Dämonenblut

von GreyC86
GeschichteAllgemein / P18 Slash
Algaliarept "Al" Ellastbeth Withon Ivy Alisha Tamwood Nicholas"Nick" Sparagmos Rachel Mariana Morgan Trenton "Trent" Aloysius Kalamack
10.08.2018
10.11.2019
13
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   Algaliarept
   
   Er war ein gebannter, ausgestoßener Dämon, der in einer Schuhkarton großen Wohnung lebte und dem alle die Schuld daran gaben, dass die Elfen sich wieder vermehren konnten. Seine Tage waren trist und eintönig, betete Al herab, als er sich sein weißes, gestärktes Hemd zu knöpfte.
   Rose beugte sich nach vorne, um nackt in der zweituntersten Schublade nach ihrer Unterwäsche zu suchen. Sonst ging sie immer in die Hocke – er konnte sich ein Grinsen im Mundwinkel nicht verkneifen - das machte sie doch mit Absicht.
   Sie wusste, dass er angespannt war und wie sie ihn davon ablenken konnte. Al konnte nicht leugnen, dass er glücklich war, obwohl seine Wohnung klein, er immer noch gebannt war und jeder ihm Rachels Verfehlungen vorwarf.
   Bedauerlicherweise wäre der nächste Schritt, dass er Rachels Vormund werden würde,… Es wäre ein Machtgewinn. Welcher Dämon wollte das nicht? Vormund des letzten offiziell verbliebenen Weibchens sein - wenn man Newt außen vor ließ. Eines, das eine echte Chance auf das Überleben ihrer Rasse bot. Es war nur logisch, dass er es wollen sollte und trotzdem wollte er es nicht. Er hatte genug von ihr, so dass er lieber auf Abstand gegangen wäre. Al hatte in den letzten Wochen jedoch genügend Zeit gehabt, sich seiner Rolle zu fügen.
   Wenn die anderen Dämonen nur wüssten, dass es mehr als nur zwei verbliebene Dämoninnen gab. Selbst seine Mutter und zwei anderen Tanten in den anderen Dimensionen nicht mitgerechnet, die vor über zweitausend Jahren ihren Tod vorgetäuscht hatten. Al wandte sich zu Rose und legte ihr die Hand auf die nackte Hüfte. Sie richtete sich auf, wobei seine Hand wie unbeabsichtigt auf ihren Hintern rutschte und auf ihrer runden Pobacke liegen blieb.
   Rose sah ihn belustigt mit ihren blauen Augen an. Er musste daran denken, dass sie immer noch wie ein Waschbär ausgesehen hatte, als sie in seiner Wohnung angekommen waren, da die Sonne im Jenseits ihr die Haut um ihre Brille herum verbrannt hatte. „Es wird schon alles klappen,...“, erklärte sie zuversichtlich.
   Wenn sie das meinte,… Al sah sie spöttisch an. Er wusste, das ein Teil von ihr auch nicht wollte, das Rachel sein Schützling wurde, aber sie sah es zu rational, um es zuzugeben. Rose vertrat die Meinung, dass sie weniger auffallen würden, wenn Rachel bei ihnen war und jeder auf sie schaute, als auf das, was sich im Hintergrund abspielte. Bedauerlicherweise könnte sie da recht haben. Sie waren beide einfach zu rational.
   Al griff seine Taschenuhr aus einer Innentasche seines Gehrockes. „Wir müssen gleich los.“ Das Treffen mit Dali in den Archiven würde bald beginnen. Es wäre das erste Mal, dass sie sich wieder sahen, seit Al vor Wochen sein Büro verlassen hatte, mit Dalis Auflage, den kraftverstärkenden Fluch von Rose zu nehmen. Al weigerte sich seitdem und Dali empfing ihn nicht mehr, wobei die Gründe für letzteres sicher vielseitiger waren. Zumindest hatte Dali ihnen ordentlich Halloween versaut: Der Vertrag hatte vorgesehen, dass Rose über fünf Tage, 70 Stunden für Dali arbeitete und dafür in dieser Zeit freie Kost und Logis, sowie ein Zelt auf dem Fest bekam. Aber auf einmal hatte sie sich das Zelt dann mit allen anderen Vertrauten des Dalliance teilen müssen und ihre Schichten waren nur auf drei von den fünf Tagen des Festes verteilt gewesen. Damit verkürzte sich nicht nur ihr Bonus auf dir drei Tage, sondern es hatte auch keinen Sinn mehr gemacht, dass Al nachkam. Nach jeden Tag mit mehr als einer Doppelschicht, war Rose nicht mehr nach feiern zu mute gewesen und allein als Viola übers Fest zu streifen war langweilig.
   Rose hörte auf, sich langsam anzuziehen. Sie fluchte sich in das dunkle, viktorianische Kleid mit Po-Kissen, anliegenden, gerafften Überrock und passenden, schwarzen Knöchelhandschuhen, um ihn nicht warten zu lassen. Sie war damit, abgesehen von ihren schwarzen Unterröcken, von den Schulterblättern voller schwarzer, durchsichtiger Spitze, bis zum Fuß in einen seidigen, moosgrün-schwarz gestreiften Stoff gekleidet. Das Outfit vervollständigte ein Hut im fein säuberlich hochgesteckten klein gelockten Haar, mit langen grün glänzenden schwarzen Federn, die von einem roten Rubin gehalten wurden.
   Wenigstens der Stoff der Hals, Schulter und Armpartie war leicht durchsichtig. Al hätte eigentlich etwas luftigeres bevorzugt. Auch wenn die Kleidung nicht ganz historisch korrekt war: Rose hatte es sich ausgesucht, um zu ihm, als seine Vertraute, zu passen. Auf diese Weise lief sie wenigstens nicht wie Ceri herum, die mit ihren langen, wallenden Ballkleidern immer sehr nach Prinzessin ausgesehen hatte, die sie auch immer geblieben war. Rose war wie eine Frau aus gutem Hause – züchtig und wohl gekleidet für den Alltag aus Müßiggang. Selbst Al hatte einige Zeit gebraucht, um sich daran zu gewöhnen, dass Rose nicht wie üblich in Jeans und Top – wie sie immer noch im Diesseits durch die Gegend lief - jetzt so viktorianisch im Jenseits durch seine Wohnung streifte. Sie sagte, sie müsste sich an die Kleidung gewöhnen, um mit ihr den Alltag zu bestreiten, wenn sie mit dieser zukünftig am öffentlichen Leben in der Dämonenwelt teilnehmen sollte. Wie es aussah, traf es auf sie beide zu.
   Nur musste Al zugeben, dass die Kleidung des einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht zu ihm passte, auch wenn er in Alltagskleidung im Diesseits einkaufen ging, um nicht aufzufallen. Dauerhaft würde er sich sicher nie an die gerade aktuelle Mode gewöhnen und er war froh, dass er es auch nicht musste.
   Er war der Meister und seine Vertraute kleidete sich nach ihm.
   Er gab Rose einen kurzen Kuss.
   „Es wird alles gut gehen“, erklärte sie nochmal, als wenn sein Kuss ein Eingeständnis gewesen wäre, dass er nervös war.
   „Natürlich“, bestätigte Al leicht sarkastisch. Im Jenseits verliefen Verhandlungen immer noch Plan - nur nicht immer nach den eigenen. Jedoch, egal wie es lief, ob er Rachel als seinen Schützling bekam oder nicht – er konnte nur gewinnen. Entweder er war ab heute ihr Vormund und damit einer der beliebtesten Dämonen im ganzen Jenseits, oder er wäre sie los und das Leck wäre das Problem von Newt allein.
   Das, was Al eher beunruhigte, war die Frage, ob Dali ihm wieder eine Finte schlagen würde: Es war langsam an der Zeit, dass seine Bannung aufgehoben wurde.
   Sie materialisierten sich in der Eingangshalle des Dämonenkollektivs, bei dem Al nie verstanden hatte, weshalb sie es dem FIB Hauptgebäude von Cincinnati angepasst hatten. Am liebsten hätte Dali ihn heute gar nicht dabei gehabt, was er ihm auch durch Rose hatte mitteilen lassen, aber die Verwalter der Archive hatten Al persönlich eine Einladung zukommen lassen. Sie waren die einzigen, die zwischen gebannten und nicht gebannten Dämonen keinen Unterschied machten.
   Einige empörte Blicke einer nahestehenden Gruppe von Dämonen richteten sich auf sie, kaum das sie erschienen waren und erinnerte Al daran, wo sein Platz gerade in der Gesellschaft war. Er ignorierte sie. Er würde so oder so bald nicht mehr gebannt sein, da Dali es nicht ewig aufschieben konnte, ein Revisionsverfahren anzustrengen und da auch Newt von der Partie sein würde, würde sie ihn, als Al seine Tante, hoffentlich unterstützen.
   Wenn nicht, sollte die alte Fettel Krötendreck fressen, da es ihr noch leid tun würde. Al raffte sich und bot Rose seinen Arm an und sie legte ihre behandschuhte Hand auf seinen angewinkelten Unterarm. Zusammen gingen sie an den anderen Dämonen vorbei, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Alle wussten, dass Rachel lebte, doch das es besser war, ihm ebenfalls wohl gesonnen zu sein, hatte sich jedoch bedauerlicherweise noch nicht herumgesprochen.
   Sie stiegen drei Stockwerke tief in den Keller zu den Archive, gingen durch eine polierte Eichentür und fanden sich in einem langen Korridor. Sämtliche Wände hier unten waren voller eingebauter, polierter Echtholz-Vitrinen, die bis zur Decke reichten. Es sah immer ein wenig aus, wie in den Eingeweiden eines riesigen Baumes. In den Vitrinen befanden sich indirekt beleuchtete Bücher, die sich dicht an dicht drängten. Es sei den, die Bibliothekare fluchten sie sich aus ihren Magazinen her. Die Türen waren genau in die Vitrinenwand eingelassen, die sich durch das gleiche Dekor noch nicht einmal sonderlich abhoben.
   Al nahm die zweite Aussparung auf der rechten Seite, die als einzige keine Tür besaß und betrat damit die Rezeption. Der gleiche Dämon wie immer stand hinter dem Tresen und sah von einem Schmökerroman auf, als sie den Raum betraten. Er trug wie immer kein Namensschild. Es war ein leichtes, die Namen herauszubekommen, dennoch hatten sich die Verwalter der Archive irgendwann abgewöhnt, die Schilder zu tragen, einfach um zu signalisieren, dass sie nicht in Gespräche verstrickt werden wollten. Der Preis für den Verrat von Geheimnissen aus den Archiven war hoch, auch wenn die Archivare erst wussten, was sich in den Briefen stand, wenn sie ihn öffneten. Die Verlockung, für einen sehr guten Preis einen kleinen, früheren Blick zu riskieren, wurde dadurch minimiert.
   „Wir haben einen Termin“, erklärte Al.
   Der Verwalter, sah zu einem dicken Buch herüber, ohne lange suchen zu müssen. „Zimmer fünf“, erklärte er, während er das Gesicht verkniff, als wenn er auf etwas saures beißen würde.
   Etwas stimmte also nicht. „Gut“, erklärte Al etwas deprimiert und verließ wieder den Raum. Egal was es war, es war nie gut, auf unerwartete Überraschungen zu stoßen.
   Rose Hand glitt von seinem Arm, als sie vor der Tür mit dem goldenen Ziffernblatt 'Raum 5' traten. Sie warf ihm einen achtsamen Blick zu, als wenn sie bedeuten wollte, dass sie bereit wäre. Sie wusste noch weniger als er, was sich hinter der Tür befand. Al war bereits ein paar mal darin gewesen, das letzte Mal war bereits Jahrhunderte her. Ein alter Freund von ihm war gestorben und in den Archiven waren seine Anweisungen und Verfügungen geöffnet worden. Man hatte einen ausgewählten Kreis an Dämonen, darunter auch seine engsten Freunde, in diesen kleinen Raum gebeten, um ihnen vorzutragen, was er von ihnen gewollt hatte oder welche dunklen Geheimnisse er oder anderen an sein Ableben geknüpft hatten, um sie nun auffliegen zu lassen.
   Al drückte die Klinke und die Tür schwang geschmeidig auf. Dahinter befand sich ein kleiner Raum, dessen wage Erinnerung von Al daran, nun aufgefrischt wurde. Das gleiche Holzdekor mit den Vitrinen zog sich hier weiter. Der Raum war dreimal so hoch wie die Flurdecke, was an den zwei Balustraden der Ebenen, leicht abgezählt werden konnte, die eine enge Wendeltreppe verband.
   An einem runden Tisch fläzten sich wie erwartet Newt auf einen gepolsterten Stuhl neben Dali. Man hatte sie offensichtlich, wie es übliche Praxis war, ohne Archivar warten lassen, bis sie alle vollzählig waren. Bis hier also keine Überraschungen.
   Al trat näher zu ihnen und bemerkte, dass es immer noch nach der trockenen, staubigen Luft roch, die bereits das letztes Mal geherrscht hatte.
   Jemand räusperte sich hinter ihnen, bevor Al auch nur ansatzweise dazu kam, Newt mit einem Handkuss zu begrüßen oder Dali dafür anzufahren, dass er nicht mehr für ihn zu erreichen gewesen war. Ein anderer Dämon aus dem Archiv mit strengen Blick über der eckigen Lesebrille in einem dunkelbraunen Anzug, der zu seinen halblangen Haaren passte, war ihnen zu dem Zimmer gefolgt und stand nun hinter Rose. Sie wich ihm aus, in dem sie sich leicht an die Seite des Durchgangs presste, um Al damit nicht zu behelligen.
   Al machte trotzdem einen lässigen Schritt zur Seite, um den Archivar vorbei zu lassen, wobei er gleich seinen angedachten Platz auf der noch freien Seite neben Newt näher kam und es zumindest schaffte, Newt als Begrüßung zuzulächeln, als er sich setzte.
   „Lassen Sie uns gleich anfangen“, erklärte der Archivar geschäftig, indem er gegenüber von Newt platz nahm. Er warf ihr einen leicht ängstlichen, gerunzelten Blick zu, als wenn er jetzt aufpassen musste, was er sagte. Wenn er etwas tun musste, was gegen ihre Belange war, dann müsste er das auch allerdings.
   Rose sah aus, als wäre ihr leicht unwohl, die einzig anwesende Vertraute zu sein und nahm neben Al platz, bevor sie auch noch die einzige war, die länger stand. Das brauchte sie jedoch nicht. Es war jedem Meister selbst überlassen, wohin er seine Vertrauten mitnahm – zumindest, solange es nicht ausdrücklich untersagt war.
   „Rosi, holst du mir ein Wasser?“ Dalis Blick lag genervt auf ihr, was eindeutig an ihrer Kleidung lag, die zu Al passte. Wenn sie im Dalliance bediente, hatte Rose das an, was er wollte und sie musste ihn 'Meister' nennen. Nun war sie aber offenkundig die Vertraute eines anderen.
   Al musste innerlich grinsen. Allein deswegen hatte es sich gelohnt, sie mitzunehmen. Immerhin war es einer der wenigen Ausflüge in der Dämonenwelt, die er mit ihr durch seine Bannung unternehmen konnte, um sie vorzuzeigen.
   Rose erhob sich. „Möchte noch jemand etwas?“, fragte sie höflich, „Meister? Madame? Sir?“
   Al musste sich auf die Zunge beißen, um sie nicht zurück zu pfeifen. Sie wusste, dass sie selbst als seine Vertraute nicht immer springen musste, wenn andere etwas von ihr verlangten. „Einen Tee“, erklärte er stattdessen locker und lehnte sich auf seinen gepolsterten Stuhl zurück. Er wusste, dass sie nur zuvorkommend sein wollte und es machte ihn rasend.
   Rose blieb noch kurz an ihrem Platz stehen, um weitere Bestellungen entgehen zu nehmen. Der Archivar, der damit beschäftigt war, seine Unterlagen auszupacken, beachtete sie nicht und Newt wirkte abwesend, bis Rose sich bewegte, um zu den kleinen Beistelltischchen zu gehen. Newt sah sie direkt an. „Habt ihr die Kekse, die ich das letzte Mal bei euch gegessen habe?“
   Dali sah Newt ein wenig verblüfft an. Neben der Tatsache, das Newt sie offizielle nicht besuchen durfte, dürfte klar sein, dass es hier die Kekse nicht gab.
   „Wieder mit einem Ingwer-Tee zusammen?“, fragte Rose ungerührt und Newt nickte.
   Es wäre mehr als nur zufällig, dass Rose etwas von den Keksen eingesteckt hätte, jedoch hatte sie sie in letzter Zeit immer bereit gestellt gehabt, für den Fall, das Newt sie besuchte. Einen Aufrufe-Zauber durch die Kraftlinien später waren sie da. Glücklicherweise gehörte sie Al mittlerweile lang genug, so dass sie den Zauber beherrschen könnte und wenn es Unklarheiten gab, konnte sie den führenden Fachmann in Unterrichten von Vertrauten fragen - der nämlich er war. Es war eines der Dinge, die Al auch zu einen guten Vormund machen würden. Er wusste, wie er Rachel etwas beibringen konnte. Die anderen Dämonen befassten sich weniger mit Lehrlingen. Dali lehnte sogar so etwas wie enge Vertraute ab.
   Der Archivar räusperte sich. „Es liegen uns vier Dokumente, hinsichtlich der Stellung eines Antrages auf Sorgerecht von Rachel Mariana Morgan, vor“, erklärte er mit bedeutungsschwangerer Stimme, „drei davon sind von Newt...“ - und die letzten zwei waren von ihr wahrscheinlich nur gestellt worden, weil sie vergessen hatte, bereits eines gestellt zu haben, ergänzte Al süffisant in Gedanken- „ … und wir berücksichtigen nur die beiden ältesten. Nach unseren Unterlagen hat das Sorgerecht nach Möglichkeit an beide Geschlechter zu gehen, leider gibt es eine Diskrepanz.“ Er machte eine bedeutungsschwere Pause, in der er die Hände auf seinen Dokumenten auf den Tisch faltete, „ denn das zweite ist von ihnen beiden.“, wobei er Al und Dali ansah.
   Von uns beiden? Al blickte wütend zum Archivar. Es war unmöglich, dass das zweite Dokument von 'ihnen beiden' war, denn er hatte es alleine gestellt. Er blickte in die Menge und Dali sah vollkommen ruhig aus, nur Newt wirkte ebenfalls irritiert.
   Heiliger Eitereimer. Die Erkenntnis traf ihn, wie ein Blitzschlag. „Sie haben zugelassen, dass er mein Dokument abändert!“, Al sprang wütend auf und schlug mit den Händen auf den Tisch.
   Der Archivar sah ihn mit schmalen Lippen an, die genug Schuldeingeständnis waren. Dali hatte Einsicht in die Dokumente erhalten wollen, die Al hatte aufsetzen lassen, für den Fall, das herauskam, das Rachel eine Dämonin war, was kurz vor ihrem Ableben passiert war.
   Erst hatte Al sich nur nicht um den Papierkram kümmern können. Er hatte in seiner Wohnung fest gesessen und die bewusstlose Rachel bewacht und dann war sie auch schon offiziell für Tod gehalten worden. Die Dokumente, die ihre Vormundschaft regeln sollten, hatten zu diesem Zeitpunkt keine Rolle mehr gespielt. Dali hatte einen Blick drauf werfen wollen und Al hatte einfach nicht geschaltet, er hatte gedacht, dass er es nur aus Neugier tat. Viele Dämonen taten vieles nur aus Neugier.
   Der Archivar zog ein Papierstück aus einer Akte und legte es auf den Tisch, so dass Al und die anderen es sehen konnten. Es war nicht die Beste Fälschung, die Al je gesehen hatte. Es war aber mit tödlicher Sicherheit sein Blut, das Dali sich irgendwo her besorgt hatte und ganz dreist hinter Als Namen einfach ein 'und' gesetzt und säuberlich in Als Handschrift seinen Namen eingetragen hatte. Es fiel deutlich auf, aber es war trotzdem bindend.
   Es war ein Skandal.
   Es war etwas, was Al in den vergangenen sechstausend Jahren, in denen er lebte, nie zu Ohren gekommen war.
   „Wir sind um Schadensbegrenzung bemüht“, erklärte der Archivar etwas blümerant, „und sind bereit, ihnen allen das gleiche Recht zuzugestehen.“ Das konnte er sich vorstellen.
   „Wie oft kommt es vor, dass sie so etwas vertuschen?“, fragte Al schneidend.
   Die Augen des Archivars richteten sich auf ihn. „Nicht so oft, wie sie jetzt annehmen – es ist ein äußerst bedauerlicher Einzelfall.“
   Dali räusperte sich. Er sah immer noch unheimlich lässig aus, so als wüsste er bereits, dass er gewonnen hatte. „Du solltest dich setzen.“
   Al sah wütend zu ihm herüber. Er wollte ihn nicht recht geben, aber Dali hatte mit der Vormundschaft über ihn und über Rachel alle Trümpfe in der Hand. Wenn er nicht aufpasste, dann würde Al noch den Rest von Rachels Mündigkeit in Dalis Obhut verbringen. Der Gedanke behagte Al nicht. Er hörte auf, sich mit den Händen auf den Tisch zu stützen und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Wenn das Dalis Plan von Anfang an gewesen sein sollte – mit dem bitteren Detail, kein Revisionsverfahren für ihn anzustrengen - dann saß er tief in der Scheiße.
   Newt sah ebenfalls aus, als wenn sie darüber nachdachte, ob es ihr gefiel. Aber selbst wenn Al und Dali zusammenhielten und sich noch zwei ebenso begabte männliche Dämonen anschlossen, würde sie trotzdem noch Kraft technisch obsiegen. Eigentlich konnte es ihr nur recht sein, dass die beiden sich stritten, während sie mit ihren verrückten Kopf die Zügel in den Händen hatte.
   Sie schien zu einen ähnlichen Entschluss zu kommen, denn sie lehnte sich entspannt zurück.
   „Ich werde rehabilitiert“, erklärte Al mit fester Stimme seine Bedingungen, „meine Bannung wird aufgehoben und Dalis Vormundschaft endet über mich.“
   „Wir können Ihnen das nicht garantieren“, erklärte der Archivar und sah dabei vollkommen neutral aus, „es obliegt nicht unseren Zuständigkeitsbereich, diesen Forderungen nachzukommen, obgleich,“ und sein Blick heftete sich an Newt, „sie es in die Wege leiten könnten.“
   Wenn sie es denn wollte. Al starrte zu Newt, die ihn keines Blickes würdigte, sondern den Archivar betrachtete. Wenn alle Stricke der Dämonengesellschaft rissen, war Newt es immer noch, die richtete. Leider gehörte sie auch zu der Verschwörung, die Rachel monatelang vor ihm versteckt hatte.
   „Es muss ein Verfahren angestrengt werden“, entschied sie schließlich langsam und Dali zuckte locker mit den Schultern. Er war Als Rechtsanwalt, wenn, dann müsste er es tun.
   „Wann genau?“, beharrte Al.
   Dali warf ihm einen kalten Blick zu.
   Der Archivar zückte eine Schreibfeder. Es war auch in seinem Interesse, dass es später keine Reibungen gab, weshalb er sich daran machte, einen wasserdichten Vertrag aufzusetzen, denn dass war etwas, das die Archivare konnten – der Vertrag würde sicher auch einige Verschwiegenheitsklauseln beinhalten. „Was halten Sie von anderthalb bis zwei Wochen?“
   Es klang nach viel Zeit, aber Al wusste, dass es einigen Aufwand bedeuten würde, alle zu überzeugen. Sein Ruf war nicht der Beste in der Dämonengesellschaft.
   Dali verzog etwas den Mund, willigte dann jedoch ein. Nur weil Al einen Revisionsprozess erhielt, war immer noch nicht Unbestreitbar klar, dass er vollkommen freigesprochen wurde, zumindest bei dem Anwalt und der Richterin, die beide etwas davon hatten, ihn klein zu halten.
   „Wir legen fest, dass es jeweils zwei ‚Elternpaare‘ geben wird, die sich um das Mündel kümmern“, erklärte der Archivar und zog etwas aus einer Mappe, was ein bereits fertig verfasster Teil des Vertrages zu sein schien. „Es ergibt sich selbstredend das Problem, dass es keine zweite Frau gibt, die den Part der zweiten Mutter einnimmt. An dieser Stelle gibt es noch Klärungsbedarf.“
   Newts Augenbraue erhob sich verärgert und der Archivar verstummte kurz angespannt. „Warum gerade als Elternpaare?“, hakte sie nach. Es schien ihr ganz und gar nicht zu gefallen, einen Partner zugewiesen zu bekommen.
   Der Archivar zuckte unbeholfen mit den Schultern, sah dabei aber eingeschüchtert aus. „Wir haben alte Fälle studiert und es war wohl bei Mündeln, die bis jetzt gängige Praxis, Paare auszuwählen.“
   Das war nicht das, was sie hören wollte. Newt sah ihn eisig an, auf dass er jetzt nichts falsches sagen sollte und erinnerte Al damit etwas zu sehr an Marie, die jemanden mit ihren bösen Blick strafte. Der DNA Test war zumindest schon mal bestanden.
   „... oder etwas, was dem nahe kam, wie eine gute Freundschaft...“, ergänzte der Archivar schnell, wobei er mit einem fahrigen Blick von Dali zu Al versuchte, Bestand zu bekommen, „oder ein nahes Verwandtschaftsverhältnis,...“, fragte er fast schon an Al gewandt.
   Al sah ihn abwartend an. So eng schien das Verhältnis von ihm und Newt nicht zu sein, wenn sie das ihrem Neffen antat.
   Die Archivare mussten wirklich geknobelt haben, wer Newt erzählt, dass es besser wäre, dass sie sich einen Ehemann gesucht hätte, da ihr jetzt einer verpasst werden würde und dass sie das letzte Weibchen war, hatte sie mit den Morden an ihren Schwestern auch zu verantworten.
   Der Archivar starrte ihn noch kurz hilfesuchend an, bis er sich wohl eingestand, dass er sich da selbst wieder herauswinden musste. „Wir gestalten es selbstverständlich offen“, erklärte er wieder an Newt gewandt, die ihn immer noch wie eine Schlange fixierte, „da wir die Erziehung als zwei … Partner“ - rettete er sich - „begreifen, ist die ungerade Zahl nicht sonderlich dienlich. Wie gesagt, fehlt eine zweite, weibliche Person.“
   Und weibliche Personen waren im Jenseits eher selten. Wenn überhaupt gab es Violas – männliche Dämonen, die entschieden hatten, als Frauen oder besser in weiblicher Gestalt zu leben. Das war jedoch sicherlich das letzte, was Newt wollte und die Violas sicherlich auch, zumal die meisten Angst vor ihr hatten.
   „Es wäre das Beste, diese Lücke mit einem Namen zu füllen, damit jedes Risiko ausgeschlossen wird, wobei eine konkrete, lebende Person das Optimum darstellen würde“, brachte der Archivar bestärkend hinzu, als Rose wie zufällig gerade die Kekse auf den Tisch stellte.
   Newt sah sie überlegend an. Eine Vertraute – die perfekte Lösung. Es war jedoch klar, dass sie nie so dumm sein würde, in ihrer verwirrtesten Sekunde auch nur ansatzweise daran zu denken, eine Vertraute eines anderen Dämons in den Vertrag zu setzen, zumindest nicht, wenn einer von ihren drin stehen konnte.
   Der Punkt jedoch blieb: Eine Vertraute, als zweite Mutter wäre perfekt. Sie hätte nichts zu melden und selbst Rachel durfte sich gegen sie auflehnen, ohne das irgendwer etwas dagegen sagen würde.
   Al würde zu gerne sehen, wie Rose unterschrieb und dann Newt sowie Dali herausbekamen, dass sie einer Dämonin statt einer Hexe erlaubt hatten, zu unterzeichnen.
   „Wir werden bis Sonntag jeder einen Favoriten wählen und es dann austragen“, erklärte Dali, als wäre es bereits sicher und nippte an seinem Glas Wasser.
   „Freitag“, erklärte Al entschieden. Dali würde vorher Rose nicht mehr bei der Arbeit im Dalliance in die Finger bekommen. „Rachel muss sich am Wochenende auf ihre Kurse am College vorbereiten.“
   „Dann eher Freitag in einer Woche“, Dali sah aus, als wenn ihm selbst die vier Tage mehr, mehr als nur zu kurzfristig waren. Immerhin hielt sich Dali keine besonders gut ausgebildeten Vertrauten, sondern mietete sie sich.
   „..und dann gleich im Anschluss das Duell?“, Newt grinste dermaßen böse, als wenn sie bereits sicher wäre, das ihre Vertraute gewinnen würde.
   „Dann werde ich mich gleich hier und jetzt für eine meiner Vertrauten entscheiden und dafür habt ihr beide dafür Sorge zu tragen, dass sie auf keinen Fall irgendwie bis dahin verunfallt“, erklärte Al und öffnete damit endgültig Angel und Tor für irgendwelchen Sonderwünsche. Solange diese jedoch nicht miteinander kollidierten und Rose bis zu dem Dreikampf in Sicherheit war, wäre alles andere annehmbar.
   „Wenn Rosi etwas passieren würde, hätte ich einen Dienstausfall“, erklärte Dali leicht entrüstet klingend, als wenn er nie daran gedacht hätte. Wenn Newt ihm jedoch im Nacken saß, würde definitiv nichts passieren. Niemand würde etwas wagen. Dali würde also etwas mehr als eine Woche bekommen um Brooke auszubilden, das eigentliche Problem wäre aber Newts Vertraute, bei denen keiner etwas sagen würde, wenn sie etwas mehr drauf hatte, als sie eigentlich durfte.
   Rose warf Al einen beunruhigten Blick zu, als sie den Tee vor ihm abstellte. Er bezweifelte jedoch, dass sie es wirklich war. Das sie gewinnen konnte, stand außer frage, nur was würde sie offenbaren müssen, um dies zu tun?
   
   
   Nick
   
   „Und du meintst, dass sie wirklich kommen wird?“, fragte Ellasbeth aus dem Badezimmer ihres Privatbereiches im Institut heraus, in dem sie gerade mit angelehnter Tür angekleidet wurde. Das Thema ließ sie nicht los, seit er heute Mittag ohne ein wirkliches Ergebnis zurück gekommen war.
   „Sie wird zur Gala kommen“, behaarte Nick noch einmal und war froh, dass er sich von ihrer Nervosität nicht anstecken ließ. Er saß draußen am Küchentisch an seinem Laptop und war für eine zweite Meinung bei der Kleidung zuständig - was jedoch meist nur stilles Nicken meinte. Rachel mochte nichts mit Gentechnik, aber sie wollte eindeutig Trent wiedersehen, dass hatte Nick ganz eindeutig von ihr wahrgenommen. Zusammen mit Rachels untrüglichen Geschick, Chaos zu verbreiten, würde sie definitiv kommen. Er hatte Kathi gesagt, dass er sie unterrichten sollte, sobald 'Miss Morgan' zusagt hatte. Jetzt konnte er erst einmal nur froh darüber sein, dass ihre erste Begegnung nicht in einer Katastrophe geendet hatte. Sie hatte ihm geglaubt, dass er Nicholas Wright war.
   „Fertig“, verkündete Stefanie und öffnete die Tür, als wollte sie Ellasbeth angemessen präsentieren.
   Nick tat ihr etwas zögernd den Gefallen, aufzustehen, auch da er vom Tisch nicht ins Badezimmer sehen konnte. Eine doppelte Vorsichtsmaßnahme von ihm, denn er wollte nicht, dass es zu peinlichen Momenten kam, wenn er Ellasbeth halbnackt vor den Augen anderer zu Gesicht bekam. Jetzt, da Stefanie die Tür geöffnet hatte, schien es jedoch sicher zu sein, dass sie angezogen war.
   Nick trat heran und ihm ging vor Erstaunen der Mund auf. Es war kein Wunder, dass Ellasbeth sich in der letzten viertel Stunde gleich mehrfach beschwert hatte – sie sah fantastisch aus – aufreizend fantastisch. Etwas, was sie offensichtlich auch beführchtete. Sie trug ein hellgrünes Meerjungfrauenkleid mit tiefen Carmenausschnitt und enganliegenden Ärmeln, die wie große Teile ihres Oberteils, so durchscheinend waren, dass sie kaum auffielen. Weshalb die meisten der vielen Applikationen aus Perlen und Swarovski-Kristallen aussahen, als wenn sie auf die nackte Haut genäht wären. Ellasbeth stand mit starren Gesichtsausdruck und auf der Unterlippe kauend zwischen Designer Waschbecken und Badezimmerschrank auf einem Hocker, so dass ihr enganliegendes Kleid mit kleiner Schleppe immer noch genügend Platz hatte, auszulaufen ohne irgendwo anzustoßen. Dass das Badezimmer nur einen kleinen Spiegel vor dem Waschbecken hatte, hatte definitiv seinen Vorteil – denn sonst hätte sie die Zeit gar nicht erst abgewartet, um das Kleid abzulehnen.
   Ellasbeth sah aus, als wenn sie Nicks entgeisterten Gesichtsausdruck als Vorwarnung neben würde und glitt geschmeidig vom Schemel herunter. Sie kam mit einer eisiger Miene heraus, als wenn man sie schwer beleidigt hätte. Ihr Kleid war definitiv das, was die meisten Frauen bei großen Galen, bei denen sie im Mittelpunkt standen, tragen würden. Dazu kam noch Ellasbeth wunderschönes Äußeres. Es verkündete geradezu, dass sie die wichtigste Person des Abends wäre.
   Es war jedoch nichts, was sie tragen würde. Allein, weil es zu freizügig wirkte. Es wurde Nick in der Sekunde klar, als sie sich mit kritischen Blick vor den großen, fünfflügeligen Schminkspiegel drehte, der sich an der Stirnseite des Privatraums, gegenüber von der Küche, befand. Ihr Rücken war fast bis zum Steiß transparent mit Steinen und Perlen in Szene gesetzt.
   „Sie sehen wundervoll aus – unvergleichlich“, meinte Stefanie begeistert. Besonders beim Wort 'unvergleichlich' verzog Ellasbeth den Mund, was der Assistentin von Ivano aber gar nicht auffiel. Sie war viel zu sehr davon geblendete wie gut Ellasbeth das Kleid stand. Es war eine Sonderanfertigung von Ivano Angelo, einem Designer, mit dem Ellasbeth bereits befreundet war, bevor seine Models begonnen hatten, auf sämtlichen Laufstegen dieser Welt zu laufen.
   Nick würde einiges dafür tun, dass sie das Kleider trug. Einfach weil Ellasbeth es nicht tat, weil sie sie nicht mochte, sondern weil sie glaubte, dass es nicht zu ihrer Rolle passte. Sie wollte schlicht und ergreifend angemessen aussehen.
   Ellasbeth nestelte kritisch an ihren Ausschnitt, der durch den dünnen Stoff zwar nicht allzu tief war, dennoch ihre Brüste provokant in Szene setzte. „Ich nehme es“, meinte sie mehr zu sich selbst, als zu jemand anderen.
   Nick, der kurz versucht gewesen war, wieder zurück zu seinen Unterlagen zu kehren, weil er sie nicht anstarren wollte, sah sie erstaunt an. „Sie wollen es?“
   Ellasbeth nickte etwas steif, als wenn sie seinen Einwand – der nicht wirklich einer war – verstand. „Nicht für die Gala“, erklärte sie jedoch sofort und klang dabei eine Spur zu beiläufig, als wenn sie es sich heimlich doch vorstellen könnte.
   Nick hatte den leisen Verdacht, dass sie besonders bei ihrer Institutseröffnung bei allem auf Nummer sicher gehen wollte. Sie war geradezu nervös. Es war ihr unheimlich wichtig, dass alles an dem Tag klappte und deswegen war es eine absolute Schnapsidee, an diesem Tag zu versuchen, Trent zu verkuppeln.
   „Ich möchte auch das andere für mich entworfene Kleid von Ivano probieren“, erklärte sie Stefanie, die bereits voller Unverständnis erstarrt war, als Ellasbeth verkündet hatte, dass sie dieses Kleid nicht zur Gala tragen wollte. Sie nickte etwas steif, dann eilte sie aus dem Privatbereich hinaus in Nicks Büro, in dem sie eine ganze Kleiderstange voll Kleidung untergebracht hatte.
   „Es wäre das richtige Kleid – du siehst wirklich atemberaubend schön aus“, meinte Nick leise, darauf bedacht, dass ihn kein anderer als Ellasbeth hören konnte.
   Sie warf ihm einen leicht bitteren Blick zu, als wenn sie triftige Gründe hätte es nicht zu tragen und es sich nicht gehörte, dass er es – zumindest hier – zu ihr sagte.
   „Miss Withon“, fügte er noch leiser hinzu, wobei er nicht umhin konnte zu schmunzeln, als wenn er sich verbessern müsste, und fügte hinzu, „sie sehen immer genau richtig aus – genauso wie sie sind.“
   Ellasbeth Wangen wurden rosa. „Haben Sie die Listen für die einzelnen kommenden Veranstaltungen geprüft?“, fragte sie etwas lauter als nötig, als wenn sie das andere Thema unbedingt beenden wollte.
   „Ja“, entgegnete Nick und tat ihr den Gefallen, weil er wusste, das alles andere sowieso keinen Zweck hatte. Er hatte den ganzen morgen damit verbracht, sich einzulesen. Die Institutseröffnung und die Inbetriebnahme der nächsten Wochen war durchgeplant, Halloween war keine Woche her, bald kam Thanksgiving, also begann Ellasbeth und er sich nun damit zu beschäftigten, was Weihnachten, Silvester und was danach noch alles kam – ein ewiger Wettlauf: Aber immerhin nie langweilig. „Ich hätte ein paar Anmerkungen zu den Weihnachtsbasar für die Obdachlosen und Bedürftigen nach dem Weihnachtsessen, die Sie für Kalamack Industries mit koordinieren: Was halten Sie von einen Stand mit Friseuren?“
   „Halten Sie das für eine gute Idee?“, Ellasbeth blickte skeptisch drein. Ihre Gesichtszüge begannen sich jedoch etwas zu entspannen, als wenn sie sich wieder auf sicheren Terrain befinden würde.
   „Arme Familien gehen nicht zum Friseur, weil sie es sich nicht leisten können. Meist schneiden die Mütter den Kindern und sich selbst die Haaren. Obdachlose haben dafür erst recht kein Geld.“
   „Machen Sie eine Notiz: Wir haben sowieso noch etwas offene Stellfläche. Ich werde ein paar befreundete Friseure anfragen“, meinte Ellasbeth, wobei wohl irgendwas im Spiegel an ihrem Kleid, wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich zog und sie sich zur anderen Seite drehte, wie als würde sie befürchten, dass sie eine Ansicht noch nicht bemerkt hatte, in der sie noch mehr nackte Haut zeigte. Es wäre eigentlich niedlich, wenn diese Angst sie nicht so in ihrem Handeln einschränken würde.
   Das Problem an diesen Kleid war sowieso, das Nick keine Ahnung hatte, wie er sie überhaupt daraus bekommen sollte – es sah nicht aus, als wenn es überhaupt eine Naht hatte. Es war trotzdem nur ein unzureichendes Trostpflaster. Nick wollte gerade mit seiner Liste an Anmerkungen weiter machen, als Stefanie mit einem dunkelblauen Kleid zurückkehrte. Sie sah nicht sonderlich begeistert aus, aber Ivano war es von Ellasbeth bereits gewohnt, dass sie manche seiner Kleider einfach ablehnte. Er liebte es trotzdem, hübsche Kleider für sie zu entwerfen und Nick hatte das leichte Gefühl, dass er versuchte, sie damit aus der Reserve zu locken.
   „Wie öffnet man eigentlich das Kleid?“, fragte Nick, um Stefanie abzulenken, die immer beleidigter aussah. Da Ellasbeth, sich in dem Kleid weiterhin vor dem Spiegel drehte und ihre Miene dabei immer eisiger wurde. Es nichts Neues, dass andere bei Ellasbeth kritischer Gesichtsausdruck meist immer das Schlimmste annahmen.
   „Es wird mit einem Faden verschlossen, der mit einem Haftzauber alles an Ort und Stelle hält. Man muss nur mit den richtigen Zauber die Naht mit den Fingern abfahren, um diese zu verfestigen oder zu lösen“, beantwortete Stefanie die Frage, was nicht nur sie dazu brachte den Blick endlich von Ellasbeth abzuwenden, sondern auch Ellasbeth Aufmerksamkeit auf sich zog.
   „Zeigen sie es ihm“, meinte Ellasbeth eine Spur zu schnippisch, „vielleicht muss er mir mal helfen.“ Und das würde er wirklich nur zu gerne. Nick achtete darauf, neutral auszusehen. Ellasbeth hielt ihnen beiden den rechten Arm mit erhobenen Hand entgegen, als wenn sie zusehen sollten, sie aus dem Kleid zu holen.
   „Das kniffeligste ist sich zu merken, wo der Faden verläuft, aber man kann den Verlauf, wenn man etwas übt mit den Fingerspitzen erfühlen“, Stefanie legte das dunkelblaue Kleid mit neuen Mut, wie als könnte Ellasbeth sich doch noch für das richtige Kleid entscheiden, beiseite. Aber die Chance war genauso gering, wie das Ellasbeth sich von ihm vor einer Fremden mehr als bis zur Schulter entblößen ließ – Sie würde ein anderes Kleid nehmen.