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on a hellevator

von Yueliang
GeschichteDrama, Familie / P18 / MaleSlash
Lee Felix Seo Changbin
01.08.2018
23.12.2020
64
136.118
17
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Dieses Kapitel
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23.08.2020 2.120
 
Herr Seo besteht irgendwann darauf, dass sie nach Hause fahren sollen. „Es geht mir wirklich gut, macht euch keine Sorgen“, beharrt er und lächelt. „So leicht bin ich nicht kaputt zu kriegen.“ Changbin geht allerdings recht widerwillig. Auch wenn seine Eltern und er in letzter Zeit eine schwierige Beziehung zueinander hatten, so liebt er sie dennoch. Seinen Vater jetzt im Krankenhaus liegen zu sehen, lässt ihn dann doch nicht so kalt, wie er es gerne hätte. Zu sehr erinnert es ihn an den Autounfall und an Jeongin. Felix hat die ganze Zeit kein Wort gesagt, was Frau Seo mit Sorge zu Kenntnis nimmt. Die Schuld steht ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben und sie weiß nicht, wie sie ihm das ausreden könnte. Changbin ist zu sehr in seinen eigenen Gedanken, um es zu bemerken. Unten auf dem Parkplatz angekommen, schüttelt er sofort den Kopf, als sie auf das Auto zugehen. „Ich laufe nach Hause“, sagt er bestimmt und Frau Seo lässt ihn seufzend gewähren. Sie hat keine Kraft mit ihm jetzt noch zu diskutieren. Somit nimmt Felix schweigend auf dem Beifahrersitz Platz.

Während der Fahrt schaut er teilnahmslos aus dem Fenster. „Hör auf dir Vorwürfe zu machen! Das ist wirklich nicht deine Schuld“, sagt Frau Seo in die Stille herein. „Aber ich habe ihn in dem Moment angerufen“, entgegnet Felix mit brüchiger Stimme und Frau Seo bricht es das Herz, als sie die Tränen in seinen Augen bemerkt. „Du hast doch nicht wissen können, dass er in dem Moment von der Leiter fällt“, versucht sie ihn zu trösten, doch Felix scheint nicht hinzuhören. Kaum sind sie zu Hause angekommen, verschwindet er nach oben in sein Zimmer. An Hausaufgaben und lernen ist jetzt natürlich nicht zu denken. Aufgewühlt läuft Felix auf und ab und lässt sich dann auf sein Bett fallen. Sein Blick fällt auf das Bild seiner Eltern auf dem Nachttisch. Sie sind tot und jetzt ist Changbins Vater verletzt. Seinetwegen. Er bringt allen Leuten bloß Unglück. Und Changbin wird ihn hassen, kommt es ihm als nächstes in den Sinn und ein dumpfes Gefühl macht sich in ihm breit. Sicher sieht er es genauso, dass es Felix seine Schuld ist. Er hätte niemals zu ihnen kommen sollen. Wer weiß, was als nächstes passiert? Vielleicht ein noch schlimmerer Unfall und dann endet es womöglich tödlich?

Hektisch sucht Felix sein Handy und findet es in seinem Rucksack. Ihm ist gerade eine verrückte Idee gekommen. Er braucht Abstand, er muss raus hier. Raus aus Seoul. Er muss nach Incheon. Zu Jaemin. Aufgeregt durchwühlt er seine Schreibtischschublade und findet die Telefonnummer des Waisenhauses. Mit vor Nervosität zitternden Fingern tippt er die Zahlen ein und lauscht einem Augenblick dem monotonen Tuten. Dann meldet sich eine junge Frau. „Dara-noona!“, begrüßt Felix sie erleichtert und der Klang ihrer Stimme nimmt ein wenig das beklemmende Gefühl in seiner Brust. Park Sandara, oder auch Dara genannt, ist einer der Betreuerinnen im Heim und sie ist für Felix während seines Aufenthaltes dort wie eine große Schwester geworden. „Felix?“, erwidert sie verblüfft. „Was ist denn los? Warum rufst du an?“, will sie wissen und der Australier muss sich einen Augenblick sammeln. „Kannst du mir Jaemin geben?“, fragt er und schluckt. „Jaemin?“, wiederholt sie und klingt immer verwirrter. „Es ist gerade Essenszeit“, erwidert sie schließlich, aber Felix will nicht so leicht aufgeben.

„Noona, es ist dringend! Bitte, kannst du nicht eine Ausnahme machen? Bitte!“, fleht er und offenbar merkt Dara seine Verzweiflung. „Okay, ich gehe ihn holen. Warte kurz“, sagt sie und dann herrscht ein paar Minuten Stille, die wie eine Ewigkeit vorkommen. „Felix?“, erklingt auf einmal die Stimme seines besten Freundes und der Australier muss die Tränen zurückhalten. „Hyung!“, ruft er und unterdrückt ein Schluchzen. „Ja, ich bin hier. Was ist denn passiert?“, fragt Jaemins Stimme drängend. „Ich komme zu dir“, antwortet Felix frei heraus und kurz tritt Schweigen ein. „Was?“, erwidert Jaemin bloß. „Ich komme nach Incheon“, erklärt der Australier und während er spricht, leert er seinen Rucksack aus. „Warte, wieso? Was ist denn los? Und wie willst du überhaupt herkommen? Hast du mal auf die Uhr gesehen?“, bestürmt Jaemin ihn mit Fragen. „Ich komme mit dem Bus. Nach Incheon fahren die aller 30 Minuten“, erwidert Felix und öffnet seinen Schrank, um einige Klamotten zusammen zu packen. „Warte, warte, warte! Wie stellst du dir das vor?“, ruft Jaemin aufgebracht und der Australier atmet tief durch. „Hyung, ich muss hier einfach raus. Ich erkläre dir alles, wenn ich da bin. Kannst du mich rein lassen?“

Wieder herrscht kurz Schweigen. „Okay, wann wirst du da sein?“, fragt Jaemin schließlich und Felix schließt erleichtert die Augen. Auf seinen Freund ist Verlass. Mit Jaemin kann man wirklich Pferde stehlen. „Vermutlich gegen 22 Uhr, wenn alles klappt“, meint er und der andere lacht leise. „Zum Glück sind wir oft genug nachts in die Küche geschlichen. Kommst du zum Hintereingang?“ „Hyung, danke“, flüstert Felix mit brüchiger Stimme. Er beendet das Gespräch und packt seine Klamotten in den Rucksack. Vielleicht reagiert er total über, aber er muss hier einfach weg. Er braucht Abstand und muss mit sich selbst klar kommen. Leise schleicht er nach unten ins Bad, um seine Zahnbürste zu holen. Frau Seo ist offenbar in der Küche und Changbin ist noch nicht zu Hause. Eigentlich ist es falsch, so still und heimlich zu verschwinden, überlegt Felix und reißt kurzerhand ein Blatt aus einem seiner Hefte. Ich bin zurück zu meinem anderen zu Hause. Es tut mir leid , schreibt er und schluckt hart. Entschlossen schultert er seinen Rucksack und schleicht sich wieder die Treppe nach unten in den Flur.

Schnell zieht er seine Jacke und Schuhe an und schließt dann lautlos die Tür hinter sich. Entschlossen läuft er zur nächsten Busstation und fährt zum Dong Seoul Bus Terminal, wo der Direktbus nach Incheon abfährt. Die Tickets sind zum Glück nicht sonderlich teuer, allerdings dauert die Fahrt dafür über eine Stunde. Mit einem Taxi wäre er schneller in Incheon, aber so viel Geld hat Felix nicht. Nervös geht er zum Bus Stand. Außer ihm warten noch ein älterer Herr, eine Frau mit drei Einkaufstaschen und ein junges Paar. Felix stellt sich dazu und versucht sein heftig klopfendes Herz zu ignorieren. Je näher die Abfahrtszeit kommt, umso mehr Leute kommen zum Stand dazu und der Bus fährt schließlich pünktlich ein. Schnell steigt er ein und sucht sich einen Platz weiter hinten. Als Seoul langsam in die Ferne rückt, kann Felix seine Tränen nicht länger zurückhalten. Still laufen sie ihm über die Wangen, während er den Kopf gegen die Fensterscheibe lehnt. Ob sie sein Verschwinden schon bemerkt haben? Sein Handy hat er zurück gelassen, also kann er nicht sehen, ob er irgendwelche Anrufe erhalten hat.

Was werden sie tun? Werden sie ihn zurückholen? Bestimmt nicht, immerhin hat er für einen Unfall gesorgt. Mom, Dad, ich habe euch schon Unglück gebracht. Ich will nicht, dass ich wieder jemanden Unglück bringe, denkt er und fährt sich über die Augen. Vielleicht ist es besser, wenn ich in Incheon geblieben wäre. Langsam wird es immer dunkler und die Lichter ziehen an Felix vorbei. Desto näher der Bus Incheon kommt, umso aufgeregter wird Felix. Er wird Jaemin und seine anderen Freunde im Heim wiedersehen. Gleichzeitig muss er sich aber dort hineinschleichen und er hat noch keine Ahnung, wie er das anstellen soll. Pünktlich kommt der Bus in Incheon an und Felix steigt erleichtert aus. Eine Hürde ist geschafft. Suchend blickt er sich um und entdeckt einen Fahrplan. Wenn er Glück hat, fährt noch ein Bus und er kann es nicht fassen. Von Stand fünf fährt in vier Minuten ein Bus in Richtung des Waisenhauses. Unfassbar, wie glatt alles bisher läuft. Aber irgendwas muss an diesem Tag gut gehen, denkt Felix bitter. Desto näher die Haltestelle schließlich kommt, umso mehr steigt seine Nervosität.

Die Gegend kommt ihm so bekannt vor, als wäre er erst gestern durch die Straßen gelaufen. Dabei war er schon ein paar Monate nicht mehr hier. Es wirkt alles so vertraut und doch so anders. Ein paar Straßen vom Waisenhaus entfernt, steigt Felix aus und läuft durch die nächtlichen Straßen. Sein Herz schlägt aufgeregt gegen seine Brust und kurz bleibt er stehen. Was macht er eigentlich hier? Ob das wirklich die richtige Entscheidung war? Eine Stimme in seinem Kopf schreit lautstark „Nein!“, aber dann kommt ihm Herr Seo im Krankenhaus wieder in Erinnerung. Er ist gestürzt wegen ihm. Bestimmt schüttelt Felix den Kopf. Du ziehst das jetzt durch! , sagt er sich und läuft weiter. Die altbekannte Mauer taucht zu seiner rechten Seite auf und er umrundet das große Gebäude des Waisenhauses. Natürlich ist das hintere Tor wie jede Nacht abgeschlossen, da bleibt ihm wohl nichts anderes übrig, als darüber zu klettern. Wenn die Jungs wüssten, was ich hier gerade tue. Das würde ihr Bild von mir ziemlich durcheinander bringen, denkt Felix verbissen und schwingt sich über das große Tor.

Er kommt ziemlich hart auf dem Kies auf und zischt schmerzerfüllt auf, als die Steinchen sich in seine Handflächen bohren. Langsam richtet er sich auf und blickt auf die dunklen Umrisse des Hauses vor sich. Hinter einigen Fenstern brennt noch Licht, sonst liegt alles in Dunkelheit. Aber Felix weiß, wohin er muss. Immerhin hat er einige Monate hier verbracht. Er huscht so leise wie möglich über den Kiesweg zum Hintereingang. Dieser wird eigentlich nur von Lieferanten genutzt und ist meist unverschlossen. Behutsam drückt er die Türklinke herunter und schlüpft nach drinnen. In dem Moment blendet ihn das helle Licht einer Taschenlampe. „Du hast es wirklich durchgezogen“, flüstert er eine Stimme und Felix braucht einen Moment, um sich von dem Schreck zu erholen. Dann zieht er Jaemin in eine feste Umarmung. „Lass uns von hier verschwinden, ehe uns jemand erwischt“, raunt der Koreaner allerdings und zieht Felix hinter sich her. Der bekannte Geruch des Gebäudes steigt ihm in die Nase und er wusste nicht, wie sehr er das vermisst hat.

„Wo willst du hin?“, flüstert Felix verwirrt, als Jaemin in die entgegengesetzte Richtung der Schlafzimmer schleicht. „Nach oben“, wispert er und dem Australier geht ein Licht auf. Während ihrer heimlichen, nächtlichen Ausflüge hier, haben sich Felix und Jaemin immer auf den Dachboden geschlichen. Irgendwie wurde dieser Ort der ultimative Geheimtreffpunkt und Felix muss trotz allem lächeln, als er an diese Momente denkt. Er hat hier in diesem Gebäude ziemlich schöne Erinnerungen gemacht. So leise wie möglich öffnet Jaemin die quietschende Tür und sie huschen nach drinnen. Offenbar hat der Ältere bereits einige Vorbereitungen getroffen, denn Felix sieht, dass eins der ausrangierten Betten von seinem Staubschutz befreit wurden und ein kleiner Tisch mit Kerzen bestückt wurden ist. Jaemin zündet diese jetzt an und Felix ist von all dem total überwältig. „Mit irgendwas musste ich meine Wartezeit ja verkürzen“, grinst Jaemin und das Licht der Kerzen erhellt sein Gesicht.

Dann wird er allerdings ernst. „So, und warum nimmst du diese abendliche Reise von Seoul nach Incheon auf dich auf?“, fragt er und setzt sich auf das Bett. Die Matratze gibt nach und das Gestell knarrt bedenklich, hält dem Gewicht aber zum Glück stand. Felix stellt seinen Rucksack ab und setzt sich vorsichtig zu ihm. Dann fängt er einfach an zu erzählen. Vor Aufregung verhaspelt er sich oft oder rutscht ins Englische, sodass Jaemin Mühe hat ihn zu verstehen. „Es ist immer alles meinetwegen“, endet Felix schließlich verzweifelt und Tränen sammeln sich in seinen Augen. Fassungslos blickt Jaemin ihn an. „Es war ein Unfall“, stellt er klar. „Wie kann das deine Schuld sein?“ „Hätte ich ihn nicht in dem Moment angerufen, dann wäre er nicht von der Leiter gefallen“, entgegnet Felix schniefend und der Ältere von beiden seufzt leise auf. „Okay, das Timing war etwas blöd. Aber das ist doch trotzdem nicht deine Schuld. Und vor allem, wieso haust du dann gleich ab?“

Vorwurfsvoll blickt Jaemin den Australier an, der nur die Schultern hebt. „Ich musste einfach raus, ich konnte nicht mehr klar denken. Das wurde mir alles zu viel“, erwidert er und sein Freund schweigt einen Moment. Er weiß nicht genau, was in Felix vor geht und er wählt seine nächsten Worte mit Bedacht: „Ich habe dich immer bewundert. Du bist hierhergekommen, kurz nachdem du aus dem Krankenhaus entlassen bist und hast gleichzeitig deine Eltern dabei verloren. Aber kann es sein, dass du dir nie wirklich erlaubt hast zu trauern? Oder es ansatzweise versucht hast zu verarbeiten? Ist das der Grund, wieso du deine neue Familie so plötzlich verlassen hast? Weil du nicht willst, dass sich die Geschichte wiederholt? Normalweise reagieren Menschen nicht so dermaßen heftig, indem sie ihre Sachen packen und abhauen, wenn jemand aus ihrer Familie einen Unfall hat.“ Felix‘ Schulter beginnen unter den stummen Schluchzern zu beben und Jaemin zieht ihn einfach in eine feste Umarmung. Er hat sich schon immer gefragt, in wie weit Felix‘ fröhliche und unbeschwerte Art echt ist.
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