How do you love?

von kuyami
GeschichteRomanze / P16 Slash
Jakob Lundt Thomas Schmitt
04.08.2018
26.08.2019
18
90.593
16
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Dieses Kapitel
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04.08.2018 4.246
 
Titel: How do you love?
Fandom: Circus Halligalli
Pairing: Jakob Lundt / Thomas Schmitt
Rating: P16-Slash

Kurzbeschreibung: Er hatte immer gedacht, dass Veränderungen eine gute Sache waren. Doch mittlerweile musste er einsehen, dass man manche Dinge einfach nicht zurücklassen konnte.

Anmerkung: Teilweise habe ich mich nach bestem Wissen und Gewissen an der Realität orientiert, was Charaktere  angeht beispielsweise. Andererseits habe ich auch die Wahrheit und die Realität schamlos ignoriert und abgeändert zu Liebe des Storyverlaufs – shame on me ;)

Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen! :)






How do you love?




Veränderungen – eine ganze Menge davon



Vor einigen Wochen war es Jakob noch leichter gefallen, nach dem Weckerklingeln aufzustehen. Manchmal war er voller Vorfreude bereits nach dem ersten Klingeln hellwach gewesen, manchmal hatte er sich drei Mal umgedreht und seine Zeit bis zum letzten Snooze-Alarm ausgereizt. Manchmal hatte er noch immer wach gelegen, als der Wecker schon geklingelt hatte. Aber im Großen und Ganzen war es ihm früher noch leichter gefallen aufzustehen. So viel leichter.

Auch der Gang zur Kaffeemaschine hatte sich leichter angefühlt. Beschwingter. Weil er gewusst hatte, worauf er sich freute. Er hatte gewusst, dass das nur der erste Kaffee des Tages sein würde und der einzige, den er allein trinken musste. Für einen Kaffee war immer jemand zu haben gewesen. Ein Kaffee und eine Runde Quatschen waren immer drin gewesen. Jetzt sah das oft anders aus. Jetzt lehne er oft alleine an der Theke der kleinen Küche, sah aus dem Fenster und versuchte, seinen beruflichen Schritt nicht allzu sehr zu bereuen. Was ihm zugegebenermaßen nicht ganz so leicht fiel. Aber er hatte auch noch ein wenig Stolz und wollte nicht angekrochen kommen. Nicht nach so kurzer Zeit. Und nicht, wenn Thomas es sehen konnte. Und Thomas würde selbstverständlich unweigerlich davon erfahren, vermutlich sogar als erster, so als „Kopf“ innerhalb der Firma. Und genau deswegen war Zurückkehren keine Option.

Auch an Thomas zu denken war keine Option, wenn er heute einen halbwegs guten Tag haben wollte. Also seufzte er nur und rollte sich wieder einmal aus dem Bett, schaltete seine Kaffeemaschine an, ging ins Bad um zu duschen und setzte sich dann mit Kaffee und Frühstück auf die Couch, um sich das Frühstücksfernsehen anzusehen. Wie jeden Morgen. Und doch fühlte es sich anders an. Immer noch. Nach all den Wochen fühlte es sich immer noch seltsam an und wurde einfach nicht besser. Und das Schlimme war: das war nur der Anfang. Das wusste er und das machte es nicht leichter.

Im Auto auf seinem Weg zur Arbeit war er immer noch versucht, an der Ampel einfach links abzubiegen. Wie immer. Aber auch das durfte er jetzt nicht mehr. Jetzt musste er nach rechts abbiegen und dann noch 20 Minuten fahren, bis er auf dem Parkplatz seiner Firma ankam und sein Auto abstellen konnte. Überwacht von Schranken, die einen Ausweis verlangten, war sein Auto da sicher aufgehoben.  

Das war nicht schlecht oder schlimm. Wirklich nicht. Es war eben einfach nur… anders. So wie eben alles hier. Der Weg ins Gebäude war anders und rein faktisch gesehen schöner; ein neueres Gebäude, hellere Farben, schickere Bilder an den Wänden, mehrere Aufzüge, die ständig fuhren, nie stecken blieben und auf die man eigentlich nie warten musste. So gesehen also alles Dinge, die wirklich gut waren. - Für andere vielleicht. Doch nicht für Jakob. Denn in seinem Kopf war nur Florida TV mit all seinen Macken und Mängeln und mit all seiner Liebenswürdigkeit. Mit dem alten Redaktionsgebäude, direkt neben der Spree; die alten Schienen auf dem Gelände, auf denen er im Winter täglich ausgerutscht war, das alte Gebäude mit den noch altbackeneren Farben und den dunklen Türen.

Manchmal hatte er sich über diese Dinge aufgeregt. Wenn der Aufzug stecken geblieben war oder er im Sommer im Dachgeschoss fast gegrillt worden war. Und nie hätte Jakob gedacht, dass er das alles einmal so vermissen würde. So sehr, dass er sich auf nichts Neues einlassen konnte.

Wobei es so gesehen natürlich nicht fair war – sich auf nichts Neues einzulassen. Es war sogar absolut nicht fair seiner neuen Arbeitsstelle gegenüber, die ihn mehr oder weniger von FloridaTV abgeworben hatte. Die ihn gelockt hatte mit guter Bezahlung – besserer Bezahlung, wenn er ehrlich war – einem jungen, frischen Team und viel weniger Auflagen von oben, so dass er dort als Autor wesentlich mehr Freiheiten hatte. Das alles hatte ihn angezogen. Irgendwie. Vielleicht war es auch nur ein Lückenbüßer gewesen. Eine Chance, die sich ihm geboten und die er erleichtert ergriffen hatte – in der Hoffnung irgendwie die Risse in seinem Herzen dadurch zu kitten, zu heilen, es wieder ganz machen zu können. Erleichtert, weil er so nicht gezwungen war, sich selbst irgendwelche anderen Schritte zu überlegen, war das Jobangebot gerade richtig gekommen.

Und er hatten geglaubt, dass das funktionieren würde. Hatte es wirklich geglaubt. Hatte gedacht, dass es schon helfen würde, wenn alles um ihn herum neu und ungewohnt war und er sich auf so viel Neues einstellen musste, dass er gar keine Zeit hatte, an den alten Dingen zu hängen. Hatte geglaubt, dass ein paar Euro mehr auf seinem Konto es schon richten würden. Dass allein ein anderer Arbeitsweg und ein anderes Gebäude alles ändern würden. Hatte vor allem geglaubt, dass es helfen würde, Thomas nicht mehr jeden Tag zu sehen.



Oh, wie hatte er sich geirrt.



Denn es half nichts. Er konnte es nicht leugnen. Konnte es nur erfolglos versuchen und musste dabei doch feststellen, dass überall nur Thomas war. Er dachte an ihn, die ganze Zeit. Und all die neuen Umstände machten es nur noch schlimmer. Weil er sich nach etwas Vertrautem sehnte. Nach einer vertrauten Stimme, nach einem bekannten Paar dunkler Augen, die ihn über ein dunkles Brillengestellt hinweg anfunkelten oder anblitzten. Nach einer tiefen Stimme, die er so gut kannte, dass er glaubte, jede Emotion heraushören zu können. Und nach vertrauten Armen, die sich um ihn schlungen, die ihn festhielten. Vertraute Finger, die Jakob nicht nur gerne ansah, sondern die er vor allem gerne auf seinem Körper spürte. Wie sie sein Gesicht streichelten. Durch die Haare auf seiner Brust fuhren. Wie sie ihm über den Rücken strichen. Mal ganz beruhigend und sanft. Mal mit der Absicht tiefer zu gleiten und…

„Morgen Jakob.“

Jakob schreckte aus seinen Gedanken auf und war froh darum, dass Chrissie ihn davor bewahrt hatte, noch mehr zu denken. Das musste jetzt nicht sein. Nicht jetzt und hier auf der Arbeit, auf der er gerade angekommen war. Vor allem da er sich ja eigentlich vorgenommen hatte, überhaupt nicht mehr an Thomas zu denken. Und dann begann er schon wieder einen Morgen damit, so in Gedanken an Thomas versunken zu sein, dass er gar nichts mehr mitbekam. So wirklich funktionierte das alles noch nicht, wie er es sich vorgestellt hatte.

„Morgen! Na, gestern den Bachelor gesehen?“, fragte er Chrissie weil ihm gerade noch eingefallen war, dass Chrissie ihm gestern erzählt hatte, dass sie sich schon so auf die neue Staffel freute. Bei derartigen Trash-TV-Vergnügungen war Jakob natürlich auch direkt ganz vorne mit dabei. Und so verzweifelt es vielleicht auch klang, er hatte gestern Abend vielleicht auch vor allem aus dem Grund eingeschaltet, damit er wenigstens mit Chrissie ein gemeinsames Gesprächsthema hatte.

Es war nicht so, dass sie alle nicht mit ihm reden würden oder wollten. Es war leider eher so, dass Jakob sich verschloss. Dass er sich bewusst zurückzog, niemanden an sich heranließ. Weil sich alles in ihm dagegen sträubte, sich an neue Arbeitskollegen zu gewöhnen. Denn tief in seinem Inneren wollte er das gar nicht. Er wollte keine neuen Kollegen. Wollte seine Alten behalten, die alle gut gewesen waren, so wie sie waren. Die alle mehr waren als nur Leute, die man auf der Arbeit traf. Sie waren Freunde. Mehr wie eine Familie. Und FloridaTV war wie ihr gemeinsames Zuhause. Nach einem langen Wochenende oder Urlaub wieder in die Firma zu kommen hatte sich seltsamerweise jedes Mal wie heimkommen angefühlt. Gar nicht fremd und nach Arbeit. Schließlich waren all seine Freunde da gewesen, die er so liebte.

Und von denen er einen vielleicht wesentlich mehr liebte, als er sollte.

Doch wieder lenkte Chrissie ihn erfolgreich ab, indem sie erstmal über den neuen Bachelor herzog. Das war gut. Leichte Kost, bei der Jakob mitreden konnte und die nicht zu betretenem Schweigen führte. Ganz im Gegenteil. Sie nahmen sogar zusammen die Treppe nach oben, brachten ihre Taschen und Jacken zu ihren Schreibtischen und gingen dann gemeinsam in die Küche. Pünktlich um halb zehn hatte Jakob, wie jeden Tag, seinen Kaffee in der Hand und lehnte an der Küchentheke. Nur dieses Mal war er nicht allein.

„Aber hast du die eine gesehen? Diese Blonde mit dem lilanen Kleid und diesen Zähnen? Die ging einfach gar nicht!“

Etwas geistesabwesend stimmte Jakob zu. Etwas hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Das Handy in seiner Hosentasche hatte vibriert und so früh meldete sich eigentlich nie jemand bei ihm.

Neugierig zog er es aus der Tasche, entsperrte den Bildschirm und erstarrte. WhatsApp.



Thomas Schmitt, 9.31 Uhr

Na, wie ist der Kaffee da drüben so?



Verdattert blickte Jakob auf sein Handy, las die Nachricht. Las sie noch ein weiteres Mal und steckte das Handy dann ohne die Bildschirmsperre zu aktivieren wieder zurück in die Hosentasche. Kurz darauf zog er es wieder hervor, las noch einmal die Nachricht, warf nochmal einen Blick auf die Uhrzeit, schob das Handy mit zittrigen Fingern wieder weg und ließ die Nachricht sacken. Oder versuchte es zumindest.

Wenn nicht sogar der Kaffee in seiner Tasse durch seine vor Aufregung zitternden Finger unruhig gewesen wäre, wäre das bestimmt auch einfacher gewesen.

Oder wenn sein Herz sich beruhigen würde, ihm nicht mehr direkt in der Kehle klopfen würde – laut, aufgeregt und so heftig, dass es ihm die Luft abschnürte. Verzweifelt räusperte er sich, trank einen Schluck viel zu heißen Kaffee, verbrannte sich Lippen und Zunge und musste husten.

Eine Nachricht von Thomas. Jetzt. Einfach so. Nach all der Zeit. Und dann auch noch so eine Nachricht. Ganz locker und ungezwungen. Und um diese Uhrzeit.

All diese Tatsachen sorgten dafür, dass sein Herz so raste. So absolut unverhältnismäßig durchdrehte und das Adrenalin durch seinen ganzen Körper jagte.

Um diese Uhrzeit hatte Jakob schon immer seinen Kaffee getrunken. Halb zehn. Fast immer mit Thomas zusammen. Manchmal in der Küche, manchmal in Thomas‘ Büro, manchmal draußen vor der Tür, wenn Thomas noch eine rauchen wollte. Aber fast immer zusammen. Das war seine Zeit gewesen. Ihre Zeit. Das wusste Thomas genau und Jakob konnte sich nicht entscheiden, ob ihm das Herz vor Liebe oder der Kragen vor Ärger platzen sollte.

Thomas sollte ihn in Ruhe lassen. Wirklich. Der ganze Stress, den er mit ihm gehabt hatte, reichte ihm vermutlich für ein ganzes Leben.

Natürlich war es keine gute Idee gewesen, sich in Thomas zu verlieben. War ihm von Anfang an klar gewesen. Aber verhindern lassen hatte es sich nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass Thomas seine Gefühle erwidert hatte. Dann etwas mit ihm anzufangen war genauso unvermeidbar wie schön gewesen. Schön. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als Thomas ihm gesagt hatte, dass er das nicht konnte. Oder nicht wollte. Je nachdem, von welchem Gesichtspunkt aus man das Ganze betrachtete. Jakob war der Meinung, dass Thomas nicht wollte. Und zwar, weil sie Arbeitskollegen waren. Zumindest war das die Begründung, die Thomas ihm geliefert hatte. Das ginge nicht, dass etwas zwischen ihnen lief, weil sie ja schließlich Arbeitskollegen waren. Und weil das, vielleicht, unter Umständen, alles kaputt machen könnte. Da hinge ja schließlich noch mehr dran, als wortwörtlich nur ihre eigenen Ärsche und sie mussten auch auf die Firma und ihre ganzen Kollegen und die Arbeit achten. Das waren Thomas‘ Worte gewesen.

Und auch, wenn Jakob ansonsten immer zustimmte, dass die Arbeit und das wirklich tolle Betriebsklima vorgingen, so konnte er das einfach nicht so sehen, wenn dabei sein eigenes Herz drauf ging. Da war er selbst sich dann tatsächlich doch wichtiger. Er selbst, Thomas und das, was da zwischen ihnen war. Oder was daraus hätte werden können. Mehr als ein paar Treffen zu viel und ein wenig – viel zu wenig – Sex waren es nicht gewesen. Darüber hinaus war er irgendwie nie gegangen. Weswegen Thomas rein faktisch gesehen auch nicht mit ihm Schluss gemacht hatte. Und irgendwie fühlte es sich eben doch ganz genauso an. Als hätte er Schluss gemacht und ihm dabei das Herz in lauter kleine Stücke gerissen. Denn es hatte wehgetan. Ganz beschissen weh und Jakob hatte nicht gewusst, wie er damit umgehen sollte.

Hatte versucht, irgendwie damit klarzukommen. Damit, Thomas jeden Tag zu sehen, normal mit ihm weiterzuarbeiten, mit ihm zu reden und mit ihm in Besprechungen zu sitzen, als wäre nie etwas gewesen. Als wären sie beide nicht ineinander verliebt. Als hätte Thomas ihnen nicht beiden das Herz gebrochen. Als wären sie sich nie so nahe gekommen.

Er hatte es versucht. Hatte es wirklich versucht. Für sich selbst und für die Arbeit und, das musste er leider zugeben, auch für Thomas hatte er es versucht. Mehr oder weniger erfolgreich. Meist eher weniger. Weil ihm das Herz jeden Tag ein wenig mehr zerbrochen war und er es irgendwann einfach nicht mehr ausgehalten hatte. Weil er tatsächlich irgendwann bei Thomas aufgelaufen war. Ihn gebeten hatte, ihnen beiden noch eine Chance zu geben. Nur eine einzige. Sie konnten es ja schließlich langsam angehen lassen, mussten nichts überstürzen. Jakob würde auch nicht anhänglich sein und versprechen, sich auf der Arbeit nichts anmerken zu lassen.

Doch es hatte nichts gebracht. Bis auf die Tatsache, dass er sich unfassbar lächerlich gemacht hatte, war nichts passiert. Thomas war hart geblieben. Ganz furchtbar hart und hatte ihn einfach wieder nach Hause geschickt. Mit den gleichen Worten, die wie auswendig gelernt gewirkt hatten und mit demselben verletzten Blick wie schon beim ersten Mal, als er sie ausgesprochen hatte.

Von da an war es nur noch schwerer geworden. Weil Jakob sich schon das zweite Mal das Herz hatte brechen lassen und er es immer weniger verstand. Er kannte Thomas, kannte ihn wirklich. So gut wie kein anderer aus der Firma. Und er hatte genau gemerkt, dass es Thomas selbst mit dieser Entscheidung überhaupt nicht gut gegangen war. Jakob war zwar nicht die hellste Kerze am Weihnachtsbaum, aber er hatte durchaus die sehnsüchtigen Blicke bemerkt, mit denen Thomas ihn immer bedacht hatte, wenn er geglaubt hatte, Jakob würde es nicht bemerken. Oder diese kleinen Berührungen, die er immer als ganz beiläufig zu tarnen versucht hatte. Aber Jakob war nicht bescheuert und hatte genau bemerkt, was Thomas beabsichtigt hatte.

Er wusste, dass Thomas auch in ihn verliebt war. Und normalerweise war er immer, sein ganzes Leben lang, davon ausgegangen, dass alle Probleme doch geklärt waren, sobald der andere auch Gefühle für einen hatte. Thomas hatte ihm gezeigt, dass das nicht so war. Dass es nicht stimmte, weil das alles nur noch schwieriger machte. Schwieriger und so viel schmerzhafter.

Es war eine Sache, unglücklich in Thomas verliebt zu sein, wenn er wusste, dass der seine Gefühle einfach nicht erwiderte. Das war auf gewisse Art und Weise schon irgendwie okay, weil man vielleicht vieles erzwingen konnte, aber keine Gefühle. Aber zu wissen, dass es Thomas genauso ging wie ihm, dass er in ihn verliebt war, ihn wollte und ihn auch gleichzeitig nicht wollte, nicht wollte, dass es funktionierte, das tat so richtig beschissen weh.

Da war das Jobangebot genau richtig gekommen. Weil er es einfach nicht mehr ausgehalten hatte. Und die Wahl war ihm leicht gemacht worden. Von der neuen Firma, von all ihren tollen Angeboten und vor allem auch von Thomas. Der neue Arbeitgeber hatte ihn mit Spitzenkonditionen gelockt und hatte ihn unbedingt gewollt. Gutes Geld und viele Freiheiten waren wie Musik in seinen Ohren gewesen. Normalerweise wäre er nicht darauf eingestiegen. Hätte niemals auch nur darüber nachgedacht, FloridaTV jemals zu verlassen, jemals mit anderen Kollegen und unter anderen Chefs zu arbeiten. Doch sobald er Thomas gegenüber auch nur einziges Mal erwähnt hatte, dass er ein Angebot bekommen hatte, war es nur noch schlimmer geworden. Und Thomas hatte es ihm leicht gemacht zu gehen. Wirklich leicht. Auch wenn er vermutlich genau das Gegenteil hatte bezwecken wollen.

Aber Thomas war direkt auf 180 gewesen, sobald Jakob auch nur einen Ton davon gesagt hatte – dabei hatte er es Thomas persönlich gar nicht erzählt. Eigentlich hatte er es nur Benni mitgeteilt und Thomas war dazu gekommen, hatte alles gehört und ihm da schon den ersten Vortrag gehalten. Was das sollte, dass er überhaupt darüber nachdachte. Wie er nur so ein Verräter sein konnte und sie alle im Stich lassen wollte. Ob ihm denn gar nichts an der Firma lag. Und das war nur seine Aufwärmphase gewesen. Denn so vor den Kopf gestoßen hatte Jakob das Gespräch mit Joko und Klaas gesucht und versucht, ihnen die Lage möglichst gut zu erklären, jedoch ohne zu viel zu verraten. Es gab Dinge, die wussten sie nicht und sollten sie auch nicht wissen. Und natürlich hatten sie es nicht gut gefunden, hatten ihn nicht freiwillig gehen lassen und hatten es eben trotzdem getan.

Und sobald das raus gewesen war, sobald es die Runde gemacht hatte, dass Jakob die Firma verließ, war Thomas nur noch ein einziges Pulverfass gewesen und Jakob hatte sich gefragt, wo denn sein sanfter Blick und seine liebevollen Berührungen hin waren, die er immer gezeigt hatte, wenn er mit Jakob gesprochen hatte. Immer. Doch jetzt war alles weg und Jakob wusste immer weniger damit umzugehen.

Alle anderen waren auch traurig gewesen, dass er ging. Aber wirklich traurig und nicht so aggressiv und drüber wie Thomas. Mit dem konnte er kaum noch zusammenarbeiten, ohne dass der ihm mindestens einmal zum Vorwurf machte, dass er ging. Meist versuchte Jakob einfach, seinen Mund zu halten. Versuchte professionell zu bleiben und nicht darauf einzugehen und zuckte nur mit den Schultern, wenn die anderen ihn fragten, warum Thomas denn so abging und was mit ihm los war. Tat so, als ahnte er es nicht. Als hätte er keinerlei Vermutung, was mit Thomas los war und warum er nicht wollte, dass er ging. Tat so, als wüsste er nicht, wie sich Thomas‘ sanfte Finger auf seiner Haut anfühlten. Und wie es war von ihm geküsst zu werden. Tat so, als hätte Thomas ihm nie das Herz gebrochen. Tat so, als hätte das nicht beschissen wehgetan.

Irgendwie hatte das geklappt. Entweder weil er überzeugend gewesen war oder weil die anderen irgendwann gemerkt hatten, dass er sowieso nicht mit der Sprache rausrücken würde. Aber was es auch gewesen war, sie hatten ihn irgendwann in Ruhe gelassen. Ganz im Gegensatz zu Thomas.

Mit immer mehr Aggression und vor allem immer mehr unterschwellig unterdrücktem Schmerz und nicht zugelassener Verzweiflung hatte Jakob sich konfrontiert gesehen. Irgendwie war es jeden Tag schlimmer geworden, jeden Tag heftiger. Jakob hatte fest damit gerechnet, dass Thomas auf seiner Abschiedsparty durchdrehen würde. Doch da hatte er sich ganz normal benommen. Zumindest so normal wie es im Vergleich zu den vorherigen Wochen eben ging.

Er hatte viel mit Arno gequatscht und getrunken, viel getrunken und hatte Jakob ignoriert. Und am Tag danach, an Jakobs letztem Arbeitstag, war dann alles eskaliert. Eigentlich hätte es ihm klar sein müssen. Jakob hätte es wirklich wissen müssen. Zumal er am Tag davor, auf seiner Party, schon mit einem Angriff von Thomas gerechnet hatte.

Doch wenn er bislang gedacht hatte, dass alle Anfeindungen von Thomas schlimm und schmerzhaft gewesen waren, dann wurde er eines Besseren belehrt. Weil es auf Jakob den Eindruck machte, als hätte Thomas sich die ganze Zeit nur all die Energie und den Schmerz aufgehoben, die sich dann schließlich am letzten Tag entluden. Jakob klingelten noch immer die Ohren und das Herz brach ihm in unzählige Teile, wenn er nur daran dachte, was Thomas ihm alles vorgeworfen hatte. Und auch jetzt noch tat ihm alles weh, wenn er versuchte, sich an die Einzelheiten zu erinnern. Dabei waren die sowieso nicht wichtig. Im Grunde war nichts davon wichtig. Alles, was Thomas ihm vorgeworfen, regelrecht vor die Füße gerotzt hatte, waren Kleinigkeiten gewesen. Rein beruflich. Kein einziges privates Wort. Die Firma und ihr Konzept und Jakob als großer Verräter hatten überdecken sollen, worum es eigentlich ging. Doch Jakob war nicht dumm. Leider. Denn vermutlich tat es genau deswegen so verdammt weh. Auch heute noch. Auch jetzt, wenn er diese Nachricht las. Weil er Thomas wieder vor Augen hatte, der ihm Worte entgegenschleuderte. Nicht wütend und sich als Kollege im Stich gelassen fühlend. Nein. Sondern verzweifelt und panisch und voll von echter Liebe, die nicht bei ihrem Adressaten ankommen sollte. Und Jakob wusste das. Wusste es ganz genau. Weil es die ganze Zeit schon darum ging. Weil Thomas sich persönlich angegriffen und persönlich verlassen fühlte. Wozu er einfach kein Recht hatte, befand Jakob, suchte die Splitter seines Herzens zusammen, war sich bewusst, dass mindestens die Hälfte davon bei Thomas hängen geblieben war, und ging.

Vor über zwei Monaten war das gewesen. Und noch jetzt brachte ihn eine einfache Nachricht von Thomas so zum Schwitzen. Er freute und ärgerte sich gleichermaßen, konnte sich absolut nicht entscheiden und war direkt wieder so abgelenkt, dass Chrissie sich kurze Zeit später verabschiedete und nicht so erfreut aussah. Damit hatte er sich jetzt vermutlich auch noch den einzigen Kontakt vergrault, den er hier überhaupt angefangen hatte aufzubauen. Wegen Thomas. Großartig.

Er schnaubte, ärgerte sich statt über Thomas jetzt über sich selbst und schob das Handy wieder in seine Hosentasche. Ganz tief, als könnte es ihm dort nichts tun. Als würde die Nachricht von Thomas so vielleicht ganz von allein wieder verschwinden. Und um direkt ein wenig dazu beizutragen, dass es weniger an Thomas dachte, machte er ausnahmsweise Mal etwas anders und gönnte sich direkt die nächste Tasse Kaffee. Allein.

Ein kläglicher Versuch, Thomas aus seinen Gedanken zu vertreiben. Wieder klar zu kommen. All den Schmerz wieder genauso - wenig - erfolgreich zu unterdrücken wie bisher. Und es funktionierte. Wirklich. So ungefähr drei Minuten lang, bis er sich seine gefüllte Tasse schnappte, zu seinem Schreibtisch ging, auf dem Weg noch ein paar Leute grüßte und sich wieder einmal schmerzlich daran erinnerte, dass das hier alles Fremde für ihn waren. Zwar waren sie alles seine Kollegen, aber wenn er ehrlich war, dann wollte er gar nicht, dass sich daraus mehr entwickelte. Wollte nicht, dass sie mehr wurden. Wollte keinen einzigen von ihnen als Freund. Und wenn er noch ehrlicher war, dann wollte er sie nicht einmal als Kollegen.

Seufzend setze er sich an seinen Tisch, startete den PC, zog das Handy aus der Hosentasche weil es unangenehm drückte und legte es vor sich ab. Bisher keine weiteren neuen Nachrichten.

In seinen Fingern kribbelte es, den Bildschirm anzuschalten, um sich davon zu überzeugen, dass ihm wirklich niemand geschrieben hatte. Dass Thomas ihm nicht geschrieben hatte. Doch er zwang sich dazu, es nicht zu tun. Denn natürlich hatte Thomas ihm nicht geschrieben. Wieso sollte er?

Wieso hatte er sich überhaupt bei ihm gemeldet? Jakob fuhr sich durch die Haare und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Versuchte irgendwie herauszufinden, was er jetzt tun sollte. Sollte er Thomas ignorieren? Sollte er ihm antworten und ihm sagen, dass er ihn in Ruhe lassen sollte? Oder sollte er… sein Handy blinkte. Sofort wallte das Adrenalin in seinem Körper auf, rauschte durch seine Blutbahn und er war unter Hochspannung. Jeder rationale Gedanken war verdrängt, als er mit zittrigen Fingern das Handy in die Hand nahm, den Bildschirm nach dem zweiten Versuch entsperrte und tatsächlich eine weitere Nachricht von Thomas fand.



Thomas Schmitt, 9.52 Uhr

Trinken wir mal wieder zusammen einen?



Kurz schnappte Jakob nach Luft, ließ beinahe das Handy fallen und schämte sich im nächsten Moment dafür. Eine einfache Nachricht brachte ihn so aus dem Konzept. Nur, dass es keine einfache Nachricht war. Denn sie war nicht von irgendwem. Sie war von Thomas. Und deswegen bedeutete sie automatisch dreimal so viel. Wenn nicht sogar noch mehr. Vor allem, wenn man auch den Inhalt bedachte. Nicht nur, dass Thomas sich plötzlich bei ihm meldete und ganz offensichtlich einen Schritt auf ihn zuging. Er wollte sich sogar mit ihm treffen.

Er vermisst dich, schoss es durch Jakobs Kopf und obwohl er wusste, dass das die richtige Interpretation war, versuchte er den Gedanken wieder zu verdrängen. Wollte es nicht. Wollte nicht, dass Thomas ihn vermisste. So offenkundig, wie es gerade war. Weil er sich selbst viel zu gut kannte und genau wusste, wie schnell er weich werden würde. Deswegen, nein. Thomas vermisste ihn nicht. Thomas hatte ihn nicht zu vermissen. Und er hatte Thomas nicht zu vermissen. Nichts von ihm.

Nicht seine sanften Hände, die ihn streichelten und festhielten, als wäre er etwas Besonderes. Nicht seine Küsse, die so viel versprachen, was er mit Worten nicht zu sagen vermochte. Nicht sein Blick, der immer ganz sanft geworden war, sobald er Jakob gesehen hatte. Und nicht dieses eine, dämliche Lächeln, das nur Jakob ihm hatte entlocken können. Vor allem dann, wenn sie verschwitzt und ganz außer Atem nach dem Sex nebeneinander gelegen und sich angesehen und gestreichelt hatten. Ganz vorsichtig und doch so voller Verlangen. Genau dann, in diesen wenigen, intimen Momenten, hatte Thomas ihn angesehen. Hatte ihm tief in die Augen gesehen, seine Hand in Jakobs zerzausten und verschwitzten Haaren vergraben und hatte ihn angelächelt. Genau so, wie Jakob es jetzt vor Augen hatte, so dass ihm direkt das Herz wieder ganz schwer wurde. Er seufzte, versuchte alle Gedanken zu verdrängen, vor allem die an Thomas und an die wunderschönen Stunden zu zweit, und legte sein Handy ganz weit von sich weg. Und noch während er es über den Tisch schob, fasste er einen Entschluss. Er würde ihm nicht antworten. War besser so. Bestimmt.
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