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I bet my life (There's you in everything I do)

von Kokichi
OneshotDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Haizaki Shōgo Nijimura Shūzō
31.07.2018
31.07.2018
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I.

Alles fing damit an, Haizaki Shougo Mathenachhilfe zu geben, als sie noch zusammen in Teiko zur Schule gingen.

Haizaki Mathenachhilfe geben, war wie ein Faustkampf mit einem Stier, gefährlich, anstrengend und komplett wahnsinnig. Trotzdem fand Nijimura Shuuzou sich vor der Haustür der Haizakis wieder und klingelte schon zum zigsten Male. Womöglich war sein Sturmklingeln etwas übertrieben, aber es regnete und so wie er den Anderen kannte, hatte dieser ausversehen ihre Verabredung vergessen.

Tatsächlich nach gefühlten tausend Stunden, ertönte das Knirschen der Sprechanlage.
„Scheiße Mann, die Tür ist offen, also hör auf wie ein Bekloppter zu klingeln.“
Tief einatmen, dachte Nijimura sich. Du bist in einem fremden Haus, du kannst den Jungen nicht Manieren einprügeln. Zumindest nicht jetzt.

Genau wie Haizaki ihn mitgeteilt hatte, war die Tür wirklich offen. Leise fragte sich Nijimura, ob das wirklich die sicherste Lebensweise war, aber es war nicht an ihm, solche Sachen zu kritisieren. Sofort fand er sich in einer kleinen Eingangshalle wieder, die überfüllt mit Schuhen, Regenschirmen und anderen Krimskrams war. Nachdem er ordentlich die Schuhe abtrocknete und auszog, schritt er einige Meter in den Hausflur hinein und blieb unsicher stehen. Links von sich konnte er eine Küche entdecken, in der sich das dreckige Geschirr stapelte. Höchstwahrscheinlich da niemand Zeit, noch Lust fand, es zu waschen. Die Küche selbst war offen und ließ einen Einblick auf das anliegende Wohnzimmer gewähren, wo der Fernseher stumm vor sich hinlief. Nijimura kam nicht ohnehin zu bemerken, dass die Einrichtung schon einmal bessere Tage gesehen hatte und der Fußboden mal ordentlich geschrubbt werden müsste.

„Kommst du oder willst du da stehen bleiben?“
Die Lippen zu einer Schnute verziehend, schaute Nijimura auf. Oberhalb der Treppe hing Haizaki am Geländer und schaute mit einem gelangweilten Ausdruck auf ihn hinab.
„Behandelt man so einen Gast?“
Als Antwort bekam er nur ein genervtes Schnalzen und den Rücken des Jüngeren, der jetzt davon stampfte. Den Griff um seine Tasche fester packend, stieg er lustlos die Treppe hinauf und folgte den Geräuschen, die aus der zweiten Tür rechts von ihm kamen.

Es wäre eine Untertreibung Haizakis Zimmer eine Müllhalde zu nennen. Es war eher ein missglücktes Atombombenexperiment. Überall lagen verstreut Zeitschriften mit fragwürdigem Inhalt herum, dreckige Wäsche, leere Teller, CDs, Spiele, Filmhüllen, Papier und vieles mehr. Die Wände waren von verschiedenen Bands und leicht bekleideten Bikinifrauen geschmückt und auf dem Fernseher pausierte gerade irgendein Egoshooter Spiel, nachdem was er ausmachen konnte.

„Was?“, fragte Haizaki mit einem aggressiven Unterton nach, da er allem Anschein seinen Blick bemerkt hatte.
„Räum' das nächste Mal dein Zimmer vorher auf.“
„Äh? Warum sollte ich? Das ist immerhin mein Zimmer.“
Ohne zu zögern schnippte Nijimura ihm mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.
„Weil ich es sage.“
Nicht weiter protestierend, grummelte der Jüngere etwas in seinen nicht vorhandenen Bart und damit war die Diskussion beendet. Nachdem er sich eine Stelle am Bett freigeräumt hatte, ließ er sich auf den Boden sinken und lehnte sich gegen das Gestell, nur um dann die Mathematikbücher aus seiner Tasche hervorzuholen.
„Urgh, du meinst das echt mit dem Lernen, huh?“
Haizaki selbst hatte rücklings auf seinen Drehstuhl Platz genommen und warf den Büchern einen angewiderten Blick zu.
„Natürlich, sonst wäre ich ja nicht hier. Und jetzt hol dein Kram raus, ich hab nicht ewig Zeit.“
Seufzend drehte der Jüngere sich einige Male auf seinem Stuhl, bevor er gehorchte und ebenfalls seine Mathematikbücher raus suchte, die soweit unter dem Tisch lagen, dass Nijimura sich sicher war, sie erblickten das erste Tageslicht nach Monaten.

Anfangs waren die Nachhilfestunden äußert nervenzerrend und mehr als einmal verloren sie Beide die Geduld miteinander, was dazu führte, dass sie sich gegenseitig anbrüllten. Worauf Nijimura eines Nachmittags lernte, dass Haizakis Mutter so gut wie nie Zuhause und sein älterer Bruder sowieso schon ausgezogen war, weswegen er nicht so eine verdammte 'Pussy' sein sollte und sich darüber zu sorgen, er können andere Leute im Haushalt stören. Danach hörte Nijimura auf Haizaki anzuschreien und griff nur noch in den seltensten Fällen zu einem Klaps auf den Kopf.

Graduell steigerte sich ihre Kommunikation und Haizakis Fähigkeiten tatsächlich rechnen zu können. Ohne es selbst zu merken, fing Nijimura sogar an, ihre gemeinsame Stunden auf eine gewisse Art zu genießen. Besonders ab da, wo sie mehr als einmal sich nach der Schule trafen, um noch irgendwo sich ein Getränk oder etwas zum Essen zu gönnen. Es passierte sogar einmal, dass er länger blieb und sie zusammen ein Film schaute, bei dem er irgendwann Haizakis Schulter an seiner spürte und wie dessen Finger leicht seine berührten.

Nijimura war kein Experte, wenn es um seine eigenen Gefühle ging, aber selbst er verstand, dass es nicht normal war, wenn das Herz einen seltsamen Sprung machte und er förmlich nach einem Büschel weißem Haar Ausschau hielt oder den Duft von Kokos misste.
(Haizaki hatte ihn nur seltsam angeschaut, als er ihm sagte, er würde nach Kokos riechen.)
Deswegen fand er sich am 22 Juni vor der Haustür der Haizakis wieder, obwohl es nicht ihr wöchentlicher Nachhilfetermin war.

Unruhig wechselte er von einem Bein auf das Andere, bis er schließlich tief einatmete und die Haustürklinke herunterdrückte. Wie immer war diese unabgeschlossen und er betrat das Haus. Alles war still, nur das Tropfen des Wasserhahns aus der Küche vernahm er.
„Haizaki?“
Keine Antwort.
Vorsichtig stieg er die Treppenstufen hinauf, hielt vor der Zimmertür an und klopfte.
Abermals keine Reaktion.
Langsam betrat er dem ihm langsam bekannte Raum, nur um ihn, wie erwartet, leer vorzufinden.
Kurz schwenkte Nijimura ab, ob er den Jüngeren mitteilen sollte, dass er bei ihm war, beließ es aber dann dabei. Stattdessen entschied er sich, geduldig auf ihn zu warten.

Die Zeit sich mit Handyspielen und das Blätter in Mangas von Haizaki vertreibend, lag er auf dessen Bett und ertappte sich mehr als einmal dabei, wie seine Gedanken abdrifteten und Richtungen einnahmen, die fremd und unbekannt, aber nicht unangenehm waren.
Erst als er die Haustür sich öffnen und schließen hörte, richtete er sich auf.

Mit einem Kribbeln im Nacken griff er nach seiner Tasche. Zittrig brauchte er einige Anläufe, um sie zu öffnen und als er es schließlich geschafft hatte, begrüßte ihn zugleich ein in rotes Papier eingewickeltes Geschenk. Es war albern und äußerst dämlich, da es sich um zwei Konzerttickets handelte von einer Band, die Haizaki mochte. Denn alles an diesen Karten schrie nach dem D-Wort und er musste nicht richtig im Kopf sein, zu denken, dass Haizaki von allen Leuten mit ihm zu einem Konzert wollte. Aber manchmal musste man auch seinen Kopf riskieren und wenn er es jetzt nicht tat, würde er sich ewig darüber ärgern.

All seinen Mut zusammennehmend, schaute er entschlossen auf, als die Zimmertür sich öffnete – nur um mit einem halben Grinsen in das Gesicht von zwei Personen zu starren.
Haizaki stand ebenfalls wie eingefroren an der Tür, seinen Arm um ein Mädchen geschlungen, welches eindeutig ihre Hand in seiner Hose hatte.
„Uh, Nijimura? Was machst du denn hier?“
Dabei klang der Jüngere mehr als verwirrt und hätte Nijimura besser aufgepasst, hätte er ebenso einen leicht panischen Unterton mitbekommen. Doch seine Augen lagen nur auf der Hand, die sich jetzt langsam zurückzog.

Für einen Wimpernschlag fühlte es sich an, als würde jemand seinen Kopf in eiskaltes Wasser tauchen und ein dumpfes Pochen entstand links unterhalb seines Herzens.
„Ich hatte gestern etwas vergessen.“
Sein Mund bewegte sich von ganz allein, die Worte kühl und dann rührte sich sein Körper. Mit einem Ruck zog er den Reißverschluss seiner Tasche zu und bewegte sich geradewegs auf die Tür zu.
„Verzeih die Störung“, haspelte er und bevor Haizaki ihn hätte aufhalten können, war er aus dem Raum verschwunden, die Treppen hinunter gepoltert und aus der Haustür gerannt.

Ohne weitere Umwege schlug er den Weg nach Hause ein und kaum war er in seinem eigenem Zimmer, holte er das Geschenk hervor. Fast schon verächtlich schmiss er es in den Papierkorb. Danach drehte er seine eigene Musikanlage auf und ließ sich auf sein Bett fallen.

Die ersten Sounds ertönten, die ersten Lyrics wurden gesungen und Nijimura realisierte, dass das dumpfe Pochen zu einem stechendem Schmerz geworden und ihm elend zumute war. Es dauerte drei weitere Lieder, damit er verstand, dass sich so Herzschmerz anfühlte.
Er war verliebt.
Verliebt in Haizaki Shougo und es war mit Abstand das Unpassendste, was ihn hätte passieren können. Denn dieser würde sicherlich nicht einmal in Paralleluniversen auch nur ansatzweise das Selbe empfinden. Der beste Beweis dafür war das Mädchen, welches ihre Hände in seiner Hose gehabt hatte.

Also erlaubte Nijimura sich für ein ganzes Wochenende sich schlecht zu fühlen, nur in gammeligen Sachen herumzuhängen, sich Pizza und Schokolade reinzustopfen und bei dem Film Hachiko zu weinen. Dabei ignorierte er jede SMS, die er von Haizaki bekam, welche ungewöhnlicherweise einige waren.

Danach stand er am Montagmorgen früh auf, joggte eine Runde vor der Schule und fing einen seiner Mitschüler ab, um mit ihm etwas zu besprechen. Beim Basketballtraining stellte er fest, dass Haizaki ausnahmsweise anwesend war, behandelte ihn jedoch auch dort wie Luft. Ebenso wich er ihm in der Umkleide aus und auf dem Schulgelände. Schließlich verbrachte er den restlichen Nachmittag mit seinen Freunden im Kino, nur um gegen Abend nach Hause zu gehen.

Als er gerade dabei war, seine Schuhe auszuziehen, erschien seine Mutter im Türrahmen.
„Shuu, du hast Besuch.“
„Was habe ich?“
„Besuch. Der Junge sagte, er gehört zu deinem Basketballteam und du würdest ihm Nachhilfe geben. Ich habe ihm gesagt, ich wüsste nicht, wann du wieder nach Hause kommst, aber er bestand darauf auf dich zu warten. Er ist in deinem Zimmer.“ Dabei stemmte seine Mutter die Hände in die Hüfte und warf ihm einen verärgerten Blick zu, als wäre er ein Scheusal, welches Kinder fraß, nur weil er seinen uneingeladenen Besuch solange warten ließ.
Seufzend kratzte Nijimura sich am Hinterkopf.
„Danke, Mum.“

Ohne weiter zu zögern, lief er Richtung seines Zimmers, nur damit seine Mutter ihm am Abendbrottisch keine Standpredigt über Manieren halten würde. Innerlich wappnete er sich, dann betrat er seinen Raum.
Auf seinen Schreibtischstuhl hockte tatsächlich kein Geringerer als Haizaki selbst. Geflissentlich ignorierte er das Kribbeln in seinem Nacken und zog eine Schnute.
„Ich hoffe, du hast meiner Mutter nicht zu viel Ärger bereitet.“
Der Jüngere verdrehte nur die Augen und schaute jetzt auf, da er zuvor in einem der Basketballmagazine geblättert hatte.
„Du bist scheißen spät.“
„Ich wusste nicht, dass wir verabredet waren.“
Haizaki schnalzte nur mit der Zunge.
„Hättest du, wenn du mal auf dein beschissenes Handy schauen würdest.“

Darauf zuckte Nijimura nur mit den Schultern. Seine Augen wanderten zu dem leeren Teller mit Krümmelresten, die sich ebenfalls munter auf seinem Schreibtisch verteilten. Verärgert zog er seine Augenbrauen zusammen.
„Was willst du, Haizaki?“
Der Jüngere schwieg, schaute ihn nur mit einem undefinierbaren Blick an, der das Kribbeln in seinem Nacken verstärkte sich.
„Ich wollte etwas wegen Mathe fragen.“
Sie Beide wussten, dass es nicht das war, was er eigentlich fragen wollte. Doch Nijimura hatte sich entschieden eine Trennlinie zu ziehen, bevor noch mehr Kollateralschaden in seinem Herzen entstand. Deshalb hob er eine Hand, um Haizaki zu signalisieren kurz zu warten, während er einen Zettel aus seiner Hosentasche fischte. Fragend beobachtete ihn der Jüngere dabei und ebenso fragend nahm er den hingestreckten Zettel entgegen.
„Das ist der Name und die Handynummer deines neuen Mathenachhilfedeppen.“

Kurz entstand eine angespannte Stille, die Haizaki damit brach, dass er wie ein wildgewordenes Tier aufsprang.
„Was soll der Scheiß?!“ Dabei drückte er Nijimura den Zettel unsanft gegen die Brust, weswegen dieser einen Schritt zurückwich.
„Erstens, hör auf so zu brüllen. Zweitens, der Kerl ist besser im Erklären als ich. Zudem hab ich keine Zeit dich stundenlang zu betreuen. Es reicht schon, dass ich dich ständig zum Training zerren muss.“
Im Nachhinein war er sich nicht sicher, welche dieser Sachen ausschlaggebend oder ob es eine Mischung aus allen drei Faktoren gewesen war. Aber Haizaki schienen alle Stränge der Vernunft in einem Augenblick zu reißen. Grob packte er Nijimura am Kragen und drückte ihn rückwärts gegen die Wand, so dass sein Hinterkopf hart dagegen knallte.
„Fick dich Nijimura! Fick dich und deine verdammten Lügen. Hörst du? Ich brauch' dich kein verschissenes Bisschen! Fahr zur Hölle, Schwuchtel!“

Kaum hatte Haizaki zuende geschrien und er sich größtenteils erholt, um sich wehren zu können und die aufgestaute Wut auf sich und auf den Deppen vor ihm Lauf zu lassen, wurde seine Zimmertür aufgerissen.
„Shuu? Was ist hier los?“, fragte sein Vater, der noch im Anzug dastand und gerade erst von der Arbeit gekommen sein musste. Die Anwesenheit seines Vaters musste einen Stoppknopf ausgelöst haben, da Haizaki von ihm ließ und ohne sich zu entschuldigen oder zu erklären, aus dem Raum stürmte.
Nijimura atmete schwer aus und rieb sich seinen schmerzenden Hinterkopf.
„Hitziges Gemüt der Kleine, hm?“
„Du hast ja keine Ahnung, Dad...“

Was nach dem Zusammenprall passierte, war so, als hätte jemand Reset gedrückt. Alle Einstellungen auf Anfang zurück. Hin und wieder zerrte Nijimura Haizaki zum Training oder pflaumte ihn an, wenn er im Training zu wenig gab. Doch außerhalb der Schule existierten sie füreinander nicht und wann immer er den Weißhaarige mit einem Mädchen entdeckte, schaute er in die andere Richtung.
Kurzzeitig später wurde sein Vater krank, woraufhin er seine Captainposition aufgab und danach etwas Zeit den Fluss hinab, verließ Haizaki das Team. Er fragte nicht weiter nach und ein Jahr später trennten sich ihre Wege nicht nur schulisch, sondern auch geografisch.

Nijimura hatte das Kapitel seines Lebens gewaltsam abgeschlossen und in die hinterste Ecke gesteckt. Weswegen er in keinsterweise darauf vorbereitet war, es erneut aufzuschlagen.

„Yo“, begrüßte ihn Haizaki Shougo.
Acht Jahre älter, einen Kopf größer, muskulöser, aber noch immer mit dem selbstgefälligem Grinsen auf den Lippen und geradewegs vor seiner Apartmentwohnung stehend.
Nijimura blinzelte einige Male, schaute links und rechts den Hausflur entlang, dann wieder auf den Riesen vor sich.
„Was zur Hölle machst du hier?“ War das Erste, was er von den vielen Fragen herausbringen konnte.
„Bei dir einziehen für ein paar Wochen“, antwortete der Jüngere ganz selbstverständlich.

„Einziehen? Bei mir?“ Perplex lehnte Nijimura sich zurück. War er betrunken? Schlief er noch?
„Yep. Einziehen. Also würdest du mich jetzt reinlassen? Ich muss mal pissen und das Gepäck wird schwer.“
Und ohne wirklich eine Zustimmung abzuwarten, drückte Haizaki sich an ihm vorbei.
Wortlos starrte er dem Jüngeren hinterher, dann seufzte er nur schwer.
„Setz' dich gefälligst hin, verstanden?“
Eine Schnute ziehend, schloss er die Haustür.

Nijimura hatte Haizaki einmal überlebt, er würde es auch ein zweites Mal schaffen.
Richtig?

II.

Der süßliche Duft von verschiedenen Kaffeearomen liegt in der Luft und lüllt Nijimura in eine angenehme Atmosphäre ein. Seine Hände spielen geistesabwesenden mit dem Papier des Strohhalms, knüllen es zusammen oder banden es in komplizierten Formen um seine Finger. Währenddessen lässt er seine Augen über die Besucher oder Einrichtung des Cafés gleiten, wenn sie nicht gerade den Menschen außerhalb folgen oder auf seiner Begleitung lagen.

„Vielleicht solltest du professionelle Hilfe aufsuchen?“, schlägt sein Gegenüber mit sanfter Stimme vor. Dennoch entging ihm nicht der vorsichtige Unterton. Abwertend schnaubte er nur.
„Ich bin nicht verrückt, Tatsuya.“
Himuro hebt abwehrend eine Hand und schüttelte sachte den Kopf.
„Das habe ich nie behauptet.“
„Aber du hast es gedacht.“
Der Jüngere wirft ihm einen undurchschaubaren Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit auf den Kuchen vor sich richtet. Schweigend saßen sie eine Weile so dar, jeder in seinen eigenen Gedanken, bevor Himuro ihn plötzlich ein Stück seines Kuchens mit der Gabel hinhielt.
Ein Friedensangebot, welches Nijimura grinsen lässt. Dankend lehnt er ab, indem er sich zurück in den harten Holzstuhl des Cafés sinken ließ. Mehr als einmal hatte er sich über die unbequemen Lehnen beklagt und sein Freund könnte wahrscheinlich schon ganze Balladen darüber schreiben. Wenn er es nicht schon längst getan hatte, bei Himuro konnte man sich dessen nie sicher sein.

Schließlich tupfte der Andere sich den Mund mit einer billigen Café-Serviette ab und legte die Gabel ordentlich auf den nun leeren Kuchenteller. Die Finger ineinander verschränkend, erinnerte ihn Himuro stark an jemanden, der ein Geschäft abschließen wollte, anstatt mit einem Freund über dessen geistigen Zustand zu sprechen.
Aber womöglich war Nijimuras Kopf auch ein riesiges, komplexes Geschäftskonstrukt, was so viele Fehler aufwies, dass es nur mit kühler Logik angegangen werden konnte.
„Erinnerst du dich an den Abend im Sweet Honey?“
Nijimura runzelte die Stirn. „Ja?“
„Entsinnst du dich auch an die Situation gegen Ende dieses Abends?“
Weiterhin irritiert darüber, wohin dieses Gespräch führen sollte, nickte er zögerlich.
„Dann fällt dir auch sicher ein, dass du eine Kerl, der doppelt so groß und massig wie du war, mitten in das Gesicht geschlagen hast?“
Nijimura stöhnte genervt auf.
„Tatsuya, nicht schon wieder...“
Doch sein Freund ließ sich nicht beirren, sondern fuhr gelassen fort.
„Was habe ich dir damals gesagt, bevor du den Mann geschlagen hast?“
„Aber er hatte dich angegraben!“
„Was hatte ich gesagt?“
„Gegen deinen Willen!“
„Was.Hatte.Ich.Gesagt?“
„….Shuu, lass es gut sein. Manchmal muss man die Dinge auch auf sich beruhen lassen.“

Himuro nickte, als ob er Gandi höchstpersönlich wäre und Nijimura verdrehte nur die Augen.
„Der Kerl hatte es trotzdem verdient.“
Belehrend hob Himuro jetzt einen Finger. Er hasste diese Geste von seinem Freund. Sie erinnerte ihn zu sehr daran, wieder zwölf zu sein und sich eine Standpauke von seiner Mutter anzuhören, während sein aufgeschrabtes Knie wie verrückt kratzte.
„Es geht nicht darum, wer was verdient. Es geht einzig und allein darum, dass du endlich lernst dich selbst zu zügeln.“
Nijimura schnaubte nur und stützte sein Kinn in seiner Hand ab.
„Ich kann mich zügeln. Nur hin und wieder bin ich der Ansicht, dass man das Pferd über den Zaun springen lassen sollte.“
„Bei dir springt das Pferd im Dauertakt über Zäune“, erwiderte sein Gegenüber nur trocken, worauf Nijimura grinsen musste. Dann schüttelte Himuro ergebend den Kopf und kräuselte die Nase in Missgunst.
„Ich meine es wirklich Ernst. Haizaki Shougo ist die personifizierte Form von Ärger. Der Mann ist nicht nur ein Zaun, sondern eine zwei Meter hohe Mauer mit Stacheldraht.“
Seine typische Schnute ziehend, brummte er nur zustimmend. Immerhin hatte Himuro recht. Haizaki war eine einzige wandelnde schlechte Nachricht auf zwei Beinen. Trotzdem…

„Was soll ich tun? Ihn einfach vor die Tür setzen? Der Kerl hat weder Geld für ein Hotel, noch für einen Rückflug nach Japan. Und wer weiß, was er anstellen würde, wenn ich es tue. Der Junge kann nicht einmal ordentliches Englisch sprechen. Ihn frei herumlaufen zu lassen, wäre so, als würde ich einen hungrigen Löwen in eine volle Schulklasse sperren. Ich bin verantwortlich für ihn, seitdem er über meine Türschwelle getreten ist, ob ich es nun möchte oder nicht.“

Himuro starrte ihn lange schweigend an, wobei Nijimura förmlich sehen konnte, wie dessen Rädchen auf Hochtouren lief. Plötzlich griff der Jüngere über den Tisch und berührte sachte seinen Arm.
„Er ist nicht deine Verantwortung und du brauchst dir auch nicht selbst irgendwelche Schuld aufzubürden, falls ihm etwas passiert. Du musst nicht für ihn sorgen, nur weil das mit deinem Va-“, bevor Himuro den Satz beenden konnte, zog Nijimura seinen Arm ruckartig außer Reichweite.
„Es hat absolut nichts damit zu tun!“, keifte er laut, weswegen sich einige Gäste des Café fragend und neugierig zu ihnen umdrehten. Die Hände vor der Brust verschränkend, lehnte er sich zurück in die unbequeme Stuhllehne und fügte ruhiger hinzu:
„Ich werde ihn ein paar Tage auf meiner Couch schlafen lassen, bis er fertig ist, mit was auch immer er hier erreichen möchte. Und alles, worum ich dich bitte, ist mir ein wenig unter die Arme zu greifen, wenn ich Hilfe brauche, okay?“
Sein Freund zog die Hand langsam zurück, was Nijimura einen Stich der altbekannten Schuld verpasste und strich nachdenklich eine Weile über die längst vergessene Gabel.
„Auch wenn manche Wunden zu Narben werden, können sie furchtbar schmerzen. Und obwohl es nur ein Phantomschmerz oder ein grausiger Scherz des Wetters sein mag, nimmt es keineswegs die Intensität.“
Nijimura schluckte schwer und schaute aus dem riesigen Fenster des Cafés. Am Himmel zogen sich dunkle Wolken zusammen und kündeten von baldigen Regen.
„Yeah, ich weiß“, sagte er dumpf.
Himuro seufzte schweren Herzens.
„Und trotzdem ignorierst du es.“

Darauf gab er seinen Freund keine Antwort. Beobachte nur, wie der erste Regentropfen gegen das Glas prallte und langsam gen Boden floss.

III.

Mit Haizaki zusammenzuleben, war in etwa so, wie einem Kuchen beim Backen zu zuschauen, nur um auf halbem Weg festzustellen, dass die Form viel zu klein war und man eventuell viel zu viel Backpulver verwendet hatte.

Haizaki schien das Konzept der Ordnung nicht ganz verstanden zu haben. Zwar erschien es in seinem kargen Wörterbuch, aber höchstwahrscheinlich mit einer völlig falschen Definition dessen, was es sein sollte. Ebenso der Gebrauch einer ordentlichen Hose. Ganz zu schweigen von einem normalen Tagesablauf, Manieren und allem, was sonst zu einem funktionierenden Glied der Gesellschaft gehören sollte.

Altbekannte Gereiztheit zwickte Nijimura in der rechten Hälfte seines Hinterkopfes, als er seinen Kiefer so sehr anspannte, dass jeder Zahnarzt ihn mit Besorgnis gemustert hätte. Seine Augen wanderten über leere Fastfoodkartons, Bierdosen, dreckiger Unterwäsche und einem halbnackten Haizaki, der auf seinem Sofa herumlungerte. Dabei war Letzteres in einem hitzigen Selbstgespräch über die lausigen Fähigkeiten seiner Teamkollegen bei irgendeinem Multiplayergame vertieft. Zumindest war er wach, dachte Nijimura bitter, was ihn jedoch nicht davon abhielt auf den Jüngeren zu zusteuern und ihn einen Klaps auf den Hinterkopf zu geben.

„Fuck! Was zu Hölle, Nijimura?!“ Fast schon skandalös schaute Haizaki auf, so als ob jemanden beim Zocken zu stören, einem Schwerverbrechen gleichkam.
„Wir müssen reden“, erwidert er nur im eisigem Ton.Die Augen des Jüngeren wanderten unschlüssig zwischen dem Bildschirm und Nijimura hin und her, die Frage still auf den Lippen.
„Jetzt“, betont er also und mit einem Ton, der keinen Widerspruch zulässt. Brummend richtet Haizaki sich auf und mit einem gezielten Wurf eines Stiftes, schaffte er es tatsächlich die Konsole auszuschalten. Wäre Nijimura nicht so empört über die grobe Behandlung seiner Einrichtung, hätte er dieses Talent höchstwahrscheinlich bewundert. Nachdem auch der Fernseher in endloses Schwarz getaucht wurde, wandte Haizaki sich mit einem gelangweiltem Ausdruck im Gesicht zu ihm um.
„Was gibt’s?“

Tief einatmen, dachte Nijimura sich. Zähle bis Zehn, finde deine innere Ruhe und dann kannst du präzise ausflippen. Schweigend ließ er seine Tasche, die er bis eben noch getragen hatte, neben dem Sofa sinken und setzte sich dann auf die Lehne. Die Arme verschränkend, starrte er Haizaki an.
„Es geht um unsere….Zusammenkunft“, fing er zögerlich an. Haizaki schnaubte nur, was wie Benzin für sein feuriges Temperament war.
„So wie es jetzt ist, kann es nicht stehen bleiben. Ganz ehrlich? Du treibst mich in den Wahnsinn. Und auf Wahnsinn reagiere ich allergisch.“ Haizaki hob unbeeindruckt eine Augenbraue.
Wann war der Jüngere nur so furchtlos vor seinen Drohung geworden? Aber dann wiederum, waren sie auch keine Teenager mehr. Zudem hatte Haizaki so einen Wachstumsschub bekommen, dass er wahrscheinlich in der Lage wäre, ihn locker auszuknocken, wenn er denn wollte. Der Gedanke bereitete Nijimura einiges an Unbehagen, schob es jedoch in die hinterste Ecke seines Bewusstseins.

Überraschenderweise richtete Haizaki sich jetzt in eine ordentliche Sitzposition auf.
„Fein. Wie sollte es nach deiner Meinung denn unsere 'Zusammenkunft' aussehen?“
Perplex starrte Nijimura den Jüngeren an. Er hatte nicht mit damit gerechnet, dass dieser tatsächlich so leicht einlenken würde. Aber dann wiederum hatten sie in den letzten vier Tagen, seitdem Haizaki auf seiner Schwelle aufgetaucht war, kaum mehr als ein paar Sätze miteinander gesprochen.
Vielleicht war der Andere ja doch erwachsener und vernünftiger als angenommen.
„Wie wäre es mit einer Hosenregel?“, purzelte es aus ihm heraus. Haizaki schaute ihn fragend an.
„Hosenregel?“ Wiederholte er stumpf.
„Ja, verdammt. Dich ständig nur in Unterhosen zu sehen, ist-“
„Sexy?“, unterbrach ihn Hazaki mit einem schelmischen Grinsen.
„Grauenhaft und widerlich“, beendete Nijimura trocken, wobei er die Hitze an seinen Ohren ignorierte.
„Was bist du? Ein Affe, der sein Hinterteil entblößen muss, weil er ansonsten sein Revier nicht verteidigen kann?“ Darauf schnalzte Haizaki nur mit der Zunge und er konnte förmlich beobachten, wie dieser sich ein Kommentar verkneifte. Stattdessen zuckte dieser achtlos mit den Schultern und lehnte sich jetzt lässig gegen die Sofarücklehne.
„Sonst noch was, Boss?“
Nijimura deutete mit seinen Zeigefinger auf das Chaos auf seinem Wohnzimmertisch. Dann wanderte besagter Finger über das Chaos, was sich um den Tisch herum ausbreitete. Haizaki verdrehte genervt die Augen, was er als eine Art Verständnis interpretierte.
„Und was deine nächtlichen Aktivitäten anbelangt...“
„Ah, komm schon! Ich bin ein Kerl in meinen besten Jahren. Die Nacht ist mein Revier, mein Spielplatz. Kann ja nicht jeder so ein stinklangweiliger Spießer wie du sein.“
„Oh, tut mir ja so leid, dass der Spießer früh aufstehen muss, um zu seinen Kursen zu gehen und zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Geld, von dem du Nachttier momentan übrigens lebt.“

Eine unangenehme Stille entstand und Haizaki warf ihm einen Blick zu, den er nicht recht zuordnen konnte. Es war fast so, als würde er etwas in den Worten oder der Mimik suchen, was man nicht entdecken konnte, wenn man nur die Oberfläche betrachtete.
„Bezahlt deine Mutter dir den Mist hier nicht?“
Ungläubig schüttelte Nijimura den Kopf und stand auf, da für ihn das Gespräch so gut wie beendet war. Zumindest war es seine Strapazierfähigkeit.
„Meine Mutter hat genug Kosten zu decken, geschweigeden die Kosten meiner jüngeren Geschwister. Außerdem bin ich in einem Alter, wo ich mich um mich selbst kümmern kann.“
Haizaki schwieg und als Nijimura in die angrenzende Küche ging, hörte er, wie dieser den Fernseher wieder anschaltete. Seufzend holte er eine Packung Fertignudeln hervor.

Erst später im Bett fiel ihm auf, dass Haizaki nur nach seiner Mutter gefragt hatte.
Ein schweres Gewicht drückte sich auf seinen Brustkorb.
Wahrscheinlich nur ein dummer Zufall.

Wahrscheinlich.

IV.

Zu seiner eigenen Verwunderung, hielt sich Haizaki sogar an die Hosenregel. Was den Anblick von ihm frisch geduscht und nur mit einem Handtuch über die Hüfte, beinahe die Unterhosen zurück wünschte. Es löste in ihm Knoten, die er für Jahre so fest zugeschnürrt hatte, dass er noch immer Jungfrau war – und damit sogar völlig zufrieden war, im Gegensatz zur allgemeinen Meinung.
Nijimura starrte und Haizaki ertappte ihn nach einer gefühlten Ewigkeit dabei, grinste nur breit.
„Was Gutes entdeckt?“, fragte er mit süßlicher Stimme, die Nijimura zornig werden ließ. Zorn, der nicht aggressiv, sondern defensiv war. Er hasste es, wenn er diese Art von Zorn spürte. Er erinnerte ihn zu sehr an seine eigenen Charakterschwächen, die er einfach nicht ausmerzen konnte.
„Du hast ein Tattoo“, erwiderte er gefasst, was Haizaki das selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht trieb. Automatisch wanderten dessen Hände zu seiner Hüfte, wo Teile eines aufwendigen Löwenkopfes zu sehen waren. Löwe. Warum ein Löwe, fragte sich Nijimura leise.
„Und?“
„Nichts. Wusste nur nicht, dass du der Typ dafür bist.“
Haizaki warf ihm einen Blick zu, der ihm nichts davon verriet, was hinter seinem Kopf vor sich ging. Frustrierend stellte Nijimura fest, dass dies ständig passierte. War der Jüngere früher ein offenes Buch gewesen, ähnelte er jetzt mehr einem Fort Knox.
„Du weißt vieles nicht, Nijimura“, sagte Haizaki mit tiefer und ernster Stimme.

Nijimura hatte keine Ahnung, warum dieser Satz ihn so sehr traf. Ihn so sehr aus der Fassung brachte, dass er rasch den Raum verließ, nach seinen Sachen griff und nuschelte, er müsse noch einige Einkäufe erledigen.
Erst im Supermarkt, vor der riesigen Auswahl an Brotaufstrichen, wurde ihm klar, dass es ihn so aufregte, weil es stimmte.
Warum ein Löwe? Wieso die natürliche Abscheu gegen Hosen im Haus? Warum die Haare gefärbt? Warum irgendwas und warum war er überhaupt hier?
Die Wahrheit war, dass Nijimura nichts mehr über den Haizaki in seiner Wohnung wusste. Er hasste Wahrheiten. Sie machten Dinge real. Und mit der Realität musste man sich auf die eine oder andere Weise auseinandersetzen.

Er war sich nur nicht sicher, ob er bereit dafür war, sich mit Haizaki Shougo auseinanderzusetzen.
Hätte er nur auf Himuro gehört. Wäre er nur einmal in seinen Leben nicht stur gewesen und hätte so getan, als wäre er härter, als er eigentlich war.
Doch er hatte es nicht und jetzt stand er im Supermarkt, verloren und verwirrt und überlegte, ob dieser Haizaki lieber Curry-Mango oder Toscana Geschmack als Aufstrich mochte.

V.

Mit wachsendem Unmut beobachtete Nijimura das nächtliche Verhalten von Haizaki. Tatsächlich hatte dieser aufgehört um drei Uhr morgens lauthals Leute über das Headset zusammenzuschreien – was ihn jedoch nicht davon abhielt, um die Uhrzeit noch zu zocken. Doch in den letzten Tagen verschwand er aus der Wohnung, kurz bevor Nijimura nach Hause kam und kehrte erst zurück, wenn Nijimura etwa eine halbe Stunde später aufstand.

Erst kümmerte es ihn relativ wenig, was eine Lüge war, die er sich selbst erzählen musste. Aber als er einen Tag zurückkam, einen vollgepackten Kühlschrank vorfand und einen Zettel, wo ihn der Jüngere mitteilte, er hätte sich um den Einkauf gekümmert, konnte er sich nicht mehr selbst belügen.

Also wartete Nijimura im Wohnzimmer, ließ irgendwelche schlechten Horrorfilme über den Fernsehbildschirm flimmern, nachdem jeder Versuch auf eine Portion Schlaf gescheitert war. Es war kurz nach fünf in der Nacht, als er das Klicken des Türschlosses hörte.
(Haizaki hatte sich ohne fragen, des Zweitschlüssels bemächtigt und er hatte keine Einwände dagegen erhoben. Warum auch? So musste er zumindest keinem sich selbstauschließenden Idioten hinterherrennen.)

Schwere Schritte ertönten, ein Poltern erfolgte, ein gedämpftes Fluchen und Nijimura wusste schon, bevor er sich umwandte, dass Haizaki beschwipst war.
Mit halb zugekniffenen Augen und geröteten Wange schaute der Jüngere zu ihm hinüber, als er im Rahmen zum Wohnzimmer stehen blieb und ihn auf dem Sofa erblickte.

„Was bist du denn noch wach?“, blaffte er unverblümt hervor.
Nijimura schenkte ihm ein salziges Lächeln.
„Dir auch einen wunderschönen Abend. Oder sollte ich Morgen sagen? Ist so schwer zu definieren, wenn die Sonne bald aufgeht.“
Haizaki stöhnte nur genervt und schwankte zum Sofa hinüber. Grob ließ er sich neben Nijimura fallen und zum ersten Mal nach zwei Wochen, seitdem er auf seiner Türschwelle aufgetaucht war, war zwischen ihn gerade Mal ein halber Meter Abstand. Diese Tatsache beunruhigte Nijimura, weswegen er sich nervös am Nacken kratzte, da es dort anfing zu jucken.
„Du stinkst nach Alkohol und Rauch“, fing Nijimura an, worauf Haizaki nur ein Knurren zur Antwort gab.
„Wo warst du?“, versuchte er es erneut. Endlich reagierte Haizaki, indem er ihm einen giftigen Seitenblick zuwarf.
„Bist du meine Mutter, oder was?“
„Kannst du keine Frage beantworten, ohne gleich aggressiv zu werden?“, schleuderte er zurück.
„Sagt der Richtige.“
„Ich bin nicht aggressiv!“
„Yeah, scheiße Mann und ich bin dann Nicht-Raucher.“

Damit schien für Haizaki das Thema beendet zu sein, denn er fing an sich zu entkleiden. Für Nijimura jedoch hatte der Tanz gerade erst begonnen.
„Okay. Andere Frage. Woher hast du das Geld, um den Kühlschrank bis obenhin mit Lebensmittel zu füllen?“ Das diese fast ausschließlich frisches Gemüse und Derlei waren, verbiss er sich in diesem Moment.
„Hab's gewonnen“, war die einsilbige Antwort.
„Gewonnen? Wie gewonnen?“
„Komm schon, Nijimura. Sogar ein Pisser wie du wirst wissen, wie man Geld auf der Straße gewinnt.“
In der Tat, dass wusste er. Ihm fielen sogar einige Möglichkeiten ein. Doch keine davon gefiel ihm.
„Bist du bekloppt?!“
Haizaki hielt inne in seiner ungeschickten Tätigkeit und schaute ihn jetzt fragend an.
„Was? Wo ist das Problem?“
„Das Problem? Fragst du aller Ernstes, wo das Problem ist, dass du auf illegale Weise Geld verdienst? Ich meine, ich frage erst gar nicht danach, wie du es mit deinem gebrochenem Englisch schaffst oder mit was genau. Aber was bringt dich dazu, so einen Mist zu tun?“

Eine lange Pause entstand, bis Haizaki einfach aufstand und Richtung Küche marschierte. Verärgert folgte Nijimura ihm.
„Weißt du, ich frage nicht, warum du hier bist. Warum du nach acht Jahren auf die Idee kamst, dich bei mir einzuniesten. Ich frage nicht, was du davor getan hast oder beabsichtigst in der Zukunft zu tun. Es interessiert mich auch nicht. Und fein, ich werde auch nicht wieder fragen, warum du illegal Geld ans Land ziehst. Alles, worum ich dich bitte, ist keinen Scheiß zu bauen, solange du hier bist.“
Die Worte waren förmlich aus seinen Mund gepurzelt und im Nachhinein bereute er sie, da sie falsch klangen. Es war eine aneinander Reihung an Lügen, die er sich selbst erzählte, um sich vor was auch immer zu schützen. Und er war sich sicher, dass Haizaki es in jenem Augenblick auch wusste. Ihn durchschaute und deswegen umso wütender und aufgebrachter war.
Denn wenn es eine Sache gab, die Haizaki, in welchem Zustand auch immer, auf die Palme brachte, dann war es jene, die sich mit der Unehrlichkeit Nijimuras beschäftigte.

Mit einem lautem Krach schmiss Haizaki die Tür des Kühlschrankes zu, den er bis eben noch geöffnet hatte, um sich ein Schluck gekühltes Wasser zu gönnen. Dann richtete sich der Jüngere bedrohlich vor ihm auf. Dank des ungünstigen Winkels und dem Licht aus dem Flur, verdeckten lange Schatten das Gesicht von dem Anderen, weswegen Nijimura nur raten konnte, welchen Ausdruck dieser hatte.
Schweigend standen sie einige Sekunden so voreinander. Schließlich rührte Haizaki sich und Nijimura wappnete sich innerlich auf die Kollision, doch nichts passierte. In letzter Sekunde schien sein Gegenüber es sich anders zu überlegen und machte einen Schritt rückwärts. Nijimura wusste nicht, ob er erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Wobei ihn Letzteres an seinem gesunden Menschenverstand zweifeln ließ.
„War das alles?“ Die Frage war distanziert und enthielt einen angespannten Unterton, der einen kleinen Stich durch seinen Magen jagte.
„Ja“, erwiderte er nur mit rauer Stimme.
Haizaki nickte und marschierte aus der Küche. Eine Weile stand Nijimura noch in der Dunkelheit da, lauschte den Bewegungen des Jüngeren, bis dieser den Lichtschalter ausmachte. Erst dann schlich er auf leisen Füßen zurück in sein eigenes Zimmer.

Fast wie ein Feigling.

VI.

Himuro warf ihm einen besorgten Blick über den Rand seines Universitätstextes zu.
„Alles in Ordnung?“
Nijimura verzog nur eine Schnute.
„Klar, alles Bestens.“
Sachte hinderte ihn Himuro daran, den Energydrink in seinen Kaffee zu schütten.

VII.

Erschöpft schleppte sich Nijimura die letzten Meter den Flur entlang, lehnte sich schwer gegen die Apartmenttür und sank förmlich in das Innere seiner vier Wände.
Begrüßt wurde er von dem Duft von Essen.

Irritiert blieb er wie angewurzelt stehen und versuchte die gesandten Informationen zu verarbeiten. Zögerlich zog er seine Schuhe aus und warf dann einen Blick in die Küche. Dort stand Haizaki am so gut wie nie gebrauchten Herd und schien irgendwas in mehreren Töpfen zu kochen.
Perplex hing er am Türrahmen wie ein betrunkener Seefahrer und beobachtete das Schauspiel. Nijimura hatte immer Leute respektiert, die kochen konnten, da er selbst eine Katastrophe in der Küche war. Hatte stets bewundert, wie manche aus einem einzigen Lebensmittel so viele Gerichte zaubern konnten und ein Messer schwangen, als wäre es eine Kunst für sich.
Doch nie in seinen wildesten Träume hätte er gedacht, dass Haizaki einer dieser Jongleure der kulinarischen Welt war.

„Du kannst kochen?“, platze es aus ihm heraus.
„Sieht man doch“, kam die patzige Antwort. Nijimura nahm es ihm nicht einmal übel. Eigentlich hätte er nach dem gestrigen Abend – oder heutigen Morgen, wie auch immer man es einordnen wollte – damit gerechnet, dass der Jüngere unterwegs war oder gar seine sieben Sachen gepackt und abgehauen wäre.
Kurz rang Nijimura mit sich, bevor er seine Tasche an die Seite stellte und sich räusperte.
„Brauchst du Hilfe?“
„Ich brauche keine Hilfe“, was in seinen Ohren klang, wie 'Ich brauche niemals Hilfe und vor allem nicht von dir'. Dann fügte Haizaki mit einem etwas versöhnlichen Ton hinzu.
„Aber du kannst die Soße übernehmen.“
Schweigend tat Nijimura wie ihm geheißt.

Das Essen war gut. Mehr als gut. Wenn man den verbrannten Geschmack der Soße wegrechnete.
Trotzdem genoss Nijimura jeden einzelnen Bissen davon. Besonders als er merkte, wie stolz Haizaki auf seine eigenen Kochkünste war.

Und vielleicht war es nur seine Einbildung, aber er meinte, dass Haizaki sogar ein wenig beschämt war, als er ihn dafür lobte.

VIII.

Eine goldene Regel, die sich Nijimura selbst auferlegt hatte, war niemals am frühen Morgen die Post zu holen. Einerseits, da bei unerhörten Rechnungen und nutzloser Werbung seine ohnehin schon angespanntes Morgentemperament mit ihm durchging und andererseits, weil der Postbote meistens erst gegen Spätmittag vorbeikam. Daher schaute er üblicherweise im Briefkasten nach, nachdem er aus seinen Kursen kam oder den Einkauf getätigt hatte. Zwar regte er sich trotzdem über die Rechnungen auf, aber zumindest konnte er sich danach eine entspannende Dusche gönnen.

Während er also desinteressiert die Post auf seinen Weg nach oben fischt und durchschaut – Werbung mit der Aufschrift „die Toten für die Lebenden“, was eindeutig mit Organspende zu tun hat; ein Flyer mit irgendeinem Event in der Nähe; Probezeitschrift seines Fernsehanbieters; ein Amazonpaket für Haizaki (er will es gar nicht wissen) – bleibt er abrupt im Gang stehen, als er eine triste Postkarte erreicht. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend dreht er sie um, damit er sie lesen kann.

Jedes Wort frisst sich wie Salzsäure in sein Inneres und am Ende fühlt er sich ausgebrannt. Einige Sekunden steht er so dar, starrt das Stück Pappe in seiner Hand an, bis sich mit einmal ein Schalter in ihm umlegt. Stampfend, rennt er fast schon in die Wohnung, schmeißt seine Tasche lose auf den Boden und befördert seine Schuhe meterweit voneinander entfernt in die Ecke. Die Post landet laut und verstreut auf dem Wohnzimmertisch, nur nicht die Postkarte. Diese zerknüllt er und drückt sie so gewaltsam in den Papiermüll, dass der Karton einen quälende laut von sich gibt.

Schwer atmend, stolpert Nijimura wenige Zentimeter zurück. Durst, denkt er und stürzt förmlich auf den Kühlschrank zu. Reißt die Tür auf, hält aber im Greifen nach der Cola inne. Stattdessen umschließt er mit seiner Hand den Hals der Schnapsflasche von Haizaki. Kurz zögert er, doch dann öffnet er die Flasche und führt sie an seinem Mund.

Gierig schluckt er den Alkohol hinunter, der fürchterlich in seinem Hals brennt und seine Augen zu Tränen bringt. Dennoch setzt er nicht ab, trinkt und trinkt. In der Hoffnung das Brennen würde die verzweifelte Wut in seinem Herzen einfach versengen.

Das Öffnen der Haustür schreckt Nijimura auf. Seine Glieder fühlen sich schwer und taub an, wobei die Dunkelheit um ihn herum schwirrt und ihm allein vom aufrechtem Sitzen schlecht wird. Leise Pfeifen ertönt vom Flur und im nächsten Moment schaltet sein ungewollter Mitbewohner das Licht an. Stöhnend schließt Nijimura die Augen und gleichzeitig hört das Pfeifen auf. Schwere Schritte hallen wieder und wenige Sekunden später ist er sich bewusst, dass er nicht mehr allein im Wohnzimmer ist.

„Was pennst du denn auf dem Sofa?“, erschallt Haizakis Stimme, die für seinen pfeifenden Kopf viel zu rauchig und nervig klingt. Mit den Zähnen knirschend, sinkt er zurück in die weichen Kissen, versucht das Übelkeitsgefühl in den Griff zu kriegen.
„Wie speht is' 's?“ Stille.
„Bis du betrunken?“

Auf die Frage antwortet Nijimura nicht, dreht sich nur knurrend auf die Seite.
„Isch hab gefrahgt, wie speht 's is'.
Schritte, ein Schatten der sich über ihn wirft.
„Heilige Scheiße, du bist ja echt betrunken.“ Dabei klingt Haizaki so amüsiert, dass er förmlich dessen dummes Grinsen sehen kann.
„Fresse. Uhrseit?“, knurrt er nur. Darauf lacht der Jüngere und Nijimura ballt die Fäuste.
„Hätte nie gedacht, dass du dich mal so abschießt. Was war der Grund dafür?“
Innerlich fängt er an zu zählen.
„Uhrseit?“ Doch der Andere ignoriert ihn weiterhin.
„'Ne Prüfung verhauen? Korb gekriegt?“
„Uhrseit“, presst er hervor.
„Oh, oder hast du endlich erkannt, dass du mal wieder so richtig gefic-“

Ruckartig richtet Nijimura sich auf, seine Hände Halt suchend umklammern die Rücklehne des Sofas und obwohl alles bedrohlich schwankt, beugt er sich dennoch Richtung Haizaki, der die ganze Zeit hinter ihm stand.
„Was kümmert's dich?! Oda willst duh dich über mich lustich machn. Ja, is 's das? Dann lass uns lachn. Lach schon! Lach mich aus! Lach, wie erbärmlich ich bin! Erbärmlich, wie 'n Kleinkind. Kann nichmal mit 'ner beschissn Postkarde umgehn. Scheiße...Lass mich einfach in Ruh' ja? Ich kann einfach nich...ich...verdammt...“
Schlapp sinkt Nijimura zurück, vergräbt sein Gesicht in der Lehne des Sofas und bevor er sich beherrschen kann, spürt er, wie die heißen Tränen ihren Weg nach außen finden.

Schweigend steht Haizaki noch eine ganze Weile daneben, während er gluckst, flucht und schließlich lauthals heult. Erst dann verschwindet der Jüngere. Nach mehreren Minuten beruhigt Nijimura sich, sackt zurück in die Kissen, körperlich und seelisch erschöpft. Langsam driftet er ab und bevor er einschläft, meint er, wie sich jemand neben ihm aufs Sofa setzt und nach seiner Hand greift. Aber er ist sich nicht sicher, da Haizaki niemals so etwas tun würde.

Am nächsten Morgen erwacht Nijimura mit einem grauenhaften Geschmack im Mund und einem furchtbarem Dröhnen im Kopf. Schwerfällig macht er sich für den Tag fertig und erst, als er halb aus der Haustür ist, fragt er sich, wo Haizaki steckt. Doch er entscheidet sich dagegen dem Anderem eine Nachricht zu schreiben, da er sich unsicher ist, ob dieser wegen dem Vorabend nicht sowieso von ihm genervt ist.

Der restliche Tag zieht sich wie Kaugummi und als er am Abend endlich Fuß in die Eingangshalle des Familienhauses setzt, schreit sein Körper förmlich nach einer warmen Dusche und etwas Leckerem zu essen. Wie üblich hält er jedoch an, um nach der Post zu schauen. Dabei belügt er einen Teil von sich selbst, dass er weder angespannt, noch nervös ist, als er den Briefkasten öffnet. Erfreulicherweise findet er ihn leer vor und mit leichteren Schultern hüpft er die Treppen hoch.

Erst als er den Schlüssel in die Haustür steckt, poltert eine gewisse Unsicherheit auf ihn ein, was sich bemerkbar durch das Kribbeln in seinem Nacken macht. Dieses dennoch verhemmt ignorierend, betritt er die Wohnung.
„Yo, Haizaki. Bist du da?“
Überraschenderweise bekommt er sogar eine Antwort.
„Küche.“
Das Kribbeln im Nacken wird stärker und sein Herzschlag beschleunigt sich, was er mit ins Grab nehmen würde, bevor er das jemals lauthals zugeben würde. Nachdem er seine Schuhe und Taschen ordentlich verstaut hat, betritt er die Küche, nur um mit dem angenehmen Duft von Gekochtem begrüßt zu werden und den Anblick Haizakis, der eine Kochschürze trug.

Kurz schaut er ihm schweigend dabei zu, wie dieser das Gemüse geschickt in der Pfanne hin und her schleudert, bevor er den Mund aufmacht.
„Was kochst du?“
Tatsächlich wirft ihm der Jüngere einen Blick über die Schulter zu, den er nicht so recht deuten kann. Doch allem Anschein nicht viel, da die nächsten Worte normaler nicht sein könnten.
„Was Essbares.“
Nijimura schnaubt daraufhin nur und tritt an den Herd heran.
„Brauchst du Hilfe?“
Haizaki zieht schon förmlich die Pfanne aus seiner Reichweite.
„Bloß nicht, immerhin soll es essbar bleiben.“
„Oh, haha. Wie lustig wir wieder sind.“
Da der Jüngere jedoch tatsächlich recht hatte, was ihnen Beiden mehr als nur bewusst war, trat er zurück und stellte sich lieber der komplexen Aufgabe des Tischdeckens.

Gerade als er die Teller aus dem Schrank geholt hatte und sie Richtung Wohnzimmer schleppte, fiel ihm der kleine Stapel an frischer Post auf der Eingangskommode auf. Verdutzt hielt Nijimura inne und starrte die zwei Prospekte und den Brief der Krankenkasse an. Er blinzelte einige Male, überlegte und überschlug, was er am gestrigen Tag aus der Post geholt hatte und war sich sehr sicher, dass diese Sachen von heute sein mussten.

Automatisch wanderten seine Augen zu dem Papierkarton.
Leer.
Absolut leer.
„Hey, deckst du nun den verdammten Tisch, oder was?“, keift Haizaki, der mit einem dampfenden Kochtopf nun ebenfalls im Flur stand.
„Was habe ich über das Fluchen gesagt?“, erwiderte er nur monoton und setzte sich in Bewegung.
„Jaja, was auch immer.“

Nijimura fragte nicht und Haizaki sagte auch nichts weiter, weder zu dem vorherigen Abend, noch zu dem leeren Papierkarton. Doch ab jenem Tag hörte er auf nach der Post zu schauen, da sie, wann immer er nach Hause kam, schon bereits auf der Kommode lag – und dafür war er Haizaki unglaublich dankbar.

IX.

„Es sind jetzt schon gute vier Monate.“

Nijimura wendet seine Augen von den DVDs in seiner Hand ab und schaut zu Himuro hinüber, der ebenfalls einige Filme inspiziert.
„Was sind vier Monate?“, fragt er nach.
Himuro hebt eine der DVDs hoch, dreht sie um und fängt in aller Ruhe an, den Klappentext zu lesen. Nijimura lässt ihn einige Sekunden gewähren, bevor er seine Frage ungeduldig wiederholt.
„Vier Monate, seitdem Haizaki bei dir wohnt.“
Ungläubig starrt er seinen Freund an, dann wendet er sich der Auslage vor ihm wieder zu.
„Echt? Kommt mir gar nicht so lang vor...“

Himuro sagt weiter nichts und Nijimura glaubt schon, dass das Thema damit beendet ist, als der Andere erneut den Mund aufmacht.
„Alles in Ordnung zwischen euch Beiden?“
Er runzelt die Stirn. Er kann den Finger nicht direkt darauf pressen, aber er meint, dass in der Frage mehr steckt, als es den Anschein hat. Himuro meinte immer mehr, als er wirklich sagte.
„Ja? Was sollte nicht in Ordnung sein?“
„Keinen Streit?“
Darauf lacht Nijimura humorlos auf.
„Wir diskutieren ständig miteinander. Erst gestern meinte Haizaki, es wäre kindisch die Konsole zu verstecken. Worauf ich meinte, es wäre lächerlich bis sieben Uhr morgens über fiktive Charakter zu heulen.“
„Hast du nicht gesagt, er arbeitet jetzt in der Imbissbude bei euch um die Ecke?“
„Yeah, und?“
„...sollte man da nicht ausgeschlafen sein?“
„Ah? Oh, ja. Vielleicht. Haizaki kann gut ohne Schlaf auskommen. Keine Ahnung wie das funktioniert. Aber es funktioniert.“
Schweigen.

Irritiert schaut Nijimura wieder zu seinem Freund hinüber, der ihn zweifelnd mustert.
„Was?“, erwidert er gereizt, merkt wie die rechte Hälfte seines Hinterkopfes zwickt.
„Habe ich etwas Seltsames gesagt?“
„Nein“, dabei ist Himuros Erwiderung langsam, fast schon bedacht.
„Was ist es dann?“
Sein Freund mustert ihn lange und ausführlich. Schließlich richtet er seine Aufmerksamkeit wieder den DVDs zu. Frustriert verzieht Nijimura seine typische Schnute und ist schon dabei, weiter zu marschieren, da erbarmt sich sein langjähriger Freund zu einer Antwort.
„Gewöhne dich einfach nicht zu sehr an ihn.“
„Ich gewöhne mich nicht an ihn.“
Himuro seufzt schwer und schüttelt ergebend den Kopf.
„Pass einfach auf dich auf, Shuu.“
„Ich passe immer auf mich auf, Tatsuya.“

Sie Beide wussten, dass das eine seiner Lieblingslügen war.

X.

„Und? Hast du einen guten Film mitgebracht?“, begrüßte ihn Haizaki nur in Unterhose.
Wortlos schmiss Nijimura ihn die DVD auf den Bauch, nur um sich dann schlapp und mit einer Dose Cola bewaffnet am Fuße des Sofas niederzulassen.
Ohne eine weitere Pause, legte Haizaki den Film ein und breitete sich auf dem Sofa aus.

Irgendwann während des Filmes, spürte Nijimura ein leichtes Ziehen an seinen Haaren. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Haizaki mit seinen Haaren spielte.
Schweigend ließ er ihn gewähren.

Er gewöhnte sich nicht an Haizaki.
Niemals.
Und er passte auf sich auf.
Immerhin war er kein Teenager mehr.

Man konnte nicht zwei Mal an der selben Stelle fallen.
Richtig?

XI.

Es hatte den ganzen Tag über geregnet und auch am Abend schien der Himmel sich von seinem Bemühen die Welt zu ertränken, nicht abbringen zu lassen zu wollen.
Daher hatte Nijimura sich mehrmals unter seiner Bettdecke hin und her gedreht, bevor er erst am frühen Nachmittag darunter hervorgerollt war. Die Wohnung selbst hatte er leer vorgefunden, da es einer der Tage war, an denen Haizaki arbeiten musste. Seltsamerweise genoss er die Ruhe nicht so sehr, wie er gedacht hätte. Ohne die Präsenz des Jüngeren wirkte die Wohnung zu groß und zu kalt, was völlig abstrus war.

Den restlichen Nachmittag verbrachte er damit, die Wohnung aufzuräumen, im Internet zu surfen oder Musik zu hören. Dabei nickte er beim Letzteren ein und wachte erst auf, als er etwas Schweres auf sich spürte.
Im ersten Moment ergriff ihn Panik, da das Gewicht ihn unangenehm auf der Hüfte lag und ihn somit teilweise bewegungslos machte. Schon bereit seine gesamte Kraft zu sammeln und sich dagegen zu wehren, was ihn auch immer in die weiche Polsterung des Sofas drückte, hielt er plötzlich inne. Seine Augen nahmen im schwachen Schein der durch die Straßenlaternen und dem generellen Stadtlicht in den dunklen Raum fiel, Konturen wahr, die ihm in den letzten Monaten nur allzu bekannt geworden waren.
„Haizaki? Was soll d-“
Eine Hand legte sich auf seinen Mund. Warm, rau und größer als er sie in Erinnerung hatte. Verwirrt über die Berührung hielt er inne. Der Jüngere verlagerte sein Gewicht, was ein Prickeln durch Nijimuras Unterleib jagte, was seine Kehle trocken werden ließ. Erst dann bemerkte er noch eine weitere Sache.
Nässe.
Regnete es draußen noch immer? Er konnte es schwer einschätzen, da er noch immer seine Kopfhörer aufhatte. War Haizaki also in dem Regen nach Hause gelaufen? Er musste. Ansonsten würde seine nasse Kleidung sich nicht auch jetzt durch Nijimura seine fressen. Abermals verlagerte Haizaki sein Gewicht und jetzt fielen einzelne Tropfen auf seine nackte Haut. Doch Nijimura beachtete sie kaum, viel mehr beschäftigte ihn plötzlich das Gesicht des Jüngeren, welches nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt war.

Sein Herz setzte eine Runde aus.
Dann roch er den Alkohol und den Rauch.
Sein Herz machte aus einem völlig anderem Grund einen Sprung.

Wut packte ihn und ohne auf die Folgeschäden zu achten, richtete er sich ruckartig auf. Dabei traf seine Stirn Haizaki direkt an der Nase.
„Scheiße!“ Fluchte Haizaki lauthals, was er nur dadurch vernehmen konnte, da er sich seine Kopfhörer schon förmlich vom Kopf riss.
„Den hast du verdient“, erwiderte er nur kühl. Gerade als er dabei war aufzustehen, langte plötzlich Haizakis Hand nach ihm und gewaltsam wurde er zu Boden gerissen. Der unsanfte Aufprall drückte ihm den Atem aus der Brust und bevor er nach neuen schnappen konnte, wurde er grob auf den Bauch gedreht.
„Wa-Ah! Haizaki?!“
Erneut spürte er die gesamte Masse Haizakis auf sich und zusätzlich, hielt dieser jetzt seine Arme in einem Klammergriff hinter seinen Rücken. Er wollte gar nicht wissen, woher der Jüngeren diesen Griff gelernt hatte, konnte sich jedoch seinen Teil dazu denken.
Zwischen zusammengebissenen Zähne, brachte er seinen Unmut über diese Situation hervor.
„Hör mit dem Mist auf und lass mich los.“
Doch der Jüngere gab keine Antwort von sich, noch rührte er sich. Wäre er in diesen Augenblick nicht so frustriert, müde und wütend gewesen, hätte Nijimura sich womöglich ein wenig gefürchtet.
Erst viel später wurde ihm klar, wie hilflos und ausgeliefert er gegenüber Haizaki gewesen war. Und ein Teil seines Hirnes würde eine bizarre Freude daran empfinden, was ihn vor sich selbst fürchten ließ.

Endlich bewegte Haizaki sich, indem er sich zu ihm hinunterbeugte, was den Drück auf seinen Armen nur verstärkte und eine Welle der Schmerzen durch sein Körper jagte.
Warmer Atem kitzelte seine nackte Haut und ließ seine Nase rümpfen, weil der Alkoholgeruch unerträglich war.
„Hey, Nijimura. Lass uns ein wenig Spaß haben, ja?“
„Spaß?“, presste Nijimura angestrengt heraus. „Spaß? Was für ein verdammten Spaß?“
„Feiern gehen. Tanzen, trinken bis unsere Birnen voll sind und wir alles andere vergessen.“ Haizaki hielt kurz inne und dann bewegte sich Hüfte in einer Weise, die eindeutig eine bestimmte Tätigkeit signalisierte. „Ein Bisschen hiervon, hm? Klingt doch gut, oder?“

Nijimura konnte nicht sagen, was es war, was ihn dazu brachte zu explodieren. Vielleicht weil Haizaki es schaffte mit wenigen Sätzen, die letzten Wochen, die sie hatten, zu zerstören. Sie auf ein Minimum an Bedeutungslosigkeit zu reduzieren. Ihn zu reduzieren auf jemanden, den man nach Lust und Laune hin und her schubsen konnte. Auf einen Idioten, der tatsächlich dachte, dass da etwas von Bedeutung zwischen ihnen war. Seine alte Narbe zum Schmerzen zu bringen, mit der Erinnerung, an weibliche Händen in Hosen, die genauso nur zum Vergnügen dienten.
Vielleicht einfach, weil er sich in diesem Augenblick dämlich und gedemütigt vorkam, wie ein schlechter Scherz, der nach hinten losgegangen war.

„Lass mich los, Haizaki“, knirschte er mit unterdrückter Wut. Doch der Jüngere ließ ihn nicht los.
„Komm schon. Mach dich endlich etwas locker.“
Der letzte Faden riss und alles, was dann passierte, würde Nijimura seine Lebtage nicht mehr vergessen.
„Locker machen? So wie du, ja?“ Höhnte er. „Mich vollaufen lassen, ja? Irgendwo wahrscheinlich mit irgendwem unbedeutenden Sex haben. Nicht einmal eine eigenen Wohnung besitzen und alten Schulkameraden auf den Senkel gehen. Keine Perspektive und keine Zukunft zu haben, weil hey, meine Eltern waren ja genauso asozial. Warum also nicht? Warum nicht genauso ein Verlierer werden wie mein Vater, der mich ja sitzengelassen hat? Ist es das, was du mit locker machen meinst, Haizaki?“

Stille.
Nijimura schließt die Augen, realisierend, was er gerade gesagt hat.
Der Griff lockert sich.
Das Gewicht verschwindet.
Langsam richtete Nijimura sich auf und dreht sich zu Haizaki um, der ihn ausdruckslos anstarrt.
Nur das Prasseln des Regens ist gegen das Fenster zu hören.

„Zumindest ist mein Scheißvater noch am Leben und hat sich nicht per Tod verpisst, weil er kein Bock mehr auf uns hatte.“

Nijimura holte aus.

XII.

Der Kühlakku brannte unangenehm auf seiner Haut.

„Blödes Ding“, zischte Nijimura und wollte es wegschieben, doch Himuro schob es nur wieder unsanft an die richtige Stelle.
„Weiter dranhalten für etwa zehn Minuten.“
Nijimura stöhnte und sank in die weichen Kissen von Himuros Bett und schloss die Augen.
Dann hörte er ein Klick.
„Hast du gerade ein Foto von mir gemacht?“
„Ja. Sieht nett aus dein blaues Auge."

Nijimura zog nur eine Schnute und drehte sich auf die Seite.
„Danke für dein Mitgefühl.“
Lauschte dem Tippen Himuros auf seinem Handy. Höchstwahrscheinlich schickte er es irgendwelchen Freunde oder twitterte es mit dem Hashtag Vollidiot.
„Ich habe dich gewarnt.“

Darauf erwiderte Nijimura nichts. Was hätte er auch sagen sollen? Wenn man ein wildes Tier in sein Haus holte, musste man damit rechnen, irgendwann von ihm gebissen zu werden.
Was er nur nicht verstand, wieso ausgerechnet heute alles aus den Fugen gerissen war.

„Wir sollten eventuell etwas Abdeckzeug kaufen, wenn die Geschäfte morgen wieder auf haben“, schlug Himuro vor.
„Vielleicht...“
Danach sprachen sie nicht mehr viel und er war dankbar dafür, da er seinen eigenen Mund nicht mehr traute.

Als Dunkelheit sie umhüllte und Nijimura auf der Gästematraze lag, wurde sein Blick von den leuchtenden Zahlen der Digitaluhr am Receiver angezogen.
23:48 Uhr am 22 Juni.

22 Juni.

Hysterisch fing Nijimura an zu lachen und erst, als Himuro das Licht anmachte und ihn beruhigend in die Arme nahm, fing er an sich zu beruhigen.

Vielleicht war er nicht der Einzige gewesen, der an jenem Tag etwas verloren hatte.

XIII.

Als Nijimura die Wohnung betrat, war er sich nicht sicher, was ihn erwarten würde. Deswegen brauchte er ein paar Herzschläge, um zu verstehen, was er sah.
Gegen seinen Vermutungen war Haizaki noch immer da – was brauchte es, um den Jüngeren zu vertreiben? Aber wie sonst auf dem Sofa herumzulungern, saß dieser über Nijimuras Laptop gebeugt, umgeben von einem Haufen ausgedruckten Papier.

Nijimura vermutete, dass ihn der Jüngere so hochkonzentriert, noch nicht bemerkt hatte, weswegen er es schaffte sich hinter ihn zu schleichen und einen guten Blick auf den Bildschirm zu erhaschen.
Seine Augen wanderten über die Richtlinien und Voraussetzung für eine Zulassung für eine Universität. Verwundert darüber, musterte er die ausgedruckten Papiere und sah hier und dort ebenso typische Anmeldeformulare für Universitäten.

Irgendwas tief in seinem Inneren zerrte sich zusammen. Seine Augen wanderten zu Haizakis Gesicht, wo sich ebenso eine Schwellung ausbreitete, wie auf seinem eigenem Gesicht.
„Welche Fächer möchtest du belegen?“
Vor Schreck zuckte der Jüngere zusammen und klappte den Laptop so schnell zu, dass Nijimura glaubte, er hätte ihn beim Porno schauen erwischt. Wobei er da jedoch den Laptop nicht zuklappen würde. Eher, wenn er neue Kochrezepte raussuchte. Haizaki glaubte wirklich, er hätte die Kochmagazine noch nicht entdeckt, die er vergeblich versuchte zu verstecken.

„Was bist du denn schon hier?“
Nijimura zuckte mit den Schultern.
„Hab den letzten Kurs sausen lassen, war eh unwichtig.“ Dabei ließ er gekonnt aus, dass sein Kopf dröhnte, als würde ihn jemand mit einem Bohrer bearbeiten.
Ohne weitere Umschweife, kletterte er über die Lehne und sank neben Haizaki in den Sitz und griff nach einen der Anmeldungen.
„Wirklich? Wirtschaft? Du?“
Grob riss ihm der Andere das Papier aus der Hand.
„War nur so eine Idee“, keifte er. Nijimura zuckte mit den Schultern und griff nach einem weiteren Formular. Dabei spürte er den wachsamen Blick Haizakis auf sich. Schweigsam blätterte Nijimura alle Papiere durch, knüllte hier und da eines zusammen, legte ein anderes auf die Seite und manche schmiss er einfach nur so auf den Boden.
Schließlich hielt er Haizaki den Rest hin, den er an die Seite gelegt hatte.
„Hier. Die sind ganz ordentlich. Wenn du die überarbeitest, solltest du gute Chancen haben, genommen zu werden.“

Zögerlich nahm Haizaki sie entgegen. Ohne ein weiteres Wort stand Nijimura auf, streckte sich und wollte gerade Richtung Bad gehen, da packte ihn der Jüngere am Handgelenk. So rasch wie er ihn berührt hatte, so hastig ließ er ihn wieder los. Das Ziehen in seinem Inneren wurde kräftiger und Nijimura war klar, dass sie gestern mehr als nur ein paar offensichtliche Prellungen davon getragen hatten.
Trotzig betrachtete Haizaki die Papiere in seiner Hand, doch da war noch ein Ausdruck, den Nijimura später als unsicher kennenlernen würde.
„Glaubst du wirklich, ich habe eine Chance?“

„Ja“, ist seine sofortige Antwort. Und ohne noch einen Wimpernschlag zu zögern, tätschelt er leicht Haizakis Kopf.
„Du hattest schon immer eine Chance. Du hast dich nur noch nie entschieden, sie auch zu nutzen.“
Mit diesen Worten ließ er den Jüngeren allein zurück und begab sich ins Badezimmer.
Auch als er sich längst ins Bett begab, saß Haizaki weiterhin vorgebeugt vor dem Laptop und arbeitete an seinen Anmeldungen.

Womöglich musste erst manchmal einige Dinge zerbrechen, bevor man andere Dinge wahrnehmen konnte. Auch wenn es schmerzhaft war.

Aber so viele Sachen schmerzten im Leben.

XIV.

„Hey“, sagte Haizaki im Halbdunkeln zu ihm.
Nijimura blinzelte einige Male.
„Was?“, fragte er mit verschlafener Stimme.
„...kann ich hier bei dir schlafen?“

Irgendwo von draußen ertönen Sirenen. Lautes Gelächter hallt die engen Gassen hoch und die Sterne wurden vom ewigem Licht der Großstadt verschluckt.
Nijimura schlägt seine Decke auf. Haizaki krabbelt darunter. Sofort wird es wärmer unter dem weichem Stoff und die Scharnieren knarzen unter dem unbekannten Gewicht.

„...hasst du ihn?“
Haizaki rührt sich nicht.
„Wen?“ Fragt er nach einer ganzen Weile.
„Deinen Vater“, flüstert Nijimura, fast wie ein Geheimnis, dass niemals jemand erfahren darf.
Schweigen.
„Manchmal“, antwortete Haizaki ebenso leise. „Aber die meiste Zeit über ist er mir vollkommen egal….es ist schwer ein Gesicht zu hassen, welches man nicht kennt.“
Obwohl es so einfach über die Lippen des Jüngeren ging, wusste Nijimura, dass nichts daran einfach war. Nicht einmal die Möglichkeit zu haben, jemanden zu hassen, obwohl man es wollte, war grauenhafter als der empfundene Hass selbst.

„Hasst du ihn denn?“ Fragte jetzt Haizaki.
Nijimura spielte mit einem Ecke seiner Decke. Zippte sachte an ihr.
„Ich würde es gerne“, antwortet er ehrlich.
„Warum tust du es dann nicht?“
Mit einem traurigem Lächeln auf den Lippen dreht er seinen Kopf zu Haizaki und schaut ihn direkt ins Gesicht.
„Aus dem selben lächerlichen Grund, warum ich dich nie hassen konnte.“
Haizaki fragt nicht weiter nach, sondern wendet sich nur ab. Nijimura tut das Selbe, bis er den Rücken des Anderen an seinen spürt.

„Sogar, nachdem er Selbstmord begangen hat?“
Müde schließt Nijimura seine Augen.
„Yeah. Auch nicht danach.“
Haizaki schnaubte nur abfällig.
„Du bist echt dumm.“
Nijimura kicherte sachte.
„Ah, vielleicht bin ich das. Immerhin lass ich dich bei mir wohnen. Dummer kann man nicht sein. Wobei, du dann auch ziemlich dumm bist.“
„Äh, wieso?“
„Wenn jemand bei einen Dummen einzieht, muss er selbst ziemlich grenzdebil sein.“
„Hey!“

Darauf hin zog Nijimura sich einen leichten Klaps ein, den er sofort zurückgab. Erst nach einigem Hin und Her und einem gezielten Tritt gegen das Schienbein, hörten sie auf und drifteten langsam weg. Das Letzte, was Nijimura wahrnahm, waren zwei Arme, die sich um ihn schlossen.

Sie waren schon lange keine Teenager mehr.
Nein, ganz und gar nicht.
Trotzdem waren sie kein Deut schlauer geworden.

XV.

Es wäre eine Lüge zu sagen, dass die Dinge danach wieder ihren normalen Verlauf vernahmen. Nichts war normal, wenn es Haizaki beinhaltete. Trotzdem schien sich eine gewisse für sie typische Normalität wieder einzupendeln.
Sie stritten sich über Kleinigkeiten, sie fluchten und niemand ritt zu sehr auf den Fehlern des Anderen herum.

Das Einzige, was nicht wirklich in den Plan passte, waren die Momente, in denen Nijimura sich sicher war, dass sie eine Grenze überschritten, die auf unbekanntes und gefährliches Terrain führte. Zumindest überschritt Haizaki sie und Nijimura musste schauen, wo er blieb.

Die zusammen in einem Bett schlafen Sache wurde zu einem Standard, an den er sich nicht entsinnen konnte, zugestimmt zu haben. Trotzdem tauchte Haizaki entweder spät Abends oder in den frühen Morgenstunden auf, stahl sich unter die Bettdecke und verblieb dort. An manchen Morgen wollte er ihn sogar gar nicht aus seiner Bärenumklammerung loslassen.

Soweit so gut. Es war zwar ein etwas gewöhnungsbedürftiger Zustand, besonders dann, wenn Nijimuras Gedanken über zu wenig Platz und zu viel nackte Haut kreisten, aber nichts, was er nicht händeln konnte. Schwieriger wurde es, wenn Haizaki auch tagsüber den Körperkontakt suchte. Ob sie nun zusammen einen Film schauten, er ihn von hinterrücks umarmte, nur um sich quer durch die Wohnung schleifen zu lassen oder ihn ständig einen Arm um die Schulter schmiss, wenn sie ausnahmsweise zusammen die Einkäufe erledigten.
Nijimura war sich nicht sicher, aber er hatte Haizaki nicht als einen körperkontaktfreudige Person in Erinnerung.

Aber am schlimmsten war das Flirten. Zuerst dachte Nijimura sich, dass er sich es definitiv einbildete. Genauso wie die Blicke, die manchmal zu lange auf ihn lagen oder ihm folgten. Doch nachdem er heimlich in ein Buch über Flirttechniken geschaut hatte, waren ihm einige Ähnlichkeiten aufgefallen. Nur das Haizaki es auf eine fast schon plumpe Art und Weise tat, dass einem der Kopf davon schmerzte. Es musste das Aussehen sein und andere gewisse Talente, sonst hätte er niemals so viele Freundinnen gehabt.
Was Nijimura zum nächsten Punkt brachte, der ihn mehr als verwirrte.

Haizaki war hetero.
Nicht wahr? Zumindest war er es damals gewesen. Und auch sonst, wenn sie Filme schauten oder zusammen ein Videospiel zockten, kommentierte er stets nur das Aussehen der weiblichen Figuren. Daher ließ sich dieses Verhalten nicht ordentlich addieren und gab eine unbekannte Variabel, die ihn verunsichert zurückließ. Wobei er sich eigentlich nicht davon aus dem Konzept bringen lassen sollte. Er hatte es einmal riskiert, er würde es kein zweites Mal tun.

Daher ignorierte Nijimura die Anzeichen, solange er konnte. Was retrospektiv nur in einer Katastrophe enden konnte.

XVI.

Der Tag war zu lang gewesen und sein Test war furchtbar verlaufen, weswegen Nijimura eine Stimmung bis zum tiefsten Keller hatte.

Es war genau diese Stimmung gewesen, weswegen er das angebotene Bier von Haizaki entgegen genommen hatte. Aus einem Bier, wurden schnell zwei und ab dem Fünften hörte er auf mitzuzählen. Wen kümmerte es schon. Ihn nicht mehr.

Lachend lehnte Nijimura sich zurück und Haizaki grinste neben ihm breit. Dabei stieß seine Schulter an seine. Nah. Viel zu nah, signalisierte sein Hirn, aber sein Körper weigerte sich, sich zu bewegen.
„Dieser Film ist so schlecht“, brachte Nijimura hervor und wischte sich fahrig über das Gesicht.
„Du wolltest ihn schauen“, erinnerte ihn der Jüngere.
„Ja. Ich meine, dass ist ja das Gute an ihm, weil er so schlecht ist.“
Haizaki warf ihn nur einen fragenden Blick zu.
„Du und deine vermurkste Weltsicht. Kapier die einer.“
Nijimura verzog seine typische Schnute.
„Ah? Ich habe einfach einen anderen Humor als du Betonklotz.“
Das Kommentar fing ihm einen unsanften Schubs ein, den er erwiderte, was in einem Rangeln aus Gliedmaßen endete, welches er verlor. Genervt stellte er fest, dass das Bier Haizaki weniger körperlich beeinträchtigte als ihn.
(Er würde sich nie eingestehen, dass dieser über die Jahre stärker geworden war.)
Aufgebend streckte er die Hände von sich.

Haizaki der triumphierend auf ihn herabblickte, wurde von den Geräuschen des Fernseher abgelenkt. Fast gleichzeitig drehten sie ihre Köpfer, nur um dabei zu zuschauen, wie der Hauptheld seine Geliebte hitzig küsste.
Dadurch wurde Nijimura bewusst, in welcher Position sie sich befanden und das er eindeutig zu viel Alkohol getrunken hatte.
„Okay, runter von mir du-“
Weiter kam er nicht.
Plötzlich waren da Haizakis Hände an seinem Gesicht, die ihn zurück zum Boden drückte. Und dann spürte er weiche Lippen auf seinen.

Nijimura tat daraufhin, dass Einzige, was ihm einfiel.

XVII.

Himuro starrte ihn mit erhobenen Augenbrauen an, Nijimura verzog eine genervte Grimasse.
„Kann ich einsteigen?“, fragte er schließlich nach ewigen Sekunden des stummen Anschauens.
„Ist das dein Blut?“, erwiderte sein Gegenüber besorgt.
Ausweichend wechselte Nijimura von einem Fuß auf den anderen, seine Antwort zögernd.
„Nein….“
„Sondern?“, hackte Himuro nach.
Sehnsüchtig endlich auf den Beifahrersitz zu kommen und in die Wärme, rang er sich dazu durch, die Wahrheit zu sagen. Der Jüngere würde es ohnehin herausfinden.
„Haizakis.“
Abermals schwiegen sie sich an, wobei Nijimura anfing zu frösteln. Im T-Shirt und Boxers, dazu noch barfuß, war weniger warm.
„Lass mich das noch einmal klar stellen. Es ist zwei Uhr nachts, du stehst halbnackt im Nirgendwo an einer Tankstelle und befleckt mit Haizakis Blut?“
Die Oberlippe schürzend und langsam mit den Schultern zuckend, versuchte er es weniger schlimm klingen zu lassen. Was nicht wirklich half. Es war schlimm. Schlimmer als schlimm. Aber damit konnte er sich am nächsten Tag beschäftigen. Jetzt wollte er nur eine warme Dusche und schlafen – und eine anständige Hose.
„Yeah?“
Himuro seufzte schwer und zwickte sein Nasenbein mit Daumen und Zeigefinger.
„Hey! Es ist nicht so, als hätte ich das hier alles geplant. Woher hätte ich wissen können, dass es so eskalieren würde?“
„Weil es Haizaki ist.“
Der Jüngere warf ihm jetzt einen „Hab ich es dir nicht gesagt“- Blick zu, den Nijimura mehr als alles andere hasst und musterte ihn noch einmal. Anstatt ihm jedoch an Ort und Stelle eine Standpredigt zu halten, nahm sein Gesicht weichere Züge ein.
„Was ist passiert?“
Nijimura wünschte sich, er hätte ihm die Standpredigt gehalten. Ihm erzählt, er hätte ihn gewarnt, ihn ermahnt vorsichtig zu sein, sogar mehrmals und es schon beenden sollen, als es zum ersten Mal eskaliert war. Stattdessen stellte er ihm die eine Frage, die sein Kopf zum Schwirren brachte, sein Brust sich krampfhaft zusammenziehen ließ und ein Kribbeln seinen Rücken hinunterjagte.
„...er hat mich geküsst“, gab er kleinlaut zu.

Haizaki Shougo hatte ihn geküsst. Auf die Lippen, mit Zunge und es hatte nach Zigaretten und Bier geschmeckt. Hatte den harten Boden in seinem Rücken gespürt und die rauen Fingern auf seinen Oberschenkeln.

„Und du hast ihn dafür umgebracht?“, fragte Himuro perplex nach.
„Was?“ Nein! Ich hab ihm nur eine blutige Nase verpasst. Verdammt, was denkst du denn von mir Tatsuya?
Zweifelnd schüttelte Himuro nur den Kopf und lehnte sich endlich vom Autofenster weg.
„Ehrlich? Seit der Sache mit deinem Vater und dem Auftauchen Haizakis, bin ich mir nicht mehr sicher. Wer denkst du denn, wer du zur Zeit bis, Shuu?“
Die Worte waren wie ein Eimer Eiswasser und nicht nur die Nacht verpasste ihm eine gehörige Portion Gänsehaut. Eigentlich wollte er sich heftig verteidigen, sich über Himuros ominöse Sätze lustig machen, das Ganze ins Lächerliche ziehen, worüber sie in einigen Monaten lachen würden. Doch er konnte es nicht.

Obwohl Nijimura es sich nicht eingestehen wollte, war alles aus den Fugen geraten, seitdem Haizaki zurück in sein Leben getreten war. Oder besser noch mehr, als es ohnehin schon gewesen war.
„Ich weiß es nicht...“, sagte er leise.
„Ich wünschte mir nur, er wäre nie vor meiner Tür aufgetaucht.“

Himuro erwiderte darauf nichts und er fügte auch nichts weiter an. Denn sie wussten Beide ganz genau, dass Nijimura log.

XVIII.

Langsam kam sich Nijimura lächerlich vor, wie er nach jedem Streit einem getretenem Hund ähnelte, der mit eingezogenem Schwanz zu seinem Herrchen zurückkehrte. Trotzdem fühlte er sich schuldig, sobald er den Schlüssel aus der Tasche holte und seine eigene Wohnung betrat.

Haizaki war nirgends zu erblicken.
Mit einem dumpfen Gefühl in der Magengegend und dem Anfang eines Kitzeln im Nackens lief er suchend durch die Räume. Obwohl er schon nach dem ersten Raum ahnte, wie die Dinge standen, hielt er erst in seinem eigenem Zimmer inne.
Nicht nur Haizaki fehlte, sondern auch all seine Sachen.

Schlapp sank Nijimura auf sein Bett und starrte ins Leere.

Es fühlte sich nicht an, wie an jenem Tag, an dem ihn Haizaki das erste Mal das Herz gebrochen hatte. Da war kein Stechen und auch keine Übelkeit. Es fühlte sich auch nicht nach der Hilflosigkeit an, als sein Vater ins Krankenhaus überwiesen wurde. Und es fühle sich nicht nach dem plötzlichen Fall an, der erschreckend und endlos erschienen war, nachdem sein Vater sich umgebracht hatte.

Es fühlte sich nach gar nichts an.

XIX.

Irgendwann musste Nijimura eingenickt sein, denn als er erwachte, dämmerte es längst. Mit steifen Gliedern streckte er sich und schlürfte schlaftrunken in die Küche.
Im Türrahmen blieb er stehen und musterte den kalten Herd.

Nach ein paar Schlücken Milch, warf er die Tür laut zu.
(„Nicht aus der Packung trinken und schmeiß gefälligst nicht so die Kühlschranktür zu, verdammt!“)
Langsam schlürfte er zurück ins Wohnzimmer und vergrub sein Gesicht in die Sofapolsterung.
(„Großartig. Jetzt stinkt es hier nach Bier und Rauch. Spar schon einmal für die Reinigung.“)
Kraftlos rollte er sich vom Sofa runter und ließ sich unsanft auf den Boden fallen. Seine Augen wanderten über den Wohnzimmertisch und dessen frischen Kerben.
(„Kratzt du Kerben in das Holz, wenn du dich konzentrierst? Schräge Macke.“)
Nijimura streckte alle Glieder von sich, berührte dabei Möbelstücke und einen verwaisten Kontroller.
(„Du solltest das Ding heiraten, so viel Zeit, wie du damit verbringst….wirst du gerade rot?“)
Er richtete sich auf, nur um sich schlapp über den Wohnzimmertisch zu legen.
(„Es ist ein Tisch und auf einem Tisch haben Füße nichts zu suchen. Uh? Ich darf meine verdammten Füße darauf ablegen, immerhin ist es mein Tisch!“)
Ziellos wanderten seine Finger über das alte Holz, zu den übriggebliebenen Papierstapel, zu einer von Haizakis Magazinen.
(„Hier, ich habe dir die neuste Ausgabe mitgebracht. Und versuch erst gar nicht so zu tun, als würdest du die nicht lesen. Die Toilette lügt nie.“)
Lustlos blätterte Nijimura in ihr herum – und hielt inne.

Sofort sprang sein ganzes System an. Verdutzt betrachtete er den Gegenstand in seiner Hand. Er kannte das Stück Papier. Auch nach all den Jahren hatte es sich in sein Gedächtnis gebrannt.
Eine schlichte Konzertkarte mit einem Datum, was längst vor acht Jahren gewesen war.
Eine von Haizakis Lieblingsbands.
Nijimuras Geburtstagsgeschenk an ihn.
Was er ihm jedoch nie überreicht hatte.
Also wie konnte es..?
Jener Nachmittag huschte an seinem inneren Auge vorbei. Haizaki war eine sehr lange Zeit in seinem Zimmer gewesen. Und er musste sich gefragt haben, warum er an seinem Geburtstag wirklich da gewesen war. Weswegen er ihn plötzlich ignorierte. Also hatte er nach Antworten gesucht, die Nijimura nicht gewillt gewesen war, zu geben.

Zärtlich strich Nijimura über das Ticket.

Haizaki musste von dem Selbstmord seines Vaters gehört haben. Jener Vater, für den er Basketball aufgegeben hatte. Etwas von dem Haizaki wusste, dass er es liebte. Also musste er gewusst haben, dass Nijimura höchstwahrscheinlich am Boden zerstört war. Dass er etwas oder jemanden brauchen konnte, der für ihn da war. Der ihn wieder auf die Beine brachte. Jemand, der sich wirklich darum kümmerte, wie es ihm ging. So wie Nijimura sich um Haizaki wirklich gekümmert hatte, bevor sie Beide sich voneinander abgewandt hatten.

Nijimura umschloss das Ticket fest in seiner Hand.

XX.

Nach all den Jahren stand die Tür noch immer offen.

Beinahe hätte Nijimura gelacht, während er die Klinke herunterdrückte.
Es war über ein Jahr her, dass nach Japan gekommen war und auch nur, wegen der Beerdigung seines Vaters. Doch dieses Mal fühlte es sich besser an, mehr nach der Heimat, die er zurückgelassen hatte.

Leise betrat er den selben Flur wie vor vielen Jahren und fühlte sich acht Jahre jünger. Die Eingangshalle war weiterhin ein Sammelsurium an Gegenstände, in der Küche stapelte sich dreckiges Geschirr und der Fernseher lief stumm vor sich her, der modernen Technik zum Trotz. Erst auf einem zweiten Blick bemerkte er, dass das Haus nicht in der Zeit stehen geblieben war. Die Tapete war rissiger, der Boden bleicher, Möbel waren ausgetauscht und bewegt wurden.
Nijimura bekam nicht noch einmal die Chance den Tag vor acht Jahren erneut zu erleben. Aber das war nicht weiter schlimm. Er bekam dafür die Chance es dieses Mal richtig zu machen.

Sachte lief er die Treppe hinauf und hielt vor Haizakis Zimmertür an. Ebenso sachte klopfte er an. Nachdem er auch beim zweiten Mal Klopfen keine Antwort bekam, öffnete er die Tür.

Haizakis Zimmer war eine Müllhalde. Keine wirkliche Überraschung.
Nur die Poster an den Wänden, der Bestand an Magazinen und Mangas, so wie der allgemeine Kleidungsstil und die vorhandenen Spielekonsolen hatten sich großartig verändert.
Nachdem er sich seinen ehemaligen Stammplatz am Bett freigeräumt hatte, fing er an zu warten.
Blätterte in einigen der Magazine oder Mangas herum oder spielte an seinem Handy.

Dann hörte er die Haustür. Das altbekannte Kribbeln im Nacken besuchte ihn und er versuchte sich zu beruhigen. Schwere Schritte, die Zimmertür öffnete sich und Nijimura schaute lässig auf.

„Yo“, begrüßte er Haizaki, der wie vom Blitz getroffen im Türrahmen stand.
Als dieser seine Sprache wiederfand, war sein erster Satz einer, der eine Art von De ja-vu in ihm auslöste.
„Was zur Hölle machst du hier?“, brachte er verwirrt heraus.
Nijimura grinste breit.
„Ein paar Tage bei dir einziehen.“

Zuerst rührte Haizaki sich nicht. Dann schnalzte er missbilligend mit der Zunge und bevor Nijimura noch etwas hinzufügen konnte, dass er sich gefälligst freuen sollte, sprang der Jüngere schon auf ihn zu.

Wie ein Verdurstender presste er seine Lippen auf Nijimuras und dieses Mal verpasste er ihm keinen Schlag ins Gesicht, sondern erwiderte den Kuss genauso gierig.

XXI.

„Du wohnst ernsthaft noch bei deiner Mutter?“
Haizaki warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
„Was dagegen, Shuuzou?“
Nijimura spürte wie ihm heiß wurde.
„Oh, ist dir das peinlich, wenn ich dich beim Vornamen nenne?“
Dafür verpasste er Haizaki einen Tritt, den dieser nur lachend abhielt und es daraufhin ausnutze, um sein nacktes Bein entlang zu küssen.
Jetzt spürte Nijimura eine ganz andere Hitze.
Haizaki beugte sich über ihn.

„Shuuzou.“

Nie hätte Nijimura gedacht, dass sein eigener Vorname so verführerisch und vertraut zugleich aus dem Mund von Haizaki klingen konnte.

Oder wie ein Versprechen, welches lange überfällig war.

XXII.

Das laute Dröhnen von Flugzeugen dringt an Nijimuras Ohren. Verstimmt verzieht er eine Schnute, was seinem Gegenüber jedoch nicht weiter beeindruckt.

„Was machst du hier?“ fragte er resigniert, wobei Haizaki ein langes Gähnen von sich lässt.
„Sieht man doch.“
„...ich meine. Warum bist du hier?“
„Ich studiere hier.“
Nijimura hebt zweifelnd eine Augenbraue.
„Ist das so?“
„Yeah.“
Kurz überlegt er, ob er etwas sagen soll, verkneift es sich jedoch, als Haizakis sich vorbeugt und ihn küsst.
„Außerdem glaubst du wirklich, ich lasse dich noch einmal davonlaufen?“
Er spürt, wie ihm heiß wird und irgendwas sich in seinem Bauch vor Freude dreht. Doch anstatt es zu zeigen, schnippt er den Jüngeren nur gegen die Stirn.
„Was auch immer, Idiot.“
Es dauert nur einige Sekunden und Haizaki folgt ihm dich auf den Fersen.
„Lass uns was zu Futtern holen. Der Flugfraß war furchtbar. Achja, und ich schlaf' in deinem Bett.“
Nijimura seufzte schwer, konnte aber das Lächeln auf seinen Lippen nicht unterdrücken.

Sie krabbelten ins Auto, wo Himuro schon auf sie wartete und das Erste, was Haizaki sagte, ließ Nijimura sein Gesicht in seine Hände vergraben.
„Scheiße. Bist du nicht der Schönling von damals?“
Himuro warf Haizaki einen eiskalten Blick zu.
„Dann musst du derjenige gewesen sein, der Eine gewischt gekriegt hat.“
Nijimura sank zurück in den Sitz und schloss die Augen. Die Fahrt und sein restliches Leben würden eine lange Angelegenheit werden.
Trotzdem freute sich Nijimura darauf.

Alles hatte mit Mathenachhilfe angefangen und das Ende war noch lange nicht in Sicht.
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