The Queen

GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
Ahren Schreave America Singer Eadlyn Helena Margarete Schreave Maxon Calix Schreave Osten Schreave
07.08.2018
31.01.2019
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07.08.2018 4.732
 
~America~

Die warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht weckten mich sanft am frühen Morgen, noch bevor Mary, Paige und Marlee auftauchten und sich geschäftig ans Werk machten um mich für einen weiteren Tag im Palast zurecht zu machen. Noch immer war es ein merkwürdiges Gefühl wenn ich die Tatsache bedachte, dass dies nun mein zu Hause sein würde in welchem ich mein weiteres Leben verbringen und tatsächlich zur Königin gekrönt werden sollte. Noch immer fühlte es sich wie ein Traum an, wenngleich Maxon tagtäglich sein bestes gab um mich von diesem Gedanken abzubringen. Maxon...

Ein strahlendes Lächeln schlich sich auf meine Züge und ich konnte nicht an mich halten und kicherte vergnügt. Es war so sonderbar wie ich es hatte hierher schaffen können, obwohl die Anfänge dieser Geschichte weit weniger rosig waren als man nun annehmen mochte. Doch aus einem Zufall wurde etwas so viel größeres das mir trotz allem noch immer ein wenig Furcht einflößte. Die Liebe zu Aspen hatte mich bereits verunsichert, war sie doch so unsagbar groß und unumstößlich gewesen - zumindest hatte es immer den Anschein gehabt -, jedoch war es nichts vergleichbares wenn es um meine Liebe zu meinem zukünftigen Mann ging. Das Leben hatte es wahrhaftig gut mit mir gemeint und ich war mir noch immer unsicher, ob ich mich dem gewachsen fühlte. Die Angst vor dem völligen Versagen als Königin hielt mich seit jenem Tag, als Maxon auf romantischste Art und Weise um meine Hand angehalten hatte, wach und trotz der Vorbereitung welche mir Silvia täglich angedeihen ließ, konnte ich nach wie vor nicht behaupten, dass ich mich bereit fühlte. Bereit für dieses Amt und die damit einhergehenden Pflichten. Im Herzen würde ich wohl immer das Fünfer-Mädchen sein, welches mit ihrem Gesang und ihrer Musik die Familie über Wasser gehalten hatte. Ein ganzes Leben abzulegen war schwieriger als ich es für möglich gehalten hatte, wenngleich Königin Amberly im Herzen immer eine vier gewesen sein musste. Es schmerzte mich, dass ich sie nun in dieser wichtigen Phase meines Lebens nicht nach Rat und Bestätigung fragen und ihr meine Ängste offenbaren konnte, welche womöglich die gleichen waren, denen sie sich ausgesetzt gesehen hatte als der König sie erwählt hatte.

Trotz der düsteren Gedanken die mir durch den Kopf zogen, schälte ich mich aus den weichen Laken und summte leise vor mich hin, während ich in meinem Zimmer umherlief und die Sachen des gestrigen Tages neu sortierte. Silvias Bücher mit allerlei Hilfestellungen was es hieß sich wie eine Königin zu benehmen räumte ich zurück in das Regal, unmittelbar neben die wenigen Bücher, welche ich vor so vielen Wochen von zu Hause mit hierher genommen hatte, um mich in diesem Käfig zumindest ein wenig heimisch zu fühlen. Doch schon lange betrachtete ich den Palast nicht mehr als Käfig, hatte er mir doch zunächst als Zuflucht vor Aspen gedient und würde nun ein gutes zu Hause abgeben. Ein Seufzen entwich meinem Mund als ich das Bücherregal und die Reihen von Kleidern musterte, welche noch immer auf den Stangen des Schrankes hingen, bereits verpackt in Kleiderhüllen und bereit für den Umzug in meine neuen Räume. Ich würde lügen wenn ich behaupten würde, dass mir dieses Zimmer hier nicht fehlen würde. Es war mir nach und nach immer mehr ans Herz gewachsen und nun schmerzte es mich es hinter mir lassen zu müssen, obgleich ich es mir schön vorstellte wenn Maxon unmittelbar neben mir wohnte und mich abends niemand daran hindern würde, mich einfach zu ihm zu legen. Zwar hinderte mich auch jetzt niemand daran die Einsamkeit zu verscheuchen indem ich zu ihm hinauf in den dritten Stock lief, leise an seine Zimmertür klopfte und mich mit ebenso leisen Schritten neben ihm unter die warme Decke kuschelte, doch mochte ich es nach wie vor nicht, dass mich das halbe Schloss auf meinem Weg dorthin beobachten konnte. Im Mittelpunkt des Interesses zu stehen würde wohl das Schwerste sein, womit ich mich abfinden und zurecht kommen musste...

Das leise Klopfen an der Tür entging mir nicht, erschien es in dem sonst ruhigen Zimmer umso lauter, obgleich die Glastüren des Balkons weit geöffnet waren und das Vogelgezwitscher aus den Gärten bis hinauf zu hören waren. Ein simples „Herein“ ließ meine zwei Zofen durch die Tür treten, Marlee wie üblich im Schlepptau. Mit einem breiten Grinsen trat diese auf mich zu und drückte mir einen Kuss auf die Wange, während Mary und Paige nahe der Tür vor mir knicksten und sich Paige bereits daran machte, mir im Badezimmer ein Bad einzulassen.

„Morgen ist der große Tag!“, rief meine beste Freundin überschwänglich und ich versuchte mich an einem erfreuten Lächeln, das mir jedoch vollkommen entgleiste und einem unsicheren, nervösen, Gesichtsausdruck Platz machte.

Natürlich freute ich mich über die Maßen auf diesen Tag, würde ich doch endlich Maxons Frau werden, doch was unmittelbar nach der Hochzeitszeremonie folgen würde bereitete mir ernsthafte Sorgen. Große Sorgen. Viel größere als das Ehegelübde an dem ich seit Wochen saß und es immer wieder umschrieb, weil kein einziges meiner Worte auch nur im Ansatz beschreiben konnte, wie sehr ich ihn liebte und wie glücklich ich war, endlich ganz Sein zu sein – und er Mein. In meinem schlimmsten Albträumen malte ich mir sämtliche Katastrophen aus seitdem die Hochzeitsvorbereitungen begonnen hatten und ich ein maßgeblicher Teil von eben diesen war, während Maxon sich meistens geschickt aus der Affäre zog und alles mir überließ. Auch Silvia war der festen Überzeugung, dass es gut war, wenn ich bereits zu Beginn wichtige Dinge in die Hand nahm und man mir Entscheidungsgewalt überließ. Zumindest so weit es die Regelungen, die Etikette und die Möglichkeiten zuließen. Trotzdem übernahm Silvia einen großen Teil der Planung, wofür ich ihr so unsagbar Dankbar war, dass ich mich immer wieder überschwänglich bei ihr bedankte sobald ich mich in einer Ecke oder Zwickmühle befand und sie mir daraus half. Ich fragte mich wahrlich, was ich ohne diese Frau anstellen würde.

Seufzend schüttelte ich leicht den Kopf und pustete mir eine rote Locke aus dem Gesicht. „Versteh mich nicht falsch, ich freue mich so unsagbar sehr, aber verdammt nochmal. Die Panik wird allmählich übermächtig und ich würde am liebsten in das nächstbeste Kissen schreien und damit um mich schlagen“, offenbarte ich der blonden jungen Frau mir gegenüber und ich ließ die Schultern sachte hängen.

Ihr Schmunzeln konnte ich kaum erkennen, denn viel schneller als ich gucken konnte zog sie mich in eine feste Umarmung, ehe sie mich eine Armlänge von sich hielt und mich immer wieder leicht schüttelte. „Du wirst jetzt nicht den Kopf verlieren und davon rennen. Du bist stark und kannst alles überstehen. Der morgige Tag wird der schönste Tag deines Lebens werden. Mit einem kleinen Zusatz. Ihr zwei werdet umwerfend aussehen, ihr werdet euch ewige Liebe schwören und dann werdet ihr Mann und Frau sein. Und ja, du wirst die verdammte Königin von Illeá, aber das ist nun dein Leben und du wirst dich jetzt endlich mal an diese Tatsache gewöhnen. Okay?“

Blinzelnd und aus großen Augen blickte ich Marlee an und konnte gar nicht anders als leicht zu nicken. So überzeugt hatte ich sie noch nie reden hören und es beeindruckte mich. Sie war mit Carter so glücklich und wenn ich ehrlich war, wünschte ich mir das gleiche Glück für Maxon und mich. Und vielleicht bekamen wir unser Happy End, würde ich doch alles dafür geben – und wenn es bedeutete die Krone voll und ganz zu akzeptieren.

Aus diesem Grund atmete ich tief durch und ließ mich von Paige in das angrenzende Badezimmer geleiten, wo sie mir aus dem weichen Nachthemd half und meine Hand hielt, als ich in die dampfende Badewanne stieg und in das angenehme Nass hinein glitt. Marlee holte sich währenddessen einen Stuhl von dem kleinen runden Tisch auf dem Balkon und setzte sich neben die Badezimmertür, einen beschriebenen Zettel in der einen und eine Tasse in der anderen Hand.

„Lass mich raten: Mein Tag ist bereits zu dieser Uhrzeit vollkommen ausgefüllt und ich werde Mühe haben, in aller Ruhe essen zu können“, unterbrach ich sie als sie ansetzen wollte um mir meine Planung für den heutigen Tag zu erläutern, wobei ich bereits ahnte, dass heute Dinge auf der Tagesordnung standen, welche mich erneut verunsichern würden. War es nicht jeden Tag so?

Sie wiegte den Kopf hin und her während Mary sich meiner Haare annahm und ihnen die Pflege nahe kommen ließ, welche sie nach Stresserfüllten Tagen dringend brauchten sodass sie nicht wild in der Luft herum flogen, so als hätte ich in eine Steckdose gegriffen. „Das Frühstück im Speisesaal nimmst du mit Maxon und deiner Familie ein, so wie jeden Morgen seitdem sie hier sind. Danach ist eine Haushaltssitzung anberaumt worden, bei der man deine Anwesenheit zu schätzen wüsste. Außerdem braucht dein zukünftiger Gatte ein wenig Rückendeckung, weil heute wohl die Etatkürzungen bevorstehen um der Bildung einen Batzen Geld zukommen zu lassen. Danach steht ein kurzes Mittagessen an. Danach wiederum werden Maxon und du, prinzipiell aber eher du, dazu angehalten, eure Kronen zu tragen. Ein Gefühl dafür bekommen und all so was. Und vor dem Abendessen gilt für euch beide die letzte Anprobe vor dem großen Tag. Heute Abend gehe ich mit dir den Plan für den morgigen Tag durch, damit du dich morgens nicht damit herum ärgern musst.“

Zwischenzeitlich hatte ich immer wieder ein leichtes Nicken zu erkennen gezeigt, hatte ich schließlich aufmerksam zugehört und seufzte nun ein weiteres Mal, ehe ich mich gänzlich in das warme Wasser gleiten ließ und für wenige Sekunden unter Wasser blieb um meine Haare ein wenig auszuwaschen, bevor ich wieder auftauchte. Den Rest überließ ich Mary und als sie scheinbar mit ihrem Werk zufrieden war, half mir Paige aus der Wanne und wickelte mich in ein flauschiges und furchtbar weiches Handtuch, ehe sich beide daran machten meine Haare trocken zu tupfen und sie in Form zu bringen.

Die natürlichen Locken kehrten zurück, sobald Paige den Haarföhn zurücklegte und sich Mary meiner heutigen Friseur annahm. Es wurde nichts all zu kompliziertes – die komplizierten Sachen hob sie sich meist für besondere Anlässe, Pressetermine oder den wöchentlichen Bericht auf – und ich nickte zufrieden als ich mich selbst im Spiegel betrachten konnte. Die flammenden Locken fielen mir über die Schultern und nur ein Teil der schier unendlichen Haare, die ich mein Eigen nennen durfte, waren locker hochgesteckt. Die Frisur wirkte leicht und doch elegant genug um bei einer Sitzung des Haushaltsausschusses anwesend sein zu dürfen.

„Vielen Dank euch beiden“, bedankte ich mich mit einem aufrichtigen Lächeln und Paige verschwand nach einem leichten Knicks aus den Räumen, welche ich nun bald nicht mehr als meine Zimmer bezeichnen durfte.

Ich suchte Marys Blick und hob sachte eine Augenbraue; fragend, unsicher ob ich etwas falsches gesagt oder etwas falsches getan hatte, was die junge Zofe hätte beleidigen können. Doch meine erste Zofe schüttelte sanft den Kopf und berührte ebenso sanft meine Schulter. „Macht Euch keine Gedanken, Eure Hoheit. Sie ist unsicher, ob Ihr sie wirklich hier haben wollt oder ob Ihr sie einfach hinnimmt, nachdem...“ Sie musste den Satz nicht zu Ende bringen damit ich wusste, wovon sie sprach. Anne...

Ich blinzelte mehrmals hintereinander um die Tränen zurückzudrängen, welche sich in meine Augen geschlichen hatten und versuchte das dezente Make-Up der beiden nicht innerhalb von fünf Minuten zu ruinieren. Leise atmete ich tief durch und erhob mich, zog die Schnüre des weichen Bademantels enger um meine schmale Taille und stellte mich etwas aufrechter hin – die Schultern etwas zurück, den Kopf gerade, ganz genauso wie Silvia es uns von Tag eins an versucht hat beizubringen. „Ich werde heute Abend mit ihr reden. Vielleicht kann ich ihr ein paar ihrer Sorgen nehmen.“ Ich hoffte es sehr, schien Paige doch eine liebenswerte junge Frau zu sein die durchaus in die Fußstapfen Annes und Lucys treten konnte. Es würde mich schmerzen wenn sie uns, Mary und mich, verlassen würde weil sie sich von mir nicht geschätzt fühlte. Das würde ich um jeden Preis zu verhindern wissen.

Meine erste Zofe nickte und führte mich zurück in Richtung des Kleiderschrankes. Da sämtliche Kleider sich in Kleiderhüllen befanden um bei dem bevorstehenden Umzug nicht ruiniert zu werden, hatte Mary Mühe das richtige zu finden. Beinahe sämtliche Reißverschlüsse wurden geöffnet und wieder geschlossen wenn sie erneut feststellen musste, dass es das falsche Kleid war. Irgendwann stieß sie einen Laut der Frustration aus, weshalb ich schmunzelnd an sie heran trat und eine Hand auf ihre Schulter legte. „Wie wäre es, wenn wir heute eine der neuen Hosen einweihen? Wenn ich mich recht erinnere wurden sie noch nicht eingetütet“, schlug ich ihr vor und mit einem dankbaren Ausdruck in den Augen eilte sie zu dem Schrank rechts neben den Kleiderstangen und zog eine schlichte schwarze Hose hervor, zusammen mit einer hellblauen Bluse, welche sich so weich anfühlte das man meinen konnte, sie könne von allein durch die Lüfte schweben.

Während Mary mir half in die perfekt geschnittene Hose zu schlüpfen und mir die Aufgabe abnahm, die Knöpfe der Bluse zu schließen, tigerte Marlee auf und ab weshalb ich eine Augenbraue in die Höhe zog und den Kopf etwas schief legte. Was auch immer sie beschäftigen mochte, es schien wahrlich dringender Natur zu sein, weshalb ich die Stimme erhob, als die Zofe mir in die ebenfalls schwarzen Absatzschuhe hinein half und die zwei seitlichen Verschlüsse schloss.

„Marlee? Hey, sieh mich an.“ Als sie es tatsächlich tat lächelte ich ihr beruhigend zu. „Was auch immer es ist das dich derart beschäftigt, ich werde dir helfen. Und wenn ich Carter dafür in den Hintern treten muss. Du kannst immer auf mich zählen.“ Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und ich war heilfroh, dass ich ihr mit meinen Worten anscheinend helfen konnte.

Sie atmete tief durch als ich mich erhob und Mary noch einmal sanft mit der Bürste durch meine Locken glitt. „Weißt du, es ist merkwürdig das du nun wirklich Königin wirst. Das Prinzessinnen-Ding war einfach zu akzeptieren, es hat sich schließlich nicht all zu viel geändert. Von deiner Anrede und deinem Titel mal abgesehen. Aber Königin... Ich schätze, dass wird so einiges ändern. Und ich... ich wollte dich etwas fragen, aber es kommt mir komisch vor wenn ich dich das frage und nicht du mich und... Vergiss es einfach.“

Ich blinzelte verwirrt, konnte ich im ersten Moment doch nicht sagen was es sein könnte, ehe ich einen Blick auf den kleinen Tisch neben dem Flügel warf und sämtliche Papiere für die Hochzeitsvorbereitungen sah. Und dann kam es mir wie ein Blitzschlag gleich in den Sinn geschossen. Die Trauzeugin. Während dem ganzen Trubel, der Aufregung und all den Unterrichtsstunden war dieses Thema vollkommen untergegangen und in diesem Augenblick schämte ich mich, dass ich nicht eher daran gedacht hatte.

Sobald Mary die Bürste zur Seite gelegt hatte und scheinbar zufrieden mit ihrem und Paiges Werk war, eilte ich zu der blonden jungen Frau hinüber und zog sie stürmisch in die Arme. „Es tut mir so wahnsinnig leid. Ich... Wie konnte ich so etwas vergessen? Das Land wird im Chaos versinken sobald es mich als Königin hat. Aber egal. Marlee Tames, vermutlich baldig Marlee Woodwork“, sie kicherte bei dieser kurzen Bemerkung glücklich, „würdest du mir die Ehre erweisen und meine Trauzeugin sein? Ich könnte mir niemand besseren dafür vorstellen. Bitte?“

Ihr breites Grinsen war Antwort genug und schon wirbelte sie wie ein kleiner blonder Wirbelwind durch das Zimmer und schnappte sich sämtliche Papiere für die Hochzeit, noch ehe ich überhaupt etwas erwidern konnte. „Mach dir keine Sorgen! Ich werde sämtliche Blumenarrangements begutachten und all die Sachen die normalerweise an dir und Silvia hängen bleiben. Wir sehen uns zum Mittag!“ Und schon eilte sie hinaus und ließ mich leise lachend zurück.

Ich sah kurz zu Mary und nickte nun in Richtung der offen stehenden Tür. „Nun geh auch etwas frühstücken. Na los.“ Sie knickste, verabschiedete sich mit einem „Bis heute Abend, Eure Hoheit“ und verschwand nun selbst in dem langen Gang, auf welchem ich seit Wochen alleine lebte. Es war merkwürdig all die Mädchen aus dem Casting nicht mehr hier zu haben, wenngleich ich mich nicht mit allen so gut wie mit Marlee und Kriss verstanden hatte, doch es war einsam ohne das Klackern von 35 Absatzschuhen auf Marmorboden und das heimelige Murmeln aus dem Damensalon vermisste ich womöglich am meisten. Das meine Familie nun hier war und ganz in der Nähe leben würde, schenkte mir ein wenig Trost und die Tatsache das Maxon und ich in wenigen Tagen Zeit voller Zweisamkeit erleben durften beruhigte meine angespannten Nerven ungemein. Und mit diesem Gedanken im Kopf und einem glücklichen Lächeln auf den Lippen machte ich mich nun selbst auf den Weg zu meinem Frühstück – mein Magen dankte es mir.


Das Gelächter und die fröhliche Atmosphäre welche mir aus dem Speisesaal entgegen schlug ließ mich tief durchatmen und das Bild in mich einsaugen, dass sich mir bot, sobald ich im Türrahmen der großen Flügeltür zum stehen kam.

An der langen Tafel saßen Mom und Gerad nebeneinander, May ihnen gegenüber und alle drei lachten so befreit wie ich es zu unserer Zeit als Fünfer selten erlebt hatte. Kota saß etwas weiter abseits und war vollkommen von seinem Berg aus Essen vereinnahmt, der sich auf seinem Teller befand. Kenna und James saßen neben Mom und May, die kleine Astra in den Armen ihrer Mom, welche sie lächelnd mit einem Fläschchen fütterte. Maxon saß zwischen meiner Familie, unterhielt sich angeregt mit May und brachte sie immer wieder zum lachen, während er eine Tasse voller Tee in Händen hielt und ab und an einen Schluck des warmen Getränks nahm. Mein Herz lief über vor Glück und ich konnte nicht anders als mich an den Rahmen zu lehnen und dieses Bild auf mich wirken zu lassen. Was an dieser Szenerie jedoch fehlte war Dad. Der Gedanke an ihn tat noch immer weh, mehr als ich meiner Familie gegenüber jemals zugeben würde, und ich konnte nicht sagen, wie ich all das hier ohne ihn durchstehen sollte. Wie sollte ich den Gang zum Altar hinunter laufen wenn er nicht an meiner Seite lief, meine Hand auf seinem Arm und voller Stolz? Wer sollte mich an Maxon übergeben? Er hatte uns nicht mal mehr seinen Segen geben können...

Die Traurigkeit überfiel mich schneller als ein Raubtier seine Beute und ich nahm nur am Rande wahr das May nach mir rief und mich zu sich winkte. Ich blinzelte immer wieder die Tränen aus meinen Augen fort, atmete tief ein und aus um den Kloß aus meinem Hals zu verbannen und schluckte schwer. Das Maxon auf mich zukam bemerkte ich erst, als er unmittelbar vor mir zum stehen kam und mein Gesicht mit beiden Händen umfasste. Ich wusste, dass er wusste was ich fühlte und woran ich dachte, doch ich versuchte verzweifelt mich zusammen zu reißen, denn auch er hatte etwas verloren. Er hatte so viel mehr als ich verloren, wenngleich die Beziehung zu seinem Vater angespannt war. Doch er hatte seine Mutter verloren und es kam mir noch immer falsch vor, nun auf ihrem Platz zu sitzen und ihre Position einzunehmen.

„Mein Liebling...“, flüsterte er, ehe er seine Lippen auf meine Stirn senkte und mir einen sanften Kuss auf die Haut hauchte. „Es ist okay. Dein Vater, wo auch immer er nun sein mag, sieht auf dich herab und ist voller Stolz. Er wird immer bei dir sein, glaube mir.“

Ich umfasste seine Handgelenke und nickte leicht, während sich eine einzelne Träne über meine Wange verirrte und von seinen Fingern aufgefangen wurde. Ein vorsichtiges und zaghaftes Lächeln zeichnete sich auf meinen Lippen ab als ich in seine schokoladenbraunen Augen blickte und all die Liebe in ihnen sah, die er für mich empfand. Als er das Lächeln auf meinem Gesicht sah, lächelte auch er und sanft umfasste er meine Taille, zog mich enger an sich bevor er seine Lippen auf meine senkte und mich küsste. Erst sanft und langsam, doch mit jedem Kuss wurde er leidenschaftlicher und ich konnte nicht anders als meine Arme um seinen Hals zu legen, meine Familie vollkommen vergessen.

Leise nach Luft ringend lösten sich unsere Lippen voneinander, allerdings ließ er noch nicht von mir ab, denn seine Hände suchten sich erneut ihren Weg an meine nun überhitzten und geröteten Wangen und ein sanfter Kuss beendete unserer Zweisamkeit inmitten der Menschen die ich liebte. Die Gesichter der Palastwachen in meinem Rücken wollte ich in diesem Moment wirklich nicht sehen und war froh, dass Maxon mich zu der langen Tafel führte und mir meinen Stuhl an den Tisch schob sobald ich mich hingesetzt hatte.

Mays bedeutungsschwangere Blick lag ununterbrochen auf mir, weshalb ich ihr die Zunge im Spaß zeigte und den Butler dankend anlächelte als er einen Teller voller Pancakes, Speck und Eier servierte und ein weiterer mir ein Glas Orangensaft von rechts an meinen Teller stellte. Mein Magen knurrte erneut und mit einem tief empfundenen Seufzen kaute ich genüsslich den ersten Bissen, die Augen geschlossen. Nach wie vor hatte ich mich nicht an dieses grandiose Essen gewöhnt und würde es wohl auch nie tun. Maxon neben mir lachte leise in sich hinein und küsste sanft meine Wange. „Lasst es Euch schmecken, Majestät“, sagte er leise, ehe er einen Schluck seines Tees nahm während ich mich an einem Stück Speck verschluckte und mein Glas Orangensaft sich als Lebensretter erwies.

Einen bösen Blick später bekam er meine Faust gegen die Schulter, was ihn nur noch mehr erheiterte, bevor sich meine Mutter einschaltete und mir fragende Blicke zuwarf. „Liebes, weißt du schon wer dich morgen den Gang hinunter führen soll? Wäre dein Vater noch hier...“ Sie hielt inne, schloss für einen Moment die Augen und fing sich wieder. „Wenn er hier wäre, würde er diese ehrenvolle Aufgabe übernehmen. Kota würde das sicherlich übernehmen wenn du ihn fragst.“ Ein kleines Schmunzeln trat auf ihre Lippen und alle blickten zum ältesten Kind der Familie Singer, welches nichts mitbekommen hatte, weshalb ich leicht den Kopf schüttelte und ein abgrundtiefes Seufzen ausstieß.

Meine Gabel fand ihren Weg auf den leer gegessenen Teller, die Servierte aus dickem Stoff landete auf dem Tisch und ich erhob mich. „Ich weiß es nicht, Mom. Ich weiß es wirklich nicht...“, sagte ich leise und warf einen Blick auf die Uhr an meinem Handgelenk, ehe ich meinen zukünftigen Mann kurz anlächelte. „Wir sollten langsam nach oben, ehe wir die Komiteevorsitzenden noch warten lassen.“ Wir hatten noch gut fünfzehn Minuten Zeit, doch ich nahm es als Ausrede um mich aus der Affäre zu ziehen, denn ich wollte zum jetzigen Zeitpunkt nicht wieder über diese Frage nachdenken, hatte ich es seit Maxons Antrag doch beinahe jeden Tag getan und es hatte mich immer trauriger werden lassen.

Er schien den Wink dennoch zu verstehen, denn er erhob sich und verabschiedete sich von allen, ehe er meine Hand nahm und uns aus dem Speisesaal führte – fort von den besorgten Blicken meiner Mutter. Sobald wir auf den Flur gelangten, legte Maxon meine Hand auf seinen Unterarm und ich krallte meine Finger in den weichen Stoff seines grauen Jacketts. Seine linke Hand umschloss die meine während wir in Richtung der großen Treppe liefen und ich versuchte mich gedanklich auf die vor uns stehende Sitzung einzustimmen. Zwar hatte ich absolut keine Ahnung, wie so etwas ablief, doch hoffentlich lernte ich es schneller als die möglichen Bündispartner Illeás. Ich wollte wenigstens eine Sache beherrschen bevor ich morgen zur Königin dieses Landes gekrönt werden würde, damit ich mich nicht vollends nutzlos fühlte.

„Du könntest Aspen fragen, Liebling.“

Maxons Vorschlag riss mich zurück in die Realität, fort von meinen verzweifelten Ängsten, und blinzelnd sah ich zu ihm auf. Aspen fragen? „Ich weiß nicht mal, ob er es überhaupt machen würde.“ Er schmunzelte als wir die ersten Stufen der Treppe in den zweiten Stock hinauf stiegen. „Dann frage ihn einfach. Mehr als Nein wird er wohl nicht sagen können“, gab er zurück und für einen Moment schürzte ich die Lippen.

Konnte ich Aspen wirklich fragen? Nach allem was in der Vergangenheit zwischen uns war? Naja... Was hatte ich schon zu verlieren wenn ich ihn fragte? Richtig, nichts. Außer einer Abfuhr und einem irritierten Blick seinerseits konnte ich im schlimmsten Fall nichts anrichten. Ich stieß die angehaltene Luft aus und nickte dann ergeben. „Gut. Ich werde ihn fragen. Aber wenn er Nein sagt werde ich diesen Gang allein, auf eigene Faust, hinunter laufen. Ich habe keine Angst davor. Nur damit du nicht auf dumme Gedanken kommst“, gab ich zurück und schnappte vor Überraschung nach Luft als mich der König von Illeá mit einem Mal auf seine Arme nahm und mich die restlichen Stufen hinauf trug.

Ich klammerte mich an seinen Hals, vergrub meine Finger in seinem honigblonden Haar und sah ihn überrascht von der Seite an, denn ich hatte mit allem gerechnet nur nicht mit diesem Schritt. „Sieh mich nicht so an. Ich muss schließlich für morgen Abend üben. Und für die Flitterwochen“, schmunzelte er und grinste breit als er die Röte auf meinen Wangen erkannte, nachdem er mich am Ende der Treppe zurück auf meine Füße stellte.

Weil Silvia es mir nicht anders eingetrichtert hatte, zupfte ich meine Bluse zurecht und strich über die schwarze Hose um die kleinen Falten herauszustreichen, ehe ich meinen zukünftigen Mann anlächelte und mich wieder bei ihm unter hakte. „Vertrau mir wenn ich dir sage, dass ich morgen Abend fünf Pfund mehr wiege wenn ich dieses Kleid trage. Es sollen angeblich etwas mehr als fünf Pfund sein die dieses... dieses Ungetüm auf die Waage bringt.“ Maxon grinste noch immer breit und ich wollte schon fragen was denn los war, als er mich schwungvoll nach hinten kipp ließ, einen seiner starken Arme fest um meine Taille geschlungen, und küsste sanft meine Nasenspitze. „Ich kann es kaum erwarten dich morgen zu sehen“, flüsterte er ganz nahe an meinen Lippen und leise kichernd ließ ich mich von ihm küssen, bevor ich ihn von mir schubste nachdem er mich wieder in die aufrechte gestellt hatte.

Eigentlich hatte ich zu einer Erwiderung ansetzen wollen, doch in genau diesem Augenblick bog der Sekretär des Königs um die Ecke und verneigte sich ehrfürchtig vor uns beiden. „Eure Majestät, Eure Hoheit. Die Herren erwarten sie bereits“, verkündete er, bevor er sich erneut verneigte und zurück durch die Flügeltüren des Sitzungssaals trat.

Ich atmete tief durch und blieb für einen Moment stehen, während Maxon bereits auf den Saal zuschritt. Erst kurz vorher blieb er stehen, wendete sich um und hielt mir eine Hand entgegen, ein beruhigender und liebevoller Ausdruck auf seinem Gesicht. Mit zittrigen Schritten und schweißnassen Händen lief ich ihm entgegen und verschränkte unsere Finger ineinander, kurz bevor ich meine Stirn an seinen Oberarm sinken ließ und weiter tief durchatmete. „Ich bin so stolz auf dich. So unsagbar stolz das du dich dem folgenden hier stellst obwohl du es noch nicht einmal musst. Ich habe immer gedacht, dass meine Liebe zu dir nicht größer werden kann denn sie besetzt bereits mein ganzes Herz, aber dich nun hier stehen zu sehen in der Gewissheit, dass du mir dort hinein folgen wirst ist... unbeschreiblich. Ich danke dir, mein Liebling.“

Seine Worte rührten mich zu Tränen, doch ehe sie sich einen Weg aus meinen Augen erkämpfen konnten legte ich Maxon eine Hand an sein Kinn, zog sein Gesicht zu mir herunter und küsste ihn sanft. „Lass mich nicht fallen“, bat ich ihn leise, nachdem ich mich wieder von ihm gelöst und meine Hand auf seinen muskulösen und starken Unterarm gelegt hatte. „Niemals“, versprach er kurz bevor die Türen aufgezogen und wir angekündigt wurden.

Prinzessin America... Es klang noch immer merkwürdig, obgleich nun Wochen seit der öffentlichen Bekanntgabe unserer Verlobung vergangen waren und ich durch diesen Schritt den Rang einer Prinzessin erhalten hatte. Wären Königin Amberly und der König bei dem Rebellenangriff nicht getötet worden, hätte ich den Rang einer Prinzessin noch so viel länger tragen dürfen, aber nun war alles anders und ich würde den morgigen Abend als Königin verbringen.

Die Hand meines zukünftigen Mannes lag auf der meinen, welche seinen Unterarm zu umfassen versuchte, als wir in den ehrwürdigen Sitzungssaal hineintraten und die Türen unmittelbar hinter uns wieder geschlossen wurden. Die im Saal anwesenden Herren waren von ihren Platzen aufgestanden und verneigten sich nun vor uns bis Maxon sie darum bat, ihre Plätze wieder einzunehmen. Mit ruhigen und festen Schritten führte er uns an das Kopfende der aus Mahagoni gefertigten Tafel und wartete bis ich mich in den Thronähnlichen Stuhl gesetzt hatte, bevor auch er sich in den seinen setzte, direkt neben mir. Papiere und Akten wurden zu uns gebracht und als die ersten aufgeschlagen vor uns lagen, begann bereits der erste Komiteevorsitzende zu sprechen.

Möge die Sitzung eröffnet sein...
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