Dämonenblut

von GreyC86
GeschichteAllgemein / P18 Slash
Algaliarept "Al" Ellastbeth Withon Ivy Alisha Tamwood Nicholas"Nick" Sparagmos Rachel Mariana Morgan Trenton "Trent" Aloysius Kalamack
10.08.2018
10.11.2019
13
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Liebe Leser,

es handelt sich um den zweiten Band einer Triologie, den ersten Band "Hexenblut" findet ihr unter folgenden Link : https://www.fanfiktion.de/s/52a8c50500033f72286548dd/1/Hexenblut

Bitte beachtet die Informationen zur Veröffentlichung der Kapitel in meinem Profil.

Viel Spaß beim Lesen,
GreyC
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   Rachel

   Die Anwohner hatten größtenteils die Halloween-Dekoration noch nicht aus den Vorgärten entfernt. Eigentlich sollte sie gruselig und schaurig wirken, aber sie weckte viel zu schöne Erinnerungen an die paar Tage, in denen jeder sein konnte, wer er wollte. Rachel hatte mit David und den beiden Mädels ihres Rudels ein paar öffentliche Partys besucht und da keiner wusste, wer sie war, hatte seit Monaten keine Hexe Rachel schräg anschauen können. Es hatte richtig gut getan.
   Rachel ließ den Blick durch die dunkle Nachbarschaft schweifen. Sie stand mit ihrem Cabriolet in einer Seitengasse, eines guten Wohnviertels und war darauf bedacht, möglichst wenig Aufmerksamkeit mit ihrer Beschattung zu erregen, was nachdem Halloween gerade vorbei war - selbst die meisten Inländer waren zu Hause, um sich von den mehreren Tage andauernden Feiertag zu erholen – gerade kein wirkliches Problem darstellte. In diesem Viertel lebten vorwiegend Menschen, weshalb nur noch in vereinzelten Häusern Licht brannte, darunter auch das, was Rachel observierte. Ihre Uhr verkündete, dass es bereits nach drei Uhr nachts war. Jenks ließ sich seit über einer halben Stunde Zeit. Sollte sie ihm hinterher schleichen?
   Es klopfte leise an die Beifahrerseite und Rachel zuckte durch den unerwarteten Laut erschrocken zusammen, war aber sehr froh, als sie Jenks erkannte. Sie ließ das Fenster ein Stück weit heruntergleiten, damit Jenks in das Innere des Wagens konnte.
   „Und?“, fragte sie hoffnungsvoll.
   „Hier“, Jenks gab ihr einen Mini-SD-Chip aus seiner neuen Kamera, die für Fairys gemacht worden war. Der Größenunterschied zwischen Pixi und Fairy – zehn zu fünfzehn Zentimeter Körpergröße - machte schon einen gewaltigen Unterschied. Für Jenks hatte die Kamera eher die unhandliche Größe eines Schuhkartons, obwohl er sich nicht beschwerte, denn ihm machte sein neues Spielzeug tierisch Spaß.
   Rachel legte den Chip in den Adapter und steckte diesen in ihren neuen Laptop. Während Jenks sich auf der Armatur im Frontfenster reckte und etwas wie ein kleine Wasserflasche hervorzog, die er immer in der Verschlusskappe von Rachels Wasserflasche auffüllte, wenn er Zeit dazu hatte. „Der Typ ist so schuldig wie Tinks Dildo.“
   Rachel tippe auf die Bilddateien. Für so eine kleine Kamera waren die Bilder verdammt gut, obwohl sie auch eine ganze Stange Geld gekostet hatte. Jenks machte gerade dutzende Bilder von seiner Familie und den ganzen Häuschen, die sie sich in ihrem Garten über den vergangenden Sommer gebaut hatten. Dazu kam die Bildergalerie mit seinen ganzen Frisuren, die sich immer änderte, wenn eine seiner jüngeren Töchter ihn erwischte. Es war ein Wunder, dass Jenks sich seine Haare, die ihm langsam über den Hintern reichten, nicht schon längst selber geschnitten hatte, wenn er schon keine seiner Töchter oder Belle daran lassen wollte, weil es die Aufgabe seiner Ehefrau gewesen war.
   Schließlich kamen die richtigen Bilder: Der sexy Ehemann von Miss Smith, knapp unter vierzig mit seiner gebräunten Haut, den blonden Haaren und dem extrem knackigen Hintern, erinnerte er Rachel sehr entfernt an Trent. Aber nachdem Rachel so dämlich gewesen war, bei ihrem ersten Date heulend wegzurennen, hatte sich das Thema wohl erledigt. Er hatte auch nicht mehr angerufen.
   Die Fotostrecke ging weiter: Mister Smith trank mit seiner Mittzwanziger Sekretärin ein Fläschchen Champus. Sie beide grinsten sich dämlich an. Er stellte sein Glas weg und griff sich stattdessen einen vollen Arsch Sekretärin, was sie mit einem anzüglichen Lächeln belohnte. Die Bilder wurden zudringlicher und… er trug einen rosa Elefanten-String, bei dem der Penis in die zusätzliche Aussparung für den Rüssel passte. Selbst die Sekretärin schien in der ersten Sekunde überrascht, bevor sie es gekonnt mit einem zu breiten Lächeln überspielte.
   Welcher vernünftige Kerl trug denn bitte knappe rosa Elefanten-Strings? Rachel schüttelte den Kopf. Sie hatte genug gesehen und griff sich ihr Handy aus der Tasche, um seine baldige Ex-Ehefrau anzurufen, womit der heutige Auftrag für sie endete und Rachel wieder nur die einfache Collegestudentin war, die morgen – Mittwoch - den letzten Collegetag in dieser Woche hatte.
   Die vom College angenervte Studentin, korrigierte sich Rachel und wählte die Nummer, die sie mit einem Post-It an der Seite des Handys befestigt hatte. Es war nicht alles Gold was glänzte und sie liebte zwar das Brauen von Tränken als Erdhexe und der Kurs ging zwar nicht über ihren Horizont – obwohl es manchmal schon sehr grenzwertig war - aber die bloße Menge an Lernstoff erschlug einen. Was sie in der Schule in einer Woche durchgenommen hatte, kam jetzt an einem Tag im College dran - und was sie angeblich bereits alles vorher hätte wissen sollen.
   Rachel hatte erwartet, dass es zumindest etwas mehr wie Highschool sein würde. Jetzt stellte sich heraus, dass sie die ganzen Bücher, die sie sich besorgt hatte, am besten schon vor dem Kurs hatten lesen sollen. Die Professoren nahmen das Wort 'Intensivkurs' viel zu ernst – was allein schon an den umfangreichen Hausarbeiten zu merken war, die die restlichen Tage der Woche beanspruchen würden. Ganz davon ab, dass sie in der Rowdy-Klasse gelandet war und die Professoren damit alle Studenten sowieso gefressen hatten.
   Das Telefon klingelte bei der Klientin, die offiziell auf einer Tagung auf der anderen Seite des Landes war. Wenn alles gut lief, wäre Rachel in einer halben Stunde zu Hause und dann konnte sie noch zwei Stunden schlafen, bevor die Kurse um 6 Uhr morgens anfingen – eine wahrlich furchtbare Zeit für Inländer.
   „Und? Er betrügt mich“, erklang Miss Smith am anderen Ende der Leitung gereizt, „deswegen rufen Sie mich doch an.“ Sie klang fast hysterisch. Rachel konnte es ihr nicht verübeln. Sie war eine Menschenfrau, Ende fünfzig mit zwei Kindern die gerade,wie Rachel, das College besuchten und wenn ihr knackiger Ehemann weg war, dann hatte sie nur noch ihre Firma und wenn Rachel es richtig recherchiert hatte ein großes Vermögen, von dem die Hälfte sicherlich noch unheimlich viel war, wenn sie nicht sowieso einen Ehevertrag hatte.
   „Ja“, brachte Rachel etwas zu sachlich hervor. Sie fragte sich plötzlich, ob sie dass nicht lieber doch mit ihrer Klientin am nächsten Tag hätte regeln sollen. Für Menschen war es mehr als nur spät. „Soll ich ihnen die Fotos zuschicken?“ Damit hätte sie die Beweise für den Rechtsanwalt.
   Es herrschte kurz Stille. Rachel wechselte einen bedeutungsschweren Blick mit Jenks. Ja, sie hätte erst morgen anrufen sollen.
   „Tun Sie´s – und zwar beide“, erklärte Frau Smith tonlos.
   Tun? Was denn?
   Jenks warf Rachel einen komischen Blick zu. Seine gutes Gehör erlaubten ihm, alles mitzuhören, egal ob das Telefon laut oder leise geschaltet war.
   „Was soll ich tun?“, Rachel merkte selber, dass ihre Stimme belegt klang.
   „Na, ihren dämonischen Extraservice – ich will weder ihn noch diese Schlampe wieder sehen. Ich habe dafür gesorgt, dass ich ein wasserdichtes Alibi habe. Sie bekommen für den Dienst ein Mal, wenn ich das richtig verstanden habe?“ Es klang ganz so, als hätte sie es schon die ganze Zeit geplant.
   Rachels Eingeweide fühlten sich an, als wären sie zu Eis geworden, das sie nach unten zog. Sie starrte fassungslos in die dunkle Vorstadt hinaus. Das durfte doch nicht wahr sein. Sie war so froh über einen vernünftigen Job gewesen und jetzt kam so etwas. Dreck auf Toast. Sie wollte, dass sie rein ging und ihren Mann und seine Sekretärin umbrachte. Rachel wusste, das Al so etwas mal gemacht hatte – aber sie tat das ganz bestimmt nicht. Allein schon, dass ihre Klientin glaubte, dass sie das machen würde, war verdammt widerwärtig.
   Jenks machte eine schneidende Bewegung mit der flachen Hand über seinen Hals und Rachel starrte ihn eine Sekunde fassungslos an, bis sie verstand, dass sie einfach auflegen sollte.
   Rachel hätte ihr nur zu gerne ihre Meinung gesagt, aber sie gehorchte. Wenigstens hatte sie die Hälfte des Geldes in voraus bekommen. „Fahren wir zum FIB?“
   „Jup“, Jenks flog auf ihre Schulter.
   Scheiße. Na wenigstens waren es keine Inländer, so dass Rachel zum FIB musste. Sie hatte somit noch gute Chancen, einigermaßen zeitig zum College zu kommen, da sie nicht zur IS musste, die sie sicher hätten warten lassen – wenn sie ihr nicht noch versucht hätten, etwas anzudichten. Rachel startete den Motor. Ihre eigene Klientin wegen eines Mordauftrags an ihrem Mann anzuzeigen – ja, dass hatte echt 'klasse' und führte sicher zu mehr Klienten.


   Rose

   Vor ihnen erhob sich in wenigen Meilen ein riesiger Wald mit unterschiedlichsten Bäumen, auf den sie direkt zuhielten. Der Offroad Buggy jagte über den steilen Kamm des Hügels, hob ab und krachte ein gutes Stück dahinter anderthalb Meter tiefer auf die steil abfallende, vertrocknete Wiese, die der Sonnenuntergang im Jenseits in ein tiefes Rot tauchte. Der heilige Obelisk knallte einmal hart auf die schmale Ladefläche neben den leeren Benzinkanistern.
   Rose riss den Kopf herum, um zu sehen, ob sich einer der Sicherheitsgurte gelöst hatte – was nicht der Fall war. Sie saßen aber seit der letzten Pause, vor über vier Stunden, wieder etwas lockerer. Teile der unteren Umwicklung ihrer Fracht – ein zwei Meter hoher Obelisk aus durchsichtigen Bergkristall, den mehrere eingravierte Runenbänder umliefen - hatte sich fast ganz aufgelöst. Er wirkte zerbrechlicher, als er wirklich war, aber ein unglücklicher Schlag auf die Ladefläche konnte schon dazu führen, das etwas abplatzte. Er war zum Glück noch vollkommen intakt – sonst könnten sie jetzt abbrechen. Rose wäre am liebsten angehalten und hätte den Obelisk nochmal gesichert, aber sie hatten keine Zeit mehr.
   Al entkam hinter seiner enganliegenden Fliegerbrille ein breites Grinsen, dass nur an den Lachfältchen, um die Augenpartie, zu sehen war, da ihm ein schützender Schal um die untere Gesichtshälfte lag. Klar, dass ihm das Spaß machte.
   Rose musste ebenfalls grinsen. Sie ließ den Haltegriff an der Tür los, wischte den Navigationsmonitor auf dem Tablet weg und forderte die aktuellen Daten an. „Noch eine halbe Stunde.“
   „Wirklich?“, fragte Al gutgelaunt über den Lärm hinweg.
   „Wir sind in fünfzehn Minuten da. Mit der Restzeit zur Vorbereitung – das wird echt knapp!“
   Al sah trotzdem nicht beunruhigt aus und es steckte irgendwie an. Rose konnte nicht umhin, zu bemerken, dass sein langer Duster seine breiten Schultern betonte – nicht nur die Kleidung, als englischer Lord des vorletzten Jahrhunderts in grünem Samt schmeichelte ihn, sondern auch der wilde Westen. Sie waren beide in schweres, braunes Leder gekleidet, möglichst darauf bedacht, sich vor der Sonne des Jenseits zu schützen. Es war zweckmäßig gedacht, aber da Al die Aufgabe zugefallen war, die Kleidung zu besorgen, hatte er auf Stil geachtet.
   Al legte seine Hand auf ihr Knie. Energie floss durch das Leder seiner Handschuhe und durch ihre Lederhose in Roses Oberschenkel, flutete in ihren gesamten Körper und setzte ihn in leidenschaftliche Entzückung. Es fühlte sich einfach fantastisch an und war auch ein hervorragendes Vorspiel - auch wenn sie jetzt dafür keine Zeit hatten. Es war eher etwas leichtsinnig. Rose ließ ihre Bewusstseinsbarriere fallen, um den auf den Grund zu gehen. Einige Sekunde nahm sie durch Als Augen die Umgebung wahr. Sein Blick war geradewegs auf den Wald gerichtet. Sie waren bereits zwei Tage unterwegs, trotzdem hätte er offensichtlich gerade nichts dagegen, wenn ihre haken schlagene Quest durchs Jenseits noch etwas länger gehen würde. Rose wusste jedoch nicht, ob es nur an den sich markerschütternd gut anfühlende Energiestrom lag, den er in sie leitete. Das anstehende Ritual, würde kein Spaziergang werden.
   Die Sicht war einen kurzen Augenblick weg, um gemischt, mit ihrer beiden Sinneseindrücken, wieder zu kehren. Sie fühlte, was er fühlte und umgekehrt. Al war angespannter, als es den Anschein hatte und der näher rückende Elfenwald vergrößerte sein Unbehagen. Sie waren jetzt schon viel zu nahe dran, aber sie würden für das Ritual bis fast an seine Baumgrenze müssen.
   Eine alte Erinnerung wallte in ihm auf: ein dunkler Elfenwald mit gigantischen Bäumen, in dem ein Krieg stattfand – ohne, dass jedoch etwas konkretes zu sehen war. Es waren vereinzelte Schreie zu hören, während Magie wie in Wellen durch den Wald waberte. In der Entfernung blitzten einzelne, weiße Blitze von Energiebällen kurz und unregelmäßig auf. Dazu dieses Gefühl der Ohnmacht und der Schmerz im gesamten, tauben rechten Arm von einer magischen Verbrennung. Er konnte sein eigenes, verbranntes Fleisch riechen. Dann war die Erinnerung vorbei und sie waren wieder im Hier und Jetzt, und die Energie, die Al in sie leitete, ließ Roses Blut vor Lust kochen. Rose dachte an die Nacht vor ein paar Tagen: Als Hüfte drückte ihre auf die kalte Motorhaube. Sie hatte die Beine um ihn geschlungen, während sie sich küssten und sie genauso die Energie durch ihn zog, wie er jetzt durch sie. Rose hatte in sein Gesicht gesehen, dahinter der unendlich weite Sternenhimmel. Es war ein wunderschöner Moment gewesen – der durch ihren darauf folgenden Kuss gekörnt wurde. Dann kippte wieder die Ansicht und Rose befand sich nun in seinen Körper und konnte spüren, wie sehr er sie begehrte.
   „Ich kauf dir ja einen Offroadbuggy“, erklärte sie vor Lust erstickt. Ihre Söhne wären begeistert, wenn sie, sie gleich so zu sich rief.
   Al ließ ihr Bein los, so dass sein Energiestrom versiegte und Rose schloss ihren Geist. Sie spürte, wie sie immer noch scharf auf ihn war, aber das kleine Geschäker schien seine düsteren Erinnerungen verjagt zu haben. Sie legte tröstend ihre Hand auf seinen Oberschenkel. Sie hatten sich lange darauf vorbereitete. Es würde schon alles gut laufen.
   Al zog sich das Tuch von der unteren Gesichtshälfte, so dass das Sonnensegel über ihm - eine spärliche Stoffbahn über die Fahrerkabine des Buggies - der einzige Schutz vor der sengenden Sonne des Jenseits war. Es half gerade nur wenig. Das Licht der untergehenden Sonne kam mehr von der Seite. Er lächelte richtig befreit und Rose konnte nicht umhin, zu bedauern, dass sie den Buggy heute Nacht wieder zum Verleiher ins Diesseits zurück bringen musste, der sicher nie ahnen würde, wo dieser in der Zwischenzeit gewesen war.
   Rose schaltete auf den Navigationsmonitor zurück und Al begann, langsam vom Gaspedal herunter zu gehen. Vor ihnen erstreckten sich die letzten vierhundert Meter freie Wiese, bevor der Elfenwald begann, deren Bäume allesamt so groß wie Mammutbäume waren, nur das es sich bei diesen Bäumen, um alle möglichen Arten handelte. Eine kurze Sekunde musste Rose an die alte Erinnerung von Al zurück denken, die mindestens zweitausend Jahre alt sein musste. Sie kämpfte sie aber runter, bevor sie sich überhaupt darüber richtige Gedanken machen konnte. Sie hatten wichtigeres zu tun.
   Rose ließ Als Bein los und griff den bereit gelegten Anrufungsspiegel aus ihren im Fußraum eingehängten Rucksack heraus. Al fuhr auf den letzten fünfzig Metern langsamer und ließ sich etwas mehr Zeit. Seine Blicke begannen wachsam über den Wald zu schweifen, als wenn sie jede Sekunde angegriffen werden könnten. Rose spürte, wie er aus einer naheliegenden Kraftlinie Energie zog, um seine Wahrnehmung mit dem halben Dutzend an Überwachungszaubern zu erweitern, so dass ihm im Umkreis von einer Meile kaum etwas entgehen konnte. Wenn er etwas wahrnahm, sagte er es jedoch nicht. Sein angestrengter Gesichtsausdruck konnte jedoch vieles bedeuten.
   Rose spürte, wie ihre Nackenhaare begannen, sich aufzustellen. Sie waren überein gekommen, dass nur einer von ihnen beiden diese Zauber aktivieren sollte, da sie in der Nähe des Elfenwaldes so wenig magisch aktiv wie möglich sein wollten – zumindest, bis der Schutzkreis errichtet wurde. Rose hatte dafür ihren Teil zu erfüllen. Sie ließ das um ihre Hand gebundene Pendel durch die Oberfläche des Anrufungsspiegel sinken und dachte an Evert. Die Verbindung zu ihrem Sohn war kaum aufgebaut, als sie nach einem kurzen „wir kommen“, wieder zerriss. Er war genauso angespannt, wie sie beide.
   Die Linie in ihrer Nähe, durch die Al noch eben Energie gezogen hatte, schwankte und Saoul, Adam, Evert, Marie und Nick standen im kniehohen Gras, das im Gegensatz zu anderen Orten im Jenseits hier unheimlich grün und saftig wirkte. Es blühten sogar vereinzelte Blumen.
   „25 Meter Durchmesser?“, fragte Saoul kurz angebunden und begann bereits, sich umzublicken. Jetzt war Rose die einzige unter vielen, die keine Überwachungszauber ihrer Umgebung auf sich hatte.
   „Lieber etwas mehr, als zu wenig“, bestätigte Rose, während sie begann, den Sechspunktgurt zu lösen. Danach machte sie bei Al weiter, der das gar nicht zu beachten schien, sondern wie gebannt auf den Waldrand starrte, der sich rund einhundert Meter vor ihnen erstreckte. Das hatte doch nichts Gutes zu bedeuten.
   Saoul atmete in einem schmalen Strahl aus und sein rot-goldener Drachenfeueratem begann, eine breite Schneise in das Gras zu brennen. Nick und Marie liefen ihm hinterher und sondierten mit Metalldetektoren das Gras. Bis in die Tiefe, wie der Schutzkreis gehen würden, würden sie sowieso nicht alle störenden Metalle finden, aber die Gefahr, in den obersten Erdschichten auf einen Metallgegenstand zu stoßen, war sowieso um einiges höher.
   Al zuckte einmal, fast unmerklich zusammen, als Nicks Sensor schnell piepsend anschlug. Nick bückte sich und besah sich den kleinen Gegenstand in seiner Hand. Er war verwittert, aber immer noch erkenntlich genug, um ihn als Elfen-Pfeilspitze zu identifizieren. Nick sah eine Sekunde aus, als wenn er einen Geist gesehen hätte. Keiner sagte etwas, aber die letzte Fassade der guten Stimmung war dahin.
   Rose stieg aus und zog ihre schwere Lederkleidung zurecht, bevor sie ihr Staubtuch vom Gesicht nahm und mit der Brille auf den Sitz vom Buggy schmiss.
   Al lenkte das Fahrzeug, sobald Marie und Nick fertig waren, in die Mitte des verbrannten Kreises. Kaum hatte er das Fahrzeug abgestellt, sprang er raus, wobei sein brauner Duster, im Wind des Jenseits zu wehen begann. Er setzte die Fliegerbrille ab und erst jetzt fiel Rose auf, dass die vom Schal und der Brille ungeschützten Stellen einen ordentlichen Sonnenbrand bekommen hatten. Zusammen luden sie den Obelisken aus und hievten ihn zwischen die beiden Kreise – welche einen Durchmesser von etwa 21 und 23 Meter hatten - die Adam und Evert mit je einem zehn Kilo Sack Salz immer noch um den Buggy zogen.
   Marie schloss um sie alle den äußeren Kreis, als die Sonne nicht mehr als eine kleine Andeutung am Rand des Horizonts war, die ihren lila-roten Sonnenuntergang aber noch über den Großteil des Himmel schickte.
   Rose sowie einige andere atmeten entspannt auf. Sie waren nicht mehr vollkommen ungeschützt. Es war für Marie zwar eine einigermaßen große Leistung einen 23 Meter Kreis stabil zu halten – aber es war nichts, was eine Dämonin nicht über ein paar Stunden bewerkstelligen konnte.
   Rose berührte Marie an der Schulter und griff nach einer Kraftlinie, um den Buggy weg in eine Garage in Italien zu transportieren – nahe des Ortes, wo sie ihn gemieteten hatten und wo er nicht mehr stören würde.
   „Die Kutten“, erinnerte Al fast parallel. Sie machten sich alle mit den nachtblauen Kutten unkenntlich und verteilten sich - außer Marie, deren einzige Aufgabe es war, den Kreis zu halten - gleichmäßig um den inneren Schutzkreis.
   Al, der Rose gegenüber stand, streckte mit Evert und Adam, die sie flankierten, weit die Arme in die Luft, als wenn sie etwas Großes umarmen wollten. Ein riesiger Ruck ging durch die benachbarten Kraftlinien. In der Mitte des inneres Kreises erschien eine kreisrunde Betonplatte mit einem Durchmesser von achtzehn Metern, auf die ein fünf Meter hoher Aufbau gefügt war. Dieser erinnerte entfernt an Stonehenge: Zwei ineinander stehende Steinkreise, wobei sie auf Naturstein verzichtet hatten - um es zu vereinfachen, war alles magisch aus Beton geformt worden. Die äußere und innere Säulenkette hielt je einen Betonring, in den sie Bahnen voller Runen geschnitzt hatten. Der äußere Kranz schloss genau mit der Bodenplatte ab. Über den inneren Betonring spannte sich eine sanft abfallende, kegelförmige Decke. Sie hatte in der inneren Säulenkette weitere, dünne Betonplatten eingefügt, die den dadurch entstandenen Tempelraum vor Wettereinflüssen und neugierigen Blicken schützen würde. In die Mitte des Raums würden sie den Obelisk auf einen Altar stellen.
   Das Teil war ganz schön groß worden, entschied Rose – dabei hatte sie immer angst gehabt, dass es zu kein werden würde. Der innere, schützende Tempelraum hatte jedoch einen Innendurchmesser von fünf Metern, womit selbst, wenn sie alle zusammen vorhätten, in den Elfenwald zu gehen, im Anschluss dort Schutz finden konnten.
   Im äußeren Ring bewegte sich etwas zwischen den Stützen. Rose war kurz verunsichert, doch dann erkannte sie Jax, der zwischen den Pfeilern heraus geflogen kam.
   „Ey, Mann, du solltest dich doch aus dem Gebäude entfernen“, grummelte Nick, dessen Stimme für Jax, da er keine Kutte trug, fremd klingen musste, aber er erkannte ihn eindeutig an seinem typischen Ton ihm gegenüber – etwas, auf das er eigentlich hätte verzichten sollen.
   „Ich war draußen“, motzte Jax zurück und kam auf seinen Freund zu geflogen, „das Scheißteil hat mich einfach mitgerissen.“
   Nick zog ein Stück seiner Kapuze an der Seite auf, so dass Jax bequem darunter fliegen konnte.
   „Möglich“, meinte Evert beschwichtigend, als wenn er eher das Thema beenden wollte.
   „Lasst uns fortfahren“, rief Al wieder zur Tagesordnung. Diesmal hoben alle außer Marie ihre Hände und begannen einen Singsang, um den ganzen Betonbau an dieser Stelle im Jenseits zu befestigen und ihn magisch aufzuladen. Rose durchfloss ein großer Kraftlinienstrom von ihrer Mitte über ihre Hände nach außen zum Bau. Plötzlich nahm sie eine Bewegung innerhalb ihres äußeren Blickfeldes wahr. Etwas bewegte sich außerhalb des äußeren Kreises. Eine Sekunde rutschte ihr das Herz in die Hose, ob es wirklich schon soweit war, dass sich die Schatten aus dem Wald zu ihnen gesellten. Die Gestalt machte einen weiteren Seitenschritt und Rose stellte mit großer Zufriedenheit fest, das es nicht so war: Es war offensichtlich noch hell genug, so dass sie einen anderen Dämon angelockt hatten.
   „Es ist ein ganzer Zirkel“, flüsterte ihnen Marie telepathisch zu, die angefangen hatten, hinter ihnen und der dünnen Membran herum zu laufen. Die Wächter des Waldes waren schon an den Aufnähern auf deren Brust und den Oberarmseiten ihrer einheitlichen Oberteile zu erkennen: Ein Baum in einem Schutzkreis. Jeder von ihnen, die Rose sehen konnte, führte einen langen Rotholzstab, in dessen Spitze ein grüner Kristall eingelassen war.
   „Was macht ihr hier?“, fragte sie einer der Dämonen im feinsten Oxford Englisch – das im Gegensatz zu dem von Al wahrscheinlich nicht vorgeschützt war. Er trug, wie die anderen, einen dunkelgrünen Waffenrock, der mit zahlreichen Zaubern bestickt war. Darunter trug er ein Kettenhemd, dass seine gepolsterten Schultern, im Vergleich zu seiner Hüfte, um die ein breiter Gürtel mit Schnalle lag, besonders breit wirken ließ. Er hatte kurze braune Haare und eine Narbe, die ihm einmal über das rechte Auge ging. Er sah nicht aus, als wenn er Scherze machen würde.
   Marie hielt vor ihm an, sagte jedoch nichts, sondern musterte ihn nur – andernfalls hätte Rose ihr auch die Ohren langgezogen. Sie hatte anweisung erhalten mit keinen der Ankömmlinge zu reden. Es reichte schon, dass sie alleine den Kreis hielt. Mit seinen 23 Meter wäre er auch von einem männlichen Dämon stabil zu halten gewesen, auch wenn es ihn mehr Mühen gekostet hätte. Marie wirkte in ihrer gesichtsverschleierden Kutte jedoch so selbstsicher, als wenn sie gerade gar nichts tun würde.
   „In einer halbe Stunde werdet ihr spätestens angegriffen werden“, versprach ihr der Dämon von der anderen Seite des Bannkreises, „was tut ihr hier?“
   Marie rührte sich nicht.
   „Wenn ihr es nicht schafft, den Bannkreis bis zum Ende der Nacht zu halten, seit ihr tot – ich hoffe, das ist euch bewusst. Es werden Wesen aus dem Wald kommen und wenn ihr hier so ein Leuchtfeuer veranstaltet, könnt ihr sicher sein, dass sie euch überrennen werden.“
   Marie zuckte locker mit den Schultern, als wenn sie lässig sagen wollte, 'Ist das etwa dein Problem?'.
   Der andere Dämon blickte zu dem Obelisk, der immer noch zwischen den beiden Kreisen stand und erst platziert werden konnte, wenn sie den ersten Zauber hinter sich gebracht hatten. Hoffentlich ließ sie sich nicht provozieren.


   Marie

   Im Hintergrund sangen die anderen. Marie blickte durch den grünen Schutzkreis zu dem schnuckeligen Dämon auf der anderen Seite. Er hatte etwas wildes an sich und wie es aussah, gehörte er zu den Wächtern des Elfenwaldes, an denen Al und Rose sich in den letzten Tagen vorbei geschlichen hatten und deren Aufgabe es war, dass sich kein Dämon dem Wald versehentlich näherte. Selbst die gehörnten Oberflächendämonen hielten Abstand. Alles, was sich näher als eine gut zurücklegbare Strecke in einer Nacht befand, wurde bejagt. Al hatte laut Eigenaussage ziemlich tricksen müssen, um Rose auf eine der Einkaufsstraßen in einer zwei Tagen entfernten Dämonensiedlung zu schicken, ohne, dass es jemanden aufgefallen war. Sie hatte sich über ein paar Umwege zur Oberfläche geschlichen, wo sie dann Al mit dem Obelisken zu sich ins Jenseits gezogen hatte, da sie diesen nicht einfach durch Liniensprünge transportierten konnten. Sie hatten von dort die Fahrt mit dem Buggy begonnen. Ihr Gegenüber schien es besonders zu ärgern, dass sie sie nicht schon eher entdeckt hatten, aber wenn sie den großen Kanister des bereits verschwundenen Buggys gesehen hätten, dann wäre ihnen bewusst gewesen, dass Rose und Al sich die letzten zwei Tage vollkommen selbst versorgt hatten, um keine Magie wirken zu müssen und dadurch möglichst wenig aufzufallen.
   „Was ist das für ein Obelisk?“, fragte der Dämon nochmal.
   Marie konnte nicht umhin zu schmunzeln, auch wenn ihr Gegenüber es nicht sah. Sie durfte trotz ihrer verschleierten Stimme noch nicht einmal mit ihm reden. Sie war kurz versucht, den Obelisk anzufassen und sich irgendwie cool dagegen zu lehnen, aber das Teil war ihr nicht ganz geheuer. Rose hatte fast eine Woche vor ihm im Einklang mit Amber, ihrer Göttin, meditiert. Das Teil leuchtete, wenn man das zweite Gesicht hob, kein Stück, aber die Aura, die es abstrahlte, war mehr als nur mit dem Wort außergewöhnlich zu bezeichnen - unheimlich. Es war mehr eine Präsenz, als eine Aura und sie war verdammt machtvoll.
   „Ich zähle bis drei, dann lasst ihr die Barriere fallen oder ich werde Verstärkung holen und dann werden wir sie einreißen. Es kann nur schlimmer für euch werden.“
   Marie konnte sich ein verächtliches Schnauben nicht verkneifen. Einen gezogenen Kreis konnte man nicht brechen. Da Marie sich aber im Kreis befand und dort drinnen starke Magie gewirkt wurde, war der Kreis leider nicht ganz perfekt und damit konnte er durch ein kleines Schlupfloch doch gebrochen werden – es brauchte dazu aber eine extreme Übermacht. 100 für einen männlichen, 600 für einen weiblichen Dämon– und dass auch nur mit der Zeit, wenn der Gegendruck sie erschöpfte. Sie spekulierten eindeutig darauf, dass die anderen im Ritual eingebunden waren. Jedoch würden, mindestens drei aufhören müssen, den Steinkreis aufzuladen, damit es nicht so sehr auffiel, dass sie es vielleicht auch ganz alleine schaffte.
   „Eins“, zog der Dämon wieder die Aufmerksamkeit von Marie auf sich.
   Etwas bewegte sich zwischen den Bäumen. Marie schaffte es kaum in die Richtung zu deuten, da preschte, das etwas auch schon hervor. Ein riesiges, hundeähnliches Schattenwesen, dass es jedoch nur soweit schaffte, wie der Schatten der Bäume fiel. Er ließ es komisches heulen von sich hören und begann darauf hin an der Schattengrenze hin und her zu tigern, als wenn es gar nicht erwarten könnte, dass die Sonne unterging.
   Der Dämon folgte ihrem Fingerzeig und ein breites Lächeln huschte über sein Gesicht, als es das riesige, vierbeinige Monstrum sah, das weder über Mund noch Augen zur verfügen schien – vielleicht trüge dieser Schein auch?
   „Das ist noch gar nichts“, erklärte der Dämon gönnerhaft und seine roten Augen glitzerten belustigt.
   Sie hatte ihn ja auch nur warnen wollen. Marie verzog beleidigt den Mund.
   „Zwei“, erklärte er weiterhin, aber Marie merkte, dass die anderen zögerlicher waren. Dennoch unterbrachen Al, Evert und Nick ihre Arbeit und tauchten wie aus dem Nichts hinter Marie auf, um ihr je eine Hand auf ihre Schulter zu legen, bereit den Kreis zusätzlich zu stabilisieren. Leider würden sie sich danach nicht einfach wieder so zurück ziehen können, wenn sie einmal ihre Aura durch Marie in den Schutzkreis geleitet hatten. Ihre verblassende Aura würde dafür sorgen, dass der Schutzkreis schwere Schwachstellen bekam und höchstwahrscheinlich sogar kollabierte.
   Saoul sollte einfach nach draußen gehen, um sie in seiner Drachengestalt zu verjagen – blöderweise wollten sie so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen und ein geheimer Dämonenzirkel, der irgendwelches geheimes Zeugs machte, kam weit häufiger vor, als ein gewisser, goldener Drachen, der bereits in Erscheinung getreten war. Die Aufmerksamkeit, die ihnen zu Teil werden würde, wenn die Dämonen glaubten, dadurch Lun, einen mächtigen Energiestein, wiederzubekommen, würde fast ins grenzenlose steigen. Rose sah jedes mal glücklich aus, wenn irgendjemand sagte, dass das Interesse an Loveland Castle weiter sank. Bis jetzt hatten sie es aber noch nicht einmal gewagt, dahin zurück zu kehren, um das Leck zu untersuchen, von denen die Dämonen glücklicherweise immer noch nichts ahnten.
   „Telor“, rief einer der anderen Dämonen und fuhr seinem Anführer damit in die Parade, als dieser eigentlich mit verbissenen Gesichtsausdruck 'drei' sagen wollte. Am Waldrand waren weitere Schattenwesen aufgetaucht, aber eines davon hielt sich weiter zurück und stand abseits im Schatten, mit dem er fast verschwamm. Es hatte eine breite, menschliche Gestalt, wie unter einer Robe und an den Kopfseiten sprossen zwei riesige gedrehte Hörner. Seine Augen waren zwei rote Punkte in der Dunkelheit.
   Nicks Händedruck auf Maries Schulter wurde stärker und sie wusste, dass das Wesen dem ähnlich gewesen sein musste, was er auf dem Elfentreffen gesehen hatte.
   „Dreck“, meinte Telor angewidert und spuckte auf den Boden. „Entweder ihr kommt jetzt mit, oder wir gehen. Dann werdet ihr hier sterben. Denkt nicht einmal daran, euch zu einer Dämonensiedlung flüchten zu können. Wir werden sämtliche Punkte schließen lassen.“ Auf einmal schien von Verstärkung holen, keine Rede mehr zu sein. Sie wollten eindeutig weg.
   „Nein“, grollte Als magisch veränderte Stimme über Marie hinweg, dass es ihr einen kalten Schauer über den Rücken schickte. Er war offensichtlich auf Nummer sicher gegangen und hatte seine Stimme mehrfach magisch modifiziert.
   „Ich bin schon auf die Wetten gegen euch gespannt und wie diese am Ende der Nacht stehen werden“, meinte Telor herablassend und dann verschwanden sie.
   „Ist es zu spät Wetten auf uns zu platzieren?“, tönte Adam telepathisch und Marie wusste, dass er breit gönnerhaft grinste. Nichts desto trotz lockerte es die Stimmung auf.


   Rose

   Es klang draußen, als wenn die Welt unter gehen würde. Ein ewiges Grollen, wie von Donner durchsetzte gutturalen Lauten. Marie, Saoul und Jax schafften es trotzdem zu schlafen.
   Marie lag vollkommen erschöpft in Rose Armen, während Rose ein Wiegenlied summte, das ihr bereits Dodo immer vor gesummt hatte und dass so alt war, dass der Text verloren gegangen war. Es beruhigte aber auch Rose immer noch unheimlich. Marie hatte so lange wie es ging versucht, den äußeren Kreis aufrecht zu erhalten. Es hatte gereicht, das Ritual zu beenden, so dass sie den inneren Schutzkreis nicht gebraucht hatten. Der heilige Obelisk ruhte nun felsenfest verankert in der Mitte des Betonbaus und wurde aus den umliegenden Linien gespeist, von denen dieser nicht mehr abgeschnitten werden konnte. Es war für die Ewigkeit ins Jenseits integriert und beschützt von Amber. Der einzige Nachteil war, dass sie von der Plattform nicht wegspringen konnten. Sie würden dafür das Heiligtum verlassen müssen. Dennoch war der erste Schritt getan, um die alte, verlassende Dämonensiedlung – und damit Kelets Haus – überhaupt erreichen zu können, da Rose als Priesterin, das Heiligtum ihrer Göttin durch die Linien wahrnehmen konnte. Sie würden Gras über die Sache wachsen lassen und sich mit anderen wichtigen Dingen beschäftigen, wie Lonis Tulpas – dazu noch die ganzen Angelegenheiten um Rachel, wozu auch das Leck gehörte.
   Rose versuchte, nicht zu viel darüber nachzudenken.
   Saoul schlief mit verschränkten Armen rechts von Rose an die Runde Wand gelehnt, wobei es sich Jax auf seiner Brust gemütlich gemacht hatte. Der Kleine hatte sich erst riesige Sorgen gemacht, dass Isi ihm die Ohren lang ziehen würde, jetzt schlief er jedoch vollkommen friedlich. Nick saß links von Rose, so dass er den einen von beiden Ausgängen genau im Auge behalten konnte. Die Anlage war jedoch so konzipiert, dass man aus ihrem Inneren nicht nach draußen sehen konnte, so dass auch keiner von Außen in das Innere sehen konnte. Er sah trotzdem aus, als wenn ihm unwohl wäre.
   Rose griff seine Hand und drückte sie sanft. Nick lächelte, als wenn er sie um Verzeihung bitten würde und dass er von sich selbst enttäuscht wäre, dass er nicht vollkommen gelassen war.
   „Es ist nicht dumm, Respekt vor einer Übermacht zu haben“, versuchte Rose ihn zu beruhigen, „du bist stark und irgendeines Tages wirst du dich vielleicht in so einem Getümmel wieder finden – aber es ist immer klüger, so etwas aus dem Weg zu gehen.“
   Nick nickte widerwillig und sah von neuem zum Ausgang, während er ihre Hand hielt. Die Monster konnten die Plattform nicht betreten. Es war wie ein Schutzkreis. Die anderen waren draußen und schauten durch die unsichtbare Barriere den Massen an schattenhaften Monstern zu, wie sie gegen diese anliefen. Nick hatte es auch einige Zeit getan, bis er sich übersehen hatte. Es hatte auch nicht sonderlich viel Sinn, draußen zu sein.
   Bei Sonnenaufgang wäre alles vorbei. Rose begann wieder das Wiegenlied zu summen.


   Rachel

   Ein spitzer Stoß in die Hüfte weckte Rachel und ließ sie zusammenzucken. Sie rieb sich die Hüfte, deren stechender Schmerz bis in den Bauchraum strahlte, während sie sich schlaftrunken im Klassenzimmer umsah. Alle starrte sie an, ihre Mitschüler etwas ängstlich – bis auf Marie, die ihr mit dem Ellenbogen in die Seite geboxt hatte - und Miss Noland, vorne an der Tafel, verärgert. Vor Rachel lag ihr eigenes Handy, offen auf dem Tisch und vibrierte unheimlich laut.
   Kacke, das musste Glenn sein. Rachel verzog der Gesicht, obwohl sie seinen Anruf bereits erwartet hatte. Er hatte versprochen, dass er einen Termin mit ihr machen wollte, wenn er ihre Anzeige einmal fertig durchgesehen hatte, höchstwahrscheinlich hatte auch schon sein Vater einmal drauf geschaut.
   Rachel blickte vorsichtig zu Miss Noland, die Lehrerin für Schutzkreise aller Art. Eine kleine Frau mit dünnen, blondgefärbten Haaren, die fast schon bulimisch schlank war. Sie hatte Rachel vom ersten Tag an gefressen gehabt – wie eigentlich alle anderen Professoren auch. Rachel gab sich gar nicht die Mühe, zu fragen, ob sie kurz rausgehen konnte. Wenn die Klasse, in der sie saß, voller schwarzer Hexen nicht schon das Letzte war, so war sie für es Miss Noland, als 'böse die Dämonin', die versuchte, sich in ihre Gemeinschaft zu integrieren, alle mal. Rachel erhob sich und flüsterte zu Marie: „Schreib für mich mit,...“ Sie sah gar nicht erst hin, weil sie wusste, dass Marie sie nur einfach bockig, mit ihren zu Schlitzen verengten Augen wütend ansehen würde. Eigentlich hätte Rachel froh sein müssen, dass Al seine neue Vertraute ihr zur Seite gestellt hatte, aber Marie war ein kleiner Giftzwerg und nach ihrem Äußeren, mit ihrer gebräunten Haut und den langen, wasserstoffblonden Haaren, erinnerte sie zu sehr an eine braunäugige, zu gepiercte Gothic-Version von Ceri, als das Al mit ihr nicht immer noch den Verlust seiner letzten Vertrauten verarbeitete.
   Rachel war nur froh, dass Marie offiziell ihre unausstehliche Mitbewohnerin war – auch wenn sie nicht einmal damit hausieren gingen - und das nicht nur, weil sie sich sonst nicht die Miete in der Kirche leisten konnte. Es wäre mehr als unangenehm, wenn dadurch vielleicht auch heraus kommen würde, das Marie die Vertraute von Al war. Aus Als erdachter Version, dass sie beiden die BFFs – best friends forever - spielten und Marie deswegen bei Rachel eingezogen war, war eindeutig nichts geworden. Durch die jetzige Story: Marie hatte einen kürzeren Weg zum College und sie redeten mit niemanden darüber, dass sie zusammen wohnten, da Marie es nicht zugeben wollte - musste Rachel auch nicht Ceri erzählen, das Al sich eine Art Klon von ihr als Ersatz besorgt hatte.
   „Glenn?“, fragte Rachel, kaum hatte sie die Tür des Hörsaals hinter sich geschlossen.
   „Hi, ich bin mit deinem Bericht durch – ich denke, den können wir mit ein-zwei Minikorrekturen so lassen“, er klang übermäßig erleichtert, sie zu erreichen. „Ich hoffe, ich habe dich nicht im College gestört?“
   „Naja,...“, gab Rachel offen zu. Sie blickte den leeren Flur entlang, auf die große, mechanische Uhr, die dort hing. Es war kurz vor zwölf. Heiliger Eitereimer, hatte Miss Noland nicht erst gerade um zehn ihren Unterricht begonnen?
   Also hatte sie die ganze Doppelstunde verschlafen? Rachel war vorher schon müde gewesen, aber die ersten zwei Fächer hatte sie einigermaßen wach überstanden. Rachel ließ sich gegen die Wand fallen und erwischte dabei den Rand der Tür so, dass dieser geräuschvoll im Schloss schepperte.
   Klasse, dass musste man drinnen gehört haben. Sie biss missmutig die Zähne zusammen.
   „Wie wäre es, wenn du morgen Nachmittag, so um 14 Uhr vorbei kommen würdest? Ich wollte sowieso noch die Meinung zu einem Fall von dir wissen“, versuchte er sie aufzumuntern.
   „Das hört sich klasse an“, Rachel wusste jedoch nicht, ob er damit einen richtigen Fall meinte oder ob er wirklich nur ihre Meinung hören wollte. Sie verabschiedete sich schnell von ihm und bekam gerade noch mit, wie Miss Noland verkündete, dass sie die Hausaufgaben, die sie gerade von der Tafel wegwischte – sicher als kalte Rache dafür, dass Rachel nicht aufgepasst hatte - ihr bitte bis Montag in ihr Zimmer gebracht werden sollten. Dann war die Stunde vorbei. Rachel stand eine kurze Sekunde in der Klassentür, wie bestellt und nicht abgeholt, ging dann zu ihrem Platz und räumte wie die anderen ihre Sachen zusammen. Sie hatte sie nur ausgeräumt, um sie jetzt wieder zusammen zu packen. Rachel war nur froh, dass Al dafür sorgen würde, dass Marie ihr ihre Aufzeichnungen gab.
   Die Kleine machte gute Aufzeichnungen, auch wenn Al sie einmal hatte zurechtweisen müssen, dass sie sie nicht in dämonischen Runen machte, damit Rachel sie auch lesen konnte. Zudem erregte es Aufmerksamkeit bei den Lehrkräften, wenn sie etwas in einer Schrift verfasste, die nur im Jenseits benutzt wurde.
   „Ich bin erst heute Abend wieder da“, erklärte Marie leise zu ihr und warf sich ihre teuer aussehende, schwarze Handtasche über die Schulter, um nach dem Handgriff ihres Luxusschrankkoffers zu greifen, den sie am College ständig hinter sich her zog. Sie hatte die super, sonder Luxusausführung aus dunkelbraunen Leder, bei der selbst Herr Reagan, der Professor, der für das Trankbrauen zuständig war, große Augen gemacht hatte. Er gehörte selbstverständlich Al und Marie war leicht ins schwimmen geraten, als der Professor sie gefragt hatte, wo sie ihn her hatte – da er ihn sich nachkaufen wollte. Jeder wollte dieses verdammte Teil haben. Es enthielt einfach alles und konnte alles und war wahrscheinlich so schwarzmagisch, dass ein Hexenzirkelmitglied für ethische und moralische Standards, dass davon Ahnung hatte, eine Herzattacke bekommen würde, wenn er ihn untersuchte.
   „Hey, warte mal“, hielt Rachel sie auf.
   Marie drehte sich vollkommen scheinheilig, mit bittersüßen Lächeln um und sah sie unbedarft an, als wenn sie kein Wässerchen trüben könnte.
   Patricia und Tina, zwei Kommilitoninnen, die am Nachbartisch arbeiteten, warfen sich eindeutige Blicke zu und verschwanden schnell aus dem Raum, so dass sie alleine waren.
   Rachel musste sich sehr anstrengen, nicht den Kopf zu schütteln. Als wenn sie der Ober-Rowdy wäre. Am ersten Tag hatte Rachel es geschafft, Clea, die hinter ihnen saß, zum Heulen zu bringen, weil sie sie nach einem Kreideanspitzer gefragt hatte. Die Hexen waren doch nicht ganz dicht. Rachel war sich sicher, dass am Montag nächste Woche das Gerücht herrschen würde, dass sie Marie sämtliche ihrer Unterlagen abgezogen hätte. Da fragte man sich doch, wer hier gemobbt wurde.
   Die Tür klappte ins Schloss und sie waren allein.
   „Was willst du, Itchy-Bitch?“, fragte Marie und ihre Mascara umrahmten Augen wurden schmal.
   „Ich brauch´ deine Unterlagen“, erklärte Rachel und versuchte, auf die Verarsche von Als Kosenamen Krätzihexi – Itchy-Witch - nicht einzugehen, den Marie immer benutzte, wenn sie unter sich waren und sie keinen Bock auf Rachel hatte. Es war ihr Form von kindischer Rache. Rachel hatte nur nicht wirklich eine Ahnung, wofür sie sich wirklich rächen wollte. Marie hatte sich selber zuzuschreiben, dass sie Als Vertraute geworden war - und das sie sich mit ihm solidarisierte, weil Rachel ihn 'ins Unglück' gestürzt hatte, schien auch eher vorgeschoben.
   „Du bekommst sie später“, behauptete Marie spitzfindig. Zuerst hatte Rachel geglaubt, dass es eine gute Idee war, als Marie vor zwei Wochen mit ihrem neuen, bulligen, schwarzen Pickup-Truck auf den Hof gefahren war, um zu verkünden, dass sie nicht auf Rachels Auto angewiesen war. Langsam stellte sich jedoch heraus, dass sie diesen nutzte, um ihr weitere Finten zu schlagen.
   „Ich brauch´ die Unterlagen aber jetzt“, erklärte Rachel genervt, später hätte Marie sicher eine andere Ausrede.
   Marie zuckte mit den Schultern. „Ich auch,“ und wendete sich ab, um zu gehen.
   Rachel verdrehte die Augen. „Gib sie mir, oder ich sage es Al“, gab sie resigniert von sich. Sie fühlte sich selber mit dieser Version des angedrohten Petzens nicht wohl, aber es war das einzige was zog. Marie hatte so gar keinen Respekt vor ihr.
   Marie zuckte nicht mit der Wimper und sah sie mit starren, herablassenden Blick an, griff in ihre Handtasche, zog ihr Notizbuch hervor und legte es neben sich auf einen der Tische, dann drehte sie sich angepisst um und ging.
   Rachel sah ihr resigniert hinterher, bevor sie sich ihr Notizbuch schnappte und in ihre Handtasche steckte. Es mochte sein, dass nur die Hexen wussten, dass sie ein 'bösartiger und gefährlicher' Dämon war, während alle anderen Inländer und Menschen glaubten, sie wäre eine Hexe oder eben ein 'nicht verifizierter Alpha-Killer' – wie es in ihrem Pass stand - und dass Al mit Newt die Dämonen davon abhielt, über sie herzufallen, so dass sie sich frei bewegen konnte, aber ihr Leben war momentan die Hölle.