(Ich weiß, wir geh'n) Tiefer auf den Grund

von Napoleon
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16 Slash
Demir Azlan Konny von Brendorp
30.07.2018
30.07.2018
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30.07.2018 1.987
 
Bonjour!
Ich bin mal wieder 10 Jahre zu spät, aber hey. Warum nicht.
Der kleine OS ist spontan entstanden, aber ich hoffe, man merkt es ihm nicht zu sehr an *g*
Rating 16Slash ist nur zur Sicherheit, da das ein oder andere sensible Thema angeschnitten wird.
Alles in allem bin ich nicht 100% zufrieden, aber immerhin froh, dass ich überhaupt wieder mal zum Schreiben komme.
Vielleicht gibt es hier ja noch Menschen, die das lesen :")

Der Text ist nicht gebeta'd und wie immer bei mir gilt: Grammatiksalat, Buchstabensuppe und Stilgrütze gehören dem Autor, der sich im Übrigen hart über Rückmeldungen freut :)






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Ich seh dein Herz, bleib noch nicht stehen
Ich häng an deinem Mund
Ich seh dein Herz, ich weiß wir gehen
Tiefer auf den Grund

ECHOLOT



Konny weiß nicht mehr, wie man einatmet. Er hat Angst, dass er es für immer vergisst. Hat Angst, dass die Luft, die ihn retten kann, nie mehr erlösend in seine Lungen strömt.

Er kann es nicht. Wann hat er es vergessen? Er hat es doch schon sein Leben lang getan, immer ein-, immer ausgeatmet, und die Luft war ihm nur selten weggeblieben, also wo ist sie jetzt?

Das Wasser läuft sein Gesicht hinab, seinen nackten Körper, färbt sich rötlich dort, wo es die Wunden reinigt. Ewiges Rauschen in seinen Ohren. Er kann es nicht ignorieren, ebenso wenig wie die Leere in seinen Lungen, die sich mittlerweile schmerzhaft zusammenziehen.


Er beugt sich nach vorne, die Bauchmuskeln verkrampft, das Zwerchfell drückend, die Stirn an der angenehm kühlen Scheibe der Dusche. Ein Wimmern kommt über seine Lippen, das er selbst nicht hört. Das Rauschen ist zu laut. Er weiß nicht, ob es sein Blut ist oder das Wasser oder etwas ganz anderes. Er schließt die Augen und bereut es kurz darauf schon wieder. Da sind nur Bilder von ewiger Schwärze und eisiger Kälte und kühlem Stahl, und dann Schreie und Schüsse und Wasser, und alles tut so weh, aber er muss, darf nicht, kann nicht –

Und dann erinnert sich sein Körper wieder.

Sein Mund öffnet sich noch ein Stück, sein Kehlkopf entspannt, seine Lungen füllen sich wie von selbst mit Luft. Er lebt. Er lebt, er lebt, er lebt – er kann atmen. Viel zu schnell jetzt, aber es ist in Ordnung.

Erleichtert lässt er sich mit dem Rücken gegen die Fliesen hinter sich fallen. Die Kälte tut gut auf seiner überhitzten Haut, und die Wand gibt ihm Halt.

Solange, bis sie es nicht mehr tut, weil das Wasser auf seiner Haut brennt, und es ist überall, in jeder Pore und auch in ihm drin, und kurz hat er Angst, dass das, was er da eben eingeatmet hat, nicht Luft war, sondern Wasser, das jetzt seine Lungen flutet – nein. Stopp. Er lebt. Er lebt und er ist sicher. Hier.

Er bemerkt nicht, wie er die Fliesen runter gleitet.


Vergräbt lediglich sein Gesicht in seinen Händen, um den Bildern zu entkommen. Seine Fingernägel krallen sich in seine Stirn und der Schmerz lenkt ihn ab von den anderen Wunden und Erinnerungen, die noch frisch auf seiner Haut brennen. Er muss sich zusammenreißen. Er war schon in schlimmeren Situationen gewesen. Er lebt. Noch immer. Er wird auch das überstehen.

Sein Atem beruhigt sich. Seine Finger krampfen weiter. Aus dem schnellen Heben und Senken der Brust wird ein stilles Zittern, das sich durch alle Muskelstränge zieht.

Er hat keinen Fehler gemacht. Oder? Er hätte nicht ahnen können, dass der Kerl, den sie als Opfer eingestuft hatten, doch der Täter war – er hätte nicht wissen können, dass der plötzlich, nach ihrer erfolgreichen Kooperation, eine Waffe zieht. Keiner hätte das. Keiner – oder? Es muss doch Anzeichen gegeben haben, irgendetwas, was er übersehen hat, er war unvorsichtig gewesen, ja, das musste es sein, schlicht und einfach unvorsichtig, und es war doch sein Fehler, und seine eigene Schuld, dass passiert ist, was passiert ist.

Er muss sich zwingen, weiter zu atmen. Die Angst, es wieder vergessen zu können, schwingt unentwegt mit.

Die Täter waren tot. Er selbst lebt. Er ist okay. Ein paar Kratzer, ein paar Hämatome, ein paar Erinnerungen an Dunkelheit und Wasser und die Unfähigkeit, zu atmen.


Konny schreckt hoch.

Er hat nicht bemerkt, dass das Wasser der Dusche ausgegangen ist, und er hat auch nicht bemerkt, dass Demir ins Bad gekommen ist. Erst dessen sanfte Hand an seiner Schulter löst Konny aus seinen Gedanken.

„Alles gut?“, fragt Demir, und Konny braucht eine Weile, während er in dieses vertraute, geliebte Gesicht sieht, und sich bewusst wird, dass alles auch anders hätte laufen können. Verdammt, er hätte draufgehen können – dann hätte er diesen Anblick nie wieder erlebt, und ja, typisch, er wäre wieder das Arschloch gewesen, weil er Demir im Stich gelassen hätte. Unfreiwillig, ja, aber Demir nimmt sowas doch immer so persönlich.

Oder Demir wäre etwas passiert – Konny will gar nicht weiter drüber nachdenken, weil, er erträgt es nicht und außerdem wissen sie beide, dass das das Berufsrisiko ist. Jeder von ihnen kann jeden Tag sterben. Und jeden Tag, den sie beide überleben, müssen sie genießen und schätzen.

Konnys Blick senkt sich. Er nickt langsam. Natürlich ist alles gut, denkt er sich. Er ist Mister 100%, er steckt Ausrutscher wie heute weg. Lässt sich nicht ansehen, wenn ihn tatsächlich etwas mitnimmt, und gesteht schon gar keine Schwäche ein. Nicht vor Demir. Nicht vor seinem Team. Meistens nicht mal vor sich selbst.

„Hey“, sagt Demir dann wieder, und seine Stimme ist ganz weich. „Alles wird gut, ja. Ist ja nochmal alles gut gegangen.“ Und dann sind da Demirs Fingerkuppen an Konnys Wange, die beruhigend darüber streichen, und Konny schließt die Augen wieder. Er konzentriert sich nur auf das Gefühl von Demirs Nähe; nicht auf die Dunkelheit und das Wasser und die Atemnot. Und jetzt kommt das Zittern nicht mehr von dem Schock, von dem Trauma, jetzt kommt es von der Kälte, denn er sitzt noch immer nackt und nass in der Dusche, die Arme um sich selbst geschlungen. Er sieht auf.

Demir hockt noch immer vor ihm, den Arm ausgestreckt in liebevoller Zuwendung.

„Komm. Zieh dir erstmal was an und ich mach dir 'nen Tee.“ Demir steht auf und hält Konny die Hand hin. Nach kurzem Zögern ergreift Konny sie und lässt sich hoch ziehen.

„Mit Schuss?“, fragt Konny, und seine Stimme hört sich entfernt und hohl an, aber sie ist da und bricht nicht weg, und als Demir grinsen muss, fällt einige Spannung von ihm ab.

„Mit Schuss“, antwortet Demir, und gerade will er sich umdrehen, um zu gehen, da hält Konny ihn am Arm fest.


„Danke“, sagt er, und seine Stimme ist jetzt leise und er schaut Demir nicht in die Augen, sondern irgendwo daneben. Seine Brust ist gelöst und er kann atmen, aber mit jedem Atemzug schwingt Angst und Nervosität mit. Er schluckt. Weiß, dass das in wenigen Tagen verschwinden wird. Der Psychologe wird sein Übriges dazu tun.

Demir mustert ihn und lächelt schwach aber ehrlich, ehe er an Konny heran tritt und mit seinem Daumen Konnys Kinn nach oben drückt, damit dieser ihm endlich in die Augen schaut. Und das tut er, und Konny fühlt sich sicher, aber erbärmlich, und eigentlich will er den Blick wieder abwenden, weil ihm das gerade alles zu intim wird – aber er kann nicht. Denn Demirs Augen sind so sanft und tief und beruhigend, dass sie ihm mehr Trost spenden als jedes Wort, das der andere sagen könnte.

Und Konny ist dankbar, denn er steht nackt und triefend vor ihm, aber er fühlt sich nicht so entblößt, wie er es vermutlich sollte, nein. Er fühlt sich sicher, denn er weiß, dass er hier so stehen kann und Demir diese Verletzlichkeit niemals ausnutzen würde. Nun, nicht jetzt. Irgendwann, in einigen Monaten und Jahren, wenn dieser Moment lange genug zurückliegt, um nicht mehr wehzutun. Dann würde irgendwann ein dummer Spruch kommen oder eine geschmacklose Randbemerkung, und sie würden darüber lachen. Aber jetzt gerade, wo alles noch so frisch ist und schmerzt und Angst und Erleichterung und Schock noch überwiegen, da weiß Konny, dass er sich einfach fallen lassen kann und Demir ihn auffangen würde.

Konny lehnt sich vor. Vorsichtig küsst er Demirs Schulter, die durch das Top, das er trägt, frei ist. Der Kuss ist viel zu zurückhaltend, ganz so, als ob Demir bei größerem Druck zerbrechen könnte, und so ganz anders, als er es von Konny gewöhnt ist. Sonst küsst Konny, als ob es kein Morgen gäbe, als ob er ertrinkt, und nimmt sich das, was er braucht – und jetzt, wo Konny das Gefühl des wirklichen Ertrinkens kennt, braucht er etwas ganz anderes. Nähe. Intimität. Wahrheiten. Und oh, ist Demir bereit, all das zu geben und noch viel mehr.

Und als Demir Konnys Gesicht in seine Hände nimmt und ihn zu einem richtigen Kuss zu sich zieht, setzt Konnys Herz kurz aus; Angst sprudelt durch seine Adern, dass der Kuss ihm die Luft rauben würde, dass er wieder vergessen würde, wie man einatmet – er sieht sich schon vergeblich nach Luft schnappen, aber da ist nichts, nichts als Demirs Mund auf seinem eigenen, der jeglichen Atem sofort erstickt, und er weiß, das sollte so nicht sein, und Demir würde niemals – und überhaupt, seine Lippen sind so trocken und haben nichts mit dem Wasser gemein, das seinen Rachen geflutet hat, und auch die Worte sind so unterschiedlich, wirklich, niemand mehr, der ihn anbrüllt und Informationen will, nur noch sanfte Liebkosungen und heißer, trockener Atem und ruhige Fingerspitzen an seinem Kiefer.

Das Keuchen lässt nach und Konny hat nicht mal bemerkt, wie er seine Finger in Demirs Top gekrallt hat. Er lässt locker. Versucht, die Worte an sich ran zu lassen.

„Schhht, alles ist gut, du bist sicher. Ich bin's nur, Konny, hörst du? Du bist sicher.“


Und Demirs Stimme ist beruhigend und die Worte werden irgendwann zum Mantra und Konny ist einfach nur erschöpft, und lässt sich fallen, weil er weiß, dass Demir ihn auffängt.


Wie er sich angezogen hat und auf dem Sofa gelandet ist, ist Konny hinterher ein Rätsel. Er kriegt am Rande mit, dass Geb angerufen hat, um sich nach ihm zu erkundigen, und das Gespräch zwischen Demir und dem SET-Führer ist kurz und sagt genug. Konny spürt immer wieder Demirs Seitenblicke, die sich vergewissern, dass Konny noch immer da ist und immer noch lebt.

Er nimmt einen Schluck vom Tee –
Grog, wie er zu seiner Zufriedenheit feststellt – und beobachtet Demir über den Rand der Tasse hinweg. Er blendet seine Worte aus, hat nicht mehr die Kraft und Konzentration, um ihm zuzuhören, aber allein das Bild reicht ihm.

Irgendwann legt Demir auf und setzt sich zu Konny aufs Sofa.

„Grüße von Geb. Er lässt gute Besserung ausrichten“, sagt er und Konny nickt zur Bestätigung. Er senkt den Blick und beobachtet einen unsichtbaren Punkt in seinem Grog.

„Du hast morgen früh einen Termin beim Psychologen, soll ich dir sagen.“

Wieder nickt Konny. Er hasst diese Termine, aber er weiß, dass sie nicht nur notwendig, sondern auch wichtig sind.

Sein Blick hängt noch immer in seiner Tasse fest, aber er spürt den von Demir fest auf sich. Er hebt den Kopf, schaut Demir an. Wieder ist da diese Dankbarkeit, dass der andere da ist und ihm hilft – wenn das Leben Konny eines beigebracht hat, dann, dass selbst die ihm nächsten Menschen ihn allein ließen.
Er lehnt sich vor und küsst Demir, wieder langsam, wieder vorsichtig, immer die Angst bekämpfend. Denn er wird sich Demir nicht nehmen lassen. Nicht so.

Demir küsst zurück, genauso vorsichtig, und beide wissen, dass das zu nichts führen wird. Nicht heute Nacht.

Heute Nacht geht es nicht um Befriedigung oder Lust oder Spaß oder Frustration oder Macht. Nein, heute geht es nur um Heilung, um Zweisamkeit und Hoffnung.
Heute Nacht rettet Demir Konny vorm Ertrinken; er trocknet seine Haut und versorgt seine Wunden, er streicht durch nasses Haar und baut die eingerissenen Mauern wieder auf.


Aber ein Stück von sich selbst mauert er mit ein.




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Lied: "Echolot" von Wir sind Helden
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