Über meinen Schatten - Das Geständnis

KurzgeschichteRomanze, Freundschaft / P12
31.07.2018
31.07.2018
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Bis vor wenigen Tagen noch habe ich nicht daran geglaubt, dass ich es schaffen würde. Dass ich es tatsächlich schaffen würde, meinen ganzen Mut aufzubringen und ihm alles zu gestehen. Ihm zu sagen, was er für mich ist, wie viel er mir bedeutet und wie tief ich für ihn empfinde.
Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich mein lange und gut durchdachtes Vorhaben wirklich in die Tat umsetzen und den Mut dazu aufbringen würde, ihm alles zu erzählen. Immer wieder habe ich hin- und herüberlegt, ob es auch das Richtige ist, ob ich es ihm wirklich sagen oder doch besser schweigen soll. Immer wieder keimten Bedenken in mir auf und ich begann, mir seine möglichen Reaktionen auf mein Geständnis auszumalen. Vielleicht hasst er mich dann, ging es mir durch den Kopf und ließ mich ernsthafte Zweifel hegen, die den gesamten Plan, den ich mir wochenlang zurechtgelegt habe, stark ins Schwanken geraten ließen. Vielleicht will er dann gar nichts mehr von mir wissen, vielleicht lacht er mich aus oder nimmt mich überhaupt nicht ernst.
Ein ganzer Schwung solcher Gedanken rauschte mir durch den Sinn, während auf der anderen Seite auch deutliche Spannung und Neugier auf seine Reaktion entstanden. Und immer wieder verlor ich auf diese Weise den Mut, an den Erfolg meiner an sich recht naiven Aktion zu glauben.
Er war und ist ein fast Fremder für mich, ein Junge, den ich nur durch ein paar flüchtige Begegnungen kenne, über den ich so gut wie gar nichts weiß – und er ebenso wenig über mich. Und vielleicht überschreite ich damit doch eine Grenze, wenn ich ihm wie aus dem Nichts heraus plötzlich zu verstehen gebe, dass ich viel mehr in ihm sehe als nur eine nette Bekanntschaft.
Hin- und hergerissen wie ich war – zwischen meinen Gefühlen für ihn, den Spekulationen darüber, was richtig oder falsch ist, sowie auch der durchaus nicht ganz unbegründeten Angst, dass ich damit zu weit gehe und mich womöglich total blamiere – habe ich schließlich Rat bei einigen Bekannten gesucht.
Zunächst bei meiner besten Freundin, die die ganze Geschichte kennt und alles über meine Liebe zu ihm weiß. Irgendwann im vergangenen Monat rief ich sie eines Abends an und schüttete ihr mein Herz aus, erzählte ihr von meiner Idee, die Wahrheit zu sagen, sowie auch von meinen Ängsten vor einer möglicherweise überforderten Reaktion seinerseits. Wir haben uns ziemlich lange darüber unterhalten, auch über die Tatsache, dass ich es trotz allem nicht schaffe, ihn zu überwinden oder gar zu vergessen, weil ich noch immer viel zu sehr an ihm hänge.
Geduldig hörte sie mir zu, konnte meine Gedankengänge allesamt nachvollziehen und legte mir dann den aus ihrer Sicht einzigen Weg nahe, um endgültig für klare Verhältnisse zu sorgen. „Rede halt einfach mit ihm“, sagte sie und bestätigte mich durch diese Worte in meinem Vorhaben. „Dann weißt du, wie er reagiert und kannst damit abschließen“.
Wir unterhielten uns noch eine Weile darüber, sie sprach mir mehrmals Mut zu und ich fasste schließlich den Entschluss, es durchzuziehen. Ich würde ihm alles sagen. Ich würde ihm erzählen, mit welchen Augen ich ihn sah und was in mir vor sich ging. Das war der Weg, der einzig richtige Weg, um ein für alle Male damit abzuschließen.
Mit diesem festen Vorsatz begann ich in der nächsten Zeit damit, mich auf das Gespräch am Monatsende einzustellen und einen Plan zu entwickeln, wie ich es denn am geschicktesten anstellen konnte.
Zwischenzeitlich holte ich ich mir nochmals Rat von drei weiteren Personen – und sie alle legten mir dasselbe nahe: „Sprich mit ihm. Dann hast du Klarheit“.

In der Woche vor dem nächsten Gruppentreffen im Juni stand die Entscheidung endgültig fest und ich fieberte angespannt und gespannt zugleich dem kommenden Samstag entgegen. Was dazwischen passierte, nahm ich überhaupt nicht so richtig wahr, sondern konzentrierte mich nur auf diesen einen Tag, an dem sich für mich alles entscheiden würde. An dem ich seine Reaktion erfahren und herausfinden würde, worauf ich mich einzustellen hatte.
Dass er meine Gefühle nicht erwidern würde, daran brauchte ich gar keinen Gedanken verschwenden, denn das lag glasklar auf der Hand. Er war in einer glücklichen Beziehung, also überhaupt nicht empfänglich für meine Emotionen, geschweige denn, für die Bereitschaft dazu, mich so zu sehen wie ich ihn sah. Darüber hinaus war ich sicherlich auch gar nicht sein Typ – also konnte ich diese ohnehin schon geringe Hoffnung endgültig zu Grabe tragen.
Im besten Falle, so überlegte ich für mich, sprang eine Freundschaft für mich dabei heraus – das allerdings auch nur unter der Voraussetzung, dass er in der Lage sein würde, mit meinen Gefühlen für ihn umzugehen und die Tatsache anzunehmen, dass sie nun einmal vorhanden waren. Und selbst das zweifelte ich zu diesem Zeitpunkt stark an.
Viel eher rechnete ich mit einer negativen Reaktion, einer Standpauke, Ungläubigkeit, sowie auch Überforderung. Auch wenn ich ihn und seine Art nicht so einschätzte – auszuschließen war es nicht, dass er negativ auf die Situation reagierte und mich möglicherweise auch dafür auslachte. Die Angst davor war auf jeden Fall da.
Und genau diese Angst begleitete mich die ganze Woche hindurch, bis sie am Samstag schließlich ihren Gipfel erreichte und mein kompletter Mut mich blitzartig verließ – noch dazu, nachdem ich tags zuvor erfahren hatte, dass meine beste Freundin, die mir in so einer Situation schon einmal beigestanden hatte, nicht kommen würde und ich somit auf mich gestellt war.
Statt also an dem Abend zum Stammtisch zu gehen und das Gespräch mit ihm zu suchen, verkroch ich mich zu Hause und fuhr abends gemeinsam mit meiner Mutter in ein Café, um nicht wieder von irgendwelchen absurden Gedanken verfolgt zu werden.
Ich flüchtete – nicht nur vor der Konfrontation mit ihm, sondern auch vor meinen Ängsten, die am Abend jedoch relativ rasch in Reuegefühle umschlugen und mir klarmachten, dass ich nicht nur die Chance verpasst hatte, mit ihm zu reden, sondern noch einmal einen ganzen Monat lang durchhalten musste, bis ich wieder die Gelegenheit bekam, ihn wenigstens zu sehen.
Und nachdem mir das bewusst geworden war, passierte genau das, was passieren musste: Ich fühlte mich miserabel. Hundsmiserabel.
Die ganzen nächsten Tage hindurch konnte ich mich zu gar nichts motivieren – noch nicht einmal die Musik, mein Anker in allen Lebenslagen, schaffte es in dieser Zeit, mich aufzumuntern. Und wenn, dann hörte ich ohnehin nur irgendwelche kitschigen und schnulzigen Balladen, die mich noch mehr runterzogen als ich es ohnehin schon war.
Erst am darauffolgenden Wochenende raffte ich mich schließlich dazu auf, meine beste Freundin anzurufen und ihr von meinem missglückten Plan zu erzählen. Und genau wie erwartet war sie nicht sonderlich begeistert von dieser Offenbarung, was ich mir ungefähr die ersten zehn Minuten unseres Gesprächs anhören durfte. Danach jedoch zeigte sie wieder ihre empathische, verständnisvolle Seite und baute mich ein weiteres Mal auf, sprach mir abermals Mut zu und versicherte mir, dass mein Vorhaben genau das Richtige sei, um endlich mit dem Thema abschließen zu können. Zwar eröffnete sie mir, dass sie beim kommenden Gruppentreffen Ende Juli ebenfalls nicht dabei sein könne, versprach mir aber auch, an mich zu denken und mich so quasi aus der Ferne zu unterstützen.
Wir redeten ziemlich lang, ich erklärte ihr abermals meine Gefühle für den blonden Jungen, woraufhin sie mit Verständnis reagierte und mir dann nahelegte: „Sag es ihm einfach. Genau so, wie du es jetzt mir gesagt hast. Das wird schon“.
Und nach diesem Gespräch fasste ich erneut den festen Vorsatz, es zu tun, sowie auch neue Kraft dazu, durchzuhalten und nicht wieder einen Rückzieher zu machen.
Den Rest des Monats verbrachte ich abermals damit, dem kommenden Treffen entgegenzufiebern und mir zurechtzulegen, wie ich es am besten anstellen konnte – vor allem aber, wie ich es schaffte, ihn überhaupt anzusprechen und nicht wieder vor der Konfrontation zu flüchten.
Die letzte Woche vor dem Treffen verlief ähnlich wie die im Juni – mit unruhigen Tagen und Nächten, Nervosität, Unsicherheits- und Angstgefühlen, sowie auch dem Wunsch danach, es schon hinter mir zu haben. Und erneut beschlichen mich an besagtem Samstag die Gedanken daran, es bleiben zu lassen und überhaupt nicht hinzugehen. Aber dieses Mal – das schwor ich mir – würde ich dieser Angst nicht nachgeben. Diesmal zog ich es durch – ganz egal, wie schwer es mir auch fallen würde. Noch einmal würde ich diese Chance nicht verpassen. Ich würde sie nutzen. Und wenn es das Letzte war, was ich tat.

Am Freitagabend legte ich mich schon relativ früh schlafen, wenngleich es mir angesichts des nächsten Tages immens schwer fiel, überhaupt ein Auge zuzubekommen. Letztendlich schaffte ich es doch irgendwie und schlief sogar durch bis Samstagnachmittag, was mich zu allem Überfluss auch noch ein wenig in Zeitnot geraten ließ. Und an dieser Stelle stimmt es tatsächlich, dass man sich den meisten Stress selbst macht, denn ich geriet völlig aus dem Konzept und mein Plan, noch einmal alles, was ich ihm sagen wollte durchzugehen, war hinfällig.
Stattdessen begann ich etwa gegen vier Uhr nachmittags damit, mich halbwegs zurechtzumachen und konnte währenddessen gar nicht anders als an IHN zu denken, sowie an seine mögliche Reaktion.
Innerhalb der nächsten Stunde versuchte ich, ein halbwegs passables Erscheinungsbild hinzubekommen – und natürlich gab es ständig irgendetwas, das mich störte oder womit ich unzufrieden war.
Letztendlich ließ ich es gut sein, nachdem ich erstens keine Zeit mehr hatte und zweitens ohnehin nichts besseres mehr zusammenfabrizieren konnte – und konzentrierte mich stattdessen darauf, möglichst ruhig zu bleiben und nicht so zu tun, als hinge mein gesamtes Leben von diesem Gespräch ab – auch wenn das für mich persönlich in diesem Moment der Fall war.
Schnell packte ich noch ein paar Sachen zusammen und machte mich um kurz nach fünf schließlich auf den Weg zum Bahnhof – natürlich nicht, ohne vorher den Gedanken gehabt zu haben, die ganze Sache abzubrechen.
Dieses Mal allerdings war mein Wille, ihn zu sehen stärker als meine Unsicherheiten und es gelang mir, sie – wenn schon nicht zu überwinden, dann zumindestens hintenanzustellen und mich auf die Worte meiner besten Freundin zu besinnen, dass ich damit das absolut Richtige tat.
Die Fahrt zum Bahnhof über hatte ich wie immer Musik an – und natürlich ausgerechnet das Lied, welches ich seit dem Beginn meiner Gefühle mit ihm in Verbindung gebracht hatte und das somit als unser persönlicher Lovesong galt – wenngleich er davon natürlich nicht den geringsten Schimmer hatte. Ein weißes Blattl Papier von Relax – ein Schlager aus den 80er Jahren, den ich schon seit langem kannte, der jedoch durch meine Gefühle für den blonden Jungen einen ganz neuen Status bekommen hatte.
Passenderweise thematisierte der Song genau die Situation, die mir an diesem Abend bevorstehen würde: Den Versuch, seine Gefühle für jemanden, den man abgöttisch liebte, auszudrücken und niederzuschreiben. Eine bessere Songauswahl hätte ich wahrscheinlich gar nicht treffen können.
Nachdem ich schließlich am Bahnhof angekommen war und wenige Momente später in den Zug stieg, wurde mir erst so richtig bewusst, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Die einzige Voraussetzung, die jetzt noch erfüllt werden musste, war, dass er auch zum Stammtisch kam.

Die Fahrt vertrieb ich mir erneut damit, mich entsprechend vorzubereiten und meine verschwurbelten Gedanken in eine halbwegs anständige Form zu kriegen. Normalerweise eine meiner leichtesten Übungen – aber in Anbetracht der Tatsache, dass es um IHN ging, um den wunderschönen Blondschopf, der mir restlos den Kopf verdreht und mich so tief berührt hatte wie nie irgendein anderer zuvor, handelte es sich um eine extrem vertrackte Angelegenheit.
Letztlich befand ich es für das Beste, mich gar nicht groß damit aufzuhalten, sondern einfach kurz und knapp das auszusprechen, was mir sowohl auf der Zunge, als auch tief in der Seele brannte: „Tristan, ich liebe dich“.
Vier simple, kurze Worte, die alles aussagten und denen im Prinzip nichts mehr hinzuzufügen war. Die Aufgabe bestand jetzt nur noch darin, sie auch auszusprechen. Und ob ich dieser tatsächlich gewachsen war, das wagte ich sehr stark zu bezweifeln.

Den Weg zu unserem Stammlokal kenne ich normalerweise in- und auswendig – aber an diesem Abend verpatzte ich sogar das, indem ich zuerst in eine falsche Straße einbog und mich eine Weile später auch noch zwischen einer größeren Gruppe von Leuten hindurchzwängen musste, die trotz der noch nicht allzu fortgeschrittenen Stunde bereits gut angeheitert waren.
Nach etwa fünfzehn Minuten Fußmarsch erreichte ich schließlich mein Ziel und hielt vor der Eingangstür noch einmal inne, um mich zu sammeln und allen Mut herauszukramen, den ich vorzuweisen hatte.
Danach ging ich rein und sah mich um, konnte aus unserer Gruppe jedoch noch niemanden entdecken. Daher entschied ich mich dazu, die Wartezeit mit ein oder zwei Zigaretten zu überbrücken und mich, so gut es in der Lage eben möglich war, zu entspannen.
Nach und nach trafen dann schließlich die ersten ein, unter anderem zwei Mädchen, die ich gut kenne und mit denen ich durch meine beste Freundin in Kontakt gekommen bin. Wir grüßten uns kurz und sie verschwanden nach drinnen, während ich in Ruhe zu Ende rauchte und dabei immer wieder hinüber zur Tür blickte – mit Hoffnung und Unsicherheit gleichermaßen.
Etwas später kam eine kleinere Gruppe rein, überwiegend Mädchen, sowie ein Junge, mit dem ich auch schon des öfteren geredet habe. Und direkt dahinter erschien schließlich ER: Tristan. Mein blonder Engel.
Sofort begann mein Körper wieder zu zittern und mein Herz schlug schneller, während ich ihn kurz musterte und dabei die unübersehbaren Veränderungen seines Erscheinungsbildes bemerkte. Sein Haar war deutlich kürzer als beim letzten Mal – auch die leicht übergroße Brille, die sonst stets auf seiner Nase zu sitzen pflegte, war verschwunden. Stattdessen konnte ich ohne Zwischenbarriere direkt in seine tiefen, blauen Augen blicken, die mich nur noch nervöser machten als ich es ohnehin schon war.
Beim Vorübergehen warf er mir wie immer ein kurzes Lächeln zu, nicht ahnend, was es für mich bedeutete, geschweige denn, was ihn im Laufe des Abends erwarten würde. Stattdessen folgte er den anderen aus unserer Gruppen nach drinnen zu den beiden reservierten Tischen, registrierte dabei mit keiner Faser seines Bewusstseins, was allein seine Anwesenheit in mir auslöste.
Ein paar Momente später machte ich schließlich meine Zigarette aus und atmete noch einmal tief durch, noch immer felsenfest entschlossen, es heute und hier durchzuziehen. Immerhin war er schon einmal da. Mein Spiel war also eröffnet. Es galt jetzt nur noch, den passenden Moment abzuwarten und ihn anzusprechen.
Dass dies jedoch eine mehr als komplizierte Aufgabe sein würde, das wusste ich bereits in dem Moment, als ich zu den anderen hineinging. Ich würde alle Überwindung dazu brauchen, das war mir klar. Und ich hatte nicht die leiseste Ahnung, woher ich sie nehmen sollte.

Irgendwie schien das Glück mir wohlgesonnen zu sein, denn rein zufällig gelang es mir, den Platz direkt neben seinem zu ergattern, sodass ich die besten Voraussetzungen dafür hatte, um in ein Gespräch mit ihm zu kommen.
Unnötig zu erwähnen, dass mein Puls durch diese Gegebenheit, ganz nah neben ihm zu sitzen, längst über 180 gestiegen war und mein gesamtes Innenleben total aus dem Gleichgewicht flog. Nicht nur, dass mein Herz schon wieder raste wie blöde, auch sonst konnte ich ganz deutlich fühlen, wie angespannt ich in dieser Situation war.
Immer wieder huschte mein Blick zu ihm hinüber, während er ein Gespräch mit den Mädchen vom Nachbartisch anfing und sich wenig später ein Getränk bestellte. Für ein paar kurze Momente hatte ich die erste Gelegenheit, ihn anzusprechen, als er sich flüchtig zu mir umwandte und sein unvergleichlich schönes Lächeln lächelte.
Doch ich versemmelte sie gänzlich, konnte mich einfach nicht überwinden, ein Wort zu sagen – und schon war er mit einem anderen Mädchen an unserem Tisch im Gespräch. Mich unterdessen sprach ein Junge aus der Gruppe an, wir begannen einen kurzen Talk über dies und jenes und ich tat so, als wäre alles in bester Ordnung, wenngleich ich innerlich zu platzen drohte und mein Widerstand gegen die blonde Verführung direkt nebenan immer schwächer wurde.
Der Tatsache geschuldet, dass er keine Brille mehr trug, hatte ich die Möglichkeit, seine tiefen, hellen Augen ganz klar und deutlich zu sehen – und natürlich ertappte ich mich dabei, wie ich mich für ein paar Momente lang darin verlor.
Er merkte es zum Glück nicht, da er sich noch immer mit dem anderen Mädchen unterhielt, sowie kurz darauf auch mit dem Jungen, der ebenfalls bei uns am Tisch saß. Eine ziemlich überschaubare Runde also. Und trotzdem kriegte ich es nicht zustande, ihn einfach anzusprechen.
Stattdessen verschwand ich für einige Zeit nach draußen zum Rauchen und überlegte mir, wie ich weiter vorgehen sollte. Ich hatte nicht den Mut, ihn anzusprechen, das merkte ich – aber ich wollte auch nicht unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren. Mir war klar, dass ich es auf ewig bereuen würde, wenn ich jetzt einen Rückzieher machte. Immerhin wurde mir die Gelegenheit wie auf einem Silbertablett serviert: Er saß DIREKT neben mir. Ich brauchte nichts weiter zu tun als den Mund aufzumachen und ihn um ein Gespräch zu bitten. So schwer konnte das doch nicht sein. Dachte ich wenigstens.
Nach dieser kurzen Verschnaufpause wagte ich schließlich einen zweiten Versuch und setzte mich erneut zu ihm, was er mit einem wie immer freundlichen Lächeln zur Kenntnis nahm und sich dann wieder auf die Unterhaltung am Tisch konzentrierte.
„Mach schon“, drängte meine innere Stimme, als sich eine weitere günstige Gelegenheit anbahnte. „Sprich ihn an. Tu es endlich. TU ES!“.
Und so tat ich es schließlich. Als die Unterhaltung für einige Momente verstummt war, wandte ich mich langsam zu ihm herum und suchte seine Aufmerksamkeit. „Du, Tristan“, begann ich ganz vorsichtig und war kaum fähig dazu, ihn dabei anzusehen. „Hättest du vielleicht ein paar Minuten Zeit für mich? Ähm... unter vier Augen?“.
Als Antwort darauf rechnete ich eigentlich mit Verwunderung, sowie vielleicht auch der Frage, worum es denn ginge. Doch stattdessen sagte er einfach nur: „Ja, na klar“. Einfacher als gedacht.
Mit dieser kurzen Zustimmung ging er schließlich voraus und ich folgte ihm, wohlwissend, dass es jetzt absolut kein Zurück mehr gab. In wenigen Minuten war die Sache über die Bühne. Und ich entweder erleichtert oder am Boden zerstört.

Die nächste Situation: Wir beide, draußen vor der Tür des Lokals, er mir so nah gegenüberstehend wie noch nie. „Was gibt's denn?“, erkundigte er sich zuvorkommend und sah mich schmunzelnd an, woraufhin ich ein weiteres Mal drohte, mich in seinen hellen Augen zu verlieren.
Ein letztes Mal holte ich tief Luft, packte meine ganze Kraft zusammen und sprach dann schließlich aus, was mir so lange schon im Herzen brannte. „Tristan“, begann ich nervös, meine Stimme leicht kratzig und unruhig. „Es gibt da etwas, was ich dir sagen muss. Ich weiß, dass es sich komisch anhört, weil wir uns im Prinzip kaum kennen und fast nichts voneinander wissen, aber... ich muss das jetzt einfach loswerden“.
Ich machte eine kurze Pause, was seine Spannung natürlich noch weiter steigen ließ, atmete so tief es ging durch und sprach dann die unvermeidbaren Tatsachen aus. „Tristan“, sagte ich in zitterndem Tonfall zu ihm. „Ich... ich MAG dich“.
Allein schon, wie ich dieses Wort betonte, verriet alles über seinen wahren Sinn und ließ ihn für einen Moment lang ein überraschtes Gesicht ziehen. Klar – damit hatte er nicht gerechnet.
Ein paar Sekunden verstrichen, für mich eine Ewigkeit, bis er sich schließlich dazu äußerte. „Okay...“, sagte er mit etwas nervösem Lächeln und blickte rasch zur Seite, vermittelte mir damit, dass er meine Anspielung deutlich verstanden hatte.
Das war's, schoss es mir unweigerlich durch den Kopf und jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Jetzt ist es raus. Jetzt weiß er es. Und er wird wahrscheinlich nie mehr ein Wort mit dir wechseln. Er wird dich bestimmt gleich auslachen. Du hast es versaut.
In meiner leichten Panik begann ich unbewusst damit, irgendeinen Quatsch zu reden und dabei von einer Peinlichkeit in die nächste zu stolpern: „Ich weiß, dass dich das jetzt überrascht. Es tut mir Leid, wenn ich dich überfordere. Ich weiß, dass du liiert bist und das respektiere ich. Ich wollte einfach ehrlich zu dir sein“. Bla, bla, bla.
Nur dahingebrabbelte Worte verließen meinen Mund, ohne dass auch nur irgendetwas halbwegs Vernünftiges oder Sinnvolles mit dabei gewesen wäre. Keine Ahnung, was er sich dabei dachte – auf jeden Fall blieb er trotz dieser Hiobsbotschaft überraschend gelassen.
„Es ist okay“, äußerte er sich schließlich, nachdem ich meinen zusammenhangslosen Redeschwall beendet hatte. „Ich finde, es gehört Mut dazu, so ehrlich zu sein“.
Wie bitte?, dachte ich leicht perplex. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Hatte er mir gerade wirklich ein Kompliment für meinen Mut gemacht?
Sein offenes Lächeln schloss jegliche Zweifel daran völlig aus. Grundsätzlich reagierte er überhaupt nicht geschockt, geschweige denn, angewidert, sondern vielmehr ganz gelassen und ruhig. War vielleicht doch nicht alles verloren?
Überraschenderweise fing er dann eine kleine Unterhaltung mit mir an, versicherte mir darüber hinaus, dass es kein Problem sei und er damit umgehen könne. Daraufhin beschloss ich, erneut mutig zu sein und ihm von meiner Unsicherheit zu erzählen, etwas Falsches zu sagen. Doch abermals lehnte er ganz freundlich ab und gab mir zu verstehen, dass ich diesbezüglich keine Angst haben müsse und er damit umgehen könne.
Eine Weile redeten wir noch weiter, ich erzählte ihm ein wenig von mir, er mir von sich – und ich bekam das Gefühl, dass er wirklich ganz entspannt damit umgeht.
Irgendwann schließlich, ohne mich vorzuwarnen, überraschte er mich erneut, indem er mich fragte: „Darf ich dich mal in den Arm nehmen?“.
Nachdem er diese Frage gestellt hatte, befand ich mich kurz vor einem Herzstillstand. Das kann nicht sein, schoss es mir durch den Kopf und ich fühlte, dass mein Puls ein weiteres Mal mit Lichtgeschwindigkeit raste. Das hat er doch jetzt nicht wirklich gefragt. Das träumst du nur.
Doch sein nach wie vor aufrichtiges Lächeln überzeugte mich vom absoluten Gegenteil. Er stand mir jetzt wirklich gegenüber und hatte mich dazu eingeladen, ihn umarmen zu dürfen.
„Natürlich darfst du!“, stieß ich schließlich hervor, nachdem ich den ersten (positiven) Schockmoment überwunden hatte.
Und tatsächlich: Er tat es. Er umarmte mich, kam mir so nah wie noch nie zuvor und ich durfte ihn für ein paar Momente lang ganz eng an mir spüren. Überflüssig zu sagen, dass mein Herz erneut raste wie irre, während der Wunsch in mir wach wurde, genau jetzt die Zeit anhalten zu können. Dieses Gefühl – dieses unbeschreibliche Gefühl für immer festzuhalten und ihn nie mehr loslassen zu müssen.
Dass ich ihm je so nah kommen würde, das hatte ich in hundert Jahren nicht erwartet. Und noch weniger, dass die Initiative dazu von ihm ausgehen würde. Ich fühlte mich in diesem Moment federleicht. Und glücklich. Endlos glücklich und dankbar.
Sekunden später löste er sich schließlich von mir, abermals mit einem Lächeln, ehe wir noch einmal anfingen, uns zu unterhalten. Noch immer war ich bemüht, nicht umzukippen, wenngleich ich in dem Moment nichts lieber getan hätte als mich einfach fallen zu lassen. Am liebsten natürlich gemeinsam mit ihm.
Wir redeten über alles mögliche, völlig entspannt und unverkrampft, bis er schließlich ganz lässig meinte: „Ich könnte jetzt einen Schnaps vertragen. Du auch?“.
Wir mussten lachen und ich willigte ein, seine Einladung als Vorschlag missverstehend, und wollte schließlich wieder reingehen. Zu meiner Überraschung jedoch hielt er mich noch einen Moment zurück und bat mich um eine nochmalige Umarmung.
Nach außen hin versuchte ich, ganz gelassen zu wirken, während sich in mir alles drehte und ich wieder kurz davor war, gleich wegzukippen. Zum wiederholten Male bekam ich seine Nähe zu spüren und hoffte sehnlichst, dass er mein Herz nicht rasen hörte.
Danach ging er schließlich voraus, während ich hinter ihm herlief und dabei nicht aufhören konnte zu grinsen.
Er hat mich umarmt, dachte ich und hätte am liebsten vor lauter Freude geschrien. Er hat mich tatsächlich umarmt. Zweimal. HALLELUJA!
Mit diesem mehr als euphorischen Gedanken im Kopf ging ich schließlich auch wieder rein und setzte mich zurück neben ihn. Abermals unterhielten wir uns und teilten uns ganz nebenbei eine Bestellkarte, bis unsere Wahl schließlich auf einen Baileys fiel.
„Zusammen“, meinte er und lächelte mir zu, als er sie bezahlte, woraufhin ich nur ein ganz scheues „Danke“ über die Lippen brachte.
Innerlich schmolz ich natürlich schon wieder vor mich hin und bildete mir sonst was darauf ein, wenngleich seine Einladung bestimmt nur aus Höflichkeit passiert war – ebenso wahrscheinlich auch die beiden Umarmungen.
Für mich jedoch bedeutete das weitaus mehr – und vor allen Dingen wurde mir dadurch klar, dass ich mich zu keinem Zeitpunkt in ihm getäuscht habe: Er war und ist ein besonderer Junge. Und ein Gentleman noch dazu. Herz, was willst du denn noch mehr?

Eine Weile später schließlich ging mein Zug, wenngleich ich am liebsten die ganze Nacht geblieben wäre – und der unvermeidbare Abschied von meinem Prinzen in Blond stand an.
Ich versuchte wirklich, mich kurz zu fassen, doch angesichts des offenen Gesprächs fiel mir das alles andere als leicht. Am liebsten hätte ich ihn noch einmal umarmt – allerdings wollte ich ihn weder in Verlegenheit bringen, noch überschwänglich oder gar aufdringlich rüberkommen.
So nahm ich sein kurzes Winken als Zeichen des Abschieds dankend an, ebenso wie das süße Lächeln, das er mir über den Tisch hinweg zuwarf.
„Danke nochmal“, sagte ich, erleichtert und unbeschwert glücklich über den Verlauf des Abends. „Oh, und, Tristan: Ich schulde dir nen Schnaps“. Doch er lehnte schmunzelnd ab – erneut ganz der Gentleman. „Passt schon“, meinte er dann, winkte mir noch einmal zu und sah mir kurz hinterher, bevor er sich wieder den anderen aus der Gruppe zuwandte.
Draußen vor dem Lokal fühlte ich mein Herz erneut deutlich klopfen und hätte am allerliebsten laut gejubelt, beherrschte mich allerdings so gut es möglich war und sparte mir jegliche Bekundungen meiner Euphorie für Zuhause auf.

Zwei Tage ist dieses Gespräch nun her – und noch immer bin ich nicht fähig dazu, mich auf etwas anderes zu konzentrieren als auf ihn. Noch immer fühle ich seine Umarmung auf der Haut, die mir mehr bedeutet als ich es je sagen könnte. Und ganz egal, was auch die Zukunft bringt – diesen Moment mit ihm kann mir niemand mehr nehmen.
Mag sein, dass ich mich anhöre wie ein verliebtes Schulmädchen. Mag sein, dass er einfach nur nett zu mir war und ich viel zu viel in die Sache hineininterpretiere. Mag auch sein, dass er sich niemals so für mich interessieren wird wie ich mich für ihn.
Und trotzdem ist mir nach diesem offenen Gespräch mit ihm eines ganz klargeworden: Ich kann ihn nicht vergessen. Und ich will es auch nicht.
Ich liebe ihn über alles. Mehr als irgendjemand anderen je zuvor. Und ich weiß auch, dass ich nie wieder jemanden lieben werde wie ihn. Weil es so eine tiefe, innige Liebe nur ein einziges Mal im Leben gibt.
Mag sie auch noch so klein sein – die Chance, dass uns eines Tages ein Weg zusammenführt, besteht. Und allein für diese kleine Chance lohnt es sich zu warten. Wenn es sein muss, auch bis ans Ende meiner Tage.

Eigentlich habe ich mit meinem Geständnis das Ziel verfolgt, die Sache zu verarbeiten. Eigentlich wollte ich deswegen reinen Tisch machen, um mit ihm abschließen zu können und nicht mehr an ihm zu hängen.
Doch erreicht habe ich genau das Gegenteil: Ich liebe ihn jetzt noch viel mehr als vorher. Weil er ein einzigartiger Mensch ist. Ein blonder Engel.
Und – wenn das Schicksal es will – vielleicht irgendwann meiner.
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