Endzeitstimmung

KurzgeschichteDrama, Angst / P18
05.08.2018
01.10.2018
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Ein kleiner Streich für zwischendurch, bevor ich mich wieder meinem Hauptprojekt widme bzw. widmen kann. Ein wenig mehr Sommerpause brauche ich leider noch, aber gut Ding will Weile haben, nech?  ;)
In diesem Sinne hoffe ich, dem ein oder anderen mit Till einen Gefallen zu tun und für etwas andere Unterhaltung zu sorgen. So wünsche ich einfach mal wieder viel Spaß beim Lesen!

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Seit drei Tagen nun saß sie über Stunden  mutterseelenallein in dieser kleinen, staubigen Kneipe, dachte über das nach, was sich bedrohlich über ihrem Kopf zusammenbraute, trank grenzenlos Bier und beobachtete den einen Mann, der es ihr all die Tage schon gleich tat.
Er hockte ebenfalls allein an dem Tresen, etwas in sich zusammengesackt, mit hängendem Kopf, kippte ein Kurzen nach dem nächsten, spülte mit Bier nach und wirkte abwesend und bewegungslos.

Diese betrübte Stimmung bei allen Anwesenden war nicht verwunderlich, denn nun war es amtlich. Die Erde würde heute Nacht um 02:00 Uhr definitiv ausgelöscht werden, unausweichlich, ohne Zweifel und ohne Kompromiss. Es war die letzte Ausstrahlung im Fernsehen, die Gewissheit ließ keine offenen Türen und die Nachrichtensprecherin verkündete unter Tränen und mit zittrigen Fingern, dass sie der Menschheit wünsche, dass es schnell ginge und keiner unnötig Schmerzen erleiden müsse, denn Fakt sei nun mal auch, dass niemand mehr da sein würde, der helfen könne.
Sie verabschiedete sich für immer, verlor am Ende ihrer Rede komplett die Fassung und von jetzt auf gleich wurde der Sender abgeschaltet und ein Störbild blieb und blieb und blieb. Es war Sendepause und zwar für immer. Keine Informationen mehr, keine Hoffnung, jeder war auf sich allein gestellt, musste mit Angst, Panik und Verzweiflung selbst klarkommen.

Seit einer Woche verkündete man öffentlich von diesem Gerücht, gewusst habe es der Geheimdienst schon seit fast einem Jahr. Niemand wollte es so recht glauben. Die Vielzahl an Sendungen hierüber, Diskussionen und Debatten bei Markus Lanz, Maischberger und Co. führten zu nichts, denn der Aufprall war klar berechnet, unausweichlich, die Kraft des Ganzen verheerend und unaufhaltsam. Es gab keine Chance, für nichts und niemanden und als es so langsam bei jedem einzelnen klar wurde, als die Skeptiker umdenken mussten und die Gläubigen ihren Glauben verloren, da ging es erst so richtig los.

Einfach alles war nun möglich, von gesetzlosen, alles zerstörerischen Handlungen, Plündereien, Raub, Vergewaltigung; die Welt stand Kopf, die Gabe des Denkens war genau das, was nun jedem zum Verhängnis wurde, was behinderte und den wahren Kern des Seins widerspiegelte.

Aber hier im ruhigen, völlig unaufgeregten kleinen Dorf unweit von Schwerin standen die Uhren allem Anschein nach still. Das Leben wurde nach außen hin seit Tag X unbeirrt fortgeführt. Die, die Arbeit hatten, gingen weiterhin pflichtbewusst ihrer Tätigkeit nach, sie schlossen pünktlich um 18:00 Uhr ihre Geschäfte , machten ernsthaft noch ihren Tagesabschluss, indem sie die Einnahmen zählten und dies brav in ihre Bücher eintrugen und tranken zu Hause mit ihrem Ehemann oder ihrer Ehefrau wahlweise ein Bierchen oder eine Flasche Wein für die gute Stimmung. Sie sahen die Serienwiederholungen, da niemand beim Fernsehen mehr Lust hatte, sich groß um neue Projekte zu bemühen, wo doch eh niemand die Staffel zu Ende sehen würde.

Hier auf diesem besinnlichen Fleckchen Erde gab es keine Plünderei, keine tätlichen Übergriffe, hier gab es nichts, was an einen Weltuntergang erinnern würde. Einzig, wenn der ein oder andere zu viel getrunken hatte und er sich der Tragweite allen Übels bewusst wurde, krakeelte er in der Kneipe rum und erntete finstere, vorwurfsvolle Blicke der anderen. Es schien, als wollte man es hier im Dorf einfach nicht wahrhaben, nicht an sich heranlassen und lieber einfach so einschlafen und hoffen, nach besagtem Tag einfach nur nicht mehr aufzuwachen.

Drei Tage vor dem Ende teilte sich das Dorf dann aber doch in zwei Gruppen oder vielmehr drei. Die, die nun lauthals die drohende Apokalypse ankündigten, dabei hatte dies sowieso jeder mitbekommen und mussten nicht von irgendeinem dahergelaufenen Idioten daran erinnert werden und denen, die eine Initiative gründeten, die besagte: Alles für lau, wofür noch löhnen! Sie wollten feiern bis zum Umkippen, ob man nun vor der Katastrophe drauf ging oder währenddessen, war doch sowieso egal. Saufen, koksen, ficken -  halt nochmal ordentlich auf die Kacke hauen und dann im Vollrausch vom Ende nichts mitbekommen oder aber sogar auf einen so geilen Trip reiten, dass dies das Nonplusultra werden würde. Davon gingen diese Party-Kids jeden Alters aus und freuten sich schon auf diesen Höhenflug allererster Sahne.
Und bei der dritten Gruppe herrschte völlige Resignation. Ob sie nun den Kopf in den Sand steckten, sich selbst bemitleideten oder einfach gar nichts taten und die Tatsache bis zuletzt ignorierten.


Lina selbst hatte auch schon alle Phasen durchlebt und staunte, was man gefühlsmäßig in einer Woche so durchmachen konnte. Anfangs noch schenkte sie dieser Panikmache keinerlei Aufmerksamkeit, tat es ab als Fakemeldung und kranker Idiologie, ging ganz normal ihrer Arbeit und ihrem Leben nach, ohne zu verzweifeln oder sich Sorgen zu machen.


Nach Tag 3 jedoch kamen erste Zweifel auf. Sie verfolgte jede einzelne Meldung und jede Debatte, hoffte, dass sich aufklären würde, das an dieser These nichts dran sei, sie nicht Opfer einer Naturkatastrophe werden würde. Die Erde existierte bereits so lange, die ewigen Diskussionen um Umweltschutz und Erderwärmung waren für sie stets Augenwäscherei und nur dazu da, um Panik unter dem gelangweilten Volk zu verbreiten, denn schließlich hatten sich diese Thesen und Hiobsbotschaften auch nie so richtig bewahrheitet, was man auch daran sah, dass es damit in keinster Weise etwas zu tun hatte, sondern vielmehr mit den unendlichen Weiten im Weltraum und seinen ganz normalen Gang der Dinge. Es konnte doch einfach nicht sein, dass ein Riese, größer als die Erde, sich seinen Weg bahnte, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Skrupel und völlig ungehindert der ach so weiten Technologie der heutigen Zeit trotzte und sich nicht abwenden ließ!


Tag 4 dann war ihr Tiefpunkt. Sie hatte den Glauben und die Hoffnung direkt beim Erwachen verloren und nun war sie aufgewühlt ohne Ende. Panik machte sich breit, sie würde bald sterben, unwiderruflich, ohne Krankheit, ohne das Alter des normalen Ablebens erreicht zu haben. Eine unendliche Trauer erfüllte sie, sie war mit ihren 26 Jahren doch noch viel zu jung, in drei Tagen hatte sie Geburtstag und nun sollte es einfach so vorbei sein?
Von dem Tag an ging sie nicht mehr zur Arbeit, ihr war es einfach egal, ob bei Rossmann nun eine Kasse weniger aufmachen konnte oder aber gar keine mehr besetzt war, denn im Grunde brauchte sich für die letzten Tage nun auch niemand mehr mit Kosmetika, Parfüm oder sonstigen Schnick Schnack einzudecken.
So sah es anscheinend auch ihr Arbeitgeber, denn niemand fragte nach, warum sie nicht ihren Dienst angetreten hatte, sondern nahm es als gegeben hin.

Ihr erstes Besäufnis begann genau an diesem Abend. Sie suchte das erste Mal, seit sie in diesem Dorf wohnte, die schäbige Eckkneipe allein auf, wo sich Hinz und Kunz oder besser gesagt nahezu Dreiviertel der männlichen Bevölkerung für gewöhnlich nach Feierabend trafen, wo sie bahnbrechende, alkoholgeschwängerte Gespräche untereinander führten, sich stritten, wieder versöhnten und am Ende schwankend das Bett aufsuchten, bevor der Trott von vorne losging.

Diesen Abend jedoch war die Kneipe fast leer. Drei Männer saßen am Stammtisch, sprachen kaum miteinander, verdauten, wie Lina selbst, das bevorstehende Ende und konnten es ebenso wenig fassen oder gar glauben. Am Tresen nahm sie ebenfalls das erste Mal diesen großgewachsenen Mann wahr, der sich dort bewegungslos an seinem Bierglas festkrallte, zum Luftholen einen Kurzen schluckte und ansonsten mit niemanden sprach, nicht mal mit dem Wirt, dem er nur immer wieder in regelmäßigen Abständen mit einem Fingerzeig andeutete, dass er die nächste Runde einläuten wollte. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen und während sie ganz weit hinten in einer dunklen Ecke Platz nahm, studierte sie den Mann, der etwas geheimnisvolles, undurchsichtiges an sich hatte, was ihren Blick immer wieder ungewollt in seine Richtung schwenken ließ. Er hatte zweifelsohne ihr Interesse erweckt, aber dennoch ließ sie sich dadurch nicht aus ihrer Reserve locken und schon gar nicht ihn ansprechen.

Nach sechs Bieren war ihr Maß voll, in ihrem Hirn drehte sich sowieso fast alles nur um den Untergang und sie warf sich selbst schon verächtlich vor, warum sie hier überhaupt einen Kerl anglotzte, wo doch für sowas überhaupt keine Zeit mehr war. Wie idiotisch war sie eigentlich? Denn, weiß Gott, sie hatte wahrhaftig andere Probleme, als sich auf einen unbekannten Mann einzulassen. So etwas war seit ein paar Tagen in völlige Vergessenheit geraten, absolut unwichtig und gänzlich überbewertet.

Und während es in ihrem Kopf Achterbahn fuhr, schlappte sie vor zu dem Wirt, packte ihm einen Zwanziger auf die Theke und musste zwangsläufig den Mann erneut ansehen, der unruhig auf seinem Hocker hin- und herrutschte. Sie sah, dass er in seiner Hosentasche nach seinen Zigaretten geangelt hatte, die er nun ablegte, sich gerade mühsam erheben wollte, während ihm der Wirt mit einem „Bleib ruhig, alles kein Ding. Rauch hier, wer will uns schon was. Das Ordnungsamt macht eh nichts mehr, mit nem Bußgeldbescheid wisch ich mir den Arsch ab und du, Häschen, pack deine Kohle schön wieder ein. Ab sofort gibt’s hier Alk bis zum Abwinken und zwar gratis, bis alle Vorräte leer sind und dann gehen hier eh die Lichter aus.“

Der Mann blickte müde auf, nickte nur stumm und für eine kleine Millisekunde trafen sich sein und Linas Blick, bevor er sich achselzuckend die Zigarette anzündete und wieder in sich zusammensackte. Verwirrt nahm sie wieder ihr Geld, kam sich innerlich schon total abgestumpft vor, warf dem Wirt ein freundliches „Dankeschön!“, entgegen und verschwand in die Nacht, was alles andere als gut war, denn zu Hause, in ihrem Bett, ganz allein mit sich und ihren Gedanken, überschlugen sich diese wieder selbst. Sie hatte Angst, unendliche Angst. Sie weinte, was im Grunde auch nicht half, überlegte ernsthaft, ob sie das nicht alles vorzeitig beenden sollte, denn wer wusste schon, wie und mit welchen Qualen sich die Erde auflösen würde. Sie wollte keine Schmerzen, wollte nicht leiden, tapste schluchzend ins Bad und zählte all ihre Tablettenvorräte.
„Mist, verdammt! Viel zu wenig und viel zu harmlos!“, fluchte sie, ließ sich kraftlos auf die Fliesen sinken und heulte nun wie ein Schlosshund.


Tag 5 lud sie ihre Freundin auf eine dieser neu eingeführten Kontrollverlust-Partys ein, was sie anfangs noch skeptisch sah, dann aber für eine echt gute Idee hielt. Denn es stimmte schon, warum nicht alles konsumieren, alles mal ausprobieren, wo man doch sowieso sehr bald das Zeitliche segnen würde. Was auch immer passieren mag, Überdosis oder allergischer Schock oder weiß der Geier was sonst, ein, zwei Tage früher sterben war wohl halb so wild. Ins Gras beißen würden schließlich alle und im Rausch war es bestimmt besser verträglich.

Dann jedoch, nachdem Lina den ersten LSD-Trip geschmissen hatte und nun an den Auswirkungen zu knabbern hatte, denn der Trip war alles andere als schön oder rosarot, kein softer, bunter, harmonischer Höhenflug, sondern vielmehr eine Horrorfahrt in die Unterwelt der übelsten Sorte, verfluchte sie diese Kacke, denn sie litt darunter gefühlte zehn Jahre lang. Ein Gutes hatte es zumindest, denn ihr Zeitempfinden war dadurch enorm verlängert worden, sprich, ein Tag würde dadurch vom Gefühl her länger sein und wenn die Zeit, die einem noch blieb, so knapp war, konnte man diese dadurch künstlich verlängern und eventuell im Geiste noch alles erreichen, was man sich als Ziel gesetzt hatte im Leben. Aber, und dies war der Knackpunkt, man durfte allem Anschein nach keine düstere Grundstimmung haben, denn ansonsten wurde eben diese Parallelwelt genau durch die verhasste Düsternis getränkt und dies bewirkte ein ewig andauernder Albtraum, aus dem es einfach kein Entrinnen gab.

Keine drei Stunden später erwachte sie wie gerädert in ihrem eigenen Bett, fühlte sich, wie dreimal ausgekotzt und trank erst einmal den Wasserhahn leer, Nitrat oder Blei hin oder her, wen kümmert das jetzt noch!
Allein zu Hause hielt sie es aber dennoch nicht mehr aus und gegen 22 Uhr betrat sie erneut die kleine Kneipe. Die drei Männer von gestern waren nicht mehr da, dafür aber saß der Mann am Tresen da, als hätte er sich seit gestern nicht bewegt, wieder in gleicher Position, am gleichen Platz und rauchte besonnen, während der Aschenbecher vor seiner Nase schon überquoll.

Ungefragt stellte der Wirt ihr ein Bier vor die Nase, während Lina immer mehr über den Mann dort drüben nachdachte und noch leicht benommen ihren LSD-Rausch durch einen Alkohol-Rausch austauschte. Alles besser, als nüchtern dem Ende entgegenzublicken, dachte sie und verzog verzweifelt den Mund, musste die aufkommenden Tränen unterdrücken.

Der Abend verlief wie gestern auch, schweigsam und depressiv verhielten sich die einzigen zwei Gäste in der Stampe, während der Wirt dann und wann ungefragt Kommentare von sich gab, sich selbst mit Whiskey ruhigstellte, zwischendurch mal schniefte und betonte, wie einsam er sei, seit vor drei Jahren seine Frau verschieden war. Er vermisse sie unendlich und er wünschte sich, dass sie in dieser schweren Zeit bei ihm sei, obwohl er ihr natürlich diese zermarternde Ungewissheit auch nicht wünschen würde. Was siegte wohl eher, der Egoismus oder die grenzenlose Selbstlosigkeit, würde man für einen anderen den Weg allein vorziehen oder würde man nicht doch aus völligem Eigennutz seine Liebsten mit reinziehen, ganz nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid?

Eine trostlose Situation, denn keiner der Anwesenden beachtete den jeweils anderen, jeder war mit sich beschäftigt, niemand nahm Notiz von irgendwem und so verpufften die Worte des Wirts im Nichts und er verstummte entmutigt und musste wieder einmal mit seinem Kummer allein klarkommen.
Lina war auch allein, seit letzten Sommer um genau zu sein. Sie war vor einem Jahr in dieses Dorf gezogen, aus Liebe, aber wie es nun mal so war, hielt diese nicht für ewig und ironischerweise war genau dieser Mann dann nach Hannover in die Stadt gezogen, wo sie ursprünglich herkam.

Nun saß sie hier allein fest und schritt dem Weltuntergang entgegen, ohne Beistand, ohne Liebe. Ihre eine Freundin verbrachte die Tage gemeinsam mit ihrem Partner auf den dubiosen Partys und waren seit drei Tagen dauerdicht und ihre andere Freundin hatte sich komplett zurückgezogen, hockte mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in ihrem noch nicht abbezahltem Haus und hatten mit Sicherheit genauso viel Angst wie sie selbst. Es muss auch grausam sein, genau zu wissen, dass alle, wirklich alle, ob jung, ob alt, ob gut, ob böse, alle Menschen werden sterben, auch die Kinder, und man selbst als Eltern konnte nichts dagegen tun, konnte sie nicht beschützen, sie nicht davor bewahren. Ein schrecklicher Gedanke und Lina war das erste Mal froh darüber, dass es mit der Fortpflanzung bisher einfach nicht klappen wollte. Dinge, über die sie sich nun Gott sei Dank keine Gedanken machen musste.

Was für ein breites Kreuz, bewunderte sie stillschweigend die Rückansicht des Mannes und wunderte sich wieder einmal über sich selbst. In einer solchen Situation konnte man doch nicht wirklich an einen Flirt oder an optische Reize des männlichen Geschlechts denken? Du bist echt richtig fertig, tadelte sie sich selbst und griff nun selbst nach ihren Zigaretten, um diese wirren Gedanken einzudämmen.

Wieder einmal sechs Bier später taumelte sie heim und schlief durch bis 15:00 Uhr. Der Trip, der Alkohol, die Lustlosigkeit und die Angst vor dem Wachsein hatten sie unterbewusst dazu verleitet, ihr Restleben auch noch zu verschlafen.


Tag 6 begann also mit dem ersten Griff zur Fernbedienung, wo dann die lang gefürchtete Hiobsbotschaft verkündet wurde, die Bekanntgabe des definitiven Endes und der Nervenzusammenbruch der noch sehr jungen Nachrichtenmoderatorin live und auch bei Lina gingen die Klappen runter.
Nun war es also amtlich, wie erstarrt griff sie ihre Jacke, lief traumatisiert in die kleine Kneipe und setzte sich in ihre Ecke. Nun galt es, sich besinnungslos zu saufen, damit man um 2:00 Uhr in der Früh auch wirklich nichts von der ganzen Scheiße mitbekam.

Sie waren wieder allein, Lina, der Mann und der Wirt und nach drei Bieren auf Ex geisterte ihr nun durch den Kopf, was sie denn schon zu verlieren habe. Sie wollte definitiv nicht allein sein, wenn es passierte, sie hatte Angst ohne Ende und brauchte jemanden, der ihr Schicksal mit ihr teilte. Der Mann schien auch allein zu sein, was sprach also dagegen, wenn sie die letzte Nacht auf Erden gemeinsam verbrachten, einfach nur redeten, sich gegenseitig Trost spendeten, sich ablenkten. Was?

Sie fasste all ihren Mut zusammen, obwohl es ja wohl nichts, rein gar nichts gab, wofür sie sich jetzt noch schämen musste. Sollte er ihr einen Korb geben, na und? Morgen schon war er vergessen, alles war vergessen, begründete sie ihren Mut mit einer bissigen Ironie.


„Machst du mir auch einen Kurzen?“, warf sie erst einmal dem Wirt entgegen, der, aufgrund der Worte, die in die ansonsten seit Stunden herrschende Todesstille fielen, überrascht, aber auch dankbar erschien und fast übermütig antwortete: „Aber klar doch. Egal, was? Hauptsache es knallt im Schädel?“
„Genau!“ Sie rutschte mit ihrem Hintern auf dem Barhocker neben dem Mann, der kurz aufblickte aufgrund der Geräusche und der Nähe einer fremden Person.

Lina blickte auf ihre Uhr, der Zeiger stand auf sechs.
„Hör zu.“ Sie blickte nicht auf, wusste aber, dass er sich nur angesprochen fühlen konnte. „Wir haben jetzt genau acht Stunden Zeit. Ich weiß ja nicht, wie du das siehst, aber wir haben zwei Möglichkeiten. Wir können uns hier beide jeder für sich die Birne zuhauen und alleine ins Gras beißen oder aber, wir testen mal an, ob man sich nicht zusammentun sollte.“
Sie hörte ein leises Schnauben, konnte aber nicht definieren, ob es ein Lachen oder ein genervter Laut war und blickte ihn daher an und versank in unfassbar traurige, grüne Augen, die sie in ihren Bann zogen. Dennoch spürte sie in diesem Blick eine leichte Abneigung, eine Skepsis oder aber auch nur den Wunsch, allein zu bleiben.

Ohne etwas zu erwidern, reichte er ihr seine Zigarettenschachtel und bot ihr eine an. Mit tiefer, aber leiser Stimme fügte er mit ausdrucksloser Miene an: „So oder so, am Ende stirbt man doch allein, mit leeren Taschen und ohne Wissen, was da kommen mag.“ Er hielt ihr sein kleines Glas zum Anstoßen hin und Lina packte ihres, was der Wirt ihr hingestellt hatte, ebenfalls.
„Trotzdem netter Versuch und vielleicht ja gar nicht mal so verkehrt. Also scheiß drauf, ich bin Till.“

Lina fiel ein Stein vom Herzen. So abschätzig, wie er sie anfangs noch beäugt hatte, hatte sie nicht damit gerechnet, dass er doch noch auf ihr Angebot eingehen würde. Nun jedoch war es für sie ein Segen. Dieser Mann, dieses kräftige Exemplar der Gattung Mann, erweckte in ihr einen kleinen Funken Hoffnung, ein Strohhalm sozusagen, der ihr eventuell die Angst nehmen könnte bzw. sie mit Reden unterbinden und sie in den Hintergrund schieben konnte. Nichts war schlimmer, als sich allein den Kopf zu zerbrechen und sich selbst zu zermürben und so stieß sie mit einem zaghaften Lächeln, das erste Lächeln seit Tagen, an und erwiderte. „Na dann, Prost, Till. Ich bin Lina.“

Fast hätte der Ausruf des Wirts ihren Namen verschluckt, da schepperte auch schon sein Whiskeyglas gegen die Gläser von Till und Lina, ließen die Kurzen leicht überschwappen und er sprach fast glückselig dazwischen. „Ich schließ mich euch an! Ich will die Scheiße auch nicht allein durchmachen. Ich bin Horst und das alles hier machen wir heute noch kalt. Keiner von uns wird sich noch bewegen können, keiner was spüren, wenn das Unheil über uns einbricht!“
Er lachte laut, aufgesetzt zwar,aber man konnte förmlich hören, wie Horst ein Stein vom Herzen fiel, dass er Anschluss finden würde und auch wenn Lina nun nicht unbedingt ihn damit meinte, schloss sie ihn dennoch ohne Wenn und Aber ein, denn sie konnte natürlich auch ihn verstehen, denn es war ja im Grunde der Wunsch jeder einsamen Seele, Anschluss zu finden und die letzten Tage hatte er selbst immer wieder versucht, ein Gespräch mit diesem unbekannten Mann anzufangen und mochte ihr daher ohne Ende dankbar sein, dass sie das schweigsame Eis zwischen ihnen allen gebrochen hatte.
Auch Till schien dies ähnlich zu sehen, machte keine Anstalten, ihn auszuschließen oder zu ignorieren und murmelte stattdessen: „Na dann... Auf die letzten acht Stunden!“
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