Was tust du, wenn du nicht bei mir bist?

von Maja32
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P16
30.07.2018
14.01.2019
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Katia

Ein einzelner Lichtstrahl fällt durch mein Fenster, sucht sich seinen Weg und bleibt dann auf dem Rücken des Mannes neben mir stehen. Ich beobachte, wie sein Rücken anfängt, silbern zu schimmern und setze mich leicht auf. Diese Nacht ist die erste Nacht, in der ich nicht schlafen kann, wenn er da ist. Denn zum ersten Mal fühlt es sich merkwürdig an.
Sein Körper strahlt selbst im Schlaf Hitze ab und ich muss mühsam widerstehen, meine Fingerspitzen in den Mondstrahl zu tauchen und ihn zu berühren. Zum ersten Mal nach so vielen Jahren verspüre ich dieses Verlangen und vielleicht ist es das, was mich nicht mehr schlafen lässt. Zwischen ihm und mir hat sich in letzter Zeit etwas verändert. Ohne, dass ich es richtig benennen, es richtig greifen kann.

Dean und ich kennen uns bereits seit Kindertagen. Wir lernten uns kennen, weil unsere Eltern Nachbarn waren und wir gemeinsam draußen spielten. Und selbst als seine Familie wegzog, behielten wir, ganz untypisch für Kinder, immer Kontakt. Dean schrieb mir am Anfang unregelmäßig Briefe und manchmal stand in denen, an welche Adresse ich antworten konnte, oft aber auch nicht. Seine Familie zog viel um, nachdem seine Mutter gestorben war.
Irgendwann wurden die Briefe von Telefonaten abgelöst. Und dann von Mails. Und schließlich, als wir etwas älter wurden, von Besuchen, wenn sein Vater ihn für ein Wochenende bei meinen Eltern ablieferte.
Ich habe diesen Besuchen nie eine große Bedeutung beigemessen. Ich habe mich immer gefreut, von ihm zu hören, oder ihn zu sehen, aber wir waren zu diesem Zeitpunkt schon so lange befreundet, dass es keine weitere Bedeutung hatte.
Ich habe bei Dean eine Veränderung miterlebt und vielleicht, weil ich diese Veränderung mit angesehen habe, habe ich die eine Frage nie gestellt. Was tust du, wenn du nicht bei mir bist?

Aus dem fröhlichen Kind wurde ein schweigsamer Jugendlicher. In seinen Briefen und später auch in seinen Mails erzählte Dean kaum etwas über sich. Manchmal eine Anekdote über seinen kleinen Bruder, der ihm mittlerweile deutlich über den Kopf gewachsen ist. Oft darüber, was er auf seinen Reisen durchs Land gesehen hat. Aber niemals darüber, wie es ihm eigentlich ging und was genau sein Vater mit seinen Söhnen machte. Und irgendwie ahnte ich, dass Dean darüber nicht würde sprechen wollen, habe ich eine unterschwellige Wut bemerkt und so habe ich nie gefragt. Zum Glück hatten wir immer genug andere Themen, über die wir reden konnten.

Als er dann Führerschein hatte und zum ersten Mal vor meiner Tür auftauchte, da war es fast, als hätten wir uns in den Jahren zuvor jeden Tag gesehen. Es herrschte eine unglaubliche Vertrautheit zwischen uns. Und gleichzeitig auch nicht, denn immer noch sprach er kaum über sich. Sein Besuch dauerte drei Tage und in der Zeit wurde er von Stunde zu Stunde merklich entspannter. Als er wieder fuhr, war er gelöst und gut aufgelegt.

Seit diesem ersten Besuch sind unzählige weitere Besuche vergangen. Als ich aufs College ging und dafür in einen anderen Bundesstaat zog, dauerte es nicht mal drei Wochen, bis Dean vor der Tür stand. Er wohnte eine Woche mit mir in meinem winzigen Wohnheimzimmer, genoss die Partys, die wir abends besuchten und hatte einfach nur Spaß. Ich glaube, ich erinnere mich so genau an diesen Besuch, da es der Letzte war, der so ablief, wie alle Besuche zuvor. Weil es der letzte Besuch war, bei dem Dean befreit war und entspannt.

Sein zweiter Besuch auf dem College war… es fing schon merkwürdig an. Schon, als ich nach seinem Klopfen die Tür öffnete, war zu sehen, dass etwas nicht stimmte. Dean hing mehr in meinem Türrahmen, als dass er stand und hielt sich seine rechte Seite. Als er eintrat, humpelte er stark. Er sah unsicher aus, als er fragte, ob er eine Weile bleiben könne.
Er verneinte in dieser Nacht vehement einen Arztbesuch, trotz wahrscheinlich gebrochener Rippen und diverser Prellungen und Verstauchungen.
Dean blieb 2 Wochen, in denen wir alles teilten. Bis auf eine Sache. Ich fragte damals zum ersten Mal, woher die Verletzungen stammten, aber er beantwortete diese Frage nicht. In diesen zwei Wochen hatten wir auch zum einzigen Mal in unserem Leben Sex miteinander. Weil er so wundervoll aussah, als er sich erholte und vielleicht auch, weil wir neugierig darauf waren, ob wir auch im Bett miteinander harmonierten.
Und ich kann nicht sagen, dass es schlecht war. Ganz im Gegenteil. Es war gut. Trotzdem haben wir niemals wieder darüber geredet, oder es getan. Irgendetwas schien also doch gefehlt zu haben und scheinbar hatte keiner von uns das Bedürfnis nach einer Wiederholung oder auch nur einem Gespräch darüber.

In der Zeit nach seinem zweiten Besuch wurden seine Besuche eine Weile seltener. Wenn er aber kam, dann immer verletzt, ich kümmerte mich um ihn und wenn er wieder halbwegs hergestellt war, fuhr er wieder. Ich wusste nie, wohin und wie lang, aber ich glaube, das war in Ordnung so. Ja, natürlich war ich auch neugierig und eine Weile lang vermutete ich, dass Dean Preisboxer oder etwas in der Art war, aber ich kannte Dean auch schon lange genug, um zu wissen, dass er komplett dicht machte, wenn man ihn bedrängte. Also tat ich es nicht.

Als ich meinen Freund und späteren Mann kennenlernte, verlagerten Dean und ich unsere Freundschaft wieder auf Mails und Telefonate. Dean traf meinen Freund einmal, beide konnten sich nicht ausstehen und danach tauchte Dean einfach nicht mehr uneingeladen auf. Aber seinen Riecher für den richtigen Zeitpunkt hatte er sich scheinbar immer bewahrt, denn als meine Ehe nach fünf sehr turbulenten Jahren in die Brüche ging und ich mir wieder eine eigene Wohnung suchte, dauerte es keine Woche, bevor Dean unangemeldet vor der Tür stand. Wieder mit Verletzungen, wieder blieb er, bis er halbwegs gesund war. Und zum ersten Mal seit Ewigkeiten erzählte er mal wieder etwas von seiner Familie. Ich erfuhr, dass sein Vater bereits seit längerer Zeit tot war und dass sein Bruder mit einer Frau zusammenlebte.

Seither sind seine Besuche immer regelmäßiger geworden. Er spricht immer noch nicht darüber, was er eigentlich tut, aber ich sehe ihn mindestens einmal im Monat. Und seit ich von dem Geld, das ich bei meiner Scheidung erhalten habe, eine kleine Pferderanch in Texas gekauft habe, werden seine Besuche nicht nur häufiger, sondern auch länger. Er verschwindet nicht mehr bei der erstbesten Gelegenheit, sobald er wieder halbwegs hergestellt ist, sondern er bleibt. Manchmal verkriecht er sich und scheint eine Menge mit sich selbst ausmachen zu müssen, aber manchmal ist er auch offen und nimmt an meinem Leben teil. Repariert Dinge im Stall, grillt abends mit der Stallgemeinschaft.

Seit meiner Zeit in einem viel zu kleinen Wohnheimzimmer haben wir immer, wenn wir uns sahen, im selben Bett geschlafen. Das hat sich nie geändert. Und genau deshalb liegt er jetzt neben mir, auf dem Bauch, sein Rücken wird von dem Mondlicht silbern beschienen und vielleicht, weil sich irgendetwas geändert hat, weil er wunderschön ist und ich langsam begreife, dass ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellbar ist, kann ich nicht schlafen. Ich scheine ein Anker für ihn zu sein, zu dem es ihn immer wieder zurücktreibt. Nach jedem seiner Ausflüge kommt er zu mir. Und ich merke, dass ich ihn inzwischen vermisse, wenn er nicht da ist, dass ich, ganz untypisch für mich, Schmetterlinge im Bauch habe, wenn er wieder vor der Tür steht.
Ich weiß, dass er mit irgendwelchen inneren Dämonen kämpft. Bisher war immer ich die, die zuerst schlief, während er noch wach lag. Dieses Mal ist es anders. Weil ich nach all den Jahren genau zwei Fragen im Kopf habe, die sich nicht mehr verdrängen lassen.
Was tust du, wenn du nicht bei mir bist? Und was treibt dich immer zu mir zurück?
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