Das Herz der Braut 1

von Pamuya
GeschichteFantasy / P16
Elben & Elfen
07.08.2018
12.09.2019
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„Oh doch, das wirst du. … Weil dir nichts anderes übrigbleiben wird.“, echoten Jovans Worte in ihrem Kopf. Seine Stimme war drohend und zugleich so siegessicher, sodass die Panik in ihr stärker wurde. Mit Schrecken stellte Alsuna fest, dass die Männer es darauf abgesehen hatten, ihre Flucht zu verhindern. Doch wie wollten sie sie zu dieser verfluchten Heirat zwingen? Niemals würde sie ihr Ehegelübde ablegen, aber das böse Glitzern in Jovans Augen bewies ihr, dass er bereits über einen Alternativplan nachdachte. Doch was hatte er vor? Langsam näherten sich die drei ihr und streckten ihre Arme nach ihr aus, alle drei mit diesem drohenden Blick. Alsuna war wie gelähmt. Sie hatte solche Angst, sodass sie nicht wusste, was sie tun sollte. Als der Dickere ihr plötzlich so nah war, warf sie ihm, ohne genau zu wissen was sie da eigentlich tat, den Blumenstrauß ins Gesicht und trat ihm zugleich auf dem Fuß. Der hohe Absatz bohrte sich dabei schmerzhaft in seine Zehen, weswegen der Kerl nach dem kurzen Schock aufschrie und zurücktaumelte. Dabei riss er den Monokelträger mit sich, die zusammen vor Jovan auf dem Boden aufschlugen und ihm somit den Weg vollkommen versperrten.

Das war ihre Chance. Alsuna raffte ihre Röcke und rannte so schnell sie nur konnte aus der Sacralnos. Durch die Kammer und weiter durch den langen Gang stolperte sie weiter. Wäre dieses Kleid mit seinem geschmückten Überrock nur nicht so schwer, würde sie schneller vorankommen, fluchte sie im Stillen. Hinter sich hörte sie ihre Verfolger. Allen voran Jovan, der seinen nächsten Befehl bellte: „Haltet sie auf, oder ich sorge dafür, dass ihr beide mit mir untergeht!“

Der Mann mit der dicken Wampe hatte zu seinem Übel zu kurze Beine, als dass er mit den anderen Schritt halten könnte. Er musste sogar anhalten und seine Hände auf seine Knie stützen, während er durchatmete. Sein Freund hingegen, der sein Monokel schon längst nicht mehr in seinem Gesicht trug, wählte schließlich eine andere Rute und verschwand durch einen Seitengang. Nur noch Jovan hetzte seiner entfliehenden Braut hinterher und verlangte von ihr endlich stehen zu bleiben. Alsuna dachte nicht für eine Sekunde daran. Sie musste zu ihren Eltern und diese schreckliche Hochzeit verhindern, bevor sich Jovan noch etwas anderes einfallen ließ. Er war ihr dicht auf den Fersen und streckte seine Hand nach ihr aus. Dabei konnte er die oberste Schicht ihrer Röcke schon berühren. Es fehlten nur noch wenige Millimeter, um sie endgültig packen zu können.

Alsuna schrie vor Entsetzen und sprang zur Seite, während sein Griff ins Leere ging und er selbst ein Stück nach vorne taumelte. Diese kurze Zeit nutzte Alsuna, während sie weiterlief. Er würde es wieder versuchen, das wusste sie. Also nestelten ihre unruhigen Finger an den weißen Knöpfen unterhalb ihres perlenbestückten Gürtels. Es war wie verhext. Der letzte Knopf gab nicht nach und Jovan war bereits wieder dicht hinter ihr auf den Fersen. Schnaubend rannte er hinter ihr her, als wären die Dämonen ihm dicht auf den Fersen. Er war so gefährlich nahe, schrie sie an und verfluchte sie mit allem, was ihm gerade durch den Kopf ging, bis er sie endlich am Stoff des schweren Überrocks packen konnte. Alsuna schrie auf, aber mit dem Ruck, mit der er sie zurückzerren wollte, riss der letzte Knopf endgültig, sodass Jovan den Halt verlor und ohne seine Beute zu Boden stürzte. Direkt mit dem Rücken voraus schlug er hart auf und jegliche Luft blieb ihm für wenige Sekunden weg.

Doch davon bekam Alsuna nichts mit. Ihre Angst zwang sie weiterzurennen und sie wurde je gestoppt, kaum, dass sie endlich die rettende Tür erspäht hatte. „Ich warne dich, Mädchen!“, knurrte der Fremde, der sie endlich eingeholt hatte und nun aus dem Schatten hervortrat, „Spiel jetzt besser mit, oder …“ Was er ihr auch sagen wollte, seine Drohung endete abrupt, kaum, dass Jovan in ihm hineinrannte. Ihr verlogener Bräutigam hatte seinen Freund zu spät bemerkt. Er war noch mit dem Stoff beschäftigt gewesen, der sich scheinbar um seinen Fuß gewickelt hatte. Das Endergebnis war ein Knäuel aus zwei Männern, die sich gegenseitig im Weg waren.

Ein Stoßgebet an die Götter schickend, hastete Alsuna davon. Der rettende Weg zu ihren Eltern war ihr ein weiteres Mal versperrt worden und nun hatte sie keine Wahl, als sich irgendwo zu verstecken. Blind vor Tränen rannte sie in den nächsten Gang. Jeden Nebengang, den sie erblickte, nutzte sie, um ihren Verfolgern zu entkommen. Es wurde düsterer und unheimlicher, je öfter sie einen neuen der verschlungenen Korridore betrat. Alsuna achtete nicht einmal darauf. Sie hörte nur ihr eigenes Schnauben, das Blut rauschte in ihren Ohren und sie rieb sich ständig die störenden Tränen aus dem Gesicht.

Erst, als sie in ein Spinnnetz hineinrannte, stolperte sie und schlug mit der Schulter gegen eine Steinwand. Schmerz durchfuhr sie und Alsuna krümmte sich bei der Wand zusammen. Keuchend und bebend wartete sie, bis jener Schmerz abebbte. Dabei horchte sie, versuchte das wilde Pochen in ihr zu ignorieren und wartete auf ein weiteres Brüllen ihres falschen Bräutigams, aber alles blieb still. Selbst nach weiteren gefühlten Minuten war nichts zu hören. Konnte sie es wagen und ihr Versteck verlassen? Alsuna rappelte sich hoch. Ihre Schulter schmerzte immer noch und bei einer Berührung mit ihren bebenden Fingern zuckte sie zusammen. Der Ärmel war ein Stück eingerissen und sie vermutete, dass auch der Rest ihres Kleides stark unter dieser Verfolgung gelitten hatte. Allerdings konnte sie nichts sehen. Es war zu düster, sodass sie gerade noch ihre Hand schemenhaft erahnen konnte. Doch der Rest blieb ihr verborgen.

Wo war sie nur? Sie hatte das Gebäude nicht verlassen, das war sicher. Alsuna war in vielen Gängen hineingestolpert. Einige von ihnen hatten sie sogar durch Treppen nach unten geführt, aber während der Verfolgung war es ihr egal gewesen. Nun aber hatte sie keine Ahnung, wie sie zurückkehren konnte. Angst schnürte ihre Kehle zu. Sie musste jemanden finden, der sie hinausführte, sonst würde sie auf ewig hier festsitzen. Dass die Größe der Kyriake schon beinahe einer Festung glich, wusste sie, aber nie hätte sie gedacht, dass es noch viel mehr gab, in dem man sich verlaufen konnte. Alles Jammern half ihr aber nicht weiter und sie musste sich selbst zurechtweisen, ehe sie sich endgültig in ihrer Panik verlor. Mochten die Götter ihr beistehen, es war der schlimmste Tag ihres Lebens.

Mit weichen Knien und ausgestreckten Armen tastete Alsuna sich voran. Ihr Weg war nur schemenhaft zu erkennen, die Luft war staubig und manchmal spürte sie weitere Spinnennetze auf ihrer Haut. Unter ihren Füßen und zwischen dem Stoff ihres Kleides raschelte es und es erinnerte sie an Laub, den sie schon so oft auf dem Waldboden wahrgenommen hatte.

Nachdenklich runzelte sie die Stirn. Waren hier etwa tote Pflanzen? Jener Eindruck verhärtete sich bei jedem Schritt und kaum, dass sie die nächste Kammer erreicht hatte, stockte ihr der Atem. Schwaches Licht durchflutete diesen Raum. Doch die Lichtquelle waren weder Fackeln noch Kerzen. Es waren Symbole auf Steinplatten, die magisch schimmerten und jenen Raum noch mystischer erscheinen ließen, als er bereits war. Wie ein viereckiger Stern, gestützt von runden Säulen an jeder Ecke, weitete sich dieser aus. Schlingpflanzen, Moos und andere Pflanzen suchten sich ihren Platz, während der Steinboden selbst, gepflastert mit Kacheln, an vielen Stellen mit Laub bedeckt war. Ein Raum, der etwas Besonderes ausstrahlte und doch keiner Gottheit geweiht worden war. Alsuna kannte sämtliche Gebetsstätten, die die Kyriake bot. Doch nur jene, die Ylnos gewidmet war, war wie der große Saal viel größer. Dieser hier hingegen mochte zwar zweimal in jenen Sälen hineinpassen und es fehlte ihm an Möbel und weiterer Zier, und trotzdem fühlte Alsuna die Ehrfurcht in ihr wachsen.

Langsam und mit bedächtigen Schritten ging sie weiter. Das andere Ende mündete in einen weiteren Gang. Sie zögerte. Nicht sicher, ob dies der richtige Weg war, und dennoch folgte sie dem langen Gang, der bei jedem Schritt verfallener wirkte und in der die Natur mehr ihren Willen durchsetzte. So war es für Alsuna kaum verwunderlich, als ihr die Öffnung zunächst Felsen, Bäume, Sträucher und andere Pflanzen offenbarte. Sie war im Wald, doch wie konnte das nur möglich sein? Panisch sah sich Alsuna um. Nichts deutete daraufhin, dass sie sich noch in Cantlyn aufhalten würde. Sie rannte los, sie musste wissen, wo sie sich befand und dies konnte sie nur auf eine Weise. Mit gerafften Röcken bemühte sie sich den nächsten Felsen zu erklimmen, aber leider war ihr ihr Kleid im Weg. Es half alles nichts und da der kostbare Stoff ohnehin schon ruiniert war, waren ihre Bedenken geringer, als sie ein Stück ihres Kleides abriss. Wenn ihre Mutter dies sehen könnte, würde sie sie rügen, aber sie hatte keine andere Wahl.

Den abgetrennten Teil band sie um ihre Hüften, ehe sie einen erneuten Versuch für ihren Aufstieg wagte. Diesmal gelang es ihr und sie erstarrte, als sie von ihrer Position ins Tal hinabblickte. Dort unten lag ihre Heimat. Nicht weit von der Kyriake entfernt, welche wie ein Monument in den Himmel ragte. Als wollte sie so den Göttern näher sein, aber kein Mensch würde dies können, auch kein Gebäude.

Beklommen starrte sie hinab. Alsuna hatte nach einem Ausgang gesucht, aber sie hatte nicht damit gerechnet einen Geheimgang zu entdecken. Wie sollte sie nur zu ihren Eltern? Bis sie dort angekommen war, mochte es vielleicht zu spät sein. Wer weiß, was Jovan bis dahin für ein Märchen erzählt hätte. Denn so, wie Alsuna momentan aussah, konnte sie unmöglich zurückkehren. Man würde sie als Flittchen bezichtigen, die sich von einem anderen Mann hatte betatschen lassen, ehe sie das Ehegelübde abgelegt hatte. Eine falsche Behauptung konnte ausreichen, um sie endgültig ins Unglück zu stürzen. Auch wenn ihre Eltern ursprünglich vom einfachen Volk waren, sie selbst kannte die Regeln der Etikette nur zu gut und sie kannte die Menschen dort unten. Die Adeligen, sowohl Männer als auch Frauen, liebten Tratsch, mochte dieser noch so falsch und verlogen sein. Alsuna war entehrt und käme sie zurück, wären das auch ihre Eltern. Nein, das konnte sie nicht tun!

Tränen bahnten sich ihren Weg ins Freie und sie fühlte sich so entsetzlich gedemütigt. Während der Verfolgung hatte sie unter Panik und Angst gelitten und nun spürte sie den heftigen Schlag des Verrats umso mehr. Jovan hatte sie niemals geliebt. Er hatte sie belogen, ihr falsche Hoffnungen gemacht, sie bedroht und ihr nochmals vor Augen gehalten, dass kein Mann sie jemals lieben würde. Die hässlichen Beschimpfungen drangen durch ihren Verstand. Wie ein Echo hallten seine Worte in ihr und Alsuna hasste ihn. Sie hasste ihn für seine Lügen, für seine Falschheit und für alles, was er ihr angetan hatte, aber sie hasste auch sich selbst. Für ihre Dummheit an mehr zu glauben, obwohl sie es hätte besser wissen müssen. Sie war keine Schönheit und zu schüchtern, um ihren wahren Charakter zu zeigen, den ohnehin niemand interessierte. Für andere war sie ein Nichts.

Niemals wieder, dachte Alsuna und griff dabei abwesend auf ihre Brust, während ihr Blick weiterhin auf die Kyriake gerichtet war. Niemals wieder durfte sie sich zum Narren machen. Die Götter hatten entschieden, dass sie allein bleiben musste. Auch wenn es ihr das geschundene Herz förmlich zerriss. Sie hatte keine Wahl, sie musste ihren Eltern, ebenso wie der Stadt Cantlyn den Rücken kehren.

Als würde der Himmel mit ihr trauern, verbargen Wolken den Horizont. Es wurde dunkler und Alsuna hatte keine andere Wahl, als sich auf dem Weg zu machen. Mit nichts außer einem zerrissenen Hochzeitskleid am Leib, dessen abgerissener Teil sich bei jedem Schritt mehr von ihren breiten Hüften löste, schritt sie in Richtung Berg hinauf, um sich fürs Erste einen Unterschlupf zu suchen. Es würde nicht leicht werden, aber Alsuna fühlte sich so leer, sodass ihr beinahe schon alles egal war. Der Schmerz zerrte sie in einer Trance, in der sie wie eine wandelnde Tote zwischen den Bäumen schwankte. Sie bemerkte nicht einmal, wie der Fetzen endgültig zu Boden geglitten war. Auch ihr Schleier, dessen Schmuckkämme herausgerutscht waren, blieb nach einer Weile an einem Ast hängen.

Ihr Blick war so leer wie ihr Geist und vereinzelt kullerten eisige Tränen an ihren Wangen hinab. Das Geräusch eines zerbrochenen Astes ließ Alsuna plötzlich aufhorchen und dann hörte sie es wieder. Es hätte ihr egal sein müssen, ihr Leben war ohnehin nichts wert und dennoch meldete sich ihr Überlebensinstinkt. Konnte es ein Hauerbiest sein, das sich ihr näherte? Eine Bestie, welche einem Wildschwein ähnelte, und mit seiner gewaltigen Größe und zusätzlichen Paar Hauern doch weit gefährlicher war. Nicht nur einmal hatte ihr Vater Schauergeschichten über diese monströsen Tiere erzählt, vor der er die Bewohner von Cantlyn beschützte. Einer seiner Aufgaben, während er sich für den König um die umliegenden Wälder kümmerte.

Alsuna bekam es erneut mit der Angst zu tun. Sie riss ihre unnützen Schuhe von den Füßen und rannte los. Keinesfalls wollte sie die Beute sein und getötet werden. Sie hasste ihr Leben, aber es war ihr Leben und das Einzige, was sie noch besaß. Wie von Sinnen hetzte sie über Stock und Stein. Die Umgebung wurde immer lichter, der Wald endete und es wurde immer steiler und steiniger. Alsuna stolperte sogar, als ein plötzliches Donnergrollen sie erschreckte. „Kann es denn noch schlimmer werden?“, jammerte sie und als hätte sie einen Zauber heraufbeschworen, begann es zu regnen. Die ersten Tropfen benetzten vereinzelt ihr verzweifeltes Gesicht, aber schon bald wurde es mehr. So wie auch das Donnergrollen, gefolgt von Blitzen, die weitere ankündigten. Es dauerte nicht einmal lang, bis ihr gesamter Körper völlig durchnässt war und sie resignierend fluchte.

Hilflos schlang sie ihre Arme dichter um sich, während sie weiterrannte. Ihr war kalt und sie sehnte sich einfach nur noch danach, sich irgendwo unterzustellen. Ein warmes Feuer würde ihre unterkühlten Glieder wärmen. Auf keinen Fall durfte sie bei den Bäumen stehen bleiben. Ein Blitz könnte sie treffen und sie somit erschlagen. Wie auf Stichwort erhellte Besagtes den Himmel für kurze Zeit und kurz darauf donnerte es so laut, als würde ein Riese aus Leibeskräften brüllen und dadurch seine Umgebung ins Wanken bringen. Aufgescheucht wie ein Rotreh hastete sie weiter, kam aber dabei ins Straucheln, verlor den Halt und schlitterte über den sandigen Boden gegen die nächste Felswand. Gerade noch konnte sie sich an den kleinen Vorsprüngen und den dichten Ranken festhalten. Wie betäubt verharrte sie dort. Obwohl es weiterhin wie aus Kübeln schüttete und das Gewitter wie bei einer Schlacht tobte, konnte sich Alsuna nicht vom Fleck bewegen. Ihre Beine zitterten, sie hatte beinahe keine Kraft mehr und dennoch musste sie sich zusammenreißen. Sie brauchte einen Unterschlupf.

Ein leichter Luftzug hinter den Ranken erweckte plötzlich ihre Aufmerksamkeit. Es war irritierend, da sie doch vor einem Haufen von Gestein stand. Wie konnte sie da zwischen ihren Fingern diese Luftbewegung spüren? Es war ein Rätsel, welches sie trotz dieses Sturmes förmlich in seinen Bann zog. Alsuna schob die Ranken zur Seite und staunte nicht schlecht, als sie mit Mühe eine Spalte erkennen konnte. Jene war groß genug, sodass sie hineinpassen konnte und Alsuna dachte nicht einmal groß nach, als sie sich hineinzwängte. Alles war besser, als sich weiterhin diesem Unwetter auszusetzen.

Finsternis umgab sie und sie konnte nicht einmal die Hand vor ihren Augen erkennen. Was sie aber wahrnehmen konnte, war, dass die Spalte noch tiefer in den Felsen führte. Bald darauf hatte sie sogar so viel Platz, sodass sie ihre Arme nicht mehr fest an ihren Körper drücken musste. Nur leider war ihre Sicht weiterhin versperrt. Hatten die Götter endlich Erbarmen mit ihr und sie zu einer Höhle geführt? Alsuna konnte es nur hoffen. Die Unruhe aber, dass sie womöglich blind in ein Loch stürzen könnte, machte sie vorsichtig. Unbeholfen streckte sie die Arme aus und ging ganz langsam, versuchte jedes kleinste Detail wahrzunehmen, um ja keine böse Überraschung zu erleben. Schließlich stieß sie mit ihren Händen auf Gestein und tastete sich bei der Wand entlang.

Rau fühlte es sich unter ihrer Haut an, bis sie aber eine Stelle berührte, die ganz anders war. Jene war glatt, kalt und erinnerte sie an Glas. Doch als sie weiter darüberstrich, zuckte sie zusammen. Alsuna hatte sich an etwas geschnitten und ihre linke Hand blutete. Vor Schreck hatte sie ihre Hand zurückgezogen und gegen ihre Brust gedrückt. Der Schmerz stach förmlich und Alsuna biss sich auf die Lippen, um einen weiteren Fluch zu vermeiden, der ihr aber trotzdem aus dem Mund wich, als plötzlich etwas vor ihr glühte. Der Stein, an dem sie sich geschnitten hatte, stellte sich als Kristall heraus. Wie ihr Blut hatte es die rote Farbe angenommen und es wirkte, als würde Sonnenlicht auf rotes Glas treffen. Genauso hell leuchtete der Kristall.

Magisch erschien Alsuna dieses seltsame Wunder, so wie auch all die anderen Kristalle, welche nacheinander dieselbe Farbe angenommen hatten. Was war das für ein Hexenwerk? Die Kristalle, die wie Blumen aus der Felswand herausragten, erfüllten ihre Umgebung in diesem roten Licht und zeigten Alsuna somit wie groß diese Höhle war. Nein, viel mehr schienen diese außergewöhnlichen Mineralien ihr einen Weg zu offenbaren. Denn an den Felsen sowie auch auf den Boden ragten weitere Kristalle heraus, aber nicht alle von ihnen leuchteten. Es war, als würde jene sie rufen, nachdem sie von ihrem Blut erweckt worden waren. Doch diesen Gedanken hielt Alsuna für Unsinn und trotzdem erlosch dieses seltsame Schauspiel nicht. Lockend, beinahe schon bittend, pulsierte das rote Licht in ihnen. Sollte sie es wagen, oder sollte sie hier warten, bis der Sturm weitergezogen war? Alsuna war sich unsicher. Ihr Verstand befahl ihr hierzubleiben und trotzdem verspürte sie das Gefühl, als wäre jene stumme Aufforderung richtig. Seufzend gab sie nach und folgte den Kristallen. Nicht aber, ohne zuvor ihre Hand zu verbinden. Dabei riss sie ein weiteres Stück von ihrem Kleid und wickelte den halbwegs sauberen Stoff um ihre Verletzung.

Schritt für Schritt ging sie voran. Stets auf der Hut und all ihre Sinne waren in Alarmbereitschaft. Der Weg selbst schien endlos lang zu sein und schien sie durch verschiedene und manchmal sogar verschlungene Tunnel zu führen, wodurch sie selbst nicht sicher war, ob es überhaupt einen Ausgang geben könnte. Dennoch kehrte Alsuna nicht um und war sogar froh darüber, dass sie Licht hatte. Denn sie kam sogar an einer tiefen Schlucht vorbei, in der sie zu großer Wahrscheinlichkeit hineingefallen wäre, hätte sie, anstatt am Eingang zu warten, sich weiter in der Finsternis herantasten müssen. Endlich endete ihr Weg, doch anders, als zunächst erhofft, fand sich die Ärmste nicht auf der anderen Seite des Höhlensystems wieder. Die Kristalle hatten sie an einen Ort geführt, welches einer riesigen Halle glich. Hätte sie nicht selbst gewusst, dass sie von natürlichem Gestein umgeben war, hätte sie zunächst geglaubt, sich in einem unterirdischen Palast zu befinden.

Diese Höhle war so groß und so hoch, sodass man beim ersten Eindruck geglaubt hätte, jemand hätte die Felsformationen extra so bearbeitet. Stalaktiten und Stalagmiten bildeten geschwungene Säulen und manche Felsen sahen aus, als würden sie sogar am Ende der Halle einen Thron darstellen, auf dem momentan keiner saß. Bei seiner gewaltigen Größe könnte man aber meinen, dass darauf nur ein Riese Platz hätte. Doch die Kristalle machten diesen Ort noch eindrucksvoller. In verschiedenen Farben und Formen bildeten sie an der Decke, an den Wänden und sogar zum Teil auf dem Boden Muster. Bis auf die Roten leuchteten aber die anderen nicht.

Alsuna starrte wie gebannt auf ihre Umgebung. Sie ließ ihren Kopf kreisen, während sie sich sogar in kreisförmigen Bewegungen alles genauer ansehen wollte und zugleich durch die Halle schritt. Es war atemberaubend schön. Selbst mit der Kyriake konnte sich jener Ort messen und sie strahlte eine Ruhe aus, die sie förmlich ergriff. Wie von selbst murmelte sie gedankenlos: „Was für ein wunderschöner Ort.“

„In der Tat.“, sprach plötzlich eine tiefe Stimme zu ihr, die sogar so laut war, sodass Alsuna nicht wusste, woher diese so plötzlich gekommen war. Als hätte man versucht, sie bewusst zu erschrecken, indem man ihr wie aus dem Nichts auf die Schulter getippt hätte, erschrak sie. Mit weit aufgerissenen Augen hatte sie die Furcht wieder aufs Neue gepackt. Wild riss sie ihren Kopf umher und wartete darauf, dass sie vielleicht angegriffen werden könnte. Doch stattdessen vernahm sie ein erheitertes Lachen. Wie zuvor klang es, als ob die Stimme aus allen Richtungen kommen würde, bis diese sich direkt auf Alsuna richtete und zu ihr auf sanfte Weise sprach: „Hab keine Angst Menschenkind. Dir wird kein Leid geschehen. Hier in der Kristallhöhle bist du von allem Unheil sicher.“

„Wer … wer sagt das? … Wo seid Ihr … und wer seid Ihr? Bitte … zeigt Euch!“, stotterte die Verängstigte, erhielt aber auf ihre Bitte zunächst nur ein weiteres erheitertes Lachen, ehe sie einen Luftzug vernahm, welches sie direkt in Richtung Thron hinüberblicken ließ.

Der Wind wurde stärker und Alsuna glaubte sogar, dass sich direkt auf der Erhebung, auf dem sich der Thron befand, Nebel bildete. Dieser wurde sogar von dem gewaltigen Sog herumgewirbelt, sodass die Verängstigte glaubte, darin viele kleinere Wirbelstürme erkennen zu können. Doch es blieb nicht dabei, denn nun verdichtete sich der Nebel, bis er am Ende einen Mann freigab, welcher mit erhobenem Haupte vor seinem Thron stand. Seine Größe war gewaltig, seine Statur aber glich eher einem alten Greis. In einer langen Robe gekleidet, hatte er auch einen langen, zotteligen Bart, welcher ihm beinahe bis zum Boden reichte. Wie die Halle selbst, war er selbst von verschiedenen Kristallen bedeckt, während alles andere an ihm grau und matt wirkte. Manche dieser bunten Mineralien schmückten seine Robe. Andere wiederum hatten sich in seinem Haar eingenistet und für Alsuna sah er aus, als wäre jener Mann direkt aus einem Legendenbuch entsprungen. Denn sowohl seine Kleidung, wie auch seine Haut und sein Haar glichen einem aus grob gehauenem Stein. Seine gesamte Statur war kantig und jene noch so feine Linie erschien ihr, als ob der Künstler mit Absicht Hammer und Meißel beiseitegelegt hätte. Nur damit die bunten Kristalle den eigentlichen Wert des Gebildes widerspiegeln konnten. Der Gedanke war allerdings so grotesk, sodass Alsuna sich nicht traute, jene überlegten Worte auf die Zunge zu legen. Viel zu sehr fürchtete sie sich vor den steinernen Riesen, welcher sich nun auf seinem Thron bequemte und mit einem sanften Lächeln auf sie herabblickte.

Doch Alsuna wusste nicht so recht, was sie tun sollte. Nicht nur, dass sie von ihren bisherigen Leben abwenden und aufgrund eines heftigen Gewitters Schutz suchen musste, nun fand sie sich in einer magischen Kristallhöhle wieder, welcher sogar in Besitz eines Steinriesen zu sein schien. Sie war nass, ihr war kalt und sie fürchtete sich davor, dass sie nun in etwas hineingeraten war, aus dem es wahrscheinlich kein Entrinnen gab. Zu allem Überfluss kämpfte sie mit der Tatsache, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit Magie konfrontiert wurde.

Ihr Leben lang war ihr nie etwas dergleichen geschehen. Geschichten über Magier und über fremdartige Wesen kannte sie nur aus Büchern und Erzählungen. Ihr Vater hatte einst einen magisch begabten Mann im Schloss kennengelernt, aber Magie war unter dem Menschen eine Angelegenheit, mit der sich nur wenige beschäftigten.

Alsuna fühlte sich überfordert. Sie zitterte am ganzen Leib und weil sie nichts Besseres wusste, sankt sie auf ihre Knie und bat mit bibbernder Stimme: „Vergebt mir! Ich hatte nicht die Absicht hier einzudringen. Ich suchte nur Schutz vor dem Gewitter und gelangte durch die leuchtenden Kristalle hierher.“

Alsuna wagte es nicht aufzublicken. Sie hatte zu große Angst davor, was mit ihr passieren könnte. Mit gesengtem Kopf wartete sie auf eine Reaktion, ging aber von dem Schlimmsten aus. Umso überraschter war sie, als jener mit sanfter Stimme zu ihr sprach: „Fürchte dich nicht. Ich werde dir kein Leid zufügen, Menschenkind. Du bist hier willkommen.“

Verwundert darüber, hob Alsuna ihren Kopf. Der Steinriese lächelte weiterhin und bat sie schließlich, sich zu erheben, was sie auch tat. „Du bist kein Eindringling, Menschenkind. Du bist hier, weil du mich gesucht hast.“, erklärte er ihr weiter, aber seine letzten Worte ergaben für sie keinen Sinn. Schließlich hatte sie niemanden gesucht, sondern nach einem Zufluchtsort. Es war verwirrend, aber ihr war es wichtig, dieses Missverständnis aufzuklären. Daher wählte sie mit Bedacht ihre nächsten Worte und gab zu bedenken, dass sie nicht einmal von diesem Ort und seinem Besitzer gewusst hatte.

Der Steinriese lachte für einen Augenblick und entgegnete ihr: „Man kann es und du hast es getan, Menschenkind. Zweifle nicht an deinem Verstand. Es gibt mehr auf der Welt, als dir schon bewusst ist. Sowohl auf dem höchsten Gipfel, wie auch in der tiefsten Schlucht gibt es Dinge, die so manch ein Geschöpf noch nicht erblickt hat. Verschließe nicht deine Augen davor, Menschenkind. Du bist hier, weil du mich gesucht hast und nur wer mich sucht, ohne zu wissen, dass er mich sucht, wird mich auch finden.“

„Verzeiht, ich begreife es nicht.“, gab Alsuna ehrlich, aber auch verzweifelt zu, während sie sogar darauf wartete, dass sie wie ein ungehorsames Kind gescholten werden würde. Doch nichts dergleichen passierte. Wie ein Familienmitglied, vielleicht sogar wie ein Großvater, schenkte er ihr ein warmes und aufmunterndes Lächeln. Ein Lächeln, das sie wehmütig an ihre Eltern erinnerte. Seine Augen wirkten müde und träge und doch sah er mehr, als dass es sie selbst vermochte.

Für einen Außenstehenden musste dieser Moment wahrlich lustig erscheinen. Denn im Vergleich zu dem Steinriesen wirkte Alsuna wie eine Puppe, die er hätte leicht in seine Hand nehmen können. Wer hätte auch schon ahnen können, welche ungewöhnliche Wendung sich an diesen verfluchten Tag ereignen würde. Sie hätte niemals damit gerechnet, aber ihr Gegenüber verdrängte ihre Gedanken und meinte, dass sie alles zu gegebener Zeit erfahren würde. Ihr Weg wäre noch lang, doch daran hatte Alsuna große Zweifel. Sie wusste nicht, wie es mit ihr weitergehen würde. Ihr Weg hätte mit der Hochzeit mit Jovan beginnen sollen, aber nun wusste sie gar nichts mehr. Sie war verzweifelt und sie würde sich nicht wundern, wenn Ylnos schon bald seine knochige Hand nach ihr ausstrecken würde.

„So jung und doch schon am Ende? Nein Menschenkind, in dir steckt noch weit mehr. Doch noch bist du zu blind, um es selbst erkennen zu können.“, beschwichtigte sie der Steinriese und Alsuna blickte weiterhin verwirrt zu ihm empor. Sie versuchte seine Worte zu verstehen. Ja, sie war blind gewesen, was Jovan betraf, aber eine Wahrheit konnte selbst sie nicht leugnen. Niemand würde sie lieben und was war ein Leben ohne Liebe? Sie konnte es sich einfach nicht vorstellen.

„Ich war blind und vielleicht bin ich es immer noch. Aber wie kann ich noch klar die Welt vor mir sehen, wenn mein Herz zertrümmert ist?“, erwiderte Alsuna und deutete mit ihrer rechten Hand auf die betreffende Stelle an ihrem Brustkorb. Jene boshaften Worte kamen ihr in den Sinn. Jede Beleidigung, jede Scheinheiligkeit und jedes Flüstern, welche sie sogar bis in ihre Albträume verfolgten. Sie hatte keine Freunde, nicht einmal einen Vertrauten und selbst ihre Eltern hatte sie am Ende den Rücken zukehren müssen. Was machte es also für einen Sinn auf etwas Besseres zu hoffen? Für sie gab es einfach nichts außer diese Leere und Alsuna wusste nicht, ob sie auf ewig damit weiterleben konnte.

„Glaubst du wirklich, dein Herz wäre bereits verloren? Oh, ihr Menschenkinder! Ihr seid wahrlich noch ein junges Volk und habt noch so vieles zu lernen. …“, lachte der Steinriese, allerdings wurde er sogleich wieder ernst, „… Höre Menschenkind, die Liebe ist nichts Vergängliches, oder gar nur für wenige bestimmt. Hältst du weiterhin deinen Glauben an dieser Torheit fest, so bist du wahrlich verloren. Doch wenn du auch nur einen Funken in dir trägst, so lasse mich dich ein Stück deines Weges begleiten.“

Diesmal klang er streng und trotzdem war etwas in seinem Blick, was Alsuna nachdenklich machte. Gab es für sie noch Hoffnung? Nein, Liebe würde sie niemals erfahren. Dieser Wunsch würde sich niemals erfüllen, aber was wäre, wenn er ihr einen anderen Weg weisen könnte? Einen Weg, der sie zumindest von ihrem alten Leben befreien würde. Sie könnte es wagen, aber hatte sie auch den Mut dazu? Zumindest wurde ihr diese Chance geboten und sie hatte auch nichts mehr zu verlieren. Selbst, wenn sie am Ende doch einen Preis dafür zahlen musste, sie musste es wagen. Daher nickte sie, während sie fröstelnd ihre Arme fester um sich schwang. Ihr war immer noch kalt und selbst diese kleine Bewegung war dem Steinriesen aufgefallen. Er hob seine Arme und in jenen Augenblick durchströmte aus allen Seiten ein warmer Wind. Ihr zerstörtes Kleid trocknete und sie selbst fühlte sich in Binnen von wenigen Minuten warm und geborgen.

Dankend sah Alsuna zu ihrem Gönner empor, kaum, dass der Zauber vorbei war. Zufrieden nickte er und erhob abermals eine Hand. Doch diesmal leuchteten die Kristalle in der Höhle auf. Es waren nicht die Roten, sondern jene mit einem schimmernden Grün zeigten Alsuna einen neuen Weg. Fragend blickte sie zu dem Steinriesen empor, der die sogleich aufklärte: „Folge dem Weg und du wirst nach draußen gelangen und auf einen Teich auf einer Lichtung stoßen. Das Wasser ist nicht all zu tief, sodass du zu der kleinen Insel waten kannst. Dort musst du etwas suchen.“

„Und was genau?“, fragte Alsuna und versuchte sich jenes Objekt genau vorzustellen, aber sie bekam nicht die erhoffte Antwort darauf: „Du wirst es wissen, wenn du es findest. Doch bedenke: Sobald du es gefunden hast, vergewissere dich, dass deine Füße wieder vom Wasser des Teichs umgeben sind. Es wird darauf etwas passieren, das dich vielleicht erschrecken könnte. Doch habe Vertrauen, dir wird kein Leid zugefügt werden. Es ist nur der erste Schritt für deinen langen Weg.“

Ein Rätsel, welches Alsuna nicht gerade gefiel, aber sie würde nicht jetzt schon einen Rückzieher machen. Sie hatte sich dafür entschieden einen neuen Weg einzuschlagen und dafür würde sie auch diese seltsame Aufgabe erfüllen. Also ging sie los und die grünen Kristalle führten sie durch zwei verschiedene Tunnel, bis sie nach einiger Zeit aus der Ferne bereits einen fahlen Lichtschimmer erblicken konnte. Wie magisch davon angezogen, rannte sie schneller und gelangte durch einen Spalt ins Freie.

Tiefste Nacht tauchte die Welt vor Alsunas Augen und der Mond schien so hell, sodass sie ihre Umgebung ziemlich gut erkennen konnte. Doch wie seltsam es war. Denn bevor sie den Steinriesen getroffen hatte, war sie in einem Sturm geraten. Hier allerdings war der Himmel klar und von Sternen überseht. Genauso seltsam war es, dass sie scheinbar durch einen ganzen Berg gewandert war. Wie viele Tunnel mochten sich noch dort befinden, die zu andere Orte führten? Vor Staunen fehlten ihr die Worte, aber sie vergaß nicht ihre Aufgabe.

Wie der Steinriese es ihr gesagt hatte, befand sie sich auf einer Lichtung, nicht weit von ihr, ein großer Teich. Ungewöhnliche Pflanzen konnte sie sowohl im Wasser wie auch am Ufer entdecken. Darunter waren sogar einige See-Merils. Kelchförmige Blüten, die auf der Wasseroberfläche schwammen und bei Mondlicht in verschiedenen Farben leuchteten. Doch noch mehr erstaunte Alsuna kleine Insel inmitten des Teiches. Das breite Ufer war sandig und jene glitzerten wie kleine Edelsteine. Es fühlte sich so magisch an, sodass sie ohne lange zu überlegen darauf zuging.

Wie der Steinriese es ihr verkündet hatte, war das Wasser nicht allzu tief und ihr war es egal, dass ein Teil ihres Kleides wieder nass wurde. Viel mehr war sie von ihrer Umgebung gebannt und kaum, dass sie das Ufer erreicht hatte, begann sie sogleich mit ihrer Suche. Sie murmelte sogar seine Worte, aber wie sollte sie etwas finden, von sie nicht wusste, was es war? Es konnte schließlich nicht irgendetwas sein, sonst hätte er ihr diese Aufgabe nicht gestellt. Davon war Alsuna felsenfest überzeugt. Nur was steckte hinter diesem Rätsel? Woher sollte sie es wissen, was er wollte? Hier auf der Insel gab es nichts weiter außer Pflanzen, Sand und Steine. Was davon konnte schon von Wert sein, oder musste sie sogar graben, um etwas Bestimmtes zu finden? Die Insel war nicht groß, ehe überschaubar, und trotzdem übersah sie etwas.

Nach und nach machte sie die Suche ärgerlich. Sie fühlte sich, als wäre sie wieder einmal hereingelegt worden. Doch was hätte der Steinriese davon? Er kannte sie nicht einmal. Als Alsuna bereits verzweifelt sich hinsetzte und daran dachte aufzugeben, spürte sie plötzlich etwas zwischen ihren Fingern. Sie stutzte und umklammerte es sofort. Als hätte sie Angst, ihr Fund würde wieder verschwinden. Umso überraschter war sie, was sie da eigentlich gefunden hatte. Es war ein Stein, nichts Besonderes auf dem ersten Blick. Die Form allerdings machte sie nachdenklich. Der Stein war herzförmig und nicht viel größer als ihr Daumennagel und trotzdem war sich Alsuna sicher, dass sie das Gesuchte endlich gefunden hatte. Woher sie das wusste, konnte sie sich nicht einmal selbst erklären, aber es brachte sie dazu, dass sie auch den Rest der Aufgabe erfüllte.

Wie in Trance rückte sie näher ans Wasser heran, bis sie ihre Füße in das kühle Nass hineintauchen konnte. Nicht einen Augenblick ließ sie ihr Fundstück aus den Augen, den sie schützend in ihren Händen hielt. Als wollte der Stein, dass sie all ihre Aufmerksamkeit auf ihn richtete. Ein absurder Gedanke und trotzdem ging von ihn eine Macht aus, die Alsuna all ihre Träume und Wünsche erwachen ließ. Sie dachte an ihre Eltern, ihre Liebe zu ihnen, sowie auch an den Wunsch ihre eigene Familie zu gründen. Jenen Mann zu finden, für den sie seine zweite Hälfte sein konnte, während er die ihre wurde. Eine Stärke, die sie gemeinsam teilten und welche sie noch lange durchs Leben begleitete. Es war eine Sehnsucht, nach der sich Alsuna verzehrte, aber auch zugleich traurig machte. Denn niemals würde dieser Wunsch in Erfüllung gehen und deswegen legte sie all ihre Wünsche in diesen Stein, dass jene dort verwahrt werden möge.

Eine einzelne Träne ergoss sich über den herzförmigen Fund und kaum, dass dieser davon benetzt worden war, erstrahlte das Herz und zog Alsuna dadurch noch mehr in seinem Bann. Es veränderte sich und anstelle von Stein war aus ihm ein kleiner Kristall geworden. Wie ein Schmuckstück, dass man an einer Kette oder an einem Diadem hätte befestigen können, aber nichts dergleichen würde jemals passieren. Denn dafür war es einfach zu kostbar.

Was Alsuna dafür kaum mitbekam, war, dass auch sie sich veränderte. Es begann bei ihren Füßen im Wasser. Eine weiße Schicht bedeckte Haut und Stoff und dehnte sich Stück für Stück weiter aus. Es tat nicht weh, sondern fühlte sich für sie wie eine sanfte Liebkosung an. Erst als auch die letzte Haarspitze davon betroffen war, erlosch das Licht des Kristalls und hinterließ eine junge Frau, die zu Stein geworden war. Einer Statue gleich, die traurig und zugleich sehnlichst auf ihre zu einer Schale geformten Hände blickte und ein kostbares Juwel behütete. Als hätte ein Künstler extra für diesen Ort etwas aus weißem Stein erschaffen, das nun die Umgebung zierte. Doch nur einer wusste, dass es sich hierbei um ein lebendes Menschenmädchen handelte und als wollte er ihr noch einmal etwas ins Ohr flüstern, wehte aus der Höhle ein Wind, welcher Alsuna folgende Worte mitteilte: „Schlaf Menschenkind und träume. Träume von deinem zukünftigen Leben.“
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