Nur zu Besuch

von Wolfspuls
GeschichteSchmerz/Trost / P12
Bartimäus
31.07.2018
31.07.2018
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Es war ein regnerischer, grauer Tag.*
Ich spazierte ausnahmsweise zu Fuß durch die Straßen. Zu Fliegen hätte heutzutage zu viel Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Auch wenn kaum mehr Zauberer in der Stadt waren und der Großteil der Regierung aus Gewöhlichen bestand, sah ich doch immer wieder Suchkugeln am Himmel ihre Bahnen ziehen. Zur Einschränkung neuer Magie, hieß es.*2
Ich jedenfalls war auf allen sieben Ebenen ein Mensch und dürfte den Kugeln eigentlich nicht auffallen. Ich überquerte die Straße an einer abgelegenen Stelle und betrat den St.James´s Park. Das Gras stand inzwischen Kniehoch und war durchzogen von kahlen, schmutzigen Brandflecken, auf denen wohl nie wieder etwas wachsen würde wenn man die Erde nicht komplett austauschte.
Aber die neue Regierung war sich einfach nie einig geworden was man mit dem Schauplatz der großen Schlacht anstellen sollte, also hatten sie ,nachdem alles gründlich nach Überlebenden durchsucht worden war, alles so liegen gelassen wie es war.
Als ich mir sicher war, dass ich nicht beobachtet wurde, vollzog ich eine kleine Verwandlung und wurde ein Spatz. Ich ließ das fleckige Gras unter mir und flog direkt auf den großen Glaspalast zu.*3
Dort wo einst das einfache Volk gefeiert und dem Müßiggang gefröhnt hatte lagen nun unzähliche Teile aus Stahl und Glas, in allen Formen und Größen, am Boden und übereinender. Weiter in der Mitte des ganzen Chaos waren die Trümmer meterhoch aufeinander gefallen. Ich gönnte meinen kleinen Krallen ein extra Schutzschild und flog von Glashaufen zu Glashaufen. Trotzdem zwickte die Aura des ganzen Stahls meine Substanz, aber wenigstens schnitt ich mich nicht an den Scherben.
Ich wusste nicht genau wonach ich Ausschau hielt als ich auf einer kleinen verbrannten Stelle in mitten der Trümmerhaufen landete. Die Leichen, die man gefunden hatte, waren entfernt worden. Die meisten Anwesenden waren allerdings wärend des Kampfes pulverisiert worden und so konnte man am Ende nur ein halbes Dutzend identifizieren. Keine Spur von Nathaniel. Gladstones Stab war komplett zersplittert.
Man hatte die Reste in einen Glasbehälter gefüllt der jetzt in einem neu errichteten Museum für Frieden ausgestellt war.  
Ich blieb eine ganze Weile einfach stehen, trippelte mit den kleinen Beinchen über die harte, schwarze Erde und putzte mein Gefieder. *4
Ich konnte nich mehr genau ausmachen wo der Palast vorher gestanden hatte, so groß war die Zerstörung der letzten Explosion gewesen.
Plötzlich kam mir der Gedanke, dass dieser verbrannte Fleck Erde genau der Ort sein könnte an dem wir Faquarl den Garaus gemacht hatten. Ich wusste nicht was ich davon halten sollte. Klar, Faquarl und ich waren meistens Gegner gewesen aber er hatte besser als jeder andere gewusst, dass das nie unser freier Wille gewesen war. Und unsere Kabbeleieien waren doch zumindest manchmal recht unterhaltsam gewesen.*5
Am Ende jedenfalls war er schlicht und einfach durchgeknallt. All der Hass und die Rachsucht die diese Welt ihm eingeimpft hatte, hatten ihn dessen beraubt was uns Geister stehts wieder aufgebaut hatte. Die Ruhe und den Frieden den wir am anderen Ort empfanden.

Der Spatz plusterte seine Federn auf um ein paar Regentropfen ablaufen zu lassen und hüpfte und flog weiter in das Chaos hinein. Ein paar einzelne gelbe Plastikfetzen, auf denen die Überreste der Aufschift "Polizei" zu erkennen waren, flatterten durch den Regen.
Ich tauchte unter einem hindurch und landete direkt vor dem größten Haufen Glas und Stahlbalken den ich ausmachen konnte. Ich flatterte daran empor und landete mittig oben auf einer erstaunlich großen und intakten Glasscheibe. Ich sah mich genau um. Alles war verwaschen. Grau, Grün, Schwarz und Braun. Nicht gerade erheiternd. Dazu dieser ständige Nieselregen. Ich sehnte mich nach den heißen Wüsten Ägyptens und, noch mehr, nach dem beruhigenden Strudel des anderen Ortes. Ich schüttelte erneut mein Gefieder aus. Aber es half nichts. Ich war nass bis auf die Knochen und hier gab es nichts mehr zu finden.
Ich würde noch etwas ausharren, zurück zu Kitty fliegen und sie bitten mich zu entlassen. Sie hatte es gut gemeint als sie mich beschworen hatte. *6
Ich hatte ihr kurz und pregnant, wie es meine Art ist, erzählt was sich zugetragen hatte. Kitty hatte genickt und meine Erzählung weder weiter kommentiert, noch mich mit Fragen gelöchert, wie ich es erwartet hatte. Sie wirkte müde und etwas traurig. Ich hatte den emotionaleren Teil Geschichte außerdem etwas entschärft. Meine letzten Gedanken als Mensch waren, wie ich fand, meine Sache.
Dann hatte sie berichtet was sich in den letzen Wochen in London und im Rest der Welt zugetragen hatte um mich letztendlich zu fragen :"Willst du noch mal hin? Ich meine dich umsehen? Sie haben keine Leiche gefunden weisst du, ich dachte..."
Sie stockte und brach ab. "Er ist tot Kitty" antwortete ich saft aber bestimmt. Die ganze letzte Wucht des Stabes hatte ihn erwischt. Wahrscheinlich war er direkt zu Staub zerfallen.
Ich überflog den Rest des Parks ohne nach unten zu blicken und verließ auf der hinteren Seite den Park. Geschützt von ein paar Bäumen verwandelte ich mich wieder in einen Menschen und machte mich auf den großteils menschenleeren Weg zurück in die Innenstadt.

* Klingt jetzt etwas melodramatisch ist aber sehr üblich in London.
*2 Na wenn das mal lange gut geht.
*3 Oder zumindest auf das, was wir davon übrig gelassen hatten.
*4 Ihr Menschen habt echt einen Sinn für das Morbide.
*5 Glaubt jetzt bloß nicht, dass ich hier jetzt rührselig werde. Besonders lustig was es sowieso nie gewesen. Jedenfalls fast nie. Weiter im Text!
*6 Und natürlich war sie vor Neugier fast umgekommen
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