Wendy - die ganze Wahrheit

GeschichteDrama, Familie / P12
07.08.2018
07.08.2018
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Flavio lehnte an der Stallmauer, duckte sich dabei in den Schatten eines Giebels und zündete sich den Joint an. Er nahm einen tiefen Zug und schloss die Augen. Ah. Herrlich!
Den ganzen Vormittag hatte er bei zunehmend steigenden Temperaturen mit dröhnendem Schädel vom Pokerabend zuvor Pferdescheiße geschaufelt. Jetzt war wohlverdient ne Mittagspause angesagt, bevor am Nachmittag das große Event beginnen sollte. Mal wieder irgendeines dieser beschissenen Reitturniere, um die hier alle ja so ein Gewese machten, als ginge es um Leben oder Tod. Dabei war doch bereits im Vorfeld schon klar, dass Wendy - die Tochter seines Arbeitgebers - wie immer den Siegerpokal abgreifen würde. Weil ja stets alles im Leben mit rechten Dingen zuging.

Flavio gackerte und nahm noch einen Zug. Wie er diesen Job hasste. Allerdings war dieser Job die perfekte Tarnung für sein eigentliches Hauptgewerbe. Nirgendwo anders auf der Welt konnte man derartig sicher und ungestört seine Tätigkeit ausüben und Koks verticken wie im beschaulichen Gut Rosenborg. Quasi direkt unter der Nase des fetten Polizeiinspektors Krämer, der hier ständig herumschlich, weil dessen Tochter Bianca Wendys beste Freundin war. Flavio lachte gallig bei dem Gedanken an das Wort "Freundschaft" - und wie dieses hier zweckentfremdet, nein, regelrecht pervertiert wurde. Wenn jedoch die Dealer in Frankfurt City wüssten, dass sich hier sozusagen ungehindert das ganz große Drogengeld machen lässt,  würde es in Rosenborg alsbald von Kriminellen wie ihm nur so wimmeln. Flavio nahm einen letzten Zug, warf den Jointstummel auf den Boden, trat ihn aus und gähnte. Jetzt ein kleines Nickerchen, bevor es an der Zeit war, sich ins Getümmel zu stürzen. In einem Jahr würde er genug auf Seite gelegt haben, um Rosenborg und den ganzen verlogenen Reitstallbitches für immer den Rücken zu kehren - eine Tatsache, die er sicher nicht bedauern würde.

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Wendy absolvierte eine letzte Trainingsrunde auf ihrem Schimmel Penny, unter den Augen ihres gestrengen Vaters Gunnar, der gemeinhein keinen einzigen Fehler verzieh. Der Perfektionismus und Leistungsdruck ihrer Eltern hatte ihre ältere Schwester Alexa in die Magersucht und sich anschließenden mehrfachen Psychiatrieaufenthalten getrieben, als sie noch keine 13 Jahre alt gewesen war. So lautete der inoffizielle Vorwurf dieser Quacksalber.
Wendy wiederum, die eine weniger labile Persönlichkeit als ihre Schwester aufwies, trieben genau diese Eigenschaften ihrer Eltern zu absoluten Höchstleistungen an. Alexa war einfach eine Memme und sie war schwach, und Schwäche ist abstoßend, dachte Wendy bei sich, als sie Penny gekonnt über das letzte Hindernis des Trainingsparcours springen ließ. Sie konnte vollkommen nachvollziehen, wie sehr Alexa ihre Eltern enttäuscht hatte, sodass sie auf Rosenborg lediglich nur noch geduldet wurde. Sie war einfach eine geborene Loserin. Im Gegensatz zu ihr, Wendy, die eine geborene Gewinnerin war.

Gunnar nickte knapp, als sie mit Penny auf ihn zuritt, was bedeutete, dass sie es bis zum Turnier heute Nachmittag mit trainieren würde gut sein lassen können. Wendy machte ein kurzes Handzeichen in Richtung des Mädchens, was am Rand des Übungsparcours stand, und sprang von der Stute ab. Das Mädchen setzte sich rasch in Bewegung, Wendy drückte ihr kommentarlos die Zügel sowie ihre Gerte und ihren Reithelm in die Hand und ging mit Gunnar in Richtung Haupthaus. Das Mädchen brachte Penny zurück zu den Ställen.

"Penny ist gut in Form", bemerkte Wendy. Gunnar entgegnete nichts. So war er eben. Wendy ergänzte: "Es hat sich ausgezahlt, sie auf hohe Temperaturen vorzubereiten." In den letzten vier Wochen hatte Wendy die Trainingseinheiten vorwiegend auf die Mittagszeit verlegt, wenn die Sonne hoch am Himmel stand. Auch das verschärfte Ausdauertraining - jeden Abend zusätzlich eine halbe Stunde im Jagdgalopp über die ausgedehnten Felder der Umgebung - hatte Penny nicht im Mindesten geschadet.

Beim Eintreten ins Haupthaus verzog Wendy das Gesicht. Ihre Cousine Vanessa lungerte in dem Rattansessel in der Diele herum und lackierte sich die Nägel. Sie warf Wendy einen kurzen, verächtlichen Blick zu. Wendy ließ sich hiervon nicht provozieren. Auch Vanessa war eine Verliererin. Vanessa und Alexa- die dummen, schwachen Weiber aus ihrer Familie begriffen beispielsweise nicht einmal Kernweisheiten, welche zum Erfolg führten. Zum Beispiel, warum Wendy mit einer Bianca befreundet war. Sie selbst - Vanessa und Alexa - umgaben sich mit Freundinnen, denen sie nacheiferten, die ihnen überlegen waren.

Wendy hingegen umgab sich nur aus einem Grund mit Bianca: Weil neben diesem faden, langweiligen und optisch sowie intellektuell nichtssagendem Mädchen ihr eigenes Licht umso heller strahlte. Eine Gewinnerin zeichnete eben aus, dass sie wusste, wann sie ihre Energien sparen sollte. Es ging nicht darum, sich mit jedem Menschen zu messen und diesen übertrumpfen zu müssen. Es ging darum, sich mit würdigen Gegnern zu messen - und dabei Erfolg zu haben.