Dämonenblut

von GreyC86
GeschichteAllgemein / P18 Slash
10.08.2018
10.04.2019
6
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   Rachel
   
   Es konnte unmöglich schon so spät sein. Rachel blickte vollkommen fertig von ihren Aufzeichnungen auf die Küchenuhr, die kurz nach Mitternacht verkündete. Sie hatte, seit sie nach Hause gekommen war, an den College Hausaufgaben gearbeitet - normal fing sie damit erst am Donnerstag an. Für heute war sie durch. Sie musste sich jedoch mit ihrem Arbeitsplan ran halten, um wenigstens am Wochenende frei zu haben.
   Rachel dachte an das rote, tief am Rücken ausgeschnittene Kleid, dass nun in ihrem Kleiderschrank darauf wartete, getragen zu werden. Es war wunderschön und sie würde es am Samstag auf der Gala tragen. Vollkommen befreit, weil alle Hausaufgaben bereits fertig waren. Nur hatte sie keine Ahnung, wie sie das bis dahin schaffen sollte. Rachel stand auf und ging in den Kirchenraum. Al hatte Marie dort einen großen Schreibtisch hingestellt, wo sich einmal Ivys befunden hatte. Jeder andere Platz wäre Rachel lieber gewesen.
   Marie blickte von ihren Aufzeichnungen hoch, als Rachel den Raum betrat. „Ist es Zeit zum Abendessen?“ Um ihren Schreibtisch lagen einige Verpackungen von Schokoladenriegeln. Wie es aussah, hatte sie eigentlich bereits zu Abend gegessen.
   Rachel nickte langsam. Sie hatte eigentlich keinen Hunger, aber wenn sie ihren Körper nicht regelmäßig zwang, zu essen und zu schlafen wie ein Mensch, würden die drei Tage, an denen sie früh ihre Collage hatte, die Hölle werden. „Ich mach uns etwas“, erklärte sie und steuerte zurück in die Küche.
   Über ihren Aufzeichnungen gebeugt, stand unerwartet Al mit kritischer Miene. Zu ihrer Überraschung hatte er heute eine normale, blasse Hautfarbe und nicht das übliche rot, dass er sonst immer getragen hatte, seit sie zurück gekehrt war. Er hatte mit der roten Hautfarbe vor ungefähr einem Jahr angefangen, herum zu experimentieren und nun fing er heute doch wieder mit weiß an. Aber war das ihr Problem?
   Er bereitete ihr ganz andere Schwierigkeiten. Rachel versuchte, ihn zu ignorieren. Sie ging zum Küchentresen und holte die Utensilien heraus, um Nudeln mit Tomatensauce zu kochen. Nach mehr stand ihr nicht der Sinn .
   Und dann tat er es. Al ließ sich auf ihren Platz nieder, zückte eine Feder samt rotem Tintenfässchen hervor und begann in ihren Aufzeichnungen, die sie so mühselig ordentlich gemacht hatte, herum zu schmieren. Rachel, die gerade dabei war, Wasser in den Topf laufen zu lassen, blickte ärgerlich herüber. Wenn sie das richtig sah, korrigierte er gerade ihre Aufzeichnungen vom Unterricht. Was konnte daran bitte falsch sein?
   Jedoch wusste sie mittlerweile, dass Al auch die Form benotete. Er hatte einmal an ein Wort von ihr geschrieben, dass die Buchstaben nicht alle miteinander verbunden waren und dass sie das so in Zaubern nicht tun könnte. Danach verband er die kleinen Lücken nur noch, was auch schon unheimlich komisch aussah. Einmal hatte Rachel eine Referatsseite damit nicht korrigiert. Miss Noland hatte sie deswegen der roten Verbindungslinien irritiert angesehen und Rachel hatte sich auf die Zunge gebissen, dass sie nicht sagte, dass das ihr dämonischer Nachhilfe-Lehrer machte und ob sie ihn vielleicht mal kennenlernen wollte. Es war schlimm genug, dass sie ohne einen Grund der Klassenbully war. Da musste sie auch nicht noch zugeben, dass jemand ihre Hausaufgaben und Vorlesungsaufzeichnungen kontrollierte.
   „Willst du mitessen?“, fragte Rachel, eher aus Höflichkeit, als dass sie es wirklich wollte, aber er aß sonst auch nie mit. Sie wusste, dass sie Al tierisch in die Scheiße gerissen hatte, aber die rote Tinte ging zu weit, das machte er auch nicht bei Marie. Bei ihr benutzte er Post-its und unheimlicherweise eine andere, weibliche Handschrift, als wenn ihre ältere Schwester oder so, ihr bei den Aufgaben half. Rachel hatte es selbst gesehen, als er mal hier mit den unterschiedlichen Verfahren korrigiert hatte. Aber Marie verband angeblich die Buchstaben auch alle miteinander. Ihr Handschrift war so sauber, als wenn sie ihre Notizen am PC machte und dann in einer schön formatierten Handschrift ausdruckte.
   „Wir haben dafür leider keine Zeit,...“, gab er seufzend von sich und hielt eine von Rachels Zeichnungen leicht schräg nach oben, über seinen Kopf, als wenn er darauf etwas nicht erkennen könnte. „Ich werde mir deine Unterlagen bis morgen früh mit nach Hause nehmen“, entschied er schließlich und um kringelte etwas in einem Schutzkreis.
   „Was meinst du mit 'wir'?“, fragte Rachel alarmiert.
   Al blickte sie an, als wenn das nicht klar wäre. „Wir müssen dich ordentlich einkleiden.“
   Rachel starrte ihn an. Fing er jetzt wieder damit an, sie zu irgendwelchen Kaffeekränzchen zu schleifen? Bis jetzt hatte er, wenn er es für Nötig gehalten hatte, ihr immer etwas zum Anziehen besorgt.
   Leider konnte Rachel es ihm trotzdem nicht abschlagen. Sie stand in seiner Schuld und wollte sich versöhnlich zeigen. „Nur heute Abend“, versuchte es Rachel und stellte den Topf mit Wasser ab.
   „Und nächste Woche Freitag.“ Lief es jetzt darauf hinaus, das Al anfing, sie einmal die Woche irgendwo mit hin zu schleifen?
   Rachel wusste es nicht. Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie ihm klar gemacht hätte, dass sie die Zeit zum Lernen brauchte. „Nur für ein paar Stunden.“
   „Wie du meinst“, entgegnete Al gleichgültig und ordnete ihre Unterlagen auf einem Stapel zusammen.
   War er jetzt beleidigt? Rachel konnte es nicht sagen.
   Al stand geschäftig auf und klemmte sich den Stapel unter den Arm. „Wir müssen jetzt los“
   „Und was ist mit Marie?“, fragte Rachel. Sonst war Al immer wie versessen darauf, seine Vertraute wieder zu sehen. Gott, es war doch nichts schlimmes, wo sie hingingen?
   Es bildete sich eine kleine Falte auf seiner Stirn. Dann ging er jedoch in den Flur. „Marie?“
   „Meister!“ Ein lautes Schmatzen war zu hören und Rachel konnte nur hoffen, das es ein Kuss auf die Wange oder einen ähnlichen unverfänglicher Ort war.
   „Bestellst dir was und mach´ dir einen freien Abend?“
   Rachel ging in den Flur und bekam gerade noch mit, wie Al seiner Vertrauten einen Hunderter überreichte. Ja, davon konnte man Abendessen bestellen,…
   Marie war wie immer um einiges angezogener als sonst. Eigentlich lief sie überaus in kurzen Tops, Röcken oder Hotpants herum - wenn Al jedoch auftauchte, hatte sie meist plötzlich etwas anständiges an. Wie jetzt ein Trägerkleid, dass ihr bis kurz übers Knie reichte.
   „Du willst mit ihr ins Jenseits“, erkannte sie. Ihre Augen wurden zu zwei schmalen Schlitzen, während sie begann, einen Flunsch zu ziehen, „und du möchtest nicht, dass ich mitkomme?“
   Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, wenn sie einfach gegangen wären,… Rachel kreuzte die Arme vor der Brust und begann, sich zunehmend unwohl zu fühlen. Wenn Al mit ihr zu einem Ort wie dem Dalliance wollte - dort waren keine Vertrauten erlaubt. Dafür konnten weder sie noch Al etwas.
   Vielleicht wollte Al mit Rachel auch alleine Zeit verbringen, immerhin waren sie bei ihr zu Hause nie alleine. Der Gedanken behagte Rachel jedoch nicht. Al machte öfter mal sexuelle Anspielungen ihr gegenüber, obwohl er sich, seitdem sie sich wieder zu erkennen gegeben hatte, etwas zurück gehalten hatte.
   Rachel hatte wegen Ivy und Trent schon genug Probleme, da brauchte sie nicht noch welche mit Al oder ihrer neuen, wenn auch sehr unfreiwilligen Mitbewohnerin.
   Maries Blick begegnete ihrem – pure Eifersucht. Oh Mann. War das ihr Problem? Sie war eifersüchtig, weil Al Rachel anders behandelte, während Marie nicht nur ihm gegenüber nicht gleichgestellt war, sondern auch der Abklatsch einer ehemaligen Vertrauten war. Rachel hatte Marie nie gefragt, wie sie vorher ausgesehen hatte, das Al aber, nachdem er Ceri verloren hatte, jemanden fand, der sehr viel Ähnlichkeit mit seiner ehemaligen Vertrauten hatte, war doch eher unwahrscheinlich. Es wäre das erste Mal, dass das andauernde ‚Itchy-Bitch‘ Sinn ergeben würde.
   Marie war eifersüchtig.
   „Wir müssen los“, bemerkte Al nochmal, „Wir werden bereits erwartet.“
   Marie sah ihn giftig an.
   Rachel entspannte sich, wenn sie erwartet wurden, war es doch nicht so privat, wie sie zunächst angenommen hatte.
   Marie blickte sie dennoch weiter wütend an. Schließlich drehte sie sich mit wehenden Rock um und lief schnaubend durch den Kirchenraum davon in ihr Zimmer, dass sich im Glockenturm befand.
   Al sah ihr verbissen schnaufen nac und wandte sich dann zu Rachel. Seine Miene war neutral, jedoch nahm sie es ihm nicht ab. Klasse, jetzt war sie schuld daran, dass er mit seiner Vertrauten Stress hatte.
   Rachel war nur froh, dass er mit Marie nicht so brutal umging, wie mit Pierce, den Al nach eigener Aussage an Newt verkauft hatte und der jetzt von Zeit zu Zeit in Zeitschriften als neues Mitglied im Hexenzirkel auftauchte. Rachel war nur froh, dass er nicht Tod war, auch wenn er sich mal hätte melden können.
   Al bot ihr den Arm, wie als Zustimmung zum Springen, an und Rachel nahm ihn etwas widerwillig. Bald würde sie mit Biss üben und nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen sein.
   Sie sprangen, bevor es Marie sich anders überlegte und kamen in dem dämonischen Einkaufscenter heraus, dass sich direkt unter Kalamack Industries befand. Wenn Trent dass wüsste, würde er bestimmt kein Auge mehr zumachen. Wenn sie jedoch bedachte, dass er den Aufwand betrieben hatte, eine Kraftlinie bis tief unter die Erde zu ziehen, hatte er prinzipiell den roten Teppich für die Dämonen ausgelegt.
   Rachel ließ seinen Arm los, während Al gleich zielstrebig auf ein Geschäft zuging, als wenn er es plötzlich eilig hätte. Die Schaufensterfront, die eher als Fenster zu bezeichnen waren, begannen auf Hüfthöhe und waren mit dunklen Vorhängen zugezogen. An einem Kragarm über der Eingangstür hing eine goldene, aufgeklappte Schere, die kunstvoll von einem Kreis aus Maßband umrahmte wurde, so dass es leichte Ähnlichkeit mit einem viersternigen Drudenfuß hatte. Ein Schildchen an der Tür verkündete: 'vorübergehend geschlossen - privater Termin'.
   Was wollte er dort mit ihr? Rachel folgte Al zögerlich, während sie sich weiter umsah. Wenn sie nicht wüsste, dass sie sich unter der Erde befanden, hätte sie es nicht ahnen können. Ihr Blick blieb auf dem Coffeeshop 'der Tresor' hängen, den sie schon einmal betreten hatte und der sich genau in Trents Tresor im Diesseits befand. Ein leichtes Lächeln huschte über ihre Lippen.
   Trent durfte das wirklich nie erfahren.
   Ein Glöckchen ging, als sie den Laden betraten. Im vorderen Teil des Geschäftes glänzte ein dunklen Dielenboden, während hinteren ein dicker Teppich ausgelegt war. Dort standen, auf zwei kleinen Podesten, Brooke und eine weitere Frau, die einen halben Kopf kleiner war. Sie hatte lange, brünette, leicht gewellte Haare und einen großen Vorbau, der jedoch zu ihren etwas runderen Kurven passte. Sie trugen beide schwarze Kleider aus Chiffon, die wie aus einem Klischee-Sabbat-Hexenzirkel-Film wirkten. Es bestand oben nur aus zwei Stoff Bahnen, die über ihre Brüste drapiert, einen überaus tiefen Ausschnitt bildeten, der fast zum Bauchnabel reichte. An jeder Seite des Rockes befanden sich zwei lange, hoch reichende Schlitze, so dass bei Brooke, die kräftigere Oberschenkel hatte, das Kleid bis über das Bein auffächerte. Es war nur zu hoffen, das Haftzauber die Kleider an Ort und Stelle hielten, da sonst schnell mehr als nur ihre Bürste zu sehen waren.
   Auf einer Couch, an der Seite saß Dali in einem grauen Anzug, mit ein paar teuer aussehenden Häppchen und einem Cocktail in einem Sektglas in den Händen. Er unterhielt sich mit einem gutaussehenden Dämon mit breiten Schultern, gebräunter Haut und blonden Haaren, der eine Nickelbrille trug. Beiden Dämonen standen auf, als sie den Laden betraten. Der Dämon mit der Nickelbrille sah fast schon ehrfürchtig aus.
   Dali trug ein breites Grinsen zur Schau, als sie näher traten. „Darf ich dir vorstellen, Rachel Mariana Morgan“, verkündete er stolz.
   „Cel, es ist mir eine Ehre“, stellte sich der andere Dämon vor. Er griff so schnell Rachels Hand, dass sie gar nichts reagieren konnte, als er ihr einen zarten Handkuss aufhauchte.
   Rachel merkte, wie sie leicht rosa anlief. Das hatte wirklich noch kein Mann bei ihr versucht, es fühlte sich irgendwie privilegiert an und sein Lächeln war einfach zu heiß, um ihm wirklich böse zu sein.
   „Meister“, kam es leicht schneidend von einer weiblichen Stimme.
   Cel drehte sich mit pikierten Blick in seinen blutroten Augen um, wobei er Rachels Hand immer noch vorsichtig hielt.
   Eine Frau, nach ihrem Äußeren zu urteilen, eine Elfe mit langen, glatten, blonden Haaren in einem zart grünen Kleid, stand im Durchgang hinter dem Tresen. Ihre Blick hatte eindeutig etwas von der selben Verstimmung wie Marie, auch wenn Cels Vertraute diese maximal anbahnte, in dem ihre grünen Augen nur eine Idee schmaler geworden waren.
   Rachel entzog Cel ihre Hand. Sie schien keine Freundschaften mit Vertrauten vergönnt zu sein, weil sie ihre Meister zuvorkommender behandelten. Aber konnte sie etwas dafür, was sie war oder andere taten?
   „Sie wollten, dass ich die Stoffmuster hole, um zu sehen, wie die Kleider in rot aussehen“, erklärte die Elfe ihrem Meister, als wenn er nicht mehr wüsste, was er angeordnet hatte. Ja, das würde die schwarzen Kleider mit den tiefen Ausschnitten sicher dezenter machen,...
   „Richtig“, griff Cel ihren Wink auf, „Madam Rachel. Sie müssen sich bedauerlicherweise noch eine Sekunde gedulden. Ich muss erst meinen vorherigen Auftrag erledigen, bevor wir uns um ihre Garderobe kümmern können. Möchten Sie eine Erfrischung oder einen kleinen Snack, der ihnen die Wartezeit verkürzt?“
   „Nein, ist schon okay.“ Rachel steckte ihre Hände in die Hosentaschen, bevor noch ein Dämon dazu kam, sie zu küssen.
   „Setzen wir uns“, Dali wies mit seiner Hand auf das zweieinhalb Personen Sofa, das im hinteren Teppichbereich stand und das hölzerne Krallenfüße hatte, die zum verarbeitenden Dielenfußboden passten.
   Rachel wusste nicht so recht. Sie wollte auf keinen Fall Platz nehmen, um dann später eng gedrängt zwischen Al und Dali zu sitzen. „Ich steh´ lieber“, erklärte sie und ging an dem Sofa vorbei, in den hinteren Teil des Ladens, dass sie nicht mehr mit dem Rücken zur Tür stand. Auf diese weise erfuhr sie nicht nur durch das Glöckchen an der Tür, wenn ein weiterer Dämon das Geschäft betrat. Sie musste aufpassen und den Dämonen schneller Einhalt gebieten, bevor diese etwas taten, was sie später bereute.
   Es reichte, wenn Brooke und die andere Vertraute sich auf dem Höckerchen zum Narren machen mussten. Sie würde sich weigern, so etwas anzuziehen, bei dem sie nicht wusste, ob es Kleidung, Kostüm oder Nachtwäsche war.
   Rachel ging leicht der Mund auf, als sie begriff. „Hast du jetzt zwei Vertraute, die für dich im Dalliance bedienen?“
   Dali schenkte ihr ein bejahendes lächeln, als er sich setzte.
   „Und du hast sie ihm gefangen und verkauft?“, Rachel sah Al wütend an.
   „Ich habe sie zumindest beide gefangen,...“, begann er etwas beleidigt zu erklären, als er sich ebenfalls niederließ.
   „Rosi ist Teil eines Arrangements“, schnitt Dali ihm das Wort ab, wobei er sich sein Sektglas wieder nahm, „ich miete sie stundenweise.“
   Stundenweise? Das klang furchtbar. Rachel sah zu den beiden Frauen auf den Hockern, beide betrachteten sie über ihre Schultern. Während Brooke aber wenigstens verstimmt aussah, sah Rosi nur neugierig aus. Der Rückenausschnitt der Kleider, der bis zum Steiß ging, klaffte noch weiter auf, als der vordere.
   „Was werden das eigentlich für Kostüme?“, fragte Al im etwas zu beiläufigen Plauderton.
   „Ich experimentiere“, erklärte Dali ruhig, „noch nichts konkretes.“ Er wurde von Cel abgelenkt, um Brooke einen roten Stoff drapierte, so dass er einen Großteil des Kleides bedeckte.
   „Es passt irgendwie“, Dali sah dabei jedoch unschlüssig aus. „Wir schauen später noch etwas weiter“, meinte er schließlich zu Al, der das Ganze kritischer zu sehen schien, dann blickte Dali wieder zu Cel. „Zeig mir den Schmuck.“
   „Holst du ihn, Fe?“, wies Cel seine Vertraute an, während er den roten Stoff einfach von Brooke und deren Kleid herunterzog, als wäre sie eine Ankleidepuppe. Dann faltete er den Stoff und legte ihn über den Arm zusammen, während er zu Al sah. „Wie geht es mit der Reparatur der mesopotamischen Krone voran?“
   Al sah aus, als wäre ihm die Frage unangenehm. „Es dauert noch ein wenig“, stellte er etwas locker fest, „gut Ding will Weile haben.“
   „Ich frage nur, weil es langsam wirklich etwas her ist. Eigentlich hätte ich es gerne gehabt, das Fe sie vor Halloween zurück bekommen hätte.“
   Fe, die gerade wieder aus dem Lager hervor trat, warf ihm einen sanften Blick zu, wie um ihn heimlich zu verstehen zu geben, dass sie sich freute, dass er nachgefragt hatte. Wie es aussah, hatten viele Dämonen komplizierte Beziehungen zu ihren Vertrauten,...
   Al schien die Frage, in die Bredouille zu bringen. „Ich werde nachfragen“, versprach er und ließ seinen übergroßen Anrufungsspiegel in seinen Händen erscheinen, als er aufstand, um in den vorderen Teil des Ladens zu gehen. Wie als wenn er die anderen mit seinem Anruf nicht stören wollte, dabei würde man das telepathische Gespräch sowieso nicht mitbekommen.
   Cel sah einverstanden mit Als handeln aus. Er drehte sich sichtlich gut gelaunt zu Fe, öffnete die kleine Truhe in ihren Händen und zog eine lange, schwere Goldkette heraus, die er Brooke umhängte und an deren Verschluss hinten eine schwere, pfeilförmige Spitze hing. „Und?“
   Dali machte eine kleine Fingerbewegung. Brooke verzog kurz den Mundwinkel und begann sich dann langsam, mit kleinen Schritten auf dem Hocker zu drehen. Rachel musste zumindest zugeben, dass sie durch die dicke Kette gleich viel angezogener wirkte.
   „Ich habe auch noch breite Armreife vorbereitet“, Cel zog eines davon hervor - es war mindestens fünf Zentimeter breiten - und legte es ebenfalls Brooke an. Die Armbänder zusammen mit der Kette mussten einiges wiegen.
   „Schön, echtes Gold?“
   „Natürlich“, Cel legte die zweite Schelle an.
   Jetzt echt? Rachel wusste nicht, was sie sagen sollte. Brooke trug gerade sicher ihr Jahreseinkommen als Hexenzirkelmitglied an Gold am Körper.
   Dali nickte eifrig. „Den Schmuck nehmen wir so.“
   Cel nahm Brooke zufrieden den Schmuck wieder ab.
   Rachel wusste, dass sie gleich dran kommen würde und begann sich zunehmend unwohler zu fühlen.
   Cel schloss die Schatulle mit dem Schmuck und stellte sie auf den Tresen. „Aufräumen“, sagte er zu Fe, die bereits dabei war und griff in einer flüssigen Bewegung Rosis Kleid an der Schulter und entkleidete sie mit einer lockeren Handbewegung, so dass sie in der Hinteransicht noch einen schwarzen String anhatte.
   „Nein“, entkam es Rachel entsetzt. Sie machte reflexartig einen Schritt nach vorne, als wenn sie das unfreiwillige Entkleiden von Rosi damit noch verhindern könnte. Das ging zu weit. In was für einer Gesellschaft war sie bitte gelandet, in der man eben mal irgendwelchen Vertrauten einfach die Kleider vom Körper riss.
   Cel sah sie entsetzt an, als wenn ihm ein Fehler gerade aufgegangen wäre. Dali und Al sahen ebenfalls bestürzt aus, wobei Al mit seiner komischen Haltung – eine Hand auf den Anrufungsspiegel - fast schon auf den falschen Fuß erwischt aussah.
   Rosi selbst, drehte schockiert durch den Aufschrei zu Rachel um, so dass sie ihre Vorderseite erblicken konnte und ihr Blick blieb an den goldenen, glatten Nippelpatches hängen, die mit tödlicher Sicherheit auch zum Outfit gehörten. Das durfte doch nicht wahr sein!
   Rachel lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Hatten sie Brooke und Rosi auch nur einmal gefragt, ob sie so etwas tragen wollten?
   Dali räusperte sich. „Wir versuchen uns zu beeilen“, versuchte er zu erklären.
   Trotzdem ging das nicht. Rachel blickte ihn wütend an.
   Das Glöckchen an der Tür klingelte und Newt stand mit wehenden Schößen ihrer dunkelblauen Tunika in der Schneiderei. Sie blickte nachdenklich auf der halbnackten auf dem Podest Rosi hängen, die darauf puderrot anlief und versuchte sich mit den Händen etwas zu bedecken. „Wie ich sehe, komme ich noch nicht zu spät.“
   „Mir scheint es eher, dass du es wie immer schaffst, zum unglücklichsten Zeitpunkt, unerwartet aufzutauchen, meine Liebe“, brummte Al und nahm die Hand vom Spiegel.
   Sie warf ihm mit ihren schwarzen Augen einen schneidenden Blick zu.
   Cel nutzte die Ablenkung und machte eine schnelle Bewegung, die Brooke und Rosi gefolgt von Fe hinter einen Sichtschutz an der Seite scheuchte, der als Kabine diente. Die feinen Herren scheinen schnell sauber machen zu wollen.
   Dali stand mit entschuldigender Miene auf und ging zu Newt, wie um die Situation zu retten. „Du hast dich doch dazu entschieden nachzukommen?“, fragte er arglos und wollte ihre Hand greifen, die ihm Newt schnell wieder entzog.
   „Trägt man das jetzt im Dalliance?“
   Dali sah aus, als wenn sie einen Scherz machen würde. „Das ist ein Versuch,... .“
   Newts Stirn runzelte sich. „Du bist auf den Deal mit Abada eingestiegen?“
   „Abada?“, fragte Al voller Unglauben und sah aus, als wenn das wirklich verblüffende Neuigkeiten waren.
   Dali zuckte unwillige die Schultern, als wenn er nicht darüber reden wollte, „Wir verhandeln, wegen einer gemeinsamen, öffentlichen Veranstaltung zu Alban Arthan, der Wintersonnenwende oder vielleicht sogar während der Raunächte. Das Outfit ist schon besser – sein erster Vorschlag war: nackt mit Kränze im Haar – wir versuchen gerade, uns auf etwas zu einigen.“ Er sah bei der Bemerkung aus, als wenn es eine Selbstverständlichkeit wäre, die Newt nur nicht verstand, weil sie in der falschen Sekunde herein gekommen war.
   Newt machte eine wegwerfende Handbewegung, als wenn es ihr egal sein konnte und jedoch sah Al aus, als wenn er sich ordentlich auf die Zunge biss, um das Thema nicht fortzuführen, da es ihn offensichtlich brennend interessierte.
   Newt ging zu der Stelle, wo die Dielen aufhörten und der Teppich begann, um dort einen gepolsterten Muff entstehen zu lassen und sich darauf zu setzen. „Rachel“, meinte sie auffordernd in ihre Richtung und ein zweiter Muff entstand neben ihr.
   Rachel starrte auf den Muff genau neben Newt. Sie hätte die Einladung lieber nicht angenommen. In der hinteren Ecke fand sie es eigentlich sehr gemütlich und von hier aus hatte sie den ganzen Raum im Blick – nicht nur den halben. Newts schwarze Augen fixierten sie aber so auffordernd in der Hoffnung, dass sie ihrem Wunsch nachkommen würde, dass sie sich geradezu gegängelt fühlte. Sie hatte wohl keine Wahl.
   Al warf Rachel einen leicht zweifelnden Blick zu, der genau so gut Bedauern hätte ausdrucken können, als sie sich langsam in Bewegung setzte. Er könnte ihr auch nicht helfen, selbst wenn er wollte.
   „Was hast du für sie vorbereitet?“, fragte Newt an Cel gewandt.
   „Eine Sekunde“, er lief prompt selber los, anstatt auf seine Vertraute zu warten, die mit Brooke und Rosi noch hinter dem Sichtschutz beschäftigt war.
   „Ich habe dir ein kleines Zimmer mit Wohnbereich gekauft“, flötete Newt fröhlich und schenkte Rachel ein zu breites Lächeln, das ein wenig wahnsinnig war. „Dort kann Cel später all deine Sachen unterbringen.“
   Scheiße, hieß dass, das sie erwartet, das sie im Jenseits blieb? Rachel versuchte, sich ein Lächeln abzuringen. „Ich bleibe im Diesseits wohnen.“, versuchte sie es möglichst demokratisch.
   Newts Gesichtszüge erstarrten, als wenn sie das nicht erwartet hätte und sah kurz aus, als wenn sie sich wie ein Computer aufgehangen hätte und ihr Hirn stehen geblieben wäre. Doch dann nickte sie verständig: „Wir werden sehen, wohin sich das in nächster Zeit entwickelt.“ Sie klopfte sich selbst aufmunternd auf ihren Oberschenkel.
   „Ich schau es mir nächste Woche Freitag an“, erklärte Rachel, bis ihr auffiel, dass es wahrscheinlich etwas spät war. Jedoch hatte sie heute eigentlich auch schon keine Zeit.
   Trotzdem nickte Newt einverstanden und Rachel fühlte sich gleich besser.
   Cel zog einen langen Kleiderständer aus dem Lager herein. „Ich habe erst einmal eine Vorauswahl getroffen - Es ist aber auch nicht mehr. Wir werden sehen müssen, ob wir noch etwas Designen müssen.“
   Rachel verzog das Gesicht, als sie an das Kostüm, mit den zu engen Schuhen dachte, in das sie das letztes Mal Al im Dalliance gesteckt hatte.
   Langsam und vorsichtig traute Fe sich wieder hinter dem Sichtschutz hervor. Brooke und Rosi folgten ihr zögerlich. Die beiden trugen jetzt Alltagskleidung, wie man sie aber auch bei lässigen, besser bezahlten Jobs tragen würde. Brooke hatte an ihrem Revier die Brosche vom Hexenzirkel für ethische und moralische Standards. Halbnackt zur Sonnenwende Dämonen zu bedienen, gehörte eigentlich nicht zu ihrer Tätigkeiten als Hexenzirkel-Mitglied.
Dali klopfte mit seiner Hand auf die Polster der Couch neben sich. Brooke eilte wie auf einen Befehl mit schnellen Schritten zu ihm und setzte sich auf den angebotenen Platz, sonst war sie sicher aufmüpfiger, doch Dali bot sicher den einzige Schutz vor Newt. Rosi folgte zögerlicher, obwohl Dali auf der anderen Seite ihr ebenfalls Platz gemacht hatte.
Rachel konnte es verstehen, sie wollte auch nicht dicht neben Dali auf dem Sofa sitzen.
Rosi sah zögerlich zu Al, bevor sie auf eine weitere strickte Geste von Dali sich setzte. Sie hatte Al damit seinen Platz genommen. Fe beschäftigte sich in der Zwischenzeit damit, alles wieder herzurichten. In dem sie einen der kleinen Podesteweggenommen und den anderen mittig gestellt hatte.
Das war dann also für sie gedacht. Rachel spürte, wie sie sich verspannte - sie wollte nicht vorgeführt werden.
„Möchten die Damen etwas trinken?“, bot Fe nochmals an.
Newt schüttelte nur etwas abwesend den Kopf und wendete sich an Rachel „Wir treffen die Auswahl zusammen, du hast volles Mitspracherecht“, versprach sie ihr und blickte sie wieder verständnisvoll an, als wenn sie sich keine Sorgen machen sollte. Langsam kam es Rachel aber so vor, als wenn sie den Gesichtsausdruck nur eingeübt hätte.
„Okay“, Rachel wusste, das sie dankbar sein sollte. Sie war froh, das Newt da war und sie nicht mit Al und Dali alleine sein musste. Aber es änderte nichts daran, dass sie eine Boutique im Diesseits deutlich vorziehen würde. „Was suchen wir eigentlich genau?“, immerhin trug sie sonst eher weniger Businesskleidung.
„Alles, was du zukünftig im Jenseits tragen wirst“, erklärte Dali, der es sich zwischen seinen beiden Vertrauten bequem gemacht hatte, „oder besser, eine erste Auswahl davon.“
Alles? Rachel starrte ihn an. Scheiße, sie würde bis morgen früh nicht nach Hause kommen.
Unerwartet stand Rosi auf und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich.
   Rachel wandte sich zu ihr und erkannte, das Al den Spiegel hatte verschwinden lassen und erste Anstalten machte, zu ihnen herüber zu kommen.
   „Du kannst meinen Platz haben“, erklärte sie, bevor er Rosi endgültig von ihrem Platz vertreiben konnte und sie den Rest der Nacht stehen musste. Rachel würde sowieso nicht darum herum kommen, auf den dämlichen Podest zu stehen. Also stellte sich schon einmal darauf, während Al kurz innehielt und dann auf ihren freien Platz neben Newt platz nahm, die ihm aus schmalen Augen einen Seitenblick zuwarf.
   „Ich nehme an, dass sich ihre Maße nicht geändert haben - hat alles im Dalliance gut gepasst?“, Cel zog geschäftig ein Maßband.
   „Es ging“, Rachel versuchte, sich zu entspannen. Newt würde auf sie aufpassen. „Ich bräuchte aber größere Schuhe.“
   
   „Das hätten wir“, erklärte Cel und versuchte, Rachel die Hand zu reichen.
   Rachel schaffte es noch rechtzeitig, vom Hocker zu treten, um der Hand zu entgehen. Cel war in den letzten Stunden zwar relativ zuvorkommend gewesen, aber sie war kein kleines Kind mehr, das man an die Hand nehmen musste.
   Newt schenkte ihr ein Lächeln, als wenn sie 'gut gemacht' sagen wollte und stand mit ihrer kleinen Tüte Keks in der Hand auf.
   Al sah beinahe erleichtert aus, dass er nicht mehr länger neben ihr sitzen musste. Immer, wenn er etwas angemerkt hatte, das ihr nicht gefallen hatte, hatte Newt ihm mit einem bösen Blick gestraft, bis er es letztlich aufgegeben hatte überhaupt noch was zu sagen, so dass nur noch Rachel entscheiden konnte, was ihr gefiel. Danach hatte Al sich einen kleinen Beutel mit Keksen hergeflucht, die Newt sich denn von ihm hatte geben lassen, um sie alleine zu essen.
   Es wirkte etwas kindisch, aber es schien doch wahre Macht zu sein, gegen die sich kein männlicher Dämon je auflehnen würde. Rachel war mittlerweile mehr als froh, das Newt da war.
   „Und?“, fragte Newt, während sie zusammen mit Rachel zum Tresen im vorderen Bereich ging, sie wischte ihr einmal über die Schulter und ein Zauber waberte durch Rachels Körper, der sie neu vitalisierte. „War es in Ordnung?“
   Rachel lächelte und nickte zustimmend, dankbar für den Zauber. Sie wusste aber, dass es noch mindestens einen weitere Termine geben würde. Newt hatte ihr versprochen, dass bis nächsten Freitag alles fertig sein würde, auch wenn Cel bei der Bemerkung etwas verzweifelt ausgesehen hatte.
   Er stand gerade hinter den Tresen und sichtete nochmal den Auftrag, welchen Fe bereits nebenbei protokolliert hatte. Am liebsten hätte Rachel alles in doppelter Ausführung auch für das Diesseits gehabt, denn jetzt würde sie bald über stilvolle Kleidung verfügen – die bedauerlicherweise stark nach Schwefel roch und diesen Geruch würde sie so leicht nicht wieder loswerden.
   „Ich würde gerne die roten Lack-Highheels und das Collier mit ins Diesseits nehmen“, erklärte Rachel unvermittelt, als sie feststellte, dass es noch ein wenig dauern würde. Wenn sie die Sachen jetzt mitnahm, würden sie hoffentlich bis Samstag ausgelüftet sein, so dass sie sie auf der Gala tragen konnte.
   Newt stand an der Kasse, als wenn sie es gar nicht abwarten könnte, zu zahlen und wurde nur wenig von Rachels Frage abgelenkt. „Bringst du die Sachen nächsten Freitag wieder mit?“
   Es hörte sich ein wenig an, als wenn Rachel etwas zu spielen mit heraus in den Garten nehmen wollte – in diesem Fall ein paar Diamanten. Rachel versuchte, es zu ignorieren, sie hatte keinen teuren Schmuck und den wenigen, den sie mal besessen hatte, war bis auf den Ring von ihrem Vater, den schwarzen Flüchen der IS zum Opfer gefallen. „Ja“
   Newt nickte einverstanden. „Gut.“
   Cel machte während des Schreibens eine kleine Handbewegung zu Fe, die sich sofort in Bewegung setzte. Sie kam mit einer Schmuckschatulle und einem Schuhkarton wieder. Sie präsentierte Rachel das Collier. Es waren fünf, zur Mitte hin größer werdende Diamanten, zusammen mit zwei langen Ohrringen und einem passenden Armband, das mehr Steine als die Kette und die Ohrringe zusammen besaß.
   „Pass bitte darauf auf“, erklärte Al besorgt und trat mit leicht gerunzelter Stirn neben sie.
   Rachel schenkte ihm einen beleidigten Blick. Sie würde es schon nicht verlieren. Sie sagte aber nichts, da sie wusste, das Al knapp bei Kasse war.
   „Cel, schick mir mein Drittel als Rechnung“, meinte Dali und kam ebenfalls herüber. „Ich bringe meine Vertrauten nach Hause.“
   „Danke“, erklärte Rachel, in der Hoffnung, dass er nicht versuchen würde, ihr zum Abschied noch einen Handkuss zu verpassen. Dali blieb etwas abseits stehen und nickte keck mit einem Lächeln, als wenn er es gerne gemacht hätte.
   Brooke stand mit Rosi immer noch bei dem Sofa. Sie hatten die ganze Zeit still ausgeharrt. Brooke sah fast schon froh aus, hier weg zu kommen. Da sie tagsüber das viel beschäftigte Hexenzirkelmitglied mimte, würde sie heute sicher nicht viel schlaf bekommen.
   Rachel blickte auf ihre Uhr. Es war kurz nach halb fünf. Sie war nur froh, dass sie sich nachmittags mit Glenn verabredet hatte. Ihren Schlafrhythmus konnte sie aber vergessen, dafür hing ihr der Magen in den Kniekehlen. Newt hatte ihr einen der Kekse zum Probieren angeboten, aber wer wollte schon etwas essen, dass nach Schwefel schmeckte?
   Dali verschwand mit seinen beiden Vertrauten und Rachel war froh, dass sie auch gleich nach Hause konnte.
   Al sah hingegen ein wenig verlegen aus.
   Newt schenkte ihm nur einen münden Blick. „Ich übernehme deinen Anteil – wie besprochen.“
   Al schürzte die Lippen, nickte dann jedoch steif. Rachel wusste, dass sie ihn in finanzielle Not getrieben hatte, aber wenn er zustimmen würde, mit ihr Tulpas zu produzieren, dann hätte er auch nicht so dermaßen Geldprobleme.
   „Ich bring sie nach Hause.“
   „Gut“, meinte Newt bedächtig. Sie wendete sich an Rachel und sah ihr in die Augen, „Wann sehen wir uns das nächste Mal?“
   Es klang fast wirklich wie eine Frage und Rachel war kurz davor zu sagen, wie besprochen, aber die genauen Details hatten sie noch gar nicht geklärt. „Nächsten Freitag, Al holt mich ab?“, half sie weiter. Denn Rachel wollte auch keine weiteren Dämonen bei sich im Diesseits. Es reichte bereits, dass sie auf Al aufpassen musste, dass er sich an alle ihre Absprachen hielt und das letzte mal, als Newt da gewesen war, mussten sie danach die Kirche wieder neu segnen.
   Newt nickte einverstanden. „Nächsten Freitag.“
   
   
   Algaliarept
   
   Sie materialisierten sich in der Küche. Er hätte Rachel am liebsten nur durch die Linien nach Hause geschmissen. Bedauerlicherweise ließen ihm die von Rose auferlegten Pflichten keine Ruhe – obwohl er eigentlich nur all zu bereit war, Rachel allein in die Falle mit Trent tappen zu lassen. Immerhin spielte Rose dieses dumme Spiel von Dali mit, so dass dieser sie vor Rachel als seine Vertraute ausgab. Mittlerweile wussten allen Dämonen - außer Rachel natürlich - dass Rose Al gehörte. Rose ließ es aber trotzdem mit sich machen und Al konnte nicht den Aufstand proben, da er nicht wollte, das Dali das Revisionsverfahren noch weiter verschob. Er konnte, so lange er immer noch gebannt war, generell wenig machen.
   Selbst wenn Rose aus den gleichen Gründen nach Dalis Pfeife tanzte. Al hatte keine Lust. Er wollte, wie eigentlich geplant, mit Rose am Samstag durch zur langen Museums Nacht nach Rom springen und sie würde jetzt dank Rachel keine Zeit dafür haben, weil Rose beschlossen hatte, mit auf die Gala zu gehen, um auf Rachel aufzupassen. Rose hatte bereits vor zwei Wochen zur Gala zugesagt, mit dem Hintergedanken, zeitnah abzusagen. Nun würde sie jedoch wirklich, als entfernte Nachbarin von Kalamack Industries hingehen, auf dessen Grundstück Trent es abgesehen hatte. Es war einfach nur dämlich.
   Rachel hatte eben zugegeben, dass sie teure Schuhe und Schmuck brauchte, also würde ein verantwortungsbewusster Erziehungsberechtigter nachsehen, was sein Schützling so trieb. Durch Nick kannten Al zwar bereits alle Details, aber nun musste er sie auch offiziell erfahren, dass keiner Fragen stellte.
   „Wofür brauchst du die Schuhe?“, fragte Al neugierig, aber auch oberflächlich klingend. Er schlenderte durch die Küche, in der zwischenzeitlich Chaos ausgebrochen war. Wie es aussah, hatte Marie erst versucht, etwas zu kochen, wobei ihr die Tomatensoße angebrannt war und war dann auf Essen vom chinesischen Lieferservice umgestiegen. Wobei sie gleich drei verschiedene Gerichte und dazu Salat und Teigtaschen bestellt hatte, die sie, nachdem sie satt gewesen war, einfach wahllos in der Küche hatte stehen lassen, wo sich dann die Pixis daran gütlich getan hatten. Die Reste der Portion Nudeln war geradezu zerpflückt worden, so dass einige davon sogar auf den Boden lagen.
   Rachel sah nicht sonderlich begeistert aus und stellte ihre goldene Einkaufstasche auf den Küchentisch ab, um Ordnung zu schaffen. „Ich habe eine Veranredung“, versuchte sie es unverfänglich, wobei sie eher nur wütend über den Saustall klang.
   A-ha. Al blickte sich um und kam schnell zu dem Entschluss das Rachel hier nichts von Maries Nase herumliegen lassen würde, was auf konkreteres hinwies. „Ich muss mal mit Marie reden“, erklärte er, in der Hoffnung, das Rachel dachte, dass er jetzt mit ihr über das Chaos in der Küche reden wollte und verschwand im Flur. Er ließ einen Pixi vorbei huschen und als Al sicher war, dass keine weiteren im Flur war, betrat er schnell Rachels Zimmer und schloss hinter sich die Tür.
   Er konnte nur hoffen, das Rachel gerade so dermaßen unordentlich war – wo nach es auch eher aussah – und nicht, das Marie in ihrer Abwesenheit das Zimmer durchwühlt hatte. Überall lagen Kleidungsstücke herum, darunter auch Leibwäsche. Der weiße Wäschebehälter in der Ecke quoll über. Al brauchte aber trotzdem nicht lange. An einem Whiteboard, dass in einen Bilderrahmen gefasst war, hing die Einladung. Al erkannte sie gleich an dem leicht cremefarbenen Strukturpapier.
   Damit würde sie sich nicht herausreden können. Al entfaltete den Brief und sein Blick blieb an einem wohl bereits getragenen roten Spitzenstring hängen, der unter der Bettwäsche hervor lugt. Sie musste wirklich aufräumen.
   Al hob den String hoch. Es war schon komisch. Vor einem halben Jahr hätte er noch einen tierischen Ständer bei dessen Anblick gehabt und der String wäre wahrscheinlich in seine Hosentasche zur 'Sicherung von Bezugsobjekten' gewandert. Jetzt war es nur irgendein Kleidungsstück seiner überaus kindischen Schülerin, die er bald zum Mündel haben würde, obwohl sie mehr ärger, als alles andere machte.
   Al ging mit der Einladung und den String in der anderen Hand zur Tür. Er würde beides auf den Küchentisch schmeißen und eine Erklärung fordern – sie musste ehrlich sein, wenn sie Dummheiten begehen wollte und dass sie nicht aufräumte, ging auch nicht.
   Er konnte gar nicht den Anblick ihres dummen Gesichtsausdrucks erwarten.