On a hellevator

von Yueliang
GeschichteDrama, Familie / P18 Slash
Lee Felix Seo Changbin
01.08.2018
06.06.2020
12
22.888
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01.08.2018 1.212
 
…ein lauter Knall und das Geräusch von zersplitterndem Glas, der beißende Geruch von Benzin tritt Changbin in die Nase. Er versucht sich zu drehen, doch der Gurt macht es beinahe unmöglich. Auf dem Beifahrersitz stöhnt seine Mutter vor Schmerz leise auf. Angestrengt versucht Changbin sich loszumachen, aber er scheitert. Schweratmend wendet er sich zur Seite, um nach seinem Bruder zu sehen. Dessen Oberkörper ist blutüberströmt und noch immer liegt auf seinen Lippen das Anzeichen des vorigen Lachens, nur seine Augen sind stumpf und er rührt sich nicht mehr. „Nein“, stöhnt Changbin unter Schmerzen, „bitte sei nicht tot! Bitte sei nicht tot!“


Schweißgebadet fährt Changbin auf und ringt nach Atem. Nur ein Traum, es war nur ein Traum, du sitzt nicht im Auto. Changbin stöhnt leise auf und tastet nach seinem Handy. 02:56 sagt die Uhrzeit und er sinkt in sein Bett zurück. Der Unfall ist schon fast zwei Jahre her, doch er wird nie darüber hinwegkommen. Beinahe jede Nacht ist er wieder zurück im Auto und jedes Mal sieht er seinen jüngeren Bruder sterben. Mal aus seiner Perspektive, dann aus der Sicht seines Bruders oder auch durch die Sicht eines Passanten. Viele verschiedene Weisen des Unfalls hat er nun durchlebt, aber den Tod rückgängig gemacht hat es nicht. Changbin streicht sich das schweißfeuchte Haar aus der Stirn. In ein paar Stunden klingelt sein Wecker, doch jetzt ans Einschlafen ist kaum zu denken. Sein Herz schlägt noch immer heftig gegen seine Brust. Erst gegen Morgengrauen findet er wieder Ruhe.

Müde quält er sich schließlich gegen sechs Uhr aus dem Bett und läuft in die Küche. Seine Eltern sind schon außer Haus, wie fast jeden Morgen. Eigentlich verläuft sein Tag ganz normal, doch als er am späten Nachmittag nach Hause kommt, sind seine Eltern schon da. Überrascht geht Changbin in das Wohnzimmer. „Ihr seid schon hier?“, fragt er verwundert. „Changbin-ah, setzt dich bitte. Wir müssen dir etwas erzählen“, sagt seine Mutter und skeptisch sinkt Changbin auf das Sofa. Irgendwas liegt hier in der Luft, das spürt er deutlich. „Wollt ihr euch scheiden lassen?“, platzt es aus ihm heraus und sein Vater wuschelt durch sein dunkles Haar. „Natürlich nicht, Großer“, lächelt er beruhigend. „Habe ich was ausgefressen an das ich mich nicht erinnern kann?“, rät Changbin weiter und seine Mutter schiebt ein Foto über den Couchtisch zu ihm rüber. Ein schwarzhaariger Junge lächelt ihm entgegen und Changbin blickt fragend auf.

„Das ist Lee Yongbok oder Felix, wie er es lieber mag“, erklärt seine Mutter und nach wie vor sieht Changbin verwirrt aus. „Wir sind mit seinen Eltern befreundet, doch sie sind vor Jahren nach Australien ausgewandert. Als Yongbok geboren wurde, haben sie uns als Paten bestimmt.“ „Und was hat das mit uns zu tun?“, fragt Changbin und verdreht die Augen. „Sie sind vor einem halben Jahr zurück nach Korea gekommen. Leider sind vor vier Monaten Yongboks Eltern bei einem Wohnungsbrand ums Leben gekommen, er hat es als einziger überlebt. Jetzt lebt er in Incheon in einem Waisenhaus.“ Changbins Mutter betrachtet kurz das Bild des lächelnden Jungen. „Dein Vater und ich werden ihn adoptieren“, endet sie. „Das soll ein Scherz sein, oder?“, fragt Changbin tonlos und seine Eltern schütteln einheitlich den Kopf. „Schön, das ich das auch mal erfahre!“, knurrt Changbin. „Liebling, Yongbok ist unser Patenkind, wir können ihn nicht einfach im Heim lassen“, versucht sein Vater ihn zu beruhigen. Changbin springt auf. „Vergesst es! Da mache ich nicht mit! Ich brauche keinen neuen Bruder.“ Seine Eltern wechseln einen beunruhigenden Blick miteinander. Changbin stapft die Treppe zu seinem Zimmer hoch und knallt die Tür hinter sich zu.

~*~


Währenddessen sitzt Felix grübelnd auf seinem Bett im Zimmer des Waisenhauses in Incheon. Er ist alleine in dem Raum, der sonst von fünf weiteren Jungen noch bewohnt wird. „Felix, es gibt Abendessen!“, ertönt die Stimme seines Freundes Na Jaemin und er blickt auf. „Komme schon“, murmelt Felix und steht auf. Am nächsten Tag spricht Jaemin ihn auf seinen nachdenklichen Zustand an, da für gewöhnlich der Australier fröhlich vor sich hinplappert und alle anderen unterhält. „Jemand möchte mich adoptieren“, berichtet Felix schließlich und Jaemin macht große Augen. „Und da schlägst du Trübsal?“, ruft er ungläubig. „Das ist doch super!“ Felix verzieht das Gesicht. „Sie meinen, sie seien meine Paten, aber ich kann mich nicht an sie erinnern“, seufzt er. Die beiden sitzen im Garten des Waisenhauses hinter den Büschen, jüngere Kinder spielen um sie herum, doch sie sind zum Glück fast gänzlich unentdeckt. Mit ihren fünfzehn Jahren sind Jaemin und Felix mitunter die Ältesten hier. „Sind sie nett?“, fragt Jaemin neugierig und Felix legt den Kopf schief. „Ja, schon“, murmelt er gedehnt und legt sein Kinn auf die angezogenen Beine. „Was ist dann dein Problem?“, hakt Jaemin stirnrunzelnd nach.

„Was ist, wenn sie irgendwann sich als Monster entpuppen?“, jammert Felix. „Oder sie mich wieder zurück ins Heim geben?“ „Ach Quatsch, wenn sie deine Paten sind, werden sie das sicher nicht tun“, winkt Jaemin ab. „Und was wird aus dir?“, fragt Felix leise und schaut auf. Seit dem Tag seiner Ankunft, war Jaemin an seiner Seite, hat ihm alles gezeigt und den Ablauf im Heim erklärt. Sie sind mittlerweile sehr gute Freunde geworden. „Ach, ich komme schon klar“, meint Jaemin. „Vielleicht adoptiert mich ja auch bald eine nette Familie.“ Doch sein Lächeln kann die Trauer in seinen Augen nicht vertreiben. Ein paar Wochen später ist der Tag gekommen an dem Felix das Waisenhaus verlassen muss. Zum Abschied versammeln sich alle Jungen und Mädchen im Garten, um ihn gebührend zu verabschieden. „Vergiss uns nicht, Felix-oppa!“, schnieft Minyoung, eins der kleineren Mädchen. Felix kniet sich vor sie und streicht ihr lächelnd die Tränen weg. „Nicht weinen, Minyoung-ah“, sagt er beruhigend und streicht ihr über das schwarze Haar. „Kommst du uns mal besuchen, Hyung?“, fragt Park Jisung traurig und Felix nickt. Dann begleitet ihn Jaemin noch bis zum Tor. Herr und Frau Seo haben sich diskret zurückgezogen und sind schon zum Auto vorgegangen. „Du schreibst mir, versprichst du das?“, fragt Jaemin mit rauer Stimme und Felix nickt, da ihm Tränen die Kehle zuschnüren.

Jaemin zieht ihn in eine Umarmung. „Hör auf zu weinen, Idiot!“, schnieft er, worauf Felix ein ersticktes Lachen von sich gibt. „Das sagt der Richtige!“, entgegnet er und die beiden lösen sich voneinander. „Stell Seoul nicht zu sehr auf den Kopf“, lächelt Jaemin und blinzelt sich die Tränen weg. „Ich gebe mir große Mühe“, grinst Felix und will sich zum Gehen wenden, als Jaemin ihm blitzschnell etwas in die Hand drückt. Verwundert betrachtet Felix den Gegenstand. Es ist ein Armband aus schwarzen Perlen mit einem silbernen Sternanhänger. „Das gehört dir!“, protestiert Felix und will Jaemin das Schmuckstück zurückgeben. Aber dieser schüttelt den Kopf. „Es gehört jetzt dir, ich habe ein zweites, das werde ich tragen. Nimm es mit und vergiss mich nicht. Du hast meine Zeit hier schöner gemacht, Felix Lee“, sagt er mit Tränen in den Augen. „Wir werden uns wiedersehen, versprochen Minnie“, sagt Felix entschlossen und tritt aus dem Tor. Jaemin bleibt noch stehen und winkt dem vorbeifahrenden Auto nach. Irgendwann ist er aus Felix‘ Sichtweise verschwunden und er schaut auf die vorbeiziehenden Häuser. Jetzt geht es auf in die Hauptstadt und um ehrlich zu sein, ist er verdammt nervös vor seinem neuem Leben und vor allem vor seinem neuen Bruder.
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