Zeit der Schatten

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
02.08.2018
01.09.2019
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Fünfter Teil: Der Kampf


7. Kapitel


Der Wind fuhr durch Goldflammes Pelz und brachte sie zum Frösteln, während sie über das Moor stürmte. Der Himmel war grau und wolkenbedeckt, nur durch ein kleines Loch drangen die Sonnenstrahlen zu ihr hinunter. Mehr oder weniger geschickt wich die Kätzin Heidekraut- und Ginstersträuchern aus und ignorierte den Schmerz, wenn sie doch einmal an einem dornigen Ast entlangkratzte. Schneller, schneller!, spornte sie sich selber an. Ich muss Tauschweif retten!
Den Weg zum WindClan-Lager kannte sie zum Glück schon und bald konnte sie den Ginsterwall auch schon erkennen. Eine langhaarige, graue Kätzin hielt davor Wache. Es war Heidesturm. Die Kriegerin riss überrascht die dunkelblauen Augen auf, als sie Goldflamme entdeckte.
Mit drei Sprüngen war die goldene Kätzin beim Wall angekommen und kam schlitternd vor Heidesturm zum Stehen. Noch bevor die WindClan-Kriegerin irgendetwas sagen konnte, keuchte sie: „Ich muss sofort mit Federstern sprechen!“ Oh SternenClan, bitte mach, dass Federstern da ist!
Die Verwunderung stand der Grauen ins Gesicht geschrieben, aber sie erkannte, dass es dringend war. „Komm mit“, sagte sie knapp und drehte sich um.
Goldflamme folgte ihr durch den gewundenen Tunnel und trat hinter ihr auf die Lichtung. Wie bei ihrem ersten Besuch waren alle Blicke auf sie gerichtet, aber diesmal waren sie nicht feindselig, sondern eher überrascht und neugierig.
„Federstern!“, jaulte Heidesturm.
Keinen Herzschlag später kam die silberne Anführerin aus ihrem Bau. „Goldflamme! Was machst du hier?“, wollte sie wissen.
Höflich neigte die Goldene den Kopf vor ihr. Dann berichtete sie Federstern, was passiert war. „Wir müssen sofort angreifen“, endete sie. „Wir müssen Schattenstern überraschen und verhindern, dass sie Tauschweif, Rindenfell und Streifenblatt etwas antut!“
„Du hast recht“, erwiderte die Silberne. „Rostkralle!“, rief sie ihren Zweiten Anführer zu sich. „Was schlägst du vor?“
Der rote Kater ließ seinen Blick über die Katzen in der Senke gleiten. „Ich denke, es ist am besten, wenn zuerst eine kleine Patrouille ins DonnerClan-Lager kommt und mit Schattenstern spricht. Ich glaube zwar kaum, dass sie freiwillig zurücktritt, wenn wir sie darum bitten. Aber vielleicht stellen sich so viele DonnerClan-Katzen auf unsere Seite, dass sie Angst bekommt und flieht. Außerdem sollten wir vor dem Kampf klarstellen, dass wir nicht gegen den DonnerClan, sondern gegen Schattenstern und die Streuner kämpfen.“ Er sah seine Anführerin an.
„Das ist eine gute Idee, Rostkralle“, meinte diese. „Goldflamme wird diese Patrouille anführen.“
„Ich?“, fragte die goldene Kätzin erstaunt. Federstern hat doch gesagt, dass der WindClan den Angriff anführen wird!
„Natürlich“, miaute die Silberne. „Der SternenClan hat schließlich dir den Auftrag gegeben, Schattenstern zu vertreiben!“
Da hörten sie Pfotengetrappel und gleich darauf kamen drei Katzen ins Lager gerannt. Tiger, Kieselschatten und Lavendel!
Verwundert zog Federstern die Augenbrauen hoch. „Solltest du nicht vor dem Lager Wache halten, Heidesturm?“, fragte sie die graue Kätzin, die die ganze Zeit neben ihr gestanden und zugehört hatte.
„Oh, ja, tut mir leid“, miaute diese verlegen und verschwand im Ginstertunnel.
„Haben wir was verpasst?“, fragte Lavendel an ihre Freundin gewandt, nachdem sie vor der Anführerin respektvoll den Kopf geneigt hatte.
Während Goldflamme ihren Freunden rasch den bisherigen Plan erklärte, wählten Federstern und Rostkralle die Krieger für ihre Patrouille aus.
„Rotginster, Nachtflamme, Frostpelz und ich werden dich begleiten“, teilte die Anführerin der Goldenen mit. „Und Kieselschatten kommt am besten auch mit.“
„Kann ich auch mitkommen?“, fragte Moorpfote aufgeregt. Goldflamme hatte ihn vorher gar nicht bemerkt, aber jetzt stand er mit leuchtenden Augen neben ihr und sah die silberne Anführerin hoffnungsvoll an.
Federstern musterte ihn kurz und sagte dann: „Brisenpfote und du, ihr werdet zu Rostkralles Kampftrupp gehören. Außerdem kommen Heidesturm, Schneeblüte, Laubfuß, Regensprung, Zedernglanz und Grauschwinge mit.“ Die genannten Katzen erhoben sich und versammelten sich um ihre Anführerin.
„Sind das dann nicht zu wenige Krieger, um das Lager zu beschützen?“, fragte Apfelglanz. „Häherfell und ich sind die einzigen unverletzten Katzen!“ Erschrocken stellte Goldflamme fest, dass die hellbraun gefleckte Kätzin recht hatte. Federstern muss dieser Angriff wirklich wichtig sein, wenn sie so wenige Krieger im Lager zurücklässt!, schoss es ihr durch den Kopf.
„Ich kann im Notfall auch kämpfen!“, rief eine grauweiß gefleckte Älteste.
„Der Notfall wird nicht eintreten, Ginsterflügel“, erwiderte die Silberne. „Wer sollte uns schon angreifen? Der DonnerClan wird in seinem eigenen Lager beschäftigt genug sein!“ Sie ließ ihren Blick über ihren Clan schweifen. „Und jetzt sollten wir aufbrechen, bevor es für Tauschweif, Rindenfell und Streifenblatt zu spät ist“, fügte sie grimmig hinzu.

Schweigend liefen die Katzen über das Moor. Das Loch in der Wolkendecke hatte sich geschlossen und die mittlerweile dunkelgrauen Wolken wirkten unheimlich und beinahe bedrohlich. Der Wind war stärker geworden und peitschte über die ungeschützte, offene Fläche. Es wird regnen, stellte Goldflamme fest. Die Luft schien zum Zerreißen gespannt und niemand sagte ein Wort, so als könne ein zu lautes Geräusch eine Katastrophe auslösen.
Während sie Federstern folgte, dachte sie über das nach, was Kieselschatten vorher zu ihr gesagt hatte. Entweder Tiger oder ich. Du musst dich entscheiden!
Ja, sie musste sich entscheiden. Aber für wen? Sie erinnerte sich an die vorletzte Nacht, als sie zu dem Schluss gekommen war, dass Kieselschatten rein theoretisch die bessere Wahl war. Mittlerweile war sie sich sicher, dass Tiger sie liebte. Sonst würde er sich nicht ständig mit Kieselschatten um mich streiten.
Goldflamme ertappte sich dabei, wie sie schnell dachte, so als hätte sie nicht mehr viel Zeit, um sich zu entscheiden. Das stimmt ja auch, schoss es ihr durch den Kopf. Möglicherweise wird einer vor den beiden den Kampf nicht überleben. Sie erschrak selbst über diesen Gedanken, aber sie musste sich eingestehen, dass es die Wahrheit war. Die Streuner waren gnadenlose Kämpfer, die das Töten nicht scheuten.
Aber für wen soll ich mich denn jetzt entscheiden?, kehrte sie zu ihrem eigentlichen Thema zurück. Kieselschatten oder Tiger? Sie dachte an das Treffen mit Kieselschatten zurück. An die warme Freude, als sie sich an ihn geschmiegt hatte. An das wohlige Kribbeln, als sie aneinander gekuschelt dagesessen hatten. Dann an den Ärger, den sie verspürt hatte, als Tiger aufgetaucht war und ihre Zweisamkeit gestört hatte.
„Dort vorne ist die Grenze“, riss Lavendel sie aus ihren Gedanken.
„Ab jetzt müssen wir vollkommen still sein“, meinte Federstern, aber das wäre nicht nötig gewesen. „Goldflammes Patrouille geht vor, Rostkralles Trupp kommt nach und wartet, wenn alles glatt läuft und niemand entdeckt wird, vor dem Lager. Sobald Goldflamme „Angriff!“ ruft, kommt er ebenfalls hinein.“
„Und wenn wir entdeckt werden?“, fragte Moorpfote ängstlich.
„Dann werden wir uns den Weg freikämpfen müssen“, antwortete die Anführerin entschlossen. Dann lief sie auf die Grenze zu, die anderen Katzen folgten ihr.
„Kieselschatten, warte!“, hielt Goldflamme den getigerten Kater auf.
„Was ist?“ Seine bernsteinfarbenen Augen sahen sie fragend an.
Das Herz der Goldenen klopfte wie verrückt, aber gleichzeitig sagte es ihr, dass es richtig war, was sie jetzt tat. Sie atmete noch einmal tief durch. „Kieselschatten, ich liebe dich. Dich und nicht Tiger.“
Die Augen des Katers begannen zu leuchten, als er einen Schritt auf sie zu machte und sich an sie schmiegte. „Ich liebe dich auch, Goldflamme“, murmelte er ihr ins Ohr.
Zärtlich leckte sie ihm über die Wange. Ihr Herz hüpfte vor Glück und für einen Moment war alles andere vergessen. Es gab nur Kieselschatten und sie, nur sie zwei und ihre Liebe. In seinen wunderschönen, bernsteinfarbenen Augen schien sie zu versinken. Nichts, nichts auf der Welt würde sie auseinanderbringen können.
„Kieselschatten, Goldflamme!“ Lavendels leiser Ruf riss sie in die Realität zurück. Die Hellgraue wies auf Federstern und die anderen aus der Patrouille, die die Grenze bereits überquert hatten. Schlagartig kehrte Goldflammes Nervosität wieder. Gleich würde sie ihre Clangefährten überzeugen müssen, dass Schattenstern nicht die vom SternenClan anerkannte Anführerin des DonnerClans war. Und wenn ich das nicht schaffe
muss ich gegen sie kämpfen! Aber ein Blick in Kieselschattens Augen gab ihr wieder Mut. Der SternenClan hat mich auserwählt. Ich schaffe das. Gemeinsam sprangen sie über die Geruchslinie und liefen an die Spitze der Patrouille.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, durch das ihr so bekannte Gebiet zu laufen und dabei immer nach Deckung zu suchen, ein Eindringling in ihrem eigenen Territorium zu sein. Goldflamme war erleichtert, als der Felsenkessel in Sicht kam, ohne dass sie einer DonnerClan-Katze begegnet waren. Vor dem Dornentunnel hielt einer der Streuner Wache. Als er die Katzen entdeckte, sträubte er erst das Fell und verschwand dann im Lager, vermutlich um Schattenstern Bescheid zu sagen. Noch bevor er wieder herauskam, waren sie beim Eingang angekommen. Das Herz der goldenen Kätzin hämmerte in ihrem Brustkorb, als sie ihr altes Zuhause betrat.
Im Lager herrschte absolute Stille, als die DonnerClan-Katzen Goldflamme erkannten. Einige Blicke waren überrascht, andere feindselig, sogar hasserfüllt. Mittlerweile musste es Sonnenhoch sein, alle Katzen waren im Lager. Eine schlechte Zeit für einen Angriff, stellte sie fest, aber sie hatten ja keine Wahl gehabt. Ihr Blick schweifte weiter und sie entdeckte Ahornpfote vor dem Schülerbau. Ihr wurde warm ums Herz, als sie die Freude in den Augen der Schülerin erkannte.
„Was wollt ihr hier?“ Schattensterns Stimme durchbrach das Schweigen. Die Goldene richtete den Blick auf die schwarze Kätzin auf der Hochnase. Der Blick der Anführerin war eiskalt, sie schien Goldflamme damit durchbohren zu wollen.
Sie straffte ihre Schultern und sah Schattenstern in die Augen. „Schattenstern, du bist nicht die vom SternenClan anerkannte Anführerin des DonnerClans.“ Sie hörte, wie einige Katzen nach Luft schnappten. „Der SternenClan befiehlt dir, sofort zurückzutreten.“
Niemand wagte es, ein Wort zu sagen.
Wut loderte in den grünen Augen der Schwarzen, ihr Pelz sträubte sich. „Das ist nicht wahr!“, fauchte sie. Die goldene Kätzin erschrak, als sie den Hass in ihrer Stimme hörte. „Der SternenClan hat mir meine neun Leben und meinen neuen Namen gegeben! Das bedeutet, dass er mich anerkannt hat!“
Aus dem Augenwinkel bemerkte Goldflamme, wie Sturmblüte vor dem Heilerbau sich erhob. „Nein, das hat...“ Aber weiter kam sie nicht, denn ein großer, braun getigerter Streuner stürzte sich auf sie und hielt ihr das Maul zu. Erschrocken starrte die Goldene ihn an. Wie kann er bloß die Heilerin angreifen? Und was weiß Sturmblüte, dass sie offenbar nicht erzählen soll? Den anderen Katzen schien es genauso zu gehen. Jetzt sprang Kieselschatten vor und wollte der grauen Kätzin helfen, aber der Streuner Krähe kam seinem Freund zur Hilfe.
„Angriff!“, jaulte Schattenstern. Die Katzen wollten schon aufeinander losgehen, aber da wandte sich Feuerschweif zu der Anführerin um.
„Halt! Wartet noch!“, rief er. „Goldflamme hat recht! Du verstößt gegen das Gesetz der Krieger. Das kann nicht der Wille des SternenClans sein!“
„Das Gesetz der Krieger sagt, dass das Wort des Anführers Gesetz ist“, zischte die Schwarze. Aber unter den Katzen breitete sich Gemurmel aus. Einige schienen Feuerschweifs Worten gar nicht abgeneigt.
Der hellrot getigerte Krieger peitschte mit dem Schweif. „Ich jedenfalls werde auf der Seite des SternenClans und des Gesetzes der Krieger kämpfen“, jaulte er, drehte sich um und stellte sich neben Goldflamme und die WindClan-Krieger. „Und jeder von euch, der ein ehrenhafter Krieger ist, sollte das ebenfalls tun!
Da raschelte es hinter ihnen im Dornentunnel und Rostkralles Kampftrupp stürmte hinein. Als die Katzen sahen, dass noch gar kein Kampf im Gange war, blieben sie etwas verwirrt stehen.
„Ich werde auch nicht auf deiner Seite kämpfen, Schattenstern“, rief nun Ahornpfote. Stolz auf ihre mutige Schülerin breitete sich in Goldflamme aus.
Schattensterns Blick wurde hart und sie starrte die dunkelrote Kätzin hasserfüllt an. „Ist das dein Dank dafür, dass ich dich zu meiner Schülerin gemacht habe?“, fauchte sie. „Ist das dein Dank dafür?“
„Du hast meinen Vater gestürzt!“, entgegnete Ahornpfote mit fester Stimme. „Ich werde auf seiner Seite kämpfen! Und auf der Seite des SternenClans!“
„Ich auch!“, schloss sich Haselpfote ihr an. Aschenkralle wollte sich den beiden in den Weg stellen, doch sie huschten einfach an ihm vorbei zu Goldflamme. Diese beobachtete gebannt das Geschehen. Wenn das so weitergeht, hatte Rostkralle vielleicht recht und Schattenstern tritt freiwillig zurück!
Sie ließ ihren Blick über die DonnerClan-Katzen schweifen, musste jedoch feststellen, dass sich vor ihnen Streuner positioniert hatten, um ihnen den Weg zu versperren. Sonnenfarn? Was ist mit dir? Willst du wirklich auf Schattensterns Seite kämpfen? Sie begegnete dem Blick der gelbbraunen Kätzin und erschrak, wie viel Hass in den Augen ihrer ehemaligen Freundin lag.
Dann erhob die schwarze Anführerin ihre Stimme. „Angriff, DonnerClan!“
Und als hätten die Wolken genau auf das Stichwort gewartet, begann es in diesem Augenblick zu regnen.
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