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Insanity Love

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / Het
Access Time Chiaki Nagoya Fynn Fish Marron Kusakabe Miyako Toudaiji OC (Own Character)
30.07.2018
06.03.2020
34
130.375
16
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25.03.2019 4.626
 
Chapter 18: Punishment

Mit einem stumpfen Aufprall landete Sindbad auf dem Boden und er spürte das Gewicht eines Fußes auf seiner Brust.
„Ich habe gewonnen! Schon wieder“, grinste Jeanne überlegen auf ihn herab und hielt ihm ihre Schwertspitze vor das Gesicht. „Ich sagte doch, du solltest mich nicht unterschätzen.“
Er lächelte mit einem breiten Grinsen amüsiert zu ihr hoch. Sie hatten nun einige Matches hinter sich und jeden hatte Sindbad verloren.
„Was ist, wenn ich einfach nur ein Gentleman bin und dich immer gewinnen lasse?“
„Das glaube ich dir nicht.“
Jeanne nahm ihren Fuß von seiner Brust und trat einen Schritt zurück.
Plötzlich schwang Sindbad seine Beine so, dass sie Halt unter ihren Füßen verlor und in Sekundenschnelle war er über ihr. Leicht überrascht blickte sie zu ihm auf.
„Und glaubst du mir jetzt?“, fragte er mit einem eindringlichen Blick.
Jeanne schüttelte verspielt lächelnd den Kopf, packte ihn am Kragen und zog ihn für einen Kuss runter. Sindbad erwiderte den Kuss grinsend.
Anschließend erhoben sich beide und klopften sich den Dreck von den Klamotten.
Um ungestört trainieren zu können, hatten die beiden Kaitos sich in den Wald außerhalb der Stadt geben.
„Sollten wir für heute aufhören oder kannst du noch?“, fragte Sindbad.
Schulterzuckend überlegte Jeanne kurz. „Ich denke, für heute reicht das“, antwortete sie ihm, „Schließlich brauchen wir noch genug Kraft für heute Abend. Da sollten wir uns nicht komplett auspowern.“
Er nickte zustimmend und gemeinsam begab sich das Paar auf den Weg nach Hause.
Neben dem Training waren für die Abende noch zusätzlich geplant, dass sie sich auf die Suche nach Dämonen machten.
Auch wenn Sindbad keine Schachfiguren mehr einsammelte, so bestand für Jeanne immer noch die Verpflichtung ihre Mission vor Gott zu erfüllen und die Seelen der Menschen von den Dämonen zu befreien.

Kaum in Chiaki’s Apartment angekommen, beanspruchte Maron als Erste die Dusche für sich und verschwand direkt ins Bad.
Schmunzelnd sah Chiaki ihr nach und holte sich eine Wasserflasche aus der Küche.
Im nächsten Moment klingelte das Festnetztelefon auf dem Tresen. Ohne nachzuschauen wer anrief, nahm er ab:
„Hallo?“
„Hey, großer Bruder!“ Ein Schmunzeln entkam ihm, als er die Stimme seiner Stiefschwester Minami vernahm.
„Was gibt’s Mina?“
„Mum und Dad sind ja gerade zusammen auf einer Konferenz in Hokkaido-“
„Echt?“, fragte Chiaki überrascht, „Wusste ich gar nicht.“
Minami stieß einen genervten Laut aus und er konnte förmlich hören, wie sie mit den Augen rollte. „Ja, das wüsstest du, wenn du dich in letzter Zeit öfters zu Hause melden würdest.“
„Sorry… Ich hatte ziemlich viel zu tun.“
„Hmm-Mhmm.“
„Wie auch immer… Ehm, ist doch cool. Du hast dir Villa für dich allein, bis...?“
„Sonntag. Ich habe schon Freundinnen eingeladen und heute wird eine Übernachtungsparty geschmissen. Und, keine Sorge! Ich verspreche, dass keine Jungs kommen und nichts kaputt gehen wird!“, sprach Minami in einem amüsierten Ton.
Chiaki konnte sich ein Kichern nicht verkneifen.
„Ab und an kommt Kagura vorbei und hilft mir mit den Hunden. Und da würde ich dich fragen, ob du nicht Lust hättest am Wochenende vorbeizukommen. Maron kannst du meinetwegen auch mitnehmen.“
„Oh.“ Verlegen rieb er sich den Nacken und lief durch die Wohnung. „Sorry Sis, aber ich kann derzeit nicht.“
„Wieso?”, sagte sie verstimmt, „Du besuchst uns noch weniger, als du es schon vorher getan hast und bist dauernd mit Maron beschäftigt.“
„Das stimmt doch gar nicht-“
„Ja, ja, ja… die Uni nimmt auch viel Zeit in Anspruch, weshalb du deine kleine Schwester und deiner Familie gar nicht mehr auf dem Schirm hast. Verarschen kann ich mich selbst. Gibt’s doch einfach zu, dass wir dir scheißegal sind!“, platzte es plötzlich aus ihr heraus.
Sichtlich überrascht hielt Chiaki inne. So eine Verhalten ihm gegenüber kannte er von Minami nicht.
„Was redest du da? Das stimmt doch gar nicht-“
„Wann ist mein Geburtstag?“
„Fünfundzwanzigster Mai.“
Sie schwieg, worauf er realisierte:
„Oh…“ Beschämt fasste Chiaki sich die Stirn. „Ich habe ihn vergessen.“ Ihr Geburtstag war in der Zeit gewesen, als Maron ihm aus dem Weg ging. Und nach allem was in letzter Zeit geschah, hatte er wirklich keinen Kopf gehabt, an seine Familie zu denken.
„Dafür dass du nichts vergisst. Eine kleine SMS hätte auch gereicht, anstatt gar nichts“, entgegnete die Siebzehnjährige in einem sarkastischen Unterton.
„Das ist nicht gerade fair.“
„Du bist nicht fair! Seit einer Weile, sind wir nur noch eine kleine, unwichtige Fußnote in deinem Leben.“
„Mina-“
„Es heißt Minami!“
Für einige Sekunden war es still. Chiaki holte tief Luft und seufzte schwer:
„Minami… Es tut mir leid, okay?“
„Vergiss es. Ich bin nicht wütend. Nur enttäuscht.“
Damit legte Minami auf und ließ Chiaki perplex sowie sprachlos am Hörer zurück.
„Was ist los?“, hörte er Maron’s besorgte Stimme hinter sich fragen.
Verneinend schüttelte der Blauhaarige den Kopf. „Nichts…“, sagte er seufzend und warf das Telefon aufs Sofa.
***

Zwei weitere Tage vergingen.
Das gemeinsame Training der beiden Diebe verlief gut und der eine oder andere neue Kampftrick konnte sich angeeignet werden.
Den Dämon, der Jeanne letztens entkommen war, hatten sie inzwischen wiedergefunden und mit Sindbad’s Hilfe konnte sie ihn diesmal auch Schachmatt setzen.

Es war Samstag und das Paar wollte sich soeben für die abendliche Dämonenjagd fertig machen, als es plötzlich an der Tür klingelte.
„Erwartest du Besuch?“, fragte Maron.
Chiaki schüttelte den Kopf. Er ging zur Tür und schaute durch den Spion.
„Es ist Miyako“, sagte er mit leichter Verwunderung.
Überrascht zog Maron eine Augenbraue hoch, als er ihrer Freundin die Tür öffnete.
„Maron! Gut, dass ich dich noch erwische. Wieso in Gottes Namen nimmst du dein Handy nicht ab?“, kam Miyako aufgeregt auf die Braunhaarige zu.
Maron betastete ihre Taschen und sah sich in Chiaki’s Wohnung um. „Muss wohl oben sein“, murmelte sie.
Miyako hielt sich leise stöhnend die Stirn. „Okay, auch egal. Du glaubst nicht, was ich von meinem Vater gehört habe!“
„Was ist passiert?“
„Dein Ex ist verschwunden.“
Maron brauchte einen Moment, um das Gesagte richtig zu registrieren.
„Was meinst du mit Hijiri ist verschwunden?!“, fragte sie entsetzt. Chiaki blickte ebenfalls alarmierend zwischen den beiden hin und her.
„So wie ich es sage. Bis gestern war er immer noch in Haft und heute Morgen war seine Zelle leer, hat mein Vater erzählt! Die Beamten, die in der Nacht zuständig waren, sind zwar unverletzt, aber können sich an nichts erinnern.”
Maron hielt sich fassungslos den Kopf.
Das ihr psychopathischer Ex-Freund frei durch die Gegend lief, hat ihr noch gefehlt. „Aber wie-“
Plötzlich klopfte es wie wild an der Tür und alle drehten sich erschrocken um.
„Wer noch??“, stöhnte Chiaki genervt und riss die Tür mit einem Schwung auf.
„Kann mir einer von euch mal erklären, wieso keiner von euch beiden eure Handys abnimmt?!“, beschwerte Touya sich.
„Maron ihres ist oben und meins ist -glaube ich- lautlos.“
„Die beiden sind unfähig ihre Handys zu benutzen!“, kommentierte Miyako im Hintergrund.
Chiaki ignorierte sie. „Weshalb bist du so aufgeregt?“
Touya ging rein, steuerte gezielt auf das Wohnzimmer zu und zeigte auf den Flachbildfernseher.
„Schaltet den Fernseher an.“
„Wieso?”, fragte Chiaki irritiert.
„Weil deine Schwester dort zu sehen ist.“
„Was?! Wieso?!
„D-Du kennst Minami?“, fragte Maron verwundert.
„Von der Schule. Nun schalt das verdammte Ding an und seht selbst!“, forderte Touya ungeduldig auf.
Gesagt, getan.
Und in der Tat, Minami war im Fernsehen.
Um genau zu sein, schien sie ein Video live von ihrem Handy zu übertragen. Bis auf ihr hübsches Gesicht konnte man nichts um sie herum erkennen. Alles war in Dunkelheit gehüllt.
Chiaki und Maron blickten schockiert zum Bildschirm.
„Mina…“, wisperte der Blauhaarige kaum hörbar.
„Was zum Teufel macht sie da?“, fragte Miyako irritiert, doch keiner von beiden antwortete.
„Jeder Sender ist von ihr eingenommen und im Netz ist sie auch überall zu sehen“, erklärte Touya, „Die letzten zwanzig Minuten hat sie auch noch nichts gesagt... Und keiner weiß, wo sie ist. Ich bin von zu Hause sofort hierher gerast, nachdem keiner von euch mobil zu erreichen war.“
„Sie ist besessen.“, kam es von Maron tonlos, wodurch Miyako und Touya erschrocken große Augen machten. Was die beiden und andere normale Menschen nicht sahen, waren die rot leuchtenden Augen.
Bei Chiaki saß der Schock besonders tief.
Ein boshaftes Grinsen haftete auf ihren Lippen und dann fing sie an zu sprechen:
„Wie ich merke, siehst du mich jetzt.“ Ihre Stimme hatte einen eiskalten Ton, den er nicht an ihr kannte. „Weißt du…Ich bin kein Fan von Verrat. Und wenn ich mich richtig erinnere, habe ich dir letztens gesagt, die die dir nahe sind verschont werden, solange du deinen Job machst…“, hörte man Minami weitersprechen, „Tja! Das schließt offensichtlich auch deine Familie ein. Nun… Wenn du deinen Teil unseres Deals nicht einhältst, dann werde ich auch meinen Teil nicht einhalten.“
Chiaki realisierte sofort, dass kein gewöhnlicher Dämon seine Schwester besessen hatte. Und dass sie nicht zu irgendjemand Willkürlichen sprach.
„Satan…!“, presste er wütend hervor, die Hände ballten sich so fest zu Fäusten, dass seine Nägel sich in die Haut bohrten. Alle warfen ihm einen schockierten Blick zu.
„Für deinen Verrat solltest du bestraft werden. Und am besten sollte die ganze Welt daran teilhaben, findest du nicht?“, lächelte die Besessene die Kamera strahlend an.
Fassungslos sah Maron zwischen Chiaki und dem Bildschirm hin und her.
Es schockierte sie nicht nur, dass der Teufel persönlich zum Vorschein kam, sondern dass er damit drohte, vor den Augen der Welt Minami zu töten.
„Oh - Und zufällig habe ich das neben mir.“
Das Mädchen hielt eine Pistole vor die Linse.
„Oh mein Gott“, hauchte Maron erschrocken.
Die Waffe nahm für einige Sekunden das Bild ein. Chiaki versuchte Hinweise zu finden, wo sie sich aufhalten könnte, doch es nichts war zu erkennen.
Ihr Gesicht erschien wieder und sie lächelte wieder dieses kalte, unnatürliche Lächeln.
„Dir sollte bewusst sein, dass das alles alleine deine schuld sein wird, oder?“ Sie brach in ein sadistisches Lachen aus. „Ach, ich kann jetzt schon die fassungslosen Stimmen hören, die sagen werden: Was ging in dem geistig kranken Mädchen nur vor, dass sie sich live im Internet und im Fernsehen umbringen will? Wer hatte Schuld daran? War hatte sie so in den Suizid getrieben? Hat sich ihre Familie nicht genug um sie gekümmert?“ Bei der Frage stoppte sie sich kurz und ihr Lächeln wurde teuflisch böse.
„Du wirst auf wenig mit dieser Schuld leben und nichts kann dich von diesem Leid erlösen.“ Dann sah sie wieder auf etwas herunter. „Übrigens, neben der Pistole habe ich noch einige Alternativen.“
Das Bild bewegte sich und ein Messer, eine Flasche mit einer unbekannten Substanz und eine Box voller Munitionen war zu sehen.
„Wie soll ich es angehen? So viele Möglichkeiten und immer das gleiche Endergebnis.“ Minami’s Gesicht war wieder zu sehen. „Mit einer Kugel durch den Kopf?“, fragte sie, „Obwohl ich nicht so der Typ für Schusswaffen bin… Gift ist auch nicht gerade stilvoll.“ Kurz sah sie auf etwas herab und hielt plötzlich das Messer hoch, „Ich bevorzuge scharfe Klingen. Die sind mehr mein Stil. Geben mir mehr Kontrolle.“
Für einige Sekunden sah sie eindringlich in die Kamera, lächelte geheimnisvoll. Die roten Augen leuchteten noch intensiver auf, was nur die beiden Kaitos sahen. „Ich will, dass du siehst, wie ich es tue… Du wirst in diese Augen blicken und sehen wie das Licht darin erlischt. Dafür sorge ich.“
Dann schmunzelte sie. „Aber ich will nicht sooo gemein sein. Ich gebe dir genau eine Stunde Zeit, um mich zu finden. Und vielleiiiicht schaffst du es mich aufzuhalten. Ansonsten… kann es sehr unschön enden. Also dann, wir sehen uns!“
Mit den Worten wurde das Bild schwarz.

„Verdammter Bastard!“, fluchte Chiaki wutentbrannt.
Maron ging auf ihn zu, legte ihm beruhigend und fürsorglich zugleich eine Hnd auf die Wange, brachte ihn dazu sie anzusehen.
„Wir werden sie finden und retten“, versicherte sie ihm.
Chiaki atmete tief durch, nickte und holte wortlos sein Handy aus der Hosentasche raus. Bestimmt hatten seine Eltern die Übertragung gesehen und versucht ihn zu erreichen.
Und wie erwartet hatten sich einige verpasste Anrufe von ihnen angesammelt. Fünf von seinem Vater und zehn von seiner Stiefmutter Nanako. Es würde ihn nicht wundern, wenn sie sich gerade den erstbesten Flieger nach Momokuri schnappten und hierher eilten.
Minami hatte sich seit ihrem gemeinsamen Telefonat von vor zwei Tagen nicht mehr bei Chiaki gemeldet.
Seine Wut vermischte sich mit Reue, Hass und Schuldgefühlen.
Er dachte daran zurück, wie verärgert sie auf ihn war und wie er nichts mehr dagegen unternahm, sich mit ihr zu versöhnen. Jetzt befand sich seine kleine Schwester seinetwegen in Lebensgefahr und er hasste sich dafür.
Wie konnte er auch nur so dumm sein und nicht daran denken, dass Satan seiner Familie verletzen oder sogar umbringen könnte?
Wie konnte er nur so blind sein?
Zu sehr hatte er sich auf Maron und seine eigenen Probleme konzentriert. Nun bekam er die Rechnung dafür.
„Los gehen wir!“, sagte Chiaki ohne Regung in der Stimme und steuerte auf den Balkon zu.
„Warte! Weißt du überhaupt, wo wir sie finden können?“, warf Maron ein. Resigniert blieb er stehen, den Rücken noch zu ihr gewandt, den Kopf gesenkt.
„Die Polizei wird wahrscheinlich schon nach ihr suchen. Sie haben bestimmt auch schon versucht ihr Handy ausfindig zu machen“, merkte Miyako an und sah zu Chiaki rüber, „Genug Leute werden wahrscheinlich auch wissen, dass sie zu deiner Familie gehört… Es könnte also nicht lange dauern, dass Beamte hier auftauchen und dich und deine Eltern befragen.“
Chiaki wandte sich den anderen zu, sein Gesicht war eine ausdruckslose Miene.
„Ihr Handy wird niemanden was nützen“, erwiderte er bitter.
Fragend blickten die anderen ihn an.
„Wir reden hier vom Teufel. Er ist manipulativ und alles ist für ihn ein Spiel. Er würde uns sowie jeden anderen in die Irre führen wollen“, erklärte er, „Daher würde er das Handy dort liegen lassen, wo die Aufnahme eben stattfand und woanders hinziehen.“
„Ihr könnt schlecht in weniger als sechzig Minuten, die gesamte Stadt nach Minami absuchen...“, kam es von Touya kritisch, „Abgesehen davon - denkt ihr nicht, dass ihr in eine Falle läuft, wenn ihr sie findet?“
„Ob Falle oder nicht, das Leben von Chiaki’s Schwester steht auf dem Spiel“, erwiderte Maron ernst.
Beklemmende Stille herrschte für einige Sekunden im Raum.
Miyako wandte sich wieder an Chiaki. „Wenn du der Teufel wärst, was wäre dein nächster Schachzug in diesem Spiel? Wenn du in seinem Kopf wärst, wo würde er auf dich warten wollen?“
Stöhnend fuhr sich dieser über das Gesicht und dachte scharf nach.
„Die Video-Aktion war ziemlich provokativ und öffentlich. Ich kann mir vorstellen, dass er nicht in einem Keller oder verlassenen Gebäude warten wird, sondern irgendwo unter Menschen. Dies würde er ausnutzen, um uns -um Jeanne und Sindbad- durch irgendwelche Tricks bloß zu stellen. Er würde wollen, dass wir gesehen werden.“
„Ehm, Leute“, sagte Touya mit dem Blick aus dem Balkon, „Ich glaube, ich sehe schon den ersten Helikopter rumfliegen...“
Die anderen drei sahen ebenfalls nach draußen. Direkt vor ihnen flog in der Tat ein Polizeihubschrauber über die Stadt. Und ein zweiter war auch in Blickweite.
„Wow… Dass die wieder zu Einsatz kommen…“, entgegnete Miyako trocken.
Chiaki ließ seinen Blick frustriert schweifen. Neben Gebäuden und Hochhäusern, war auch die große, hell leuchtende Hängebrücke über den Fluss zu sehen. Für einen Moment bleiben seine Augen darauf haften. Unzählige Autos fuhren vorbei und Menschen spazierten über der Fußgängerzone darauf.
Unwillkürlich musste er an eine Zeit denken, als die Brücke teilweise gesperrt wurde, weil jemand sich umbringen wollte. Er erinnerte sich, wie er die Polizeiwagen, die Menschen sowie die eine hoffnungslose Person hinter dem Geländer perfekt im Blick hatte und alles von hier oben beobachten konnte.
Ich will, dass du siehst, wie ich es tue…Du wirst in diese Augen blicken und sehen wie das Licht darin erlischt. Dafür sorge ich, echote Minami's Stimme -Satan’s Worte- in seinem Kopf.
Dann kam ihm der Geistesblitz.
Er schluckte und für eine Sekunde wurde ihm sogar schwarz vor Augen.
Es war von Anfang an Plan gewesen, dass nicht irgendwer Zuschauer von dieser kranken Aktion war, sondern Chiaki.
Dass er sehen sollte, wie seine Schwester umkommt.
Selbst von seinem eigenen zu Hause aus.
„Die Brücke“, brachte er hervor, ohne sich zu den anderen umzudrehen.
Maron blinzelte ihn überrascht an und folgte seinem Blick.
„Verstehe“, nickte sie entschlossen und wandte sich ihren Freunden noch zu, „Ihr beide haltet hier die Stellung. Wir melden uns, okay?“
Damit sprangen Maron und Chiaki schließlich über die Balkonbrüstung, verwandelten sich im Fall in Jeanne und Sindbad und verschwanden in der Dunkelheit.

Dicke Wolken zogen unterdessen über den Nachthimmel.
***

Schweigend sprangen und rannten die beiden Kaitos über die Dächer. Dabei vermieden sie es geschickt sich von den Helikoptern sehen zu lassen, wenn einer vorbei flog.
Kurz vor der Brücke blieben sie gezwungenermaßen abrupt stehen, als sich ihnen eine Gestalt entgegenstellte.
„So leicht mache ich es euch nicht!“, sagte er mit Arroganz in der Stimme.
„Wer bist du?“, fragte Jeanne misstrauisch.
Sindbad verengte seine Augen zu Schlitzen. „Noyn!“
Dieser verschwand für eine Millisekunde und erschien vor Jeanne wieder, die automatisch zurückwich. Er grinste kalt und verbeugte sich vor ihr.
„Dämonenritter Noyn Claude. Es ist mir eine Ehre der berühmten Kamikaze-Diebin gegenüberzustehen.“
Noyn streckte eine Hand nach ihr aus, doch Sindbad schlug sie weg, stellte sich schützend vor Jeanne und hielt ihm die Spitze seines Dolches entgegen.
„Finger weg!“
Amüsiert lachte der Schwarzhaarige auf. „Glaubst du wirklich, du kannst mir mit diesem Spielzeug drohen?“, entgegnete er in einem sarkastischen Unterton.
„Du stehst uns im Weg“, antwortete Sindbad nur.
„Nicht nur ich.“
Mit einer Handbewegung ließ Noyn Duzende von Dämonen erscheinen, die sie umzingelten.
Sofort stellten Jeanne und Sindbad sich Rücken an Rücken in Kampfposition auf. „Du kümmerst dich um die Dämonen und ich versuche durch Noyn hindurch zu kommen“, wisperte er ihr zu, worauf sie entschlossen nickte und beide damit zum Angriff ansetzten.
Mühselig setzte Jeanne die einzelnen Dämonen Schachmatt. Denn mit jedem gebannten Dämon kamen Zig weitere dazu, wodurch der Prozess kein Ende nahm.
Währenddessen kämpfte Sindbad verbissen gegen Noyn, um sich einen Weg zur Brücke zu verschaffen.
„Verschwende nicht meine verdammte Zeit!“, rief Sindbad, ließ ein Schwert in seine Hand erscheinen und griff wiedermals an, was der Dämonenritter allerdings gekonnt auswich.
„Wie du willst. Davon hast du sowieso nicht mehr viel“, grinste Noyn hämisch und warf seinen Gegner mit einer Energiekugel nach hinten. Sindbad landete mit seinem Rücken auf dem Boden, stieß dabei einen ächzend Laut aus.
„Vorher werde ich mich aber noch um die Kamikaze-Diebin kümmern.“
Mit den Worten zog Noyn einen Dolch hervor und grinste blutdurstig zu Jeanne rüber.
Sofort schnellte Sindbad seinen Kopf hoch und funkelte den Schwarzhaarigen zornig an.
Jeanne war so auf die Dämonen fixiert, dass sie nicht bemerkte, wie Noyn von hinten auf sie zukam.
In der Sekunde als er den Dolch in ihren Rücken rammen wollte, kam Sindbad noch blitzschnell dazwischen.
Schmerzend verzog Sindbad das Gesicht, als er den Einstich in seinem linken Bauchbereich spürte. Hinter ihm schnappte Jeanne hörbar nach Luft, fiel auf die Knie und hielt sich eine Hand über dieselbe Stelle. Erschrocken drehte sie sich mit große Augen um.
„Sindbad…!“
Noyn’s sadistisches Lächeln wurde breiter.
„Ich wusste, dass du nicht widerstehen konntest deine Geliebte zu beschützen, Sindbad. Leider ging deine Heldentat kläglich nach hinten los“, sagte er, beugte sich etwas näher zu Sindbad nach vorne und flüsterte ihm ins Ohr, „Weißt du… Lange ist es her, dass ich mit diesem Dolch jemand niedergestochen habe. Das letzte Mal, war das glaube ich vor über fünfzehn Jahren… als man mir beauftragte deine Mutter zu töten.“
Sindbad’s Augen wurden nach größer und sein Gesicht noch weißer.
Hatte er eben richtig gehört?
„Was…?“
Plötzlich flackerten Erinnerungen vor seinem inneren Auge auf. Alte, vergessene Erinnerungen.
Er und seine Mutter inmitten von Menschen.
Ein Mann in Schwarz passierte sie und etwas scharfes, metallisches Blitze in seiner Hand auf. Für eine Sekunde trafen seine dunklen Augen auf Chiaki’s.
Dieselben Augen, in der er jetzt auch gerade blickte.
Der Schock schlug in hasserfüllten Zorn um.
„Ich bring dich um“, zischte Sindbad, die blauen Augen glühten vor Hass.
Noyn kicherte amüsiert.
„Die Zeit läuft, Sindbad. Tick Tack!“, grinste er, zog den Dolch heraus, der vor Blut triefte und löste sich schallend lachend wieder in Luft auf. Mit ihm verschwanden die Dämonen.
Schwer atmend starrte Sindbad auf die Stelle, in der Noyn soeben noch stand.
„Chiaki…! Hey, Chiaki!“ Jeanne’s Stimme riss ihn wieder in die Gegenwart zurück.
„Maron!“ Er drehte sich zu ihr um, ging auf die Knie, nahm sie in seine Arme, „Verdammt, ich wollte nicht-“
„Keine Sorge, die Wunde verheilt schon“, fiel Jeanne ihm ins Wort und rappelte sich auf die Beine.
Sindbad stand ebenfalls auf und betrachtete den dunkelroten Fleck unter ihrem weißen Gewand kritisch. Die weißen Handschuhe hatten sich auch schon rot verfärbt.
Er spürte zwar, wie seine eigene Wunde verheilte, dennoch kam er nicht drum rum, sich um sie Sorgen zu machen.
Letztlich war es wieder mal seine eigene Schuld, dass sie verletzt war.
Und er hasste sich dafür.
„Uns läuft die Zeit davon. Wir haben nur noch wenige Minuten“, sprach Jeanne auf ihn ein. Gerade als sie sich umdrehen und gehen wollte, zuckte sie zusammen und hielt sich schmerzlich die mit Blut bedeckte Stelle. „Argh…“
„Maron.“ Sindbad ging auf sie zu. „Bist du wirklich okay?“
Jeanne nickte einige Male und richtete sich gerade.
„Ja, mir geht es gut“, sagte sie bestimmt und sah ihm mit einem starken, klaren Blick in die Augen. „Komm, beeilen wir uns.“
„Okay…“, nickte er kaum merklich und gemeinsam liefen sie schließlich zur Hängebrücke.

Je mehr sie sich der Brücke näherten, desto mehr fiel ihnen auf, dass etwas nicht stimmte. Es war ungewöhnlich still.
Weder Autos, noch Menschen oder sonstige Geräusche waren zu hören.
Auf der Brücke angekommen sahen die beiden Diebe schließlich wieso.
Alles um sie herum -seien es Menschen oder Autos-, standen wie eingefroren an Ort und Stelle. Nichts bewegte sich.
Ebenso waren jegliche Lichter aus, wodurch alles in Dunkelheit getaucht war.
Einige Meter entfernt, sahen sie wie Minami wartend hinter dem Geländer stand.
Polizeiwagen und eine Handvoll Polizisten standen wie Statuen in ihrer unmittelbaren Nähe.
„Gratulation. Hätte nicht gedacht, dass ihr mich finden würdet. Und das im Zeitlimit“, rief sie den Dieben zu, „Was haltet ihr eigentlich von meinem kleinen Trick?“, fragte sie und schaute sich schmunzelnd um, „Ich dachte, dass wir erstmal für einen Moment ungestört unterhalten, bevor ich Polizei auf euch los hetze.“
Sindbad’s Augen verengten sich.
„Ich bin jetzt hier“, sagte er so gefasst, wie er konnte, „Nun hör auf, meine Schwester für dein sadistisches Spiel zu benutzen.“
„Das Spiel ist noch lange nicht vorbei. Und die Regeln bestimme immer noch ich“, entgegnete sie kalt und rollte gelangweilt mit den Augen, bevor schwarzer Nebel sie umhüllte und im nächsten Augenblick ihr Körper bewusstlos zusammensackte.
Fast wäre Minami in die Tiefe gefallen, würde Satan -der wenige Schritte vor Jeanne und Sindbad stand- sie nicht mit einer unsichtbaren Macht davon abhalten.
„Was planst du jetzt zu tun, Sindbad?“, fragte er in einem spöttischen Ton, „Ich kann sie in jedem Moment fallen lassen. Und ich darf euch gern daran erinnern, dass es vierzig Meter runter geht.“
Schweigend ballte Sindbad die Hände zu Fäusten zusammen, zwang sich möglichst zur Beherrschung. Jeanne konnte ihm jedoch sehen, wie die Wut in ihm wie ein tobendes Feuer loderte.
„Tu mit mir, was auch immer du willst. Aber lass meine Schwester da raus. Sie hat nichts mit allem zu tun“, sagte er.
„Zum Betteln ist es zu spät.“
„Ich werde auch weiter Schachfiguren für dich sammeln, wenn du das von mir verlangst.“
„Weißt du, ich bin deinem Vorschlag letztens gefolgt und habe mir neue Handlanger für diesen Job geholt. Du bist also zu nichts zu gebrauchen.“
Sindbad funkelte Satan wütend an.
Jeanne überlegte unterdessen fieberhaft, was sie tun konnten. Wie sie Minami unverletzt aus seinen Fängen befreien konnten. Doch egal wie sie es drehte und wendete, sie fand keine Lösung aus dieser verzwickten Lage.
Kalter Schweiß rannte ihr über die Stirn. Ihre Sicht verschwamm für einen Moment und ihr wurde schwindlig.
Verdammt!, ging es ihr immer wieder durch den Kopf. Kipp jetzt nicht um!, mahnte sie sich.
„Beantworte mir eine Frage“, hörte sie Sindbad auf einmal sagen, was ihre Konzentration wieder hochfahren ließ.
Interessiert zog Satan eine Braue hoch. „Und die wäre?“
Sindbad nahm tief Luft, wagte es einen Schritt nach vorne zu machen.
„Warum?“, fragte er, ohne Emotionen in der Stimme, „Warum hast Noyn damals beauftragt hast meine Mutter zu töten?“
Schockiert sah Jeanne zu ihm rüber. Das hatte Noyn ihm vorhin zugeflüstert?
„Oh, er hat also geplaudert.“ Leichtes Erstaunen war in Satan’s Gesicht zu erkennen. Ein kaltes Grinsen bildete sich auf seinen Lippen. „Fein. Um es kurz zu fassen: Ich wusste, dass in dir besondere Kräfte steckten und daher wollte ich dich von Anfang als mein Diener. Und dafür musstest du deinen Glauben an Gott und das Gute komplett ablegen.“
Jeanne spürte, wie ihr bei dem Geständnis übel wurde. Sie spürte, wie Sindbad genauso empfand.
„Nur deswegen musste sie sterben?”, fragte er fassungslos.
Satan zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Es gibt für alles einen Preis. Und manchmal besteht der Preis darin Opfer zu bringen und Blut zu vergießen.“
Dies brachte Sindbad schließlich endgültig zum ausrasten.
Bevor Jeanne ihn aufhalten konnte, schnellte er auf Satan zu und griff an.
Dieser wehrte den Angriff mit Leichtigkeit ab und schleuderte mit einer Druckwelle beide Kaitos zurück.
Hart schlugen sie gegen das eiserne Geländer auf der gegenüberliegenden Seite auf. Jeanne unterdrückte dabei einen Schmerzensschrei.
„Du triffst immer die richtige Entscheidungen, Chiaki Nagoya“, sagte Satan mit rot leuchtenden Augen und verschwand im Nichts.
In der Sekunde fiel Minami in die Tiefe.
„Mina!“ Sofort rannte Sindbad los und sprang ihr hinterher.
„Chiaki!!“ Jeanne lief ihm nach, blieb jedoch vor dem Geländer stehen und schrie nach seinem Namen.
Doch ihre Stimme wurden von den plötzlich wiederkehrenden Geräuschen verschluckt. Für einen Moment war sie kaum fähig ihre eigenen Gedanken zu hören, so sehr erschlugen sie die lauten Stimmen und Geräusche.
Die Autos und Menschen setzten sich wieder in Bewegung.
Satan’s Illusion hatte sich aufgehoben.
Jeanne drehte sich um und jegliche Aufmerksamkeit war auf sie gerichtet.
„Jeanne!! Die Kamikaze-Diebin ist hier!“
„Wieso ist sie hier? Und wieso ist sie voller Blut?“
„Wo ist das Mädchen? Ist sie schon gesprungen?“
„Bestimmt hat Jeanne was mit ihr zu tun!“
„So und so ist sie eine Verbrecherin! Schnappt sie euch!!“
Polizisten kamen von allen Seiten auf sie zu.
Widerwillig ergriff Jeanne die Flucht.
Zuvor war sie noch einen letzten, traurigen Blick nach unten. Bis auf das reflektierende Licht der Brücke konnte sie nichts im Fluss erkennen.
Innerlich betete sie dafür, dass nicht nur eine, sondern zwei lebende Seelen aus dem Wasser kamen.

Als Sindbad an die Wasseroberfläche kam, hielt er auch Minami in seinen Arm.Sofort brachte er sie ans Ufer und legte sie auf dem feuchten Boden ab.
Sie war eiskalt und wirkte völlig leblos. Die blanke Angst durchfuhr ihn, zeichnete sich in seinem Gesicht ab.
Ein Teil von ihm wusste, dass ein normaler Mensch so einen hohen Sturz nicht überleben konnte. Ein anderer Teil von ihm, wollte diese Tatsache allerdings nicht wahr haben.
Er beugte sich über sie und strich ihr mit brüderliche Fürsorge die nassen Haare vom Gesicht.
Sindbad betastete vorsichtig ihren Hals nach ihrem Puls ab.
„Minami…Mina-... Es tut mir so Leid… Bitte…Bitte sei am Leben-“, wisperte er mit erstickter Stimme. „Verdammt… Bitte…Bleib bei mir.“
Zum ersten Mal in seinem Leben betete er zu Gott. Flehte ihn an, nicht noch eine wichtige Person aus seiner Familie, aus seinem Leben zu nehmen.
„Bitte tu mir das nicht an…“
Gerade als er die Hoffnung aufgeben wollte, hielt er inne.
Sein Herz setzte für einen Moment aus und er hielt den Atem an.
Alles in ihm konzentrierte sich auf das, was er unter seinen Fingern spürte.
Ein Puls.
Er konnte ihren schwachen Puls spüren.
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