Worte sind Wind

von svenska92
LeseprobeDrama, Freundschaft / P18
05.08.2018
16.05.2019
3
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Kapitel 3

Jas stand vor mir und betrachtete mich eingehend. Dann ging sie einen Schritt zurück, schüttelte den Kopf und machte sich wieder an meinem Gesicht zu schaffen. Diese Prozedur wiederholte sie immer wieder, bis sie endlich einigermaßen zufrieden schien.
„Mein Gott, diese Augenringe...“
„Die waren in den letzten Wochen mein kleinstes Problem“, gestand ich leise. Es war nicht leicht gewesen. War ich auf der Arbeit, spürte ich die Blicke auf mir und hörte das Getuschel hinter meinem Rücken. War ich in meiner Wohnung, erinnerte ich mich daran, wie es war, mit ihm auf dem Sofa zu liegen. Dann breitete sich die Sehnsucht in mir aus. Sehnsucht nach all dem, was ich gehabt hatte.
Oft begreift man erst viel zu spät, was man hatte. Erst dann, wenn es vorbei ist und man nicht mehr zurück kann.
Ich musste schlucken, während Jas weiter um mich herum wirbelte. Wie oft wir das früher gemacht hatten. Uns für eine Partynacht fertig gemacht. Und wie meistens hatte ich keine Ahnung, wo wir hingehen würden und was mich dort erwartete. Jas freute sich immer, wenn sie sah, wie ahnungslos ich war. Auch jetzt wieder grinste sie vor sich hin.
„Sag mal Jas, wo gehen wir eigentlich hin?“
„Ach, nur auf eine kleine Party. Nichts besonderes.“ Ich zog die Augenbraue skeptisch hoch. Das hatte sie schon so oft gesagt und am Ende waren wir auf so einer riesigen Party gelandet. Und hatten die komplette Nacht zum Tag gemacht. Egal, auch, wenn ich gerade in die Frühschichtwoche hatte. Zum Glück hatte ich jetzt die nächsten drei Tage frei, weil ich gerade aus zehn Tagen Nachtschicht plus Bereitschaftsdienst kam. „Na komm, das wird lustig werden.“
„Das letzte Mal, als du das gesagt hast, musste ich dir eine NaCl-Infusion legen, weil du am nächsten Tag ein Spiel hattest und ausnüchtern musstest.“ Ich schmunzelte bei der Erinnerung. „Du sagtest, du würdest eh nicht spielen, also könntest du auch feiern gehen und dann am morgen kam der Anruf, dass ein paar Leute Magen-Darm hatten und du auf jeden Fall spielen müsstest.“
„Erinnere mich bitte nicht daran“, stöhnte sie. „Als mir in den Magen geboxt wurde, musste ich es wieder runter schlucken und nach Abpfiff bin ich direkt in die Kabine.“
„Also, was machen wir?“, bohrte ich wieder nach. So leicht würde ich nicht aufgeben.
„Wir sind hier in Köln, es ist schönes Wetter und die Biergärten haben auf.“ Unschuldig sah sie an die Decke meines Bades. Sie hatte irgendetwas vor, das konnte sie nicht vor mir verstecken. „Vertrau mir einfach, wir werden das Wochenende verdammt viel Spaß haben.“
„Das Wochenende?“ Meine Laune hatte sich schlagartig verbessert. Sie würde das ganze Wochenende bleiben und ich musste nicht arbeiten. Das war zu schön, um wahr zu sein.
„Ja, wir sind im Final4 im Pokal raus und die Natio fängt halt erst am Dienstag an, weil noch einige Spielerinnen mit ihren Vereinen unterwegs sind.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ärgert mich zwar, aber wir waren einfach zu blöd. Jetzt hab ich ein Wochenende frei und dachte mit, dass wir mal etwas feiern gehen müssten.“
Wir sahen uns an und lachten. Dann stand sie auf und zog mich mit sich zu meinem Kleiderschrank.

„Jas, jetzt sag mir, wo wir hingehen“, nörgelte ich wie ein kleines Mädchen. Wir saßen zusammen in der S-Bahn und ich wusste immer noch nicht, was sie vorhatte. Und so langsam kam mir alles spanisch vor. Was wollten wir in Deutz. Die ganzen Bars waren doch in der Altstadt zu finden. Jedenfalls die Bars, in die wir früher immer gegangen waren. Und wenn sie sehen wollte, ob noch alles da war, dann war das hier absolut die falsche Richtung.
„Entspann dich. Wir sind gleich da.“ Ich gab es auf. Irgendwo würden wir schon noch ankommen und es hatte absolut keinen Zweck sie zu fragen. Sie würde es mir nicht verraten, bis wir da waren. Seufzend lehnte ich mich zurück und zeigte ihr meine Resignation. Es zauberte ein freches Grinsen auf ihr Gesicht. Triumphierend beugte sie sich nach vorne. „Na, willst du gar nicht wissen, wo wir heute hingehen?“
„Nein“, log ich.
„Nein?“ Sie grinste noch breiter und zuckte mit den Schultern. „Schade, dabei wollte ich es dir gerade verraten.“
„Nö, interessiert mich nicht mehr.“ Ich war noch nie eine gute Schauspielerin gewesen. Auch jetzt war es nicht besser – nicht einmal nach der langen Zeit. „Wird bestimmt lustig.“
„Genau.“
Okay, sie fällt nicht drauf rein. Schweigend saßen wir uns gegenüber. Die Bahn wurde immer voller. Lauter Leute mit Trikot. Es kam mir mehr als komisch vor, aber okay, Köln war ja eine Sportstadt. Bestimmt wieder Eishockey oder so. Bitte lass uns nicht zum Eishockey gehen. Dafür hat sie mich zu sehr aufgebrezelt. Da fallen wir direkt auf.
An der nächsten Haltestelle leerte sich der Zug schlagartig. Kein Wunder, waren wir doch in der Nähe der Lanxess-Arena. Jetzt würde es ruhiger werden. Aber bald würden wir aus Köln raus sein und sie machte nicht die Anstalten mal auszusteigen. Es verwirrte und frustrierte mich langsam. Es war Freitag, schönes Wetter, einfach perfekt, um am Rhein zu sitzen. Aber wir? Wir saßen in einer muffigen Straßenbahn, aufgehübscht und eigentlich in Partylaune. Eigentlich. So langsam verging mir der Spaß, weil ich absolut keine Ahnung hatte, was heute noch passieren würde. Der Zug hielt wieder. Die letzten Trikotträger stiegen aus. Plötzlich riss Jas mich mit sich aus der Tür.
„Hä?“, war alles, was ich rausbrachte.
„Ja, wir müssen hier raus“, sagte sie grinsend. Diese Schadenfreude. Sie klang bei jedem Wort mit.
„Hier?!“ Verwundert sah ich mich um. Hier war keine der Bars, die wir von früher kannten. Die wir früher so oft aufgesucht hatten. Das war alles irgendwie komisch.
„Ja hier.“ Sie hielt immer noch meine Hand und zog mich noch ein Stück mit sich mit. „Los komm. Wir müssen noch ein gutes Stück zu Fuß weiter.“
„Mit den Hacken?“ Ich sah sie schockiert an. „Das soll doch wohl ein schlechter Scherz sein, oder? Wenn wir noch Kilometer laufen müssen, dann hätten wir uns doch direkt ein Taxi rufen können.“
„Nein, kein Scherz. Jetzt stell dich doch bitte nicht so an. Es sind nur noch ein paar hundert Meter. Früher sind wir auch immer in hohen Schuhen von Bar zu Bar gelaufen und haben uns nicht so angestellt.“ Sie verdreht die Augen. „Komm schon. Wir wollen doch nicht zu spät kommen.“
„Da wussten wir aber auch immer, wo wir als nächstes hin wollten und sind nicht ins blau hinaus gewandert.“ Ich nörgelte wie ein kleines Kind an der Kasse im Supermarkt. Fehlte nur noch, dass ich stehen blieb und bockig aufstampfte.
„Wenn du noch lange so rum meckerst, dann fahren wir zurück in deine Wohnung und ich lasse dich hier wieder allein.“ Sofort wurde ich ruhig. Sie wusste genau, dass das das absolut letzte war, was ich wollte. „Komm schon, wir sind schon verdammt spät dran. Und du weißt gar nicht, was ich alles für diese Karten hier machen musste.“
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