Irgendwann

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Collins Farrier Fortis Leader
08.08.2018
08.08.2018
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Anmerkung: ...ich hoffe, ich konnte den historischen Kontext (zwischen Dezember 1939 und Mai/Juni 1940) halbwegs logisch aufgreifen und einordnen.
Ich widme folgenden Text Forbidden to Fly.  Danke für deine Motivation, deine wunderbaren Texte und deine ungebrochene Begeisterung für diesen Film / DUNKIRK.





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Luft umgibt alles, trägt manches, doch hält nichts fest: Vögel, Blätter, Flugzeuge, Bomben … alles lässt sie passieren. Es ist wohl nie die Intention der Flugpioniere um die Jahrhundertwende gewesen, dass die Fähigkeit den Menschen fliegen zu lassen auch dessen Ehrgeiz dahingehend steigert, die gegenseitige Vernichtung großflächig anzugehen. Der Tod aus der Luft – für die Menschen damals eine noch unvorstellbare Dimension. Nur wenige Jahre später belehrte sie der Große Krieg eines Schlimmeren. Heute, gut zwanzig Jahre später, ist das Schlimmere zur Methode geworden... Das Militär kennt keine unvorstellbaren Dimensionen mehr.

Die Flammen breiten sich aus. Der Strand leuchtet flackernd in der Abenddämmerung auf, zwei Silhouetten zeichnen sich gegen die Helligkeit ab, beide rühren sich nicht. Die Wärme des Feuers erreicht nur schwach Farriers müdes Gesicht – er steht in einigen Schritten Abstand zu seiner brennenden Spitfire, beobachtet regungslos wie sich das Feuer durch das Metall frisst. Sie war ihm treu, seine Maschine, hat ihn getragen, bis hierher, auch ohne Treibstoff. Am Ende verließ er sich ganz auf die Tragflächen und den Wind … die ungewohnte Stille der Maschine aushaltend.

Es ist keine Frage der Moral gewesen, weshalb Farrier sich der Royal Air Force verschrieben hat. Vielleicht war Ehrgefühl dabei, und der Glaube im Namen seines Landes Missionen zu fliegen, die er selbst mit bestem Gewissen unterstützt. Er hat wenig diskutiert, seine klare Linie von Ansichten und Notwendigkeiten entsprachen denen der Royal Air Force. Sein Weg stand damit schon lange fest. Er hat nie einen Gedanken daran verschwendet etwas anderes aus seinem Leben zu machen. Hat nichts bedauert, wenig angezweifelt. Er hat so manche Piloten feindlicher Flugeinheiten per Knopfdruck in den Sinkflug und somit in den sicheren Tod geschickt. Nicht nur heute. Es war notwendig. Immer. Mehr Rechtfertigung brauchte er nicht. Er hat nie darüber nachgedacht, wer dort in dem anderen Cockpit sitzt, welches auf der Erdoberfläche zerschellen wird, und welche Familie er da gerade zerstört hat… Er könnte kein Kampfpilot sein, würde ihn das kümmern. Sie alle sind Bestandteil einer gigantischen wie tödlichen Maschinerie in der Einzelne zerstört und ersetzt werden müssen, heute die einen, morgen die anderen … Er hat nie versucht den Krieg menschlich oder gar philosophisch zu betrachten, das ist nicht seine Aufgabe, denn er hat den Krieg nicht beschlossen. Er kann ihn nur hinnehmen, als bestehende Situation, und seine Rolle darin erfüllen, solange er es vermag. Und das hat er, konsequent bis zum Schluss, bis hierher.

Nur einmal war es anders, nur einmal für einen kurzen Moment verfolgte er die absinkende Flugbahn mit einer gewissen Besorgnis, vor etwa einer halben Stunde. Weil er den Mann in dem anderen Cockpit gekannt hat. Sie sind einige Manöver zusammen geflogen in diesem Krieg bisher, nicht nur während der momentanen Operation Dynamo.  Doch Collins musste sich ausklinken, er wird alles versucht haben, um sich zu retten. Auch darauf konnten sie sich immer verlassen – Möglichkeiten für sich zu nutzen, wenn man auf sich allein gestellt war. Und das war man im Grunde immer. Nur das Flugzeug hielt einen auf Kurs und in gewisser Weise am Leben. Jeder für sich. Um sich später im Hangar wieder zu begegnen. Irgendwann. Und irgendwann ist immer das letzte Mal – man weiß es nur erst danach. So wie jetzt. Farrier revidiert diesen Gedanken, während er den Blick für einen kurzen Moment von seiner brennenden Spitfire löst und ihn über den weiten, dämmrigen Strand schweifen lässt. Er hat sich nie mit sentimentalen Dingen aufgehalten, aber zumindest hat er in diesem Moment das Gefühl, es war eine gute Entscheidung doch noch einmal festen Boden unter den Füßen zu haben … Das ist Collins verwehrt geblieben. Tatsächlich glaubt Farrier nur bedingt an eine Möglichkeit für Collins' Überleben. Vielleicht hat das kleine zivile Boot, welches nicht weit entfernt von Collins' Maschine gen Dünkirchen strebte, noch etwas ausrichten können, vielleicht ist ein Torpedo schneller gewesen … Es war unmöglich von oben auszumachen, weshalb Collins nur eine Hand durch das Cockpitverdeck schieben konnte, nachdem er mit seiner nunmehr flugunfähigen Spitfire gewassert war. Der Funkkontakt war abgerissen. Farrier hatte eine kurze Runde über jener Stelle gedreht, ein letztes Handzeichen gegeben, und sich damit von seinem Kameraden verabschiedet. Und erst später, als er beschlossen hatte den Reservetank nicht für die Rückkehr zu nutzen,  um seine Pflicht als letzter verbliebener Kampfpilot am heutigen Tag bis zum Schluss zu erfüllen, erst dann wurde ihm klar: Dieser Moment, als Collins sich ausklinken musste, das war das irgendwann,  dieses letzte Mal. Sie würden sich nicht wiedersehen. Viel Glück, Collins.  Farrier hätte auch nicht gewusst, was er mehr hätte sagen sollen – die Situation sprach für sich. So wie jedes Manöver und jede Flugbahn etwas Endgültiges hat, eine klare Linie, es gibt nicht viel abzuwägen dabei. Das erleichtert Entscheidungen enorm und senkt das Risiko den verhängnisvollen Fehler zu begehen Kameraden zu Hilfe zu eilen, denen nicht mehr zu helfen ist .... und Farrier kannte Collins nicht flüchtig genug, um gleichgültig zu bleiben. Seitdem vor drei Tagen die Wolkendecke über der französischen Küste plötzlich aufriss und somit die Sicht sowohl für Angreifer als auch Verteidiger aus der Luft freigab, waren sie mehrmals zusammen im Einsatz: Über die Nordsee ging es in Richtung dieses Strandes hier, mit wenig Zeit im umkämpften Luftraum, um dann wieder umzukehren – wie es der Tank zuließ. Zusammen mit Fortis Leader waren sie ein Teil der Patrouille am Himmel, und sie konnten doch viel zu wenig ausrichten, zahlenmäßig waren sie der deutschen Luftwaffe weit unterlegen. Collins hat viel geflucht, hat die Luftwaffe verteufelt, hat das Unternehmen in Frage gestellt – um dann doch immer wieder als einer der Ersten in das Cockpit zu klettern und erneut Kurs auf Dünkirchen zu nehmen, und damit Farrier zur Seite zu stehen. So wie sie sich immer zur Seite standen, zumindest in der Zeit, in der sie sich kannten... Ein halbes Jahr mag kurz erscheinen innerhalb eines Menschenlebens, im Krieg hingegen ist selbst ein halbes Jahr eine unglaublich lange Zeitspanne. Es nimmt und verändert Leben, hier wie da für immer.

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Als Farrier zum ersten Mal auf Collins trifft hat Großbritannien im Luftraum über der Deutschen Bucht gerade eine bittere Niederlage hinnehmen müssen – es waren zwar vorrangig die Bomber anstatt der Jagdflugzeuge in diese Pleite involviert, dennoch eint sie alle die Zugehörigkeit zur Royal Air Force und damit auch der erlittene Verlust. Farrier hat Collins an diesem kalten Tag Mitte Dezember zwar schon zum Morgenappell gesehen und zur Einsatzbesprechung. Aber mehr, als dass der blonde junge Mann als einer der Neuen zu dieser Einheit dazugestoßen ist, musste er nicht wissen. In diesen Momenten zählt für Farrier nur er selbst und seine Aufgabe. Die ist nun erledigt, für heute. Farrier hat gerade noch ein paar Worte mit Fortis Leader gewechselt, routiniert und respektvoll wie stets, und er verlässt nun den Hangar, als ihm der Neue, jener Collins, entgegen kommt. Flüchtig grüßend laufen sie aneinander vorbei, schließlich setzt sich Farrier abseits des Hangars auf einen der dort herumstehenden leeren Benzinkanister, er schlägt den Kragen seiner Jacke zum Schutz gegen die Kälte hoch, zündet sich eine Zigarette an und blickt in die fahle Abenddämmerung hinaus. Kalter Nebel zieht auf, die hohe Luftfeuchtigkeit macht es noch kälter als es eigentlich ist und kriecht in die Kleidung hinein. Ruhe legt sich über das Gelände, doch es ist keine angenehme Ruhe … nicht nach den Ereignissen dieses Tages.

Für heute stehen keine weiteren Einsätze an, doch das kann sich bald ändern – Farrier hat bereits mitbekommen, dass zumindest die Bombereinsätze womöglich vermehrt nun über Nacht statt finden werden, das könnte den Einsatz der Jagdflugzeuge als Schutzpatrouillen zum Teil auch betreffen. Wie auch immer, irgendwie wird das Oberkommando in Uxbridge auf das Fiasko über der Deutschen Bucht reagieren müssen … Farrier beobachtet den Zigarettenrauch in der kalten Abendluft und lässt den Tag Revue passieren, analytisch, nüchtern, mit gedanklichen Notizen für die nächste Einsatzbesprechung.
Jemand anderes scheint diesen Tag mit Beginn der Dämmerung ebenfalls noch nicht ganz abhaken zu können; doch dieser jemand tut dies nicht so pragmatisch wie Farrier: Collins läuft nahe des Hangars hin und her, und offenbar nicht um sich warm zu halten, denn er geht langsamen Schrittes, aber unermüdlich, immer wieder kreuzt sein Weg dabei Farriers Blickfeld. Der junge Mann hadert mit irgendetwas, versucht das Ganze aber mit sich selbst auszumachen, der Erfolg scheint mäßig zu sein ... auch eine halbe Packung Zigaretten hilft ihm nicht weiter.
„Gerade erst aus Cranwell hier gelandet, hm?“, meint Farrier schließlich ruhig, als Collins zum gefühlt zehnten Mal an ihm vorbei gelaufen ist. Collins hält inne, wischt sich ein paar nasse Haarsträhnen aus der Stirn und dreht sich zu Farrier herum: „Andere Piloten mussten einen Umweg über Wilhelmshaven machen. Die Deutschen fanden das nicht so gut...“, gibt er bitter zurück, und er reibt kurz und energisch die Handflächen zum Aufwärmen gegeneinander.
„Wir haben was riskiert und wir haben verloren. Auch das gehört zu unserem Job.“, stellt Farrier nüchtern fest.
"Es gibt Risiken, die muss man nicht eingehen. Genausowenig verliert man immer nur, weil es nicht anders ging ..." widerspricht Collins sofort und vehement, er kann mit der Nüchternheit des Anderen nicht viel anfangen und verzieht kurz den Mund. Er kann und will dessen Worte auch nicht so stehen lassen, denn sie sind seiner Meinung nach diskutierwürdig. Und wenn Collins etwas zu sagen hat, dann tut er das auch. „Das ... das war kein Risiko, das war ein fataler Irrtum!“, stellt er dann sichtlich aufgebracht klar: „… und kommen Sie mir jetzt nicht mit Irren ist menschlich!  Menschlich ist im Krieg gar nichts mehr!“, er zündet sich mit klammen Fingern eine weitere Zigarette an und macht keine Anstalten weiter zu gehen – womöglich hilft es ihm sich zu sortieren, wenn er seinem Frust laut Luft machen kann.
Farrier blickt ihn reglos an, er mag keine Widerworte. Dann meint er bewusst provozierend: „Hör mal, Junge, wenn du mit dem Krieg nicht klar kommst, dann --“
„Bitte? Ich weiß ja nicht, welche Einsätze Sie  bisher geflogen sind, aber --“
„Wenn du das nicht weißt, dann beurteile mich auch nicht.“, unterbricht ihn Farrier und er wirft ihm einen mahnenden Blick zu. Doch weder untersagt er dem jungen Mann weiter zu reden, noch verweigert er jegliche weitere Konversation – solange sie respektvoll geführt wird. Collins nimmt das durchaus wahr, er hält kurz inne und nimmt schließlich dieses schweigende Angebot sich auszusprechen an. Also holt er tief Luft, vergräbt die freie Hand in seiner Jackentasche und meint dann, hörbar um etwas mehr Ruhe in der Stimme bemüht: „Die Verluste heute sprechen gegen Ihren Job … auch gegen meinen … und gegen alle, die heute zurückgekehrt sind. Dieser Bomberangriff heute hat vor allem eines gezeigt: dass er nicht machbar war, obwohl  gegenseitig Deckung gegeben wurde. Wir haben mehr als zehn Wellingtons verloren! Ohne Geleitschutz kommt man nicht gegen Messerschmitts an, sie hätten unsere Jagdschwadrone mit raus schicken müssen! Wir hätten – “
„Vorsicht mit laut ausgesprochenen Strategien und Meinungen, wenn du nicht in der Position bist darüber zu entscheiden. Und Kapazitäten verschieben sich innerhalb von Stunden … das weißt du.“, kühlt Farrier Collins' Hitzigkeit etwas ab, doch er nickt ihm flüchtig zu. Ihn interessiert die Meinung dieses Neuen durchaus. Sie sind hier unter sich, bei dem nasskalten Wetter hält sich hier niemand länger draußen auf als er muss.

„Das ganze Manöver war ein absolutes Desaster.“, murmelt Collins schließlich und blickt konsterniert auf seine Stiefel hinunter. Und das stimmt, Farrier muss die bestehenden Fakten nicht noch bestätigen: Der Luftangriff heute auf die deutschen Flugstützpunkte bei Wilhelmshaven war in der Tat ein Desaster. Sie haben verlustreich lernen müssen, dass entgegen Stanley Baldwins Aussage ein Bomberangriff eben nicht  „immer durchkommt“. Collins deutet mit der glimmenden Zigarette in die Ferne: „Heute ist dort drüben mehr gestorben als nur die Kameraden. Da ist ein Mythos zugrunde gegangen! Ausgerechnet über der Deutschen Bucht. Ausgerechnet!“, er holt erneut tief Luft und wendet sich ab: „Ist ne Scheißerfahrung.“, meint er leise, während er den Blick über den ruhig daliegenden Flugstützpunkt schweifen lässt.
Farrier nickt bestätigend und zieht ruhig an seiner Zigarette, ja, auf diese Erfahrung heute hätten sie wohl alle gern verzichtet. Collins dreht sich zu Farrier um: „Sie nehmen das alles recht gelassen.“
Farrier wirft ihm einen warnenden Blick zu: „Was soll ich deiner Meinung nach tun? Panisch herum rennen, wie all die anderen hier?“, er deutet auf die weite menschenleere Fläche vor ihnen, und er hebt flüchtig die Mundwinkel als Collins einen Moment braucht um seine Worte zu verstehen. Mit Niederlagen sollte man in diesen Zeiten nicht hadern, man sollte so schnell wie möglich aus ihnen lernen. Und dazu benötigt es einen gewissen Pragmatismus – die gefallenen Kameraden kann und wird man später und noch lange genug betrauern, denn dieser  Verlust wird dauerhafter sein als der Verlust von Flugzeugen. Auch wenn man theoretisch und ganz pragmatisch beide  Komponenten immer wieder „nachrüsten“ kann … doch das ist ein anderes Thema.

„Andere Einheit bislang?“, vermutet Farrier.
Collins nickt: „Ist nicht mehr viel davon übrig...“
Regloses Schweigen. Nur der Zigarettenrauch und die Atemluft bewegen sich sichtbar und träge durch die kalte Abendluft.
„Bist noch nicht lange dabei, hm?“, fragt Farrier irgendwann, obwohl ihn solche persönlichen Dinge eigentlich nicht interessieren.
„Wer ist in Zeiten wie diesen schon lange bei der Royal Air Force...?“, entgegnet Collins zynisch und lächelt flüchtig, er scheint gerne mit Gegenfragen zu antworten. Diese ist nicht mal unberechtigt. Und dabei hat der Luftkrieg noch gar nicht richtig begonnen.
Farrier blickt ihn erneut mit leicht zur Seite geneigten Kopf an, er nimmt noch zwei weitere ruhige Züge, dann deutet er mit dem glimmenden Ende seiner Zigarette nachdrücklich zu ihm hinüber: „Hinterfrage immer nur das Nötigste. Vor allem während des Einsatzes. Zeit ist dort oben genauso wertvoll wie die Tankanzeige.“
„Auch ich kenne die Regeln. Hab sie gelernt, genauso wie Sie. Ich war beinahe Jahrgangsbester.“
„Geschenkt.“, Farrier ist sichtlich unbeeindruckt.
„Ich bin der Einzige, der aus meiner Einheit überlebt hat...“, murmelt Collins.
„Schon besser.“, nickt Farrier anerkennend ob dieser zweifelhaften Ehre.
„Vielleicht war ja auch Glück dabei, hm?“, ahmt Collins Farriers Sprechweise nach und blickt ihn fragend an, als warte er auf die nächste Stichelei.
Farrier schüttelt ernst den Kopf, er beobachtet einen Moment lang den trägen Rauch seiner Zigarette und meint dann, ohne dabei Collins anzusehen: „Nichts hat dort oben mit Glück zu tun, Junge, glaub mir.“ Auf Glück zu vertrauen würde bedeuten Kontrolle abzugeben.
„Ich wäre kein Pilot geworden, würde ich das tatsächlich annehmen.“, pflichtet Collins ihm bei: „Was es mir umso schwerer macht, das Himmelfahrtskommando heute rational zu begreifen.“
„Hätten wir es besser gewusst, wären wir es auch anders angegangen.“, relativiert Farrier Collins' unermüdliches Suchen nach Schuldigen für diese Niederlage. Manche Lehren gewinnt man nur durch Scheitern.
Collins ist anderer Meinung: „Man hätte es besser wissen müssen.  Dieses Fiasko war lediglich eine Frage der Zeit. Die ganze Operation war ein Versagen auf ganzer Linie und auf allen Ebenen.“
„Hm, Versager zerbrechen schon allein an dem Problem, nicht erst bei der Lösungssuche... und wenn der Krieg das Problem ist, dann haben bereits die versagt, die es soweit kommen ließen. Und das sind nicht wir, die diesen Krieg nun ausfechten müssen.“
„... und ein Philosoph sind Sie auch noch.“, staunt Collins, der sarkastische Unterton ist durchaus beabsichtigt: „Und Sie scheinen die Verantwortlichen für diesen Krieg ja schnell gefunden zu haben... sind es wirklich immer nur die, die ihn befehlen? Sind wir betroffen, weil oder obwohl wir diesen Krieg mitführen?“, er erwartet keine Antwort darauf.
Farrier blickt ihn lange schweigend an, mit hypothetischen Fragen setzt er sich, wenn überhaupt, nur im Nachhinein auseinander. Und dieser Krieg hat gerade erst begonnen. Er ist ein Zustand von Aktion und Reaktion, Fronten werden aufgestellt, verschoben und fallen wieder ... Mit dem Finger macht Farrier eine flüchtige, kreisende Bewegung in der Luft: „Das Wesentliche.“, erinnert er Collins daran wo sie hier gerade sind und worum es anfangs ihrer kurzen Konversation eigentlich ging. Und zum wiederholten Mal wirft er Collins einen mahnenden Blick zu. Der junge Mann sollte in der Tat darauf achten, wem er was auf welche Weise sagt – er scheint ein cleverer und reflektierter Kerl zu sein, nun muss er nur noch lernen sich richtig zu fokussieren. Den Blick nach oben sollte er nur im Cockpit riskieren, nicht wenn es um die bestehenden Hierarchien geht...
Collins reagiert auf die Mahnung mit anhaltendem Schweigen, dann wendet er sich wieder der weiten leeren Fläche vor ihren zu. „Immer das letzte Wort, was?“, stellt er irgendwann ruhig und ein wenig amüsiert fest.
„Es war bisher nie zu meinem Schaden.“, erwidert Farrier, und das kann man durchaus so mehrdeutig verstehen wie es klingt.
Für lange Minuten fällt kein weiteres Wort zwischen ihnen. Doch es ist keine unangenehme Stille. Es ist eine Stille auf die man aufbauen kann.

Irgendwann beginnt Collins wieder mit wenigen Schritten hin und her zu laufen, dieses Mal um seine Füße tatsächlich warm zu halten. Dann nickt er in Richtung Aufenthaltsgebäude. Farrier winkt ab, er wird noch eine Weile hier draußen sitzen bleiben … Collins zieht los, doch dann dreht er sich noch einmal um, geht auf Farrier zu und hält ihm seine Hand hin: „Collins.“, stellt er sich mit einer angedeuteten Verbeugung vor und er lächelt flüchtig. Farrier erwidert den Händedruck kurz aber fest: „Farrier.“, entgegnet er mit einem Nicken und er blickt dem Neuen namens Collins noch einen Moment nach, ehe er sich wieder seiner Zigarette und der Ruhe hier draußen widmet .... Und so trennen sich ihre Wege, zumindest für diesen Abend …

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Es ist gut so wie es jetzt ist: Jeder für sich, jeder lebt und stirbt für sich allein. Und es ist nur richtig, dass Farrier diesen Teil der Mission zu Ende bringen konnte, wenn auch der geplante Rückflug nicht mehr möglich ist. Die Rückkehr von Flugeinsätzen war sowieso immer nur optional. Jeder Flug ein Risiko, man braucht nicht zwingend die Luftwaffe, um vom Himmel zu fallen. Heute sind sie gefallen. Alle drei. Nun werden andere Piloten gen Dünkirchen und in diesen Weltenbrand hinein fliegen müssen. Fortis Leader, Collins und er – sie hatten ihren letzten Flug.

Farrier starrt in die Flammen, die seine Spitfire nun komplett zerfressen – er hat sich nichts vorzuwerfen.
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