von seiner Haut ab. Ethan schluckt schwer, während er seinen Blick über den restlichen Körper seines Agenten schweifen lässt.
„Wie ist die Prognose?“, fragt er mit rauer Stimme.
„Wir müssen warten, bis die Schwellung in seinem Hals abklingt und sehen, ob er selbstständig atmet, bevor ich etwas sagen kann.“
Patrick klingt wie ein richtiger Doktor. Diplomatisch und vage, sodass man der Aussage nichts entnehmen kann. Doch Ethan fragt nicht weiter.
Er hat schon zu viele Freunde und noch mehr Agenten unter seinem Kommando verloren. Hannah, Sarah, Jack, Lindsey… so viele hatten im Laufe seiner Karriere ihr Leben verloren. Benji darf nicht auch zu ihnen zählen. Vor allem, da er nicht da war, um ihn zu beschützen. Obwohl Benji nun lautstark erwidern würde, dass er Außenagent ist und auf sich selbst aufpassen kann. Bei dem Gedanken muss Ethan lächeln. Er weiß, dass Benji dies überleben wird. Der schmächtige Brite ist ein Kämpfer.
Langsam, um seine Rippen nicht zu beanspruchen, lehnt er sich vor und nimmt Benjis rechte Hand in die seine. Die Berührung der warmen Haut versichert ihm, dass sein Freund noch unter den Lebenden weilt. Und er wird sein Möglichstes tun, damit das so bleibt. Seine Mission ist noch nicht beendet.
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