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on a hellevator

von Yueliang
GeschichteDrama, Familie / P18 / MaleSlash
Lee Felix Seo Changbin
01.08.2018
23.12.2020
64
136.118
17
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Dieses Kapitel
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17.07.2020 1.876
 
Irgendwann verlassen sie den Friedhof wieder und bevor sich ihre Wege trennen, hält Chan Felix zurück. „Changbin wirkt jetzt gerade erstaunlich ruhig, aber ich mache mir Sorgen, dass er nur etwas zurückhält“, raunt er ihm zu und schaut den Jüngeren eindringlich an. „Kannst du ein Auge auf ihn haben?“ „Zwei Augen sogar“, versichert Felix entschlossen und Chan lächelt erleichtert. „Wenn was sein sollte, ruf mich an!“, sagt er und winkt zum Abschied. Schließlich stehen Changbin und Felix alleine auf dem Gehweg, der Ältere sieht durch die Gitterstäbe des Zaunes hindurch auf den Friedhof. „Komm, Hyung, lass uns gehen“, sagt Felix ruhig und zu seiner Überraschung kann der Ältere sich losreißen. Wie auch schon auf dem Hinweg, schweigen sie auch auf dem Rückweg miteinander. Changbin ist in seinen Gedanken versunken und Felix wüsste nicht, was er sagen sollte. Zu Hause angekommen, sieht der Australier gleich, dass Changbins Eltern wieder da sind. Der Ältere bemerkt das auch, denn er stürmt sofort entschlossen ins Wohnzimmer und ist verschwunden. Perplex sieht Felix ihm nach und folgt dann leise, um durch den Türspalt zu lugen. Changbin liegt in den Armen seiner Mutter, welche ihn sanft hin und her schaukelt. Sein Vater tritt auf die beiden zu und umarmt sie. Felix lächelt leicht und schleicht wieder zurück in den Flur, wo er sich seine Schuhe auszieht und anschließend in die Küche geht.

Er setzt gerade die Flasche zum Trinken an, als er Schritt näher kommen hört und sich überrascht umdreht. Herr Seo beritt die Küche und er umfasst Felix an den Schultern. „Ich bin dir so dankbar, dass du in unsere Familie gekommen bist“, sagt er mit rauer Stimme und lächelt den Australier an. „Was du für Changbin tust, ist unglaublich.“ „Ich mache doch gar nichts“, winkt Felix verlegen ab. „Doch, Felix-ah. Es tut ihm gut, dass du für ihn da bist. Weißt du, dass es fast ein Jahr her ist, das er sich so vor uns geöffnet hat? Vor allem an diesem Tag“, erklärt Herr Seo ernst und streicht über Felix‘ dunklen Haarschopf. „Du bist ein Geschenk des Himmels.“ Felix nickt nur, da ihn ein Kloß im Hals am Sprechen hindert. Herr Seo nimmt ihn vorsichtig in seine Arme und zu allererst versteift Felix sich ein wenig, entspannt sich aber recht schnell wieder. „Ich bin so unfassbar erleichtert“, seufzt Changbins Vater und Felix versucht zu lächeln. Die beiden gehen ins Wohnzimmer, wo Changbin noch immer mit seiner Mutter auf dem Sofa sitzt. Frau Seo streicht ihrem Sohn die Haare aus der Stirn und lächelt sanft. „Es ist okay, dass du ihn vermisst“, versichert sie. „Das tun dein Vater und ich auch. Aber ich glaube, es gefällt ihm nicht, dass du dich so vor allen immer verschließt.“ Changbin hält den Kopf gesenkt und fährt sich über die Augen. Frau Seo bemerkt Felix und versucht ihm aufmunternd zu zulächeln. „Möchtet ihr noch was zum Mittag essen?“, fragt sie, während Felix gleich nickt, schüttelt Changbin den Kopf. „Ich gehe hoch“, murmelt er und steht auf. Als er an Felix vorbei kommt, weicht er dessen Blick aus. „Komm Felix-ah, gehen wir in die Küche“, sagt Frau Seo und der Australier bringt wieder nur ein wortloses Nicken zustande.

„Wie war es für dich auf dem Friedhof?“, fragt sie und beginnt das Essen aufzuwärmen. „Merkwürdig“, murmelt Felix. „Ich habe die anderen noch nie so einheitlich traurig gesehen.“ „Welche anderen?“, hakt Frau Seo verwundert nach und dreht sich um. „Na, die anderen Jungs“, erklärt Felix, verwirrt von ihrer Reaktion, „ich habe ihnen geschrieben, dass sie kommen sollen.“ „Und Changbin war damit einverstanden?“, entfährt es Frau Seo perplex, worauf Felix die Schultern hebt. „Er hat nichts großartig dagegen gesagt“, meint er und Changbins Mutter sieht ihn einen Augenblick sprachlos an. „Er wollte immer alleine bei Jeongin sein“, murmelt sie kopfschüttelnd, ehe sie ihren Adoptivsohn stolz anschaut. „Du hast echt was geleistet.“ Dennoch fühlt sich Felix unwohl. Der Tod von Jeongin erinnert ihn an den Tod seiner Eltern und er kommt von diesen Gedanken einfach nicht mehr los. Dabei hatte er es lange genug in sich verschließen können. Trotz der ganzen Situation ist das Essen von Frau Seo wie immer köstlich, sodass Felix zwei Portionen verspeist. Allerdings versucht er sich zu beeilen, da er sich um Changbin Sorgen macht. Frau Seo scheint das zu merken, denn sie lächelt nachsichtig. „Lass dein Geschirr stehen und geh zu ihm“, sagt sie, worauf er sie erleichtert anblickt. „Danke!“ Schnell flitzt er die Treppe nach oben, hält aber vor der Tür des Älteren kurz inne, da er von drinnen ein lautes Krachen vernimmt. „Changbin-hyung?“, ruft er besorgt, aber die Geräusche hören nicht auf. Entschlossen öffnet er die Tür und hält schockiert die Luft an. „Was ist denn hier passiert?“, entfährt es ihm und der Ältere dreht sich ruckartig um.

Seine Schultern heben und senken sich rasch, während er stoßweise atmet. „Raus!“, zischt er und der Blick, den er Felix zuwirft, ist beinahe mörderisch. Doch der Jüngere betrachtet nur völlig verwirrt das Chaos im Zimmer. Es hat den Anschein, als habe Changbin gerade den kompletten Inhalt seiner Regale auf den Boden geworfen. Besorgt sieht Felix zerbrochenes Glas am Boden und hofft, dass Changbin dort nicht herein tritt. „Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Raus aus meinem Zimmer!“, brüllt der Ältere völlig außer sich und Felix zuckt zusammen. Selbst in der Zeit, als Changbin ihn nicht leiden konnte, klang er nie so zornig. Allerdings ist Felix viel zu erschrocken, um irgendwie zu einer Bewegung fähig zu sein, weshalb Changbin ihn hart am Arm packt und aus der Tür stoßen will. Dennoch gelingt es Felix sich dem festen Griff zu entwinden und er versucht sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Er hat keine Ahnung, wie er mit dem aufgebrachten Changbin umgehen soll, er muss ihn jetzt alleine beruhigen. Entschlossen umfasst er dessen Handgelenke und blickt ihn eindringlich an. „Hyung, beruhige dich wieder!“, sagt er, rutscht allerdings ins Englische vor Aufregung. Changbin versucht sich freizukämpfen, aber Felix gibt nicht nach, weswegen ein kleines Gerangel entsteht, was damit endet, dass Changbin sich brupt von dem Jüngeren wegdrückt und zu Boden fällt. Einen Augenblick bleibt er schweratmend inmitten des Chaos sitzen, ehe ihn wieder die Wut packt, was dieses Mal sein Schreibtisch zu spüren bekommt. Mit einem Aufschrei fegt er alles von der Tischplatte, was darauf liegt.

Schulbücher, lose Blätter, Stifte und sein Handy landen mit einem lauten Poltern auf dem Boden. Felix zögert keine Sekunde, mit einem Satz ist er bei Changbin und schlingt seine Arme um dessen Oberkörper. „Changbin-hyung, das bringt nichts“, sagt er und er spürt das Zittern, welches von dem Älteren ausgeht. „Lass mich los“, keucht er und versucht Felix zu treten. „Hau einfach ab!“ „Nein, du hast mich gebeten, dich nicht alleine zu lassen und daran halte ich mich auch“, erwidert Felix aufrichtig. Ein ersticktes Schluchzen entringt sich Changbin und seine Beine geben nach, sodass er zu Boden sinkt. Felix kniet sich neben ihn und zieht ihn in seine Arme. Augenblicklich klammert der Ältere sich an seinem Oberteil fest und jetzt kommt wohl der Zusammenbruch, den er den ganzen Vormittag schon zurückgehalten hat. Felix hat noch nie solche verzweifelten Laute einen Menschen ausstoßen hören, aber die Geräusche, die Changbin von sich gibt, sind eine Mischung aus Weinen, Schreien und schmerzerfülltes Wimmern, immer wieder unterbrochen von einem hektischen Luftschnappen. Der Australier weiß nicht, was er sagen soll. Es würde Changbin vielleicht nicht mal erreichen, somit hält er ihn einfach in seinen Armen und fährt tröstend durch sein dunkles Haar. Vielleicht hilft seine Anwesenheit bereits. Irgendwann spürt Felix, wie auch ihm still die Tränen über die Wangen fließen. Seinen Hyung so am Boden zerstört zu sehen, macht ihn genauso fertig. Schließlich hebt Changbin seinen Kopf von Felix‘ Schulter und blickt auf das Chaos, was er angerichtet hat, bevor sein Blick auf ein kaputtes Bild fällt.

„Jeonginnie“, schluchzt er und zieht den zerbrochenen Bilderrahmen unter einem Buch hervor. Der Australier erkennt Jeongin und Changbin auf dem Bild. Beide wirken nicht viel älter als neun oder zehn Jahre und sie strahlen fröhlich in die Kamera. Während Changbin einen Arm um seinen jüngeren Bruder gelegt hat, bohrt dieser einen Finger in die Wange des Älteren. Dieser unbeschwerte Anblickt treibt Felix erneut Tränen in die Augen, erst recht als Changbin das Bild an seine Brust drückt und immer wieder „Es tut mir leid“ wimmert. Sanft fährt Felix seinen Rücken auf und ab und der Ältere lehnt sich erschöpft an ihn. Offenbar beruhigt er sich langsam wieder. Felix hat keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist. Es kann nur eine halbe Stunde gewesen sein oder zwei Ganze. „Tut mir leid, dass du das gerade ertragen musstest“, presst Changbin schließlich mühsam hervor und wendet den Blick ab. Sein Zusammenbruch hat natürlich Spuren hinterlassen, aber Felix findet, dass es nichts gibt, wofür er sich schämen müsste. Das sagt er Changbin auch, was diesen beinahe wieder in Tränen ausbrechen lässt. „Wie? Wie kannst du nur so gut sein?“, jammert er und vergräbt sein Gesicht hinter den Händen. Sanft zieht Felix dessen Hände weg und lächelt. „Irgendjemand muss doch auf dich aufpassen“, meint er und Changbin steht schwerfällig auf. Er durchwühlt seine Schreibtischschubladen und befördert schließlich eine Packung Zigaretten nach draußen, worauf Felix die Stirn runzelt.

Der Ältere öffnet allerdings wortlos sein Fenster, um dann eine Zigarette anzuzünden und den Rauch nach draußen zu blasen. „Hyung, muss das jetzt sein?“, murrt Felix vorwurfsvoll und er erhält ein Nicken. „Ich brauche das jetzt“, entgegnet Changbin und nimmt einen weiteren Zug. Auf seinen Wangen sind noch immer die Spuren seiner Tränen zu sehen, doch er scheint sich langsam wieder zu sammeln. Da Felix jetzt keinen Streit vom Zaun brechen will, beginnt er wortlos das selbst herbeigeführte Durcheinander aufzuräumen. „Du musst das nicht machen, immerhin habe ich das hier alleine angerichtet“, brummt Changbin, aber der Jüngere lässt sich nicht beirren. Changbin nimmt den letzten Zug seiner Zigarette und drückt den Stummel im Aschenbecher auf der Fensterbank aus. Vorsichtig legt er das kaputte Bild von Jeongin und sich auf den Schreibtisch. Ein Kloß bildet sich wieder in seinem Hals und er dreht sich schnell weg. Er hatte so gehofft, dass ihm dieser Zusammenbruch erspart bleibt, aber wieso sollte es dieses Jahr anders sein? Changbin betrachtet Felix, wie er seine Schulbücher aufsammelt und mit auf den Schreibtisch legt. Ohne weiter darüber nachzudenken, zieht Changbin ihn in eine feste Umarmung und vergräbt sein Gesicht an der Schulter des Jüngeren. „Danke, das du mich nicht abgeschrieben hast“, murmelt er gedämpft und Felix drückt ihn ein Stück weg, um ihn verständnislos anzusehen. „Warum sollte ich dich abschreiben?“, fragt er verdutzt. „Weil ich dich am Anfang so mies behandelt habe und weil ich dich manchmal immer noch so von mir stoße“, erklärt Changbin hilflos, worauf der Australier sanft lächelt. „Wenn ich ein was von meinen Eltern gelernt habe, dann das ich niemanden voreilig verurteilen soll“, erwidert er und der Ältere beißt sich auf die Unterlippe. „Changbin-hyung, es ist okay!“, versichert Felix, dieses Mal energischer. Für einen Moment scheint der andere mit sich selbst zu kämpfen, ehe er fragt: „Kannst du diese Nacht bei mir schlafen? Ich glaube, ich schaffe das sonst nicht alleine.“ Kurz wirkt Felix überrascht von dieser Bitte, dann nickt er und Changbin atmet erleichtert auf. Vielleicht kann er durch ihn heute friedlich schlafen.
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