Dämonenblut

von GreyC86
GeschichteAllgemein / P18 Slash
Algaliarept "Al" Ellastbeth Withon Ivy Alisha Tamwood Nicholas"Nick" Sparagmos Rachel Mariana Morgan Trenton "Trent" Aloysius Kalamack
10.08.2018
10.02.2020
16
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   Telor

   Telor stand fassungslos fünfzig Meter entfernt von dem Betonbau, hinter dem sich der Elfenwald erhob und starrte auf die Verwüstungen. Die Plattform und was sich darauf befand, war vollkommen unangetastet, genauso wie die Erde darunter, die fast schon versteinert wirkte. Dafür hatten die Schattenwesen um das Teil herum geradezu gewütet und in ihrem Wahn hinein zu kommen, so sehr die Erde aufgewühlt, dass ein riesiger Graben um den Steinkreis entstanden war. Der Aushub war bis zu hundert Meter weit gespritzt. Trotzdem hatte jemand am Ende zu allen vier Seiten die Erde wieder aufgeschüttet und verfestigt, so dass man schnell zu dem Konstrukt laufen konnte.
   Es war bekannt, dass die Schatten schlau waren und graben war nur eine sehr einfache Methode, um hinein zu kommen. Es musste ein regelrechtes Spektakel gewesen sein.
   Eine Linie zuckte in der Nähe von Telor und verkündete, dass Moran eingetroffen war. Es war ansonsten keine Präsenz wahrzunehmen – was auch der Grund war, weshalb sie sich mit vielen kleinen Sprüngen, bei denen sie sich nur in Blickweite fortbewegen konnten, bis hier her zurück bewegen hatten müssen. Es war bereits später Vormittag und durch den frühen Winter stand die Sonne noch nicht hoch.
   „Hat wer überlebt?“, fragte Moran und nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche, anstatt einfach einen Ortungszauber zu wirken. Zudem war die Frage, wie des Öfteren, von ihm nicht durchdacht: Wenn sie einen Dämon hier hätten orten können, hätten sie auch gleich wieder hier her springen können. Falls hier irgendwo noch ein Überlebender kauerte, dann mussten sie ihn erst suchen. Dafür war Moran allerdings ein guter Fährtenleser und Kampfmagier – auch wenn er immer wie ein Waldschrat, mit seinen zotteligen, schwarzen Haaren, herum lief.
   „Nein“, entgegnete Telor ruhig. Die vielen Kraftliniensprünge, die sie immer wieder ausgeführt hatten, machten den Kopf weich. Die Dämonensiedlungen waren zwar dadurch sicher, dass sie sich von den Elfenwäldern fern hielten. Leider waren sie deshalb aber auch schwer zu überwachen.
   Es hatten viele Dämonen gewettet, ob der Zirkel von letzter Nacht überlebt hatte. Zumal das Dämonenkollektiv für eine ganze Nacht die Möglichkeit ausgesetzt hatte, in andere Dämonensiedlungen oder andere öffentliche Orte im Jenseits, weltweit zu springen. Damit war auch die ganze Gesellschaft zum Erliegen gekommen. Telor hatte wie immer eine Silbermünze auf 'Alle überleben' gesetzt – einfach, weil er auch hoffte, dass, wenn einer der Grenzwächter hier über Nacht bleiben musste, dass sie es auch taten.
   Bevor das Ganze hier zu einem wahren Großereignis ausartete, wollte sich Telor jedoch ein eigenes Bild machen. Die nächsten Tage würden die Schatten sicher wieder kommen, um zu schauen, ob sich nicht noch mehr Dämonen hier blicken ließen. Weshalb ihm und den anderen Grenzwächtern des Elfenwaldes die undankbare Aufgabe zufiel, immer wieder hier her zurück zukehren, bis es niemanden mehr interessierte. Auch, um die anderen, todessüchtigen Dämonen davon abzuhalten, wenn sie in Bedrängnis gerieten, zu einer Siedlung zu springen - am besten mit einigen dutzend Schatten, die sich einfach an ihre Fersen hefteten, in dem sie den Pfad ihres Liniensprunges folgten.
   „Beginn schon mal mit der Absperrung zum Wald“, instruierte Telor. Es war eine simple Methode, aber zumindest unter ihrer Aufsicht war ein wenig Flatterband ein ausreichender Schutz, der die anderen Dämonen davon abhielt, einfach mal in den Wald zu staksen und spontan nach Ingredienzien zu suchen, einfach nur mal 'schauen zu wollen' oder im Überschwung dort zu vögeln – alles schon erlebt.
   Telor bekam jetzt bereits Kopfschmerzen.
   Er ging geraden Schrittes auf den Bau zu, nur um weniger als einen Meter davon entfernt eine Präsenz wahrzunehmen, die er nicht zuordnen konnte. Es war fast eher eine Atmosphäre. Er streckte die Hand mit seinem Rotholzstab aus, nur um auf eine unsichtbare Barriere zu stoßen, die ihn davon abhielt, die Steine auch zu berühren. Er zögerte kurz und streckte dann die Hand aus, nur um auch mit ihr nicht weiter zu kommen oder sie auch nur zwischen den Säulen hindurch zu strecken. Ab den Sockel war kein Fortkommen möglich. Es war wie eine massive Mauer, ohne das er irgendeine Magie spürte – nur diese Präsenz. Es war eindeutig kein Schutzkreis. Es war verdammt ungewöhnlich und es würde sicher einige Zeit dauern, bis die anderen Dämonen das Interesse verloren – so eine dämliche Scheiße.


   Nick

   Die Armbanduhr piepste. Nick atmete angespannt aus, während er begann, langsamer zu werden und das Laufband anzuhalten, auf dem er eben noch im schnellen Tempo gejoggt war. Es war verrückt, aber die ganze Nacht untätig in dem Heiligtum von Amber zu sitzen, hatte seinen Bewegungszwang erst so richtig angekurbelt. Nick stieg von dem Band und wäre am liebsten unter die Dusche gesprungen, dafür reichte jedoch die Zeit nicht. Er ließ einen Sauberkeitsfluch über sich gleiten und ging zum Wohnzimmertisch, auf dem er seine Armbanduhr, mit dem integrierten Dämonenfluch von Ku'Sox, hatte liegen lassen.
   „Tik-Tak“, meinte Adam, der mit seinen heute lilafarbenen Haaren auf dem bequemen, weißen Ledersessel faulenzte und dabei seinen Laptop auf dem Schoss hatte.
   „Ich weiß,...“, Nick musste sich beeilen. Er legte die Armbanduhr um und entzündete den Fluch, der seine schwarzen Haare gold-blond, seine blasse, nur noch sehr leicht vernarbte Haut - auch wenn seine Ohren immer noch einigermaßen zerbissen waren - bräunte und narbenfrei machte. Er hielt sich auch nicht mit der Kleidung von Nicholas Wright auf, sondern kleidete sich mittels Fluch komplett um, so wie er vor einer knappen Stunde hergekommen war, bevor er sich in die Sportkleidung geflucht hatte.
   Nick war heute Vormittag bei der Büroarbeit für Ellasbeth die Decke auf den Kopf gefallen, weil er nicht genügend Bewegung bekommen hatte. Sonst tobte er sich meist vor der Arbeit aus – das war jedoch durch die Errichtung des Heiligtums ausgefallen.
   „Gibt es was Neues?“, fragte Nick, während er den Sitz seiner Krawatte nochmal prüfte.
   Adam tippte auf seinem Laptop und Nick wusste ganz genau, dass er die Kamera scharf stellte, die er oben in den Wipfeln von einem der Elfenwaldbäume versteckt hatte. Die Dämonen hatten sie noch nicht entdeckt und wenn, mussten sie erst einmal heraus finden, wie sie überhaupt funktionierte und bis dahin hatte Adam bereits alle Spuren im Diesseits verwischt, „Ein richtiger Volksaufstand. Newt ist auch da.“ Adam verzog das Gesicht, als wenn er etwas falsches gesagt hätte. „Kann die einen mich hören? Ich schwör´ dir, ich hab den Namen von-du-weißt-schon-wem gesagt und sie hat in der Sekunde zu dem Baum hoch geschaut“, ärgerte er sich.
   „Vielleicht ein Zauber?“, die Antwort klang gar nicht so dumm, wie Nick erst gedacht hatte. Immerhin benutzte Adam Magie sowie Technik, um aus dem Jenseits auch nur ein Signal zu bekommen.
   Adam zog die Augenbrauen hoch. Es war aber schwer zu sagen, ob er beunruhigt war oder es nur für unwahrscheinlich hielt.
   „Hat Evert sich gemeldet?“, versuchte Nick die Liste weiter abzuhandeln. Nach Al und Rose brauchte er nicht zu fragen. Nach zwei Tagen endloser Fahrt im Jenseits, hatten die beiden nur noch nach Hause gewollt. Da war die Chance größer, das Evert etwas neues wusste, da er angefangen hatte den Schwarzmarkt zu unterwandern.
   „Auch nicht viel – vielleicht später, ist ja auch erst ein paar Stunden her. Ich bring´ dich raus“, Adam stand auf und lümmelte sich neben der Eingangstür gegen die Wand. Sein Mitbewohner sah dabei mal wieder viel zu gut für einen Hetero aus, was wahrscheinlich einer der Gründe dafür war, dass sie mittlerweile das vollkommen offizielle schwule Pärchen des Mietshauses waren. Es schien Adam sogar Freude zu machen, in dem er mit kleinen Attitüden Salz in diese Wunde streute, nur um dann mehrfach die Woche in seiner geheimen Stadtwohnung Frauen und Männer gleichermaßen flachzulegen – er war da nur wenig wählerisch. Nick musste zugeben, dass es auch Vorteile hatte: Da sie offiziell ein Paar waren, waren sie weg vom Single-Markt und weder die Frauen-WG im Erdgeschoss, noch der gutaussehende, penibel auf sein Äußeres achtende Kerl im Dritten, konnten daran etwas ändern. Wodurch ihre WG auch vollkommen frei von Hormonen war, die beim Sex ausgeschüttet wurden. Auch, wenn sie sie nur wirklich ansprachen, wenn sie frisch waren: Welcher Inkubus-Hybride, war nicht froh, ein wenig ruhe zuhaben, ohne andauert angefixt zu werden?
   „Grüß´ Beth von mir,...“, Adam überreichte Nick statt einer braunen, recycelbare Papiertüte mit seinen Einkäufen, ein kleines Paket.
   Na, das war ja klar,... Nick schnaufte hörbar. Er hatte das Paket schon erwartet, wusste aber, dass es auf keinen Fall Adam sehen sollte.
   „Aus New York“, bestätigte Adam, als wenn Nick es bitte jetzt sofort öffnen sollte, so dass er sehen konnte, was darin war.
   Nick schnitt eine Grimasse: „Die Tüte vom Wochenmarkt, bitte.“
   Adam sah fast schon schwer enttäuscht aus.
   „'Beth' hat etwas in ihrem Hotelzimmer zu Halloween vergessen und ich habe es ihr nachschicken lassen.“
   „Hierher?“
   Nick starrte ihn unverwandt an. Ihnen beiden war klar, dass Ellasbeth ihm die Schuld geben würde, wenn sie sich dadurch auch nur ein kleines bisschen besser fühlen würde und in diesem Fall würde sie das definitiv tun. Immerhin hätte Nick auch auffallen können, dass sie ihr Halloween Kostüm vergessen hatte – und zwar in der tiefsten Ecke unter dem Bett, wo es hin gerutscht war, nachdem er es ihr mit den Zähnen ausgezogen hatte. Sonst waren ihre Halloween-Kostüme eher zurückhaltend und fantasievoll, ihrem Stand angemessen. Sana, die mit der Ellasbeth eigentlich einen ruhigen Abend hatte verbringen wollen, hatte sie aber überrumpelt und in einen so aufreizenden Fummel in ein Spukhaus gesteckt. Ellasbeth hatte es höchstwahrscheinlich nur ertragen, weil sie wusste, dass sie niemand in den Kostüm mit der Schminke und den ganzen Kunstblut erkennen konnte und sie viel zu überrumpelt gewesen war – letzterer Grund wog schwerer, mehr als ersterer. Zudem war es wohltätig und ihr Name wurde nirgendwo genannt. Nick hatte währenddessen Sana assistiert, die als Mitbeauftragte des Spukhauses, die ganze Verantwortung zu tragen hatte, wozu auch gehörte, dass sie dafür zu sorgen hatte, dass Ersatz da war, wenn eine der Hauptakteurinnen fehlte. Danach hatte Nick Ellasbeth aufs Hotelzimmer geschmuggelt, sie unter die Dusche gestellt und nachdem er das ganze Latex von ihrem untoten Zombiekörper entfernt hatte, war aus ihr eine sexy Krankenschwester in zerrissener, eigentlich viel zu aufreizender Uniform geworden.
   In Adams Gesicht tauchte ein wissendes Lächeln auf. „Etwas unanständiges?“
   „Ich muss los“, Nick konnte sich zwar ein Lächeln nicht verkneifen, aber er würde keine Details verraten. Immerhin waren Adam und Evert über Halloween komplett verschwunden gewesen. Es war bei den beiden Inkubi auch zu offensichtlich, dass sie sich auf die wilden Orgien ins Jenseits eingeschlichen hatten.
   Nick hielt ihm die Hand hin und Adam gab sich geschlagen, indem er ihm die braune Papiertüte mit den Einkäufen gab, so dass Nick zur Arbeit verschwinden konnte.
   Es war zwar klar, weshalb Nick gerade über Halloween niemanden mit ins Jenseits mitnehmen wollte: Er bemühte sich zwar nach Kräften, mit seinem Leben als Inkubus-Hybride klar zu kommen, aber es änderte nichts daran, dass er noch sehr jung und unerfahren war – auch als Dämon. Leidlich hatte Evert ihm versprochen, dass sie ihn vielleicht das nächste Mal mitnahmen, wenn er nicht noch die Eierschale seiner Verwandlung auf den Kopf hatte.
   Wenn nächstes Jahr Halloween wie dieses aussehen würde, hatte Nick jedoch sowieso keine Zeit dafür. Ellasbeth und er waren, abgesehen von dem Spukhaus, jeden Abend auf mindestens einem Event gewesen und hatten alle wichtigen Veranstaltungen von Halloween mitgenommen – auch die Trauerzeremonien für den Wandel, der um diese Zeit vor über vierzig Jahren stattgefunden hatte. Dazu kamen die Überstunden im leeren Institut. Ellasbeth hatte es geschafft, Esra Jackson, den Bauunternehmer, dazu zu bringen, seinen Mitarbeitern horrende Löhne zu zahlen, auf dass sie trotz Wochenende und Feiertagen weiter arbeiteten, so dass die Institutseröffnung überhaupt zeitnah gelingen konnte.

   Nick schob sich zwanzig Minuten später schnell und ohne zu klopfen in Ellasbeth Büro im Institut, um den Lärm von den Bauarbeiten möglichst draußen zu halten. An diesem Wochenende war die große Eröffnung ihres Instituts für Ethische molekulare Medizin. Einen Monat nach dem geplanten Termin, wegen eines Wasserschadens, der von ganz oben im Gebäude, bis in den Keller gelaufen war und alles über Nacht unter Wasser gesetzt hatte. Offiziell war es ein geplatztes Rohr gewesen, aber alles, was auch nur den Hauch Gentechnik beinhaltet, war bei manchen Teilen der Bevölkerung derart verhasst, das niemand fragen musste, um zu wissen, dass jemand eingebrochen war, um möglichst viel Schaden im Institut anzurichten.
   Jon und Quen hatte im vergangenen Monat alle Bäume fällen lassen, die auch nur mit einem Blatt bis auf vier Meter beidseitig an den hohen Sicherheitszaun herankamen. Es war die einzige Möglichkeit gewesen, die man noch entdeckt hatte, wie die Einbrecher in den Sicherheitskomplex hinein gekommen sein konnten. Ellasbeth hatte vollkommen elend ausgesehen, als die Arbeiter das ganze Holz abtransportiert hatten und einige jüngere Bäume hatten sie ausgegraben und passend in das Innere des Parks verpflanzen lassen. Sie hatten nach dem Elfentreffen - während dem der Schaden aufgetreten war - soviel gearbeitet, dass sie zusammen mit ihren anderen Verpflichtungen kaum noch nach Hause gekommen war. Ihre einzige Abwechslung waren die mindestens einmal wöchentlich stattfindenden Freizeitaktivität mit Lucy und die Kirchenbesuche am Sonntag mit anschließenden gemeinsamen Mittagessen – zu denen sie sich jedoch eher zwang. Offiziell lief alles hervorragend und sie hatte auch mit dieser kleinen Verzögerung des Öffnungstermins kein Problem, auch wenn der Reporter, der sie das letzte Mal danach gefragt hatte, wie es voranging, Frostbeulen von ihrem eisigen Blick bekommen hatte.
   „Ich habe die Zutaten für das Pilzrisotto besorgt“, verkündete Nick.
   Ellasbeth sah etwas genervt von ihren Unterlagen auf, die Einstellungsgespräche, die sie vormittags mit der Hilfe von Jon hatte führen wollen, waren bereits vorbei. Wobei es kurze Gespräche gewesen sein mussten, denn als Nick vor knapp zwei Stunde gefahren war, hatten noch vier Bewerber im Flur gesessen.
   „Ich habe mir erlaubt, auch noch zwei Steaks mitzubringen“, erklärte Nick von ihrem Blick ungerührt.
   „Ach, Nicholas. Sie wissen doch, dass ich mittags immer nur so schwer etwas herunter bekomme“, gab Ellasbeth seufzend von sich und kam ihm hinterher gelaufen. „Ich werde davon immer so unheimlich müde.“
   Nick musste grinsen. Er hatte keine Ahnung, wie sie es die letzten Jahren konstant durchgehalten hatte, nichts mittags zu essen. Durch den höheren Stoffwechsel der Elfen mochte sie schlank und zierlich sein, aber Ellasbeth hatte den Appetit eines Bauarbeiters nach einem harten Arbeitstag. Selbst wenn sie mal zum Geschäftsessen am Mittag mit jemanden einen Salat gegessen hatte, war es nur ein heißer Tropfen auf dem Stein gewesen.
   Sie gingen zusammen in den an ihren beiden Büros anschließenden Privatbereich, der sich hinter ihren und Nicks Büro erstreckte und aus Sicherheitsgründen über einen Privataufzug verfügte. Er bestand aus einer voll ausgestatteten, offenen Küche mit Tresen und einer Sitzgruppe mit einer sehr bequemen, ausziehbaren Couch, die eine richtige Matratze hatte, die sie und Nick bereits mehrere Male zusammen ausprobiert hatten. Das dazugehörige Badezimmer, zusammen mit dem begehbaren Kleiderschrank mit Lager, das alles enthielt was sie für ihre Eventplanung brauchte, sorgten zudem dafür, dass Ellasbeth nicht darauf angewiesen war, zur Villa zu fahren, wenn sie zu anderen Termin musste oder Gäste empfing. Der Nachteil war jedoch auch, dass sie es manchmal abends von der Arbeit nicht nach Hause schaffte und Nick sie schon einige Male morgens schlafend auf der Couch gefunden hatte.
   „Ich hoffe, Sie können das alleine kochen“, erklärte Ellasbeth, klang dabei wie immer nicht entschieden genug.
   „Würden Sie mir helfen?“, fragte Nick amüsiert. Das gemeinsame Kochen war zu einer kleinen Pause um die Mittagszeit geworden. Sie konnten zwar nichts kompliziertes machen, aber alles, was um die zwanzig Minuten dauerte, fand Ellasbeth noch akzeptabel. Dass sie danach aber immer zwanzig Minuten schlief, um den Rest des Tages noch fit zu sein und so auf ein komplette Stunde Mittagspause kam, passte ihr jedoch weniger.

   „Haben Sie die Pilze auf dem Markt gekauft?“, fragte Ellasbeth und schob sich genießerisch eine Gabel mit dem Risotto in den Mund. Sie saßen sich gegenüber am Tisch, der an die Küchenarbeitsplatte anschloss.
   „Ja“, Nick grinste schief. Sie wusste genau, dass er einmal auf der anderen Seite von Cincy gewesen sein musste, nur um auf einen kleinen Wochenmarkt, die Pilze zu besorgen. Zumindest, wenn er dort nicht einfach durch die Kraftlinien hin gesprungen wäre.
   Ellasbeth Mundwinkel zuckte wohlwollend und sie nahm einen Schluck von ihrem Eistee, dann wurde sie jedoch ernster. „Ich habe beschlossen, dieses Jahr die FreeWater herunter segeln zu lassen.“ Sie klang bei der Erklärung vollkommen glatt, aber Nick wusste, wie schwer ihr diese Entscheidung fiel. Die Segelyacht war für Ellasbeth ein Zufluchtsort, an dem sie nicht ständig darauf achten musste, ihrer Rolle gerecht zu werden. Fern von allen Kameras zählte nur, worauf sie gerade Lust hatte und nicht, dass was sie von sich oder andere von ihr erwarteten.
   „Bist du dir sicher?“, Nick runzelte die Stirn und wusste selber, dass es unmöglich war, es dieses Jahr noch irgendwie einzurichten, dass Ellasbeth sich auch nur ein verlängertes Wochenende frei nahm, um ihr Schiff selber zu segeln. Nach der Institutseröffnung war sie die Leiterin einer halben Baustelle, dessen regulärer Betrieb erst langsam anlaufen musste - dazu kamen ihre ganzen anderen Verpflichtungen. Sie würde erst wieder zwischen Weihnachten und Neujahr aufatmen können und der Zeitraum war mit der Krönung von Trent schon komplett verplant.
   Ellasbeth nickte steif und blickte auf ihr halb gegessenes Essen, als wenn sie mit einmal keinen Hunger mehr verspüren würde.
   „Nächstes Frühjahr“, erklärte Nick und sie sah ihn unschlüssig an. Selbst in ein paar Monaten würde es nicht viel besser sein – aber eigentlich hatte sie immer Verpflichtungen. „Bringst du mir das Segeln bei?“
   Sie blickte ihn eine Sekunde kritisch, aber dennoch wie gebannt, an.
   „Es wäre nur klug, wenn ich das als dein Assistent könnte“, versuchte Nick etwas zurück zu rudern. Duzen taten sie sich fast nur in der Horizontalen oder wenn sie sich sicher waren, dass niemand zuhörte und das Gespräch privater Natur war. Es verging keine Woche, in der sie nicht mehrmals miteinander schliefen, doch Ellasbeth wollte diese private Ebene strikt von allem anderen trennen, so dass es nur eine Affäre blieb und niemand davon wusste. Obwohl sich Nick sicher war, dass Ceri, Kathi und wahrscheinlich auch Helen mittlerweile Bescheid wussten und mit Quen und Jon, die es von Anfang an gewahr gewesen waren, blieb nur noch Trent als einziger, ahnungsloser Elf des Klans übrig.
   „Ja“, räumte Ellasbeth ein, „du musst vorher aber die Theorie beherrschen.“
   „Dann machen wir es so“
   Ellasbeth schmunzelte und begann weiter zu essen.
   Nick war froh, dass er sie abgelenkt hatte. Er würde an dem bisschen mehr Theorie nicht sterben. Al und Evert hatten zusammen einen Lehrplan entwickelt, so dass Nick jeden Tag weiter beim Lernen von Dämonenmagie kam. Dafür war der intensive Sport, den er bis vor zwei Monaten mehrere Stunden lang betrieben hatte, weniger geworden. Zuerst hatte Nick nichts dagegen gehabt, da aber auch Jon momentan seinen Fokus mehr auf die Elfenmagie verlegt hatte und war Nick schnell auf ein eigenes Sportprogramm umgestiegen.
   Es klopfte und sie wandten die Köpfe. Der einzige Nachteil an diesen 'privaten Platz' war, dass man ständig gestört werden konnte.
   „Herein“, Ellasbeth erhob sich und knöpfte die Jacke ihres Kostüms zu.
   Ceri erschien lächelnd mit Ray auf dem Arm in der Tür, gefolgt von Helen, dem Kindermädchen, die Lucy in einem Doppelkinderwagen schob.
   Ceri und Ellasbeth begrüßten sich herzlich mit Umarmung. Ihr Verhältnis hatte sich in letzter Zeit deutlich gebessert, so dass schon fast von Freundinnen geredet werden konnte.
   Nick erhob sich ebenfalls mit Begrüßung.
   „Wie läuft es mit dem Fahren?“, fragte Ellasbeth an Ceri gewandt.
   „Gut, ich bin selber her gefahren“, Ceri grinste verlegen. Sie hatte nun seit mehr als einem Monat einen Probeführerschein, so dass sie mobiler wurde.
   Ellasbeth nahm Lucy aus dem Kinderwagen, die freudig „Mama“ brabbelte.
   Ellasbeth lächelte sie glücklich an und küsste sie auf die Wange, während Lucy den Raum sondierte und dabei an Nick hängen blieb. „Dada“.
   Nick grinste peinlich geschmeichelt. Er war nur froh, dass nicht nur Trent, sondern auch Jon, ebenfalls 'Dada' waren. Gerade sahen er und Trent sich zwei, maximal dreimal die Woche – was glücklicherweise auch die Wahrscheinlichkeit minimierte, dass Lucy Nick so vor Trent nannte. Trent warf ihm dann meist immer einen despektierlichen Blicke zu, als wenn es Nick nicht zustand. Auch wenn Trent immer behauptet, dass sie halt den Unterschied noch nicht kenne.
   „Helen, könntest du mit Ray eine kleine Tour durch die Gartenanlage machen?“, fragte Ceri und legte Ray in ihre Schale des doppelten Kinderwagens.
   Helen warf einen kurzen, fragenden Blick zu Lucy, nickte jedoch dann. Ellasbeth hatte ihre Tochter erst kurz auf dem Arm gehabt, es war klar, dass sie sie hier behalten wollte.
   „Soll ich in mein Büro gehen?“, Nick schob sich in Richtung seines halb aufgegessenen Tellers. Es konnte einige Zeit dauern, wenn sie Helen mit Ray wegschickten.
   „Nein, bleiben Sie“, erklärte Ellasbeth.
   Es war zwar nicht unüblich, das Nick dabei bleiben durfte, das Helen aber so überdeutlich weggeschickt worden war, wies darauf hin, dass sie eigentlich alleine reden wollten.
   Ceri nahm eine schwarze Papiertüte aus dem Tragefach des Kinderwagens, in dem sich eine große, cremefarbene Kleiderschachtel befand, die mit einer zart rosa Schleife verschlossen war, so dass sie wie ein Geschenk aussah.
   Nick tippte von den Farben her auf etwas für eine Frau. Eigentlich war es eher Ellasbeth, die Geschenke machte. Er blieb neben dem Tisch stehen, bis Helen, die als einzige wohl nicht dabei sein durfte, den Raum verlassen hatte.
   Ceri überreichte Nick die Tüte. „Du musst etwas für uns ausliefern.“
   Sie hatten also etwas vor. Nick sah sie etwas unschlüssig an. Inwiefern war ein Botengang etwas, dass sie nicht vor jemand anderen besprechen konnten?
   „Helen fühlt sich unwohl dabei und möchte gerne, dass sie später behaupten kann, von nichts gewusst zu haben“, erklärte Ceri, als wenn sie seine Gedanken gelesen hätte.
   „Eine delikate Angelegenheit“, stellte Nick fest.
   „Eher eine Überraschung“, korrigierte ihn Ellasbeth. „Trenton stellt sich manchmal etwas plump an.“ Sie verzog dabei die Stirn, als wenn sie wissen würde, wovon sie redete, aber mit ihrer unglücklichen Beziehung konnten mehrere Bücher gefüllt werden. Nick wusste nicht, was vor einiger Zeit zwischen ihnen vorgefallen war, aber es schien, dass Ellasbeth versuchte, sich seit dem Elfentreffen deutlich von Trent zu distanzieren. Weshalb Helen mittlerweile auch regelmäßig zum Institut kam, damit Ellasbeth Lucy sehen konnte.
   Sie reichte Nick eine Einladung für die abendliche Gala der Institutseröffnung, die nicht hier im Institut stattfinden würde, sondern in der riesigen Villa, gegenüber von Kalamack Industries. Nick hatte so viele Einladungen gefaltet und in die dazugehörigen Kuverte gesteckt, dass er die folgende Nacht darauf angst gehabt hatte, davon zu träumen. Er drehte die Karte um und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken. 'Rachel Morgan' – darunter eindeutig ihre Adresse.
   „Es ist wichtig, dass sie glaubt, dass Trenton sie eingeladen hat“, erklärte Ellasbeth, als wenn das unheimlich wichtig wäre.
   Nick sah sie mit einem gemischten Gesichtsausdruck an. Er hatte bereits, seitdem er erfahren hatte, das Rachel doch noch lebte, damit gerechnet, dass er ihr irgendwann begegnen würde. Dass es nun aber in einer geheimen Kuppelaktion von Ellasbeth und Ceri passieren würde, hätte er nicht gedacht.
   „Sie werden keine Probleme bekommen“, erklärte Ellasbeth ein wenig genervt und ihre Augen wirkten bei der Bemerkung etwas kühler als sonst, dass sie ihn bitten musste.
   „Ich mache mir eher sorgen, dass Sie welche bekommen könnten, wenn es so eine geheime Operation bedarf, diese“, er schaute nochmal auf den Briefumschlag, als wenn er sich nicht mehr an den Namen erinnern könnte, „Rachel Morgan einzuladen“, erklärte Nick, in dem Wissen, dass dies ein sehr vorgeschobener Grund war. Wenn er es nicht schaffte, Rachel zu überzeugen, dass er ein Fremder war, der ihrem Ex-Freund nur sehr ähnlich sah, war dass das Ende seiner Geheimidentität.
   „Machen Sie sich nicht meinen Kopf“, beschwichtigte ihn Ellasbeth. Sie sah dabei so glatt aus, als wenn dahinter wirklich nichts stecken würde. Aber allein schon ihr kompliziertes Verhältnis mit Trent sprach dagegen, so dass es mehr war, als nur ein freundschaftlicher Schubs in die richtige Richtung.
   „Ja“, gab Nick sich leise seufzend geschlagen und steckte die Einladung in die Tüte. „Wann soll ich fahren?“ Er hatte noch die geringe Hoffnung, dass sie ihn aufessen lassen würde und dass er dadurch mehr Zeit bekam, über seine Optionen nachzudenken.
   „Ich stelle ihnen das Essen in den Kühlschrank“, entgegnete Ellasbeth, „kommen Sie danach gleich wieder her und berichten Sie, ob sie kommen wird.“
   „In Ordnung, dann bis später“, Nick wandte sich in Richtung Tür und blickte dabei zu Ceri. Er hatte sich immer gefragt, ob sie wusste, wer er war, da Bettgeflüster zwischen ihr und Quen nicht ausgeschlossen war und sie sogar nach elfischer Tradition miteinander verheiratet waren - auch wenn es keine Außenstehenden wussten. Ceri sah aber eher hoffnungsvoll aus, außerdem sprach die gesamte Aktion eher dafür, dass sie es nicht wusste.

   Nick klickte sein Handy in die Lautsprechervorrichtung seines Autos und begann, auszuparken. Wobei er geradezu spürte, wie sich sein Puls immer mehr beschleunigte. Er hatte den Pförtner kaum hinter sich gelassen, als er Jons Privatnummer anrief, wohl wissend, dass der Sicherheitschef gleich dran gehen würde, wenn er seine Nummer sah. Jon konnte auch etwas für sich behalten und würde nicht gleich damit zu Trent laufen.
   Es war Nick in den letzten Monaten so in Mark und Bein gegangen, dass er Quen und Jon berichtete, dass er zumindest mit Jon über vieles reden konnte und es sich richtig anfühlte. Zudem, wenn er es nicht tat – dann wäre es seine Schuld, dass er nicht rechtzeitig Bescheid gesagt hatte und dieser Teil der Geschichte würde definitiv herauskommen.
   Evert meinte immer, dass Nick seine Rolle zu spielen hatte, in der er sich nicht allen gegenüber verschloss, sondern indem er lernte, die richtige Dosis zu finden, was er Leuten erzählen konnte. So lebte Nick sein Leben als Nicholas Wright, als hoffentlich geschickter Doppelagent. Das er Jon anrief, war ihm gegenüber ein Vertrauensbeweis, aber er verriet damit Ellasbeth, auch wenn Nick sicher war, das Jon nicht so dumm war, Nicks Offenheit damit zu strafen, das er ihn verriet. Nick fühlte sich jedoch trotzdem schlecht bei dem Gedanken. Ihn verband etwas mit Ellasbeth. Er wusste aber auch nicht, was sie tun würde, wenn herauskam, das er nicht der war, für den sie ihn hielt.
   Es klickte in der Telefonleitung. „Ja?“, kam es kurz abgehackt, aber deutlich über die Telefonleitung, als wenn Nick gerade bei etwas stören würde.
   „Jon?“
   „Ja, was gibt es?“, fragte Jon misstrauisch geworden, dass Nick es so genau mit dem Namen wissen wollte.
   „Ich habe einen Geheimauftrag von Ellasbeth bekommen, Rachel im Namen von Trent zur Institutseröffnung einzuladen und ich bin gerade auf dem Weg zu ihr.“
   Es herrschte kurz Stille. Nick wusste genau, das Jon nachdachte und sich dabei seine steilen Falten über die Stirn legten.
   „Kannst du es schieben?“
   „Nein. Ellasbeth will, dass ich gleich zurück kehre und ihr berichte, wie es gelaufen ist. Ceri steckt mit dahinter. Ich weiß nicht, ob es eine Phase zwei gibt oder ob Ceri vielleicht sogar mit einem Anruf von Rachel rechnet.“
   Jon brummte unwillig. Es passte ihn eindeutig nicht. „Du schaffst das, du bist schließlich mein Schüler und ein respektables Mitglied unseres Klans.“
   Nick grinste schief über die aufbauende Ansprache, wie als versuchte Jon, ihn darauf einzustimmen. Jedoch wurde er sich seines Sklavenrings, der ihn an Trent band, wieder sehr bewusst. Trent war sicher nicht bei Jon im Zimmer und wenn doch, hätte er gerne sein Gesicht gesehen, wenn Jon dies zu Nick vor ihm gesagt hätte.
   „... du bekommst das hin – und zur Not...“
   Nick hielt die Luft an und erwartete bereits, das Jon irgendeinen windigen, wilden Elfenmagie Zauber aus den Ärmel ziehen würde, der diese ganze Situation lösen würde.
   „... tu es für Ellasbeth.“
   Nick verzog enttäuscht das Gesicht. Er hatte jedoch recht, immerhin stand das Platzen seiner Geheimidentität auf dem Spiel und das durch keine geringere als Rachel. Trent würde es herunterspielen und gar nicht darauf achten, wenn es Ellasbeth tief traf, dass er ihr Nick untergeschoben hatte und Rachel wäre der Schaden, den sie anrichtete, wenn sie die Bombe platzen ließ, schlicht egal – wenn sie überhaupt merkte, welchen Schaden sie anrichtete. Er konnte Rachels Gesicht vor seinem inneren Auge sehen. Diesem Miststück war gar nichts heilig.
   „Ich krieg das hin“, entschied Nick.
   „Gut, melde dich, wenn es vorbei ist.“ Es klickte und Jon hatte aufgelegt.
   Er würde alle Register ziehen müssen.


   Rachel

   Hatten sie das wirklich alles innerhalb von neunzig Minuten durchgenommen? Rachel starrte auf die Aufzeichnungen von Marie. Es waren fast zehn doppelt beschriebene Seiten, wobei die Zeichnungen, die Unterlagen erheblich streckten. Jedoch hatte Marie ein Talent zum Zeichnen. Ihre Kreise waren bis zu einem Drittel kleiner, sahen aber trotzdem ordentlicher und sauberer als die von Rachel aus. Was Al auch jedes Mal wieder bestätigte und nicht müde wurde, zu erwähnen,...
   Rachel verzog missmutig das Gesicht. Sie hatte keinen Bock auf seinen Besuch heute Abend. Der Dämon kam alle zwei, drei Tage vorbei, um nach dem Rechten zu sehen und ihre Aufzeichnungen zu begutachten, was zwar dazu führte, das Rachel keine schlechten Noten bekam, aber, dass sie, wenn Al mit seiner roten Tinte in ihren Aufgaben fertig war, diese zumindest nochmal sauber abschreiben musste, wenn sie nicht ganze Teile neu machen musste.
   Al meinte, die doppelte Arbeit, wenn sie etwas falsch machte, würde ihren Charakter formen. Rachel war nur froh, dass sie ihn dazu gebracht hatte, dass er seinen eigenen Unterricht sein ließ. Er hatte zwar etwas verbissen dabei ausgesehen, aber doch schnell nachgegeben, als er sah, was Rachel allein alles fürs College lernen musste. Zudem war Rachel sich sicher, dass sie ein paar liebestolle Dämonen, jetzt ohne das magische Elfenarmband abwehren konnte – zumindest bis Al oder Newt auftauchten.
   Wenn alles klappte, besaß sie in einem halben Jahr ihre Lizenz für das Brauen und den Verkauf von medizinischen Zaubern und dann konnte er ihr gerne die ganzen, fiesen, schwarzen Zauber beibringen, die er wollte. Momentan war ihr Leben wie in einem Wartestand.
   Rachel stand auf und ging zu der Kaffeemaschine, um sich nachzufüllen. Die ganze Kirche fühlte sich leer an, obwohl die Pixis mit den Vorkehrungen für den Winter zu Gange waren und damit überall in der Kirche hin- und herflogen.
   Rachel blickte stumm zu dem roten Schreibtischstuhl, der dort stand, wo bis vor Kurzem immer Ivys Ledersessel gestanden hatte. Es war jetzt knapp zwei Monate her, dass sie ausgezogen war und sie hatte sich noch nicht wieder blicken lassen. Erica, Ivys Schwester, hatte die letzten Möbel abgeholt und kam manchmal für die Post vorbei. Sie ließ sich aber nichts entlocken. Wenn es um die Kontaktaufnahme mit Ivy ging schien sich ganz Cincy gegen sie verschworen zu haben. Keiner wollte Rachel helfen Ivy zu finden, die meisten stellten sich ihr sogar beharrlich in den Weg. In Rachels Eingeweiden verkrampfte sich etwas – es wäre nicht richtig, wenn ihre Beziehung so enden würde, nur weil sie kein Blutgleichgewicht miteinander haben konnten. Rachel konnte aber nicht ihren freien Willen aufgeben und Ivys Ghoul werden.
   Dazu kam, dass Biss ebenfalls weg war. Newt hatte sich den Gargoyle mit dem Versprechen geschnappt, ihn unterrichten zu lassen, so dass er ihr beibringen konnte, wie sie durch Kraftlinien springen konnte. Leider war Rachel erst, nachdem sie verschwunden waren, aufgefallen, dass die alte Dämonin gar nicht gesagt hatte, wie lange es dauern würde. Al hüllte sich darüber, wie lange es dauern konnte, ebenfalls in schweigen. Er wurde jedes mal gereizt, wenn Rachel ihn auch nur auf das Jenseits ansprach – irgendetwas ging dort vor und Rachel hatte keine Ahnung was, da sie Hilfe benötigte, um dort hin zu gelangen.
   Rachel nippte an der neu befüllten Tasse Kaffee. Bedauerlicherweise hatte sie den Beschwörungsnamen von Dali nicht und sie konnte sich an den Beschwörungsnamen des Dämons, der von ihr das Auto geordert hatte, nicht erinnern.
   Al weigerte sich schlicht, sie mit ins Jenseits mitzunehmen – nicht das Rachel versessen darauf gewesen wäre, aber es klappte wohl nicht, dass sie ihm die Einnahmen von ihrer Tulpa überschreiben konnte und er weigerte sich auch, neue Tulpas mit ihr zu produzieren, weshalb sie ihm finanziell auch nicht anderweitig helfen konnte.
   Seine alte Wohnung hatte er jedenfalls nicht wieder. Al heulte deswegen bereits genug herum, zumal er jetzt in einem winzigen 'Schuhkarton' unter der Erde hauste – woran er Rachel die Schuld gab, obwohl er sich so engstirnig zeigte. In seine alte Wohnung konnte er nicht zurück, da dass Leck in der Kraftlinie noch existierte, womit Ku'Sox noch sein Druckmittel gegen ihn hatte. Al ließ sich auch nicht bei der Recherche für den Fluch helfen, um das Leck zu schließen.
   Rachel schaffte es einfach nicht, den Blick von dem deplatziert wirkenden roten, ledernen Schreibtischstuhl abzuwenden. Scheiße, sie hatte den Eindruck, dass alles irgendwie etwas besser werden würde, wenn Ivy wieder einziehen würde oder sich zumindest meldete.
   Sie riss ihren Blick vom Stuhl los, der in den Garten wanderte. Der hässliche Windschutz, der sie davor bewahrte, dass Dämonen vom Jenseits in ihren Garten blickten, war so etwas von abgefuckt. Rachel verspürte kurz den Impuls nach draußen zu stürmen und ihn einzureißen, stattdessen stieß sie sich jedoch widerwillig vom Küchentresen ab und schlenderte in Richtung Kirchenschiff davon.
   In den beiden großen Blumenregalen im Kirchenraum ging es zu wie in einem Bienenstock. Die Pixis hatten bereits vor Monaten angefangen, Pflanzen anzuziehen, so dass sie genügend Blütenstaub zu essen für den Winter hatten. Diesen Herbst hatte es jedoch Streitereien, besonders zwischen zwei Töchtern von Jenks Jocelynn und Josephine, gegeben. Rachel hatte schließlich entschieden, dass zu dem ersten ein weiteres Regal her musst, einfach weil die Anschaffung einfacher war, als zwei zerstrittene Pixis über den Winter zu ertragen. Jetzt hatte jede ihr eigenes Regal und ihren eigenen Blumentopf als Wohnung – wie auch viele andere sich andere Unterschlüpfe gesucht hatten. Wie es aussah, gefiel es zumindest den älteren Kindern von Jenks nicht mehr zusammen mit den anderen in Rachels Schreibtisch zu schlafen, sondern sie begannen sich ihre eigenen kleinen Unterschlüpfe zu suchen. Rachel hielt sie nur als einziges davon ab, in ihren Zauberutensilien-Schränken einzuziehen. Keiner sagte etwas, aber es würde vielleicht der letzte Winter mit den ältesten von ihnen werden, wenn sie im nächsten Jahr einen Partner fanden und sich eigene Gärten suchten.
   Rachel behagte die Vorstellung nicht. Sie kam sich vor, als wenn alles viel zu schnell laufen würde, wobei sie selber auf der Wartebank saß. Da sie einfach nichts tun konnte. Sie lümmelte sich in die Tür zum großen Kirchenraum und sah den geschäftigen Treiben der Pixis zu. Für das erste würden sie den gemeinsamen Winter haben.
   Es klingelte. Sie hatte keine Ahnung wer das sein konnte. Rachel schwang sich aus der Tür. Es war Mittag - morgens für Hexen. Sie war nur froh, dass sie durch die unheimlich frühen Vorlesungen bereit gut gekleidet war – ja, sie mochte für alle Hexen der böse Dämon sein, sie konnte aber zumindest gut dabei aussehen. Auch, wenn sie es noch nicht geschafft hatte, sich geschäftlich aussehende Kleidung zu kaufen. Jeans und Korsage passten aber zumindest zu ihrem Image.
   Rachel öffnete die Tür und erstarrte.
    Nick?, schoss es ihr in einem ersten Gedanken durch den Kopf. Der Mann, der vor ihr stand, sah ihm zum Verwechseln ähnlich, auch wenn seine Haare goldblond, seine Haut gebräunt und er mit seiner beige farbenen Leinenhose und dem dunkelblauen Sportjackett über dem weißen Hemd, dessen obersten Knopf offen war, Kleidung trug, die um vieles teurer war, als alles, was Nick je besessen hatte. Auf einer Hand balancierte er eine große, helle Schachtel mit rosafarbener Schleife und hinter ihm, an der Straße, parkte ein dicker, schwarzer SUV, der eindeutig zu ihm gehören musste. Er griff nach seiner goldenen Fliegersonnenbrille und eine protzige goldene Uhr, passend zu dem goldenen schlichten Ring an seinem rechten Ringfinger, wurde sichtbar, als sein Ärmel zurück fiel. Er war auch etwas breitschultriger als Nick, die Ähnlichkeit war jedoch trotzdem gravierend.
   Rachel blickte ihn skeptisch an.
   „Guten Tag. Ich möchte zu Miss Morgan“, erklärte das Nick-Double, und betrachtete sie abschätzig über die halb herabgezogene Sonnenbrille mit seinen grünen Augen.
   „Sie steht vor ihnen“, Rachel war er immer noch nicht geheuer. War das ein Trick?
   Das Nick-Double sah sie skeptisch an, als wenn das nicht sein könnte und ließ dabei seine Brille sinken, was seinen Unglauben noch unterstrich. Sie konnte ihn jetzt schon nicht leiden – das hatte er mit dem 'echten' Nick gemein. Gab es auf der Welt plötzlich keine netten Leute mehr?
   Ein schimmernder Glitterregen zog einmal um 'Nick' und hielt dann vor Rachel. Jenks blickte grimmig drein, ihn war die Ähnlichkeit zu Nick auch nicht entgangen. „Er ist sauber“, erklärte er unmissverständlich. Damit konnte er wirklich nicht Nick sein, denn seinen Geruch hätte Jenks erkannt – egal wie gut er sich verkleidet hätte.
   „Wer sind sie?“, hakte Rachel nach.
   Das Nick-Double steckte einen Bügel seiner Sonnenbrille lässig in seine Reverstasche, um sie dort anzuhängen. „Nicholas Wright, ich arbeite für Kalamack Industries und soll ihnen eine Einladung überbringen.“
   Er hieß auch Nick? Rachel starrte ihn an. War das nicht langsam ein Zufall zu viel?
   „Kommen Sie rein“, entschied Rachel kritisch, auch, um sich etwas Zeit zu erkaufen. Wenn das wirklich stimmte, was er sagte, dann würde Trent sie für bescheuert halten, wenn sie einen seiner Angestellten bezichtige ihr Dämonen beschwörender, hinterlistiger Ex-Freund zu sein.
   Nicholas trat mit einem kurzen, skeptische Zögern, an ihr vorbei.
   Rachel musterte ihn von hinten. Seine Schultern waren definitiv etwas breiter, als die von Nick und er war durchtrainierter. Sein Hintern sah verdammt knackig aus. Jedoch konnte sie die Typen nicht an ihren Hintern unterscheiden, egal wie wohlgeformt sie waren.
   Rachel folgte ihm nachdenklich. Das letzte Mal hatte sie 'Dreck statt Hirn' bei einem Run bei Trent gesehen. Er war zurückgeblieben, als sie geflohen waren. Es ergab auf eine ungute Art und Weise Sinn, auch wenn sie nicht verstand, wie es sein könnte, dass Nick nun für Trent arbeitete. Sie hatte Trent nie gefragt, was mit Nick passiert war. Aber wäre Trent wirklich so dumm, jemanden wie Nick, der ihn bereits einmal betrogen hatte, nochmal für sich arbeiten zu lassen?
   „Ich habe ein Karte für Sie“, erklärte Nicholas, der neben der Sitzecke stehen geblieben war. Er zog aus seiner Reverstasche einen fast quadratischen Umschlag, dessen Cremeton zum Paket passte.
   Rachel griff danach, um zu erfahren, worum es ging. Ihr fiel zuerst eine kleine, weiße, handgeschriebene Karte in die Hände, die oben auf der eigentlichen Einladung lag, auf der handschriftlich stand: 'Ich würde mich sehr freuen, wenn du kommen würdest, Trent'
   Der Zettel aus dicker Pappe mit eigener Struktur wirkte unheimlich stilvoll. Rachel hätte nie einfach nur so etwas schreiben können und es hätte so gut ausgesehen, wie mit Trents ansehnlicher Handschrift.
   Nicholas räusperte sich und Rachel merkte, dass sie auf den Zettel gestarrt hatte. War es nur ihr übliches Zögern oder war es, weil Ivy gegangen war, weil sich etwas mit Trent angebahnt hatte?
   Sie hatte es deswegen schon einmal versaut. Rachel hatte sich über diese Dummheit bereits die letzten Wochen aufgeregt. Ihr Konflikt mit Ivy wurde nicht schlechter oder besser, wenn sie den nächsten Schritt mit Trent gemacht hätte.
   Rachel zog die eigentliche Einladung hervor, im Gedanken wusste sie bereits, dass sie hingehen würde. Enttäuschenderweise war es eine Serienbriefeinladung ohne Trents persönliche Note, auch wenn diese wirklich edel wirkte. Es war die Einladung zu einer Gala, diesen Samstag Abend, anlässlich der Institutseröffnung für Ethische Molekulare Medizin.
   Gerade zu so etwas,... Rachel presste die Lippen aufeinander. Trent und Ethische Molekulare Medizin - man würde ihn hängen, wenn jemals herauskam, was er in seinen geheimen Laboren unter Kalamack Industries tat.
   Rachel versuchte, den weiteren Gedankengang zur Seite zu schieben und es nüchtern, als den Versuch zu betrachten, den Anfang ihrer Beziehung wieder aufleben zu lassen – auch wenn ihr das Thema des abends nicht gefiel. Es wären viele potenzielle Arbeitgeber da und wenn sie danach wusste, ob der Kuss mit Trent – den Rachel immer noch lebhaft und als unglaublich im Hinterkopf behalten hatte – nur eine einmalige Sache gewesen war oder ob sie wirklich harmonierten, dann hätte sie ein Problem weniger.
   Sie hatte sich vorgenommen, nicht mehr kneifen zu wollen.
   „Werden Sie kommen?“, hakte Nicholas nach, sah dabei aber etwas skeptisch aus. Obwohl dies auch an den zahlreichen Pixiemädchen liegen konnte, die ihn gerade umflatterten.
   Rachel blickte zu Jenks. „Ist er...?“, versuchte sie es dezent.
   „Yeah“, erklärte Jenks und sah nur wenig begeistert davon aus, das seine Töchter so dermaßen angetan einen fremden Elfen umflatterten. Es war jedoch Teil ihrer Natur. Elfen und Pixis zogen sich gegenseitig an, genauso wie Hexen und Gargoyls.
   Nicholas schien zu versuchen, es zu ignorieren. „Haben Sie sich entschieden?“, fragte er nochmal, während eine von Jenks jüngeren Töchtern auf seiner Schulter landete und ihm in die etwas längere Kurzhaar Frisur griff, die jedoch zumindest für einen Pixi lang genug war um damit zu flechten.
   Rachel blickte zu der großen Box. Sie wusste jetzt schon, dass sich darin wahrscheinlich etwas zum Anziehen befinden musste. „Ich denke darüber nach“, erklärte sie in dem Wissen, dass sie ihn vor Trent damit hängen lassen würde. Auf der Einladung war eine Email-Adresse angegeben. „Ich sage Bescheid, wenn ich mich entschieden habe.“
   Nicholas nickte und wirkte dabei sehr neutral, fast schon gleichgültig. Ob er wollte, dass sie nicht kam?
   Rachel musterte ihn nochmal. Er mochte klasse aussehen, aber Nicholas Wright schien einer dieser Elfen zu sein, mit dem sie es nicht leicht haben würde. Jon wusste sicherlich nichts von der Einladung von Trent, sonst hätte er versucht, sie zu verhindern.
   Sie begleitete Nicholas noch nach draußen, wobei sie nach der Verabschiedung - bei der sie nur nickte und er sie „Miss Morgan“ nannte – in die Kirchentür gelehnt, die Einladung noch in der Hand. Nicholas drehte sich auf den Weg zu seinem SUV noch einmal auf dem Rasen zu ihr um, einige Pixis folgten ihm noch immer.
   Was hatten diese Elfen nur an sich, dass sie unabhängig von ihrem Charakter so klasse Hintern hatten. Nicholas Wright war wie eine Version von Nick Sparagmos in extra sexy.