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Du bist so nett zu mir ...

von Caiti
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Cifer Almasy Xell Dincht
02.08.2018
07.08.2018
5
32.321
9
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
02.08.2018 9.649
 
Hallo meine Lieben,

ich habe mal wieder etwas Neues fabriziert. Die Story ist schon fertig und ich werde sie vermutlich morgen oder spätestens Montag in Gänze hochladen. Hier schon mal der erste Teil.

Dieses Mal habe ich mir mal ein paar Charaktere von Square Enix geliehen, weil ich ja auch ein Riesenfan von Final Fantasy bin (7 und 8 sind der Hammer!)
Storytechnisch isses teilweise fluffig, teilweise ein bisschen heftig, aber alles in allem ganz gut. Ich mag die Geschichte, weil sie sich m.M. nach entspannt einfach so runterlesen lässt und gut für zwischendurch ist.

Es sind insgesamt fünf Teile.

Euch an dieser Stelle ganz viel Spaß mit meiner neuen FF und wie immer würde ich mich über Kommentare jeglicher Art freuen!

Ganz liebe Grüße
eure Caiti ;)


Teil I

"Nur weil er jetzt kein Hexenritter mehr ist und wieder im Garden lebt, macht ihn das noch lange nicht zu meinem Freund", schnarrte Xell genervt und funkelte Selphie an. Die quirlige junge Frau bedachte ihn daraufhin mit einem vernichtenden Blick.

"Auf jeden Fall ist er für die nächsten achtundvierzig Stunden dein Partner im Aufbaukomitee."

"Bei dem ich übrigens nicht freiwillig mitmache", warf Cifer gelangweilt ein. Er stand etwas abseits an eine Wand gelehnt da und beobachtete das kleine Streitgespräch der beiden desinteressiert.

"Direktor Cid hat gesagt, wenn du im Garden bleiben willst, musst du dich beteiligen oder ein Seed werden", belehrte ihn das braunhaarige Mädchen. Das führte nur dazu, dass der Blonde sich grummelnd abwandte. "Du könntest auch eine Seed-Prüfung ablegen.“

"Nope", murrte er bloß, stieß sich von der Wand ab und machte ein paar Schritte auf die Beiden zu. "Was soll ich hier also machen?"

Selphie sah von Xell zu Cifer und sagte dann: "Ihr seid für die Bühnendekoration zuständig. Ich hoffe, ihr seid schwindelfrei denn der Stoff muss angebracht werden. Und das möglichst symmetrisch." Sie hielt ein Bild hoch und Xell betrachtete es eingehend. Cifer warf bloß ohne sich zu rühren einen halben Blick drauf.

"Sieht nicht so kompliziert aus", meinte Xell als er sich wieder aufrecht hinstellte. Dann grinst er. "Wo ist der Stoff? Und wer hat sich bitte diese Farbe ausgesucht?" lachend deutete er mit dem Finger auf den fliederfarbenen Stoff auf dem Foto.

"Ich!", schnappte Quistis, die unweit von den dreien Servietten gefaltet hatte, und trat zu der kleinen Gruppe. "Das ist eine schöne Farbe."

"Im Einhorn-Wunderland vielleicht", bemerkte Cifer trocken, was Xell prustend auflachen ließ. Die ehemalige Seed-Ausbilderin lief puterrot an, schnaubte und widmete sich dann wieder ihren Servietten.

Selphie sah ihr kurz nach, ehe sie sich räuspernd wieder an die beiden jungen Männer wandte.

"Der Stoff ist im Raum hinter der Bühne. Es sind zwei Rollen. Meinen Berechnungen zufolge müsste es reichen." Die junge Frau grinste breit und scheuchte die beiden dann weg. Grummelnd gingen sie in Richtung Bühne und dann nach hinten in den kleinen Raum, der offensichtlich als Lagerraum diente. Er war vollgestopft mit kleinen und größeren Brettern, diversen Besen, Eimern mit Lappen, irgendwelchen Vasen, einigen Klappstühlen und lauter anderem Firlefanz. Die Stoffrollen standen an die linke Wand gelehnt da. Cifer blickte sich in dem kleinen Kabuff um und stemmte schnaubend die Hände in die Hüften.

"Ein Frühlingsfest. Ernsthaft, wer kam nur auf solch eine blöde Idee?"

"Hey!", widersprach Xell sofort. Immer, wenn der Blonde etwas sagte, verspürte Xell irgendwie eine Wut, die ihn zum Widersprechen oder Pöbeln zwang. "Selphie gibt sich hier echt Mühe! Du solltest dem etwas Respekt entgegenbringen!"

Feixend wandte der Größere sich um. "Respekt? Dafür, dass sie ein paar Tische aufstellen lässt und Gläser mit Sekt füllt? Eher nicht."

Beide blickten sich in die Augen, wobei in Xells Augen Verärgerung blitzte. Cifer wirkte gelangweilt wie eh und je.

"Du bist und bleibst ein Arschloch, Cifer Almasy."

"Aus deinem Mund ist das ja fast ein Kompliment, Hasenfuß", triezte Cifer und kam nicht umhin, leicht zu grinsen.

"Nenn mich nicht so!", wütete Xell und ballte die zu Fäusten.

"Immer mit der Ruhe, Kleiner. Du kannst deine Fäuste wieder senken."

"Und ein Kleiner bin ich schon mal gar nicht!", stieß Xell aus und anstatt sich zu beruhigen, holte er aus und schlug zu. Allerdings wich Cifer gekonnt zur Seite und schob sich gelassen die Hände in die Taschen seiner Lederjacke. Sein Lieblingsmantel war bei einem Trainingskampf gegen einen Archeodinos leider in Flammen aufgegangen, sodass er gezwungenermaßen wieder auf seine alte, ein wenig zerfledderten Lederjacke umgestiegen war.

"Ich sagte doch, immer mit der Ruhe", wiederholte er süffisant. "Du bist einfach viel zu un-entspannt, Hasenfuß. Deswegen wirst du auch alleine auf diese traurige Veranstaltung gehen." Er wusste, dass es irgendwie gemein war, aber es machte einfach zu viel Spaß, den Jüngeren zu ärgern. Xell reagierte immer so herrlich wütend.

"Und du wirst von einer Horde sexy Mädels begleitet oder wie?", feuerte der Faustkämpfer zurück.

Ohne es zu wollen, ärgerten Cifer diese Worte. Natürlich hatte er keine Begleitung. Er wollte da ja nicht einmal hin. Aber der Direkter hatte sich ganz klar ausgedrückt: entweder, er wurde Teil des Lebens im Garden oder er verließ ihn. Da für ihn nichts einem zu Hause näher kam als dieser Garden, blieb ihm keine wirkliche Wahl.

"Ach, was rede ich denn da", revidierte Xell seine Worte noch ehe Cifer etwas erwidern konnte. "Du gehst sicher mit Fu-Jin."

"Fu-Jin?", echote der Größere irritiert. "Wie kommst du denn da drauf?"

Xell runzelte die Stirn und sah ihn so an, als wäre diese Frage total bescheuert. "Na ja, ihr seid befreundet und sie ist ein Mädchen."

Am liebsten hätte Cifer dem Anderen für diese Worte eine gescheuert.

"Und das sind ausreichende Kriterien um meine Begleitung zu sein?", wollte er tonlos wissen.

"Etwa nicht?"

Eigentlich hätte er böse werden müssen. So unlogisch, wie die Argumentation des Seeds gerade war, gab es keine wirkliche Alternative, aber … der Faustkämpfer blinzelte bloß und wirkte, als würde er ehrlich glauben, was er sagte. Wie naiv.

"Nein, Hasenfuß, weiblich zu sein reicht nicht aus um mit mir irgendwohin zu gehen", gab er schließlich seufzend zurück. Und damit waren das die nettesten Worte, die er je zu dem Anderen gesagt hatte. Er zögerte einen Moment. "Du gehst also nicht alleine?"

Cifer konnte deutlich sehen, wie der junge Mann ihm gegenüber sich etwas entspannte. Ein Anblick, den er kaum kannte, denn ihm gegenüber war Xell eigentlich so gut wie immer unter Strom.

"Nein", antwortete der Kleinere. "Auch wenn es dich nichts angeht, ich gehe mit meiner Freundin."

Gespielt beeindruckt verzog Cifer den Mund. "Eine Freundin also. U la la." Er lachte kehlig. "Ich hätte schwören können, du wärst auf der Suche nach einem Freund."

Erneut wich er der auf ihn zu sausenden Faust aus. Der Kleinere lernte aber auch nie etwas dazu. Xell war ein sehr guter Kämpfer, aber wenn er sich aufregte, war keiner seiner Schläge wirklich präzise. Deswegen könnte er es auch gleich lassen.

"Du bist so ein Penner! Warum rede ich überhaupt mit dir?"

Schulterzuckend nahm sich Cifer endlich eine der Stoffrollen und schulterte sie. "Diese Frage stelle ich mir auch immer wieder." Feixend verließ er den kleinen Raum, während Xell im wutschnaubend nachblickte.

"Was für ein Idiot", murmelte er, nahm sich die andere Rolle und ging ebenfalls zurück zur Bühne.

Es stellte sich heraus, dass Stoffe symmetrisch anzubringen eine verdammt widerliche Aufgabe war. Sicher, beide waren schwindelfrei und auf dem Balken zu balancieren um die Stoffenden zu befestigen, war wirklich kein Problem. Aber es schien, als hätten beide einen ordentlichen Knick in der Pupille, denn die blöden Stoffteile hingen nie gleichmäßig von diesem verdammten Balken herunter. Und schon gar nicht so, wie Selphie es skizziert hatte.

"Ich hasse dieses dumme Mädchen!", wütete Cifer, als er zum gefühlt achtzigsten Mal etwas anpassen musste. "Stoff-Deko über der Bühne, das ist ja soooo schön.“ Er schnaubte genervt und fuhr fort: „Wenn's so schön ist, kann sie es ja auch selber machen!"

Xell wollte nicht zustimmen, aber er fühlte genauso. Diese Aufgabe war mehr als dämlich und aus seiner Sicht nun wirklich Frauensache.

"Ist das endlich gerade, Hasenfuß?", rief Cifer vom Balken nach unten.

"Das ist ja krumm und schief", sagte eine Stimme neben dem Faustkämpfer noch ehe er etwas erwidern konnte. Er wandte sich nach rechts und entdeckte Quistis neben sich, die das Werk der beiden Männer betrachtete.

Xell wusste auch ohne hinzusehen, dass Cifer am liebsten mit seiner Gunblade von diesem Balken gesprungen und die ehemalige Ausbilderin in zwei Hälften geteilt hätte. Gut, dass das Schwert sicher verwahrt in dessen Zimmer war.

"Hallo Xell", flötete die blonde Frau dann und lächelte ihn an. "Hast du schon eine Begleitung für das Frühlingsfest?"

Er versteifte sich. Oh man, wie sollte er aus der Nummer wieder rauskommen? Quistis hatte zwar endlich von ihrer Besessenheit Squall gegenüber abgelassen, aber seitdem war sie gefühlt hinter jedem anderen männlichen Geschöpf her – außer Cifer. Was wohl besser so war.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie Cifer von dem Balken runterkletterte. Währenddessen versuchte Xell, möglichst höflich, abzulehnen. Am liebsten hätte er dieselbe Ausrede benutzt wie eben bei dem Größeren, aber die taugte nichts, da Quistis wusste, dass er keine Freundin hatte. Vor dem blöden Angeber musste er sich ja keine Blöße geben.

"Wir können ja zusammen hingehen." Sie lächelte ihn keck an, was ihm einen Schauer den Rücken runterjagte. Es war nicht so, dass er Quistis nicht mochte; es lag vielmehr daran, dass er sie einfach null anziehend fand. Nur sagte man das einer Frau wie ihr besser nicht. Sie konnte nämlich phänomenal gut ausrasten.

Gott sei Dank rettete Cifer ihn, sodass er um eine Antwort herumkam. Denn der junge Mann kam verärgert zu ihnen rüber und funkelte die blonde Frau an.

"Was bitte ist da krumm und schief? Du brauchst eindeutig eine bessere Brille", beschwerte er sich bei ihr und für seine Verhältnisse klang er fast schon aufgebracht.

"Na guck doch selbst", meinte sie nur und deutete auf die Stoff-Deko. Mürrisch warf er einen Blick drauf. Was seine Laune null besserte, denn die blöde Deko war tatsächlich immer noch nicht symmetrisch. Oh, wie er es hasste.

"Okay, das reicht!", schnauzte er schließlich ziemlich genervt. "Ich gehe jetzt an die Bar und gönne mir einen Drink, bevor ich noch jemandem den Hals umdrehe. Auswahl gibt es ja genug." Er warf jedem einen grimmigen Blick zu und ging dann mit seinem gewohnt schlürfenden Gang davon.

Quistis seufzte und blickte Cifer hinterher.

"Er wird wohl nie erwachsen", meinte sie. Xell runzelte die Stirn.

"Was hat das bitte mit erwachsen zu tun? Er ist einfach ein Arschloch." Merkwürdigerweise ließen seine Worte die Frau neben ihm schmunzeln.

"Ganz im Gegensatz zu dir", säuselte sie mit einer Stimme, die ein wenig tiefer war als sonst. Dabei sah sie ihn viel zu intensiv an. Schluckend wich er ein paar Schritte zurück.

"Ähm … ich werd mal sehen, was Selphie macht", haspelte er schnell und stürmte davon. Oh man! Irgendwann würde er ihr sagen müssen, dass er kein Interesse hatte. Allerdings vermutlich nur, wenn sie ihm tatsächlich mal mitteilte, dass sie auf ihn stand. In diesem blöden Schwebezustand würde er einen Teufel tun und ihr dies mitteilen.

Er fand Selphie im kleinen Saal, indem am Samstag das Buffet stehen würde. Squall und Rinoa waren bei ihr. Die beiden schoben gerade zusammen mit Shou und noch einigen anderen Tische in eine bestimmte Formation.

„Xell, super! Hilfst du mir mal bitte?“ Rinoa stand vor einem großen Tisch und wartete offensichtlich auf jemanden, der mit anpacken konnte.

„Klar.“ Mit wenigen Schritten war er bei ihr und packte den Tisch am anderen Ende. Zusammen trugen sie ihn ein Stück weiter nach links. So wie es aussah, würden die Tische ein U bilden oder so ähnlich.

„Seid ihr mit der Bühnen-Deko fertig?“, fragte Selphie als sie Xell erblickte. Er schüttelte grimmig den Kopf.

„Nee. Der blöde Idiot ist abgehauen. Er war ziemlich genervt, dass diese blöden Stoffe einfach nie symmetrisch hingen. Ich übrigens aus. Das ist eine echt bescheuerte Aufgabe, Selphie. Sicher, dass diese Tücher jemand braucht?“

„Ich brauche sie!“, warf die junge Frau zurück und stemmte beide Hände in die Hüften. In der einen hielt sie dabei weiterhin ihr Klemmbrett fest.

„Was ist denn das Problem?“, wollte Squall in seiner gewohnt ruhigen Art wissen.

„Die Stoffe sehen einfach nie so aus, wie sie sollen“, beschwerte sich der Blonde und zeigte den Beiden Selphies Skizze. Rinoa beäugte sie eingehend und nickte dann.

„Das kriegen wir hin, oder?“ Sie sah fragend zu ihrem Freund, der leicht nickte. „Ich mache dir ein Angebot: wir kümmern uns um die Stoff-Deko und du überzeugst Cifer, in einem Anzug zum Frühlingsfest zu kommen. Selphie wäre ganz traurig, wenn jemand in einer zerrupften Lederjacke aufschlagen würde. Richtig?“

Die braunhaarige nickte zustimmend, während Xell die Hexe vor sich anstarrte als hätte sie gesagt, sie würde morgen die Weltherrschaft an sich reißen.

„Warum sollte ich das machen?“

„Das oder die Deko“, entgegnete Rinoa belustigt. „Ach und ihr könntet morgen bitte noch die restlichen Tische und Stühle aus der großen Abstellkammer holen und im Saal aufstellen. Das alles gegen Stoff-Deko.“ Sie kicherte nun. „Komm schon, Xell, du willst ja sagen.“

Diese blöde Bühnen-Deko nicht mehr an der Backe zu haben, wäre wirklich wunderbar. Aber den Eisprinzen vom Balamb Garden zu überreden, einen Anzug zu tragen, erschien ihm noch wesentlich schwieriger. Die Tische und Stühle hingegen sah er als gar kein Problem. Er seufzte.

„Mit Krawatte?“

Glücklich jauchzte Rinoa auf und klatschte in die Hände. „Super! Dann ist es ein Deal. Und sicher, eine Krawatte gehört dazu. Fliege ginge auch.“ Lachend klopfte sie Xell auf die Schulter. Selphie stand neben ihr und versuchte, vergeblich, ein Lachen zu verhindern.

„Schon gut. Ich kriege das schon irgendwie hin.“ Er fuhr sich durch die Haare und seufzte erneut. „Wo ist der Abstellraum?“

„Ich zeige ihn dir“, meinte Squall und ging ohne auf eine Erwiderung zu warten los. Xell beeilte sich, ihm zu folgen.



Wie zur Hölle sollte er Cifer Almasy, das größte Arschloch im ganzen Garden, den Typen, der der Hexe aus der Zukunft fast geholfen hätte, ihre Welt dem Erdboden gleichzumachen, überreden, einen verdammten Anzug anzuziehen. Er wusste ja nicht einmal, ob der Mann überhaupt einen besaß. Der beste Weg war sicherlich, einfach zu fragen.

Beim Frühstück am nächsten Tag straffte er deswegen die Schultern, umklammerte sein Tablett mit der Müslischale und dem Cappuccino etwas fester und strakste mit hölzernen Schritten an den Tisch, an dem Cifer alleine und in aller Seelenruhe ein Brötchen aß.

Ohne aufzusehen, fragte der Größe sobald er den Störenfried bemerkte: „Verlaufen, Hasenfuß?“

Xell bemühte sich sichtlich, nicht darauf zu reagieren, sondern atmete tief durch und setzte sich an einen freien Platz gegenüber von Cifer. Eine Handlung, die tatsächlich eine Reaktion bei dem Anderen auslöste. Er legte sein Brötchen auf den Teller und hob den Blick um seinen Gegenüber irritiert anzugucken.

„Ich dachte, da wir beide in den nächsten zwei Tagen zusammenarbeiten müssen, wäre es nicht schlecht, wenn wir uns etwas näher kennenlernen.“

„Ja, schon klar“, erwiderte Cifer trocken und tat gleichzeitig so, als wäre er amüsiert. Er glaubte ihm nicht.

Sicher, Xell glaubte sich ja selbst nicht. Er seufzte und nahm einen kleinen Schluck Cappuccino.

„Rinoa und Squall übernehmen die Aufgabe, die Stoffe richtig hinzuhängen“, begann er und sah in gelangweilte, blaue Augen.

„Super, dann brauchen wir den Scheiß nicht mehr zu machen.“

„Sie machen es nur unter einer, na ja genaugenommen zwei, Bedingungen.“

„Die da wären?“, wollte der Größere wissen.

„Wir müssen heute im Laufe des Tages die restlichen Tische und Stühle aus dem Abstellraum holen und hinstellen."

„Und was noch?“ Xell spannte seinen Kiefer an und wünschte, dies jetzt nicht sagen zu müssen. Warum hatte er nicht einfach abgelehnt? Egal, wie schlimm konnte es schon sein?

„Du musst im Anzug zum Frühlingsfest kommen.“ Es folgte eine kurze Stille, dann nahm sich Cifer wieder sein Brötchen, biss hinein, kaute und schluckte. Erst danach reagierte er.

„Vergiss es.“

„Ach komm schon!“, bat Xell und hätte am liebsten erneut gegen irgendeine Hexe aus der Zukunft gekämpft als dieses Gespräch zu führen. „Es ist doch bloß für einen Nachmittag.“

„Dann kann ich es auch gleich sein lassen“, meinte Cifer trocken und fuhr fort zu frühstücken.

„Was ist denn daran so schwer? Es ist bloß ein blöder Anzug. Du kannst ihn danach ja verbrennen oder so.“ Für einen Moment fragte sich Xell, ob ihm seine Freunde wirklich so wichtig waren um diese Unterhaltung in Kauf zu nehmen.

„Warum beharrst du da so drauf? Stehst du etwa auf Selphie?“ Cifers Augen weiteten sich belustigt. „Ist sie vielleicht deine Freundin?“ Er stieß ein Lachen aus und fuhr sich durch die Haare. Ohne es verhindern zu können, lief Xell rot an. Verdammt! Und das nicht, weil er sich schämte, sondern eher vor Verärgerung. Dieser blöde Typ konnte ihn aber auch immer auf die Palme bringen.

„Ach trag doch, was du willst!“, brauste er auf und erhob sich. Immer noch lachend lehnte Cifer sich in seinem Stuhl zurück. Die Reaktionen des Faustkämpfers waren einfach immer wieder höchst amüsant. Der Größere blickte hoch in vor Wut blitzende, blaue Augen.

„Ich sag dir was, Hasenfuß“, setzte er feixend an. „Wenn du mich in einem Trainingskampf besiegst, ziehe ich einen Anzug an.“

Xell stockte und seine Wut verrauchte so schnell wie sie gekommen war. Perplex blinzelte er.

„Was?“ Gelassen erhob sich Cifer ebenfalls und nahm sein Tablett.

„Ich habe genauso wenig Lust wie du, nochmal diese blöde Stoffe sehen zu müssen. Also, was sagst du? Ein kleiner Kampf, dann haben wir was wir wollen.“

„Das ginge auch einfacher“, murrte Xell, was Cifer lachen ließ.

„Bestimmt. Aber wo bliebe da der Spaß?“



Keuchend wischte sich Xell etwas Schweiß von der Stirn bevor er ihm in die Augen laufen konnte. Cifer war ein starker Gegner. Schnell, gelassen und unberechenbar – eine gefährliche Mischung. Aber der Faustkämpfer plante nicht, diesen Kampf zu verlieren. Schon alleine, weil sein Stolz es ihm verbot. Zu seiner grenzenlosen Freude sah sein Gegner nicht viel frischer aus. Kein Wunder, sie kämpften schon seit fast einer Stunde. Er hatte mehrere Kratzer und eine etwas größere Schnittwunde am rechten Oberarm. Cifer würde morgen sicherlich einen fetten blauen Fleck auf der rechten Hälfte seines Bauches haben. Außerdem hatte er überall Schürfwunden und Kratzer von den vielen Stürzen.

„Nicht schlecht, Hasenfuß“, sagte er und eine leichte Anerkennung schwang in seiner Stimme mit. Diese Worte ließen Xell grinsen.

„Das hättest du wohl nicht gedacht“, gab es bloß zurück, während er bereits nach dem besten Weg suchte, seinen Gegner k.o. zu schlagen.

Grinsend hob Cifer seine Gunblade. „Nein, das hätte ich von einem Hasenfuß wie dir wirklich nicht erwartet.“ Dann rannte er los, holte aus und gedachte, diesem Kampf ein Ende zu setzen. Es war seine eigene Unachtsamkeit, die ihm letztendlich den Garaus machte. Denn während er ausholte, rutschte Xell schräg seitlich an ihm vorbei, stand erstaunlich schnell wieder auf und rammte ihm seinen Ellenbogen mit voller Wucht in den Rücken. Ächzend ging der Größere zu Boden und spürte nur noch, wie ihm sein Schwert aus der Hand gekickt wurde.

Breit grinsen hockte Xell vor ihm, als er sich stöhnend etwas aufrappelte. Der Kleinere freute sich unheimlich, gewonnen zu haben. Gerade gegen diesen Typen.

„Ich würde sagen, du darfst deinen Anzug aus dem Schrank holen“, witzelte er. „Aber erst musst du wohl auf die Krankenstation.“ Er zögerte kurz. „Äh … komm, ich helfe dir.“

„Ich kann das-“, wollte Cifer abwehren, doch seine Beine knickten unter ihm ein, als er versuchte, sich zu erheben. „Was zur Hölle ist das?“

„Sorry“, meinte der Faustkämpfer und kratzte sich am Hinterkopf. „Ich habe ein paar Nerven getroffen. Das legt sich wieder, braucht aber einen Moment.“ Nun ohne zu zögern, schob er dem Größeren einen Arm um die Taille. Der legte allerdings eher widerwillig seinen Arm über Xells Schultern.

„Wehe, das wird nicht wieder!“, schnauzte er.

„Keine Sorge“, versicherte der Kleinere. „Das ist wieder besser noch bevor wir im Krankenflügel angekommen sind. Ist quasi nur eine sehr kurze Paralyse.“

Cifer war ehrlich gesagt ziemlich beeindruckt, dass Hasenfuß das konnte. Er würde allerdings einen Teufel tun und dies aussprechen. Stattdessen ließ er sich unter Schmerzen auf die Krankenstation bringen. Dort versorgte ihn Dr. Kodawaki murrend. Wie eigentlich immer, wenn er da verletzt auftauchte. Xell blieb eine ganze Weile, ehe er seine Hände in die Taschen seiner blauen Hose schob und über die Schulter der Ärztin hinweg meinte: „Ich werde mal Irvine fragen ob er mir bei den Tischen und Stühlen hilft. Und du suchst diesen blöden Anzug raus, wenn du wieder fit bist.“

Er grinste, dieses Mal allerdings einfach nur erleichtert, und wollte sich schon abwenden, als Cifer etwas erwiderte.

„Ich besitze überhaupt keinen Anzug, Hasenfuß.“

Verwirrt blieb Xell stehen. Allerdings verwandelte sich diese Verwirrung ziemlich schnell in Wut.

„Was zur Hölle?! Warum dann dieser blöde Kampf? Du hättest gleich sagen müssen, dass du keinen hast!“

„Beruhigen Sie sich, Mr. Dincht“, meinte die Ärztin bloß gelassen und fuhr fort, den großen Bluterguss auf Cifers Bauch mit einer Tinktur zu bestreichen.

„Nichts da! Wegen diesem Idioten muss ich heute wieder blöde Stoffe aufhängen.“

„Jetzt bleib mal locker, Hasenfuß“, schnarrte der Patient. „Ist ja nicht so, als könnte ich keinen kaufen.“ Diese Erwiderung nahm Xell allen Wind aus den Segeln. Er sah dem jungen Mann, der halb auf der Liege saß, in die blauen Augen und schluckte.

„Oh“, machte er leise. „Dann fährst du heute am besten noch nach Balamb und besorgst dir einen. Morgen ist schließlich schon das Fest.“

„Denk bloß nicht, ich würde alleine losziehen um mir einen Anzug zu kaufen, den ich weder will noch brauche.“

„Dann nimm doch Fu-Jin und Ra-Jin mit.“ Manchmal war Xell wirklich ein wenig schwer von Begriff, auch wenn er es nie zugeben würde. Denn er verstand in dem Moment nicht, warum Cifer genervt mit den Augen rollte.

„Du wirst gefälligst mitkommen. Es war schließlich deine blöde Idee“, meinte der Blonde und fixierte den Faustkämpfer. „Ich bin hier sicher bald raus. Kümmere dich um die Tische und Stühle und ich hole dich dann aus dem Saal ab. Keine Widerrede. Du bist selbst schuld.“

Am liebsten hätte Xell widersprochen. Hätte gesagt, dass er schon auf diesen blöden Kampf keine Lust gehabt hatte und auf eine Shoppingtour noch weniger, aber ihm blieben diese Worte im Halse stecken. Selphie zählte auf ihn.

„Die Tische werden warten müssen“, warf Dr. Kodawaki ein und riss die Aufmerksamkeit der beiden jungen Männer an sich. „Ihre Wunden müssen auch versorgt werden, Mr. Dincht.“ Wunden? Die hatte er schon komplett vergessen.

Trotzdem dauerte er fast eine Stunde, bis er verarztet war. Dann durfte er zusammen mit Cifer gehen.

Beide waren erleichtert, den Händen der überfürsorglichen Ärztin zu entkommen.

„Zuerst Tische oder zuerst Anzug?“, fragte Xell ohne den Anderen anzusehen. Ihm gefiel das alles nicht wirklich.

„Tische“, kam nur als Antwort. Also begaben sie sich zurück in den Festsaal und holten die fehlenden Tische und Stühle aus der Abstellkammer. Im Saal selbst herrschte reges Treiben. Selphie hatte viele Schüler und Seeds des Gardens eingespannt und alle wuselten beschäftigt hin und her.

Rinoa und Squall waren tatsächlich mit den Stoffen beschäftigt und diese hingen mittlerweile wesentlich besser als Xell und Cifer es überhaupt hinbekommen hatten.

„Sag ich doch, is 'ne Frauenaufgabe“, murrte Xell nur bei diesem Anblick.

„Na dann hättest du sie doch hervorragend erledigen müssen“, stichelte Cifer feixend, wofür er einen bösen Blick des Kleineren erntete.

Dieser Teil seines Deals mit Rinoa war schnell erledigt. Nach Balamb zu kommen, war auch noch kein Problem – sie liehen sich einfach eines der Autos des Gardens. Auch der entsprechende Laden war schnell gefunden. Schön war das alles trotzdem nicht, denn jetzt hockte Xell auf einem kleinen Stuhl vor den Umkleidekabinen eines Herrenausstatters und wartete, bis Cifer in dem dunkelgrauen Anzug, den er sich nach kurzem Suchen gegriffen hatte, aus einer der eben erwähnten Kabinen kam. Der dritten von links um genau zu sein. Er verstand nicht ganz, wieso der ehemalige Hexenritter ihn dabeihaben wollte. Wenn er ihn ärgern wollte, klappte das jedenfalls ganz wunderbar.

Cifer stand währenddessen bereits angezogen in der Kabine und betrachtete sich im Spiegel. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal einen Anzug getragen hatte. Oder ob er überhaupt je einen angehabt hatte. Er war nicht der Anzug-Typ. Nicht mal ein bisschen. Aber er hatte den Kampf verloren und musste sich an seine Worte halten. Also schob er den Vorhang beiseite und trat einen Schritt aus der Kabine raus.

Seine Begleitung, klein Hasenfuß, stockte und blinzelte ein paar Mal, ehe er langsam nickte.

„Sieht ganz okay aus. Kannst du nehmen“, meinte er dann so unbeteiligt wie möglich. Was ihm unfassbar schwer fiel. Denn als Cifer im Anzug aus der Kabine trat, blieb Xell für eine Sekunde die Luft weg. Dass der große, blonde Mann nicht hässlich war, konnte jeder sehen. Das war Xell aber eigentlich immer herzlich egal gewesen. Außerdem war er der Meinung, Charakter machte schön. Und von dem hier wollen wir an dieser Stelle dann besser gar nicht erst anfangen.

Aber … in diesem perfekt sitzenden Anzug sah Cifer richtig gut aus. Richtig, richtig gut sogar.

"Der steht Ihnen ganz ausgezeichnet", kam eine hohe Stimme aus dem Off. Eine der Verkäuferinnen trat neben den Stuhl, auf dem Xell saß, und musterte Cifer unverhohlen von oben bis unten. "Sehr schick. Wirklich." Sie lächelte keck, wobei sie von dem Faustkämpfer überhaupt keine Notiz nahm. Tja, neben jemandem wie Cifer Almasy war er wohl unsichtbar. Obwohl er weder hässlich noch besonders langweilig war oder so. Cifer hatte einfach eine charismatische Ausstrahlung. Etwas, das Xell nicht hatte, so sehr er es sich wünschte.

"Danke", gab der Größere mit tiefer Stimme zurück während er die junge Frau kurz betrachtete. Sie sah sehr gut aus. Ein bisschen zu niedlich für Xells Geschmack, aber hässlich war sie nicht.

"Ist für das Frühlingsfest im Garden", erklärte Cifer ihr, was Xell sofort irritiert die Stirn runzeln ließ. Es war niemandem erlaubt, jemanden außerhalb des Gardens mit zubringen. "Leider darf niemand von außerhalb kommen, sonst hätte ich dich eingeladen." Er zwinkerte ihr zu, was sie kichern ließ und verschwand dann wieder in der Umkleide.

Xell betrachtete den geschlossenen Vorhang. Diese Seite kannte er an dem Anderen gar nicht. Locker und flirtend. Na ja, vielleicht gab es im Garden einfach niemanden, mit dem der werte Herr flirten wollte – alle unter seinem Niveau, so wie er sich aufführte.

Der Anzug wurde gekauft und der Faustkämpfer war mehr als froh, dass dieser Ausflug ein Ende nahm. Dachte er zumindest.

"Auf den Stress muss ich erstmal was trinken. Gibt es hier eine Bar?" Xell stockte, den Körper bereits Richtung Auto gedreht, und blinzelte.

"Äh … sicher." Er war ein wenig überfordert. Cifer wollte mit ihm etwas trinken gehen? Oder wollte er etwas trinken gehen und er war bloß Ballast, der zufällig dabei war? Hmhm … er könnte auch ablehnen. Sagen, dass er zurück wollte. Aber irgendwie reizte es ihn, mit dem unnahbaren jungen Mann abseits des Gardens etwas trinken zu gehen.

"Hier lang." Er führte sie zu einer kleinen Bar, der einzigen Bar in Balamb um genau zu sein, die etwas abseits der Hauptstraße lag. Obwohl es Freitag war, war wirklich wenig los. Vereinzelt saßen Leute an Tischen. Ganz hinten schienen zwei ein Date zu haben, so angespannt, wie die wirkten. Cifer spazierte hinein als würde ihm der Laden gehören, setzte sich an einen Tisch gegenüber der Bar und winkte einem Kellner. Er bestellte bereits noch bevor Xell platz genommen hatte. Tja, immer noch dasselbe, egoistische Arschloch.

"Ein Bier", sagte er und blickte dann zu Xell.

"Für mich auch."

Die Tüte mit dem Anzug stand neben Cifers Stuhl. Er warf einen kurzen Blick hinein und verzog den Mund.

"Unfassbar, dass ich so viel Geld für etwas ausgegeben habe, das ich gar nicht will", murrte er und irgendwie brachte dieses Murren Xell zum schmunzeln. Es kam selten vor, dass der Größere andere Gefühlsregungen als Desinteresse oder Langweile zeigte.

"Er steht dir", meinte Xell daraufhin. "Ich kann ja dein Bier zahlen, damit es nicht ein totaler Reinfall ist." Noch bevor er den Mund geschlossen hatte, bereute er seine Worte schon. Verdammt, was hatte er sich nur dabei gedacht? Nur irgendwie war heute so ein ereignisreicher Tag und im Laufe dieses Tages hatte er das Gefühl, dass sie sich nun etwas besser verstanden. Aber so, wie der Andere ihn gerade anblickte, täuschte er sich da wohl gewaltig. Erstaunlicherweise reagierte Cifer ganz anders als gedacht.

"Ein Bier ist ja wohl das Mindeste", meinte er und wenn Xell sich nicht irrte, grinste der Andere sogar leicht. "Wie geht es deinem Oberarm?" Verdutzt warf Xell einen Blick auf den Verband.

"Ganz gut. Und selbst? Bauch und Rücken in Ordnung?"

"Ich werd`s überleben", gab Cifer zurück und dieses Mal grinste er wirklich. Breit und – freundlich.

Die Getränke kamen und für ein paar Minuten waren sie still und nippten nur hin und wieder an ihrem Bier. Cifer blickte nach draußen und beobachtete die Menschen, die hin und her hasteten. Xell hingegen blickte den Mann ihm Gegenüber an. Und er wusste überhaupt nicht, wieso. Sein Blick scannte das Gesicht des Größeren, nahm jedes Detail in sich auf. Es ärgerte ihn, dass er nicht einfach wegsehen konnte.

"Was würde deine Freundin nur sagen, wenn sie wüsste, wie du mich gerade ansiehst?", feixte Cifer und wandte sich wieder zu Xell. Dem wiederum rutschte das Herz in die Kniekehle und seine Kehle schnürte sich zu. Oh Gott! Blut schoss in atemberaubender Geschwindigkeit in sein Gesicht und ließ es rot aufleuchten. Scheiße!

"Meine Güte, Hasenfuß, kein Grund, gleich rot zu werden", scherzte Cifer und stieß ein Lachen aus. "Das war nur ein Witz." Sicher, bestimmt war es das. Aber das war nicht der Grund, warum Xell gerade kaum atmen konnte. Es lag vielmehr daran, dass seine imaginäre Freundin es sicher gehasst hätte, solch einen Blick in seinen Augen zu sehen. Denn so, wie er Cifer eben angesehen hatte, sollte er nur eine Freundin ansehen. Wenn überhaupt. Er schluckte trocken und würgte etwas Bier herunter.

"Wer ist sie denn? Also deine Perle?", hakte Cifer nach, wobei er augenscheinlich nichts von Xells inneren Aufruhr mitbekam.

Seufzend nahm der Kleinere noch einen Schluck Bier.

"Ach das war gelogen. Ich habe keine Freundin, wollte mir nur vor dir keine Blöße geben", gestand er zu seinem eigenen Erstaunen. Aber was machte das jetzt noch? Wem wollte er noch etwas vormachen? So durcheinander wie jetzt hatte er sich ewig nicht mehr gefühlt – und dafür gab es nur eine logische Erklärung.

Es folgte eine kurze Stille. Dann führte Cifer das Gespräch fort – ohne nochmal auf das einzugehen, das Xell eben gesagt hatte. Sie unterhielten sich einfach. Wie zwei Menschen, die sich kannten und nicht hassten. Es war ein angenehmes Gespräch. Ohne peinliche Pausen oder ähnlichem.

Zurück im Garden parkten sie den geliehenen Wagen in der Tiefgarage und Xell wollte diese auch sofort verlassen, als Cifer ihn plötzlich am Handgelenk packte.

"Was-?"

"Pssst", machte Cifer und zog den Kleineren hinter ein Auto. Sie hockten still nebeneinander, Xells Atmung war flach und unregelmäßig, weil er nicht verstand, was gerade passierte. Er sah, wie der Mann neben ihm um das Auto herum linste und dann einen Fluch zischte. Er wandte sich wieder zu Xell und wirkte dabei sehr verärgert.

"Wir hätten einfach schneller gehen sollen", knurrte er.

"Wieso?", hauchte Xell verwirrt.

"Sieh selbst." Der Größere wich ein Stück zur Seite und Xell konnte um das Auto herum gucken. So ziemlich am anderen Ende der Garage waren zwei Gestalten auszumachen. Die eine erkannte er sofort, es war Quistis. Die andere, ein Mann, kannte er gar nicht. Was allerdings auch völlig irrelevant war, denn die beiden knutschten heftig und zogen sich dabei aus.

Bleich wandte er sich ab.

"Na ganz toll", zischte er. "Wo sind die überhaupt auf einmal hergekommen?"

"Aus dem Auto, an das er sie gerade presst", erklärte Cifer. "Sie sind ausgestiegen, als wir gerade durch die Tür gehen wollten."

"Und warum haben wir uns dann versteckt?"

"Weil ihre Brüste als erstes ausgestiegen sind", maulte Cifer. "Etwas, das ich nie habe sehen wollen. Es war ein Reflex. Vielleicht nicht meine beste Idee. Sorry."

Xell konnte es nicht fassen; der arrogante, eingebildete Cifer Almasy hatte sich soeben bei ihm entschuldigt.

"Äh … wohl nicht", erwiderte er in dem Moment, in dem das Stöhnen einsetzte und durch die Garage hallte.

"Nicht dein Ernst", maulte Cifer. "Okay, wir müssen hier raus. Also ich muss definitiv raus. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht."

"Nicht viel anders", gab Xell zu. Sie schielten wieder hinter dem Auto hervor und warteten eine günstige Gelegenheit ab. Die kam, als Mister Unbekannt ihre ehemalige Ausbilderin herumdrehte. Schnell huschten sie auf leisen Sohlen durch die Tür und aus der Garage raus.

Erst als sie wieder mitten im Garden standen, atmeten sie erleichtert aus. Dann sahen sie sich an und fingen einfach an zu lachen.

"Scheiße, das war echt zu viel", lachte Cifer und strich sich durch die Haare.

"Dem kann ich nur zustimmen."

Xell sah, wie sein Gegenüber kurz zögerte, ehe er fragte: " Noch einen Absacker? Auf den Schrecken?"

Schon wieder zog sich Xells Brust zusammen. Sein kleines, überfordertes Herz hämmerte gegen seine Rippen. Es tat fast ein wenig weh. Das war nicht gut. Das war überhaupt nicht gut.

"Äh … die Bar hat schon zu", erwiderte er mit einem Blick auf seine Armbanduhr. Es war fast elf. Seltsamerweise sorgte das nur für ein breites Grinsen im Gesicht des Anderen. Ein Anblick, der bei Xell für ein lautes Rauschen in den Ohren sorgte.

"Ich habe meine eigene kleine Bar im Zimmer. Da ist sicher auch was für dich dabei."

Langsam nickte der Kleinere schließlich. Es war nur ein Drink. Und das hier war immer noch der ehemalige Hexenritter, der fast geholfen hätte die Welt zu zerstören. Xell hasste ihn. Natürlich tat er das. Als ob ein Tag, an dem sie sich ganz gut verstanden, irgendetwas daran ändern könnte.

Oder … ?

"Wo ist eigentlich deine Tüte?", fragte er als sie sich in Bewegung setzten und er merkte, dass der Andere nichts mehr in den Händen hielt."Ach scheiße! Die steht noch hinter dem Auto, hinter dem wir uns versteckt haben", fluchte Cifer ehe er seufzte. "Egal. Ich hole sie morgen."

Hoffentlich ist sie dann noch da, schoss es Xell nur durch den Kopf.

Cifer Zimmer sah vom Aufbau aus wie jedes andere Seed-Zimmer. Es war ziemlich spartanisch eingerichtet und das einzige Individuelle war die Gunblade, die neben dem Schrank an der Wand lehnte.

"Du hast ein Seed-Zimmer?", entwich es Xell überrascht. Cifer, der bereits eine Flasche aus dem Schrank holte, nickte.

"Ja. Edea war so freundlich, den Direktor davon zu überzeugen, mir eines zu geben." Eine Antwort, die Xell fast noch mehr überraschte. Nicht, dass ihre Mama sich für Cifer eingesetzt hatte, das passte zu ihr; nein, dass der Größere ehrlich und ohne Schalk in der Stimme antwortete.

"Wa … Warum bist du auf einmal so nett?", krächzte er schließlich als der Andere ihm ein Glas Whisky reichte. Nachdenklich ließ Cifer seinen Drink im Glas kreisen.

"Keine Ahnung", gab er dann zurück und sah in unglaublich blaue Augen. Er wusste es wirklich nicht. Alles, was er wusste war, dass er diesen Tag gerne noch etwas strecken wollte. Und seitdem er wusste, dass es da keinen Freundin gab, fühlte sich ihre heutige Zeit zusammen irgendwie eine Spur anders an.

Wortlos tranken sie dann. Bestimmt war das in seinem Glas ein guter Whisky, aber Xell kannte sich mit so etwas einfach mal null aus. Deswegen leerte er seinen Drink und hielt dann das leere Glas in beiden Händen.

"Noch einen?", fragte Cifer bei einem Blick drauf.

"Wirst du mit der Verkäuferin ausgehen?" Die Frage rutschte Xell einfach so heraus und er hätte sie Sekunden später gerne wieder zurückgenommen. Verdammt! Ob der Alkohol seine Zunge zu sehr gelockert hatte? So viel hatte er nun wirklich noch nicht getrunken.

Beschämt fuhr er sich durch die Haare, lachte dümmlich und versuchte sich dabei vom Bett, auf dem sie gesessen hatten, zu erheben.

"Vergiss die Frage. Danke für den Drink." Er hielt das leere Glas kurz hoch ohne dem Anderen nochmal in die Augen zu sehen, stellte es dann auf dem Tisch ab und flüchtete quasi aus dem Zimmer. Während er mit wild hämmerndem Herzen in sein Zimmer eilte, merkte er, dass sie gar nicht so weit auseinander wohnten. Oh man.

Lange lag er wach, die Augen an die Decke gerichtet. Es war dunkel in seinem Zimmer. Durch einen Spalt im Vorhang fiel bloß ein Streifen Mondleicht herein. Irgendwann in den frühen Morgenstunden schlief er schließlich ein. Wobei sein Herz nicht aufhörte, wild zu schlagen.

Cifers Nacht sah ein wenig anders aus. Als Xell quasi aus seinem Zimmer gestürmt war, hatte er entspannt ausgetrunken, sich ein zweites Glas eingegossen und nach dem Genuss dieses Drinks war er zurück in die Garage gegangen um seinen Anzug zu holen. Die Tüte war noch da – und was noch viel besser war: die beiden anderen nicht mehr. Einen Moment stand er an ein Auto gelehnt da, die Tüte in der linken Hand, und starrte die Motorhaube an, über der Quistis gelehnt hatte. Nein, das war wirklich nichts, was er je hatte sehen wollen. Warum beschäftigte es ihn dann so? Vielleicht wegen Hasenfuß? Weil er bei ihm gewesen war?

Er wusste es nicht. Immer noch nachdenklich kam er zurück in sein Zimmer, schloss die Tür hinter sich ab und seufzte. Da war er mal nett gewesen und die Leute rannten vor ihm weg. War er nicht nett, mieden sie ihn auch. Egal wie er es machte, er machte es falsch. Was an dieser Stelle schade war, wenn er ehrlich zu sich war. Denn dieser Tag mit Hasenfuß war unterhaltsam gewesen.

Nie hätte er gedacht, dass dieser lebhafte, überdrehte Typ so stark war. Cifer hatte ihm wenig entgegenzusetzen gehabt. Es war fast ein wenig erschreckend.

Und dann dieser Blick aus tiefblauen Augen, als er im Anzug aus der Umkleide getreten war. Oder die Art, wie er ihn in der Bar angesehen hatte. Anfangs hatte er wenig damit anfangen können. Schließlich war es Hasenfuß, der ihn so ansah. Ehrlich gesagt wusste er auch jetzt wenig damit anzufangen. Er wusste bloß, dass er es irgendwie als aufregend empfunden hatte, so von ihm angesehen zu werden.



Der Tag des Festes. Selphie scheuchte jeden der wollte und jeden der nicht wollte, herum. Alles musste perfekt sein. Cifer war ebenfalls in diesem Strudel gelandet. Nur ausversehen, denn sie hatte ihn beim Frühstück abgepasst. Xell ging es ähnlich. Den ganzen Tag musste er Stühle schleppen, Deko irgendwohin stellen, Buffettische aufbauen und und und. Für ihn die perfekte Ablenkung. Denn bei dem Gedanken an den gestrigen Tag sowie den Abend wurde ihm immer noch ein wenig schlecht. Er hatte sich wie der letzte Idiot benommen. Wie ein verliebter Trottel – dabei war er weder das eine noch das andere. Gut, ab und an benahm er sich schon ein bisschen wie ein Trottel, aber doch nie so schlimm.

Es beschäftigte ihm so sehr, dass er sich kurzfristig sogar noch eine Begleitung für das Fest suchte. Das Fest begann um fünf und er fragte Ciara Minler gegen kurz nach halb fünf ob sie denn schon eine Begleitung hatte. Ciara war erst seit wenigen Monaten eine Seed, trotzdem kannte sie fast jeder. Denn sie sah umwerfend aus mit ihren langen, kastanienbraunen Locken, dem engelsgleichen Gesicht und dem durchtrainierten Körper. Xell war immer fasziniert von ihr gewesen, außer heute. Er konnte es sich nicht erklären, aber sie zu fragen war ihm leichter gefallen als gedacht. Eigentlich hatte er auch mit einer Absage gerechnet, schließlich war sie eine Schönheit und das blöde Fest begann quasi gleich. Doch er irrte sich, denn sie sagte zu und erklärte ihm, unnötiger weise sei dazu gesagt, dass sie bisher noch niemand gefragt hatte. Wahrscheinlich hatten sie alle schiss.

Die beiden verabredeten sich für fünf Uhr am Saaleingang. Etwas besser gelaunt eilte er zurück in sein Zimmer. Dabei rannte er auch an Cifer vorbei, der ziemlich entspannt ebenfalls in Richtung Schlafräume ging. Diese kurze Sekunde, die er brauchte um den Anderen zu passieren, fühlte sich an wie eine kleine Ewigkeit. Wieder fiel ihm das Atmen schwerer und er wünschte sich, zu verstehen, wieso.

Cifer ging wie geplant alleine zu der Veranstaltung, auf die er übrigens immer noch keine Lust hatte. Der Anzug saß wie angegossen und er sah super darin aus, aber irgendwie kam er sich bescheuert vor. So ganz ohne Xell, der ihn quasi dazu genötigt hatte, dieses blöde Teil zu kaufen, fühlte es sich nicht richtig an, ihn zu tragen.

Und dann kam dieser Idiot tatsächlich noch in Begleitung. Er hatte doch gesagt, die Freundin sei erfunden. Hatte er da gelogen? Oder davor? Wer war die Perle? Gut, Cifer wusste natürlich, wer Ciara Minler war, jeder wusste das, aber … bis zu diesem Augenblick hatte er nicht mal gewusst, dass die beiden schon mal ein Wort gewechselt hatten. Dieser Anblick verschlechterte seine Laune ungemein. Obwohl das Fest perfekt lief. Selphie hätte es sich nicht besser wünschen können. Die Deko sah super aus, das Essen war lecker und die Band wirklich gut. Alles Dinge, die Cifer aktuell wahnsinnig nervten.

Er aß etwas, gönnte sich ein paar Spring-Flings (ein Cocktail, den sich Rinoa ausgedacht hatte und der erstaunlich gut schmeckte) und unterhielt sich kurz mit Fu-Jin und Ra-Jin ehe er ohne sich nochmal umzublicken wieder ging. Er blickte sich aus einem ganz bestimmten Grund nicht um: er wollte nicht sehen, wie Xell mit seiner schönen Begleitung tanzte. Dieses Bild wäre ihm einfach ein Dorn im Auge – wer wusste schon, wieso?

Der Faustkämpfer merkte nicht, wie Cifer verschwand. Dafür war er viel zu beschäftigt damit, Ciara wieder loszuwerden. Sie sah zwar wahnsinnig gut aus, aber das war's auch schon. Er war selten einem langweiligeren Menschen begegnet. Erleichtert hatte er sie schließlich seinen Freunden vorgestellt und freute sich ungemein, als Rinoa sie gleich in ein Gespräch verwickelte. Gott sei Dank. Er sprach mit Squall und Irvine, die beide wissen wollten, wieso er sich gestern mit Cifer geprügelt hatte.

"Ihr wolltet doch, dass ich ihn überzeuge, einen Anzug zu tragen. Tja, er meinte, nur, wenn ich in einem Trainingskampf gegen ihn gewinne", erklärte er und konnte nicht verhindern, dabei zu grinsen.

"Männer", schnaubte Selphie und verdrehte die Augen. Squall und Irvine lachten.

"Großartig. Und du hast ihn fertig gemacht?" Xell nickte langsam.

"Na ja, es war ein harter Kampf, aber ich habe gewonnen", meinte er und klang ein wenig stolz.

"Hat sich auf jeden Fall gelohnt", sagte Selphie während sie an ihrem Drink nippte. "Er hat echt gut aussehen in dem Anzug."

"Hat?", echote Xell irritiert.

"Er ist doch vorhin gegangen. Ist bestimmt schon 'ne Stunde her", erklärte Rinoa, wobei sie kurz ihr Gespräch mit Ciara unterbrach. Die nutzte den Moment und hakte sich bei Xell unter.

"Wollen wir nochmal tanzen gehen?", fragte sie mit Schmollmund. Er hätte sie am liebsten abgeschüttelt. Doch dafür war er wohl einfach zu nett. Obwohl sie ihn gerade mega nervte. Außerdem wollte er nach Cifer suchen. Ein Impuls, den er kaum unterdrücken konnte. Warum war der Andere schon gegangen? Klar, er war ihm aus dem Weg gegangen – nach gestern war ihm quasi nichts anders übrig geblieben um sein Gesicht zu wahren, aber … dennoch war es ein beruhigender Gedanken gewesen zu wissen, dass er auch hier war.

"Ich muss mal kurz um die Ecke", erwiderte er bloß, entzog seinen Arm ihrer Umklammerung und grinste seinen Freunden zu ehe er aus dem Saal schlüpfte. Er hatte einfach nur weggewollt. Weg von dieser anstrengenden Frau. Und hin zu jemandem, mit dem er sich erstaunlich gut verstand. Ob er sich traute, ihn zu suchen? Der gestrige Tag war ihm immer noch peinlich. Mehr als das. Gerade deswegen sollte er ihn suchen. Und sich mit ihm unterhalten. Vielleicht … vielleicht würde er sich dann nicht mehr so beschämt fühlen wenn er in seiner Nähe war.

"Warum bist du denn schon gegangen?", wisperte er und fuhr sich durch seine leicht gegelten Haare. Dadurch verloren sie ihren Halt, was ihn gerade so gar nicht juckte. Ungewöhnlich – seine Frisur war ihm immer sehr wichtig gewesen.

Er suchte überall. Außer in den Zimmern. Aber es behagte ihm nicht, bei dem Anderen an der Tür zu klopfen. Es wäre unangebracht, fand er. Und nicht nötig, stellte er fest als er ihn in der Übungshalle fand. Er kämpfte gerade gegen einen Gratt, beziehungsweise schlitzte ihn mit seiner Gunblade in zwei Teile. Zufrieden drehte er sich herum und entdeckte dabei Xell.

"Hasenfuß, was machst du denn hier?" Was für eine Begrüßung. Trotzdem musste der Faustkämpfer grinsen.

"Du hast den Anzug ruiniert", gab er zurück.

"Als ob mich das jucken würde", erwiderte Cifer trocken, wobei ein amüsierter Unterton in seiner Stimme mitschwang. Xell kam nie dazu, etwas zu erwidern, denn sie wurden von einem weiteren Gratt angegriffen. Ohne zu zögern begannen beide, das Monster zu bekämpfen. Es war nicht sonderlich stark und schnell besiegt.

Danach wechselten sie einen Blick und Xell biss sich dabei kurz auf die Unterlippe.

"Wieso willst du eigentlich keine Seed-Prüfung ablegen?", traute er sich zu fragen. Eine Frage, die ihn zwar interessierte, aber nicht so sehr, dass er sie überhaupt hatte stellen wollen. Und jetzt war sie ihm einfach in den Kopf gekommen und er hatte sie ausgesprochen. Wie dumm von ihm.

Als hätte er einen Schalter umgelegt, verdüsterten sich Cifers Gesichtszüge.

"Das geht dich nichts an, Hasenfuß." Jetzt klang er wieder kühl und unnahbar wie immer. Super, Xell, du bist echt ein Held.

"Sorry", nuschelte er beschämt und kaute wieder auf seiner Unterlippe. "Es geht mich wirklich nichts an. Ich habe mich eigentlich nur gewundert, warum du so schnell vom Fest verschwunden bist." Alter, das waren Themensprünge … aber er konnte einfach nicht klar denken, wenn er in Cifers Nähe war. Nur der Teufel wusste, wieso.

Wieder etwas entspannter sah der Größere ihn an. "Ich bin überrascht, dass es dir überhaupt aufgefallen ist. Ich hätte gedacht, deine hübsche Begleitung hätte dich vollends abgelenkt." Perplex blinzelte der Faustkämpfer. Was war das für ein Unterton, der da eben mitgeschwungen war?

"Das ist aber auch alles, was die gute Frau ist", ächzte Xell genervt. "So ein langweiliger Mensch ist mir ja noch nie untergekommen." Cifer stieß ein lautes Lachen aus. "Ich sag's dir, würde man mich mit der Frau irgendwo einsperren, das wären Höllenqualen." Der Größere lachte noch mehr. Dabei klopfte er sich etwas Staub vom zerfetzten Anzug. Der rechte Ärmel hing nur noch an zwei Fäden, der linke war samt Hemd in Fetzen. Die Hose hatte zwei große Risse und die Schuhe waren voller Schlamm. Klopfen brachte da also eigentlich eher wenig.

Sie wurden von einem weiteren Gratt attackiert, mit dem sie kurzen Prozess machten. Dann meinte Xell: "Wollen wir woanders hin? Hier wird man ja ständig unterbrochen." Obwohl er lachte, fühlte er sich wieder super nervös. Alles, was er eben gesagt hatte, könnte genauso gut als Flirtversuch ausgelegt werden. Seine Angst, ausgelacht zu werden, war jedoch unbegründet, denn Cifer nickte.

"Komm mit, ich habe was Interessantes gefunden." Gut gelaunt eilte er voran und führte Xell zu dem Balkon hinter der Übungshalle. Der geheime Ort für Pärchen. Was wollte er hier?

Unsicher blickte der Kleinere sich um, unwissend, was er jetzt tun sollte.

"Schau mal." Cifer hatte sich zu einer Bodenplatte gebeugt und diese herausgehoben. Zum Vorschein kam ein Vorrat an Bier und einigen Spirituosen.

"Was ist das denn?"

"Ich vermute mal, es ist der Vorrat eines Anwärters – die haben ja noch kein eigenes Zimmer", meinte Cifer und holte zwei Bier hervor. "Umso besser für uns." Er öffnete beide Flaschen und reichte Xell eine davon.

Stumm tranken sie, während der Kleinere mit sich haderte endlich auszusprechen, was ihm so auf der Seele lag. Eigentlich hatte er nie Probleme, Dinge auszusprechen. Er war eben der impulsive, offene Typ. Aber nicht bei Cifer. Sie beide hassten sich schon ewig. Sowas verschwand doch nicht über Nacht - oder?

"Wegen gestern-", setzte er an, wurde jedoch sofort unterbrochen.

"Ich werde nicht mit ihr ausgehen", sagte Cifer ohne Xell anzusehen. Natürlich nicht, ergänzte er in Gedanken. Was sollte er mit der Perle, wenn er gerade vollends verwirrt war durch jemand ganz anderen?

"Sorry, dass ich überhaupt gefra-", wollte Xell sich entschuldigen, wurde jedoch erneut unterbrochen. Durch einen Finger, der plötzlich seine linke Wange berührte.

Nachdenklich fuhr Cifer das Tattoo auf Xells linker Gesichtshälfte nach.

"Hat das eigentlich wehgetan?", fragte er, doch die Worte kamen kaum bei dem Kleineren an. Dafür war er sich der Berührung zu sehr bewusst. Nervosität ergriff Besitzt von ihm. So sehr, dass seine Hand zitterte, als er die Bierflasche an seine Lippen führte. Geräuschvoll schluckte er einen Schluck Bier herunter.

"Ich würde gerne nein sagen, aber die Wahrheit ist, dass es echt eine unangenehme Stelle für ein Tattoo ist", gestand er ehrlich. Es hatte sogar verdammt wehgetan und er hatte sich währenddessen an die Hundert Mal gefragt, was er Idiot da eigentlich machte.

"Hat es eine Bedeutung?"

"Nicht wirklich. Ich fand es einfach nur cool". Seine Antwort ärgerte ihn quasi sofort. Gleich würde Cifer sich über ihn lustig machen. Lachen, und ihm sagen, wie dumm und überhaupt nicht cool es doch aussah. Überraschenderweise kamen diese Worte nicht. Stattdessen verschwand der Finger von seinem Gesicht, was er tatsächlich ein bisschen schade fand, und Cifer entgegnete etwas ganz anderes.

"Ich habe auch eins", sagte er langsam. "Artemisia hat es mir auf die Haut gezaubert, als ich ihr Hexenritter war." Erschrocken zuckte Xell und sah den jungen Mann neben sich von der Seite an. "Es ist nicht hässlich oder so, aber es wird mich ewig daran erinnern, was ich getan habe."

Diese Worte änderten die Stimmung schlagartig. Von locker und witzig zu schwer und drückend. Xell schluckte und unterdrückte den Impuls, Cifer eine Hand auf die Schulter zu legen.

"Wo", setzte er krächzend an. "Wo ist es denn?"

Wortlos drehte Cifer sich herum, pulte das zerrissene Hemd aus seiner Hose, öffnete es und schob es sich von den Schultern sodass es in seinen Armbeugen liegen blieb.

Xell keuchte bei dem Anblick auf. Auf dem breiten Rücken des Größeren prangten zwei Engelsflügel die sich kreuzten – ein weißer und ein schwarzer. Da drunter ein großer, blauer Fleck. Der war wohl seine Schuld …

"Oh", machte er und hob mitangehaltenem Atem die Hand um das Tattoo vorsichtig zu berühren. Sachte zog er die Linien mit den Fingern nach und beobachtete, dass sich dabei eine Gänsehaut auf Cifers Haut bildete. Weil es kalt war? Oder weil er ihn berührte? Ohne darüber nachzudenken, legte er schließlich beide Hände auf den Rücken des Anderen und lehnte seine Stirn dazwischen.

"Es sieht … gar nicht so schlimm aus", flüsterte er heiser.

Was machte er da? Was zur Hölle tat er?! Scheiße!

Schlug ihm das Herz erst bis zum Hals, setzte es ganz aus, als Cifer sein Hemd wieder hochzog und somit Xells Berührung beendete. Oh Gott! Wie peinlich.

Der zog sich beschämt zurück und überlegte ernsthaft, einfach wieder abzuhauen.

"Denk nicht mal daran, wieder abzuhauen, Hasenfuß", schnarrte der Größere und drehte sich um. Das Hemd war noch offen und Xell konnte einen weiteren, riesigen Bluterguss auf der rechten Bauchhälfte sehen.

"Das tut mir leid", wisperte er abgehackt und tippte mit einem zittrigen Finger sanft gegen die Verletzung. Diese Hand fing Cifer ein, indem er das Gelenk umfasste.

"Mach dir keinen Kopf. Ich bin ein großer Junge und die kleine Wunde wird mich nicht umbringen." Seine Stimme war dunkel, als er das sagte. Und Xell konnte ihn dabei nicht ansehen. Sein Blick klebte an dem blauen Fleck.

"Ich wollte gar nicht -."

"Abhauen?", vervollständigte Cifer. "Sicher wolltest du das. Du haust immer ab, wenn es ungemütlich oder schwierig wird."

Xell würgte einen gefühlten Geröllfelsen hinunter und presste die Lippen zusammen.

"Empfindest du es etwa nicht als – unangenehm?"

"Es?"

Nun, endlich, hob Xell den Kopf und blickte in dunkelblaue Augen, die ihn einfach nur musterten.

"Na hier so zu … stehen und … ach keine Ahnung!" Schwer atmend löste er sich aus dem Griff des Anderen und machte zwei Schritte weg. "Was ist das? Du bist … du bist ein egoistisches Arschloch! Du nennst mich immer Hasenfuß und beleidigst mich auch sonst. Wieso zur Hölle bist du gerade so widerlich nett zu mir?!"

"Du bist doch auch nett zu mir", gab Cifer neutral zurück.

"Na und? Ich bin ja auch ein netter Mensch. Du hingegen-."

"Ich bin es nicht", ergänzte der Größere leise. Er machte einen kleinen Schritt auf Xell zu. "Und um deine Frage zu beantworten: ich empfinde es als unfassbar verwirrend. Aber nicht als unangenehm. Ganz und … gar nicht." Leise endete er und blieb dann wieder direkt vor dem Kleineren stehen. "Du bist ganz anders als ich immer dachte", flüsterte er ehrlich. So etwas Ehrliches hatte er noch nie zu irgendjemandem gesagt. Generell war er nicht der Typ für emotionale Worte. Auch hier fühlte es sich ungewohnt an, das alles auszusprechen. Aber er hatte das Gefühl, er musste es loswerden. Denn die Wahrheit war, er wollte nicht, dass der Andere ging.

Vorsichtig hob er die rechte Hand und strich nochmal sanft mit den Fingern über Xells Tattoo. Dabei folgte er den Fingern mit dem Blick um dem Faustkämpfer nicht in die Augen sehen zu müssen. Er hätte es ohnehin nicht gekonnt.

"Ich fand dieses Tattoo immer lächerlich", gestand er leise. "Dich fand ich immer ein wenig lächerlich." Xell hätte ihm für diese Worte am liebsten eine gelangt, aber im Gegensatz zu ihrem Inhalt wurden sie sanft und mild ausgesprochen, weswegen er sich einfach nicht rühren konnte. "Aber jetzt …"

Er fuhr nicht fort, sondern lenkte seinen Blick in blaue Augen, die ihn nur anstarren konnten. Weil Xell in diesem Moment zu nichts anderem in Lage war. Sie waren sich so nah und das brachte ihn durcheinander. Außerdem war ihm gleichzeitig heiß und kalt.

"Ich … ich muss zurück zum … Fest", würgte er hervor, rührte sich jedoch kein Stück.

"Okay", wurde erwidert und Cifer senkte die Hand wieder. Auch er bewegte sich nicht. Dicht voreinander standen sie da und sahen sich an. Xell für seinen Teil konnte kaum atmen. Er versuchte sich zu zwingen, sich zu bewegen, aber kein Muskel rührte sich in seinem Körper. Sein Gegenüber war vollends damit beschäftigt, ruhig zu atmen. Er war kein Mensch, der überschwängliche Gefühle zeigte, auch jetzt nicht, wo es so aussah, als würde hier gleich etwas geschehen, mit dem er nie im Leben gerechnet hatte. Gegen das er hier und jetzt allerdings nichts einzuwenden hatte.

"Okay", wiederholte er leise. "Ciara wartet sicher schon."

"Ciara …?", flüsterte Xell fragend, während er sich langsam streckte. Seine rechte Hand landete unbeabsichtigt auf der Brust des Anderen. Cifers Haut war warm und weich. Und immer noch von einer leichten Gänsehaut überzogen. In seinem Kopf herrschte heilloses Chaos. Etwas, das er ausblendete, als er die Lippen des Größeren traf.

Es war ein langer Kuss. Allerdings völlig unschuldig. Cifer legte irgendwann seine Hand auf Xells Unterarm und erwiderte diese süße Zärtlichkeit. Etwas, das er weder kannte noch je vermisst hatte, das ihm jedoch so dermaßen die Brust zuschnürte, dass er ein leises Seufzen nicht verhindern konnte.

Als sie sich lösten, konnten sie sich nur anstarren. Bis Xell stotterte: "F … Fest …" Und dann rannte er – mal wieder – weg.

Cifer blieb wie angewurzelt stehen, fast atemlos, und versuchte sich zu sammeln. Ein Kuss. Ein zärtlicher Kuss. Er tauschte keine zärtlichen Küsse. Niemals. Das war nicht sein Ding. Er knutschte und hatte Sex.

Nur irgendwie war das eben … total seins gewesen. Ein Kuss mit Hasenfuß. Oh man …



Keuchend schlug Xell seine Zimmertür zu. Natürlich war er nicht zurück zum Fest gerannt. Als ob er jetzt die Gesellschaft von irgendwem ertragen hätte.

Er fuhr sich immer und immer wieder durch die Haare. Dabei bollerte sein Herz wie wild gegen seinen Brustkorb. Sie hatten sich geküsst. Ein echter Kuss. Mit einem Mann. Mit Cifer Almasy.

Er wusste aktuell nicht, wo oben und wo unten war. Alles, was er wusste, war, dass er es wiederholen wollte. Scheiße!

Fluchend ging er in seinem Zimmer auf und ab. Er war weggerannt. Natürlich war er das. Wie hätte er da stehenbleiben und in diese tiefen Augen blicken können? Dabei hätte er ihn doch nur wieder geküsst. Und das durfte nicht nochmal passieren!
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